Tag 1003 – Urlaubsstimmung? Fehlanzeige.

Irgendwie mechanisch läuft hier die Urlaubs-Vorbereitung. Brötchen und Brot für nach der Rückkehr sind gebacken, alles ist gewaschen und zum größten Teil getrocknet, für die Reise und den ersten Abend ist eingekauft, morgen dann packen, aufräumen und los. Aber irgendwie kommt keine Rechte Urlaubsstimmung bei mir auf. Die Kinder sind doll aufgeregt, aber ich? Denke wieder an all das nervige daran und damit*, das viele Geld und überhaupt.

Dabei haben wir den Urlaub wirklich nötig, allesamt.

Und kaum bin ich etwas positiver gestimmt, signalisiert mir mein Körper, dass ich morgen wohl besser Ibuprofen greifbar haben sollte, sowie Slipeinlagen. [TMI **] Erklärt andererseits aber vielleicht auch meine Laune und den fehlenden Antrieb.

Nun denn. Es wird schon werden. Bestimmt. Ganz sicher. Bis dahin tackere ich einfach meine Mundwinkel nach oben.

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*Packen, unausgelastete Kinder, Kinder, denen nix schmeckt außer Pommes und Eis, Spielzeuge, die schmerzlich vermisst werden, Flugangst, interessante Kindersitze in Taxis, „wäähähä, warum haben wir kein Kräutersalz/keinen Ketchup/keinen braunen Käse/whatever mitgenommen?!?“, „Ich hab keine Lust auf [xyz]“, „nein, ich will noch hier bei [xyz] bleiben“ usw.

** (Ja schon praktisch bei der Menstruationstasse: kein Nachschub (muhahaha, NachSCHUB, wie in SCHIEBEN, so wie bei Tampons… geht gleich wieder, sorry), den man vergessen könnte.)

Tag 1002 – Dies und das.

Die letzten drei Tage war hier Sommer. Nur noch sehr wenig grün. Aber 24 Grad – das ist, wenn wir ehrlich sind, ein ziemlich guter Tag im August. Ich verdenke es den Trondheimern auch in keinster Weise, dass sie diese 24 Grad nutzen um im Park herumzuliegen und zu grillen und Planschbecken zu verkaufen. Was ich ihnen etwas übel nehme ist: sie lassen überall ihren Müll liegen, die Mülltonnen sind heillos überfüllt und es liegen Haufen aus Plastiktüten gefüllt mit allem zwischen Grillfleischverpackungen, Essensresten und gefüllten Windeln einfach um die Mülleimer herum. Zum Kotzen, und erst recht wenn drei Meter weiter einer der Gullideckel mit dem schönen Spruch „Kacke, Pipi, Klopapier – mehr soll nicht ins Klo!“ dafür wirbt, keine Essensreste ins Klo zu werfen, weil das Ratten anlocken könnte. Wäre ich Ratte, ich würde wohl einfach oberirdisch Müllbeutel plündern.

Was ich auch mehr als befremdlich finde: alle Jahre wieder sieht man an den ersten sonnigen Tagen viele, viele Sonnenbrände. Wirklich fiese, zum Teil, wir sind ja hier immerhin im Norden und die „Ureinwohner“ haben tendenziell schon sehr blasse Haut, sind gern mal (hell-)blond und haben blaue Augen. Bei Erwachsenen denke ich dann ja oft noch „selber schuld, sind ja erwachsen, an jeder Apotheke hängen die Plakate und gibt’s Sonnenschutz mit Faktorrabatt“, aber was mich ratlos macht, sind Kinder mit verbrannten Nasen und Nacken. Da möchte ich, von Eltern bis KiTa-Personal, alle schütteln und sagen: „Cremt. Die. Kinder. Ein. Hautkrebs. Ist. Scheiße. Verdammtnochmal!“. Ja, es ist oft auch keine wahre Freude, ein sich windendes Kleinkind einzucremen, das weiß ich aus erster Hand, aber ich weiß auch: der Groschen fällt irgendwann und dann ist „Sonne scheint, also eincremen“ fast so selbstverständlich wie das abendliche Zähneputzen. Bis dahin sehe ich das wie eben Zähneputzen: es ist meine Verantwortung, dass meine Kinder weder Karies noch Sonnenbrand kriegen, Zweidreivierjährige können solche diffusen Konsequenzen wie „akkumulierte DNA-Schäden“ noch nicht abschätzen, also wird da nix mitentschieden, Zähneputzen, eincremen, basta.

