Tag 2777 – Ferienkinder (und arbeitende Erwachsene).

Die Kinder haben nächste Woche Winterferien, das heißt, Michel wird wohl sehr viel PlayStation spielen (Hogwarts Legacy, das hat er seit letzter Woche und macht eigentlich wenig anderes seither) und dabei den Fernseher anschreien. In seinem braunen Pulli und ohne Hose, wie sich das für einen mittelgroßen Sesselpupser gehört. Pippi geht zum Sport-Hort, wo sie alles mögliche an Aktionen machen. Zum Beispiel, und das dürfte an einigen Orten noch mehr schockieren als dass Michel Hogwarts Legacy spielen darf, feiern sie nächsten Freitag Karneval. FREVEL!

Pippi hat heute schon den ganzen Tag mit ihrer Freundin N. verbracht, sie haben zusammen die Oma von N. besucht, was ich sehr begrüße, weil unseren Kindern im Leben ja irgendwie alte Leute total fehlen. Am Abend bekamen wir hier zwei total aufgekratzte Mädels abgeliefert (Omas scheinen auch in Norwegen die Enkelkinder gerne mit Süßkram zu füllen) und jetzt schläft N. bei uns. Das haben wir zugesagt, bevor wir erfuhren, dass N. gerne mal um halb fünf aufsteht. Aber da wir beide morgen arbeiten müssen, ist das vielleicht auch gar nicht so dramatisch? (DOCH!) Ich hoffe, sie schlafen wenigstens bis sechs… ansonsten können wir Pippi auch morgen Abend vergessen, die wird das heulende Elend, wenn sie zu wenig geschlafen hat. Jedenfalls wird Herr Rabe die Mädels dann morgen zum Sport-Hort bringen und wir fahren beide ins Büro – Michel kann auch alleine PlayStation spielen. Es wird aber ein kurzer Büro-Tag für beide von uns.

Michel hat mir aufgetragen, aus Oslo einen Tacker mitzubringen. Er hat heute im Probenraum von Herr Rabes neuem Musikkumpel nämlich einen Tacker gefunden und war hellauf begeistert, aber der Uralt-Tacker, den ich von meiner Oma geerbt hab, entspricht nicht ganz seinen Vorstellungen. Ich glaube, wir haben im Büro noch welche, die niemand braucht, falls die nicht alle weggeworfen wurden. Das Kind ist manchmal seltsam, aber wenn es einen Tacker begehrt, soll es einen Tacker bekommen.

Tag 2776 – Sie werden so schnell groß.

Als erstes eine kleine Fortsetzung von gestern: vermutlich war der Grund meiner Bauchschmerzen und Magenverstimmung schimmeliges Brot, an dem ich den Schimmel erst heute gesehen hab.

Heute waren so halbwegs normale Wochenenddinge auf dem Plan. Michel sind schon wieder seine Winterschuhe zu klein geworden. Pippis Winterschuhe passen zwar (grad noch so), sind aber so fertig, dass sie ständig durchweichen, was auch kein Zustand ist. Pippi kann aber bis zum Ende des Winters ein Paar von Michel auftragen, das wir aufgehoben haben. Da mussten nur neue Einlegesohlen rein. Außerdem hat Pippi ab übernächster Woche Schwimmunterricht in der Schule und brauchte dafür eine Badekappe. Wir fuhren also nach Jessheim, um Schuhe, Einlegesohlen und eine Badekappe zu kaufen. Aus Gründen kauften wir ein Mikrofon samt Ständer, Schuhe, Einlegesohlen, eine Badekappe und einen Badeanzug.

Teile der Gründe sind: die Kinder wachsen wie Unkraut. Michels Füße wachsen vor allem nach vorn (der kriegt sehr lange Zehen, sehr seltsam, das hat von uns eigentlich niemand) und er hat jetzt Größe 37 erreicht. Bald müssen wir Erwachsenenschuhe für ihn kaufen, mir graut jetzt schon davor, weil die ja tendenziell noch weniger haltbar sind, als Kinderschuhe (bei denen man wenigstens davon ausgeht, dass die Kinder damit auch mal durch den Dreck robben und durch Pfützen latschen). Pippi hat jetzt einen anständigen Schwimm-Badeanzug und sieht erschreckend groß darin aus. Beide Kinder haben ja den Körperbau von Strichmännchen, mit absurd langen Beinen (auch das muss irgendwie Generationen übersprungen haben oder verwächst sich noch) und Badekleidung verstärkt diesen Eindruck noch mal ungemein.

