Tag 921 – Ein bisschen Fortschritt.

Am Kleid: Rigilene verarbeiten ist gar nicht schwer. Einfach abschneiden, Enden abrunden, mit nem Feuerzeug anschmurgeln (stinkt, ich war selbst überrascht, gar nicht), zwei, drei Sekunden warten, dann mit den Fingern rund drücken. Zwei bis drei Stecknadeln bei dem Versuch, das Band festzustecken, abbrechen. Diesen Schritt kann man aber auch weglassen. Auch sich fies in den Finger stechen ist optional. Das Band dann mit einigen Stichen quer am oberen Ende fixieren. Dann von oben nach unten zuerst eine, dann die andere Seite des Bandes direkt auf den Stoff nähen. Aufpassen, dass man immer zwischen den gleichen Stäbchen bleibt. Fertig.

Ich bin jetzt mit dem Oberteil fertig und zufrieden, die Spitze ist zugeschnitten, morgen geht’s weiter.

Mit den Kindern: bei Michel etwas lockerer, bei Pippi etwas strenger geworden. Die kleinen Individuen brauchen Feinabstimmung meiner grad erst wieder halbwegs aufgefüllten Erziehungskräfte.

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Kleine Anekdote: wenn ich die Kinder ins Bett bringe, sage ich immer „Schlaf gut und träum was schönes, von Sauren Gurken und Zucker und Anis.“ Pippi kommt mir jetzt gerne zuvor, sobald ich gesagt habe „Schlaf gut…“ sagt sie „Ja, däum ssönes, saue Guhke, Zucka, Nis!“ und dann schmilzt mein Herz immer ganz doll.

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Auto-Lobhudelei: Das Kleid wird, glaube ich, echt schön. Ansonsten sind die Kinder bei mir nicht verwahrlost oder verhungert während Herr Rabe auf seinem Skitrip war.

Tag 920 – Lessons learned.

  • Die Kinder halten es kuschelnd und sich nur ab und an schlagend noch etwa 30 Minuten im Bett aus, nachdem sie aufgewacht sind.
  • Die Kinder sind trotzdem am Samstag immer gegen halb acht wach. (Das Klischee sagt ja eigentlich, dass das erst mit der Schule losgeht, wir müssen aber beide Kinder jetzt schon unter der Woche wecken, damit sie rechtzeitig in die KiTa kommen. Das wird noch richtig spaßig, wenn das Aufstehen noch mal ne Stunde eher (ca.) sein muss, wenn Michel mit der Schule anfängt.)
  • Michel hat so vieles von mir. Temperament, unter anderem. Vermutlich rasseln wir deshalb gern mal aneinander. Hautfarbe inklusive damit verbundenen Problemchen hatte ich ja auch schon mal festgestellt – Michel muss wirklich immer mit Sonnencreme eingecremt werden, sobald ein bisschen die Sonne scheint, verträgt gleichzeitig aber nur wenige Sonnencremes dauerhaft. Das ist plöd, armes Kind, ich kenne das. Und neuerdings hat Michel auch noch ab und zu Kopfschmerzen. Nie Bauchweh. Immer Kopf. Heute: einseitig. Oh Mann. Kindermigräne brauchen wir und vor allem er nicht auch noch, bittedanke.
  • Pippi versucht jetzt, durch puppenhaftes Wimpernklimpern Schimpfe zu entgehen. Klappt nur ganz selten.
  • Auch mit Michel allein im 1,60 m breiten Bett liegt er zu zwei Dritteln auf mir drauf. Q.e.d.
  • Michel ist jetzt in der, wie soll ich es nennen? linguistischen Phase. Jedes Wort wird auf seine Bedeutung hin erforscht. Infoquelle: Ich. „Was bedeutet „Sonne“?“ Keine Ahnung, Dings, Sonnengott, großer leuchtender Ball, ähh, wahrscheinlich hat irgendein Urzeitmenschenvorfahre mal in den Himmel geguckt „SO-EH!“ gegrunzt und dann hieß das eben so. Und das dann für HundkatzemausSchuheHoseWaschmaschineWäscheGrätenKnochenFleischFischSäugetierEi. Hunderttausendmal am Tag. Ich will die Warum-Phase zurück.
  • Man kann schon auch ohne zweite Person (und ohne Büste) Kleider abstecken. Es ist halt etwas umständlich. Aber nach nur drei Stunden (oder so) bin ich jetzt mit dem Anpassen soweit fertig, dass ich die (Hilfs-)Nähte alle aufmachen und endgültig wieder zusammensetzen kann. Was für ein Akt. Man muss aber dazu sagen: ich hab das noch nie gemacht, das Kleid ist ja auch trägerlos und Satin verzeiht gar nichts. Da sind sofort Falten oder es rutscht, sobald man ausatmet, es hat ja auch noch gar keinen Stand, weil das Innenfutter, das mit (noch so ein erstes Mal) Rigeline verstärkt wird, noch nicht drin ist. Es ist jedenfalls bisher mein anspruchsvollstes Projekt, ich bin gespannt, wie es am Ende wird. Und ich bin ein bisschen froh, dass noch die Spitze drüber kommt. Dann sieht man wenigstens kleinere Schnitzerchen nicht mehr sofort.
  • Ich bin viel schlanker als gedacht, vor allem über der Brust. Ich dachte immer, ich hätte ein recht breites Kreuz, aber ich musste fast 10 cm im Umfang über der Brust wegnehmen, vor allem im Rücken und den Rest unter den Armen. Dann noch unter den Brüsten ordentlich was weg, Taille verschmälern… dabei habe ich ja vorher extra gemessen und dann mit den angegebenen Maßen des fertigen Kleidungsstücks verglichen. Vielleicht geht auch mein Maßband falsch. Hmmhmm.
  • ohne Spitze sieht das Kleid an mir aber noch recht… behämmert aus. Wobei solche Kleider das vielleicht an fast jeder*m tun würden, deren/dessen Schultern nicht miniminischmal sind.
  • Ich bin so furchtbar diszipliniert. Sport ist Sport und wenn ich halt erst dazu komme, wenn die Kinder im Bett sind so be it. Dann mache ich halt Sport um zehn Uhr abends. Und lache ein bisschen über mich selbst.