Hrmpf!

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Urlaubsvorbereitung war heute etwas frustrierend: die Wettervorhersage sagt, dass es an drei von sechs Tagen bei 17 Grad regnen wird. Juchheh.

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Trotzdem Kinder-Sommer-Klamotten gesichtet und sortiert, um zu schauen, ob morgen noch was besorgt werden muss. Antwort: eher nicht, Pippi hat ca. 8 Kleider, die letztes Jahr noch zu groß waren und geschätzt 16 kurze Leggins, die an ihre Spargelbeine immernoch sehr gut passen, auch in Größe 86.

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Pippis A-Phase ist wirklich nicht schön. Dieses Kind ist wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Im einen Moment niedlich hoch 10, singt Lieder, erzählt einem was, macht Quatsch, aber im nächsten Moment (wenn man ihr dann gesagt hat, sie soll den Quatsch doch sein lassen) ein Wutzwerg sondergleichen, der kreischheulend und um sich tretend und schlagend auf dem Boden liegt. Heute hat sie Herrn Rabe volle Wucht ins Gesicht gehauen. Mit Absicht. Generell wird kein von uns in normaler Lautstärke und Ton geäußertes „Nein“ akzeptiert, wir müssen immer erst laut werden. Und dann brüllt sie und beschimpft sich als „Dumme Pippi!“. Hoffentlich ist das bald vorbei.

Tag 1001 – Nächte.

1001 Tage hier. Genau genommen blogge ich aber meistens spätabends, oder nachts, je nachdem wie man das definieren möchte. In den letzten 1001 Nächten ist echt viel passiert.

Pippi ist vom Säugling zum Baby geworden, hat Robben, Krabbeln und Laufen gelernt, ich habe sie abgestillt und wir haben sie gemeinsam in ihr eigenes Bett ausquartiert. Sie schlief irgendwann durch und wir auch wieder. Dann aß sie plötzlich jede Nacht eine Banane. Sie hat mit der Kita angefangen und es war furchtbar und dann wurde es gut. Und dann sehr gut. Und dann war sie dauernd krank. Sie fing an zu sprechen und zu singen und sogar ihre Haare wuchsen. Neuerdings fährt sie Laufrad.

Michel ist vom Kleinkind zum nicht mehr so kleinen Kind zum Vorschulkind geworden. Wir haben es durch die A-Phase geschafft, Michel ist trocken geworden, irgendwann sogar nachts, er hat Freunde gefunden und übernachtet sogar bei denen. Er bekam ein Fahrrad mit „Patilen“ und dann ein großes Fahrrad für richtige Vorschulkinder. Er kann alle Buchstaben erkennen und einfache, kurze Wörter lesen und schreibt wunderbare Nachrichten in lautschriftlichem Norwegisch. Er erzählt non-stop, Wichtiges verpackt in einen Brei von Belanglosigkeiten und jede Nacht kriecht er irgendwann in unser Bett: ans Fußende. So haben wir alle größtmöglichen Platz und Michel kann kuscheln, mit unseren Füßen zwar, aber das stört ihn nicht, Hauptsache Körperkontakt. Und er hat die hinreißendsten Sommersprossen der ganzen Welt.

Herr Rabe hat sich in seinem Job weiterentwickelt und ist bei der selben Firma in einem inzwischen anderen Team und einer sich stetig entwickelnden Position sehr glücklich. Weil Herr Rabe eben, wie nicht ganz so viele Informatiker*Innen, auch sehr gut mit Leuten kann. Was ich natürlich immer schon wusste, schließlich ist er der beste Mann und auch der beste Vater, den ich mir für mich und meine Kinder vorstellen kann. Seine Geduld mit den Kindern hätte ich gerne auch nur ansatzweise. Und seine Geduld mit mir… auch.

