Tag 46

Ich bin müde und schlecht gelaunt und ich möchte gerne um neun ins Bett, deshalb fasse ich mich kurz.

War beim Muttisport. War gut, hab ordentlich geschwitzt aber so soll das ja auch. Das Baby lacht sich über die bunten Gymnastikbälle total kaputt, das ist sehr süß. Dann haben wir die Babys wieder etwas rumgewuppt, das fand das Baby so mäßig cool und dann hab ichs zum Angeben und um die tummy-time für heute abzuhaken auf den Bauch gelegt. Und es hat sich auch brav hochgedrückt und fröhlich das Baby auf der nächsten Matte angelacht. 5 Minuten lang. Ha. Mein Baby ist das stärkste.

Nach dem Training noch kurz gestillt (es ist absolut göttlich, wenn nach den Stunden da neun, zehn verschwitzte Frauen im Kreis auf den Sofas sitzen und stillen) und dann fix Dosendusche und umgezogen und zu einer Veranstaltung der Hochschule für Kindergartenlehrer gegangen. Ja, Erzieher ist hier ein Studiengang. Und die Hochschule hatte zu einem „Säuglingscafe“ eingeladen. Mit Vorträgen über alle möglichen Baby- und Kleinkindthemen von Lehrenden der Hochschule und gratis. Als wir ankamen, wären wir grade perfekt pünktlich zum 2. Vortrag gewesen, aber das Baby brüllte wie am Spieß und beruhigte sich auch in der Trage nur sehr langsam, weshalb wir dann effektiv genau pünktlich zum (gratis) Lunch da waren. Es gab Wraps und ausnahmsweise auch mal ne vegetarische Variante. In jedem Wrap war ne Olive versteckt, na gut, kann man ja rauspulen, aber irgendwie schmeckte der Feta in unmittelbarer Oliven-Nähe auch sehr olivig. Egal, ein Hoch auf die vegetarische Version, das ist nämlich in Norwegen ganz und gar nicht selbstverständlich (leider). Die Vorträge nach dem Lunch waren auch gut, es ging um Abenteuer und Märchen in der Erziehung und um Freundschaften im Kleinkindalter. Ich habe mitgenommen, dass Kinder ihre Freunde selbst aussuchen (jau) und man den Freundschaften, egal wie weird sie auch erscheinen mögen, Raum geben soll (ok). Und dass man Kindern alles erzählen kann, aber wichtiger als der Inhalt die Gestik und Mimik des Erzählten sei und dass selbst ganz kleine Kinder schon „Geschichten“ mit unterschiedlicher Dynamik erfinden.

Danach hab ich mit beginnenden Kopfschmerzen (in dem kleinen Raum waren ca. 50 Muttis mit Babys gewesen!) das Kind abgeholt, das aber grad im Kindergarten einer erzieherischen Maßnahme unterzogen wurde, deshalb musste ich noch kurz warten. Das Kind hatte Quatsch gemacht („bråk“, das heißt Krach/Lärm/Radau), es wurde ihm gesagt, es solle das lassen, ob es das verstanden hätte. Das Kind antwortete nicht und versuchte, den Erzieher offensiv zu ignorieren. Daraufhin durfte es mit dem Erzieher so lange in der Küche sitzen, bis es eine zufriedenstellende Antwort auf die Ausgangsfrage gegeben hatte. Juchhe, Autonomiephase und noch mehr juchhe, dass wir nicht die einzigen sind, die sich mit dem manchmal weit über die Stränge schlagenden Kind herumschlagen müssen. Das Kind darf ja sehr viel bei uns, es muss sich ja auch ausprobieren, aber manche Sachen gehen eben nicht (mit Töpfen gegen die Wände hauen etc.) und genau das mit „ich tu so als hätte ich die Mama/den Papa/den Erzieher nicht gehört und mache einfach weiter“ haben wir hier auch oft. Und ja, ich nehme das Kind dann auch beiseite, erkläre ihm, wieso ich nicht möchte dass es das macht (weil es mich zu Tode nervt!!!) und ringe ihm ein „okay…“ ab. Meistens macht es dann genau den selben Scheiß nicht nochmal, sondern wandelt minimal ab. Also nimmt dann die Pfanne und haut damit gegen den Tisch z.B…. Das hat man dann vom konkret sein.