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Auto-Lobhudelei: den Tag mit den Rübennasen ganz gut überstanden, meist nicht wie die schlechteste Mutter der Welt gefühlt, die Kinder haben gebastelt und wir waren sogar draußen und hatten den Schlitten dabei (es waren aber keine guten Schlittenhügel auf dem Weg. Dafür kann man auf so nem Goretex-Hintern echt sehr sehr schnell Rutschen herunterrutschen).

Tag 919 – Blau, blau, blau sind alle meine Kleider…

Haarige Sachen passierten heut. Zunächst einmal kam die Matte endlich runter. Das war das letzte Mal irgendwann im… ich weiß nicht mehr. November? passiert* also mehr als nötig.

Man sieht es auf dem Bild nicht, aber es kräuselte sich schon im Nacken und hat die Ohren quasi zugewuchert und beides kann ich absolut nicht haben. Durch die Stoffwechselschwankungen waren mir vor Weihnachten an den Schläfen recht viele Haare ausgefallen, da war ich gar nicht mal undankbar, was drüber machen zu können, aber jetzt ist da zumindest wieder Flaum und der Helm muss ab.

Ich liebe meinen Frisör.

Und dann habe ich heute Abend die gestern nach einer langen Reise durch ferne Länder und (vermutlich mehrere) Kontinente angekommene Haarfarbe ausprobiert. Frau Brüllen hatte die mal gekauft, sich aber dann doch nicht so recht getraut und dann hatte ich gesagt, dass ich die Haare blau färben möchte und zack**, schon hatte** ich die Farbe hier. Bevor Sie jetzt Schnappatmung kriegen: das ist so eine Colorista Wash Out Farbe, wäscht sich also in 5-10 Haarwäschen raus. Ich *muss* also nicht zwingend zur Disputation blaue Haare haben. Heute also auf das frisch gestutzte Haar geschmiert. Nicht auf das ganze, sondern nur „oben“ und den Rest der noch an den Handschuhen war ganz leicht im Resthaar verteilt, ich wollte einen wilden, lebendigen Look und nicht aussehen, als hätte mir ein Schlumpf auf den Kopf gekackt. Bis auf einen Fleck am Hinterkopf ist es mir ganz gut gelungen, finde ich (in echt ist die Farbe intensiver).

Ich bin gespannt, wie sich das beim Rauswaschen macht.

Ansonsten heute das blaue Kleid aus Partysateng*** und Spitze angefangen und hui, Satin nähen ist ja auch mal nicht sooooo einfach. Schon beim Zuschneiden fluchte ich über die Franserei, damit mich das nicht beim Nähen vollends irre macht, versäuberte ich dann vorm Nähen sämtliche Schnittkanten (sowas hab ich ja überhaupt noch nie gemacht) und jetzt bin ich mit dem Zusammensetzen so weit, dass ich die Passform anpassen muss, aber eigentlich brauche ich dazu eine zweite Person und Herr Rabe kommt erst am Sonntag Abend zurück. Auf jeden Fall muss am Rücken oben einiges weg und da abstecken kann ich ja nun mal gar nicht alleine. Hmmhmm.

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Auto-Lobhudelei: alles geschafft, was ich mir für heute vorgenommen hatte, sogar mit zur Arbeit und zurück laufen. Durch den Sonnenschein. Hachz.

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* Ich hab nur wenige Erinnerungen an das Ende letzten Jahres. Es lebe die Verdrängung!

** Nach nur sechs Wochen Postversand

*** Norweger und ihre Verhunzung anderer Sprachen.

Tag 918 – Vom Versuch, nicht Nachzudenken und gleichzeitig einen klaren Kopf zu behalten.

Diese Bewerbungssache frisst mich auf. Und zwar nicht, weil es nichts gibt, auf das ich mich bewerben könnte, sondern weil es zu viel ist. Zu viel, zu breit gefächert, es ist verzweifelt und zerfasert und damit so wie ich. Es frisst meine Energie und meine gute Laune. Ich mag nicht mehr wochenlang nichts und dann „nach gründlicher Durchsicht… sorry. Bewerben sie sich aber doch ruhig weiter bei uns.“ hören. Ich mag nicht mehr Anzeigen lesen und mit meinem Profil abgleichen und Anschreiben schreiben, raten, was für eine Person sich hinter dem Namen der Kontaktperson verbirgt, den richtigen Ton treffen (oder halt auch nicht), wenn das doch vermutlich eh nicht gelesen wird.

Dazu gesellen sich dann die anderen Dinge. Michel, der sich wahnsinnig auf den Einschreibetermin an der Schule freut. Der Mietvertrag, der vermutlichhoffentlichmöglicherweise so weiterlaufen kann wie bisher. Der KiTa-Platz. Die KiTa-Plätze an einem neuen Ort, irgendwo in Europa. Oder einmal Schule, einmal KiTa. Ein Kind, das nicht gut deutsch spricht, aber unbedingt in die Schule will. Wenn ich nur befristet was kriege, was wahrscheinlich ist: in zwei, drei Jahren wieder das Gleiche?