Pippi liest jetzt auch immer mehr, sie tat sich damit anfangs ein bisschen schwer, aber jetzt wird alles immer laut* vorgelesen, auch das „Bitte hängen Sie anprobierte Waren zurück“-Schild in der Umkleidekabine. Und auch die verfügbaren WiFis und HotSpots auf dem Telefon, und deshalb heißt Herr Rabes Telefon jetzt „I P Hone“. Manchmal ist sie echt zum Knutschen niedlich.

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*generell ist Pippi ja ein Kind, bei dem man sich eigentlich nie fragen muss, wo es ist, weil sie einfach immer Geräusche produziert. Meistens in Form von Reden oder Singen.

Tag 2750 – Niere im Angebot.

Leichte Gebrauchsspuren, aber wir brauchen das Geld, Michel braucht eine Zahnspange.

Spaß beiseite, niemand hier ist überrascht und das macht uns jetzt auch nicht arm, aber ich habe heute trotzdem einen leichten Schock bekommen, als ich nach dem allerersten Termin bezahlen sollte. Donnerstag geht es weiter mit Abdrücke machen. Und mit blechen.

Damit zusammenhängend muss ich mal loswerden, wie faszinierend ich Röntgenbilder vom Gebiss finde. Michel hat ja noch ein paar (wenige) Milchzähne, da ist der Kiefer einfach noch voller als eh schon, und dann diese super langen Zahnwurzeln überall! Ich habe ja mal ein Praktikum bei einem Zahntechniker gemacht und finde all sowas total spannend.

P.S. Wie normal ist es wohl, dass ich mich an dieses Praktikum noch extrem lebhaft erinnern kann? Das ist über 20 Jahre her und war nur 14 Tage lang. Ich habe Gipsgebisse gegossen, Goldzähne abgestrahlt, Drähte gebogen, Zähne aus Knete geformt und mir kleine Schlüsselanhänger in Gebissform gemacht, aus echtem Gebiss-Material. Ich weiß noch wie es roch, sich anhörte, wie schwierig es ist, Gips blasenfrei zu gießen und dass es lustig ist, sich mit der Sandstrahlpistole ein bisschen gegen den Finger zu strahlen (der aber in einem sehr dicken Handschuh steckte). Ich bekam Ärger, weil ich Gips im Gummipott habe antrocknen lassen und hackte mir beim Versuch, den Gips aus dem Topf rauszukloppen, mit dem Meißel in die Hand. Ich durfte dabei sein, wie einer Person ohne Zähne ein Abdruck von der Kieferleiste gemacht wurde und am Ende schrieb ich einen Praktikumsbericht über die Folgen von Zahnverlust und wie man sie mit Prothesen umgeht, der mehr eine theoretische zahnmedizinische Abhandlung war als das, was normalerweise von einer Zehntklässlerin nach einem zweiwöchigen Berufspraktikum erwartet wird. Ich fand alles an dem Praktikum super (minus das mit dem Gips), weil ich den ganzen Tag unter relativ nerdigen Erwachsenen sein durfte und Zeug lernen durfte, für das man eigentlich Abi braucht. Beste zwei Wochen der ganzen Mittelstufe.

Tag 2746 – Schultern senken.

So, die erste Inspektionswoche 2023 ist überstanden. Kann ja mal passieren, dass dann im Footer der Observationsliste noch 2022 steht.

Ich mag meinen Job immer noch.

Heute waren wir um zwanzig nach vier fertig, deshalb war ich um kurz nach halb sechs zu Hause (das wäre auch früher gegangen, aber Cardos war wieder von innen die Scheibe zugefroren und ich musste erst warten, bis die aufgetaut war). Dadurch konnte ich zum ersten Mal diese Woche Essen machen und sogar zwei Kinder ins Bett verfrachten und Herr Rabe konnte dadurch zu einer Musiksession gehen. Voll gut. Ich glaube, Michel fand auch schön, sehr ausgiebig mit mir zu kuscheln, ich fand das jedenfalls schön und bin nur irgendwann wieder aus seinem Bett aufgestanden, weil ich gerne noch ne Runde Bewegung einschieben wollte. Man sitzt ja doch viel auf dem Hintern bei Inspektionen. So langsam tat mir diverses weh, lustiger Weise unter anderem die Füße, aber die steckten ja auch stundenlang in Winterschuhen und konnten sich nicht bewegen, das sind die ja auch nicht mehr gewohnt. Aber eine Runde YouTube-Ballett und schon tut mir alles anders weh als vorher und die Füße sogar gar nicht mehr, toll!

