Tag 462 – Meh. 

Ich sachs mal so: krank sein ist scheiße. Und auch wenn man nebenbei die halb kranke Pippi (Vormittag gut, Nachmittag leichtes Fieber) betreut, kommt man nicht dazu, sich selbst zu erholen. Immerhin macht Pippi Mittagsschlaf, so konnte ich mich nochmal zwei Stunden mit ihr hinlegen. Erstaunlich gut hat da auch geklappt, das Kindergarten-Programm durchzuziehen: wir haben Mittag gegessen, dann gab es eine frische Windel, sie bekam ihr Bärchen in die Hand und wir legten uns hin (gut, im Kindergarten legt sich keiner zu ihr ins Bett, obwohl sie am Anfang auch auf den Betreuerinnen schlafen durfte, was ich denen wiederum hoch anrechne!). Nach drei Minuten schlief sie. Mit ihrem Bärchen im Arm. Und schnarchte. So niedlich. Nicht ganz so niedlich: Dauergekreisch in den fiesesten Tonlagen, wenn ihr was nicht passt. Können Kinder mit 16 Monaten schon in die Autonomiephase kommen? Und wenn ja: ist das nicht extra gemein den Eltern gegenüber, wenn sie da noch nicht sprechen können? Im Moment verbringen wir nämlich viel Zeit damit, zu raten, was das Kind will. Um es uns dann um die Ohren hauen zu lassen, weils das falsche war. Das macht keinen Spaß. 

In diesem Sinne: gute Nacht (ja, echt, das muss ja irgendwie mal besser werden mit mir)!

Tag 461 – Bilder von Eimern. 

Wegen alles doof und alle krank und überhaupt heute wieder fast nix geschafft. Ok, gesaugt, gewischt, Flur aufgeräumt, das haben wir mit vereinten Kräften hinbekommen. Aber die Kinderklamotten stehen genauso unsortiert hier rum, diverse Kramboxen* auch, Nix wurde gebacken und auch keine Teige angesetzt, nichts genäht, repariert oder geändert. Nun denn. Einziger Fortschritt heute: die Austernpilze. 

19 Tage haben sie jetzt in ihren Gefäßen verbracht. Der Flausch ist zum größten Teil fest geworden (woraus ich schließe, dass es kein „normaler“ Schimmelpilz ist) und überhaupt sind es zwei ziemlich feste Brocken geworden. 


Unten in Tüte bzw. Eimer habe ich mit einem Messer je vier Löcher gemacht. Das geht bei der Tüte sehr viel besser. Definitiv ein Pluspunkt für die Tüte!


Und dann ab dafür in den kleinen Flur. Da haben wir zwar seit ein paar Tagen wegen kalt einen Heizkörper, aber den habe ich ausgemacht. Tüte und Eimer habe ich jeweils in einen Teller mit kaltem Wasser gestellt, sodass die Löcher im Wasser stehen. 


Ich bin sehr gespannt ob es funktioniert und werde auf jeden Fall berichten!

(Und jetzt ist Schlafenszeit. Seit zwei Stunden hab ich nämlich auch noch Gliederschmerzen, juppheidi.)

*Kramboxen. Wir haben zwar keine Krömpelecke und auch keine Chaosschublade, dafür haben wir Boxen. Bestimmt fünf. Und es werden immer mehr. Ich hasse das. 

Tag 459 – Wie Herr Rabe und ich…

Dies ist ein Notfall-Post. Eigentlich wollte ich hier total stolz meinen frisch fertig genähten Pulli zeigen, aber der ist jetzt leider zu groß und sieht allenfalls lustig an mir aus, also da muss ich morgen nochmal ran. Deshalb hier die Geschichte, wie Herr Rabe und ich uns jahrelang nicht kennenlernten. 

