Tag 1137 – Und dann, plötzlich…

… stehe ich im Supermarkt und kaufe (alleine) ein und kriege Gliederschmerzen. Im Becken (auch wenn das auch bei mir nicht atmet), im Rücken und in den Beinen.

… rupft sich das große Kind seinen nächsten Wackelzahn raus. Und singt ihm vor.

… verbringe ich fast zwei Stunden mit meiner Mutter am Telefon. Meine Mutter verplant schon mal das noch nicht vorhandene Gefährt, mit dem mein Onkel seinen Rennwagen durch die Gegend kutschieren will.

… bin ich so hundemüde, dass mir die Augen beim Tippen zufallen. Keine Links heute, bin froh, wenn ich mich noch abgeschminkt kriege.

Bitte jetzt nicht auch noch diese Erkältung von Michel.

Tag 1077 – Ferientag 13. Von Eile.

„Mama! Guck! Mama!“ rief Michel heute früh, noch mit seinem niedlichen Schlafgesicht*, riss den Mund auf und präsentierte mir seinen Wackelzahn. Der jetzt schon sehr doll wackelt und an dessen innerer Kante es ein bisschen blutete**.

Den ganzen Tag hatte Michel dann auch kein anderes Thema. Was wenn der Zahn nachts ausfällt? Tut er nicht, sagte ich, die fallen aus wenn man dran rum rupft oder beim Essen. Aber dann kann er ja nichts mehr essen! Gar nichts! Doch doch, sagte ich, ich püriere dir einfach alles oder ich kaufe gleich so Babygläschen, dann geht das schon***. Neeeein, sagte Michel.

Was wenn es wehtut? Oder wenn es doll blutet? Tut es nicht, sagte ich, die fallen aus, wenn sie so weit sind, wenn der neue Zahn den alten rausschiebt, dann tut das nicht so doll weh und blutet auch nicht so doll****.

Aber was machen wir mit dem Zahn wenn die Zahnfee ja nicht kommt*****? Den tun wir in ein Döschen, sagte ich. Aber das brauchen wir dann jetzt! sagte Michel.

Und so googelte ich heute nach Zahndöschen, weil es halt nach demWackelgrad zu urteilen eilt nur von norwegischen Anbietern und ich sah das rosahellblaue Kitsch-Grauen. Herrje. Oder, was ich auch wirklich schlimm finde: eine Dose mit Extra Loch in der Mitte für den Nabelschnurrest. Ähm, Moment, den Nabelschnurrest? Das vertrocknete, leicht müffelnde Dings aus toten Zellen, das damals in Michels Fall einfach ums Verrecken nicht abgehen wollte, bis der Kinderarzt mit einer ordentlichen Dosis Peroxid der bakteriellen Besiedlung Einhalt gebieten musste? Das hätte ich aufheben sollen? Um es dann knapp sechs Jahre in dieser Dose mit der niedlichen Babygravur im Deckel aufzubewahren, um dann nach und nach die Milchzähne reinzustecken? Entschuldigung, aber: IGITT. I-GITT. Aber außer dem und was mit einem Bärchen und Herzchen drauf gab es halt in Norwegen nur die Möglichkeit, die Zähne zwecks Konservierung der Stammzellen für sehr viel Geld einlagern zu lassen, weil man ja aus Stammzellen jedes Gewebe züchten kann, aber da rollen sich mir die Fußnägel bis zum Anschlag hoch, wenn ich solche Geldmacherei sehe, denn soweit ich weiß (ich habe jetzt keine Lust zu recherchieren und zu verlinken) ist es nach wie vor nicht mal eben möglich, mehr als ein paar Klumpen differenzierter Zellen (also quasi simpelstes Gewebe, zum Beispiel Herzmuskelzellen) zu erzeugen. Klar kann man Nervenzellen machen, oder Gehirnzellen, geht alles, aber was nicht geht sind die komplexen Netzwerke verschiedener Gehirnzelltypen (Spoiler: es sind nicht alle Gehirnzellen gleich!) in einer Petrischale wachsen zu lassen, geschweige denn die Klumpen irgendwie sinnbringend irgendwo hinzutransplantieren. Das ist also schon mal Humbug und dann kommt noch dazu, dass sich (wieder meines googlefaulen Wissens nach) kein Therapieansatz mit eigenen Stammzellen bisher als erfolgversprechend erwiesen hat. Ergo: lagern Sie von mir aus Stammzellen aus Nabelschnurblut oder Milchzähnen ein, wenn Sie Geld übrig haben und nicht wissen wohin damit. Aber versprechen Sie sich lieber nicht davon, dass ihr Kind damit so ne Art Superduperextraversicherung gegen Krebs oder wasweißich hat.

