Tag 1839 – Tagwerk.

Ich habe gedugnad-et. Es ist ja das immer wiederkehrende norwegische Lied, dass wir zu irgendwelchen Gemeinschaftsaktionen antanzen dürfen und heute war es im Kindergarten wieder so weit. Da finde ich das ok, weil wir was direkt für den Kindergarten tun, das dringend nötig ist, man wirklich gut selbst kann und sonst eben irgendwer bezahlen müsste. Weil ich keinen Spaten dabei hatte (aber dafür zwei Kinder) kam der ursprüngliche Plan „Sand im Sandkasten wenden und gegebenenfalls auffüllen“ nicht zur Anwendung. Stattdessen habe ich zwei Stunden lang auf den Knien in dieser Spielhütte herumrobbend den Boden mit einem Buttermesser und einer Wurzelbürste von Dreck und zwischen den Bohlen festgetrampelten Kieststeinchen befreit, damit er morgen gestrichen werden kann:

Danach noch zwei mal mit Grønnsåpe drüber und gründlich ausgespült.

Das war ziemlich anstrengend. Aufgelockert immer wieder durch meine liebreizenden Kinder.

KiTa-Leiterin: wer ist das denn [Kind mit Kopfhörern auf Wiese vor Kindergarten] da?

Ich: Ach, das ist Michel, der große Bruder von Pippi, der spielt Pokémon Go.

KiTa-Leiterin: ist er ganz alleine unterwegs?

Ich: Ja.

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Pippi: Mama? Kann ich Farbe auf meine Jacke kriegen?

Ich: Pass bitte ein bisschen auf, dass nicht soooo viel Farbe auf die Jacke kommt.

Pippi: Ok! (Kam mit fleckenfreier Jacke zurück.)

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Michel, mit leerem Handyakku: packt sein Kornett aus und marschiert glücklich tutend über den Kindergartenhof

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Überhaupt hatten wir schon einen Loriotesken Kornett-Zwischenfall, als die Innenarchitektin und der Handwerker da waren um den Einbau des Dachfensters (aus Gründen wird es doch nur eines, schade) zu besprechen. Michel meinte nämlich mittendrin, er müsse jetzt üben, packte sein Kornett aus und marschierte damit über den Flur. Prööt Prööt Prööt während vier Erwachsene versuchten, sich einig zu werden über Fenster und Tür und sichtlich bemüht, sich nicht allzu offensichtlich totzulachen über diesen kleinen niedlichen Knirps der wichtig mit seiner Tute herummarschiert und klugscheißert „Das ist keine Klarinette!“

Tag 1838 – Prööt Pröt Pröööööt.

Michel hatte heute seine erste Stunde Kornettunterricht. Naja, „Stunde“, es geht für die Anfänger*Innen nur 20 Minuten. Ein Kornett sieht aus wie eine kleine Trompete, ist aber eine Art Horn. Michel war ja im letzten Schuljahr bei der Kulturschule und durfte verschiedenes ausprobieren (Pippi wird das Angebot dieses Jahr schon machen) und nachdem er bei der Abschlussveranstaltung so ziemlich das einzige Kind war, das überhaupt einen kräftigen Ton auf der Trompete heraus bekam, und er außerdem sagte, Trompete fand er gut, fiel die Wahl auf eben Kornett oder Trompete. Für Kornett waren noch Plätze frei. So läuft das bei uns, total pragmatisch sich grob an Bedürfnissen orientierend*.

Jedenfalls hat es Michel Spaß gemacht, er hat gleich ein Leihinstrument mitbekommen, und jetzt soll er jeden Tag fünf Minuten üben. Und so pröötet er fröhlich vor sich hin und freut sich, ein maximal lautes Instrument zu haben. Schon sehr süß. (Die Nachbarn haben am Wochenende ihr Haus verkauft, mal sehen ob die neuen Nachbarn das auch so schön finden…)

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*Ich wollte gern, dass er was lernt, was ihm relativ schnell Erfolgserlebnisse beschert, weil ich mein Kind ja kenne und weiß, dass seine Freude daran sehr davon abhängt. Ich finde das überaus bedürfnisorientiert.

Tag 1837 – Null Pilze.

