Tag 749 – Naja, immerhin Pilze gefunden. 

Komplett beschissener Tag (schlechte Nachrichten vom Tausend-Replikate-Versuch, das heißt jetzt, ganz kurz, damit ich nicht wieder heule, drei Möglichkeiten: 1) ein richtig schlimm Bad Science Paper schreiben, in dem ich nur drei von sieben Replikaten betrachte, das als Manuskript in die Thesis hauen und danach sehr schnell verdrängen, was ich da tat; 2) Mithilfe des Chefs* versuchen, mit einem Siebtautor-Paper und einem (hoffentlich bis dahin immerhin eingereichten) Manuskript, das aber ENORM aufwändig und auch gut ist, zu verteidigen, verstößt halt eigentlich gegen die Regeln, aber wozu gibt’s denn sonst die Ausnahmenklausel?; 3) Aufgeben. Und glauben Sie mir, das ist grad echt eine Option, ich bin so fertig, ich möchte nur noch heulen.) aber schauen Sie mal, was wir heute schönes fürs heutige und auch morgige Mittagessen gefunden haben:




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*auf den bin ich langsam echt sauer. Heute ich in langer Mail: „Wir könnten also den Antikörper oder den oder den kaufen, hier sind die Vor- und Nachteile von jeder Option, überleg dir was und bestell dann.“ Er, nach tausend Stunden und dem… Eklat mit dem tausend-Replikate-Versuch: „Bestell, was du brauchst.“ Orr. Was ich bisher im PhD gelernt hab: 1. vertrau niemandem; 2. Verlass dich auf niemanden;  3. Undank ist der Welten Lohn; 4. Machs lieber gleich alleine, wegen 1. und 2. und 3..

Tag 328 – WMDEDGT Juli ’16

Heute ist wieder der fünfte und das heißt, Frau Brüllen will von uns wissen, was wir den ganzen Tag so machen.

Heute begann damit, dass ich nach einer weiteren ziemlich schrecklichen Nacht eigentlich beim Weckerklingeln beschlossen habe, noch eine Stunde liegen zu bleiben. Fünfzehn Minuten später war Pippi wach und weckte durch ihr Herumgeturne auch direkt Michel mit auf. Gaaaanz toll. Also stand ich doch mit beiden auf, wechselte Pippis Windel, machte mir Kaffee, ging duschen, putze Michels Po ab, schmierte Michel Brote. Alles im Zombiemodus. Und während Herr Rabe weiterschlief.

Wie immer in den letzten Tagen überlegte sich Michel just in dem Moment, als ich zur Tür raus wollte, dass er von mir in den Kindergarten gebracht werden wollte. Ich erklärte, ich müsse zur Arbeit. Er brach in Geheul aus. Ich tröstete nach Kräften, kuschelte noch ein bisschen mit ihm, erklärte und machte und tat, aber es half alles nichts. Am Ende musste ich wirklich dringend los und ließ ein brüllendes Kleinkind und ein hungriges Baby bei Herrn Rabe.

Dann bastelte ich fluchend den Fahrradschlosshalter an ein anderes Rohr an meinem Fahrrad, weil an der alten Anbringestelle irgendeine ungute Schloss-Kabel-Kombination nervtötend gequietscht hatte. Quietschfrei* fuhr ich zur Arbeit. 10 Minuten frische Luft und Bewegung und ich bin ein fast ganz anderer Mensch.

