Tag 932 – Schnipsel.

Habe Michel bei der Schule angemeldet, auf die er vermutlich nie gehen wird. Was für ein Scheißgefühl. Mit Fünftklässlerchor und allem. Wie stolz Michel war. Ich wollte mich am liebsten unsichtbar machen.

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Dadurch heute nicht so viel gearbeitet, wie ich wollte. Vortrag ist jetzt so halbfertig. Geht schon, aber da ich meiner Kollegin versprochen habe, am Montag fertig zu sein, muss ich eventuell am Wochenende ran.

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Die Bluse wird so schön. Ich bin begeistert. Kirschen. So seriös *hust*. Und wenn man einmal kapiert hat, wie das alles geht mit den Belägen und Manschetten und so ist es auch nicht übermäßig schwierig.

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Michels unangenehmen Kumpel nach dem Kindergarten mit nach Hause genommen, nachdem mich die Jungs breitgequatscht hatten. Hmmnaja. Ich hab dann ein Loblied auf den Hygienespüler gesungen, nachdem Michels Handschuh vor der Tür im gelben Schnee landete und es erst der Kumpel, dann Michel und dann keiner von beiden gewesen sein wollte. Und so ging es im Grunde dann auch weiter. Anstrengendes Kind.

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Selbes Kind hat aber auch für den Lacher des Tages gesorgt, als es erzählt hat (während die Mama daneben stand): „Weißt du was? Meine Mama wäre fast ins Gefängnis gekommen! Weil sie einen Strafzettel bekommen hat! Die fährt nämlich wie eine Sau!“ (Ja, 75 in ner 50er Zone ist „wie eine Sau“ und ja, sie wäre tatsächlich fast ins Gefängnis gekommen, weil sie nämlich den Strafzettel nicht bezahlen konnte. Ihr Vater hat ihr dann aber das Geld geliehen. Das klärte sich also alles auf, herzlich gelacht habe ich aber trotzdem – über das peinlich berührte Gesicht der Mutter.)

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Die Haut an meinen Händen findet das Wetter grad ultimativ kacke. Obwohl ich schon dauernd Handcreme draufmache, ist die ganz arg rissig und trocken und rau und rot und tut auch weh. Aber ich sitze halt auch den ganzen Tag im Klimaanlagenbüro, unterbrochen durch Ausflüge in -15 Grad. Es ist so kalt, dass ich sogar das Fenster zulasse, weil ich sonst unter meiner Winterbettdecke friere. Von morgens aus dem Bett kommen und direkt tiefgefrieren mal ganz zu schweigen.

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Pippi ist momentan ziemlich anstrengend. Zuckersüß, aber auch unfassbar bockig, aus Prinzip, wie es scheint. Ich sage x, sie sagt Nein. Und das meint sie dann auch. Ich sage viel x. Anstrengend. Dazu kommt, dass sie scheinbar Albträume hat, jedenfalls schläft sie die ersten 2-3 Stunden sehr schlecht, schreckt oft hoch, weint im Schlaf und so weiter. Anstrengend. Alles Anstrengend.

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Zum Umfallen müde gerade.

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Auto-Lobhudelei: Bluse und Vortrag werden glaube ich richtig gut.

Tag 931 – „Organisation ist alles.“

Schrieb ich gestern. Und wie toll ich vorbereitet sei. Yeah.

Von da zu „Ach du Scheiße, ahhhh, alle rein in die Klamotten, hier, nimm nen Smoothie mit als Frühstück!“ waren es nur 10 Stunden.

Und das kam so: um 04:50 kam Pippi angetappst um Banane zu essen. Davor war ich schon geraume Zeit von Michel zwangs- und kampfbekuschelt worden. Nachdem Pippi mit Banane und Wasser und „mir ist kalt“ und Gewühl fertig war, schlief sie wieder ein. Ich überlegte, ob ich aufstehen soll, tat es aber dann doch nicht und schlief kurz vor dem Weckerklingeln auch wieder ein. Es folgte ungut langes Snoozegedrücke. Aber ich war ja vorbereitet, kein Problem!

Ich stand irgendwann dann doch auf, wusch mir die Haare und das Gesicht, zog mich an und machte einen Kaffee. Pippi wurde von Michels Gewühl wach. Sie war aber zufrieden damit, den Rest Nudeln von gestern zu frühstücken, ich nahm also meinen Kaffee mit ins Bad und wollte grad anfangen, mich zu schminken, als Michel kam und direkt fünfunddreißig Dinge von mir wollte, dann war auch Pippi wieder da und sagte, ihr sei kalt, also zog ich erstmal Pippi um und versuchte, Michel dazu zu überreden, Wollsachen anzuziehen. Es sind -15 Grad und Mittwochs ist Ausflugtag, da ist das eigentlich keine Diskussion, es wird lange Wollunterwäsche angezogen und auch Wollsocken. Michel sieht das mit dem „keine Diskussion“ aber ganz und gar nicht so und diskutiert das tagtäglich mit mir aus. „Ich mag die Socken nicht.“ „Ja, ich weiß, aber frieren magst du noch weniger.“ „Aber vielleicht gehen wir heute gar nicht raus.“ „Ihr geht jeden Tag raus und heute ist Tourtag, da ganz sicher.“ „Ist heute Skitag?“ „Hä? Nein, es ist ganz normaler Tourtag.“ „Bist du sicher? Kannst du eine SMS schicken?“ „Ich kann das in meinen mails nachgucken. Aber egal wie, du musst die Wollsachen anziehen!“ „Kannst du das jetzt nachgucken?“ „Ja, ich mache ja schon.“

Ja, raten Sie mal.

„Skitag für Jahrgänge 2012 und 2013, Schlittentag für 2014 und 2015. Treffen spätestens 08:30 Uhr.

Es ist 08:10 Uhr.

Ich bin dann mal wach.

