Tag 2080 – Corontäne v3 Tag 4.

Michels Test ist auch negativ. Hurra.

Wir werden Pippi nicht noch mal testen lassen. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Testergebnis vor Sonntag Abend kommt, wenn die Quarantäne eh endet, ist gering und das ist es nicht wert, sie da hin zu schleppen und, man muss es ja auch mal so sehen, in einem Raum in dem sich am selben Tag auch maskenlose positive Menschen aufhalten (zur Zeit so etwa 10 über den Tag verteilt) die Maske runterlassen, erscheint ohne großen Bedarf auch wenig verlockend.

Michel geht morgen nicht zur Schule. Auch das ist es nicht wert. Es ist ein Tag, dann sind sowieso Ferien, Pippi ist auch zu Hause und die Klassenlehrerin ist schon im Urlaub. Es ist einfach wurscht, ob er morgen hingeht oder nicht. Außer für die Pandemie. Sagen Sie ihm das nicht, denn eigentlich war die Bedingung dafür, dass er morgen nicht zur Schule gehen muss, dass er heute (und morgen) Mathe macht, das hat er nämlich die ganze Woche schon vor sich hergeschoben. Heute hat er es auch gemacht, aber nur unter Geschrei als würde er dabei gefoltert. Die Schulbuchmacher sind schuld, denn die denken sich aus, dass Achtjährige Aufgaben machen müssen, die eher in der fünften Klasse kommen sollten. Schreit Michel. Glauben Sie ihm das ruhig, er muss es wissen, unschaffbar schwer sind die Aufgaben nämlich, völlig unmöglich zu lösen.

Wir danken Herrn Rabes Engelsgeduld und pädagogischer Ader sowie den Erfindern der Noise Cancelling-Funktion der Air Pods Pro (die wirklich überragend ist), dass hier heute niemand Amok gelaufen oder ausgezogen ist.

Die Schweinchen hatten heute auch irgendwie Stress. Nach dem Abendessen war alles noch gut, als wir die Kinder im Bett hatten, dachte ich, die Schweinchen nehmen die Kiste auseinander. Pølse hat offenbar die Schnauze voll davon, sich Muffin unterzuordnen und jagte die beiden anderen durch den Käfig. Alle drei quiekend und schnatternd, dabei immer wieder Herumgepolter vom Rennen, neues Qieken, wildes Schnattern. Marshmallow wollte offenbar am liebsten da rausgehalten werden und steckte ihren Kopf ins Heu, vermutlich glaubend, dass man sie dann nicht mehr sehen kann. Allerdings wurde sie in ihrem Heuhaufen dann einfach von den anderen beiden über den Haufen gerannt. Pølse versucht, Muffin zu unterwerfen, indem sie ihm bespringt, Muffin versucht sie abwechselnd abzuschütteln und wiegt sich brommselnd hin und her. Das ging sehr geräuschintensiv etwa zwei Stunden so, jetzt scheint aber zumindest so weit Ruhe eingekehrt zu sein, dass ich es schnurpsen und gurren (und sonst nichts) höre.

Ich war ehrlich gesagt nicht auf solcherlei Rangordnungskämpfe vorbereitet, als ich die Schweinchen zu uns holte. Die sind so niedlich und eben so gefährlich wie eine sehr haarige, dicke Wurst mit sehr kurzen Beinchen, aber holla die Waldfee, wenn da eine die Faxen dicke hat, dann geht’s rund. Und Wurst gegen Wurst ist dann auch nicht schön, vor allem wenn die Würste lange und kräftige Zähne haben.

Tag 2079 – Corontäne v3 Tag 3.

Das wichtigste zuerst: Pippi und Herr Rabe haben heute ein negatives Testergebnis bekommen. Herr Rabe und ich dürfen demnach das Haus wieder verlassen. Michels Ergebnis ist noch nicht da, der bleibt also auch morgen noch zu Hause.