Herr Rabe und ich gingen sieben Jahre lang auf benachbarte Schulen und lernten uns nicht kennen. Wir hatten sogar Kurse an der jeweils anderen Schule und begegneten uns nie. Also, nicht richtig. Möglicherweise, und das ist natürlich reine Spekulation, lag es daran, dass Herr Rabe damals eine unmögliche Frisur hatte. Oder daran, dass ich damals noch ziemlich viel rauchte und Herr Rabe Rauchen eklig fand. Oder vielleicht daran, dass wir damals beide in Beziehungen waren (Herr Rabe mit der ehemaligen Tanzpartnerin meines ersten festen Freundes, Bielefeld ist echt ein Dorf!). Wer weiß. Also, wir lernten uns jedenfalls nicht kennen. 

Dann waren Herr Rabe und ich zeitgleich Studierende an der gleichen Fakultät der gleichen Uni. Drei Jahre lang. Wobei Herr Rabe davon eines in Stockholm war, also eigentlich nur zwei Jahre lang. Wir kannten die gleichen Leute, gingen auf die gleichen Partys, lernten uns aber nicht kennen. Herr Rabe lernte meinen besten Freund kennen – aber mich nicht. Wir waren beide auf einem Geburtstag des besten Freundes, in dessen WG, wir wurden einander sogar vorgestellt – und das war’s. Möglicherweise lags am Laborkittel und der Schutzbrille, der beste Freund hatte zum „Betriebsfest“ geladen. Naja. Wir waren ja auch beide in Beziehungen. 

Dann dampfte Herr Rabe nach Schweden ab und ich lebte mein Leben so vor mich hin, der beste Freund schleifte mich als Betreuerin auf eine Ferienfreizeit, das war sehr sehr lustig, also sagte ich für das nächste Jahr auch gleich zu. Ich belaberte sogar meinen damaligen Freund, mitzufahren. Bei den Vorbereitungstreffen für die Freizeit hieß es immer, es führe noch ein ein anderer Betreuer mit, der sei aber noch in Stockholm und käme erst kurz vor der Freizeit zurück. Wir anderen waren schon ein recht eingeschworenes Team, der Neue hatte es da nicht leicht und da direkt alle Vortreffen verpassen? Nicht so gut… 

Tja und so sah ich Herrn Rabe das erste Mal bewusst an einem sehr frühen Morgen vor einem Reisebus in Warstein. Mit einem Strohhut auf und einem sehr engen T-Shirt an und Jeans mit einem Gürtel mit sehr großer und auffälliger Schnalle. Meine Mit-Betreuerin war direkt hin und weg. Ich dachte nur „Pfffft, Aufreißer.“.

Ein Jahr später verlobten wir uns. Zwei Jahre später heirateten wir. 

… und immer genug Zitronen unter dem Bett.

Tag 456 – Ein paar Häppchen. 

Michel wachte heute morgen auf und weinte sofort los: „Festen Schnodder wegmachen!“ Dann sprang er aus dem Bett, rannte zu Herrn Rabe und sagte „Ich bin krank!“. Tatsache, das Kind ist krank. Schon die Temperatur seiner Füße irgendwo zwischen glühender Kohle und flüssigem Lava (als er noch schlief) hatte Fieber angedeutet. Dazu kommt ein ordentlicher Husten. Herr Rabe lieb also heute Vormittag mit ihm zu Hause, ich ging kurz arbeiten und kam zum Mittag nach Hause um Herrn Rabe abzulösen, der dann seinerseits kurz arbeitete. 

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Als ich Pippi in den Kindergarten brachte, waren kaum „große“ Kinder da. Herr Rabe sagte heute Nachmittag, von den 8 Ü3-Kindern seien 6 krank. Tja. Da wundert einen auch nix mehr. 