„Aber wir haben eh keine Ski für dich, die hab ich L. zurückgegeben! Du kannst deinen Schlitten mitnehmen. Aber wir müssen in 10 Minuten los, zieh dich jetzt sofort an.“

Bei Michel kam nur „keine Ski“ an. Und er weint jetzt. Und weil ich mit Stress ja total gut umgehen kann, schnauze ich ihn an, dass ich das jetzt halt auch nicht ändern kann aber wenn er heult, kommen wir zu spät und dann sind die schon weg und er muss mit den Babys im Kindergarten bleiben. Das hilft insofern, dass Michel sich jetzt endlich anzieht. Mir fällt ein, dass die Skischuhe noch auf dem Dachboden sind, die waren der Tochter von L. nämlich zu klein. „Dann kannst du dir vielleicht von jemand anderem Ski ausleihen.“ Ich renne auf den Dachboden und hole die Schuhe. Mache Michel Cornflakes und öffne Pippi einen Smoothie – die hatte ja vor 3 Stunden ne komplette Banane. Michel sagt „Aber die Ski sind doch im Keller…?“, ich erinnere mich vage an sowas wie „Wir brauchen nur die Stöcker zurück, H. hat jetzt längere Ski.“ und renne in den Keller. Da sind tatsächlich die Ski. Und die Stöcker auch. Hupsi. Haben wir wohl vergessen, zurückzugeben. Ganz offensichtlich. „Organisation ist alles.“ Egal, ich raffe alles zusammen und renne wieder in die Wohnung hoch. Die Kinder sind so mittelfertig mit ihrem Frühstück, es ist 08:20 Uhr, ich scheuche beide ins Bad zum Zähneputzen und Kämmen. Michel ist jetzt auch sehr sehr aufgeregt. Den zähnegeputzten Kindern sage ich, sie sollen ihre Skianzüge anziehen, während ich die Brotdosen und Wasserflaschen und den angefangenen Smoothie auf die Rucksäcke verteile. Geht natürlich nicht, weil Pippi auf Michels Ski eifersüchtig ist und Michel sich darauflegt, damit Pippi nicht drankommt. Ich schnauze nochmal beide an. Es ist 08:27 Uhr. Ich schreibe dem Kindergarten die leicht euphemistische SMS „Sind auf dem Weg.“, stopfe Pippi etwas unsanft in ihren Anzug, helfe Michel bei seinen Reißverschlüssen, überrede Pippi zum Tragen von Schuhen, Michel klemmt Ski und Stöcker unter den Arm, ich die Rucksäcke und Skischuhe, grabsche auf dem Weg aus der Tür noch schnell meine Handschuhe und unten Pippis Schlitten und dirigiere irgendwie die Kinder über die Straße. Keins wird überfahren. Um 08:33 Uhr ist alles Gedön im Kofferraum und wir alle angeschnallt. Pippi hat Rotzwürmer und ich kein Taschentuch. Es ist wirklich saukalt, so ohne Mütze merke ich das doch sehr. Um 08:36 Uhr sind wir an der KiTa. Michel nimmt wieder seine Ski und ich den Rest. Der KiTa-Bus steht da noch – weil er nicht startet. Die großen Kinder sind auf dem Weg raus, die Kleinen sind aber drin. Michel braucht Hilfe mit den Skischuhen. Die sind echt sehr sehr eng. Pippi und ihre Rotzwürmer stehen verloren mitten im Große-Kinder-Gewusel, Michel zappelt und erzählt mindestens drei Leuten gleichzeitig, dass ich vergessen habe, dass Skitag ist, und dass ich vergessen habe, meiner Kollegin die Ski zurückzugeben. Nach gefühlt ewigen fünf Minuten habe ich Michel in die Skischuhe bekommen, da fehlt sein Handschuh. In der KiTa-Garderobe sind gefühlte 30 Grad. Pippi will hoch, alle anderen Kinder reden, rufen, brüllen und meine Synapsen laufen langsam vor Transmittern über. Ich sage unwirsch zu Michel, dass sein Handschuh nicht weg sein kann, der war ja vor drei Minuten noch da und bringe Pippi nach oben. Die ist erst happy, ihre Freunde zu sehen, stößt sich dann aber den Kopf und weint und will, weil ich noch da bin, natürlich nicht von der Betreuerin getröstet werden, sondern von mir. Aber immerhin darf die Betreuerin ihr endlich die Nase putzen. Als ich unten aus der KiTa komme, ist es 08:51 Uhr. Aber ich kann noch nicht nach Hause fahren, denn ich werde von Michel überfallen, der seinen einen Ski nicht anbekommt. Mit langsam absterbenden Ohren und Fingern helfe ich ihm bei seinem Ski, was sich schwierig gestaltet, weil er die ganze Zeit nervös herumhampelt und als dann der Bus endlich startet, ist alles vorbei. Glücklicherweise kriege ich in der selben Sekunde den Ski fest.

Um 09:02 Uhr bin ich wieder zu Hause, völlig im Eimer.

Organisation ist halt alles, ne?

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Auto-Lobhudelei: Herrje. Überlebt. Kinder haben warme Dinge an, Essen dabei und waren nahezu pünktlich da. Und inzwischen bin ich auch bei der Arbeit.

Tag 922 – Kann doch nicht wahr sein…

Ja, genau. Michel hat irgendeinen Infekt oder so, ihn plagen weiterhin Kopfschmerzen, trockener Husten und manchmal leichtes Fieber. Es ist zum Mäusemelken. Und ja, ich nörgle über die Untätigkeit, und dann nörgle ich auch, wenn ich was zu tun hab – nämlich kranke Kinder betreuen. Aber, herrje, die sind ja im Moment auch echt dauernd krank. Und ich verstehe rational, dass ich wirklich nun mal diejenige bin, die keinen Job hat. Aber halt nur rational. Emotional bleibt damit IMMER ALLES an mir hängen. (Ich benutze jetzt grad mal absichtlich die Paarberatungs-Triggerphrasen zur Verdeutlichung.) Ich waschetrocknefalteverräume nebenher Wäsche, räume nebenher die Spülmaschine ein und aus, räume auf, rödle herum. Ich besorge Dinge. Ich gehe zur Post. Ich, ich, ich.