Weil ich bei der Arbeit eh durchs Labor reinkomme, guckte ich kurz auf meine Zellkulturen und entwarf fix einen Arbeitsplan. Medium ins Wasserbad und weiter ins Büro. Kram abladen und Frühstück holen. Dann Frühstück vorm Computer und dabei verzweifelte Suche nach den richtigen Zellen in unseren drei Stickstofftanks. In Power-Point-Sheets ist da eigentlich alles vermerkt, aber ich bin ja immer hypergenau und wenn dann da „HeLa S3 old“ steht, wo ich nach „HeLa“ gesucht habe, macht mich das total nervös. Egal. Letzten Endes taute ich dann „HeLa S3“ ohne alt oder neu, dafür von ’98 auf. Mal sehen, wie die sich so machen. Keine zwanzig Minuten später kam eine e-mail, in zwei der Stickstofftanks seien lose Boxen gefallen, da kriege man die Türme jetzt nicht mehr rein. Die müssen geleert werden, um an die Boxen zu kommen, das passiert jetzt über den Sommer und überhaupt könne man dann mal Ordnung in die Zellen bringen. Jaja.

Nach Zellkulturpflege ging ich Mittagessen kaufen. Kirschtomaten für 10 €/kg, ein Kohlrabi für knapp 2 €/Stück (es gibt grade Kohlrabi! ich raste aus!), eine Birne für fast 4 €/kg. Es ist zum heulen hier.

Mittagspause alleine. Juli in Norwegen ist einsam.

Bewaffnet mit diversen Protokollen wieder ins Labor. Hydrolyse von ein paar Proben, während der Wartezeiten Puffer und Gedöns angesetzt. Pakete entgegengenommen. Dabei Podcast gehört (ein <3 an den kleinerdrei-Podcast). Irgendwann fertig mit Puffern aber trotzdem noch Wartezeiten übrig: Kaffee geholt und in der Sonne draußen getrunken (heute ohne Besuch von jungen Möwen. Die machen mich immer sehr nervös, weil wo junge Möwen sind, sind die Eltern nicht weit. Und wenn die Eltern finden, dass man zu nah an ihren Babies ist, greifen die an.). Noch ein paar Handgriffe, alles ins Papierlose (Neuerung!) Laborjournal eingetragen und Feierabend. Quasi auf dem Weg aus der Tür kam mir mein Schweizer „Kollege“ (nicht wirklich, er macht nur einen Forschungsaufenthalt bei uns) entgegen und berichtete von der Horrortour des Wochenendes: Er, seine Frau und die drei Kinder (alle unter 5) sollten Sonntag Mittag von Zürich über Oslo nach Trondheim fliegen. Dann hatte der Flug von Zürich Verspätung, sodass sie den Anschluss in Oslo nicht bekommen hätten. Sie wurden also umgebucht auf einen Flug nach Stockholm, der dann (spät) abends Anschluss nach Trondheim hätte haben sollen. Der hatte dann aber auch Verspätung, sie kamen zwar nach Stockholm, wurden da aber direkt ins Hotel verfrachtet. Am Flughafen, wohlgemerkt, nicht IN Stockholm. Für ZWEI Nächte, denn Montag seien alle Flüge schon voll. Tja, so gewannen sie einen Tag im Flughafenhotel Arlanda Airport (sie fuhren in die Stadt, aber alle waren ziemlich fertig und gerädert) und kamen heute nach zwei Tagen Tortour endlich in Trondheim an.

Nun ja, ich fuhr nach dieser fürchterlichen Geschichte los, traf Herrn Rabe und Pippi, die auf Shoppingtour waren und begleitete sie ein Stückchen. Fuhr dann fix weiter nach Hause, schmiss meinen Rucksack rein und fuhr wieder los um Michel abzuholen.

Michel abholen dauerte eine geschlagene Stunde, weil sein Kumpel H. wieder da ist und wir mit denen ein Stück Weg „gingen“, also spielten und turnten und Quatsch machten. Und dann musste Michel noch Blumen am Weg pflücken. Und an jedem Hundehaufen anhalten. Gnaaaaahhhh.

Wieder zu Hause gab es eine fixe Wäsche für Michel, ein paar Erdbeeren für Pippi, ein trockenes Brötchen für mich, weil ich sonst wen gebissen hätte, und dann irgendwann endlich Essen für alle. Während des Essens sprach ich mit H.s Mutter ab, dass wir uns später noch im Park treffen würden. Nach dem Essen machte ich Pippi schon mal Bettfertig, Michel zog sich was halbwegs sauberes an, wir packten die letzten zwei kleinen Vanilleeis ein und dann gingen wir mit Fahrrad und Kinderwagen in den Park.

