Tag 2065 – Neuer Versuch?

Vor einem Jahr schrieb ich „das wird mein Jahr“. Danebener hätte ich nicht liegen können. Wobei für mich persönlich das Jahr nicht übermäßig schlimm war, aber global gesehen halt schon.

Heute also Pandemiegeburtstag, wer hätte das vor nem Jahr gedacht (ich nicht, aber siehe oben). Tja. 36. Ich fühle nicht so viel in dem Zusammenhang. Insgesamt finde ich ja älter werden völlig unproblematisch. Das letzte Jahr kommt mir nur so verschenkt vor.

Aber ich habe schon gerne Geburtstag.

Ich würd nur auch gerne mal wieder feiern.

Seufz.

(P.S.: wenn Sie mir auf Twitter gratuliert haben sollten: ich meide das grad, zugunsten meiner pandemiebedingt zerschlissenen Nerven. Erst war‘s kurz hart, dann gut. Ich empfehle das ausdrücklich.)

Tag 2064 – Wenn das hier alles vorbei ist…

…, sagte Herr Rabe, mache ich einen Friseurkurs.

Braucht er gar nicht mal, finde ich. Er macht das schon sehr gut. Aber wenn er das gerne möchte, halte ich ihn sicher auch nicht davon ab.

… gehe ich vermutlich nicht zu einer*m Friseur*In, weil Herr Rabe inzwischen echt gut Haare schneidet.

… werde ich Menschen umarmen. Ich!

… werde ich vermutlich in Tränen des Glücks ausbrechen, wenn ich wieder irgendwo ganz normal inspizieren kann, mit Flugreise und Hotelübernachtung und Restaurantbesuch.

… überhaupt Restaurantbesuch! Einfach um dort zu sein, nicht selbst zu kochen, ein Glas Wein zum Essen, nette Unterhaltungen. Nicht rein, sich unwohl fühlen, sämtliche Menschen und ihre Maskencompliance kritisch beäugen, wieder raus.

… wird das beklemmende Gefühl, wenn ich größere, enge Menschenansammlungen sehe, hoffentlich schnell wieder verschwinden.

… werde ich Kantinenessen ganz anders zu schätzen wissen…

… genauso wie Pendeln.

(Corona soll jetzt weggehen!)

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Was ganz anderes: zwei komplette Zyklen und null Triptane nehmen müssen. Ich feiere das hart. Eine wundervolle Nebenwirkung. Hach.

Tag 2063 – Happy Fraaaaarrrrgh!

Feministischer Kampftag. Heißt: drülfzig spammails schreien mich an mit SHE CAN und ähnlichen Parolen und geben mir 20% Rabatt auf Reizwäsche. (Echt wahr.)

Insgesamt war meine Laune heute eher so, dass ich jedem, der heute meinte, mir zum Frauentag gratulieren zu müssen, am liebsten ein beherztes „Halts Maul und lass mich in Ruhe“ entgegnet hätte. (Ich brauche das nicht gendern, denn es waren nur Männer, die sich sowas getraut haben, wahrscheinlich in bester Absicht.)

Was war sonst noch heute:

  • Kuchen glasiert, dafür Schokolade temperiert, zum ersten Mal und nicht erfolgreich, wie ich fürchte.
  • Ein super schnelles Brot gebacken, weil alle, keine Lust, noch mal in den Supermarkt zu fahren und kein Sauerteig vorbereitet. Das Rezept „Mehl, Wasser, Salz, Hefe, Öl“ erschien mir zu lahm, also hab ich ein 20% Roggenmischbrot mit überbrühten Sonnenblumenkernen gebacken. Klingt doch gleich total fancy.
  • Michel zum Kornettunterricht gefahren
  • Michel für die Woche vom Hort abgemeldet, wegen Mutantenausbruch an der Schule (unter anderem in der Parallelklasse)
  • Schlechte Laune und spitze Bemerkungen verteilt
  • Fast alle Zimmerpflanzen umgetopft (fast, weil ich einige gestern schon umgetopft hatte, eine Herrn Rabe gehört, zwei Orchideen sind, vier Kakteen sind, zwei größere Bäume sind, darunter ein Ficus, für den ich die Erde erst anwärmen müsste und der sowieso auf egal was mit Blätter abwerfen reagiert, und eine eine hässliche aber unkaputtbare Aloe, bei der ich überhaupt noch gar nicht weiß, was ich damit machen soll)
  • Einen report fertig geschrieben
  • Mich über meine alte Brille geärgert, bei der meine Wimpern immer an die Gläser stoßen, jaja Luxusproblem aber super nervig, aber die andere Brille ist ja schief und das ist noch nerviger
  • Meinen großen Zeh belüftet

Aber alles natürlich feministisch.