Ha! Schön wär’s! Ich mache das ja noch nicht mal alles! Ich gebe mir jede Mühe, eben nicht den kompletten Haushalt zu schmeißen. Aber das kostet richtig bewusstes Nicht-tun von mir, immer wieder muss ich mir sagen, nein, du bist jetzt nicht automatisch Hausfrau, dein Job ist jetzt die Jobsuche und die Vorbereitung auf die Defense. Herr Rabe arbeitet grad die Stunden wieder rein, die ihm im Dezember verloren gegangen sind, das hält ihn aber nicht davon ab, abends eine Maschine Wäsche aufzuhängen. Oder einen Liter Milch mitzubringen. Und diese Schieflage – ich, die ich mich bewusst bremsen muss, Dinge zu tun, die ich total blöd finde, die ich aber gut machen könnte und zu denen ich mich auf eine fiese, diffus protestantische und hundertprozentig von meiner Mutter übernommene Art auch stark verpflichtet fühle – auf der anderen Seite Herr Rabe, der (wegen mir) Arbeit liegen lassen musste, die jetzt wartet und der sich vermutlich auch dazu verpflichtet fühlt, gerade jetzt bei seiner Arbeit vollen Einsatz zu zeigen, hängt doch unser Familieneinkommen maßgeblich davon ab – diese Schieflage jedenfalls, die ist richtig unangenehm. (War das der längste Satz bisher in diesem Blog? Ich vermute es stark. Nun Ellipsen. Obwohl. Nee.)

Und dann fühlt man frühmorgens ungewöhnlich warme Füße am Bein und weiß: mein Job ist grad eben doch kein Job. Und wenn nichts super wichtiges ansteht (Mittwoch zum Beispiel habe ich einen Augenarzttermin und ich sage es mal so: noch eine Person, der Michel offenherzig erzählt, dass seine Mama „einfach keinen Job findet“ und ich nehme den nie wieder irgendwo hin mit), bin ich dran. Dran, dranner, am dransten.

Gut, dass mir das wenigstens bewusst ist, da ist die Gefahr etwas geringer, es sich in der Situation bequem zu machen. Und für die Zeit ab Donnerstag, wenn ich die Vorträge, den Druck, das ganze Tralala einfach fertig bekommen *muss*, haben wir schon abgemacht: da teilen wir auch die Kindkrank-Tage wieder.

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Auto-Lobhudelei: Gezielt in einen Glitzertopf gefallen und Bombe ausgesehen, während ich mitsamt Michel bei der komplett sinnfreien Beratung des Karrierecenters war. Bombe ausgesehen, während ich Blubberwasserpatronen kaufte. Pippi aus der KiTa holte. Das Spitzenoberteil anpasste. Mit einer Dame telefonierte, die mich ein wenig über die Arbeit der EMA aufklärte. Mit Michel fünfzig Mal durchdiskutierte, dass er kein Fernsehen gucken darf, weil wir das so abgemacht haben, als er am Morgen sagte, er wolle nicht in die KiTa. Also auch: viel geschafft. Erwachsenenpunkte verdient.

Tag 920 – Lessons learned.

  • Die Kinder halten es kuschelnd und sich nur ab und an schlagend noch etwa 30 Minuten im Bett aus, nachdem sie aufgewacht sind.
  • Die Kinder sind trotzdem am Samstag immer gegen halb acht wach. (Das Klischee sagt ja eigentlich, dass das erst mit der Schule losgeht, wir müssen aber beide Kinder jetzt schon unter der Woche wecken, damit sie rechtzeitig in die KiTa kommen. Das wird noch richtig spaßig, wenn das Aufstehen noch mal ne Stunde eher (ca.) sein muss, wenn Michel mit der Schule anfängt.)
  • Michel hat so vieles von mir. Temperament, unter anderem. Vermutlich rasseln wir deshalb gern mal aneinander. Hautfarbe inklusive damit verbundenen Problemchen hatte ich ja auch schon mal festgestellt – Michel muss wirklich immer mit Sonnencreme eingecremt werden, sobald ein bisschen die Sonne scheint, verträgt gleichzeitig aber nur wenige Sonnencremes dauerhaft. Das ist plöd, armes Kind, ich kenne das. Und neuerdings hat Michel auch noch ab und zu Kopfschmerzen. Nie Bauchweh. Immer Kopf. Heute: einseitig. Oh Mann. Kindermigräne brauchen wir und vor allem er nicht auch noch, bittedanke.
  • Pippi versucht jetzt, durch puppenhaftes Wimpernklimpern Schimpfe zu entgehen. Klappt nur ganz selten.
  • Auch mit Michel allein im 1,60 m breiten Bett liegt er zu zwei Dritteln auf mir drauf. Q.e.d.
  • Michel ist jetzt in der, wie soll ich es nennen? linguistischen Phase. Jedes Wort wird auf seine Bedeutung hin erforscht. Infoquelle: Ich. „Was bedeutet „Sonne“?“ Keine Ahnung, Dings, Sonnengott, großer leuchtender Ball, ähh, wahrscheinlich hat irgendein Urzeitmenschenvorfahre mal in den Himmel geguckt „SO-EH!“ gegrunzt und dann hieß das eben so. Und das dann für HundkatzemausSchuheHoseWaschmaschineWäscheGrätenKnochenFleischFischSäugetierEi. Hunderttausendmal am Tag. Ich will die Warum-Phase zurück.
  • Man kann schon auch ohne zweite Person (und ohne Büste) Kleider abstecken. Es ist halt etwas umständlich. Aber nach nur drei Stunden (oder so) bin ich jetzt mit dem Anpassen soweit fertig, dass ich die (Hilfs-)Nähte alle aufmachen und endgültig wieder zusammensetzen kann. Was für ein Akt. Man muss aber dazu sagen: ich hab das noch nie gemacht, das Kleid ist ja auch trägerlos und Satin verzeiht gar nichts. Da sind sofort Falten oder es rutscht, sobald man ausatmet, es hat ja auch noch gar keinen Stand, weil das Innenfutter, das mit (noch so ein erstes Mal) Rigeline verstärkt wird, noch nicht drin ist. Es ist jedenfalls bisher mein anspruchsvollstes Projekt, ich bin gespannt, wie es am Ende wird. Und ich bin ein bisschen froh, dass noch die Spitze drüber kommt. Dann sieht man wenigstens kleinere Schnitzerchen nicht mehr sofort.
  • Ich bin viel schlanker als gedacht, vor allem über der Brust. Ich dachte immer, ich hätte ein recht breites Kreuz, aber ich musste fast 10 cm im Umfang über der Brust wegnehmen, vor allem im Rücken und den Rest unter den Armen. Dann noch unter den Brüsten ordentlich was weg, Taille verschmälern… dabei habe ich ja vorher extra gemessen und dann mit den angegebenen Maßen des fertigen Kleidungsstücks verglichen. Vielleicht geht auch mein Maßband falsch. Hmmhmm.
  • ohne Spitze sieht das Kleid an mir aber noch recht… behämmert aus. Wobei solche Kleider das vielleicht an fast jeder*m tun würden, deren/dessen Schultern nicht miniminischmal sind.
  • Ich bin so furchtbar diszipliniert. Sport ist Sport und wenn ich halt erst dazu komme, wenn die Kinder im Bett sind so be it. Dann mache ich halt Sport um zehn Uhr abends. Und lache ein bisschen über mich selbst.