Ich habe pandemiebedingt überhaupt keine Bullshittoleranz mehr. Sie war nie toll, jetzt ist sie nicht mehr existent. Twitter lese ich ja nun schon gar nicht mehr (wirklich gar nicht), aber egal welches Törchen zur Welt da draußen ich öffne, ich möchte Leute unsanft darauf hinweisen, dass das, was sie erzählen, Quark ist. Heute war ich kurz davor, einen Leserinnenbrief an NRK zu schreiben, weil sich dort einer der Statistiker des FHI hinstellt und sagt: wir können den R-Wert nicht unter 1 drücken. Es sei nicht möglich, wegen Mutante. Und da möchte ich schreien, weil es einfach nicht stimmt und reine Meinungsmache ist, denn: das FHI WILL nicht die Maßnahmen ergreifen, die in dieser Phase der Pandemie nötig wären, um den R-Wert unter 1 zu drücken. Natürlich ist es MÖGLICH, und anderen Ländern ist es auch schon gelungen, Stichwort: harter (WIRKLICH harter) Lockdown. Extremfall: alle bleiben 14 Tage zu Hause, einzeln isoliert. Das ist praktisch nicht durchführbar, würde aber zu einer sicheren Unterbrechung aller Infektionsketten führen. Wie gesagt, praktisch nicht durchführbar, das ist aber was anderes als nicht möglich. Und wenn man die Schulen und Kindergärten partout nicht schließen WILL, muss man die Eier haben, zu sagen: mit den Werkzeugen, die wir benutzen wollen, wird R vermutlich nicht unter 1 sinken. Aber doch nicht, dass es einfach gar nicht geht, als gäbe es ein Naturgesetz, das heißt „die dritte Welle ist nicht aufhaltbar“.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin nicht für komplett geschlossene Schulen und Kindergärten. Schon mal gar nicht, wenn man dafür dann andere Werkzeuge links liegen lässt, wie Homeofficepflicht (looking at you, Deutschland). Aber ich bin für Ehrlichkeit und offene, klare Kommunikation. Verarschen kann ich mich nämlich auch alleine, aber ich habe zu viel Selbstrespekt, das zu tun.

Noch ein Beispiel: ich habe heute einen Podcast ausgemacht, nachdem einer zum Thema „Wie hast Du 2020 gemeistert?“ meinte „2020 war das allerbeste Jahr meines Lebens, denn da wurde mein erstes Kind geboren“. Ja, Manfred*, das ist ja schön für dich, aber nicht so ganz praktikabel für die Allgemeinheit, nicht wahr?

In echt möchte ich unflätig beleidigen. Leute schütteln ist ja nicht erlaubt zur Zeit.

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*Name von der Redaktion geändert

Tag 2078 – Corontäne v3 Tag 2.

Zuallererst: es gibt noch keine Testergebnisse. Ich hatte damit heute gerechnet, aber es scheint tatsächlich, als sei die Testkapazität am Limit, zumindest für das Krankenhaus, das komplett Oslo Ost und alles nördlich davon bis hoch zu uns versorgt. Hier Lorioteskes Ach denken. Es geht uns aber allen gut, bzw. so gut wie es uns halt geht, so alle aufeinander hockend und dabei versuchend, zwei systemrelevanten Vollzeitjobs im Homeoffice nachzugehen.

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Es gibt angeblich kein Bier auf Hawaii, in Norwegen gibt’s aber auch keins, jedenfalls nicht in Restaurants, Kneipen etc., bis zum 12. April. Außerdem ist der Meter verdoppelt worden, wir dürfen keinen treffen, auf die Hütte können wir, aber dort dürfen wir auch keinen treffen und zur Strafe (klang jedenfalls so, als sei das alles irgendwie Schuld der Bevölkerung) gibt’s den Plan zur Öffnung noch nicht nächste Woche sondern erst nach dem 12. April irgendwann. Nämlich!

Ich bin dessen so müde und einfach nur froh, dass wir uns hier zu Hause einigeln können, mit Homeoffice und Kinder überhaupt betreuen können und der Möglichkeit für ein paar Taler mehr alles zu bestellen, wonach uns der Sinn steht. Sogar Bier. (Wein nicht, aber Vinmonopolet hat noch auf und bietet sicher auch Click&Collect an.)

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Es könnte endlich Frühling werden, da kann man die Kinder aufs Trampolin jagen. Noch können wir es nicht mal aufbauen, die Erdanker sind irgendwo unterm Schnee.

Tag 2077 – Corontäne v3 Tag 1.