Heute ausnahmsweise mal feministisch. Morgen kaufe ich die Reizwäsche und die Schminke wieder ohne Rabatt, versprochen.

Tag 2062 – Wenn ich mal groß bin.

Ich las neulich, GenZ erwarte von uns (ich betrachte mich als Millennial), dass wir uns aufführen wie Erwachsene. Ich werde nächste Woche 36, habe Job, Haus, Mann, Kinder und Meerschweinchen (und damit schon mehr als viele andere Millennials) und möchte bitte weiter sagen dürfen, dass ich heute Erwachsenenpunkte verdient habe. Ich fühle mich nach wie vor bei so Erwachsenendingen, die Erwachsene halt machen – Versicherungen abschließen, Kredite beantragen, Kinder bei Schulen anmelden usw. – wie eine Jugendliche, die sich zum ersten Mal selbst eine Entschuldigung schreibt. Ich wüsste selbst gern, woran das liegt. Kraft meines Jobs schreibe ich ja inzwischen fließend Behörde, und bei der Arbeit komme ich mir meistens nicht vor, als würde mich gleich die Lehrerin fragen, ob ich „ich konnte nicht zu Mathe kommen, weil es regnete*“ wirklich ernst meine**. Privat sieht das anders aus. Da erwartet ein Teil meines Hinterkopfs, dass die Anwältin der Gegenseite/der Bankmensch/die Versicherungsmaklerin/die Behörde demnächst einfach anruft und sagt, so, Frau Rabe, genug gespielt, jetzt gib mal schön den Computer zurück an die Erwachsenen, ja?

Leider gucke ich mich dann um, sehe niemanden, di*er erwachsener wirkt als ich, seufze und rücke mein Erwachsenenkostüm zurecht.

Insofern, liebe GenZ: wenn ihr das alles so viel besser könnt, dann macht doch einfach. Ich sage solange weiter „Erwachsenenpunkte“.

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*das war auf einer anderen Schule!

**nein. Aber „ich mache auch 15 Punkte ohne je da gewesen zu sein und Sie und ich wissen das“ wäre zwar ehrlich aber unangebracht gewesen.

Tag 2061 – Schraube locker.

Meine Brille ist schief und es macht mich fertig. Das Gestell war ja echt nicht billig und ist grade mal etwas mehr als ein Jahr alt, aber leider… recht am Anfang hab ich mal rechts das Schräubchen am Bügel nachziehen lassen. Nach ner Woche wackelte der Bügel aber wieder, da wurde das Schräubchen ganz ausgetauscht. Es wackelte recht schnell wieder, aber ich hatte keine Lust, für eine Woche Besserung wieder hin zu rennen, außerdem war bekanntlich Lockdown und Corona und alles. Jetzt wackelte aber der andere Bügel ne Weile und letzte Woche war ich deshalb bei der Optikerin. Die zog links den neu wackelnden Bügel nach und konstatierte, rechts sei „das Scharnier kaputt“. Potentiell teure Reparatur, sie würde das beim Großhändler anfragen.

Einen Tag später hatte ich den linken Bügel komplett in der Hand, vom Rest der Brille getrennt, da war wohl „nach fest kommt ab“ das Motto gewesen. Das konnte Herr Rabe fixen, war nix wirklich kaputt. Rechts, meinte er, sähe es für ihn so aus, als sei einfach das Schräubchen zu kurz. Da das die getauschte Schraube war, also kein Originalteil, erschien mir das plausibel.