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Auto-Lobhudelei: den Tag mit den Rübennasen ganz gut überstanden, meist nicht wie die schlechteste Mutter der Welt gefühlt, die Kinder haben gebastelt und wir waren sogar draußen und hatten den Schlitten dabei (es waren aber keine guten Schlittenhügel auf dem Weg. Dafür kann man auf so nem Goretex-Hintern echt sehr sehr schnell Rutschen herunterrutschen).

Tag 916 – Wut.

Es gibt so Tage, da fühle ich mich wirklich nicht übertrieben wie die schlimmste Mutter der Welt. Heute war so ein (halber) Tag. Eigentlich lief alles ganz ok. Pippi hat halt weiterhin Fieber und leidet sichtlich, aber da gibt es ja Mittel gegen. Sie machte auch heute einen außerplanmäßigen Mittagsschlaf im Kinderwagen, aber das darf sie dann auch ruhig. Nachmittags ging sie ein bisschen durch, trank sehr viel und wollte viel kuscheln, das taten wir dann auch und ich schrieb dabei eine Bewerbung.

Und dann holten wir Michel ab und alles kippte.

Ich komme in den Kindergarten und Michel springt mich mit ausgefahrenen Klauen an, grölt und kratzt mir mit beiden Händen quer über den Mantel. Der Mantel kann das ab, Pippi erschreckt sich aber total, fällt hintenüber und brüllt wie am Spieß los. Die Erzieherin eröffnet mir, dass wir möglicherweise *gar keinen* KiTa-Platz ab Sommer bekommen, das betrifft 4 Kinder, Pippi ist eins davon. Gut, ich will dann ja eh hier weg sein, aber trotzdem: alter Verwalter. Wie ich am Rad drehen würde, wären wir auf diesen KiTa-Platz angewiesen… (kurzes Was bisher geschah: unsere KiTa schließt nach den Sommerferien, weil die Stadt den Mietvertrag gekündigt hat. Mitten in einem Neubaugebiet ohne dass neue KiTas in der Nähe geplant sind. Ergo sind alle Kitas, die da schon sind, überlaufen. Unsere KiTa hat sich von einem großen Träger kaufen lassen, unter der Bedingung, dass sie die Kinder, das Personal und den Bus mitnehmen. Jaja, klar, sagte der neue Träger. Die neue KiTa ist zwar in einem ganz anderen Stadtteil, aber egal, kriegen wir Eltern schon hin. Und der Rest kann ja wechseln, hahaha, wenn nicht alles voll wäre. Jetzt ist aber das Gebäude, in das unsere KiTa unter dem neuen Träger einziehen sollte, noch nicht fertig. Sie haben nur Platz für 7-8 Kinder, verteilt auf die schon bestehenden Gruppen. Vom Personal ganz zu schweigen. Die alte KiTa, das tolle Team, alles, zerbricht also doch. Ach so, wer ist schuld an dem noch nicht fertigen Bau: die Kommune, die den Antrag ewig nicht durchgelassen hat. Es. Macht. Mich. Unfassbar. Wütend. Was für ein Desaster!) Egal. Also die Betreuerin erzählt mir was, Pippi brüllt, Michel grölt und schreit dann „Kann ich M. besuchen? Der ist heute wieder bei seiner Mama, die kannst du doch anrufen, los, schreib der eine Nachricht, ich will M. besuchen!“

Nun ist es so: ich mag den M. nicht. Jedes Mal, wenn Michel mit dem zusammen war, macht Michel nur noch ganz doll überdrehten Scheiß. Mit dem Zusatz „M. macht im Kindergarten… M. hat gesagt… M.s Papa macht das auch…“. Kurz gesagt: aus M.s Richtung kommt nur Mist, M. war auch schon mal hier und ging für einen Fünfjährigen erschreckend manipulativ mit Michel um, ich mag den einfach nicht. Fertig.

Das kann ich Michel aber nicht erklären, es ist ja auch nicht mein Bier, was er sich für Freunde aussucht, aber jetzt noch der Mama schreiben und ihn dann da hinfahren, hinterher wieder mit Flausen im Kopf abholen, offenbar ist er ja eh schon total überdreht… „Heute nicht.“ sage ich. „Ich möchte schnell wieder nach Hause.“