Das Blog hier hat sich von ca. 3 Lesern pro Tag zu (für mich) wahnwitzigen 1200 gemausert. Ich habe in fast allen Nächten etwas hereingeschrieben, manchmal erst nach Mitternacht und einmal erst am nächsten Tag, nach einer Nacht voll Schlaf. Das Blog war mit auf Korfu, in Frankfurt, in Bergen, in den USA, in der Schweiz, in Porto, gefühlt ständig in Oslo und mehrmals in Bielefeld. Es war mit bei guten und beschissenen Vorstellungsgesprächen, bei der Legevakt, im Labor, im Familienleben, im Waldorf-Kindergarten und beim Schwimmkurs. Es wurde gefüllt von alltäglichem, mit gelegentlichen Ausflügen in Bereiche wie Erziehung und Ernährung, Beiträge, die immernoch zu den am häufigsten gelesenen gehören. Es ist ein Teil von mir geworden. Einer, dessen Wichtigkeit ich irgendwo bei „Milz“ einordnen würde: ohne geht auch, ist aber echt blöd, und die Entfernung wäre schmerzhaft.

Die Schnecken sind echt groß geworden. Ansonsten sind sie weiterhin Schnecken: nicht besonders schlau, sehr langsam, ziemlich gefräßig.

Und ich? Ja. Ich habe den Statistikkurs überlebt, die Babyzeit mit Pippi und den Schlafmangel überstanden, war beim Muttisport und wurde erstaunlich fit, habe wieder angefangen zu arbeiten, wurde erstaunlich unfit, fing wieder mit Ballett an und hörte erst wieder auf, als ich anfing, die Diss zu schreiben. Wechselte das Diss-Projekt. Machte tausend mal „das letzte Experiment“. Organisierte mir die Konferenz in Kalifornien, samt Reisestipendium. Ging kaputt. Wechselte viele Bettbezüge. War mit krankem Kind zu Hause. Fing an, immer mehr Sachen für mich und immer weniger für die Kinder zu nähen. Buk Brot. Ging spazieren und wurde wieder halbwegs heile. Lernte viele tolle Leute kennen. Schrieb meine Diss auf. Wurde gescoopt und merkte, wie kaputt ich eigentlich noch war. Machte weitere tausend male „das letzte Experiment“, schlug mir Nächte am Mikroskop um die Ohren, schlug mir weitere Nächte am Rechner um die Ohren um die Bilder auszuwerten und Daten zu analysieren. Schrieb einen Artikel in vier Tagen und Nächten. Bekam die Schilddrüsenscheiße zurück, ging wieder kaputt und ignorierte es, ging durch Mordor und zurück, schrieb tausendundeine Bewerbung, bekam 788 Absagen und 211 mal gar keine Antwort, sagte einen Job ab, gab die Diss ab und dann war endlich Weihnachten. Leckte zwei Monate lang meine Wunden, nähte viel, versuchte, in dem ganzen Murks mein Ich als Mutter und auch Partnerin wiederzufinden und mich wieder zusammenzuflicken. Machte viel Sport. Hasste meistens das Wetter hier. Disputierte. Versuchte, stolz auf „disputierte“ zu sein, statt sich wegen „arbeitslos“ zu grämen. Und schrieb täglich in dieses Internet. Mal überlegt, mal lustig, mal frustig, mal kurz, mal sehr lang, mal verzweifelt, mal mit vielen Bildern und dann wieder ganz ohne, mal in Schnipseln und mal in Dialogen. Aber fast immer nachts.

So kann es doch weitergehen.

Tag 998 – Legevakt die 578.