Ich war mit den Kindern im Wald, aber ich fürchte, wir waren viel zu spät dran um noch Pilze zu finden. Ein Mann kam uns zwar mit einem Korb voller Pfifferlinge entgegen, aber der kam auch aus dem Wald-Wald, während wir uns wegen Michels Fuß Ja eher auf den Wegen halten mussten. Michel fand den ganzen Ausflug eh scheiße und motzte in einer Tour, es war wirklich kaum auszuhalten, aber ich hatte Herrn Rabe gesagt, wir würden ihn ein bisschen arbeiten lassen. Tja. Da muss man dann durch.

Immerhin den Hurdal-See haben wir gefunden. Da kann man bestimmt auch baden, aber wir hatten keine Badesachen dabei. Warm genug wäre es wohl gewesen, mir war in langer Hose und langem, dünnen T-Shirt ziemlich warm.

Bild ohne Ton, das Gemotze hören Sie also nicht.

Auf dem Rückweg kam wirklich recht plötzlich eine fette schwarze Wolkenwand von hinten, weshalb ich kurzerhand beschloss, den kürzeren Weg an der Straße lang zurück zum Auto zu gehen, statt durch den Wald. Das war auch gut so, denn kaum waren wir am Auto, fing es an zu tröpfeln und fünf Minuten später goss es, wie gestern, wie aus Kübeln.

Pippi hat versucht, auf einen Baum zu klettern, wollte nicht hören, als ich gesagt habe, sie soll das lieber lassen, die Zweige seien zu kraaaach, direkt die dünnen Ästchen abgebrochen und fies am Bein aufgeschrabbt. Da hat sie ja morgen im Kindergarten was zu erzählen. Bis dahin war Pippi aber gut drauf und hat begeistert Blaubeeren gesammelt, auch die waren zwar schon sehr abgegrast, aber ich mag die eh nicht und Pippi steckte sie eben sofort in den Mund, da wäre eh keine Marmelade draus geworden. Am Ende hatte ich dann halt ein Kind mit roten Fingern, einer dunkelroten Zunge und einer Kriegsverletzung Schramme, und eines das auch in Stunde zwei noch unverändert motzte.

Abends habe ich unseren Kartoffeleimer abgeerntet. Ich weiß ja nicht. Soll das so? Gefühlt haben wir aus drei großen die selbe Nettomenge Zwergenkartoffeln gemacht. Lecker waren sie aber.

„Ich kaufe 200 Gramm Kartoffeln…“

Die hier war die allerkleinste:

Eher Erbse als Kartoffel.

Wie gesagt, war aber lecker. Der gefüllte Patisson-Kürbis dazu war auch ok, die Füllung aus veganem Hack, Schafskäse, Zwiebeln, Tomaten und frischen Kräutern ist sehr lecker, der Kürbis selbst schmeckt allerdings wirklich nach gar nichts. Da ist jede Zucchini geschmacksintensiver. Also, kann man machen, sieht hübsch aus, aber vom Geschmack her fülle ich dann doch lieber eben eine Zucchini oder so ca. jede andere Kürbissorte. Die Konsistenz war aber schön knackig, das ist vielleicht was für Leute, denen andere Kürbissorten schnell zu schlonzig werden.

Vielleicht probiere ich es nächstes Wochenende noch mal mit den Pilzen. Falls ich dafür die Motzekinder zu Hause lassen darf. Man kann Kürbis mit mehr Eigengeschmack bestimmt auch super mit Pilzen füllen.

Jetzt zackig schlafen. Morgen ist wieder Präsenztag im Büro!

Tag 1832 – Back to sowas wie Alltag.

Heute war der erste Schultag für den frisch gebackenen Drittklässler. Whoop, whoop. Wir haben am Wochenende schon seine Stifte durchsortiert und den Rucksack gepackt, gestern den Stundenplan und den Hort-Plan ausgedruckt und heute früh einen sehr aufgeregten Michel zur Schule gebracht.

Da war es dann: „Gut.“

(Morgen ist Schulsport draußen, was bin ich froh, dass ihm mit der Schiene kein Schuh außer Crocs passt, er ist so schon kaum zu bremsen, seit der Fuß nicht mehr weh tut. Ab übernächstem Montag hat er dann endlich auch Schwimmunterricht – das hätte eigentlich im März, in der ersten Woche, in der die Schule dann geschlossen hatte, starten sollen.)

Für Pippi und mich habe ich Tanzkurse gebucht und auch gleich bezahlt. Vielleicht stecke ich mir grade die Finger in die Ohren und mache Lalala, was die Pandemie angeht. Ich mag nicht mehr. Ich mag wenigstens die Illusion haben, dass Dinge wieder in halbwegs geordneten Bahnen laufen.