Nachdem ich über die Woche nichts bezüglich des Scharniers gehört hatte, ging ich also heute wieder zu der Optikerin. Dort war eine andere Angestellte und ich fragte, ob es einfach an einer zu kurzen Schraube liegen könne? Ja, mal sehen, meinte sie und nahm die Brille mit. Und kam erst nach fünfzehn Minuten aus ihrem Kabuff, ziemlich bedröppelt, und meinte, ich müsse wiederkommen, wenn die Chefin in einer Woche wieder aus dem Urlaub zurück ist, sie habe eine Schraube im Gewinde verkantet und jetzt eine neue reingemacht, die geht aber nicht ganz rein, ist oben schief (vernudelt?) und unten zu lang und der Bügel wackelt trotzdem. Links ist auch wieder locker und was am ärgerlichsten ist: sobald ich mich minimal bewege, sitzt die komplette Brille schief.

Jetzt habe ich also mindestens eine Woche eine grausig schlecht sitzende Brille mit einer oben und unten überstehenden Schraube am einen Bügel, alternativ meine alte, deren Stärke nicht mehr gut passt und deren eines Glas sehr verkratzt ist (ich nehme an, da hat ein Kind mit gespielt).

Was die Moral von dieser Geschichte sein soll, weiß ich noch nicht. Ich kann mir auch keine überlegen, weil ich alle drei Sekunden meine Brille zurechtrücken muss.

Tag 2059 – Produkteiert herum.

Ich bin ja jetzt Produkteier, auf gut deutsch „Product owner“, für so ein IT-Projekt. Heute hatten wir das erste echte Arbeitsmeeting und naja. Naja, naja. Vielleicht bin ich nicht agile genug dafür, aber es erscheint mir wenig sinnvoll, acht verschiedene Personen aus sieben verschiedenen Inspektionsbereichen zusammenzuschmeißen, um „unsere Arbeitsprozesse“ zu analysieren. Nur weil wir alle irgendwie inspizieren, sind ja unsere Arbeitsprozesse nicht gleich. Nicht mal ähnlich. Genau genommen haben manche in dieser Gruppe noch gar keine etablierten Arbeitsprozesse. Andere haben steinalte, eingefahrene, die dringend mal auf ihre Effizienz hin untersucht werden müssten. Zwei Stunden Meeting voller „aber bei uns ist das alles ganz anders“ ist jedenfalls echt nur so naja naja halt.

Ok, grade raus: das ist total ineffizient und Verschwendung unserer kostbaren Arbeitszeit. Und wir werden noch viele solcher Meetings haben (alleine elf Stunden in den nächsten zwei Wochen), wenn wir daran was ändern wollen, dass alle acht Personen die kompletten elf Stunden investieren, dann also fix.

Und genau das hab ich grade hübsch verpackt der Projektgruppe zurückgemeldet. Inklusive Gegenvorschlag. Es ändert sich ja nichts, wenn man nichts sagt.

Man kriegt was man bestellt. Du kaufst eine Inspektørin, du kriegst eine Inspektørin.

Tag 2058 – Laune.

Produktivitätsarbeiten ist sehr gut.

Arbeiten mit Laune ist sehr schlecht.

Es bringt ja nix, Frustration ins Blog zu kübeln und am Ende davon Magengeschwüre zu kriegen. Also hab ich heute den Frust dorthin geleitet, wo er hingehört. Darf das Werk ja gerne mal merken, dass nicht alle Angestellten alles mit sich machen lassen und einfach vor lauter Dankbarkeit für den Staat zu arbeiten sich freiwillig verheizen lassen.

Am Ende des ersten Teils des Arbeitstages dann auch noch eine (bis ultimo aufgeschobene) Aufgabe erledigt, die noch schlechtere Laune machte. Denken, eine könne als Grundgerüst die Arbeit von anderen benutzen und dann noch ein paar Details hinzufügen ist ja schon relativ naiv. Dann feststellen, dass da kein Grundgerüst ist sondern ein kompletter Jahrmarkt inklusive jonglierenden Clowns auf Einrädern, ist extra fies. Da kann man eigentlich nur noch alles verwerfen und von vorne anfangen. Tabula rasa. Aus Gründen geht das nicht, also habe ich brutal herumgekürzt und schonungslos kommentiert („Glaube nicht, dass das hier irgendjemand versteht.“ „Die zwei Absätze verwirren nur.“ „Das eine Dokument, auf das verwiesen wird, existiert nicht und in dem anderen steht nicht das drin, was hier behauptet wird.“) und hoffe jetzt, dass meine Kollegin das nicht als Angriff versteht. Die hat die Clowns ja nicht verbrochen.