Herr Rabes Geburtstag (heute ist er Mitte 30) verlief eigentlich sehr entspannt, wir waren am Vormittag faul* und am Nachmittag am Staudamm, um den wir gehen wollten. Pippi war es dann doch zu weit, Herr Rabe ging also direkt mit ihr zum Spielplatz, während ich mit Michel weiterging. Michel auf dem Rad und ich hinterher. Das war sehr schön, wir haben eine Schnecke gefunden und aus dem Moor in ein trockeneres Fleckchen Klee umgesetzt (gut versteckt, aber Michel hat trotzdem sämtliche Vögel im Umkreis verscheucht) und herausgefunden, dass der Stauteich geleert wird, weil irgendwelche Klappen nicht mehr tun was sie sollen. Man soll in der Zeit bitte die Biber nicht stressen. Dann hätten wir noch eine schöne Unterhaltung über Orientierungsläufe (weil da auch Schilder hingen) und Michel möchte jetzt gern zu den Pfadfindern. Vielleicht hab ich ihm das auch sehr schöngeredet, aber ich hätte das als Kind voll super gefunden und ich bin sicher, das würde er auch. Er plante jedenfalls schon, was er alles auf Zelttouren mitnehmen will (Taschenlampe und Triceratops).

Leider kamen wir zum Spielplatz zu einer heulenden Pippi, die „Aua, Aua!“ brüllte und sich die Hand hielt. Von Herrn Rabe verstand ich nur, sie habe irgendwas gemacht und dann hätte das Gelenk irgendwie Knacks gemacht, Pippi hatte jedenfalls offenbar große Schmerzen und als ich ihr die Jacke auszog, um das gewünschte Placebo-Pflaster aufzukleben, brüllte sie wie am Spieß. Damit war der Ausflug beendet, ich rief vom Auto aus die Legevakt an und äußerte die Vermutung „Ellenbogengelenk ausgerenkt“, es wurde gefragt, ob wir Schmerzmittel gegeben hätten (nein, wie denn, im Wald?) und sollten dann vorbei kommen. Wir waren dann auch schon 5 Minuten später da und während Herr Rabe noch das Auto parkte und uns für die Wartezeit mit Kaffee versorgen sollte, ging ich mit den Kindern rein. Da kamen wir unerwarteter Weise direkt ins Vorzimmer dran, ich erklärte, was passiert sei (die genauere Geschichte war: sie ging an Herr Rabes Hand und ließ sich ganz plötzlich fallen), Michel erklärte, Pippi habe ein Eulenpflaster bekommen, Pippi zeigte ihren Arm nicht sehr freiwillig her und brüllte herum, ich wurde wieder gefragt, ob wir Schmerzmittel gegeben hätten und dann sollten wir warten. Also setzten wir uns hin aber kaum saßen wir, wurden wir schon aufgerufen. Die Krankenpflegerin fragte, ob Pippi Schmerzmittel bekommen habe, Michel erklärte, sie habe ein Eulenpflaster, Pippi murmelte „skikkelig vondt!“ [ordentlich weh] und dann bekam Michel einen Flummi und Pippi ein Radiergummi und eine Haarspange (und keine Schmerzmittel) und wir sollten warten. Dort hatten wir dann eben genug Zeit um ein bisschen die Mitwartenden zu unterhalten „Ich bin Michel und ich bin Fünfeinhalb Jahre alt und das ist Pippi, die hat ein Aua am Arm und ein Eulenpflaster bekommen, ich hab einen Flummi, guck?“ „Ich bin auch fünfeinhalb!“ „Nein, Pippi, du bist nicht fünfeinhalb.“ „Wie alt ist Pippi? Zweieinhalb?“ „Fast drei**.“ „Also zweieinhalb.“ „Ich hab ein Eulenpflaster. Und skikkelig vondt.“ Und grade als sich die übrigen Wartenden überlegten, welches dieser putzigen Kinder sie wohl als erstes klauen wollen würden, waren wir auch schon dran. Der Arzt besah sich den Arm, drehte daran herum, Pippi brüllte wie angestochen und trat dem Arzt ordentlich vors Schienenbein und dann machte der Arm knack und alles war wieder gut. Zum Abschluss schaute der Arzt, ob Pippi den Arm schmerzfrei bewegen könne und zeigte mir die Einrenkbewegung. Und schwups, fertig. Pippi öffnete dann mit dem eben noch bewegungslosen Arm die Tür und wir trafen Herrn Rabe im Vorraum, der grad mit Kaffee, Eis und Gebäck eingetrudelt war. Der ganze Besuch hatte keine 20 Minuten gedauert, das muss Rekord sein. Im Vorraum saßen noch dieselben Leute, wie als wir gekommen waren, und während Pippi ihr Eis schleckte, schwafelte Michel die Wartenden voll „Ich war bei der Schulanmeldung, meine Mama findet keine Arbeit, wir ziehen vielleicht in ein anderes Land, meine Freunde M. und H. sind aber auf der Schule und nächste Woche fliegen wir im Flugzeug, da ist es so warm, dann kann ich Shorts anziehen und Sandalen, ich hab neue Schuhe, aber dafür ist es noch zu kalt und ich bin fünfeinhalb Jahre alt, mein Freund H. ist schon sechs, …“ Datenschutz? Kann man mit solchen Kindern auch vergessen. Wenn der meine Telefonnummer wüsste, würde er die auch jedem auf die Nase binden. Und dann diese Sommersprossen und dieser Wuschelkopf, der ist so niedlich, ich könnte den fressen.