Michel und H. spielten ziemlich wild, aber alleine, Pippi turnte auf einer Bank herum und wir Erwachsenen unterhielten uns. Irgendwann war Michel im Brunnen, weil H. das Duplo-Auto etwas zu weit hereingeworfen hatte. Immerhin hatte er sich vorher die Schuhe ausgezogen und die Hose hochgekrempelt, deshalb war nur die Hose nur untern ein bisschen nass. Herr Rabe zog trotzdem los, ein Handtuch holen. Kaum hatte er sich umgedreht, rutschte Michel im Brunnen aus und landete auf dem Po. Bis zur Brust im Wasser. Er kam dann auch gleich angewackelt, H.s Mutter und ich zogen ihm die klitschnassen und eiskalten Sachen aus und Michel bekam die Jacke von H.s Mutter geliehen, damit ihm nicht zu kalt sei. Also flitzte er mit einem Hoodie Größe L über den Spielplatz, bis Herr Rabe zurückkam. Und dann noch etwas mehr, bis Herr Rabe ihn einfangen konnte.

Irgendwann schafften wir es dann aber doch nach Hause. Ich verfrachtete Pippi direkt ins Bett, während Herr Rabe Michel noch mal warm abduschte und dann auch bettfertig machte. Pippi schlief beim Stillen sehr schnell ein, war dann aber auch schnell wieder wach und wollte ewig Nuckeln. Nach einigem Hin und Her und Diskussion und Gebrüll schlief sie aber dann doch wieder ein und ich sitze jetzt hier und schreibe auf und möchte sehr gerne ein Eis, aber ich befürchte, sobald ich hier fertig bin und zum Kühlschrank gehe, wird Pippi wieder wach.

Also gucke ich noch ein bisschen die Schnecken an, die hier neben mir stehen und Süßkartoffel fressen. Der einen klebt ein Stückchen Eierschale am Häuschen. Papa-Schnecke ist schon ziemlich gewachsen. Die anderen auch, aber bei Papa-Schnecke fällt es mehr auf. Morgen wird das große Terrarium geliefert. Dann können sie eventuell umziehen, mal sehen. Nötig ist es glaube ich noch nicht.

 

*Ein Kabel ist komisch verlegt und quietscht immer noch. Es nervt mich zu Tode. Tipps?

 

Tag 85

Ein Tag ohne Überschrift.

Nichts besonderes gewesen heute, das Baby möchte viel schlafen aber ausschließlich mit menschlicher Unterlage und möglichst aufrecht, also wenn die Unterlage sitzt. Im Sitzen schlafe ich aber nicht so gut, deshalb hab ich heute eine lange Schlafphase genutzt, um Statistikkurskram zu machen. Manches geht echt gut, eigentlich schon fast zu einfach, und bei manchem hängt sich einfach mein Gehirn auf. Nun ja. In vier Wochen ist die Klausur und dann ist es vorbei. Woohoo. Und dann hab ich alle Punkte zusammen für meinen PhD. Also, falls ich bestehe, aber davon gehe ich mal aus. Das heißt, dann fehlen nur noch die drei Veröffentlichungen, davon 2 als Erstautorin *hysterisches Lachen hier einfügen* und dann noch die Dissertation schreiben, die ist dann aber nur kurz und dann die Verteidigung. Wenn ich daran denke, gehe ich jetzt schon in Schockstarre.