Oder vielleicht sollte ich einfach einsehen, dass es drei von vier Familienmitgliedern hier gut geht. Hier in Trondheim. Wer bin ich, dass ich drei Menschen verpflanzen will. Irgendwas (das NAV hat ja gesagt: irgendwas wird schon gehen und ich kriege das alles alleine hin!) wird schon gehen, irgendein Post-Doc irgendwo oder irgendeine Laborhelferstelle. Ein Häuschen im nächsten Vorort, in dem es bezahlbar ist.

Und dann muss ich ja auch noch diesen Vortrag machen und es wird ja nicht besser vom Prokrastinieren, aber der Impostor-Zwerg sitzt wieder oder immernoch in meinem Kopf, stetig gefüttert durch Jobanzeigen, und lacht mich höhnisch aus. „Vergiss es einfach, das wird eh nichts!“ sagt er. „Vergessen? Du hast Scheißangst vor Präsentationen! Und diesmal geht’s um die Wurst! Als würdest du das hinkriegen.“

Und an manchen Tagen glaube ich das. Sorry. Disputieren Sie doch gerne zu einem späteren Zeitpunkt noch mal mit uns.

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Auto-Lobhudelei: drei (drei!) Mails in Job-Sachen verschickt, eine kann man wohl als Initiativbewerbung ansehen. Sehr leckeres Abendessen (Mac’n’cheese, die cleaneating-Fraktion weint in ihren Quinoasalat, aber es gibt einfach nichts besseres als massive Käsegerichte um wunde Seelen zu schmieren) früh fertig gehabt. 3-4 Kinderäquivalente in den Schlaf gekuschelt. Plus Sport und ein übertragenes und ausgeschnittenes Schnittmuster.

Tag 917 – To-sew-Liste.

Ich bin total aus dem Häuschen gerade, weil ich meinen ersten Simplicity 7498-Rock fast fertig habe. (Fast, weil: der Reißverschluss fehlt noch. Weil der Nähfuß noch fehlt. Ist aber bestellt [der lokale Einzelhandel so: „Müssen Sie im Netz bestellen.“], wird morgen verschickt, kommt also vermutlich Montag an.) Und er ist so schön. Und so wie ich das ohne Reißverschluss beurteilen kann, sitzt er auch richtig gut. Und da ich den (Stilbruch!) aus dunklem, glatten, leicht glänzendem Jeansstoff genäht habe, fühle ich mich auch total wohl damit und gar nicht, als hätte ich mir ne Verkleidung genäht. Jetzt noch ne Bluse dazu.

(Oh stimmt, säumen muss ich den ja auch noch.)

Und damit mir nicht langweilig wird, hier (außer der Bluse, die vermutlich diese hier werden wird) noch zwei Projekte, eins eilig, eins für die Defense.

(Doch nicht grün, weil eilig. Jetzt also Mitternachtsblau. Und muss noch gewaschen werden, deshalb liegt es hier noch rum.)

Tag 916 – Wut.

Es gibt so Tage, da fühle ich mich wirklich nicht übertrieben wie die schlimmste Mutter der Welt. Heute war so ein (halber) Tag. Eigentlich lief alles ganz ok. Pippi hat halt weiterhin Fieber und leidet sichtlich, aber da gibt es ja Mittel gegen. Sie machte auch heute einen außerplanmäßigen Mittagsschlaf im Kinderwagen, aber das darf sie dann auch ruhig. Nachmittags ging sie ein bisschen durch, trank sehr viel und wollte viel kuscheln, das taten wir dann auch und ich schrieb dabei eine Bewerbung.

Und dann holten wir Michel ab und alles kippte.

Ich komme in den Kindergarten und Michel springt mich mit ausgefahrenen Klauen an, grölt und kratzt mir mit beiden Händen quer über den Mantel. Der Mantel kann das ab, Pippi erschreckt sich aber total, fällt hintenüber und brüllt wie am Spieß los. Die Erzieherin eröffnet mir, dass wir möglicherweise *gar keinen* KiTa-Platz ab Sommer bekommen, das betrifft 4 Kinder, Pippi ist eins davon. Gut, ich will dann ja eh hier weg sein, aber trotzdem: alter Verwalter. Wie ich am Rad drehen würde, wären wir auf diesen KiTa-Platz angewiesen… (kurzes Was bisher geschah: unsere KiTa schließt nach den Sommerferien, weil die Stadt den Mietvertrag gekündigt hat. Mitten in einem Neubaugebiet ohne dass neue KiTas in der Nähe geplant sind. Ergo sind alle Kitas, die da schon sind, überlaufen. Unsere KiTa hat sich von einem großen Träger kaufen lassen, unter der Bedingung, dass sie die Kinder, das Personal und den Bus mitnehmen. Jaja, klar, sagte der neue Träger. Die neue KiTa ist zwar in einem ganz anderen Stadtteil, aber egal, kriegen wir Eltern schon hin. Und der Rest kann ja wechseln, hahaha, wenn nicht alles voll wäre. Jetzt ist aber das Gebäude, in das unsere KiTa unter dem neuen Träger einziehen sollte, noch nicht fertig. Sie haben nur Platz für 7-8 Kinder, verteilt auf die schon bestehenden Gruppen. Vom Personal ganz zu schweigen. Die alte KiTa, das tolle Team, alles, zerbricht also doch. Ach so, wer ist schuld an dem noch nicht fertigen Bau: die Kommune, die den Antrag ewig nicht durchgelassen hat. Es. Macht. Mich. Unfassbar. Wütend. Was für ein Desaster!) Egal. Also die Betreuerin erzählt mir was, Pippi brüllt, Michel grölt und schreit dann „Kann ich M. besuchen? Der ist heute wieder bei seiner Mama, die kannst du doch anrufen, los, schreib der eine Nachricht, ich will M. besuchen!“

Nun ist es so: ich mag den M. nicht. Jedes Mal, wenn Michel mit dem zusammen war, macht Michel nur noch ganz doll überdrehten Scheiß. Mit dem Zusatz „M. macht im Kindergarten… M. hat gesagt… M.s Papa macht das auch…“. Kurz gesagt: aus M.s Richtung kommt nur Mist, M. war auch schon mal hier und ging für einen Fünfjährigen erschreckend manipulativ mit Michel um, ich mag den einfach nicht. Fertig.