Und dann rastet dieses niedliche Kind beim Abendessen komplett aus, weil die alte Blase an seiner Ferse juckt. Meine Güte. Aber so ist das vermutlich. Mit Fünfeinhalbjährigen.

Jedenfalls lassen Herr Rabe und ich jetzt den Abend noch ausklingen (Herr Rabe mit seiner neuen, total männlich-schwarzen Maske im Gesicht) und gehen dann ins Bett. Die nächste Vier-Tage-Woche ruft.

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Auto-Lobhudelei: mit der Armsache total cool geblieben.

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*Anekdote zum Aufwachen: beide Kinder haben in ihren eigenen Betten durchgeschlafen. Um sieben wurde ich deshalb (?) panisch wach, sicher, beide seien tot. Um zehn nach sieben war mir klar, dass ich eh nicht würde weiterschlafen können, wenn ich nicht gucken gehe. Um zwölf nach sieben lag ich wieder im Bett, mit doppeltem Kinderschnaufen im Ohr und einer kleinen Stimme, die sagte: haha, du Helikoptermutter.

**Am 1. Mai war Pippi exakt so alt, wie Michel am Tag von Pippis Geburt. Das ist auch einigermaßen verrückt.

Tag 997 – #WmDedgT im Mai ’18.

Heute ist wieder mal der 5. des Monats, genau genommen ist der 5.5. (ganz genau genommen ist jetzt schon der 6.) und Frau Brüllen fragt „Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?“.

Tja, hmm, nicht viel. Zum Tril lag das an einer Kinderintensiven Nacht mit gerädertem Aufwachen, zum Teil an der wirklich fetten Erkältung, die mich die erste Hälfte des Tages mehr oder minder lahmlegte. Nachdem Herr Rabe mit Krawallo-Pippi aufgestanden war, durfte ich zwar noch schlafen, aber träumte mal wieder Verfolgungs- und Todesangst- und Fluchtszenarien und wachte dann endgültig schweißgebadet und unerholt auf. Immerhin gab es gleich Frühstück, sogar Pancakes. Und Kaffee. Ohne Kaffee keine Laune. Mit Kaffee… Laune, die ersten 35 benutzten Taschentücher* und die ersten 58 Nieser des Tages. So sollte es denn auch weitergehen. Pippi badete, ich nieste. Herr Rabe schnitt Michel die Haare, ich schneuzte und schniefte. Herr Rabe schnitt Pippi den Pony, ich nieste. Die Kinder duschten die Haare ab, ich rotzte. Es wurde erst besser, als ich Pippi für einen Mittagsschlaf hinlegte und mich dazu. Obwohl ich nicht schlief, kam mein Körper aus seiner Nasenfokussiertheit heraus und ich konnte den Rest des Tages halbwegs normal verbringen. Aber erstmal schickte ich vom Bett aus meine neue Meldekarte ab. Schaute auf mein Konto, schluckte ein bisschen, und redete mir ein, dass bestimmt bald ein Job käme.