Woraufhin Michel zu toben und zu brüllen anfängt, Pippi anschreit, Pippi fragt ihn, ob alles ok ist, „Schschschttt!“ brüllt Michel mit überschnappender Stimme Pippi an und Pippi fragt lauter: „Alles ok?“ So fahren wir nach Hause, so trage ich Pippi und Michels Zeug die Treppe hoch, so geht Michel aufs Klo, Pippi fängt auch an zu brüllen, meine Nerven sind jetzt aufgebraucht und ich brülle beide an. Michel will Dinozug, Pippi Peppa Wutz sehen und sie streiten und schreien und ich brülle lauter als die beiden zusammen, wenn sie sich nicht einigen können, bleibt der Fernseher aus, Michel wirft sich theatralisch aufs Sofa und schafft es dabei, sich an der Wand hinter dem Sofa die Fingerknöchel aufzuschürfen. Er kriegt ein Pflaster, während Pippi hinter mir steht und laut brüllend auch ein Pflaster einfordert. Michel beschwert sich, dass das Pflaster seine Bewegungsfreiheit im zweiten Ringfingerglied einschränkt. Pippi kriegt ein Fake-Pflaster auf ihr Fake-Aua und dann kann ich endlich den erlösenden Fernseher einschalten. Trotz Dinozuggedudel und Michels panischem „FALSCHE SPRACHE, MAMA!!!“ kommt mir die „Stille“ himmlisch vor. Ich mache mir einen Kaffee und bitte Herrn Rabe per SMS darum, alsbald nach Hause zu kommen, weil es nicht so gut läuft mit mir und den Kindern.

Er kommt, kurz bevor die Kinder viereckige Augen haben und ich meinen Kaffee dank fünfunddreißig mal „Ich will was trinken.“ „Ich will auch was trinken.“ „Ich muss aufs Klo.“ „Pippi pupst!“ „Der Fernseher ist ausgeschmiert!“ noch nicht ausgetrunken habe. Ich habe keine Nerven mehr und nähe grummelnd mit dicken Gewitterwolken über meinem Kopf an meinem Testrock. Herr Rabe macht den Fernseher aus. Das Abendessen – Reste und Brot – ist noch nicht fertig. Beide Kinder eskalieren jetzt wieder völlig, schreien sinnlos rum, sich gegenseitig an, wollen Bilder ausmalen, ABER DAS WAS DIE/DER DA HAT!!!, es ist eine Kackophonie sondergleichen und die Nachbarn haben sicher schon die Supernanny gerufen. Herr Rabe rotiert, ich… kultiviere meine Wut. Ich herrsche die Kinder an, ES REICHT JETZT HÖRT AUF MIT DEM GEBRÜLL, da mache ich natürlich alles noch schlimmer mit, Michel liegt jetzt auf dem Boden in der Küche und schreult, Pippi steht vor dem Drucker und brüllt. Michel behauptet jetzt, er habe einfach ganz großen Hunger. Wir setzen uns zum Essen und rotieren erstmal beide um die Kinder. Brot, ja, mit Ketchup, von mir aus, Käse, natürlich, jetzt in den Sandwichtoaster… wir sind die Lakaien der Kinder. Ich habe mich kurz zur Seite gedreht, um Pippis Sandwich in den Toaster zu laden, Pippi hat mein Messer erobert und wedelt damit herum, stehend auf ihrem Stuhl, wie immer, obwohl ich im 30-Sekunden-Takt sage: setz dich bitte hin, da fällt sie vom Stuhl. Sie brüllt, natürlich, direkt wieder wie am Spieß. Ich sehe Rot, dann weiß, ich tröste sie nicht, könnte ich auch gar nicht, ich würde sie schütteln und dann Michel knebeln und das geht beides gar nicht, also renne ich ins Bad und donnere die Tür hinter mir zu.

Am Tisch eskaliert Michel jetzt natürlich wieder.

„Mama macht das immer, immer wenn wir weinen, wird sie ganz leise und dann knallt sie mit den Türen. Davon kann die Tür kaputt gehen und das darf man nicht machen!“

Ich erwäge, für immer im (dunklen, Lichtschalter außen) Badezimmer zu bleiben. Oder mich auf dem Fußboden zusammenzurollen und zu schlafen. Leckt mich alle am Arsch, denke ich. Ich mag nicht mehr.

(Ja, wir haben uns alle wieder vertragen, ja, ich hatte früher viel schlimmere Wutausbrüche, da gingen richtig Sachen kaputt. Jetzt gehen nur Kinderseelen kaputt. Michel ist jetzt fünf, sowas wird vielleicht seine erste richtige Erinnerung. Bei Pippi wandert das noch schön ins Unterbewusstsein. „Mama war wütend wenn ich mir wehgetan hab.“ Top. Echt ganz toll.)

Tag 907 – Wäähäähää und Squiiieeeeek.

Heute lief der Tag im Prinzip gut, mit ein paar kleinen Holperern, als Pippi mit Filzstift auf den Fußboden malte und Michel das gesamte Bad flutete. Das mit dem Filzstift war extra mies, weil ich vorher noch die Filzstifte weggelegt hatte mit den Worten „Hier auf dem Fußboden wird nicht mit Filzstiften gespielt.“, dann aber aufs Klo ging und Herr Rabe holte irgendwas und in den wirklich höchstens zwei Minuten holte sich Pippi die Box, machte sie auf und bedeckte zwei gut tellergroße Stellen mit Rot. Nun. Es gab einen Anschiss und Herr Rabe schrubbte dann in Windeseile das Rot vom Laminat, erst mit Feuchttüchern und den Rest mit einem Glitzischwamm „für Teflon geeignet“ und Spüli. Ging. Das mit dem gefluteten Bad war einfach nicht aufgepasst von Michel, dadurch aber nicht weniger blöd, kurzzeitig hatten wir dann auch keine trockenen Handtücher (oder Hausschuhe oder Schlafanzüge für Pippi) mehr und Michel grummelte vor sich hin, weil auch er von mir eine Ansage bekam. Aber wer meint, groß genug fürs Wasser selbst steuern zu sein, der muss auch checken, ob die Duschtür richtig zu ist. Hat er jetzt hoffentlich gelernt.

Ich bekam dann auch noch die geballte Wut von gleich zwei Kindern ab, weil ich Ketchup auf der Pizza untersagte. So eine Barbarei fangen wir gar nicht erst an und da beide vorher ne halbe rohe Paprika gegessen hatten, sah ich auch keinen in akuter Skorbut-Gefahr. Dann war ich halt mal kurz die super fiese Mama. Ich konnte es grad noch retten, indem ich auch auf die Kinderpizza Räucherlachs legte. Puh.