Die Woche war tatsächlich so alles in allem gut. Freue mich trotzdem auf ein Wochenende ohne viel Kommunikation.

Tag 2738 – Lieber schlafen.

Michel hat es grad irgendwie schwer. Scheinbar ist es schwierig, in der 5. Klasse zu sein. Jedenfalls wollte ich gern, dass er weiß, dass ich da bin, und so wurde aus GEH WEG!!! Vorlesen, neben ihm im Bett liegen ohne berühren, dann ein knochiger Po und Füße, die sich zu mir schoben, dann kuscheln und dann bin ich eingeschlafen. Michel wohl auch.

Naja, heute dann kein Sport, man kann nicht alles haben.

P.S. Ich möchte irgendwo beantragen können, dass mein Körper diesen Zyklus beendet. Alles tut weh und ich mag nicht mehr und mein Antrieb ist auch nicht wirklich existent.

Tag 2737 – Back to müde.

Drei mal früh aufgestanden diese Woche, wär jetzt bereit für Ausschlafen. Haha.

Michel hat mich vorhin auch sehr wütend angegrunzt, als ich ihm erklärte, dass seiner Schule und meiner Arbeit leider egal ist, dass wir abends noch mal aktiv werden und schlecht ins Bett und morgens dann da schlecht wieder raus kommen. Ich fühle das sehr. Michel möchte sich später eine Arbeit suchen, wo er nur nachts arbeitet, das ist eine sehr pragmatische Herangehensweise (leider ein bisschen kurz gedacht und mit Familienleben eher mittelgut kombinierbar).

Tag 2736 – Pippis Lebensweisheiten.

Wir hatten hier ja vor Weihnachten einen heftigen Disput, weil das eine Kind dem anderen Kind gespoilert hat, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Und zwar nicht so rum, wie Sie jetzt vielleicht denken. Pippi hat anhand dieser Geschichte gelernt, dass man lieber keinem sagt, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Aber natürlich muss trotzdem sichergestellt sein, dass auch die Weihnachtsmanngläubigen rechtzeitig auf den brutalen Boden der Tatsachen zurückgeholt werden, Pippi hat sich da also folgendes überlegt:

Wenn die Kinder ausziehen, müssen die Eltern mit ihnen quasi The Talk haben. Da sagen die Eltern dann, hör zu, liebes Kind, es gibt da etwas, das wir dir sagen müssen. Es gibt den Weihnachtsmann gar nicht. Das waren immer wir, mit den Geschenken. Aber wenn du selbst mal Kinder hast, ist es ganz wichtig, dass du ihnen sagst, die Geschenke kommen vom Weihnachtsmann. Das Kind weiß das ja sonst gar nicht.

So, Sie wissen jetzt Bescheid. Bitte informieren Sie ihre erwachsenen Kinder (wenn sie welche haben), dass gar nicht der Weihnachtsmann die Geschenke bringt, sie selbiges aber bitte ihren Kindern auch wieder weis machen sollen. Wir freuen uns derweil die nächsten 11-12 Jahre vor, weil wir GARANTIERT und mit Schulabgängerin-Spätteenie-Pippi hinsetzen werden, ganz ernst, und ihr sagen werden, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Wir wollen ja unsere elterlichen Pflichten erfüllen. Mit Verweis auf den 10. Januar 2023.

Tag 2733 – Mehr Löcher.

Seit Pippi Ohrlöcher hat, wollte Michel auch welche, und man kann ja schlecht dem einem Kind ja und dem anderen Kind nein sagen, nicht wahr? Also hat Michel jetzt auch Ohrlöcher, auf die gleiche Art gemacht, wie Pippi. Im Piercingstudio wurde ich an meinen Ohren erkannt, das ist mir auch noch nie passiert. Michel ist jetzt sehr stolz und ich bin sehr stolz, dass er es durchgezogen hat, trotz großer Angst vor Nadeln und Schmerzen. Wir, also er und ich, gingen danach noch Sushi essen, was auch sehr schön war. Ich bin gerne zusammen mit ihm unterwegs, er erzählt dann oft ganz viel, kann aber im 1:1-Kontakt besser echte Gespräche führen statt von Höcksken auf Stöcksken Monologe zu verschiedenen Themen abzuspulen oder alternativ stundenlang vor sich hin zu grummeln und nichts zu sagen. Heute hat er mich gefragt, warum meine Ohren „ohrenmäßiger“ aussehen, als seine Ohren. Ich habe erklärt, dass Ohren sehr sehr unterschiedlich aussehen, fast wie Fingerabdrücke, und deshalb seine eben anders sind als meine aber keine „ohrenmäßiger“ sind als die von der/dem anderen. Dass seine Ohren vor allem von hinten sehr charakteristisch sind, habe ich lieber nicht gesagt, seltsame Körperbilder muss man echt nicht noch befeuern. Echte Segelohren sind das nicht, ich weiß auch nicht, ob das damit zu tun hat, dass er die Gummiohren, die bei den männlichen Mitgliedern meiner Familie auftreten, geerbt hat. Aber sie haben auf jeden Fall einen gewissen Wiedererkennungseffekt. Und ich mag die sehr, die Ohren, jetzt auch mit Löchern.

