Tag 2327 – Lachs.

Neue Sitzplatzordnung (aka „feste Base, freie Platzwahl“) ausprobiert. War so geht so. Technische Schwierigkeiten, ich will meinen Stuhl wirklich WIRKLICH gerne behalten, und permanentes Umstellen des PC von lautlos (im Großraumbüro) auf Ton (in Gesprächen über Teams) nervt und wird dauernd vergessen. Wir werden sehen, was das für eine neue Routine wird.

Dafür aber gut: kein Gemecker wegen normalen Gesprächen zwischen Kolleg*Innen. Ich hege die leise (no pun intended) Hoffnung, dass Atmen und gelegentliches Frustschnauben über die Technik auf unserer neuen Etage erlaubt sein wird. Auch gut, dass ich den ganzen Tag über produktiv war, unter den Augen der Kolleg*Innen.

Die Lieblingskollegin hat Covid und es geht ihr schlecht. Wir haben nächste Woche Inspektion zusammen geplant, da weiß ich jetzt auch nicht so ganz, was ich machen soll. Die Lieblingskollegin hat es außerdem entweder aus dem Büro oder vom Weg ins Büro, weil sie sonst niemanden trifft. Das ist natürlich extra bitter. Immerhin war es nicht ich, weil ich ja letzte Woche aus Trotz gar nicht im Büro war.

Zu Hause erwartete mich mein neuer Pass. In einer Farbe, die ich irgendwie nicht erwartet hatte. Aber man kann wohl kaum den Pass (und alles damit zusammenhängende) zurückgeben, weil einer die Farbe nicht gefällt?

Auf dem Bild kommt es nicht so ganz rüber, aber die Farbe ist die von ordentlich mit Farbstoff gefüttertem, norwegischen Zuchtlachs.

Von der Farbe abgesehen: wie effizient ist bitte die norwegische Passproduktion? Von Antrag bis ID-Karte im Briefkasten waren es 4 Werktage, bis zum Pass 6 Werktage. Man muss halt erst mal nen Termin kriegen, aber da ist es ja fast echt eine Option, in irgendeine Distriktskommune zu gurken, statt mehrere Monate auf einen Termin in Oslo zu warten. Das soll jetzt nicht heißen, dass Hamar ein Kaff ist! Von uns aus gesehen ist Hamar eine große Stadt. Hat immerhin mit seinen 31500 Einwohnenden fast 1/5 mehr als wir und es hat eine Uni! Quasi eine Metropole.

Tag 2326 – Wochenendausklang.

Muss echt schon wieder fast Montag sein? Uff.

Gestern waren Pippi und ich übrigens auf einem Kindergeburtstag, das war, wo ich übertrieben habe. Pippis Freundin, die auf die französische Schule in Oslo geht, hatte Geburtstag, und es waren gefühlt 300 (in echt so 5?) andere Kinder dieser Schule da, sowie die zwei Eltern, die sie gefahren hatten. Die französischsprachigen Kinder sind, gemessen an norwegischen Kindern, laut und wild und die Eltern tiefenentspannt und lassen sie halt ölen. Kein Entertainmentprogramm, dafür mehr Zeit und hinterher sah es halt aus, als hätten 7 Kinder wild gefeiert, während die Eltern Kaffee tranken. Ich blieb mit Pippi dort, weil die anderen Eltern nett und interessant schienen und Pippi bis auf ihre Freundin keine anderen Kinder kannte. Die anderen Eltern waren tatsächlich nett und interessant. Es passiert nicht so oft, dass ich geballt auf mehrere (ebenfalls) sehr gebildete, intelligente und herumgekommene Erwachsene treffe, die auch noch alle einen unterschiedlichen Hintergrund haben. Menschen schicken ihre Kinder auch aus völlig unterschiedlichen Gründen auf eine französische Schule, weiß ich jetzt. Pippis Freundin ist dort, weil ihre Familie Französisch spricht und ihr Vater selbst auf einer französischen Schule war. Ihre Mutter hat in Paris studiert. Beide Eltern haben aber andere (und unterschiedliche) Muttersprachen. Ein weiteres Kind, das da war, ist Tochter eines Botschafters aus einem französischsprachigen Land. Die Kinder einer Mutter, die gefahren war, sind auf der Schule, weil der Vater der Kinder auch auf einer französischen Schule gewesen war, der dort war, weil wiederum dessen kommunistischer Vater eine säkulare Schule wünschte, was in Francos Spanien nicht so ohne Weiteres möglich war. Die Kinder eines Vaters, der gefahren war, sind hauptsächlich dort, weil sie die nächstgelegene Schule ist. Der Vater hat den größten Teil seiner Schulzeit in Kanada gelebt, kann also auch Französisch, aber sie wohnen halt neben der Schule.