Eine neue Version von Corontäne, die, die man vermutlich am wenigsten braucht. Heute morgen, eine halbe Stunde nachdem ich Pippi im Kindergarten abgeliefert hatte (in ihrer Draußen-Kohorte, was sie total blöd fand, weil da ihre Freunde nicht sind), rief die Dame vom Kulturhjulet an. Ich wollte sie erst abwürgen, weil ich in einem Meeting saß und dachte, sie riefe an, weil ich zu fragen geplant hatte, ob ich am Orchester teilnehmen kann (ja, geplant hatte. Nicht umgesetzt, aber so schnell habe ich nicht geschaltet). Sie sagte dann aber „hör erstmal an, worum es geht, dann erledigt sich ein Rückruf vermutlich von selbst“. Tja, also, wie soll ich sagen, es ist die gerechte Strafe dafür, dass wir Pippi zu der einzigen noch erlaubten Freizeitaktivität haben gehen lassen. Dort war am Donnerstag ein Kind (eines der drei anderen, die zusammen mit viel Abstand in einem Raum stehen und, zur Zeit, Geige ausprobieren), das heute ein positives Testergebnis bekommen hat.

Das war ein sehr kurzes Meeting für mich und ein sehr kurzer Aufenthalt für Pippi im Kindergarten.

Mittags kam dann der Anruf vom „Smittesporingsteam“. Pippi ist in Quarantäne, aus der sie sich frühestens Freitag (7 volle Tage nach Kontakt, plus einen halben Tag, weil nach 18 Uhr keine Tests mehr gemacht werden) freitesten kann. Uns Familienmitgliedern wird „Wartequarantäne“ empfohlen, die so lange gilt, bis Pippi einen negativen Test gemacht hat (dann sind wir raus) oder Symptome bekommt (dann sind wir in echter Quarantäne). Der Unterschied ist: Quarantäne für Erstkontakte ist gesetzlich verankert, Quarantäne für deren Haushaltsmitglieder aber nicht. Zwingen können sie uns nicht, es gibt keine rechtliche Handhabe („hjemmel“, damit kenne ich mich beruflich aus).

Nun ist es ja aber so, dass wir vernünftige Menschen sind und Herr Rabe und Michel eh nach dem Test heute Nachmittag bis zum Ergebnis in (echter) Quarantäne sind. Wir haben also eine sehr große Bestellung beim Lieferdienst aufgegeben, ich habe kontaktlos Michels Schulsachen abgeholt und jetzt bunkern wir uns ein. Herr Rabe hat beim Testzentrum angerufen und gefragt, ob er seinen Termin an Pippi abtreten könne (denn dann könnte Michel, wenn sein Test auch negativ ist, etwa ab Mittwoch wieder zur Schule), er konnte sie dann aber einfach mitbringen und sie wurden alle drei getestet. Natürlich kratzt es bei mir seither auch hypochondrisch im Hals, aber das kriegen wir auch alles hin, alles wird gut, wooozaaaa. Pippi hat jetzt halt zwei statt einer Woche Osterferien und Michel… mal sehen, eventuell auch.

Bestimmt hat niemand Corona und wenn geht es glimpflich ab.

Jetzt ein Schnaps und Atmen.

Tag 2076 – Bad Rothenfelde.

Heute:

– Alles brennt. Schulen und Kindergärten in unserem Kaff auf rotem Niveau, Alarm, Alarm, Krise*. Michel geht morgen nicht zur Schule, er hat Halsschmerzen und er und Herr Rabe gehen nachmittags zum Coronatest.

– Ich hab mir, ein Jahr into Pandemie und so late to the Party, dass alle schon nach Hause gegangen sind, ein RingFit gekauft. Jetzt also Training mit Gamification. Zuerst hat Michel exzessiv gespielt und es als „bestes Spiel EVER!“ bezeichnet, bis er Blasen und Muskelkater hatte. Dann durfte ich auch mal und es macht schon Spaß, muss ich sagen.

– Michels noch fehlender Schneidezahn guckt endlich raus. Ich hatte schon ernsthaft befürchtet, dass da keiner kommt. Aber doch, eindeutig ein Zahn.