Ähm, hups, da ist es kurz mit mir durchgegangen, jedenfalls haben Michel und ich dann in einem Spielzeugladen diese kleine Tupperdose gekauft und wenn ich wieder Zugang zu meinen Stoffen habe, mache ich da noch ein Pölsterchen rein und gut ist.

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Auto-Lobhudelei: recht souverän diesen Dosenkauf mit hyperaufgeregtem Michel überstanden.

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* „puffy“ trifft es wohl. Naaww.

** jetzt verstehe ich meine Mutter, die sich unsere Wackelzähne immer gar nicht so richtig anguckte.

*** man kann Kinder nie früh genug an Ironie heranführen

**** von Wurzelkorrosion erzähle ich ihm dann, wenn der Zahn draußen ist.

***** ganz heikles Thema. Vermutlich kommt sie, ein mal, und bringt ein kleines Geschenk.

Tag 1066 – Schränke weg, Backenzähne da.

Wir haben den ganzen Tag lang gepackt, vornehmlich im Schlafzimmer. Herr Rabe und ich schwanken beide zwischen „SO VIEL ZEUG OH MEIN GOTT!“ und „Ach, so viel ist das echt gar nicht.“ sowie „NUR NOCH ZWEIEINHALB WOCHEN ACH DU SCHEISSE WIE SOLLEN WIR DAS SCHAFFEN!“ und „Ach, eigentlich sind wir schon echt weit und zweieinhalb Wochen recht viel Zeit.“. Jedenfalls wurde heute weiter reduziert, ich habe drei riesige Taschen voll Zeug zum Fretex-Container geschleppt und einen Kinderschlafsack und zwei Schränke verschenkt. Jetzt sieht unser Schlafzimmer voll groß aus.

Die Kinder sind entsprechend der Situation gelangweilt, Eltern, die den ganzen Tag Sachen in Tüten und Kisten stecken sind keine gute Unterhaltung. Michel wird dann gern extra anhänglich und sitzt zum Beispiel oben auf der Leiter und nölt vor sich hin. „Orrrrr, was soll ich machen? Mir ist soooooo langweilig! Mama! Was. Soll. Ich. Machen??? MAMA! LAAANGWEILIG!“. Heute kroch er mir auf den Schoß. „Mama? Was machen wir noch?“ „Ich weiß nicht, kitzeln vielleicht?“ sagte ich und kitzelte ihn durch und wie er da so lachte sah ich mehr Zähne als ich erwartet hatte. Er hat sich nämlich klammheimlich zwei bleibende Backenzähne oben wachsen lassen und unten guckt auch einer schon raus. Hatte ich gar nicht bemerkt. Und der Schneidezahn wackelt auch nach wie vor, jetzt aber der daneben auch. Schwupps, großes Kind mit Wackelzähnen. Apropos großes Kind: er hat von seiner Kindergartenfreundin so eine Art Liebesbrief bekommen und es gar nicht geschnallt. Sie hat sich und ihn gemalt, wie sie im Bett liegen und Händchen halten und um sie rum ist ein Haus und obendrüber steht „Kjærestehus“, also „Pärchenhaus“. So niedlich, ich falle um. Und bald Schule. Der kleine große Zwerg*.

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Auto-Lobhudelei: klar kommuniziert, dass ich vor Überforderung schreiend im Kreis laufen möchte und Anweisung brauche, was ich tun soll.

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*Nach all dem Genöl über die Wut des Wutzwerges muss ich ja jetzt auch mal loswerden: es ist grad viel viel besser. Als wäre es für ihn auch einfacher mit dem konkreten „in drei Wochen ziehen wir daundda hin“ umzugehen als mit dem Rumgeeier und dem Damoklesschwert davor. Wer kann’s ihm verdenken, ich jedenfalls nicht. Aber ich freue mich, auch vor allem für ihn, dass er jetzt entspannter ist.