Dementsprechend gemischt ist auch das Norwegisch der Kinder und in Gegensatz zu uns Erwachsenen können die sich ja nicht problemlos auf Englisch unterhalten, aber es klappte tatsächlich ganz gut, Pippi zu integrieren. Ich integriere mich bei sowas ja wundersamer Weise immer problemlos, muss mich aber hinterher hinlegen. Aber es war wirklich nett und auch gut, mal erwachsene Gespräche zu führen mit anderen, die nicht ausschließlich den norwegischen Blickwinkel mitbringen. Gerade jetzt. Heute verdaue ich aber immer noch daran herum und morgen muss ich ins Büro und schon wieder Leute treffen, mimimi.

Was mir bei mimimi einfällt: ich habe gar nicht erzählt, wie es mit dem Schweinchen und seinem Gnubbel am Po weiterging. Nachdem der Chirurg sich von einer Covid-Infektion erholt hatte, wurde der Gnubbel Mittwoch entfernt. Sie wollen nicht wissen, was das gekostet hat, ich sage mal so: das Pflaster, das danach auf dem Schweinepo klebte, hätte eigentlich auch aus reinem Gold sein können bei dem Preis. Haustiere haben ist ne schlechte Idee bei strammem Budget. Mittwoch nachmittag holte ich ein leicht desorientiertes, aber sonst fittes, Meerschwein ohne Gnubbel vom Tierarzt ab, das auf seinem rasierten Po ein fettes Pflaster kleben hatte (why???). Erwartungsgemäß hielt das Pflaster nicht lange, aber ich hab ja liebe Schweinchen, die nicht an ihre Wunden gehen. Und jetzt habe ich ein beleidigtes Schwein ohne Gnubbel, das nicht lustig fand, täglich aus dem Käfig gefischt zu werden, um Schmerzmittel zu bekommen. Mit einer fetten Narbe, die aber gut zu heilen scheint und einer einseitig rasierten Pobacke. Es ist erstaunlich, wie viel Fell diese Klöpse haben, wenn man es dann mal stellenweise entfernt. Aber es ist ja auch Winter, wer weiß, vielleicht schneit es plötzlich im Wohnzimmer. Jetzt hoffen wir auf ein paar Gnubbelfreie Jahre, das wäre schön. Es soll ja auch eigentlich gerne wieder ein drittes einziehen, aber ich finde immer nur Jungtiere aus unseriösen Quellen und mich da jetzt groß in der norwegischen Meerschweinwelt vernetzen, uff, nee. (Sind eh hauptsächlich Züchter*Innen.)

Tag 2323 – Behauptung.

Nix los gewesen, was berichtenswert wäre, deshalb behaupte ich einfach mal wieder was über meine Geigen-Fortschritte. Ich möchte bitte noch mal mit meinem 15-Jährigen Ich reden und sagen: die anderen (vor allem der eine, dessen Namen du vergessen hast, der wahrscheinlich Jan-Phillip hieß, oder Lennart oder Stefan, wie alle Jungs zu der Zeit) sind gar nicht so viel talentierter als du. Manche haben früher angefangen und der Stefan-Lennart übt halt. Einziges Geheimnis. Üben, üben, üben, und sinnvoll üben, also Fehler auch korrigieren, hinhören, nochmal genau die eine scheiß-Stelle, und nochmal und dann noch mal langsam.

