Tag 369 – Man soll den Morgen nicht vor der Abfahrt in den Kindergarten loben. 

Dies ist eine Geschichte, wie ein guter Morgen sich in einem Moment zur totalen Katastrophe entwickeln kann. Leider ist die Geschichte wahr und uns heute morgen so passiert. 

Alles war super und wir total im Zeitplan. Das passiert nicht oft und ich war schon ganz stolz auf uns alle. Um halb acht fuhr Herr Rabe zur Arbeit, wir waren alle angezogen, die Kinder hatten gefrühstückt, die Zähne waren auch geputzt. Brotdosen gepackt und verstaut, wir waren wirklich abfahrbereit. Aber ich wollte nicht so früh schon los, außerdem hatte ich noch keinen Kaffee getrunken. Also machte ich mir einen schön großen Kaffee Latte. Dann, die Kinder spielten friedlich, fiel mir ein, dass ich ja die Schnecken meiner Kollegin mitgeben wollte, damit sie (und ihre Kinder) auf sie während unseres Wientrips aufpassen. Also holte ich ne Box und noch ne Box und füllte mit Michel Erde in beide und buddelte die Schnecken aus und fand Papa-Schnecke nicht, bis ich an den Deckel des Terrariums guckte, wo Papa-Schnecke friedlich schlafend hing. Naja, nach ordentlichem Einsprühen und vorsichtigem Gezuppel hatte ich dann Papa-Schnecke mit einem lauten „Schnuck!“ in der Hand, Michel kam mit den Rest-Muffins von gestern (ekelhaften Zuckerbomben, die Schwägerin brachte Backmischungen mit, die müssen weg, was will man machen…) und erzählte was von „morgen für die Reise einpacken“, wir gingen in die Küche um die Schnecken weiter zu verpacken. Ich trank weiter meinen Kaffee und überlegte, ob die Schnecken wohl zwei mal zwanzig Minuten in einer Tupperdose ohne Luftlöcher überleben und entschied mich für ja. Bröselte noch etwas Erde auf die Schnecken in der Tupperbox und…

… warf den Kaffeebecher um und auf den Boden. Kaffee überall, auf mir, auf dem Boden, vermischt mit Blumenerde auf der Arbeitsplatte, tropfend an den Küchenschubladen. Ü-ber-all. Der Kaffeebecher ist auch ein physikalisches Wunder, wie sonst kann aus einem nicht mehr vollen 300 mL-Glas mindestens ein Liter Kaffee auslaufen? Mir entfleuchte ein unbeherrschtes, aber tief empfundenes „FUUUUUCK!“. Michel, auf der anderen Seite des Kaffeesees, fing sofort an zu weinen. Untröstlich. Schreck, darüber, dass der Kaffee einfach umfiel, über das Schimpfwort, über die Sauerei. „Du musst besser aufpassen, Mama! Du nicht aufepasst!“ heulte er und ich versuchte ihn zu beruhigen und zu erklären und DAFÜR ZU SORGEN DASS ER EINFACH DA STEHEN BLEIBT UND NICHT DURCH DIE PFÜTZE RENNT während ich mich auszog: Pulli, Shirt, Hose, Socken. Nur Unterhose und BH waren verschont geblieben. Dann wischte ich die Sauerei auf, erstmal einen Korridor, damit Michel zu mir konnte, dann Michel weiter tröstend den Rest. In die Schubladen war der verfluchte Kaffee auch gelaufen. Ich wischte und wischte und Michel beruhigte sich langsam. Irgendwann sah die Küche halbwegs passabel aus und die Zeit wurde jetzt doch knapp. Ich wusch meine Hände und stopfte meine eingesauten Klamotten direkt in die Waschmaschine, noch zwei, drei andere Sachen dazu, und ab dafür. Michel ging gucken, was Pippi macht.