Wenig alltäglich: wir haben heute für Pippi eine Brille ausgesucht. Gestern war Herr Rabe mit ihr beim Augenarzt, der Termin hätte ebenfalls irgendwann während der Alles-Schließungen stattfinden sollen und wurde dann jetzt nachgeholt. Und ja, Pippi sieht schlecht. Nicht mega schlecht, aber korrekturbedürftig. Pippi findet das alles noch total cool und aufregend und kennt ja auch ihre Mutter nur mit Brille, ich denke, das wird sie schon ok finden. Zur Erhöhung der Compliance durfte sie ohne Schielen auf Preisschilder und nur minimalem Eingreifen unsererseits, was Farbe und Form anbelangt, das Gestell selbst aussuchen. Es wird eine lila-rosa Hello-Kitty-Brille. Jetzt freut sie sich riesig auf die Brille und war sehr enttäuscht, dass es knapp zwei Wochen dauern wird, bis sie fertig ist.

Ganze 28% der Brille bekommen wir erstattet. Uns tut sowas nicht schlimm weh, aber ich kann mir vorstellen, dass eine Brille bei Familien, die nicht mal eben ein paar Hunderter locker machen können, übel reinhaut. Ach, ach.

Tag 1831 – Pandemiearbeiten.

Whoop whoop ich war im Büro und da waren tatsächlich fast alle meiner Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich am meisten zu tun habe (also: Das Inspektorat(TM) und die Zulassungen- (und Zertifikate-) Gruppe. Das haben wir jetzt jeden Montag so, Präsenztag im Büro, Freitags dürfen wir, wenn wir wollen, ansonsten Homeoffice. An anderen Tagen sind andere da, aber nie mehr als 40% der Belegschaft gleichzeitig. Es gibt allerlei teils seltsam anmutende Vorsichtsmaßnahmen, wie zum Beispiel einen recht… willkürlich erscheinenden Sitzplan. Das norwegische Pandemie-Mantra ist ja „Abstand, Abstand, Abstand!“, ich frage mich aber schon, was es bringen soll, in der Kantine oder in Meetingräumen mit mindestens einem Meter Abstand zueinander zu sitzen, während eine Klimaanlage die Luft fröhlich im Raum verquirlt und im ganzen Haus verteilt. Bevor ich die Filter (die ja hoffentlich in der Ventilationsanlage irgendwo verbaut sind) selbst inspiziert hab, gehe ich davon aus, das wir uns das ganze Abstandsgehampel im Zweifel in die Haare schmieren können, wenn bei uns jemand infiziert und infektiös bei der Arbeit erscheint, sind die Bedingungen für ein Super-Spreading-Event mindestens gut.

Jetzt wo das gesagt ist: es war leider richtig gut, mal wieder unter Menschen zu sein, nah an Menschen dran, die nicht alle nur im Bildschirm zu sehen. Richtig schön. Wie sozial dann doch selbst die Introvertierten sind, merkt man nach ein paar Monaten mit deutlich eingeschränkten Sozialkontakten dann eben doch. Wie es den Extrovertierten dann erst gehen muss.

Ich habe effizienter als im Homeoffice ein paar Sachen weggearbeitet, die mich schon länger gestört haben, dann gab es auch ein paar gute Nachrichten für mich persönlich, hach, es war einfach rundum ein guter Arbeitstag.

Nach der Arbeit waren wir dann noch schwimmen im Badesee ums Eck, der ist jetzt endlich warm genug. Also so warm, dass alle drin waren nur ich nicht, mir war es ab den Knien noch zu kalt. Ich bin jetzt auch in dem Alter, wo ich für spritzende Jugendliche die humorlose Trulla bin, die im Badesee stehend nicht nassgespritzt werden will. Schlimm.

Michels Fuß geht es auch deutlich besser. Baden darf er ja sowieso ohne die Schiene, aber auch sonst würde er, wenn wir ihn ließen, einfach weiter machen wie immer, weil es nicht mehr wehtut und er alles bewegen kann. Was natürlich nicht heißt, dass er den Fuß normal bewegen und belasten soll, aber die Einsicht ist mit sieben noch nicht ganz so einfach.

Tag 1830 – Gelungene Kinderparty, uffz.