Dafür meinte meine Nähmaschine nach dem Abendessen, sie hätte für heute schon genug getan. Ich hatte am frühen Nachmittag einen Pulli für Herrn Rabe fertig genäht und dachte, ich könnte heute Abend noch den für meinen Bruder zusammennähen. Aber beim Ärmel einsetzen fing irgendwas an, zum Gottserbarmen zu Quietschen und zwar in einer Frequenz, die mir Zahnschmerzen bereitet und Fledermäuse gegen die Wand klatschen lässt. Das war schier unerträglich. Da ich dann aber auch beim näheren Drübernachdenken mich nicht mehr dran erinnern konnte, wann ich das letzte Mal die Maschine gründlich* gereinigt hab und vor allem geölt hab, brach ich das Nähen erstmal ab und baute die Maschine nach Anleitung auseinander. Es ist tatsächlich schon ein bisschen länger her, dass ich das gemacht habe. Inzwischen ist es mir wieder eingefallen, es war im Sommer 2015. Hupsi. Kein Wunder, dass da was quietscht. Obwohl es alles noch gut geschmiert aussah, das muss man sagen, es war nur wirklich alles voller feiner Stofffussel. Ich saugte also alles erstmal grob mit dem Staubsauger ab, bürstete den Rest mit dem Tool, das zur Nähmaschine gehört, weg, ölte die zwei Stellen, die nach Anleitung geölt werden sollen, baute alles wieder zusammen, ließ die Maschine ca. 2 Minuten lang ohne Faden laufen (es quietschte jetzt nicht mehr, ich hoffe, es bleibt so) und dann packte ich alles auf den Schrank, weil morgen die Putzhilfe kommt. Mein Bruder wird also noch einen Tag länger auf seinen Pulli warten müssen. Schlimm.

Gebacken wird auch erst am Dienstag, weil ich heute keine Lust hatte Vorteige zu machen und die Kinder sich eh schon auf kalte Pizza in der Brotdose freuen. Ohne Ketchup.

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*Also grob reinige ich die schon sehr viel häufiger. Aber ich baue eben eher selten die Platte ab, fummle das Unterfadengehäuse raus und mache darunter und da drum rum sauber.

Tag 901 – Achachachach.

Ich vermute, mein Schilddrüsenblocker ist momentan zu hoch dosiert, jedenfalls möchte ich immerzu schlafen, komme morgens nicht aus dem Bett (egal, wie lange ich da drin lag, nach 5 Stunden fast noch besser als nach 8) und sobald es ein bisschen gemütlicher ist, schlafe ich ein.

Pippi nicht so. Pippi schläft nicht, sie ist auch immernoch krank und hat deshalb Mittagsschlaf gemacht. Und jetzt ist sie wach. Und nur ich bin ok, will heißen: sie brüllt nicht. Schläft aber auch nicht. Erwachsenenzeit? Serie schauen? Mal allein sein? Mööööp.

(Es wird besser, ich weiß das, bestimmt schon morgen, aber jetzt grad, da möchte ich einfach nur auf eine einsame Insel gebeamt werden und dem Meeresrauschen zuhören und allein sein. Und jetzt grad, da ist mir nach Auskotzen darüber.)

Tag 898 – Wie so ein Tier.

Erstens hing ich heute noch einen Tag lang mit einem kranken und einem gesunden Kind zu Hause rum und so langsam muss ich echt Willenskraft aufbringen um nicht wie so ein Tiger Furchen in den Boden vor der Tür zu laufen. Im Ernst, ich bin gern mal gemütlich, ich hatte sogar wieder die Gelegenheit, ein bisschen zu dösen, aber herrje, ich muss mich bewegen! Und damit meine ich kein Herumhopsen vorm Fernseher, damit meine Muskeln nicht verkümmern, damit meine ich aus dem Haus gehen. Morgen. Morgen gehe ich aus dem Haus, und wenn ich Pippi dafür fitspritzen muss, ich werde sonst irre hier.

Zweitens hatte ich mit Michel heute naturwissenschaftliche Diskussionen. Warum sind die Affen zu Menschen geworden? Menschen und Affen haben gemeinsame Vorfahren. Was heißt das? Dass es mal ein Tier gab, das war vielleicht so wie ein großer Affe und daraus haben sich dann die Menschen und die Affen entwickelt. Sahen die Menschen immer so aus wie jetzt? Nein, die sahen am Anfang ganz anders aus. So wie Boxer? (Bleiben Sie da mal ernst!) Naja, ein bisschen vielleicht wie Boxer, weil der Kiefer noch so aussah, wie ein Mensch heute mit Mundschutz. Und die Augenbrauen waren auch dick! Ja stimmt, die waren auch ein bisschen so, wie wenn ein Boxer da drauf gehauen wurde. Menschen sind auch Säugetiere, Mama. Ja. Warum heißen Säugetiere (auf norwegisch: Pattedyr) eigentlich so? Weil sie ihre Babies säugen. Haben alle Säugetiere Fell? Nein, Wale zum Beispiel haben kein Fell, sind aber Säugetiere. Fische sind keine Säugetiere! Nein, Wale sind aber keine Fische, weil sie lebende Babies bekommen und keine Eier legen und die Babies dann auch Milch trinken. Kann man Wale essen? Ja, kann man, man kann fast alles essen. Ist das erlaubt, Wale zu essen? Ja, das ist erlaubt, aber fast überall ist verboten, Wale zu fangen und zu töten. Hier ist es erlaubt, aber ich finde das nicht gut und esse deshalb keine Wale. Warum findest du das nicht gut? Weil es nicht viele Wale gibt und die Menschen durch das Fangen von Walen schon viele Arten davon fast ausgerottet haben. Ich finde das auch nicht gut. Wenn man eine Walmama tot macht, wird das Baby bestimmt traurig. … Es dauert noch lange, bis ich sterbe. Ja, das stimmt. Und bis ihr sterbt? Dauert das auch noch lange. Warum sterben wir irgendwann? Weil unsere Gene alt werden. Was heißt das? Naja, wenn du ein Bild immer wieder kopierst, dann wird das ja auch immer schlechter, irgendwann erkennt man fast nichts mehr. Das passiert mit deinen Zellen auch. Irgendwann sind die Gene da drin so oft kopiert, dass das nicht mehr gut funktioniert mit dem Kopieren. Dann werden die Zellen alt und dann stirbt man irgendwann. Warum werden die Gene alt? Ja, weil sich halt da drin Fehler ansammeln. Wie beim Kopierer. Und die werden auch immer kürzer, das Bild wird sozusagen immer am Rand ein kleines bisschen abgeschnitten und irgendwann ist nichts mehr zum abschneiden da, dann ist die Zelle auch alt und stirbt. Und wenn viele Zellen sterben, stirbt irgendwann auch der ganze Mensch, das ist leider so.