„Mamaaaaa! Pippi spielt mit Muffins!“ Überschnappende Stimme. Ach du kacke. Mir schwante böses. Und tatsächlich. „Michel, hast du die Muffins hier offen stehen gelassen?“ Kraftlos und immer noch in Unterwäsche sank ich auf den Wohnzimmerhocker. Michel brach sofort wieder in Tränen aus. Pippi verstand die Welt nicht mehr, sie war eben noch so stolz gewesen und so glücklich. Zwei Muffins hatte sie aus der Form gepult, ordentlich das Papier abgezuppelt und die Muffins aufgegessen, dabei sich, die Spielküche und den Fußboden komplett eingekrümelt und mit „Chocolate flavored sugar frosting“ eingeschmiert. Und jetzt saßen hier ihre Mama, den Tränen nahe, und der große Bruder, heulend vor Wut, weil sie seine Muffins gegessen hatte. Pippi fing sich aber von allen am schnellsten und pulte noch schnell den dritten Muffin aus der Form. Das weckte meine Lebensgeister, ich erwachte aus meiner Schockstarre und nahm ihr den Muffin ab, steckte ihn zurück in die Form und stellte die Form oben auf den Küchentresen. Holte einen feuchten Lappen, wischte Pippi ab, diskutierte mit Michel die Möglichkeiten zur Muffinbeschaffung, wischte die Spielküche ab, hörte mir Michels „Ich will, dass Papa uns in den Kindergarten bringt! Du nicht laut sein!!!“ an, gab mir Mühe nicht direkt wieder laut zu werden, schrubbte Zuckerpampe vom Boden, erklärte zum drölfzigsten Mal, dass Papa eben früh los muss, damit er sie früh wieder abholen kann. Irgendwann war ich fertig, pflückte Pippi vom Esstisch und ging mir was frisches anziehen. Stopfte Papa-Schnecke, die schon zur Flucht ansetzte, in die Tupperbox zurück und machte den Deckel zu. Öffnete ihn wieder wegen schlechtem Sauerstoff-Gewissen, packte die Box in eine Tüte und machte ein paar Gummis drum, damit nicht die Erde (und die Schnecken) rausfallen. Packte alles in meinen Rucksack, pflückte Pippi vom Esstisch, zog den Beiden was an, zog mir Jacke und Schuhe an, nahm zwei kleine und einen großen Rucksack auf die Schultern und Pippi auf den Arm, bat Michel, die Tür zuzumachen. Stellte fest, dass mein Fahrradschlüssel noch drin war. Setzte alles ab, schloss auf, holte den Schlüssel. Pflückte Pippi von der vierten Stufe nach oben, bat Michel, wenigstens einen Rucksack zu nehmen, verstaute Rucksäcke, Pippi und so weiter im Anhänger, bekam den Anhänger erst nach drölfzig Versuchen und ebensovielen (sehr leise gemurmelten) Flüchen ans Rad, stellte fest, dass ich am Wochenende die Schraube an der Schnellspanner-Halterung für die Bremse vorne nicht nachgezogen habe und das Ding immernoch furchbar klappert. Stellte Michel, der vor lauter Hampelei mit seinem Fahrrad umgefallen war, wieder auf die Füße. 

Und so fuhr ich mit fast einer Stunde Verspätung los zum Kindergarten.

P.S. No snails were harmed during the production of this blogpost. Sie sind gut in meinem Büro angekommen und wurden dann direkt umgesetzt in die große „Ferienbox“. Begeistert waren sie von der Tour allerdings nicht und krochen erstmal hektisch herum. 

Tag 367 – Zehn Minuten. 

Zehn Minuten ist der Tag noch lang. Das ist machbar. Heute war nämlich auch nicht so wirklich viel los. Ist ja auch wirklich ganz schön, wenn man am Wochenende nicht arbeiten muss. Trotz Kindern, die um halb acht auf sind, trotz Wut-Michel, der für seine Maus tausend Dinge (best of heute: Rutsche, Schwimmbrille, Schlitten) einfordert, trotz Pippi, die man jedes Mal, wenn man am Esstisch vorbei geht, von selbigem pflücken kann, trotz Bügelwäsche und diversen Maschinen, die zwar trocken aber nicht zusammengelegt sind. Alles egal, wir haben uns. Am Ende sprang sogar Pärchenzeit für uns Große raus. <3

Tag 364 – Gewöhnungsbedürftig. 

Tja, also Pippi sollte ja inzwischen im Kindergarten eingewöhnt sein. Nach norwegischem Standardplan jedenfalls. Tatsächlich läuft es eher so mäßig. 