Es war das reine Chaos, alle Kinder waren happy und zumindest Pippis (vielleicht auch ein paar der anderen) Eltern sind jetzt echt im Eimer. Ich hab das Gefühl als sei ich heute einen Marathon gelaufen, einfach wegen Geräuschpegel, Uhr im Blick haben, andere Eltern mit Kaffee versorgen und WARM!!! Aber wenigstens konnten wir die ganze Party draußen machen, das ist ja in Pandemiezeiten schon sehr gut.

Wir haben wegen Trubel kaum Bilder gemacht, hier nur die drei Highlights des Tages:

Lila ist wirklich noch lila geworden und auch meine Smarties-Füllung hat funktioniert! Hurra! (Geschmacklich jetzt nicht aufregend, aber ok. Nächstes mal geriebene Zitronenschale mit in den Teig.)
Die Nachbarn haben uns dieses tolle Ding geliehen, da ist so ein Geburtstag natürlich schnell rum. Kann ich sehr empfehlen, sowas hat bestimmt auch der Hüpfburgenverleih Ihres Vertrauens.
Einhorn-Piñata. Ich hab auch ganz tolle Videos, wie eine Horde kleiner Mädchen in (meist) rosa Badeanzügen wild darauf eindrischt. Ein Mädchen hat geschafft, den Stock zu zerbrechen, die Piñata hielt aber erstaunlich lang stand. Das hat allen Kindern super viel Spaß gemacht, auch das empfehle ich sehr.

Tag 1826 – Muss leider draußen warten.

Long story very short: ich war mit Michel erst bei der Hausärztin, dann im Krankenhaus, da durfte ich teilweise nicht mit rein und wir wurden behandelt wie Aussätzige, weil wir vor neun Tagen aus dem Ausland(TM) zurückgekehrt sind. Michels Sprunggelenk außen ist gebrochen. Es geht ihm gut und er hat auch, im Gegensatz zu seiner Mama, nicht geweint.

Die ganze Geschichte ist natürlich ungleich länger. Aber es war alles so scheiße, dass ich mich dabei nur in Rage und eine Migräne rede. Ich habe auch das Gefühl, ich kann das kaum zusammenhängend erzählen, weil mich das emotional so geschlaucht hat. Als wir endlich zu Hause waren, musste ich mich erst mal hinlegen, so fertig war ich.

Die Ärztin hatte uns nur gesagt, wir sollen nach Ahus fahren. Das ist ein großes Krankenhaus mit mehreren Gebäuden. Sie hatte nicht gesagt, in welches Gebäude wir müssen und ich habe Michel erst in das falsche getragen. (Natürlich getragen, er konnte ja nicht laufen, deshalb waren wir ja da.) Danach habe ich Michel also in das richtige Gebäude getragen. Da wurden wir erst ins falsche Wartezimmer gesetzt und wenn nicht ein Patient (!) gesagt hätte, dass wir zum Röntgen sicher nicht ins HNO-Wartezimmer müssen, würden wir da vielleicht jetzt noch sitzen. Aber schon geil, wenn man ein Kind mit einem dicken Fuß reinträgt, sagt, man komme zum Röntgen des Fußes, dass einen dann Planlose Person A ins falsche Wartezimmer setzt. Whatever, jedenfalls mussten wir in den Keller.

Da fragte uns eine Westenperson, eine Infektionsschutzaufpasserin, ebenfalls ohne wirklichen Plan, ob wir in den letzten 10 Tagen im Ausland gewesen seien. Ich sagte „äh.“ und rechnete nach und sagte dann, wir seien vor 9 Tagen aus Deutschland zurückgekommen. Ich muss jetzt dazu sagen, dass Deutschland ein okayes Reiseland war und nach wie vor ist, das heißt, wir mussten und müssen nicht in Quarantäne nachdem wir da waren. Die Westenfrau war aber von dieser Information trotzdem überfordert und musste erst wen anrufen. Die kamen dann nach 10 Minuten, in denen wir wie Falschgeld auf dem Gang standen, mit 1 Mundschutz und 1 Paar Handschuhe – fürs Kind. „Oder waren Sie auch im Ausland?“ Ja zur Hölle natürlich war ich auch im Ausland. Vor neun Tagen. In einem „grünen“ Land. What the fuck? Ok, nach weiteren 5 Minuten kam also noch ein Mundschutz und ein paar Handschuhe und alles wurde uns mit sehr spitzen Fingern am sehr langen Arm gereicht.