Das kann ich Michel aber nicht erklären, es ist ja auch nicht mein Bier, was er sich für Freunde aussucht, aber jetzt noch der Mama schreiben und ihn dann da hinfahren, hinterher wieder mit Flausen im Kopf abholen, offenbar ist er ja eh schon total überdreht… „Heute nicht.“ sage ich. „Ich möchte schnell wieder nach Hause.“

Woraufhin Michel zu toben und zu brüllen anfängt, Pippi anschreit, Pippi fragt ihn, ob alles ok ist, „Schschschttt!“ brüllt Michel mit überschnappender Stimme Pippi an und Pippi fragt lauter: „Alles ok?“ So fahren wir nach Hause, so trage ich Pippi und Michels Zeug die Treppe hoch, so geht Michel aufs Klo, Pippi fängt auch an zu brüllen, meine Nerven sind jetzt aufgebraucht und ich brülle beide an. Michel will Dinozug, Pippi Peppa Wutz sehen und sie streiten und schreien und ich brülle lauter als die beiden zusammen, wenn sie sich nicht einigen können, bleibt der Fernseher aus, Michel wirft sich theatralisch aufs Sofa und schafft es dabei, sich an der Wand hinter dem Sofa die Fingerknöchel aufzuschürfen. Er kriegt ein Pflaster, während Pippi hinter mir steht und laut brüllend auch ein Pflaster einfordert. Michel beschwert sich, dass das Pflaster seine Bewegungsfreiheit im zweiten Ringfingerglied einschränkt. Pippi kriegt ein Fake-Pflaster auf ihr Fake-Aua und dann kann ich endlich den erlösenden Fernseher einschalten. Trotz Dinozuggedudel und Michels panischem „FALSCHE SPRACHE, MAMA!!!“ kommt mir die „Stille“ himmlisch vor. Ich mache mir einen Kaffee und bitte Herrn Rabe per SMS darum, alsbald nach Hause zu kommen, weil es nicht so gut läuft mit mir und den Kindern.

Er kommt, kurz bevor die Kinder viereckige Augen haben und ich meinen Kaffee dank fünfunddreißig mal „Ich will was trinken.“ „Ich will auch was trinken.“ „Ich muss aufs Klo.“ „Pippi pupst!“ „Der Fernseher ist ausgeschmiert!“ noch nicht ausgetrunken habe. Ich habe keine Nerven mehr und nähe grummelnd mit dicken Gewitterwolken über meinem Kopf an meinem Testrock. Herr Rabe macht den Fernseher aus. Das Abendessen – Reste und Brot – ist noch nicht fertig. Beide Kinder eskalieren jetzt wieder völlig, schreien sinnlos rum, sich gegenseitig an, wollen Bilder ausmalen, ABER DAS WAS DIE/DER DA HAT!!!, es ist eine Kackophonie sondergleichen und die Nachbarn haben sicher schon die Supernanny gerufen. Herr Rabe rotiert, ich… kultiviere meine Wut. Ich herrsche die Kinder an, ES REICHT JETZT HÖRT AUF MIT DEM GEBRÜLL, da mache ich natürlich alles noch schlimmer mit, Michel liegt jetzt auf dem Boden in der Küche und schreult, Pippi steht vor dem Drucker und brüllt. Michel behauptet jetzt, er habe einfach ganz großen Hunger. Wir setzen uns zum Essen und rotieren erstmal beide um die Kinder. Brot, ja, mit Ketchup, von mir aus, Käse, natürlich, jetzt in den Sandwichtoaster… wir sind die Lakaien der Kinder. Ich habe mich kurz zur Seite gedreht, um Pippis Sandwich in den Toaster zu laden, Pippi hat mein Messer erobert und wedelt damit herum, stehend auf ihrem Stuhl, wie immer, obwohl ich im 30-Sekunden-Takt sage: setz dich bitte hin, da fällt sie vom Stuhl. Sie brüllt, natürlich, direkt wieder wie am Spieß. Ich sehe Rot, dann weiß, ich tröste sie nicht, könnte ich auch gar nicht, ich würde sie schütteln und dann Michel knebeln und das geht beides gar nicht, also renne ich ins Bad und donnere die Tür hinter mir zu.

Am Tisch eskaliert Michel jetzt natürlich wieder.

„Mama macht das immer, immer wenn wir weinen, wird sie ganz leise und dann knallt sie mit den Türen. Davon kann die Tür kaputt gehen und das darf man nicht machen!“

Ich erwäge, für immer im (dunklen, Lichtschalter außen) Badezimmer zu bleiben. Oder mich auf dem Fußboden zusammenzurollen und zu schlafen. Leckt mich alle am Arsch, denke ich. Ich mag nicht mehr.

(Ja, wir haben uns alle wieder vertragen, ja, ich hatte früher viel schlimmere Wutausbrüche, da gingen richtig Sachen kaputt. Jetzt gehen nur Kinderseelen kaputt. Michel ist jetzt fünf, sowas wird vielleicht seine erste richtige Erinnerung. Bei Pippi wandert das noch schön ins Unterbewusstsein. „Mama war wütend wenn ich mir wehgetan hab.“ Top. Echt ganz toll.)

Tag 915 – #12von12 im Februar ’18.