Nun gut, zu Hause angekommen waren die Kopfschmerzen dann doch recht ordentlich und das Baby am schreien und das Kind am nerven, sodass wir uns erstmal aufs Sofa gesetzt haben und ziemlich lange Bobo Siebenschläfer-Folgen geguckt haben. Dann gab es die letzten drei Pickerts vom letzten Jahr aufgetaut zum Abendessen und ich musste an meine Großeltern denken und wurde ein bisschen traurig, ok nicht nur ein bisschen sondern ganz schön doll, weil der Himmel einfach zu weit weg ist, aber ich glaube ich bin auch einfach müde und geschafft, es war ja auch ein langer Tag. So und deshalb: Gute Nacht.

Ach ja: der neue Schnuller funktioniert tatsächlich. Zielsicher hat das Baby als einzig akzeptable Schnullerform die kieferschädlichste überhaupt ausgesucht. Naja, aber unsere Finger sind erstens noch kieferschädlicher und zweitens furchtbar unhygienisch und das Kind konnten wir auch nach ca. nem halben Jahr auf eine andere Form umpolen, weil auch das Kind nämlich nur die kiefertötenden haben wollte anfangs und die aber schwer zu bekommen sind. Erstmal bin ich sehr froh, dass das Baby jetzt überhaupt einen Schnuller mal nimmt. Ehrlich, so Vollblut-Attachment-Parenting ist nix für mich. Aber dazu gibts auch noch mal einen gesonderten Artikel irgendwann.

Tag 25

Ein neuer Tag beginnt bekanntlich erst nach einer längeren Schlafepisode. Dementsprechend gilt das hier noch für gestern.

Der Bericht fällt auch kurz aus, da komplett fertig.

Muttisport Part II, Kondition. Trainerin schwanger. Keine Pippi diesmal. Mona. Wir hüpften auf Bällen. Interessant war das und anstrengend auch, aber nicht so doll anstrengend dass ich denke, joaaa, das hat nen Trainingseffekt. Naja, sehen wir mal wies weitergeht. Singen mussten wir auch, das Lied ist sehr norwegisch. Übersetzt geht es so:

Lauf im Wald, Lauf im Wald, Hacke Holz, Hacke Holz, Frier an den Füßen, Frier an den Füßen, Lauf lauf zur Mama heim.

Hmm ja.

Dann haben wir Freunde mit kleinem Baby besucht. Also, noch kleiner als unseres. Das war sehr nett, obwohl ich das Baby zweimal und mich einmal vorher umziehen musste wegen Babyverschmutzter Klamotten. Und sich das Baby dann auch noch bei den Freunden durchpillerte. Also mit geliehenen Klamotten nochmal umgezogen. Aber der Besuch war schön.

Dann zu Hause alles vorbereiten für den Besuch, der in diesen Minuten eintrudelt. Das ging so mäßig, weil das Baby am laufenden Band gebrüllt hat. Sogar im Tragetuch. Aber es hat irgendwie doch geklappt. Jetzt möchte ich aber gerne 8 Stunden am Stück durchschlafen, was nicht passieren wird.

Ach so: Marmelade kann anbrennen. Heute getestet. Ist nicht zu empfehlen.

Tag 21 – Muttisport

Ich habe mich zu einer Probewoche im Frauen-Fitnessstudio angemeldet. Die hat heute begonnen. Das Fitnessstudio wirbt mit so Sätzen wie „Wickeln, Füttern und Beschmusen der Kinder ist bei uns nicht nur möglich sondern ganz normal!“, das Logo ist pink und der Laden heißt „Femme“. In mir übergibt sich alles aber hier gibt es keine Rückbildungsgymnastik, was will Frau also machen.