Aber mein 15-Jähriges Ich war sehr besserwisserisch und beratungsresistent und meinte, sich selbst und generell die Welt genau gecheckt zu haben und hätte wahrscheinlich einfach hart mit den Augen gerollt und gemeint, 20 Minuten an guten Tagen und am Wochenende vor dem Weihnachts- oder Sommerkonzert 3 Stunden pro Tag, bei denen die schnellen/blöden/unsauberen/schwierigen Stellen aber einfach weggehudelt werden, das muss reichen. Und dann würde sie 20 Jahre lang den mangelnden Fortschritt auf das mangelnde Talent schieben. Ist ja auch praktisch, Talent ist so schön ungreifbar und vermutlich angeboren, machste nix!

(Nicht falsch verstehen. Ich wäre nie ein Wunderkind geworden oder gewesen, aber auch ein Wunderkind muss üben.)

Jedenfalls, ich übe immer noch mit Spaß und es wird in meinen Ohren auch immer okayer. Nach drei „leichten“ Doppelgriffetüden (agree to disagree on the „leicht“), bei denen ich mir anfangs wirklich einen abgebrochen habe, habe ich die vierte beim 3. Durchgang heute einfach so runtergespielt, und es kamen weder 20 Katzen, um mit mir zu jaulen, noch zogen Mann, Kinder oder Meerschweinchen mit Rucksäcken und Schlafsäcken an mir vorbei, um dem Lärm für immer zu entfliehen. Selbst ich war zufrieden. Ha. Übung.

Tag 2322 – Kultur.

Heute Abend war ich relativ spontan in der Osloer Philharmonie, nämlich da: Beethoven Violinkonzert mit Veronika Eberle als Solistin. Dazu kam es, weil ich ein Facebook-Werbeopfer bin und alle meine Apps (obwohl ich Tracking immer ablehne) wissen, wofür ich mich auf anderen Kanälen interessiere und mir deshalb Montag eine Werbung für Tickets zum halben Preis für eben dieses Konzert angezeigt wurden. Aber kann man ja dann tatsächlich mal machen und ich bereue nichts, das war sehr schön, sowohl mal aus dem Haus zu kommen, um was schönes nur für mich zu machen, als auch das Konzert an sich. Sogar die Kadenzen haben mir gefallen, auch wenn ich ja keine spezielle Anhängerin von moderner Kunst bin und auch sagen muss, die hätten auch mit einem Tacken weniger Gedön gewirkt. Man muss ja nicht zwingend sämtliche alternativen Techniken* (inklusive Stampfen beim Spielen) einbauen, bloß weil man‘s kann. Schreien fehlte noch, das ist ja sonst auch sehr beliebt. Jedenfalls, moderne Kadenzen in Beethoven… kann man erstaunlicher Weise machen. Gibt dem Ganzen tatsächlich noch mal eine spezielle Note, die man aber mögen muss. Wie Koriandereis.

Hach ja. Das war wirklich schön.

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*was ich mich ja frage: so jemand benutzt ja zur Stradivari nicht nen 150€-Bogen. Da wird sicher auch der Bogen den Wert eines Kleinwagens haben. Aber spielt man mit so einem Bogen dann col legno (also mit dem Holz)? Da geht doch der Bogen von kaputt! Andererseits spielt man ja auch nicht 99% des Konzerts mit dem guten Bogen, um dann für die drei, vier mal col legno fix auf den 150€-Bogen zu wechseln. Naja whatever. Vielleicht hat sie ja auch einen Carbon-Bogen.

Tag 2321 – Geh weg!