Tag 2727 – Frohes Neues!

Kleiner Nachtrag zu gestern:

– die elektrischen Zahnbürsten. Nach gründlicher Recherche musste ich ja auch da die nehmen, die man hier bekommt, deshalb sind Happy Brush und co., so gut die auch bei Stiftung Warentest abgeschnitten haben mögen, leider raus. Irgendwann lerne ich das mal und spare mir die Recherche. Jedenfalls war die Auswahl begrenzt auf das Verfügbare und dann waren manche im Angebot und andere nicht und deshalb haben Herr Rabe und ich jetzt jeweils eine Sonicare (die zweitneueste Version) und die Kinder haben Oral B irgendwas, nicht i-O, wesentlich günstiger aber laut der Recherchen trotzdem sehr gut. Ich bin weiterhin begeistert und das Zahnfleischbluten hält sich selbst unter Einbeziehung der Zyklusvariationen seither echt in Grenzen. Der Unterschied zum Putzen von Hand ist ein Unterschied wie vom Kettcar zum Auto. Auch für Kinder, die nicht sooooo begeistert die Zeit aufwenden, die Zähne gründlich zu putzen, kann ich das empfehlen, weil bei selbem Zeit- und Gründlichkeitsaufwand die Zähne einfach wesentlich sauberer werden. Vibrationssignale helfen auch dabei, zu wissen, wann man genug geputzt hat, aber an die muss man sich ja als ungeduldiger 10-Jähriger nicht zwingend halten, nicht wahr.

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Wir sind gut und entspannt rüber gekommen. Heute waren die Nachbarn zum Resteessen da und das war auch sehr nett, außerdem ein guter Anlass zumindest die untere Etage in einen präsentablen Zustand zu versetzen. Jetzt Bett, morgen haben die Kinder wieder Schule und Herr Rabe muss arbeiten, also müssen alle früh raus. Ich habe zwar frei, aber darf dafür so schöne Sachen machen wie beim Hausarzt anrufen und fragen, ob es eine Alternative zu diesem ekligen Penicillinsaft gibt, weil ich mein Kind nicht mit körperlicher Gewalt dazu zwingen werde, das Zeug zu nehmen und wir uns aber dem Punkt annähern, wo das nötig wäre, um die zehn Tage durchzuziehen. Hurra.

Tag 2724 – Piek.

Meine Omi hört man bis hierher im Grab rotieren. Die hat immer geschimpft, dass man als Eltern ja auf jedes Kratzerchen Pflaster klebt und pustet und hofft, dass ja nichts zurückbleibt, und dann gehen die Kinder hin und bohren Löcher in sich rein. Sie bezog sich damit auf Ohrlöcher. Pippi (jetzt wieder quietschfidel) liegt uns seit einem Jahr in den Ohren damit, dass sie Ohrlöcher haben will und so langsam knicken um uns rum immer mehr Eltern ein, was dann auch noch „Aber die X hat auch welche!!!“ mit sich bringt. Dazu kommt, dass ich selbst nen Haufen Löcher in den Ohren habe und die ersten davon habe ich auch mit sechs oder sieben bekommen, glaube ich. Super Argumente, warum man das auf gar keinen Fall machen sollte, habe ich also nicht und nachdem wir Eltern das intern besprochen hatten, lag ein Ohrlöchergutschein unterm Baum.