Genauso wie zuckersüße Werbeaussagen von pinken Frauenfitness-Anbietern hasse ich übrigens das Wort „After-Baby-Body“. Also bevor jetzt irgendwer meint, mir ginge es nur darum, wieder irgendwie auszusehen, nein, so ist es ganz sicher nicht. Ich seh ganz ok aus, finde ich, klar bin Ich nicht 20 und überall wahlweise straff oder prall, aber mein Körper hat zwei Kinder gemacht, zwischendurch noch eine klitzekleine Hyperthyreose überstanden und so wie er jetzt ist gefällt er mir besser als zuvor. Doch halt! Das ist nur die halbe Wahrheit. Denn so ein After-Baby-Body hat einfach mal ganz schön was mitgemacht. Der Beckenboden ist labberig, die Haltung dadurch scheiße. Die Bauchmuskeln können sich über ein sie trennendes Tal Begrüßungen zujodeln, statt sich wie sonst die Hand zu reichen. Macht die Haltung nicht besser. Die Brüste sind, ähhhh, gigantisch. Man schleppt dauernd ein Baby herum. Schläft ohne sich zu bewegen, um ja nicht das Baby zu zermatschen. Und an richtigen Sport (was auch immer das für die Einzelne sein mag) ist schon Wochen vor der Geburt nicht zu denken gewesen. Ergebnis von all dem bei mir sind Rückenschmerzen from hell. Dadurch dann auch wieder Kopfschmerzen. Und den Menschen in meiner Umgebung immer weniger zumutbare Laune. Deshalb der Muttisportkurs. Ich könnte auch zu Hause alleine und so aber dafür bin ich zu faul. Ein Ansporn wie „das hat tausend Millionen Euro gekostet, jetzt muss ich da auch hin!“ hilft da enorm.

Jedenfalls versuchte ich heute meinen Zynismus zu Hause zu lassen und ging zu einer Stunde „Mutter und Mini: Kraft“. In dem Raum fand noch die vorhergehende Stunde statt. Mütter robbten im Army-Style über den Boden, neben ihnen ihre Kinder auf Fitnessmatten. Es beruhigte mich etwas, dass man offensichtlich keine Sportschuhe brauchte, weil ich sowas seit der Schule nicht mehr besitze. (Ich könnt meine Spitzenschuhe dafür anziehen. Sind ja auch Sportschuhe…) Es lief gehirnfressende Fitnessmusik. Dem Baby fiel prompt ein, dass es am Verhungern war. Und mich empfing eine ca. 24-Jährige mit den Worten „Hallo, ich bin Pippi, hat schon jemand deine Bauchmuskeln untersucht?“ Ich sach mal so: es hätte geiler sein können. Dann kam noch eine Arbeitskollegin von mir herein, von der ich weiß, dass sie, wenn sie nicht grad ein Kind geboren hat, Marathon läuft. Alle hatten Funktionskleidung in verschiedenen Pinktönen an. (Das ist so ein Norweger-Ding. Die haben immer Funktionskleidung an. Manche gehen damit arbeiten. Auf mich wirkt das immer als würden sie sagen wollen „Sonst mach ich ja richtigen Sport.“.) Ich persönlich finde Mikrofaser auf der Haut eklig und es riecht auch meiner Meinung nach schlimm, wenn man drin schwitzt. Aber mit meinem hellblauen Baumwollshirt fiel ich schon etwas aus dem Rahmen, optisch gesehen.

Nun ja, der Kurs war ganz ok, bis zu dem Punkt wo wir uns im Kreis aufstellen mussten und zu der Melodie von „Blue“ jeder den Namen seines Kindes singen sollte und dazu eine Bewegung machen die dann alle nachmachen sollten. Also so: „Æ e Pippi“ *macht Kniebeugen* und dann alle: „Dabedidabedei, dabediiidabeidei, dabediiidabeidei“ *machen Kniebeugen*. In solchen Momenten suche ich immer die versteckte Kamera, weil das völlig absurd ist, dass ich in einem Kreis mit zwanzig pinken Damen stehe, mein Baby wie eine Hantel herumwuppe und ein Lied singe, dass ich vor 16 Jahren mal echt gut fand.

Danach waren aber wenigstens die Rückenschmerzen für drei Minuten weg.

Ich glaub, nächste Woche geh ich wieder hin.