Dieses Kind. Es wird mich irgendwann Löcher in alle erdenklichen Körperteile gefragt haben, mich totdiskutieren und dann meine Telomere nachmessen. Während die kleine Schwester perfekt geometrische Formen aus Bügelperlen und Lego baut, was ich für zweieinhalb auch schon beachtlich finde. Und sie kann, kein Witz, bis elf zählen.

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Auto-Lobhudelei: keine Furchen in den Boden gerannt. Die Bewerbung von gestern heute Abend endlich fast fertig gestellt.

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Tag 887 – Familienbett-Rant.

Auch, was war das schön, damals, als Michel ein Baby war. Er schlief im von Herrn Rabe selbst gebauten Beistellbett direkt neben mir. Meistens lief es so ab: Michel wurde gestillt, gewickelt und dann in seinen Schlafanzug gepackt, eingepuckt, ins Bett gelegt und schlief dann recht fix ein. Wir konnten sogar rausgehen, während er noch wach war. Übers Babyphone hörte man exakt nichts und irgendwann tiefe Babyschnaufatemzüge. Ich klopfte mir feste auf die Schultern und fand, ich müsste ja alles richtig gemacht haben, dass mein Baby so super einschläft. Auch wenn er natürlich nicht durchschlief, ich stillte mehrmals nachts, aber da ich damals noch nicht raushatte, wie man im Liegen stillt, war ich ja eh jedes mal wach und legte ihn, sobald er satt war, wieder in sein Bett zurück. Später bekam er die Flasche nachts, aber auch der Mann legte ihn nachts wieder zurück. Als Umzugsvorbereitung wollten wir eine Beistellbettentwöhnung machen und stellten sein neues Babygitterbett immer weiter von unserem Bett weg. War auch kein Problem.

Dann zogen wir nach Norwegen, alles war furchtbar aufregend, Michel schlief quasi mit Kindergartenanfang gar nicht mehr und schon gar nicht in seinem Bett. Stunden, wirklich Stunden im Plural und GROß verbrachten wir als Einschlafbegleitung neben dem selben versch*ssenen Babybett, in dem er doch in Deutschland noch prima geschlafen hatte. Und er schlief nicht. Er erzählte, stand wieder auf, rüttelte an den Gittern, hopste in seinem Schlafsack. Wir bauten die Gitter ab, weil wir dachten, dass er sich vielleicht eingesperrt fühlt. Er hopste nicht mehr, war aber trotzdem nach dem Hinlegen noch ewig wach und laberte uns Knöpfe an die Backe. Wir sangen, wir lasen vor, wir verhielten uns möglichst langweilig und nicht-responsiv, NICHTS half. Und immer wenn er dann eingeschlafen war, ging der Zirkus nach maximal zwei Stunden von vorne los. Gerne auch mit Brüllen. Ich glaube, es dauerte keine drei Wochen, bis wir die Segel strichen und Michel, wenn er nachts wach wurde, zu uns ins Bett holten. Wo er dann mehr oder weniger gut weiterschlief, aber allemal besser als in seinem Zimmer, wo ja jemand dann auch auf dem kalten Fußboden neben ihm hocken musste. Stundenlang. Interessanterweise konnte er ab da auch besser einschlafen – war ja eh nur für ein paar Stunden. Nach einem viertel Jahr ca. Hatte Michel raus, dass er auch einfach zu uns kommen kann, statt uns übers Babyphone wachzubrüllen uns sich holen zu lassen. Und kam fortan von selbst in unser Bett gekrochen. Heute weiß ich: das war der Anfang vom Ende. Damals dachte ich: Der wird schon nicht für immer in unserem Bett schlafen wollen.

PUSTEKUCHEN! Dieses Kind wird vermutlich auch noch mit 15 seine*n erste*n Partner*In mit in unser Bett schleifen! Ich kriege bekanntermaßen schon bei zu viel Nähe zu viel und dann ist das ja nicht nur Nähe! Familienbett, das klingt kuschlig und nach süß duftenden Babyfüßen und kleinen Babynasen, die niedlich rumschnaufen. Vergesst es! Familienbett ist kleinkindliches Zähneknirschen, Schnarchen wegen vergrößerter Polypen, Füße, die sich in den Unterhosenbund mogeln und dann mit den Zehen das Gummi schnippen lassen, Hände mit rasiermesserscharfen Fingernägeln, die sich unter den Rücken schieben, Beine, die sich auf volle Blasen legen, Arme, die einem volle Möhre in das schutzlose, weil verdammt noch mal schlafende Gesicht hauen. UND DABEI SCHLAFEN DIE! Es kommt noch das nicht-schlafen hinzu, wenn man dann nachts direkt ins Ohr gebrüllt bekommt, Banane verfüttert, das Bett abzieht, weil unverdaute oder verdaute Flüssigkeiten drin gelandet sind, wenn man mit Wutanfallzwergen wrestelt, die mit allen Vieren auskeilen, weil ihnen hinter dem rechten Ohr was juckt und sie das nicht mitteilen können, weil sie mit „NEIIIIN!!! NEIIIIIN!!!“-Brüllen beschäftigt sind. DAS, meine Lieben, ist Familienbett. Und ich sag das jetzt mal nicht durch die Blume: Sex hat man auch nur noch alle Jubeljahre. Einstmals hatten Herr Rabe und ich ein erfülltes und reges Sexleben. JETZT HABEN WIR DAS GOTTVERDAMMTE FAMILIENBETT! Was ein Tausch! Lose-lose! Ich höre schon die süffisanten „also man kann ja nicht nur im Bett…“-Kommentare, und soll ich euch was sagen: Das geht euch nen Scheiß an, wo ich gern Sex habe. Solange das nicht auf Eurem Küchentisch ist, jedenfalls. Und im Übrigen ist für mich das Bett nicht nur ein Ort für entweder Schlafen oder Sex. Ich kuschle zum Beispiel gern mit dem Mann. Ja, das können wir auch auf dem Sofa. ABER DAS IST NICHT DAS GLEICHE! Ich habe auch große Teile meiner Master- und kleinere Teile meiner Doktorarbeit im Bett geschrieben. Weil das Bett der beste Ort der ganzen Welt ist! Ich lese da, ich regeneriere da und all das geht nur mittelgut, wenn ich auf 20 cm an den Rand geschoben werde und mir „ööhnnnn, öhnnnn!“ Ins Ohr gestöhnt wird, weil mein funzliges Leselicht an ist und man da ja nicht schlafen kann. Kleiner Tipp, Kind: in deinem eigenen Bett ist Platz und es ist dunkel und keiner atmet für deinen Geschmack zu laut!