Heute ist der 12. des Monats und das heißt, alle die meisten alle coolen viele Internet-Menschen machen 12 Bilder von ihrem Alltag und laden sie dann bei Caro von Draußen nur Kännchen hoch. Diesmal gibt es auch von mir wieder 12 Bilder, fast wären es sogar 13 geworden, weil ich mich zwischendrin verzählt habe. Tja.

Heute special Edition „Pippi krank“. Die hatte in der Nacht schon so verdächtig warme Füße und Hände… und ja.

Hups, heute ist ja der 12. Also, periodisches Fiebersyndrom ist periodisch, ich habe auf dem Weg zur Post also Begleitung. #1von12 von #12von12

Nun, Pippi und ich überlassen der Putzfrau die Wohnung, ich möchte eh was mit meinem Chef besprechen und ansteckend ist Pippi ja nicht. Nach Nurofen auch echt fit. Auf dem Weg machen wir mir noch einen Friseurtermin aus. Dann ist der Chef aber super busy und Pippi hat Hunger, wir gehen also hauptsächlich essen (ok, ich habe meine neue Meldekarte verschickt, damit ich Arbeitslosengeld bekomme und ein paar Artikel heruntergeladen).

Das gute? Lustige? Interessante? An dieser Krankheit ist ja: wenn man das Fieber gesenkt hat, is(s)t das Kind wie immer. #2von12 von #12von12.

Wir holen mir noch einen Kaffee, Pippi ist ganz schön müde und dölmert im 7Eleven herum. Im Bus auf dem Heimweg frage ich sie, wo denn ihr Dino sei und, naja, wir steigen also aus dem Bus wieder aus und fahren wieder zurück.

Kinder. Sie verschlüren so viel. #3von12 von #12von12

Auf dem Weg zum Bus schläft Pippi ein. Das ist für die Busfahrt an sich deutlich angenehmer.

Wenigstens ein mal heute will sie nicht unbedingt aus dem Kinderwagen aussteigen. #4von12 von #12von12

Ohne Bild: wir holen mein Zalando-Paket von der Tankstelle ab und es passt um 1 cm Breite nicht in den Kinderwagen, Ich schreibe mit Pippi halb auf dem Schoß eine Bewerbung bei Peppa Wutz-Beschallung, nächste Dosis Nurofen nach exakt 8 Stunden, wir holen Michel vom Kindergarten ab und dann noch Herrn Rabe von der Arbeit, weil Pippi das gern wollte. Dann setze ich Herrn Rabe und Pippi zu Hause ab, denn…

Von der Kita direkt in den Großmarkt. Seufz. #5von12 von #12von12.

Das Schlimme daran ist: die sind ganz frisch gewaschen die sind kaputtgekaut. Kann man Fünfjährige eigentlich wieder an Schnuller gewöhnen? Wär billiger…

Naja. Ich habe (Eis-)Kaffeedurst.

Weil ich zum Club der Frappé-Süchtigen gehöre (#cleaneating #myass) kriegt K2 besondere Fiebersenker mitgebracht. #6von12 von #12von12.

Noch bevor das Eis geschmolzen ist, sind wir wieder zu Hause. Da das übliche Gepröddel plus ein bisschen Modenschau.

Gewaschen, getrocknet, jetzt noch verstauen, aber, äh, wo? #7von12 von #12von12.

Kommen wir nun zu etwas ganz Schlimmem. #8von12 von #12von12.

(Zur Probe bestellte Schuhe für die Party nach der Defense. Vier Paar, eins ist aber echt deutlich zu klein und eins verliert seinen Glitzer in der ganzen Wohnung.)

Tja, hmmm, Hmmhmm. Und ein Preisunterschied von 40€. #ungelegteEier #einpaaristzuklein #einshatallesvollgeglitzert #8von12 #9von12 von #12von12

Das Internet ist mit sehr deutlicher Mehrheit für Glitzer. (Die blauen sind viel bequemer, aber auch… die teureren.)

Dann Essen und Kinder ins Bett verfrachten. Und zurück an den Computer, die Bewerbung nochmal polieren und abschicken.

Und täglich grüßt das Murmeltier. #9von12 #10von12 von #12von12.

Und auch dieses Murmeltier kenne ich schon recht gut. #ArbeitslosAufNorwegisch #aktivitetsplan #nestenferdig #10von12 #11von12 von #12von12.

Von den 20 Bewerbungen bis zum 8. April habe ich übrigens jetzt 18 geschrieben.

Dann ist Feierabend.

Abendbeschäftigung. #11von12 #12von12 von #12von12.

Dann noch bloggen, Fehler bemerken, ab ins Bett.

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Auto-Lobhudelei: Viel geschafft, einen Entschluss gefasst (hat nichts mit Schuhen zu tun) nicht nur kurz bockig gewesen.

Tag 914 – Nanu? Wer bist denn Du?

Michel und ich haben heute ein Ich-bin-Ich gebastelt, das heißt, irgendwann musste Herr Rabe einspringen, weil mich das total abgenervt hat, Basteln eben! Orrr. Herr Rabe ist da viel geduldiger. Es ist auch recht hübsch hässlich geworden, aber Michel ist überglücklich und schläft jetzt mit seinem Ich-bin-Ich im Bett. Die Stoffe hat er aus meinem Fundus selbst ausgesucht und auch die Knöpfe für die Augen, die, man sieht es auf dem Bild kaum, unterschiedlich groß sind. Dadurch macht das Ich-bin-Ich jetzt quasi so: o.O und das passt ja hier sehr gut zu uns.

Falls Sie nicht wissen, was ein Ich-bin-Ich ist, das ist die Figur aus diesem Buch, das ich schon allein aufgrund seiner Sprachmelodie sehr mag:

(Kommt fast ohne pädagogische Keule aus. Einzig der Spruch „Und wer das nicht weiß, ist dumm. Bumm.“ ist halt schlimm ableistisch und dumm auch ausgerechnet eins der Worte, die ich beiden Kindern (Michel macht’s vor, Pippi plappert nach) abzugewöhnen versuche. Aber sonst: Super Buch, gerade zum laut (Vor-)Lesen.)