Danach durften wir uns endlich anmelden. Also in einem Wartezimmer eine Nummer ziehen, warten, und uns dann anmelden. Als einzige mit dem Mundschutz und den Handschuhen der Schande. An der Anmeldung wurde uns dann mitgeteilt, dass wir im Auto warten müssten. Wegen der Auslandsreise. Vor neun Tagen. In einem grünen Land. Wir würden dann angerufen.

Ich schleppte also Michel wieder zum Auto. Es war weit und warm. Nach etwa 45 Minuten warten, in denen ich vorsorglich schon mal organisiert habe, dass Pippi mit einem anderen Kind nach dem Kindergarten nach Hause fahren kann (wir haben ja nur ein Auto), klingelte das Telefon. Michel sei in 5 Minuten dran. Wir sollen zum Ambulanzeingang kommen. An der kurzen Seite des Gebäudes. Ich dürfe nicht mit rein. Wegen der Auslandsreise. In einem grünen Land. Vor neun Tagen. Einem Land, das geringere Infektionszahlen hat als Oslo. Vor neun Tagen. Vermutlich haben wir sogar vor Mitternacht die Grenze passiert.

Vor dem Gebäude stehend, nachdem ich Michel da wieder hin getragen hatte, ging mir auf, dass ein Rechteck zwei kurze Seiten hat. Ich ging also rein, zu Planloser Person A (s.o.) und fragte, wo der Ambulanzeingang sei. „Sind Sie die aus Deutschland???“ „Ja.“ „Wo ist ihr Mundschutz???“ „Im Mülleimer. Wo ist der Ambulanzeingang?“ (was zur Hölle einfach? Soll ich Mundschutz und Handschuhe stundenlang anlassen, damit in mein eigenes Auto und alles mögliche anfassen und dann einfach wieder damit ins Krankenhaus? Was. Zur. Hölle.). Planlose Person A zeigte es mir auf einer Karte: auf der entgegengesetzten Seite des kompletten Krankenhausgeländes. Geschätzte 10 Minuten Fußweg für mich allein, ohne humpelndes Kind, das ich tragen muss. Da brach ich in Tränen aus. „Ist das ihr Ernst?“ „Das ist der Ambulanzeingang.“ „Ich muss ihn da hin tragen, er ist sieben, und da kriege ich ganze fünf Minuten vorher Bescheid???“ Achselzucken.

Ich kam, mit Michel auf dem Arm, ziemlich sehr fertig, etwa den halben Weg weit, bevor mein Telefon wieder klingelte. Wo wir denn seien? „Auf dem Weg. Ich muss ihn tragen und ja um das ganze Gelände rum, ich darf ja auch nicht durch das Gebäude…“ „Warum um das Gelände rum, das ist auf der kurzen Seite des Gebäudes.“ „Ja aber welchen Gebäudes denn?“ „Dem, in dem Sie eben waren.“ „Planlose Person A in dem Gebäude hat mich grad zum anderen Gebäude geschickt!“ „Ja, das ist falsch.“ Ich brach schon wieder in Tränen aus. Wollten die mich alle verarschen? „Sie können mit dem Auto fahren und direkt vor der Tür parken.“ na immerhin etwas.

20 statt fünf Minuten nach dem Anruf, dass Michel bald dran sei, waren wir dann also am Ambulanzeingang DER ORTHOPÄDISCHEN AMBULANZ. NICHT DES GESAMTEN KRANKENHAUSES. Und ich war mit den Nerven runter. Und Michel wurde an der Tür von der Krankenpflegerin abgeholt, mit Handschuhen und Mundschutz versorgt, in einen mit Plastik ausgekleideten Rollstuhl gesetzt und davon gefahren. Ich durfte nicht mit rein. Nicht nur nicht in den Röntgenraum. In das Gebäude. Wegen der Auslandsreise. Die vor neun Tagen war. Die kein Problem gewesen wäre, wäre sie einen Tag früher beendet gewesen. Oder wenn wir in Oslo Urlaub gemacht hätten, das, ich sage es nochmal, wesentlich höhere Ansteckungszahlen hat als Deutschland, NRW und Bielefeld. Das sagte ich der Krankenpflegerin auch, als sie Michel wieder rausrollte. Dass ich das unverhältnismäßig finde, einen Siebenjährigen deshalb nicht in ein Krankenhaus begleiten zu dürfen. Sie verstand das, ich verstand, dass das nicht auf ihrem Mist gewachsen war, ich bat trotzdem um die Weitergabe meines Feedbacks.

