Wir sind, das mag jetzt überraschen, mich hat es jedenfalls heute morgen sehr überrascht, weiterhin im Krankenhaus. Nach einer einigermaßen okayen Nacht (wie das halt so ist wenn Dinger piepen und Zäpfchen gegeben werden und bei der Zimmernachbarin Blutdruck gemessen wird und so weiter) ohne Blutungen ging ich davon aus, dass auf das Frühstück wie beim letzten Mal die Visite folgen würde und dann dürften wir wieder nach Hause. Es kam die Pflegerin der Frühschicht und sagte, Pippi dürfe dann gleich auch wieder essen, wir sollen nur auf das OK der Ärztin warten. Pippi hatte ordentlich Hunger, oder Appetit oder einfach einen leeren Magen, der von der Glukoseinfusion halt unbeeindruckt war, jedenfalls aß sie ein Eis und trank Saft und dann holte ich mir Frühstück und brachte ihr einen Joghurt mit. Gestern hatte sie ja auch Eis und Saft in rauen Mengen bekommen.
Dann kam die Pflegerin und sagte „Hat sie davon was gegessen? Sie soll nicht essen!“, worauf ich sagte, ich hätte das so verstanden, dass sie nichts festes essen solle, damit die Wunden im Hals nicht gestört werden, worauf sie sagte, nein, sie solle gar nichts essen. Ich nahm Pippi den Joghurt weg, Pippi fand das absolut nicht cool und ich reichte ihr das Saftglas. „Sie darf auch nicht trinken. Sie soll fasten.“ „Warum denn das? Sie hat Hunger!“ „Sie kann keinen Hunger haben, sie hat Glukose bekommen. Und wenn sie doch Hunger hat, kann sie Eisstückchen lutschen.“ Sprach’s und verschwand.
Pippi verstand nicht, dass ich ihr ihr Essen wegnahm. Und ihren Saft. Und überhaupt alles. Wie auch, sie ist drei. Ich legte aus Solidarität auch mein Essen weg und versuchte sie zu beruhigen, aber es war absolut unmöglich, sie brüllte sich in Rage. Irgendwann hatte ich davon genug und ich ging mit ihr (brüllend) auf dem Arm an den Tresen und bat um eine Erklärung, WARUM sie plötzlich fasten solle. Die Pflegerin sagte, sie frage die Ärztin und käme dann sofort wieder.
Statt sofort kam sie eine dreiviertel Stunde später wieder. Mit der Ärztin im Schlepptau.
Das sei Routine, sagte die Ärztin. Falls man nochmal operieren müsse. Und wir sollen bis mindestens morgen bleiben. Weil ihr Hb-Wert zu stark gesunken sei. Das sei auch Routine. Essen dürfe sie weiterhin lieber nur flüssiges kaltes, und den Joghurt.
So. Und da, liebe Pflegekräfte, kommt jetzt mein „arrogantes Pflegekraftgebashe“. Ich möchte nämlich was dazu sagen. Ich habe direkt in der Situation auch zwei Sachen gesagt, nämlich
- Es war noch nie die Rede von „nochmal operieren“ und ich hätte das gern schon gestern gewusst, wenn das im Raum stand/steht
- Wieso wurde Herrn Rabe nicht gestern schon gesagt, dass es eventuell (sogar deutlich) mehr als eine Nacht Aufenthalt hier werden könne? (Denn es ist viel einfacher, 5 Unterhosen einzupacken und im Zweifel halt 4 ungetragen wieder aus, als sich von Tag zu Tag immer noch eine Unterhose nachliefern zu lassen.)
Bei beiden Dingen wurde, meiner Meinung nach, unterirdisch, nämlich gar nicht, mit uns kommuniziert.
Und da wird’s dann halt kompliziert, liebe Pflegekräfte und Ärztinnen. Denn ich bin durchaus nicht doof und vor allem wirklich kooperativ eingestellt. Ich möchte nur gerne verstehen, warum was gemacht wird. Weil ich eben nicht blöd bin. Ich kann mir beileibe nicht vorstellen, dass es viele Eltern gibt, die sagen „Ach so, Routine, ja gut, leuchtet ein.“, weil Routine nun mal keine Begründung darstellt. Bei mir kam es so an, dass mir nicht erklärt wurde, dass und warum gefastet werden sollte, aber mitmachen sollte ich es bitte und zwar ohne Nachfragen, denn auf Nachfragen wird man schnippisch. Es wurde nicht _erklärt_, warum wir noch hier bleiben sollen, bis der Hb-Wert wieder besser ist. Es wurden nicht mal Werte genannt, also weiß ich halt auch nicht, ob der Wert von 11 auf 9,8 oder von 12 auf 7,5 gefallen ist. Was ich aber weiß ist, dass Glukoseinfusion und Wassereis keinen Hb-Wert über Nacht verbessern werden. Weil ich, ich wiederhole mich, nicht blöd bin.
Wenn ihr meint, ein Kind muss, ungeachtet dessen ob es Schmerzen hat oder nicht, sechsmal am Tag Schmerzmittel kriegen: erklärt es bitte.
Wenn ihr meint, ein Kind muss eventuell nochmal operiert werden und sollte deshalb fasten: erklärt es bitte (und auch, wieso es am einen Tag anders gehandhabt wird als am nächsten, das ist mit btw immer noch nicht klar). Kommuniziert es und erklärt es. (Ich kann mir keine Eltern vorstellen, die auf eine Erklärung, dass nach einer Blutung wie dieser manchmal noch viel schwerere Blutungen auftreten können, die dann operativ gestoppt werden müssen wofür das Kind halt möglichst nüchtern sein sollte, sagen, scheiß drauf, YOLO, rein mit dem Schnitzel. Wirklich beim besten Willen nicht.)
Wenn ihr der Meinung seid, der Hb-Wert sei kritisch weit gefallen und rechtfertigt einen weiteren stationären Aufenthalt: Nennt Zahlen. Und dann: tut was, damit der Wert steigt. Zum Beispiel hättet ihr ja wenigstens mal fragen können, ob wir Vegetarier sind. So als Tipp.
Ganz generell: denkt nicht, alle die „nicht vom Fach“ sind, sind unmündige Idioten, die man gar nicht erst nicht aufzuklären braucht. Es könnte passieren, dass die ihren Groll ins Internet schreiben. Es könnte aber auch passieren, dass die tatsächlich einfach gehen. Dass die keinen Bock mehr haben, ihre Kinder erklärungslos mit Zäpfchen, Blutabnahmen und Fasten drangsalieren zu lassen, wenn sie keinen Sinn dahinter sehen, weil das einzige „Argument“ dafür, das sie zu hören bekommen, ist „das ist eben Routine“. Vielleicht kommen die bei der nächsten Geschichte dann einfach gar nicht mehr, weil sie fürchten, dass aus „nur mal gucken“ ein mehrtägiger Aufenthalt ohne Information aber mit FastenZäpfchenTralala wird.
Informed consent. Zwei Worte, beide davon so wichtig. Ohne Information kann kein Patient eine Entscheidung treffen, ob eine Behandlung sinnvoll ist oder nicht. Patienten, die den Sinn einer Behandlung nicht sehen, sind wenig kooperativ. „Routine!“ ist keine Information. „Routine!“ ist gewissermaßen der Rausschmeißer einer Diskussion und eine Ausrede. Das nächste mal, wenn ihr wen als unkooperativ abstempeln wollt: fasst euch mal kurz an die eigene Nase und fragt euch, was eure Kommunikation damit zu tun haben könnte.
Grüße –
Eine Mutter. Weder vom Fach noch doof.