Langfristiges (haha, also eher so: übernächste Woche) Ziel ist Kindergarten von spätestens acht bis mindestens vier, dann schaffen wir beide unsere Jobs ohne allzu spät zu Hause zu sein. Bisher sind wir bei ca. 8 (und das funktioniert auch nicht so ganz, weil Pippi nicht im Kindergarten frühstücken will) bis 14:30 Uhr, was halt nur mit Sommerarbeitszeit und Stillfrei und mit schlechtem Gewissen der Arbeit gegenüber geht. Herr Rabe hat logischerweise kein Stillfrei und muss außerdem Stunden so richtig aufschreiben, der kann nicht dauernd früher gehen. Also bin ich gefragt und es stinkt ziemlich, zum Einen eben wegen der Arbeit und zum Anderen, weil ich mir so morgens das Geheul und nachmittags die Berichte („Hat so viel geweint heute und gar nichts gegessen…“) der Erzieherinnen anhören muss. 

Nachdem die Eingewöhnung bei Michel im gleichen Alter eine Sache von drei Tagen war und Pippi ja sogar ihren heiß geliebten großen Bruder als das ultimative Übergangsobjekt dabei hat, hatte ich die Hoffnung, dass die Eingewöhnung bei ihr easy peasy sein würde. Aber da habe ich die Rechnung ohne mein großes kleines Kind gemacht. Denn Pippi weiß halt was sie will, und das ist 1. Mama und 2. Papa. Und das versucht sie durchzusetzen, mit allen Mitteln. Man muss sagen, es liegt wirklich nicht am Kindergarten oder den Personen da: alle sind sehr herzlich, es wird auf sie eingegangen, sie wird getragen und darf kuscheln, wenn sie will, man nimmt sich viel Zeit für sie und versucht es hinzubekommen, dass sie eine gute Zeit hat. Aber sie will halt nicht. Deshalb schreit sie viel (aus Enttäuschung wenn ich gehe und wenn ich komme, höre ich von unten schon ihr Wutgebrüll), sie schläft kaum und sie isst kaum. Interessanterweise juckt es sie auch gar nicht, dass ihr Bruder da ist. Dafür ist Michel noch ein bisschen mit durch den Wind, weil Pippi so viel brüllt. Verdammt, wieso klappt denn nichtmal das*?

Und ich so, toughe Mama, die ich so gern wäre? Mit bricht es das Herz. Ich zweifle alles an: den Kindergarten, mein Lebensmodell, dieses Land: alles kacke und mein Baby leidet so und überhaupt. Rational weiß ich, dass es keinen besseren Kindergarten geben könnte, grade für so ’schwierige‘ Kinder wie Pippi. Ich weiß auch, dass ich vor Langeweile eingehen würde, würde ich sie stattdessen zu Hause betreuen. Dass wir uns das Leben hier mit nur einem Job schlichtweg nicht leisten können (zumindest nicht in der Wohnung, in der wir grade wohnen und in der ich mich sauwohl fühle). Das weiß ich alles. Aber trotzdem kommt da die Rabenmutter-Sozialisation, gepaart mit Bindungstheorie-Halbwissen und versehentlich gelesenen dogmatischen Blogbeiträgen aus mir raus und ich fühle mich schrecklich und wie der letzte Mensch, dass ich meinem Kind das antue, obwohl es doch so offensichtlich nicht will. 
Ich hoffe wirklich, dass sie sich bald dran gewöhnt hat. Wirklich. Und nein, zu Hause bleiben ist einfach keine Option. 

*Eigentlich hatte ich eher Angst, dass Michel dauernd als Tröster herhalten muss und sich zu sehr verantwortlich fühlt. So ist es aber auch kacke. 

Tag 355 – Der erste Tag. 

Tja, da war er also, der erste Kindergartentag. Wenn ich zurückdenke, kann ich mir immer noch nicht vorstellen, dass Michel auch nur zwei Wochen älter war, als er im Kindergarten anfing. Pippi wirkt irgendwie auf mich kleiner. Jünger. Babyhafter. 