Vielleicht deshalb durfte ich dann immerhin zur Behandlung mit rein (mit Mundschutz und Handschuhen). Wir wurden in einen leer geräumten Raum gesetzt, in dem alles, was noch drin war – ein Stuhl für mich, ein Hocker für den Arzt, ein Tischchen und diverse Türklinken – mit blauem Plastik abgedeckt war. Ich kam mir vor als hätten wir MRSA, Krätze, Syphilis und Covid19 zusammen und würden aus offenen Geschwüren heftig eitern oder so.

Nach sehr langer Warterei kam dann ein Orthopäde, der sich von einem sehr aufgeregten Michel nochmal die ganze Geschichte erzählen ließ, hielt erst übertrieben viel Abstand und musste dann doch eine körperliche Untersuchung vornehmen, Überraschung, Michel hat nicht einen meter fünfzig lange Beine. Immerhin wurde er dann zutraulicher. Zur Besprechung des Röntgenbildes holte er dann noch einen Kollegen dazu, der aber auch der Meinung war, es sei eben das Sprunggelenk etwas untypisch gebrochen, nur ein bisschen, nicht verschoben und ohne Spaltbildung, und ohne Bänderriss, also kommt da so eine abnehmbare Schiene drum, Schmerzmittel und schonen und in ein paar Wochen springt Michel wieder rum und spielt Fußball, kein großes Ding.

Auch der Rest – das Anpassen der Schiene und Herauskomplimentieren aus dem Krankenhaus – lief einigermaßen ok ab, aber ich glaube es dauert noch ne Weile, bis ich mich von der Aktion heute erholt habe.

(Und die Moral von der Geschicht: 1. bitte immer Leuten wirklich genau sagen, wo sie hinmüssen, 2. bitte nicht Ehrlichkeit mit unverhältnismäßigen Maßnahmen bestrafen, 3. Maßnahmen wenigstens erklären, damit sie Leuten nicht ganz so unverhältnismäßig vorkommen, 4. selbst Menschen mit Covid19 sind doch Menschen, die man nicht behandeln sollte wie Aussätzige.

Danke.)

(5. Zeit, in der man ansteckend wäre, Zeit bis zur Entwicklung von Symptomen, dies, das, egal.)

(6. Wenn es sich vermeiden lässt, nicht mehr nach Ahus.)

Tag 1825 – Grad noch gefehlt.

Michel hat sich im Sport-Hort (hier sind noch Schulferien) den Fuß verknackst. Beim Fußball umgeknickt und dann „mit der Seite so auf den Boden, Mama!“. Als ich ihn abholen wollte, hielt ihn das allerdings nicht davon ab, noch bleiben zu wollen um die Runde [irgendwas]ball leicht humpelnd fertig zu spielen. Durfte er dann auch, ich holte Pippi ab und stand eine Viertelstunde später wieder im Sporthort. Da schreulender Michel, wütend auf den Klassenkameraden, der irgendwie beschissen hatte, oder sich nur nicht an die Regeln gehalten, das wurde bei dem schluchzenden Gestammel nicht ganz klar, jedenfalls totale Ultrakatastrophe für das leicht übermäßig regeltreue und gerechtigkeitsliebende Kind. Und plötzlich war auch der Fuß schlimmschlimmschlimm, völlig unmöglich, damit noch einen Meter zu gehen. Im Auto zog ich Michel Schuh und Socken aus und ja, Fußgelenk außen dick und, milde ausgedrückt, berührungsempfindlich. Michel war völlig aufgelöst „MUSS ICH JETZT ZUR LEGEVAKT???“. Ich versprach, dass wir erst nach Hause fahren, Sachen holen, Pippi waschen und Michel umziehen, der hatte nämlich auch ein Loch in der dreckigen Hose. Vom Auto aus rief ich die Legevakt an (Carona ist eine unheimlich gute Freisprecheinrichtung mit eins-a Spracherkennung). Im Hintergrund ein weinendes und ein permanent „ich will Musik hören!“ grölendes Kind. Voll schön.