Was ich auch nicht mehr hören kann: Ihr braucht ein größeres Bett. Nein. Dieses Kind würde auch in einem doppelt so großen Bett auf mir drauf liegen wollen. Dann wären eben 2 m Bett leer, 1 m Herr Rabe, 20 cm Michel und ich. Noch so was: macht doch ein Matratzenlager! WIE WOHNLICH! Und so gesund! Matratzen auf den Boden legen ist mindestens wegen Rücken, aber auch wegen Schimmel eine echt schlechte Idee. UND ICH WILL DAS AUCH EINFACH NICHT! Das ist mein Schlafzimmer, mein Tanzbereich, es reicht, dass alle anderen Räume von den Kindern gekapert sind und ich noch mindestens 10 Jahre drauf warten darf, alles wieder so einzurichten, wie ich das will (ich werde mindestens 5 Jahre lang in sterilen, weißen und äußerst karg eingerichteten Räumen leben. Im Wohnzimmer möchte ich eine Badewanne mit Löwenfüßen und eine lila Chaiselongue, der Rest bitte weiß und WENIG! Das wird schön). Es wird in meinem Schlafzimmer kein Matratzenlager geben, fertig.

Was übrigens fast das allerschlimmste ist: ich kann noch nicht mal sagen, dass ich was falsch gemacht hab. Oder besser, wir was falsch gemacht haben. Denn Pippi, die von Anfang an das Beistellbett blöd fand und Schlafsäcke und einpucken auch und die deshalb schon als Minibaby (OH SCHRECK!) direkt mit uns im Bett schlief, die schläft inzwischen im Grunde recht gut in ihrem Bett ein und oft auch durch (minus Bananenhunger). Das war ne harte Woche und dann ging das. Michel hingegen, wenn der nachts wach wird (meistens weil er pullern muss, manchmal aber auch WEIL NIEMAND DA IST MIT DEM ER KUSCHELN KANN) und wir auch nur versuchen, ihn in sein Bett zurückzubringen, fängt er an zu weinen und schläft dann einfach nicht wieder ein, wenn wir ihm sagen, dass wir uns zum Einschlafen zu ihm legen. Der ist so stur, oder hat so viel Angst, allein gelassen zu werden (wohlgemerkt während Pippi unter ihm im Bett ihre nicht-so-super-niedlichen Kleinkindschnarcher von sich gibt), der kann sich dann ewig halb wach halten, alle Antennen auf Empfang, und sobald wir aus dem Bett kriechen, kommt er hinterher. ICH. WERD. IRRE! Aber das andere Kind hat die Kurve ja prima gekriegt, alleine schlafen können scheint also auch wieder so eine Typ- statt einer Erziehungssache zu sein und ich wette, Michel gehört zu den Kindern, die dafür eben länger, so ca. bis zum Auszug, brauchen. Kommt mir nicht mit Hirnentwicklung, ey.

Es muss aufhören, dieses Familienbett, denn ich hassehassehasse es. Hartes Wort, dreimal wiederholt, weil: so isses halt.

Tag 884 – So groß.

Michel kommt dieses Jahr in die Schule. Jedenfalls, wenn wir in Norwegen bleiben. Jeden Tag erinnert mich ein Zettel am Kühlschrank daran. Darauf steht: Du, Michel Rabe, hast einen Platz in der Schule um die Ecke.

Pippi macht wieder einen Entwicklungsschub durch. Dieses Mal wohl sprachlich. Sie reden in ganzen Sätzen (mit konfusem Satzbau, aber so what) und kann Vergangenheit und Zukunft benennen, und elementare Gefühle von anderen beschreiben. Leider geht auch dieser Entwicklungsschub mit Brüllerei und Trotzanfällen allererster Güte einher, aber das kennen wir ja auch schon.

Michel hat jetzt schon zwei mal bei seinem besten Freund übernachtet.

Pippi zählt. Ein, fei, dei, sju, åtte, ni.

Michel liest, ein bisschen jedenfalls. Auf jeden Fall sitzt er schon gerne irgendwo und guckt sich Bücher an. Und er kann die meisten Großbuchstaben erkennen und sehr, sehr langsam auch Wörter daraus zusammenbasteln. Auch diese Entwicklungen: Lesen, woanders schlafen, bald Schule (und die Sache mit dem Umzug macht ihm auch jetzt schon riesige Sorgen), sind nicht ohne Nebenwirkungen und wir waschen jetzt wieder öfter mal Bettwäsche, halten mehr oder weniger gut Wutanfälle und Gebrüll und Trotz und Verzweiflung aus und haben nur wenig Platz in unserem Bett.

Ach ja. Same, same, but different.

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Auto-Lobhudelei: im Bewerbungs-Soll, noch nichts angezündet, sogar wo angerufen (aber die Dame war nicht da). Aber angerufen! Mit einem Telefon! Bereit, mit richtigen, echten Menschen zu sprechen!