Nur machen wir das dann auch richtig. Der Ohrlöchergutschein kam vom Piercingstudio in Oslo, bei dem ich auch schon ein paar mal war, um Schmuck zu kaufen und einsetzen zu lassen. Das macht einen guten Eindruck und sie haben einen langen Artikel auf ihrer Webseite, warum man Ohrlöcher nicht mit der Maschine schießen lassen sollte, und dass sie deshalb auch bei Kindern Ohrlöcher machen (viele Studios hier haben eine 12-Jahres-Altersgrenze, dieses aber nicht). Warum nicht mit der Maschine? Nun, erstens ist die Maschine selbst nicht steril. Dann sind diese ersten Stecker, die da durchgetackert werden, oft zu dick, zu stumpf und zu kurz. Dadurch wird Gewebe eher verdrängt als sauber durchstochen, es kann Narben geben und dadurch schief werden oder wieder zuwachsen, wenn man mal 2 Wochen keinen Stecker trägt, und dadurch dass sie zu kurz sind und der Verschluss oft sehr hart drauf gepresst wird, ist die Durchblutung oft nicht optimal und das ist ebenfalls für die Heilung nicht gut. Beim Piercen wird eine sterile Einmal-Kanüle durchgestochen, die wesentlich schärfer ist und ein „echtes“ Loch macht (man kann sich das wie einen Plätzchenausstecher vorstellen, im Gegensatz zu einem Speer). Dann wird ein sterilisierter Stecker in das Loch gesetzt und mit einer sterilisierten Schraubkugel verschlossen. Beides ist aus Chirurgenstahl oder Titan, nicht legiert und damit unbedenklich, was Allergien angeht. Der Stab ist zu Anfang ein gutes Stück länger als der Stichkanal, weil verletztes Gewebe anschwillt und das auch können soll, ohne dass der Verschluss dann das Ablaufen von eventuellem Sekret behindert. Ich hatte ja lange ein Zungenpiercing, das muss man am Anfang alle paar Tage gegen ein kürzeres tauschen, weil man sonst, wenn die Zunge abschwillt, einen unverhältnismäßig langen Stab im Mund hat, auf den man auch gerne mal drauf beißt, was sehr unangenehm ist. Aber ich schweife ab, deshalb jedenfalls vom Profi gestochene Löcher statt vom Friseur/Juwelier gestanzte. Außerdem bekommen Piercingstudios wesentlich öfter Besuch von den zuständigen Behörden als Friseure oder Juweliere (letztere, vermute ich mal, bekommen entweder nie oder nur ganz am Anfang, bevor sie diesen Service anbieten dürfen, solchen Besuch). Piercer*Innen sind eben professionelle Löchermacher*Innen, nicht professionelle Schmuckverkäufer*Innen die auch hin und wieder Löcher tackern.

Ich kann ja jetzt nur für dieses Studio (und das in Bielefeld, bei dem alle meine anderen Löcher gemacht wurden) sprechen, aber die machen das außerdem echt super. Schon allein, dass das vorher aufgemalt wird, damit man anhand des Spiegelbildes ja oder nein sagen kann, BEVOR man unwiederbringlich Löcher macht, finde ich echt einen Vorteil. Außerdem waren die mit Pippi, die verständlicher Weise aufgeregt war, total lieb. Die Piercerin erklärte, was sie macht, Pippi durfte mit der Zange herumspielen, sie durfte auch auf meinem Schoß sitzen und als sie kurz vorher in Tränen ausbrach, war auch das kein Drama, sondern ganz verständlich und in Ordnung. Es wurde nichts beschönt, sondern kindgerecht erklärt, dass es kurz wehtut, aber echt nur ganz kurz. Weil es zwei Löcher sein sollten, durfte Pippi auch wählen, ob zwei Piercerinnen gleichzeitig beide Löcher stechen sollen, was Pippi annahm. Bis drei gezählt (Pippi durfte zählen), Zack, zwei Löcher drin. Pippi bekam hinterher eine Urkunde und einen Anstecker für Tapferkeit. Bei mir bedankte sich die Piercerin sogar, dass wir unsere Kinder piercen lassen statt die Löcher mit der Pistole schießen zu lassen. Alles in allem war das ein total positives Erlebnis, bei dem ich mich und mein Kind gut aufgehoben und in professionellen Händen fühlte. Es ist und bleibt eine selbst gewählte, völlig unnötige Verletzung, aber wenn man sich nun dazu entschieden hat, würde ich es jederzeit wieder auf diese Art machen, wenn nicht zwei Löcher erst mal reichen würden. Pippi ist auch mega stolz und guckt sich und ihre Ohren jetzt sehr gern im Spiegel an. Ich bin gespannt, was für wilde Geschichten sie morgen ihrer Freundin davon erzählt.

P.S. Michel will jetzt auch, mal gucken, ob er sich das noch anders überlegt.