Ich ging duschen, Herr Rabe baute Lego mit Michel. Ich weckte Pippi nach meiner Dusche auf und ging dann aber doch lieber schon mal alleine los, einkaufen. Ich war auch in geheimer Mission** unterwegs, das passte also ganz gut. Podcast hörend ging ich los, in Laden 1 (nix) und dann Laden 2, um mir neue Turnschuhe zu kaufen. Das dauerte dann soooooo lange, dass mich Herr Rabe und die Kinder einholten. Irgendwann entschied ich mich*** aber doch und habe jetzt neue Turnschuhe, Hurra. Und weil ja die Kinder dabei waren haben die jetzt je ein Paar Sandalen und leichte Turnschuhe. In günstig, ich mag mich bei solchen Schuhen, die eh, auch die teuren, nach einer Saison mit Fahrrad/Laufrad, immer draußen, Matsch, Fjordwasser, Buddelkiste, etc. im Eimer sind, nicht immer drüber ärgern, dass die Kinder nicht sorgsamer mit ihrem Kram umgehen.

Dann Einkaufen in Laden 3, ohne Einkaufzettel. Das Abenteuer der kleinen Hausfrau.

Schnell nochmal allesamt ins Einkaufszentrum, Laden 1 hatte ja das gewünschte nicht gehabt. Eis und dann mit Michel auf die Geheime Mission. „Mama?“ sagt Michel, „Ich glaube, Papa möchte gerne ganz viel Lego haben. Papa hat ja nicht so viel Lego. Da würde er sich freuen, wenn er ganz viel Lego bekäme.“ Tjanun, in einem Lego-Laden waren wir jedenfalls nicht. Michel war auch erst sehr enttäuscht, dann aber begeistert, einer Verkäuferin ein paar Knöpfe an die Backe labern zu können. Und wir haben dann abgemacht, dass das unser Geheimnis bleibt, was wir da gekauft haben.

Die Kinder turnten dann noch ein wenig über den Spielplatz im Einkaufszentrum und ich ärgerte mich über Kinder, die weder Schlange stehen, noch Abwarten, bis das Kind vorher gerutscht ist, noch die Rutsche unten freimachen, noch überhaupt irgendeine Grundregel der Spielplatzbenutzung einhalten können oder wollen. Ich bin dann auch die Mutter, die nach drei ärgerlichen Dingen vom selben Kind dieses über eben die Spielplatzgrundregeln aufklärt. Und dabei nicht ganz freundlich begleitet, sondern deutlich artikuliert. Inklusive „so geht das nicht, wenn alle zusammen spielen wollen, müssen sich alle dran halten oder woanders hingehen“. Hat aber immerhin geholfen. Kurz.

Nach Hause gefahren und Lemon-Cheesecake gemacht. Geht wirklich recht fix. Nach diesem Rezept, weil das mit Video ist, weil Michel gern helfen wollte, aber sehr besorgt war, dass er das Rezept nicht würde lesen können.

[Lemon Curd klingt zwar irgendwie eher nach ner braunen Wurst als nach gelbem Zitronenmatsch, aber es schmeckt trotzdem wunderbarstens. ]

Nach der Kuchenschichterei war es jedenfalls schon 21:00 Uhr und nach kurzer Abklärung mit Herrn Rabe machte ich dann doch keine Crêpes mehr, sondern Nudeln mit Käsesauce mit Räuchertofu (für alle) und Erbsen (für die Erwachsenen. War lecker, die Kinder jetzt aber natürlich ganz aufgekratzt, weil spät und die dann ins Bett zu verfrachten, war gar nicht so einfach. Zumal Michel wegen der verpassten Crêpe-Chance Rotz und Wasser heulte.

Aber jetzt schlafen sie, ich habe noch Sauerteig angesetzt, Herr Rabes Geschenk muss ich wohl morgen früh einpacken. Mir fallen die Augen zu und das Telefon aus der Hand, also Schluss für heute.

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*ehrlich gesagt besser so, als bei Freunden übernachten und morgens mit einer trockenen Schnodderspur im Gesicht aufwachen.

**Herr Rabe hat morgen Geburtstag.

***bin von Herrn Rabe überredet worden.

Tag 996 – Nach Hause telefonieren?