Wir waren heute beide mit*, weil ich mir wegen eines Misverständnisses heute frei genommen hab und dann dachte, ach, ist vielleicht auch besser, dann ist einer bei Pippi und einer macht den Papierkram. Und so war es auch gut. Die großen Kinder waren alle draußen (inklusive Michel, den hatte ich schon morgens gebracht), wir waren drinnen alleine mit dem einzigen anwesenden anderen Mädchen und dem einzigen anderen wachen U3-Kind in Personalunion und Pippis Bezugserzieherin E.. Die Erzieher*Innen in dem Kindergarten sind eh alle toll, aber E. ist so warm und herzlich und lustig, Michel liebt sie auch heiß und innig, kurz: besser könnte es nicht sein. Pippi und das andere Mädchen spielten mit einer Kiste Schleichtiere, Herr Rabe saß recht unbeteiligt daneben, ich und die Erzieherin füllten im Gespräch den Fragebogen aus („Welche Grenzen setzen Sie zu Hause?“ Meine Güte, sie ist fast noch ein Baby, ähhh, ich glaub wir haben für sie quasi keine Grenzen bisher…). Danach durfte Pippi den Toberaum erkunden, ein bisschen herumklettern und fand alles ganz toll, bis sie von der Turnmatte fiel und sich den Kopf stieß. Dies hielt ich dann auch für den geeigneten Moment, E. mitzuteilen, dass Pippi keinen Schnuller nimmt und auch bisher keine Kuscheltiere gewöhnt ist. Also keine einfache Tröstung. Tjanun. Wir gingen dann raus und dann war es auch schnell vergessen. 

Draußen setzte sich Pippi direkt in den Sandkasten, die großen Kinder spielten mit ihr und zeigten ihr die grade gefundene Spinne. Pippi buddelte fröhlich, Michel kam zu mir und zeigte mir sein frisch erworbenes Pflaster, dann wollte er noch kurz Pause auf meinem Schoß machen und dann… Tja, dann war es für mich Zeit zu gehen. Also verabschiedete ich mich und ging nach Hause. Für Pippi überhaupt kein Problem, auch für Michel nicht. Irgendwie für keinen, außer mir. 

Zu Hause tat ich dann viele Dinge, zum Beispiel wusch ich den TrippTrapp-Bezug, räumte Kisten auf Schränke und nähte in Windeseile ein Dings**, aber eigentlich versuchte ich nur nicht daran zu denken, dass meine beiden Babies, das große und das kleine, bald viele Stunden am Tag außerhalb der Familie betreut werden. Dass sie da Bezugspersonen haben. Dass sie da norwegisch reden. Auch Pippi wird auf norwegisch sprechen lernen. Sie wird da erst richtig laufen lernen. Himmel. Ich bin noch nicht soweit…

* Die Eingewöhnung läuft hier nach Bedarf, aber zügig ab. Also so im Rahmen von 3-7 Tagen. Finde ich nicht schlimm. Ich bin aber gleichzeitig auch dankbar, dass Herr Rabe die Eingewöhnung macht: wie man sieht, habe ich gewisse Probleme, loszulassen.

** Empfängerin liest mit, deshalb keine Spezifizierung. Leider auch wegen „Aaahhh, die Post schließt in drei Minuten“ weder verpackt noch ein Foto gemacht. Sorry. 

Tag 354 – Wuaaahhhhh!

Pippi kommt morgen in den Kindergarten. Morgen. Mor-gen. 

(Um da nicht zu viel drüber nachzudenken, war ich heute mal locker flockig drei Stunden arbeiten. 12, jetzt 24 Flaschen Zellkultur machen ganz schön Arbeit. Vor allem wenn nichts, aber auch wirklich gar nichts, was man zum Arbeiten braucht, im Zelllabor vorhanden ist. Keine Pipetten, Pipettierhilfen mit leeren Akkus, Serum alle, Trypsin alle, keine Kulturflaschen… Obendrein noch zwei Inkubatoren wegen Wartung morgen gesperrt, sodass ich sämtliche 24 Flaschen in Sechserstapeln durch das gesamte normale Labor ins andere Zelllabor zu den anderen Inkubatoren schleppen musste. Und weil ich heute so fleißig war, hab ich morgen – aus gegebenem Anlass – frei. Trotzdem: würde Herr Rabe sowas machen, ich würde ausrasten. Manchmal frage ich mich, wie es diese Familie mit mir aushält.)

Tag 353 – Rittersport und die Mutter aller Wutanfälle. 

Michel und ich waren heute bei einem Ritterturnier. Es sind nämlich Olavsdagene hier in Trondheim, da gibt’s viel religiösen Kram rund um den Dom und Ritterfestspiele für die Kinder. Da aber der Eintritt 150 NOK pro Person betrug, sollte nur ein Erwachsener mit Michel da hin gehen und da darüber hinaus Herr Rabe und Pippi zusammen einen sehr ausgedehnten Mittagsschlaf machte, packte ich Michel in den Fahrradanhänger und fuhr mit ihm zum Dom. 