Niemand mag Gesülze.

Whatever. Ab ins Bett.

Tag 2057 – Müde. Sehr.

Re: gestern. Heute schreibt mir der IT-Support, für Problem X [Spoiler: hat sich eh erledigt, ihr Schnarchnasen, mein Zugang ist jetzt gesperrt, ich hab ja auch erst am 8.1. angefangen mich drum zu kümmern, ne?] müsse ich ins Büro kommen. Wenn ich sowas abends um zehn auf dem Sofa lese, muss ich mich sehr zusammen reißen, nicht mit „ich war gestern da und komme voraussichtlich das nächste mal am 3.5., das müsste ja in eure Definition von „bald“ passen“ zu antworten.

Warum lese ich Mails um zehn? Weil ich arbeite. Warum arbeite ich um zehn? Weil meine Arbeit, genau wie die der anderen Inspektøre, nicht in der normalen Arbeitszeit zu schaffen ist. aber hey, lass mal unfassbar ressourcenintensive Projekte anleiern, die dann ~alles viel besser machen~. Es ist zum Beispiel sehr sinnvoll, während man umpriorisieren muss, weil man einfach zu wenig Köpfe für zu viel Arbeit hat (danke, Covid! Du Arsch.), einen Umstrukturierungsprozess in Gang zu setzen. Dann hat man die Angestellten durch die Bank auch noch an der Front beschäftigt. Møte, møte, innspill, møte, krisemøte, innspill, hastemøte, møte…

Und so weiter.

Lasst uns doch einfach unsere Arbeit machen.

Und jetzt ab ins Bett. Ich find schon kaum noch die Tasten auf dem Handy.

Tag 2056 – Abschied.

Ich war heute im Büro, whoop whoop, im richtigen, echten, Infektionshöllengroßraumbüro und saß da mit zwei weiteren Frauen im Meetingraum den ganzen Tag. Das war ein bisschen seltsam und ein bisschen wehmütig war es auch. Meine Kollegin, mit der ich 2019 und Anfang 2020 insgesamt 23 Inspektionen durchgeführt habe, mit der ich auf echt vielen Dienstreisen war, habe ich seit Anfang November nur via Bildschirm gesehen. Es hat mir noch mal vor Augen geführt, wie anders alles geworden ist, was alles ausfällt, wegfällt, anders gelöst wird. Ich möchte so gerne mal wieder das ganze Team treffen, in echt, und in der Mittagspause in der Kantine extra Stühle an einen Tisch holen, damit wir alle da zusammen sitzen können. Gut, nun haben wir jemanden, der krank ist und, so meine Vermutung, auch so richtig flach liegt, wegen Covid-19. Ich hoffe sehr, dass sich die Person sehr bald und gut erholt. Trotzdem – ich würde so langsam einiges geben für den normalen MeetingMarathonMontag IM BÜRO.

Als ich ging, stellte ich meine Drinnenschuhe wieder ins Regal zurück. Da stehen sie seit fast einem Jahr fast unbenutzt. Da werden sie auch noch ein halbes Jahr fast unbenutzt stehen, vermute ich. Ich könnte sie mit nach Hause nehmen, aber ich möchte, dass sie da stehen, wie ein Anker oder ein Eselsohr im Buch. Irgendwann geht es hier weiter.

Inzwischen wäre ich sogar wieder für 100% Präsenz nach der Pandemie zu haben. Scheiß auf „flexible Homeofficelösungen“, ich hätte mich am liebsten heute an die hässliche „DNA“-Treppe gekettet.

Aber weil ich reif und erwachsen bin, setzte ich meine FFP2-Mundbinde auf und nahm mal wieder Abschied vom Büro.

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Wie lange noch? Sind wir bald da? Kann man’s schon sehen?