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Total beknackte Idee: „Nur mal kurz Zellen zählen, danach kann ich ja noch was essen.“ Dann ging die Essenszeit fürs Zählen drauf (und für den Kampf mit dem Zählgerät, das erst meinte, meine Zellen, die im Mikroskop noch total gut ausgesehen hatten, seien alle tot) und das erste mal aß ich dann um halb eins was, als ich wieder zu Hause war. Mein Körper dankt es mir mit Kopfschmerzen. 

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Gestern kamen meine bestellten Fahrradreifen mit Spikes an und Herr Rabe zog sie mir gestern Abend noch aufs Rad. Ich kann jetzt also wieder fahren. Auch wenn das bei -9 Grad nicht so ganz viel Spaß macht. Aber die Reifen machen Spaß, damit kann man echt über die spiegelglatten Parkplätze radeln ohne sich vor Angst in die Hose zu machen. 

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Es sind -9 Grad. Unsere Wohnung ist kalt. Zwei Heizkörper sind ein Witz, selbst mit Kamin an kriegen wir es nicht in der ganzen Wohnung warm. Also holte Herr Rabe heute die Zusatzheizungen (kleine Ölheizungen auf Rollen) vom Dachboden. Der Stromanbieter dankt. 

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Ich hab beim Nähen einen Bock geschossen. Genau genommen habe ich schon beim Ausschneiden des Schnittmusters einen Bock geschossen, das aber nicht gemerkt, bis ich mich heute am bereits zusammengenähten Pulli fragte, warum der Ausschnitt am Rücken genauso groß ist wie vorne. Äh ja. Da war ich wohl wegen zu vieler zu bunter Linien und gestrichelt/gepunktet/durchgezogen für vorne/hinten/gerader Schnitt durcheinander gekommen. Tjanun, so verbrachte ich heute einige Zeit damit, über das Fixen von Fehlern zu Sinnieren. Meine Strategie auch dieses Mal: es auffällig korrigieren, damit es aussieht, als wäre es Absicht. So mache ich es immer dann, wenn es sich nicht so fixen lässt, dass man den Fehler wirklich gar nicht mehr sieht oder bemerkt. 

 Bilder gibt es, wenn der Pulli fertig ist. 

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Pippi die kleine Fressmaschine kommt jetzt immer aus dem Kindergarten und wetzt direkt zu ihrem Hochstuhl. Wenn man sie dann nicht reinsetzt, versucht sie unter demonstrativem Gemecker selbst reinzuklettern (Danke, Stokke, dass das nahezu unmöglich ist). Der Grund: auf dem Tisch steht meistens noch ein Rest vom Frühstücksgrøt. Und Pippi hat offensichtlich nach dem Kindergarten erstmal riesigen Hunger. Dann wird alles gegessen, was man ihr vorsetzt: der Frühstücksrest, der Rest aus ihrer Brotdose, Brot, Obst, whatever, Hauptsache schnell und viel. Heute war sie laut Herrn Rabe schon beim Abholen enttäuscht, dass keine Brotdose mit Resten in ihrem Rucksack war. Spielen macht wohl sehr hungrig. (Ich finde das gut, dann muss ich mir vielleicht nicht noch mal von der Helsesøster anhören, dass Pippi ja ruhig etwas zulegen könnte, weil sie ja „leicht unterdurchschnittlich groß und schwer“ ist.)

Tag 455 – Einmal durchzählen!

Es wurde mir noch eine Frage gestellt. Die ist sehr interessant. Sie lautet: liest die Familie hier mit und wenn ja, was hält sie davon (zum Beispiel den Hochzeitsberichten)?