Als wir ankamen wurden gerade die Ritter  gesegnet und ritten dann zum Festplatz, da wurde Michel schon leicht panisch, dass wir was verpassen würden. Wir waren dann trotz noch-Karten-kaufen-Müssens aber doch mehr als pünktlich an der Arena und bekamen auch gute Plätze mittig in der ersten Reihe. Kopfhörer auf und los ging es. 

Nach einigem Erkläre, was historisch die Ritterspiele bedeuteten (in erster Linie Training und Quatsch, dann verbot  irgendwann ein König, dass mit scharfen Waffen gekämpft wird, weil ihm zu viele Ritter dabei drauf gingen, seitdem gab es Helm-Gebot und stumpfe Lanzen aus Holz statt Metall), ging es los. Eine Art Hofnarr (nicht der peinlichen Sorte, und ich bin da sehr empfindlich) leitete durch die Wettbewerbe, die Ritter und Ritterinnen wurden mit ihren Pferden vorgestellt und dann prügelten sich erst mal die Knappen und demonstrierten Waffenlosen Kampf. Die Spiele waren in drei Runden unterteilt: Eine Runde Übung mit Lanze, Schwert und Speer, dann das was man so als Ritterturnier kennt, also aufeinander zureiten und den anderen mit der Lanze treffen, dann eine Runde Ringe einsammeln auf der Lanze. 

Alles sehr spannend.

Runde Eins: Wehrloses Obst mit Schwertern zerhacken und dabei aggressiv brüllen.


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Runde Drei: Ringe einsammeln gegeneinander.

Zwischen den Runden demonstrierten die Knappen noch Kampf mit verschiedenen Waffen und einen Kampf mit sehr unausgeglichenen Waffen, da hatte der eine nur ein Messer und der andere hatte ein Schwert, eine Axt, ein Schild und einen Speer. Natürlich gewann der mit dem Messer. 

Insgesamt muss ich sagen, es war ein tolles Spektakel und die 300 NOK taten mir lange nicht so leid wie nach einigen Kinofilmen. Der Unterhaltungswert war für Groß und Klein etwa gleich: ich fand die Kostüme toll gemacht, die Erzählungen informativ und unterhaltsam, die Pferde toll, die Leistungen beeindruckend und vor allem nichts Fremdschamerregend, Michel hatte einen Mordsspaß, fand alles total interessant und spannend und stellte eine Million Fragen. Am Ende sprang er wild herum und klatschte dabei unaufhörlich. Und er wollte ein Schwert. 

Am Schwertstand war die Hölle los. Michel hatte sich schon eins geschnappt, ich konnte den überforderten Verkäufer aber noch nicht mal sehen, so viele Leute waren da. Dann sah ich alle Leute um mich rum Bargeld rauskramen. Ich hatte keins. Ich sah auf Michel, das Schwert, die Leute, Michel, das Schwert… Und schappte mir Michel, samt Schwert. Ich erklärte ihm, dass wir das Schwert kurz ausleihen und Geld holen, dann zurückkommen und das Schwert bezahlen. Mit einem halb geklauten Schwert wanderten wir also durch die halbe Trondheimer Innenstadt auf der Suche nach einem Geldautomaten. Michel und ich wissen jetzt: wenn man mit dem Schwert dagegen haut, machen Straßenschilder und dergleichen *Pling* oder *Döng*, Laternen machen nur *Tokk*. Jedenfalls holten wir Geld, gingen zum Stand zurück, bezahlten das Schwert und schlenderten dann noch über den Mittelaltermarkt. Da prägten wir uns unsere eigene Silbermünze, das war auch echt cool, und dann ließ ich Michel nicht das Gesicht schminken, weil das 70 (!!!) NOK gekostet hätte, das war nicht ganz so cool. Tjanun. Unter Zuhilfenahme von gebrannten Mandeln lockte ich Michel zum Fahrrad zurück. 

Münze und Schwert.