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Auto-Lobhudelei: im Kleinen viel geschafft (ich hab aus Teig für Berliner Knüppel viel schönere Schnittbrötchen gemacht, als aus dem Schnittbrötchenteig neulich), trotzdem für mich gesorgt und ich fühle mich jetzt tatsächlich bereit für die Woche.

Tag 913 – Nähere Ausführungen zum Sport.

Nun, ich hatte das ja angekündigt, dass ich wieder mehr Sport machen wolle, schon allein um an diesen eintönigen und zum Teil furchtbar frustrierenden Tagen gerade auch mal auf andere Gedanken zu kommen (und nicht meinen Frust an Menschen aus dem Internet auszulassen). Ich wusste nicht, was genau ich machen wollen würde, irgendwas auf YouTube, weil Fitnessstudio grad finanziell schwierig und wegen Vertragslaufzeiten und Tralala auch einfach ungünstig wäre. Tanzen geht nicht mehr und der Angestellten-Sport auch nicht, weil ich ja offiziell nicht mehr Angestellte der Uni bin. (Mir fällt grad ein: eine Einschränkung vorweg. YouTube ist natürlich nix, wenn man echt gar keine Motivation aufbringen kann, oder sich nicht pushen kann, wenn kein Trainer einen beaufsichtigt. Denn ob ich mitturne oder Chips essend auf dem Sofa sitze, während das Video läuft, kontrolliert natürlich nur das Kind, das die Chipskrümel findet keiner.) Ich fragte ein bisschen auf Twitter rum, ob jemand was empfehlen könne und die Reaktionen waren insofern interessant, als dass ich einige Tipps nur über Direktnachrichten bekam, offenbar ist es für mache unpassend, im Internet öffentlich sichtbar Sportvideos zu empfehlen. Also, äh, für mich nicht, und deshalb kann ich hier jetzt auch ganz offen schreiben: Ich habe Fitnessblender gewählt. Die wurden von mehreren Leuten empfohlen und waren außerdem auf Platz eins eines „the 5 best free fitness channels on YouTube“ (oder so) Artikels auf Buzzfeed (oder so, keine Ahnung, ist auch nicht so wichtig). Ich probierte also zwei, nein, drei Videos aus, während ich hier mit den kranken Kindern hockte und mir gefiel das Unaufgeregte auf Anhieb. Aber dazu später, denn…

Ich habe das Gefühl, die Wahl von „Fitness“ erklären zu müssen. Denn es ist ja so: „For free“ könnte ich jede Menge anderen Sport machen. Sogar draußen. Ich könnte Langlauf machen! Grade jetzt im Winter und während ganz Norwegen wegen Olympia vorm Fernseher klebt haben wir dafür hier ja die besten Bedingungen. Aber ich kann ja echt nicht gut Skifahren und alleine traue ich mir das einfach noch nicht zu – da habe ich zu große Angst, mich zu verlaufen und vor allem mir den Hals zu brechen und erst gefunden zu werden, wenn Tiere meine gefrorenen Körperteile zufällig zum nächsten Parkplatz geschleppt haben. Ich könnte auch Laufen gehen! Äh nein. Einfach nein. Ich hasse Laufen. Ich gehe gern zu Fuß, aber in schnell und mit Schwitzen und so… Nee, echt nicht. Dieses Läufer-High kommt bei mir nie, ich habs echt oft genug probiert, was kommt ist das Gefühl, meine Lunge auszuhusten und dass mein Herz mir aus dem Hals hopst. Da kann das hundertmal „mehr als ein Sport“ sein, wie Laufende gern nur ganz dezent missionarisch behaupten, ich finds einfach scheiße. Und überhaupt: Tanzen ist auch „mehr als ein Sport“ (nämlich eine Kunstform), Yoga ist „mehr als ein Sport“ (nämlich Meditation), Boxen ist „mehr als ein Sport“ (Strategie-Dings, ich gebe zu, da begebe ich mich auf dünnes Eis), vermutlich ist auch Curling oder Hockey oder Handball „mehr als ein Sport“, weil LEIDENSCHAFT!!!1elf!. Lebensgefühl. Self-Care (grade als Mutter muss man ja auch obendrein noch für sich selbst sorgen… hoppla, da musste ich ein bisschen brechen).