Tag 965 – Leuchtende Augen.

Am Samstag waren wir Einkaufen. Hier ist ja über Ostern immer superlanges Wochenende, der Mittwoch ist schon nur noch Larifari-Arbeitstag, Gründonnerstag ist Feiertag, Karfreitag eh, Samstag ist dann halber Feiertag mit eingeschränkten Öffnungszeiten und dann eben Sonntag und Montag wieder Feiertag. Aber da sämtliche Norweger ihre Osterferien auf der Hütte* verbringen und Ski fahren, ging es eigentlich sogar mit dem Samstagseinkauf, bis auf eine Aubergine habe ich alles bekommen. Für die Aubergine wollte ich dann aber nochmal in den Meny, wir kaufen ja sonst alles beim Rema, der ist ein bisschen wie Aldi, der Meny eben eher so Edeka. Viel mehr Auswahl, aber halt auch alles teurer und bei 5 Litern Milch pro Woche merkt man das eben schon irgendwann, ob die 19,80 oder 20,90 kostet und hey – hier ist eh alles pseudo-monopolisiert, man kriegt zu 90% im Meny halt die gleichen Produkte wie im Rema. Für die anderen 10% fahren wir dann doch hin. Und wie das dann so ist, kauft man noch dies und das und bleibt nochmal an der Fisch- oder Käsetheke stehen. Die gibt’s im Rema nämlich nicht. Und wie ich da so stehe, am Karsamstag eine Stunde vor Ladenschluss, und in die Käsetheke starre, spricht mich ein sicher 2 Meter großer und recht beleibter Herr an, wonach ich denn suchen würde. Erst erschrecke ich mich fast zu Tode, denn Norweger sprechen eine nicht einfach so an der Käsetheke an. Aber der Herr arbeitet da. Trotzdem sage ich nur „ach, ich suche nur mal was, was ein bisschen besonders ist…“ und will schon zum Brie** greifen, da sagt der Herr „Haben Sie den hier schon mal probiert?“ und reicht mir Chambre. Sieht lecker aus. Und da fährt der Herr auch schon fort: „Wissen Sie, was Sie damit machen können? Wir hatten mal welche davon, die waren kurz vorm Ablaufen. Und dann haben wir die einfach in den Ofen getan! Das ist ganz toll, geht ganz einfach und schmeckt herrlich, einfach Cräcker reindippen und mhhhhh! Wunderbar!“ und dabei hat er ganz leuchtende Augen, ganz niedlich ist der 2-Meter-150-kg-Mann, dass ich es weder übers Herz bringe ihm zu sagen, dass das Konzept Ofenkäse in Deutschland jetzt nicht grad neu ist, noch den Käse nicht zu kaufen.

Heute gab’s deshalb Ofenkäse.

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Michel fummelte sich beim Abendessen dauernd im Mund rum und beschwerte sich, dass der Zahn wehtue. Ich besah mir das also und sah ordentlich abgenutzte Milchzähne, Michel knirscht ja auch nachts mit den Zähnen (jetzt nicht mehr so stark wie auch schon mal, aber immernoch manchmal), ich sah auch hinter den Milchzähnen unten gerötete und geschwollene Kauleisten, da warten wohl die bleibenden Backenzähne auf ihren Durchbruch, und dann konnte ich nach ein bisschen Gefühle meinerseits endlich die heiß ersehnte Nachricht überbringen: „Der eine Schneidezahn unten, der sitzt nicht mehr ganz fest.“. Michel hat quasi komplett geleuchtet vor Stolz. Hachz.

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Auto-Lobhudelei: auf einigermaßen merkwürdige Mails einigermaßen sachlich geantwortet.

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*Anekdote: am Sonntag fragte die S. die M., ob der Sohn (H.) denn beim Papa auf dem Bauernhof sei. Ja, sagte die M., obwohl es erst geheißen hatte, „sie wollen auf die Hütte, aber da muss man 30 Minuten Ski laufen und das macht H. nicht mit“. Und da musste ich echt sehr lachen, das ist so klischeemäßig, Ylvis haben ein Lied darüber gemacht.

**Traurig, wie man hier gemainstreamed wird, aber Brie, Camembert, alter Gouda, echter Feta oder echter Parmesan sind für mich schon besondere Käsesorten geworden.