– Pippi vergesse ich demnächst an der Tankstelle Ladesäule. Vorschulphase ist Scheißphase. Wo Michel eher wütend war, ist Pippi weinerlich. Wegen jedem Scheiß wird hier hundertmal am Tag losgeheult, als würden wir vor ihren Augen Einhornbabies schlachten. Bevorzugt in Situationen, in denen niemand Kapazitäten hat, das zu ~begleiten~, zum Beispiel weil sehr hektisch Mails geschrieben werden müssen, man sei systemrelevant und könne wirklich wirklich gar nicht komplett auf Kindergarten verzichten, echt wirklich nicht schon mal gar nicht in der Vorschulphase.

– (Full disclosure: das war eigentlich schon letzte Woche) Wir haben den einen Wandbehang meiner Omi endlich aufgehängt. Hinten ist ein Schild drauf mit Informationen zu dem Werk, unter anderem der Name, Bad Rothenfelde. Dort war mein Opi immer mal wieder zur Kur, die Salinen, Sie wissen schon. Ich nehme an, das Stück ist entweder dort oder in einer solchen Zeit entstanden. Und weil Michel zwar neugierig ist, gut englisch kann, aber mehr rät als liest, „las“ er den Titel vor: „Bad rotten flesh?“ Wir haben darüber sehr gelacht.

Bad rotten flesh.

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*This escalated quickly. Vor ein paar Tagen hieß es noch ganz überzeugt „die Lage ist übersichtlich und wir haben Kontrolle“. Jetzt „wir haben keine Kontrolle und die Testkapazitäten reichen nicht mehr aus“. Wenn ich ersteres nicht schon länger für eine grobe Fehleinschätzung gehalten hätte, käme ich mir jetzt wohl verarscht vor. So ist es nur ein Lorioteskes „Ach.“

Tag 2075 – Samstagsdinge.

Es gibt angeblich kein Bier auf Hawaii, es gibt ganz sicher aber kein Roggenmehl in Eidsvoll. Was ist da los, backen schon wieder alle Bananenbrot?

Lange geschlafen, kurz zufällig beide Kinder gleichzeitig aus dem Haus gehabt, etwas Geige gespielt, lange spazieren gegangen, lange gekneipt.

Sehr schön war’s, so insgesamt.

Jetzt Bett.

Tag 2074 – Drei Monate.

Heute war ich im Krankenhaus, zur Vorbesprechung der Operation zur Schilddrüsenentfernung. Das war so lala, muss ich sagen. Erstens wird ja zur Zeit hier alles abgesagt, was planbar und, Zitat, „kein Krebs“ ist. Ich muss auch sagen, ich muss nicht gerade jetzt im Krankenhaus liegen, während dieses Krankenhaus keinerlei freie Intensivkapazitäten mehr hat. Aber das ist nur ein Teil des Problems, denn der Chirurg möchte gerne, dass ich vorher eine sogenannte Block and Replace-Therapie mache, damit meine Schilddrüse schon mal einschrumpelt. Bisher mache ich nur Block, nehme also Schilddrüsenblocker, damit meine Schilddrüse auf ein normales Maß gedrosselt wird. Replace wäre Einnahme von L-Thyroxin, damit meine Schilddrüse schon so richtig faul wird und gar nix mehr macht. Dann schrumpft sie (auf ein normales Maß zurück oder kleiner) und dann lässt sie sich auch besser operieren. Das heißt in meinem Laienohr aber: ich würde dann in eine Unterfunktion gehen, mit allem, was dazu gehört*. Schmöschte das nischt. Nun muss ich erst wieder mit der Endokrinologin sprechen, was die dazu meint. Der Chirurg meinte, er und ich sprechen uns in zwei Monaten wieder. Wenn sie dann „auf den roten Knopf drücken“, ist die Zeit bis zur OP drei bis vier Wochen. Das wäre am Anfang der Sommerferien. Genau, wie ich mir selbige vorgestellt hatte. Nicht!

Ansonsten wurde ich über mögliche Komplikationen aufgeklärt und es wurde ein Ultraschall der Schilddrüse gemacht. Meine Schilddrüse ist, laut Chirurg, geprägt von jahrelanger Entzündung, leicht vergrößert und stark durchblutet. Aber kein Krebs, keine Knoten, nix, wie im Morbus-Basedow-Bilderbuch.

Die beste Krankheit taugt nix, echt.

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*Müdigkeit, Gewichtszunahme, in meinem Fall auch Risiko auf Gollumaugenscheiße

Tag 2073 – Nichts los hier.