Tag 67 – Fünffachopa

Heute war ich ja bei dem Projektmeeting. Mit Baby. Natürlich war das Baby zunächst mal ein Hingucker, dann sagte mein Chef auch noch „You don’t look too tired!“ und ich entgegnete ein trockenes „Jaha, well, fake it ‚til you make it!“ und hatte dann auch die Lacher auf meiner Seite. Bei dem Meeting waren sechs Leute außer mir, von denen haben fünf Kinder. Das ist, was ich an Norwegen so mag: Hier haben alle Kinder und die meisten haben mehrere. Viele kriegen auch relativ jung Kinder. Die meisten Mütter nehmen ca. 10 Monate Elternzeit und kommen dann Vollzeit zurück. Die meisten Väter nehmen 10 Wochen, aber viele auch mehr. Manche Eltern reduzieren dann ihre Arbeitszeit auf 80 %, manche nicht. Aber niemand käme auf die Idee, ein Vollzeit arbeitendes Elter als Rabenelter zu betiteln. Und weil halt alle Kinder haben, wird SELBSTVERSTÄNDLICH kein Meeting auf irgend eine komische Zeit gelegt, sondern man schafft es danach immer noch bequem zum Kindergarten oder zur Schule zum Abholen. Und weil halt auch alle mal Babys hatten, ist so ein Baby im Meeting (nach der ersten Oh-Gott-ist-das-süüüüß-Euphorie) auch nichts besonderes. Auch nicht, dass man mal zwischendurch Stillen muss oder das Baby quakt. Lediglich als das Baby sehr geräuschvoll die Windel füllte, erntete es kurze Lacher und ich bekam (vom Vater dreier Söhne) einen wissenden Schmunzelblick zugeworfen. Leider ist mein Hirn tatsächlich etwas Babymatschig geworden, sodass ich relativ lange brauchte, um wieder ins Thema zu kommen. Aber egal, das kommt auch alles wieder. Bekomme jetzt erst mal von meinem Chef die Dissertation eines Kollegen geschickt, die ich dann auch nicht lese.

Nach dem Meeting trank ich noch einen Kaffee mit meinem Chef, der mir dabei die amüsante Geschichte erzählte, wie er auf seine Enkelkinder aufpasste. Er ist nämlich gestern zum fünften Mal Opa geworden, weil eine seiner Töchter ihr viertes Kind bekommen hat. Er hatte wohl im Zuge dessen versprochen, zur Geburt auf die drei älteren Kinder aufzupassen. Er hat einen super Draht zu seinen Enkelkindern, nimmt sie oft mit in den Urlaub, in die Wochenendhütte oder zu sich nach Hause. Manchmal sind auch welche bei uns bei der Arbeit, wenn irgend ein „Opa-Tag“ in der Schule ist. Ich möchte bitte für meine Kinder auch so nen tollen Opa in der Nähe haben! Aber ich schweife ab. Jedenfalls ist seine Tochter samt Schwiegersohn am Dienstag um zwei ins Krankenhaus gefahren und hat ihn benachrichtigt, dass er bitte die Kinder von Schule und Kindergarten abholen solle. Mein Chef verließ daraufhin etwas panisch die Arbeit und sammelte alle Kinder ein. Fuhr zu den Kindern nach Hause, machte Essen. Dann war es wohl recht spät und die Kinder natürlich einigermaßen aufgeregt, bis alle mit geputzten Zähnen im Bett lagen war es ein mittlerer Kampf mit, Zitat, „unerträglicher Geräuschkulisse“. Und dann erst der nächste Morgen. „Die müssen ja alle wieder um acht in der Schule und im Kindergarten sein! Mit Brotdosen und allem und ich weiß nicht mal wo alles ist! Und dann sind die unorganisiert, und jeder muss noch kurz was spielen und alle laufen durcheinander! Ich weiß nicht, wie meine Tochter und ihr Mann das sonst machen, ich war um acht dann völlig fertig und wollte eigentlich wieder ins Bett. Das war die Hölle!“
Und zu dem Zeitpunkt dachte er noch, damit wäre es getan, aber das Baby ließ auf sich warten und so durfte er nachmittags wieder ran. Am Wochenende fährt er jetzt alleine zu seiner Hütte: „Ich brauch jetzt mal ein paar Tage ohne Kinder!“.