Ich hingegen wollte einfach Sport. Gern mit Schwitzen, gern keine 2 Stunden pro Einheit, gern so, dass man auch mal Muskelkater bekommt, zusammenfassend: den Körper spüren und dass der was getan hat. Yoga ist mir zu wenig Schwitzen, für alles mit Kraft fehlt mir das Equipment (was nur bedingt stimmt, aber dazu gleich), eigentlich will ich auch nicht abnehmen (im Sinne von Gewicht verlieren, ich mag schon lieber, wenn meine Muskeln auch sichtbar sind) und fände deshalb jetzt täglich Cardio irgendwie nicht so zielführend. Die drei Tests bei Fitnessblender waren ein HIIT (High Intensity Interval Training, also in kurzen Intervallen irgendwas sauanstrengendes machen, dann ganz kurze Pause mit weiter bewegen, nächste Übung…), ein Pilates-Workout und ein Butt/Thigh/Lower Back Blabla toning irgendwas. Leider verbrachte ich zum Teil deutlich mehr Zeit mit der Suche nach einem geeigneten Workout, als mit dem Workout selbst, weil YouTube so eine bescheidene Suche hat. (Ich glaube bei Fitnessblender auf der Homepage geht es viel besser, aber das habe ich noch nicht ausprobiert.) Aber erstmal zu den Videos: erster wichtiger Punkt für zwanghafte Tänzerinnenseelen wie mich: es gibt keine Musik. Wenn Musik läuft, muss ich mich im Takt bewegen und dabei powere ich mich oft wirklich übermäßig aus, das geht einfach nicht für mich, dass dann „meinem Tempo anzupassen“. Nix da, Takt it is! Dann zu den Trainern: Kelly und Daniel sind ein Personal-Trainer-Ehepaar, die (Hurra!) aussehen, wie normale Menschen. Und reden wie normale Menschen. Und (weil sie alles meistens ungeschnitten so mitmachen, wie man es eben auch durchturnt) mal schnaufen, oder kurz Pause machen müssen, rot werden, eben: normale Menschen. Nebenher sind sie natürlich super trainiert, fast immer super gut drauf und trinken am Tag jeder vermutlich sechs Liter Wasser, aber wer würde ihnen das übel nehmen, es ist ja ihr Job. Die Videos sind prinzipiell alle kostenfrei verfügbar, aber man kann sich komplette Trainingsprogramme kaufen, die dann 2 bis 8 Wochen lang jeden Tag (mit Erholungstagen) ein Video präsentieren. Damit, und mit ihrem Ernährungs-Tralafitti (dazu auch gleich) verdienen die beiden ihr Geld und vermutlich gar nicht mal wenig. Nun, und weil ich ein (im Grunde) fauler Mensch bin, der außerdem keine Ahnung von Trainingsplänen hat und gern bereit ist, für gute Arbeit auch Geld zu bezahlen, habe ich mir nach den ersten Testläufen so ein vier-Wochen-Programm gekauft, und zwar eines, das ohne Gerätschaften (also: Gewichte) auskommt und das einen guten Mix aus all den vielfältigen Trainingsvideos versprach.

Jetzt bin ich halb durch mit dem Programm und liebe es. Es ist wirklich ausgewogen und durchdacht. Es ist immer Warm-Up und Cool-down dabei und zwar fokussiert auf die Körperteile, die man grad trainiert hat. Die Videos innerhalb eines Programms wiederholen sich nicht, natürlich wiederholen sich aber einzelne Übungen. Die Extra-Credit-Challenges machen aus einem gut machbaren 35-Minuten-Workout schnell mal ein total auspowerndes 45-Minuten-Workout, aber das ist ja auch so gedacht und diese Extra-Credit-Dinger muss man ja auch nicht machen. Wenn man die weglässt kommt man auf eine durchschnittliche Workout-Dauer von ca. einer halben Stunde, aber eben: jeden Tag. In den Videos ist (für mich überflüssiger) Schnickschnack wie die geschätzten verbrannten Kilokalorien angezeigt, und das sind, grob geschätzt, am Tag etwa 180 (untere Grenze), mal mehr, selten weniger. Zu jedem Workout-Tag gibt es eine kleine Einführung, eine wirklich sehr ausführliche gibt es einmal am Anfang. Man kann in dem Programm Tage überspringen, wenn man anderen Sport gemacht hat, wenn man aber nur keine Zeit oder Lust hatte, soll man da wieder anfangen, wo man aufgehört hat. Es gibt einen übersichtlichen Kalender und allerlei Schnickschnack wie Rezepttipps. Das reine Trainingsprogramm ist für mich nahezu perfekt: Ich brauche kein Zeug, trainiere meinen ganzen Körper, arbeite an Kraft und Kondition (und habe gelernt, was für zornige Kraftübungen man nur mit dem Körpergewicht und Anarbeiten gegen die eigenen Muskeln machen kann) und mich jeden Tag motivieren fällt mir leichter, als mich zwei Mal die Woche aufzuraffen (wenn es keine festen Termine sind). Am besten wäre es wohl tatsächlich, ich würde direkt am Morgen sporteln, weil ich mich dann den Rest des Tages ganz aufgeräumt und viel ausgeglichener fühle, aber das wiederum scheitert am gemütlichen Bett. Die ersten Tage des Programms waren hart, ich hatte üblen Muskelkater und noch keine Routine, aber jetzt macht es mir richtig Spaß. Nachdem ich gestern von meinen definierteren Muskeln schrieb erklärte mir übrigens eine Freundin, das sei auf den Wasserverlust zurückzuführen, die beanspruchten Muskeln ziehen Wasser aus dem umgebenden Gewebe (?) und treten dadurch deutlicher hervor. Das kann sehr gut sein, denn seit ein paar Tagen habe ich ständig Durst und möchte am liebsten einen kleineren See pro Tag aussaufen. Und weil ich eben eh schon schlank bin und an Armen und Schultern kein sichtbares Fett habe, reichen schon knappe zwei Wochen um sichtbarere Muskeln zu zaubern.