Alltag eben. Bestes Event: endlich mit der Kollegin und dem Lieblingskollegen ein virtuelles Mittagessen abgehalten. Nach einem Jahr Homeoffice und der Aussicht auf weitere mindestens 4 Monate.

Ich hab die Schnauze voll von Homeoffice, das ist ja aber auch nichts Neues.

Wenn mir dann wer sagt „aber im Juni sind wir doch alle geimpft“ möchte ich der die Impfpläne um die Ohren hauen, die besagen, dass man im Juli mit meiner Gruppe überhaupt erst anfangen wird. Was ja gut ist, weil es heißt, dass ich jung und gesund bin und mein Risiko, schwer an Covid19 zu erkranken, gering. Das heißt aber nicht, dass ich ab erstem Juli dann wieder in knallvollen Büros sitzen will, ungeimpft.

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Ach ja, Covid und Impfstoff. PRAC hat gesprochen und sagt, die Vorteile des Impfens überwiegen gegenüber den sehr seltenen Fällen von Sinusvenenthrombosen in Verbindung mit Thrombozytopenie, deren Zusammenhang mit den Impfungen zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden kann.

Gleichzeitig haben norwegische Ärzte im Blut der Patient*innen Antikörper gegen deren eigenes Blut gefunden, das sieht man sonst nur ganz selten nach Heparin-Gabe. (Heparin wird nicht gesunden Menschen gegeben, sondern kranken. Da ist die Basis für die Nutzen-Risiko-Abwägung eine andere. Aber ich schweife regulatorisch ab.)

Auch gleichzeitig sind zwei weitere Patient*Innen mit Thrombosen und Thrombozytopenie in Oslo eingeliefert worden. Ingesamt jetzt also sechs in Norwegen.

Jeder Mitgliedsstaat hat das Recht, eigene Entscheidungen zu treffen. Ein Entzug der Zulassung hingegen hätte für alle Mitgliedstaaten bedeutet, dass sie diesen Impfstoff nicht mehr einsetzen können (also, naja, schon, aber dann würden sie gegen EU-Recht und -Verträge verstoßen).

Ich lasse das mal so unbewertet stehen, ich will mich da nämlich wirklich nicht streiten, es bringt nichts, außer Sie sitzen zufällig im PRAC oder der Europäischen Kommission, dann vielleicht, aber selbst dann könnten Sie ja nicht allein bestimmen – Demokratie eben.

Ich hab jedenfalls das Gefühl, dass uns das noch eine Weile beschäftigen wird.

Tag 2072 – Milder gestimmt.

Arbeitstag mit seltsamen Komplimenten (ich folge doch nur Conduct of Inspections of Pharmaceutical Manufacturers or Importers Punkt 2.4) und ein bisschen Chaos und ein bisschen Langeweile und ein bisschen Eskalation. Bunte Mischung.

Zwischendurch (siehe Langeweile) habe ich mir Notenbücher bestellt. Ich habe nämlich letzte Woche aus einer Laune heraus meine Geige herausgeholt, bedröppelt festgestellt, dass alle Saiten mehr oder weniger hinüber waren, beide Bögen mehr oder weniger hinüber sind und das Schaumpolster und die Gummiüberzieher der Schulterstütze morsch sind. Im Vorrat fanden sich noch drei Saiten, die einzige wirklich kaputte – A – aber natürlich nicht. Also bestellte ich ich einen Satz und eine extra A-Saite und eine neue Schulterstütze. Und schrieb, nach Tipp des Lieblingskollegen, eine Kollegin an, ob sie einen Bogenmacher kennt, der wenigstens meinen Lieblingsbogen neu bespannen kann. Die ziemlich vielen gerissenen Haare am Bogen schnitt ich erst mal ab.