Also das heute lief sehr merkwürdig, bzw lief es mit dem 1., meinem potenziellen direkten Kollegen, sehr gut, dann wurden wir aber unterbrochen von der CTO/Gründerin, die, hmm, [ich sag nix über Klamotten, kann jede halten, wie sie will], hmm, sie sah zwischendurch aus dem Fenster. Nach exakt 30 Minuten war auch das merkwürdige Gespräch mit ihr vorbei, ich fühlte mich… wie nach den Fischleuten, inkompetent und eingeschüchtert und insgesamt als hätte ich grad einen Kampf verloren (was ich vielleicht, vermutlich, achwasweißich auch habe). Dann sprach ich nochmal 10 Minuten mit meiner eventuell zukünftigen Chefin, Gehaltsvorstellungen und so, „Pensionsordning“, so Zeug halt. Das war wieder sehr nett. Sie meinte zu mir, ich hätte einen sehr guten Eindruck gemacht, in spätestens zwei Wochen bekäme ich Bescheid, ob ich nochmal zu einem Interview kommen soll (das wäre dann das dritte), es wären noch zwei weitere (neulich war es noch eine) im Rennen und überhaupt, wie denn „der andere Bewerbungsprozess“ laufen würde? Tja, hab ich erklärt, fühlt sich trotzdem scheiße an und ich habe ein schlechtes, sehr schlechtes Bauchgefühl jetzt. Ich möchte das immernoch, glaube aber, es wird wieder an Kompetenz scheitern und „viel Glück mit dem anderen Prozess“ heißen. Ich will einfach nur nach Hause und vielleicht auch ne Flasche Wein umarmen.

Und als würd das alles nicht reichen bin ich total erkältet, meine Nase und meine Augen laufen und ich hasse verdammt noch mal die Welt heute.

Tag 994 – An experience.

Nun ja. Also: ich war bei diesem Test, ich habe vorher alles noch mal durchgelesen, was ich mir an Notizen gemacht hatte, ich war super früh wegen sehr starker Hummeln im Hintern im Grunde da, ich war gut vorbereitet, gebracht hat es… wenig. Aber von vorn.

Canary Wharf. Ich wusste gar nichts über diesen Ort und fand mich nach einem Spaziergang von meinem Hotel im erkennbar nicht-reichen Poplar zwischen glänzenden Hochhäusern, Sicherheitspersonal, Durchfahrtsperren für kleinere Panzer und unfassbaren Mengen an Anzugträgern wieder. „Nettes Café suchen“ war mein Plan, wär bestimmt auch gegangen, würde ich Cafés voller geklont aussehender Männer um die 40 irgendwie nett finden. Das ist ja Geschmackssache. Im Endeffekt kaufte ich mir dann im einem Feinkostgeschäft zwei Bananen und zwei 0,5 L-Flaschen Wasser und setzte mich mitten im Einkaufzentrum an so ein „Husch husch, schnell ein Salätchen in der Mittagspause holen“-Büdchen. Immerhin hatten die vernünftigen Kaffee.

Da saß ich dann und ging meinen Kram durch, checkte nochmal kleine Details („Public Health“ ist festgeschrieben in Title XIV, Article 168, TFEU) und beobachtete die Leute (wie gesagt: alle wie geklont, sehr strikter Dresscode, 75% Männer, ehrlich gesagt: furchtbar und keine Umgebung, in der ich überhaupt arbeiten wollen würde) und Zack, war es 13:00 Uhr und Zeit zu gehen.

Bei der Agentur bekam ich ein Besucherbändchen und wurde in den Warteraum gebracht, wo wir unseren Gruppen entsprechend sitzen sollten und auf Abholung zum Test warteten. Meine Gruppe bestand aus lauter Menschen, deren Vornamen mit R. anfangen. Wir dachten erst noch, haha, was ein witziger Zufall, aber dann wurde recht schnell klar: gar kein Zufall. (Und ich möchte schwören, dass die das immer anders machen, nächstes mal nach Geburtsdaten, wer weiß.) Der Raum wurde voller… und voller… und voller. Am Ende waren ca. 100 Leute drin. 100. Leute. Ich saß mit einem kleinen Teil der R-Menschen am Tisch und wir plauderten ein bisschen über unseren Hintergrund und wie wir uns vorbereitet hätten und ich war recht beruhigt, dass die anderen auch nicht mehr Ahnung hatten, was da auf uns zukommen würde.