Die Frage ist deshalb interessant, weil ich sie nicht so genau beantworten kann. Ich bin nicht sicher, wer hier alles liest, schon mal gar nicht, wer regelmäßig da ist und wer nur sporadisch. Und gerade heute fragte ich mich bei einem Kommentar, ob ich die Verfasserin „Miri“ wohl aus dem echten Leben kenne. Ich kann ja mal die aufzählen, von denen ich weiß, dass sie hier lesen:

  • Meine Tante B. („Einstein!“)
  • Herr Rabes Cousine S. 
  • Herr Rabes Cousine K.
  • Freundin C. 
  • Freundin A. (MM Knudsen ist echt der geilste abgekürzte Name!)
  • Die Matrix-Leute

Ja, das war’s schon. Ich weiß, dass Herr Rabe noch anderen Familienmitgliedern vom Blog erzählt hat, aber nur auf seiner Seite. Ich habe auch noch Freunden aus dem richtigen Leben davon erzählt, aber wenn ich dann Sachen erzähle und nicht dauernd kommt „Jaja, weiß ich doch alles schon, hab ich ja gelesen.“ denke ich mal, dass sie zumindest nicht regelmäßig hier mitlesen. Und das war bisher noch nicht so wirklich oft der Fall. Dafür (und ehrlich, das hätte ich nie gedacht) werden mir einige meiner Internetfreunde immer realer und fühlen sich, obwohl man sich noch nie „in echt“ begegnet ist, schon ziemlich nach echten Freunden an. Aber das nur so nebenbei. 
Also kurz zur Beantwortung der Frage: ich glaube (aber weiß es nicht), dass weder meine Cousine* noch mein Schwager hier mitlesen. Und vielleicht können alle, die, sagen wir mal, wissen, wo Herr Rabe und ich uns kennen gelernt haben, mal kurz winken? Nur damit ich euch nicht versehentlich vor den Kopf stoße euch in die Liste aufnehmen kann, versteht sich.

*also die jetzt verheiratete. Meine kleine Cousine, gute Frage, liest die hier? 

Tag 454 – Zwei Fragen. 

Neulich rief ich ja zum Fragen stellen auf. Es gab zwei:

1. Warum wachsen die Austernpilze im Kühlschrank?

Das ist ein Misverständnis. Ich habe nur den Rest der Kultur, also des Mycels, in den Kühlschrank gestellt, weil das ja nicht weiter wachsen soll. Die echten Kulturen, von denen ich später ernten möchte, stehen dunkel aber warm, im Küchenschrank. So simuliert man quasi Sommer. Nach ein paar Wochen dann werde ich Herbst simulieren, indem ich die Kulturen wässere („Regenguss“) und eine Nacht lang kühl stelle, vermutlich in den Flur (6-15 Grad sind optimal). Dann werden auch Löcher in den Eimer bzw. die Tüte geschnitten, aus denen die Pilze wachsen können. Je nach Temperatur im Flur werde ich sie dann entweder da lassen oder ins Schlafzimmer umsiedeln: die Pilze wachsen am besten bei 10-17 Grad und bei Tageslicht. Die Infos hab ich alle von Hier. Bisher sieht es bis auf den Flausch auf den Kulturen ganz gut aus und der Geruch ist der gleiche würzige wie als ich das Mycel auspackte, also: wird schon schief gehen. 

(Vielleicht noch als Ergänzung: ich habe die Pilze nicht im Keller weil es da tendenziell zu kalt ist und auch zu feucht. Eigentlich ist es sogar für das Feuerholz zu feucht da, aber was will man machen, wir können ja nicht mal eben zwei Kubikmeter Holz in der Wohnung lagern.) 

2. Warum nehmen wir kein Tran mehr?

Weil Tran mega eklig ist. Selbst wenn es total viel besser wäre als reines Vitamin D, ist es bei uns da – trotz aller Bemühungen – nicht so sonderlich weit her mit der Compliance. Und dann bringt es doch viel mehr, wenn wir Großen täglich so ne Kapsel einwerfen, Pippi kriegt Tropfen (auf die Zahnbürste, die lutscht sie nämlich zuverlässig ab) und Michel seine heiß geliebten „Sonnentabletten“, nämlich Vitamin D Kautabletten für Kinder von dm. Und warum von dm und nicht von hier ist einfach dem Preisunterschied geschuldet. Hier kosten Nahrungsergänzungsmittel wirklich unfassbar viel Geld. Keine Ahnung warum. Aber hier bezahlt man für 100 Vitamin D Tabletten ca. 100 Kronen, also im Moment ca. 9 €. In Deutschland kosten 60 Stück 2,65 €. Und da der dm-Großeinkauf ja eh jedes Mal auf dem Plan steht, werden da halt jetzt auch Vitamin-D-Tabletten gekauft. 