Bin ich also restlos begeistert? Fast. Denn die Fitnessblender-Menschen kommen halt gleich mit der Lifestyle-Keule. Du sollst nicht nur täglich sporteln, wegen health und so (von da ist es nur ein ganz kurzer Weg zu „Leute die wegen Übergewicht krank sind, sind undiszipliniert und selber Schuld an ihrer Krankheit“ und das finde ich einfach sehr gefährlich), „lean“, also schlank zu sein, ist auch das erklärte Ziel (ahhhh, kurz vor Bodyshaming) und generell ist das ja auch alles „mehr als ein Sport“, nämlich Lifestyle und du sollst auf jeden Fall jetzt auch clean eaten. Da kriege ich ja schon Zuviel, weil ich da an Avocados und Ziegen-Hüttenkäse denken muss, aber ich erkläre mal kurz, worum es dabei geht. Ich habe nämlich trotz meiner Abneigung den Clean-Eating-Part der Sportprogramm-Einleitung auch gelesen, context is for kings und so. Also, ganz vereinfacht ist clean eating das Bestreben, möglichst wenig prozessierte Lebensmittel zu essen. Möglichst alles soll so gegessen werden, wie es vom Baum/Strauch/Busch fällt, an/in/auf der Erde wächst, vom Tier kommt, etc. Garen ist schon erlaubt, das wäre dann raw food, kann man bei dem meisten Obst und Gemüse sicher machen, bei Kalbsleber würde ich das aber lassen. Käse ist ok, Brot ist ok, aber dann bitte aus Vollkorn, Nudeln auch, Reis (Vollkorn!), Kartoffeln: alles gut. Was nicht ok ist: Schmierkäse, Tütensaucen, Chips, Frühstücks-„Cerealien“ und generell alles, was irgendwie chemisch anmutet oder absurd viele Inhaltsstoffe hat. Mein Fazit nach dem Lesen der Einleitung war übrigens: Hey, wir essen schon voll clean. Wir machen das meiste selbst, Nutella ist hier absurd teuer: Yeah, clean eating! Heute war sogar ne Avocado im Salat! Wo ich halt anfange, schlimmes Augenzucken zu kriegen, ist, wenn da steht „Honig ist besser als Zucker“, weil, nein. Und nochmals nein. Und generell, wenn jeder Ausflug in Richtung „normales Essen“ als Cheating oder Treat dargestellt wird. Das macht mir so ein ganz ungutes Gefühl im Magen und das kommt nicht vom Avocadosalat. Essen ist so toll und Essgewohnheiten so vielfältig. Niemand hört gern über sein Abendessen, das sei ja jetzt „eine Belohnung“ oder gar „ein Ausrutscher“. Man muss aber sagen, dass dieser Teil des Fitnessblender-Konzepts in den Videos nur am Rande vorkommt, wenn sie am Ende sagen, man solle so schnell wie möglich was essen und zwar „real food“. Nicht so unreal wie Schokokekse, obwohl, vielleicht enthalten die dann ja auch unreal Kalorien?

Abschließendes Fazit: Minus den Ernährungskram und Minus das unausgesprochene „alle haben schlank zu sein zu wollen“: Find ich richtig gut. Ich freue mich auf jeden Fall schon mal auf die nächsten zwei Wochen. Und mein Bett, um meinen heute doch mal wieder arg geschundenen Körper auszuruhen.

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Auto-Lobhudelei: Ohne zu verrecken 40 Minuten sehr anstrengendes und anspruchsvolles Training durchgezogen

Tag 912 – Ächz.

Heute Morgen sang ich noch Loblieder auf mein Sportprogramm und dass das ja jetzt gar nicht mehr so schlimmen Muskelkater macht wie am Anfang noch und dank meiner schnell wachsenden Muskeln* sieht man an Schultern, Armen und oberem Rücken schon Erfolge und im unteren Rücken merke ich dass er mir viel seltener wehtut und olé olé, super Sportprogramm.

Dann kam die 10-Minuten Total Abs Burnout Pilates Extra Credit Challenge** I’m Anschluss ans Total Upper Body Workout. Heute Nachmittag dachte ich noch, hmm, fühlt sich alles recht müde an. Dann fing der Körper beim Vornüberbeugen an, lustige Zuckungen zu produzieren.

Und dann hatte ich die brillante Idee, geliehene Schnittmuster auf in meinem unerschöpflichem Fundus*** gefundenen Schnittmusterpapier zu übertragen. Erst kroch ich dafür auf dem Boden herum, aber als Herr Rabe mich ächzend und fluchend vom Boden hochkommen sah, räumte er mir den Esstisch frei. Da stand ich dann in leicht vorgebeugter Haltung und jetzt bin ich fertig mit dem Abmalen, aber meine Abs**** sind jetzt auch wirklich für die nächste Woche so dermaßen ausgeburnt.

Morgen geht’s weiter. Mit dem Sport und den Schnittmustern auch.

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Auto-Lobhudelei: heute viel erledigt bekommen, sogar eine Bewerbung verschickt, obwohl meine Motivation dies zu tun heute auf einem Tiefpunkt war. Dafür eine Post-doc-Stelle in Kopenhagen gefunden, auf die ich mich auf jeden Fall bewerben werde. Das Thema ist nämlich sehr ähnlich zu dem, was ich hier in der Doktorarbeit gemacht habe und es ist ein industrieller Post-doc. Win -win.

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*Mir wurde schon zu viel Testosteron unterstellt, ich nehme ja an, dass meine Muskeln einfach immer ungefähr konstant da sind, aber bei längerer Nicht-Benutzung nicht mehr gut ansprechbar sind und dann auch nicht so sichtbar. Da braucht es nicht viel, um alte Formen wieder herzustellen. Wirklich irgendwas verändert hat sich nämlich nicht, nur etwas definierter ist es halt geworden.

** Diese Extra-Credit Challenges sind Zusatzaufgaben, die man machen kann, aber nicht muss. Ich sehr aber nur „Challenge“ und schreie sofort reflexhaft „Accepted!“. Ich arbeite daran, das abzustellen.

*** Ich hab das ja alles von meiner Oma geerbt, en bloc alles was in der Nähe der Nähmaschine lag. Ich muss nie, vermutlich die nächsten 10 Jahre auch nicht, Gummilitze kaufen. Und Nähgarn in fast allen Farben habe ich auch immernoch. Und eine Tonne Knöpfe. Und eben auch, etwas überraschend, eine Packung Schnittbogenpapier von Burda und ca. 1990. Praktische Sache! Danke, Oma!

****Abs sind Abdominal muscles also Bauchmuskeln. Burn out in dem Zusammenhang heißt, dass die Muskeln wirklich beansprucht werden sollen, bis man nicht mehr kann.