Dann wurden wir abgeholt und in einen neuen Warteraum gebracht, wir wurden alle noch mal aufs Klo geschickt (ok, es wurde empfohlen, noch mal zu gehen) und es wurde gesagt, was wir mitnehmen müssen (nix), dürfen (Wasser, Snacks, eigene Kugelschreiber) und nicht dürfen (Handys, Laptops, Tablets…). Dann standen wir noch recht lange herum. Und wurden dann abgeholt und in den Test-Raum für unsere Gruppe gebracht.

Tja, und der Rest it’s Confidential, aber so viel kann ich vermutlich sagen:

Es war unfassbar schwer. Es wurde zum Teil Detailwissen auf einem Niveau abgefragt, das man vermutlich erst nach > 10 Jahren in genau dem Beruf erlangt. Multiple choice at its best. Antwortmöglichkeiten oft „A: 1, 3 und 5/ B: 1, 2 und 3/ C: 2, 4 und 5/ D: 1-5“. Gehirne am Kochen. Manches ließ sich durch Kombinieren von „sicher falschen“ und „sicher richtigen“ Antworten lösen (wie so ein Logikspiel) einiges musste ich raten. Educated guess zwar, aber halt geraten. Zwei Teile waren besonders schlimm: der „Choose your pain“-Teil, wo man aus 4 Themen eins wählen sollte, da wählte ich erst „GxP“ weil ich dachte, das wäre leichter und ich besser vorbereitet. Hahaha. Nachdem ich damit „fertig“ (im Sinne von: bei allen Fragen was mehr oder weniger sicher geraten) war, machte ich lieber noch den „Biostatistics“-Teil und siehe da: der ging sehr viel besser. Der zweite schlimme Teil war leider der EU-Teil, bei dem krasses Detailwissen zur EU abgefragt wurde, nichts aktuelles, nichts „menschliches“, nur Daten, Zahlen, Fakten, ich frage mich ehrlich gesagt, wie viele Leute in irgendeiner EU-Agentur diese Fragen hätten beantworten können.

Und schon waren die fast drei Stunden um, wir standen wieder draußen, alle so „Phew, that was… an experience!“, Karten wieder abgeben und Tschüss.

Jemand fragte noch, wie viele Leute denn getestet wurden. Über 600. und die besten 135 dürfen zum Interview kommen. Dafür hat es, in meinem Fall, nur mit sehr viel Glück gereicht*.

Danach mein Akku leer, Handyakku leer, Kopfschmerzen und Hunger. Bin dann in einem Pub und hab meinen Frust ersäuft. War schön.

Was man in London für 15£ kriegt. Wenn man gewillt ist, zwischen Anzugträgern zu essen.

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Auto-Lobhudelei: mein Bestes gegeben. All meine Kombinationsgabe, dazu ein bisschen gesunder Menschenverstand und eine Prise Intuition. Und, trotz allem, auch mein Wissen.

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*bitte nicht wieder alle sagen: „So schlecht war’s bestimmt gar nicht und die anderen hatten ja die selben fiesen Fragen.“ Ich bin relativ gut in Selbsteinschätzung, auch im Verhältnis zu anderen, meine Chancen in diesem Fall sind nicht non-existent, aber auch nicht gut. Alles „war bestimmt voll gut“ macht mir nur entweder ein verschrobenes Selbstbild, oder ich denke „ach, die haben ja alle gar keine Ahnung“.

UPDATE: Aus gegebenem Anlass. Dieser Job wäre mein Traumjob. Anzugmenschen hin oder her, krasses Aussiebungsverfahren am Fließband egal. Wenn die von mir verlangen würden, dass ich mir täglich eine Clownsnase aufsetze oder ein Businesskostümchen anziehe: ich würd’s tun. Also bitte auch nicht mehr sagen, dass ich das ja eh dann nicht wollen würde. Ich muss ja nicht mit den Bankmenschen von nebenan Mittag essen.