(3. Keine echte Frage und auch eigentlich gar nicht dazu passend aber neulich wurde ich auch gefragt, ob das mit der linken Augenbraue wohl Erbmasse sei. Auf jeden Fall! Ich kann nur beide, oder links. Gibt es überhaupt Menschen die beide Augenbrauen getrennt voneinander hochziehen können? o.O)

Tag 452 – Endlich Wochenende. 

Ich weiß auch nicht so richtig, warum, aber diese Woche war furchtbar anstrengend. Hier ist eine Mischung aus PhD-Letztjahr-Panik, Backenzahntralala und allgemeinem Autonomiephasenhorror ausgebrochen. Ich möchte am liebsten eine Woche lang schlafen, dabei hab ich gar nicht mal wenig geschlafen in letzter Zeit. Das Wachsein ist grade nur sehr anstrengend. Da bin ich dann Freitag Abend auch einfach froh um ein Glas Rotwein, ein bisschen Schoki und die letzte Folge der ersten Staffel von Sherlock (nochmal geguckt, weil wirs können!). Selbst mit Pippi halb auf dem Schoß, weil Schlafen ohne uns im Moment mal wieder gar nicht geht. 

Und jetzt: Bett. Morgen kein Wecker. Uff. 

Tag 451 – <3

Bei dem ganzen Gemecker ist gestern ja was total untergegangen. Nämlich, dass das allerallerwichtigste natürlich meine Familie ist. Da wo meine drei Lieblingsmenschen sind, da bin ich zu Hause. Und wenns der Nordpol wäre. Drei Atemgeräusche im Bett, kleine, mittlere und große Arme um meinen Hals, Küsse mit Schnodder und ohne und mit Bartgekitzel. Darauf kommts an. 

Tag 450 – Trondheim. Ach, Trondheim. 

Damals, als es uns hierher verschlug, wusste ich nichts, wirklich gar nichts, über Trondheim. Die erste Nacht hier war dann gleich der absolute Horror, weil mein Couchsurfing-Host nicht auftauchte und auch nicht erreichbar war und ich mitten in der Nacht gestrandet war in dieser mir völlig fremden Stadt, gleichzeitig war eine Messe und ein Festival, es war also auch kein Hotelzimmer zu bekommen, ich war praktisch obdachlos. Und so zog ich mit meinem Köfferchen umher, nachts. Irgendwann mich selbst bemitleidend zweinend. Auf der Suche nach einem Schlafplatz. Ich erwägte mehrmals, irgendwo zu klopfen wo noch Licht war. Ich erwägte auch einfach alle Sachen, die ich dabei hatte, anzuziehen und auf einem Spielplatz in einem Häuschen zu schlafen. Am Ende bekam ich um vier Uhr nachts ein Hotelzimmer, der eigentliche Gast war nicht aufgetaucht. Komatös schlief ich drei Stunden. Kosten: 1700 NOK, damals 210 €. Messepreis. Am nächsten Tag stand ich gelinde gesagt etwas ab und musste doch zu vier (?) Wohnungsbesichtigungen. Und meiner neuen Arbeit. 
Seitdem habe ich Trondheim etwas kennen gelernt. Ich würde jetzt gerne schreiben, kennen und lieben gelernt, aber mal ehrlich: nein. Einfach nein. 