Gestern kam dann die A-Saite und die Schulterstütze. Der Saitensatz war ausverkauft. Aber so oft reißen Geigensaiten ja nun auch wieder nicht, wenn ich da irgendwann demnächst mal was bekomme, bin ich vorerst safe. Die A-Saite zog ich also auf (die anderen hatte ich letzte Woche schon gewechselt), stimmte, stimmte wieder, stimmte ca. 500 mal bis ich nicht mehr sofort nachstimmen musste, stellte den Steg wieder auf, der sich durch das Aufziehen der Saiten etwas geneigt hatte und dann spannte ich todesmutig zum ersten Mal seit ca. 15 Jahren meinen nun eben leicht ausgedünnten Bogen und schrappte ein bisschen auf den Saiten herum. Gestern ging das so mittelmäßig gut, der Bogen hopste sehr und die Finger wollten gar nicht mitmachen und alles an mir fühlte sich sehr verkrampft an. Außerdem waren meine Fingernägel zu lang und ich hatte geschafft, mich selbst zu kneifen. Aber schön war es. Ich mag ja meine Geige sehr, muss ich sagen. Sie klingt sehr schön und ist hübsch, sieht alt aus und ist es ja auch („Dachbodenfund“, aber restauriert) und sie ist meins und als Kind und Jugendliche haben wir sehr sehr viel Zeit miteinander verbracht. Dann kam Demotivation, weil ich irgendwann keinen großen Fortschritt mehr merkte. Vermutlich wäre es damals gut gewesen, eine*n neue*n Lehrer*In zu suchen, so im Nachhinein. Ich hörte halt nach der Schule einfach auf zu spielen, und zwei, drei Jahre nach der Schule wanderte die Geige in ihren Koffer und ward nicht mehr ausgepackt.

Heute probierte ich es noch mal, mit Noten und nicht nur Tonleitern. Nach einigem Graben hatte ich meine alten Etüdenbücher wieder gefunden und erwartete eigentlich etwa das gleiche Resultat wie gestern. Die ersten fünf Minuten war es auch so. Mein Bogenarm ist schlapp und der Bogen hüpfte und bewegte sich irgendwo zwischen Griffbrett und Steg wild herum, die linke Hand traf nur grob in Richtung der richtigen Töne und ich war froh, dass das niemand hörte (weil Herr Rabe und Michel Pokémon fangen waren und Pippi fernsah). Aber nach ein paar Minuten Konzentration auf die Finger ging das wieder und nach ein paar mehr Minuten Konzentration auf den Bogen lief auch der wesentlich runder (zumindest im Legato). Nach anderthalb Stunden tat mir alles weh, die Fingerkuppen, der rechte Arm, der linke Arm, aber: ich hatte ein Ergebnis produziert, das sich durchaus mit dem messen lassen kann, was ich vor mehr als 20 Jahren gespielt hätte, als ich mir an den 3 heutigen Etüden das erste mal die Zähne ausbiss.

Und vor allem hatte ich sehr große Freude daran. Es ist eben ein sehr schönes Instrument. Wenn man’s kann.

Vorläufiges Fazit des Tages, was das Geige spielen angeht: sehr schön. Ein bisschen wie Fahrrad fahren, zumindest auf das Niveau von 3-4 Jahren Unterricht (in Frau-Rabe-Unterrichts-Jahren, s.u.) kommt man schnell wieder. Gerne wieder, sehr gerne sogar. Unterricht wäre sicher gut, aber erst mal muss die Pandemie weggehen. Und morgen hab ich sicher Muskelkater, aber der ist ehrlich erarbeitet.

Freitag bringe ich den Bogen zum Bespannen lassen. Dann kann ich ihn voraussichtlich Dienstag wieder abholen. Solange muss ich mit dem anderen, noch ömmeligeren Bogen üben, aber was soll’s. (Das Bespannen selbst dauert nicht so lange aber Coronabedingt sind die Angestellten dort alle in Kurzarbeit und der Bogenmacher arbeitet nächste Woche nur Dienstag.) Ich freu mich.

P.S. Nicht dass Sie denken, ich wäre mal wirklich gut gewesen. Nope. Ich habe kein übermäßig großes Talent dazu. Ich kann sehr gut hören und bin sehr diszipliniert und kann auch fleißig sein, das ist drei viertel der Miete. Der Rest ist vermutlich Talent und das habe ich, wie gesagt, nicht. Aber ich muss ja jetzt auch gar nicht mehr mit den anderen viel talentierteren Kindern zusammen im Geigerkreis und im Orchester spielen und mir angucken, wie die mit der Hälfte der Erfahrung an mir im Können vorbei ziehen. Ich bin jetzt groß und kann das einfach für mich machen! Und wenn ich Vivaldi in halbem Tempo spiele, erfährt das niemand! Erwachsen sein ist toll!