Die Legevakt meinte aber, wenn es nicht blau ist und er es belasten kann (minus das theatralische Anstellen halt) sollen wir erst mal abwarten, kühlen, hochlegen und Schmerzmittel geben, es sei vermutlich bloß überdehnt. Ich verfrachtete Michel also aufs Sofa und kühlte den dicken Fuß, bzw versuchte das, denn unsere Gelpacks sind Michel zufolge „viel zu hart und eiskalt!“.

Im Laufe des Abends kristallisierte sich dann raus, was ich schon länger vermutet habe: Michel hat the worst of two worlds geerbt, nämlich ein mal ein gewisses „Ich werde mindestens sterben!“-Verhalten und ein mal Aggression als Folge von körperlicher Unzulänglichkeit. Sie dürfen ja mal raten, von wem er was hat. Wir haben also jetzt ein Kind hier, das an seinem überdehnten Fußgelenk vermutlich sterben wird, aber nicht ohne vorher alles vor Wut in Schutt und Asche zu legen.

Gespräch nach dem Abendessen:

„UND WENN DER ARZT NICHT WEITER WEISS, WAS MACHEN WIR DANN? MUSS ICH DANN HUNDERT JAHRE AUF DEM SOFA LIEGEN ODER WAS???“

(Ich, inzwischen wirklich leicht genervt von stundenlangem angeschrien werden mit doomsday-Szenarien) „Nein, ich denke dann müssen wir den Fuß amputieren.“

„DAS GEHT ÜBERHAUPT NICHT, DANN HAB ICH KEINEN FUSS MEHR UND AUSSERDEM TUT DAS SCHEISSE WEH!“

Ok, der Fuß wird also nicht amputiert. Zum Schlafen gab es noch eine Ibuprofenkapsel und Harry Potter und viel kuscheln und er schlief dann auch recht schnell ein, aber nicht ohne im Schlaf unverständliches Zeug weiter zu motzen (!). Ich baue auf Wunderheilung über Nacht, ich weiß nicht, wie ich sonst die Kratzbürste zur Hausärztin bekommen soll.

Tag 1823 – 5 Jahre.

Pippis Geburtstag und der Bloggeburtstag fallen ja aus Gründen immer nahezu zusammen, das ist sehr praktisch, den Bloggeburtstag würde ich nämlich sonst vergessen. Heia, 5 Jahre Rabensalat, auf die nächsten 5, Zwinkermiley.

Fünf Jahre Pippi ist ein sehr viel einschneidenderes Ding. Fünf Jahre mit zwei Kindern, fünf Jahre zu viert, fünf Jahre mit der kleinen Rübennasenmaus. Das Kind, das immer schon seinen eigenen Kopf hatte, den bis heute hat und hoffentlich für immer behält. Eigenwillig, durchsetzungsstark, stur (naaaawww wie der Papa). Für uns Eltern ist das nach wie vor nicht immer ausschließlich schön, aber trotzdem darf und soll Pippi bitte einfach immer genau so bleiben. Mit Ecken und Kanten. Vielleicht wird sie mal Chefin von irgendwas großem. Vielleicht auch Politikerin. Oder ein gefeierter Bühnenstar, Talent ist da, Spaß daran sich zu präsentieren auch. Wie ich sie aber kenne, macht sie irgendwann einfach genau was sie will, egal ob wir oder sonst irgendwer das gut finden.

Das ist alles schon sehr ok so. Ich hab diese Maus furchtbar lieb. Abends das Einschlafen läuft oft so: Pippi verkündet, dass sie müde ist und macht es sich auf irgendeinem Schoß, dem Sofa oder den Gartenstühlen gemütlich. Man hat dann etwa zwei Minuten, sie noch mal hoch zu bekommen um ihr einen Schlafanzug anzuziehen und die Zähne zu putzen, ansonsten schläft sie ein, wo sie grade ist. Sie ist ja müde und will schlafen, hat sie ja gesagt. Wenn wir sie normal ins Bett bringen, liest einer von uns vor und bleibt oft neben ihr sitzen, bis sie schläft, das sind bei ihr meistens nur fünf Minuten. Bevor ich mich rausschleiche, bugsiere ich sie meistens noch mal etwas mittiger aufs Bett, damit sie nicht rausfällt. Dabei schnarcht sie meistens noch mal auf, richtig laut, sehr prinzessinnenhaft. Pippi kann auch unglaublich laut rülpsen. In rosa Gewändern mit Glitzerkrönchen *RÜÜÜÜÜÜLPS*: es ist so niedlich, dass wir oft nur gekünstelt streng gucken können, aber innerlich lachen. Überhaupt ist Pippi gleichzeitig, wie ich immer gehofft hatte, dass meine feministisch erzogene Tochter ja wohl bitte nicht wird – nämlich komplett auf rosa Glitzereinhornfeenkram eingeschossen, Prinzessin hier, Mama spielen da, immer schick sein, immer schminken, Bikini muss sein und fast immer ein Kleid – und dann zieht sie aber unter dem Kleid eine Jogginghose an und schmeißt sich mit der kompletten Prinzessinnen-Montur in den Dreck und ich glaube auch nicht, dass sie sich im Kindergarten viel von irgendwem gefallen lässt. Im Zweifel rülpst sie sie halt alle in Grund und Boden.