Norwegen ist schon ganz cool. Voll viel Natur, überall. Und alles dabei: Seen, Wälder, Berge, Flüsse, Fjorde: es gibt kaum Orte in Norwegen wo es nicht von all dem was gibt. Dazu kommt für mich das allerwichtigste: Familienfreundlichkeit. Kinderbetreuung ist günstig, üblich, und hochwertig. Betreuungsschlüssel von 1:3,5, davon kann ja ein deutscher Kindergarten im Normalfall nur träumen. Arbeitszeiten sind hier kurz. Teilzeitarbeit üblich, bei beiden Geschlechtern. Bezahlung ist gut, die Einkommensschere klein, überhaupt geht es hier bei allem gleicher zu als ich es in Deutschland kennen gelernt habe. Auch die Friseurin muss ja von ihrem Gehalt leben können, und an der Gesellschaft teilhaben können, deshalb sind die Preise dementsprechend hoch. Ich bin nicht sicher, aber sowas wie „prekär Beschäftigte“, also Leute, die von ihrem Einkommen allein nicht leben können, scheint es hier nicht zu geben. Hier ist schon der Aufschrei groß, wenn Familien berichten, sie könnten sich keinen Sommerurlaub im Süden Europas leisten. 

Letzteres kann ich nachvollziehen. Nicht vom Geld her, aber man muss hier mal raus. Einmal im Jahr die Sonne sehen. Nie hätte ich gedacht, dass ich das mal sage, aber ja: so ein Sommerurlaub muss sein. WEIL ES HIER KEINEN RICHTIGEN SOMMER GIBT! (Oh Hupsi, das ist mir so rausgeplatzt.) Ersthaft, ich weiß nicht, wie die Trondheimer dieses Wetter aushalten. Es gibt hier folgende Wetterlagen: 

  • 10 Grad und Regen. Das sind ca. 200 Tage im Jahr. 
  • 7 oder 13 Grad ohne Regen. 100 Tage im Jahr. 
  • 24 Grad und Sonnenschein. 10 Tage im Jahr. 
  • 28 Grad und Sonnenschein. 1 Tag im Jahr, an dem die Trondheimer unter der schier unerträglichen Hitze sehr leiden. 
  • -20 Grad und Schnee. 1 Tag im Jahr. 
  • -5 Grad und Schnee. 20 Tage im Jahr. 
  • -2 oder +2 Grad, Schneematsch und überfrierende Nässe, alles ist glatt. 33 Tage im Jahr. 

Ohne Witz, als Bielefelderin dachte ich, ich sei wettertechnisch Kummer gewohnt. Ich habe jetzt gelernt: in Bielefeld ist das Wetter weit entfernt von schlecht. Und in Bergen soll es noch schlimmer sein als hier. Ich möchte bitte niemals nach Bergen. 

Dazu kommt ja noch die Dunkelheit im Winter und die andauernde Helligkeit im Sommer. Ich weiß nicht, was schlimmer ist. Im Sommer kommt man nie ins Bett. Schon mal gar nicht, wenn man Kinder hat. Mein Körper glaubt mir dann um elf einfach nicht, dass mal langsam Bettzeit ist, wenn die Sonne noch scheint. Dafür möchte ich im Winter wie so ein Bär einfach im November schlafen gehen und nicht vor März aufwachen.  Da helfen auch keine Vitamin-D-Tabletten und Tageslichtlampen: wenn die Sonne nicht mehr über die Häuser kommt und die Schatten am Mittag doppelt so lang wie die Dinge sind, die sie werfen, dann ist das kein richtiger Tag. Und wir sind ja noch ein paar hundert Kilometer vom Polarkreis entfernt. In Tromsø (was ansonsten ein wirklich bezauberndes Örtchen ist) geht die Sonne über einen Monat lang gar nicht auf. Gar. Nicht. Ich möchte bitte auch niemals in Tromsø leben. 