Zwei Dinge, die ich absolut nicht vermisst habe, kamen heute wieder zu Besuch. 1. Blasenentzündung (bitte keine Tipps) und 2. ein verschobener Brustwirbel (bitte keine Tipps). Ersteres hätte ich gerne mit zwei Kannen FAK-Tee bekämpft, der ist aber alle und wir haben vergessen, neuen zu kaufen. Es wurde deshalb eine Kanne (weil’s halt nicht schmeckt) Kamillentee, plus Wasser. Die Teekanne fasst fast zwei Liter, insofern dürfte ich heute ca. vier Liter getrunken haben, das sollte ja eigentlich reichen. Allerdings habe ich das Gefühl, dass mein Körper statt die Blase zu spülen, das ganze Wasser lieber einlagert. Dieser Zyklus dürfte dann gerne auch langsam zu Ende sein.

Der Brustwirbel ist so eine Sache, das hatte ich als Jugendliche oft. Der Orthopäde meines Vertrauens erklärte mir das so, dass die Brustwirbel sich verschieben, worauf das Gewebe drumrum mit Verhärtung und Entzündung reagiert, was auf die Nerven drückt, was Schmerzen macht. Da macht man nicht viel, machte man zumindest damals nicht, außer den Wirbel wieder einrenken (war meist schon gar nicht mehr nötig, weil wieder zurückgerutscht) und eventuell viel oder sehr viel Schmerzmittel lokal oder systemisch und Rückenübungen um dem vorzubeugen (so war ich mit 18 in der Rückenschule, wo ich mit lauter Rentner*Innen lernte, Wasserkästen nur aus den Beinen zu heben und ähnliches. Danach ging ich zum Training, wo ich mich von anderen Mädchen, die ein bisschen leichter waren als ich, anspringen ließ um aus voller Fahrt irgendwelche Hebefiguren zu machen). Ich dachte ehrlich gesagt, das sei ca. Gleichzeitig mit den Hebefiguren aus meinem Leben verschwunden, aber nein, scheinbar nicht. Und genau wie beim ersten Mal, dachte ich erst, mir wäre diffus schlecht oder ich hätte vielleicht Magenschmerzen? (Oder halt nen Herzinfarkt, weil ich hypochondrische Tendenzen habe.) Aber nein, es ist der Rücken und es strahlt nur aus. Ich hab hier nur keinen Orthopäden, nur ne Hausärztin*, und die würde sicher erst mal zum Röntgen überweisen, und bis ich da nen Termin habe, ist es von selbst wieder weg.

Also Ibu, Wärmekissen und warten. Ich bin übrigens eine unerträgliche Kranke, und habe deshalb Herrn Rabe eben schon angefaucht, der nur helfen wollte.

Hasse alles.

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*genauso wie andere Fachärzt*Innen gäbe es Niedergelassene nur privat praktizierend für so 2000 Kronen pro Besuch. Immerhin kriegt man bei denen sofort nen Termin, aber, puh. Puh!

Tag 2319 – Schlechte Menschen.

Hier stand ein langer, rechtfertigender Text darüber, warum ich den Krieg in der Ukraine nicht minütlich verfolgen kann und keine Meinung zu irgendwas, die über „Krieg ist böse, Krieg darf nicht sein!“ hinausgeht, äußern möchte. Aber den langen Text habe ich dann gelöscht. Die Leute in der Ukraine haben sich das nicht ausgesucht, viele Leute in Russland haben sich das nicht so ausgesucht und dass die Bilder jetzt belastend sind ist weiß Gott nicht ein Problem der Bilder, sondern das Geschehen IST furchtbar.

Es tut mir leid, dass ich mich dazu nicht mehr informieren kann, um dann besser Stellung beziehen zu können. Aus meiner komfortablen Warte raus bin ich immerhin nicht dazu gezwungen, aber auch das ist dieser Tage ja ein Privileg.