Ausnehmend klug und überaus hübsch und all das ist Pippi natürlich auch, aber das würde jetzt unglaubwürdig, würde ich das auch noch ausführen.

Pippi halt. Einzigartig. Schon fünf. Erst fünf. Endlich fünf.

<345!

Tage 1821 und 1822 – Ach, Spatzenkind.

Gestern bin ich einfach auf dem Sofa eingeschlafen, nach einem Glas Wein und einer langen Woche und quasi mit Ansage. Ich hab mich einfach zu Herrn Rabe gekuschelt und die Augen zu gemacht und gefühlt drei Sekunden später habe ich geschlafen.

Wenn ich gestern gebloggt hätte, hätte ich aber wohl geschrieben, dass Michel sehr sehr froh war, denn er hat jetzt sein erstes Handy (damit wir ihn erreichen können, wenn er alleine von der Schule nach Hause geht, was er sich schon länger wünscht). Nach viel hin und her überlegen wurde es keine Kinder-Smartwatch und auch kein spezielles Kindertelefon, sondern mein altes iPhone im neuen Gewand (also einem extra festen und sogar wasserfesten Bumper drum rum) und innendrin von allem bereinigt, was das Kind nicht haben soll, und darüber hinaus mit scharfen parental controls für alles. Mit Apple kennen wir uns aus und man kann da wirklich viel kontrollieren, wenn man will. Die Schule lässt das ja leider nicht zu, richtet aber auch selbst keine entsprechenden Sperren am Schul-iPad ein und… tja. Das ist nicht so cool.

Jedenfalls hat Michel jetzt das Telefon und bald auch eine SIM-Karte mit der er dann nur uns und die Babysittermama anrufen kann (hähä). Die kommt aber per Post und weil er eine gewisse Zeit am Tag Pokémon Go spielen darf, was natürlich ohne WiFi nicht funktioniert, musste ich gestern mit ihm eine Runde drehen und mein Internet mit ihm teilen.

Ich dachte erst, ich könne das als flotten Spaziergang nutzen, aber beim Spielen geht es sich nicht so schnell und meine Uhr hat das nicht mal als Training erkannt. (Ich bin dann hinterher noch mal los, das war schön.)

Jedenfalls ist Michel so stolz und freut sich total und er kommt mir so groß vor – ein eigenes Handy, um alleine 30 Minuten nach Hause zu laufen, ohne dass Mama vor Panik zu Hause eingeht! Hammer!

Das hätte ich gestern geschrieben. Heute hatten wir den ersten Heulkrampf wegen Pokémon Go, also eher, weil Michel da sein bestes Pokémon in eine Arena gesetzt hatte, ohne zu wissen, dass er das erst wieder bekommt, wenn wer dagegen gekämpft hat. Als ihm das aufging schaltete sein Hirn gleichzeitig in Fight und Flight und er schreulte verzweifelt mitten im Ort eine halbe Stunde ohne sich zu beruhigen. Mein armer Zwerg.

Die Babysittermama hat mir neulich erklärt, dass solches Verhalten in Michels Alter (leider) normal ist. Ich weiß nur noch nicht ganz, wie ich damit umgehen soll. Er muss lernen, dass Fehler passieren, auch ihm, und dass das überhaupt nicht schlimm ist, solange man draus lernt. Dass man sich drüber ärgern kann und darf und sollte (sonst lernt man eventuell eben nicht draus), aber dass einen das nicht komplett blockieren darf.

Und wenn ich ihm das beigebracht hab, bringe ich das danach mir selbst bei.