Tromsø wär ja auch noch weiter von allem weg. Schon alleine deshalb ist das raus. Trondheim ist ja schon weit weg. Ich meine, 600 km in die nächstgrößere Stadt? Und diese 600 km fährt man ja nicht wie in Deutschland in 6 Stunden. Darf man erstens nicht und geht auch einfach gar nicht. Man kann Zug fahren. Haha. 8 Stunden nach Oslo. Und wenn man nach Bergen will (was man ja nicht will, aber mal mit dem Gedanken gespielt), muss man erst nach Oslo und dann nochmal umsteigen um die 500 km nach Bergen zu fahren. Noch mal 6 Stunden Zug. Absurd. Aber wie mans dreht: Trondheim ist abgeschieden. Das ist bestimmt schön für manche*. Ich fände aber zum Beispiel mal ein Konzert gut. Muss ich nach Oslo für. Oder gleich nach Stockholm. Theater? Jo, Trøndelag Theater. PUNKT. Und wenn mal das russische Staatsballett herkommt und IRGENDWAS aufführt, rennen alle da hin wie die Irren, WEIL SIE AUSGEHUNGERT SIND NACH KULTUR! Nicht (nur) weil Schwanensee halt hübsch anzusehen ist. Es ist Abwechslung und zwar die Einzige, die es mal gibt. Kein Wunder, dass sich die Jugendlichen hier zum Teil krass zusaufen zur Abizeit. Und dann wegziehen. Die Uni hier ist zwar gut, aber will man echt seine vermeintlich besten Jahre hier verbringen? Ich bezweifle es stark. 

Dass man hier nicht wegkommt, wird sich ab Frühjahr nächsten Jahres noch verstärken. Wie ich heute erfahren habe, wird nämlich die einzige Direktverbindung nach Deutschland eingestampft. Adjö, Trondheim-Berlin. Ab dann müssen wir nach Amsterdam und dann von da entweder abgeholt werden oder Mietwagen oder nach Hannover weiter fliegen oder Zug. So oder so wird es deutlich teurer werden. NOCH TEURER. Kost ja eh nix, mit zwei Kindern. Ha. Ha. Und das mit der Heimat voll von alten Leuten, die beängstigend schlechte Gesundheitszustände haben. Fühlt sich echt super an, im Zweifel hier festzusitzen. Danke, Norwegian airlines, für nichts. 

Und dann noch die Trondheimer. Nicht nur, dass sie den fiesesten Dialekt aller 400 Dialekte sprechen (empfinden zumindest die Norweger so, ich nicht, ich finde Stavanger am allerschlimmsten!), nein, die sind auch alle zugänglich wie Stockfisch. Nach drei Jahren hier zählen wir *NULL* echte Trønder zu unseren Freunden. Überhaupt haben wir kaum Freunde hier. Und alle sind entweder andere Ausländer oder zumindest ganz aus dem Süden oder dem Norden Norwegens. Da sind die Leute lockerer drauf, scheint mir. Dabei sind die meisten Trønder gar nicht echt verschlossen oder unhöflich. Man kann mit denen sogar feiern und Spaß haben. Aber dann vergesse ich am nächsten Tag das obligatorische „Takk for sist!“ und hab’s wieder mal für ein paar Wochen verkackt. Aber auch davon abgesehen: meist tut man hier einfach so, als würde man sich nicht kennen. Und das kotzt mich immer mehr an. Dabei hab ich’s so oft versucht: „Lass uns doch mal einen Kaffee trinken!“ – „Ja gerne, irgendwann mal.“ Und wenn man dann nachhakt: Grillenzirpen. Ach, ach. 

(Noch ein Jahr. Dann können wir hier weg. Und dann werde ich’s vermutlich vermissen.)

Trøndervær. Symbolbild.

*der Genpool ist aber auch gefährlich klein hier. Ich kenne schon alleine mehrere Erwachsene hier, die noch mehrere Milchzähne haben. Aus meinem früheren Leben kenne ich keinen einzigen. Aber das nur am Rande.