Nach dem Markt wollten wir noch kurz in der Buchhandlung vorbei, da hatten wir nämlich gestern Pippis Trinkflasche vergessen. Vor der Buchhandlung trafen wir allerdings den Pokémon-fangenden Herrn Rabe samt schlafender Pippi. Die hatten die Flasche schon eingesammelt und wir beschlossen, noch ein Eis für Michel und einen Kaffee für mich zu holen. 

Und so gingen wir in einen SevenEleven, da hab ich nämlich ne Stempelkarte und der Kaffee schmeckt auch. Michel ging direkt zum Frozen Joghurt Spender. Er wollte Schokolade. Ich drückte, es kam nichts. Leer. Michel war enttäuscht. Dann eben Erdbeer. Ich drückte. Es kam nichts. Auch leer. Michel fing an zu weinen. Er wollte Erdbeereis. Ich erklärte ihm, es sei leider alle. Er schmiss sich auf den Boden. Traurig, weinend, schreulend. Der Ladenheini kam an und bot Vanille an, das sei noch da. Michel schreulte (auf Deutsch), dass er „Blumen-Eis“ nicht wolle, nur Erdbeer. (Das mit den Blumen kommt vom Joghurt: da sind bei Vanillegeschmack immer die Blüten abgebildet.) Ich schaffte es, ihn etwas zu beruhigen und schleppte ihn zur Eistruhe. Bot ihm an, er könne sich was aussuchen. Auch so Erdbeereis in der Waffel, das mag er sonst super gerne. Nein. So Erdbeer-Joghurt-Eis, sonst nichts. Er schmiss sich wieder auf den Boden. Ich erklärte ihm, ich ginge jetzt erst den Kaffee bezahlen, dann könnten wir weiter sehen. Michel tobte und schrie. Menschen sahen uns an. Ich bezahlte meinen Kaffee und noch eine Bolle für Pippi. Michel kreischte inzwischen ziemlich herum und steigerte sich voll in den Wutanfall rein. Schlug um sich. Trat gegen Sachen. Ich stellte die Kaffeemaschine an und brachte Michel raus zu Herrn Rabe. Michel brüllte und schrie und tobte und kreischte und warf sich auf den Boden. Mitten in der Fußgängerzone. Herr Rabe erklärte. Er könne ein anderes Eis haben, das Joghurteis sei eben alle. Michel wälzte sich im Dreck, Menschen sahen uns an, Menschen dachten Dinge über uns, es war mir egal. Überhaupt waren Herr Rabe und ich total ruhig die meiste Zeit (bis Michel aus Wut und Überforderung anfing, uns zu schlagen und zu treten, da wurde der Ton kurzzeitig etwas schärfer), wir konnten es ja tatsächlich einfach nicht ändern. Immer wieder boten wir ihm das sonst so geliebte Erdbeereis in der Waffel an, aber es war zwecklos. Inzwischen hatte sich so ziemlich die gesamte Trondheimer Innenstadt ihr Urteil über unsere Elterlichen Fähigkeiten gebildet, mein Kaffee war ausgetrunken, ein Aufhören des Tobsuchtsanfalls nicht in Sicht. Michel trat weiterhin auf Bäume ein, hysterisch „Erdbeereis!!!“ kreischend. Wir stellten ihm ein Ultimatum: Waffeleis oder nach Hause auf drei. Er kreischte weiter „ERDBEEREIS!!!“. Herr Rabe steckte ihn in den Wagen. Mit einem Anhänger, aus dem es schrill „LASS MICH RAUS! LASS MICH RAUS!!! ERDBEEREIS! LASS MICH RAUS!“ tönte, fuhr ich los. (Anmerkung: er kann die Gurte des Anhängers sehr wohl selbst lösen. Aber es klingt ohne dem nicht so schön dramatisch.) Nach zweihundert Metern ebbte das Geschrei etwas ab. Nach zweihundertfünfzig Metern rief er schluchzend: „Ich mir überlegt! Ich will doch Waffeleis!“. Versprochen ist Versprochen. Also hielt ich beim Supermarkt, holte das rotgeheulte Kind aus dem Wagen und kaufte ihm unter den verständnislosen Blicken der gleichen Passanten, die den Anfall in der Fußgängerzone bezeugt hatten, ein Eis. 

Das Ende des bisher schlimmsten Wutanfalls ever.


Ich hatte es ja versprochen. Und er tat mir auch wirklich leid. Also sowohl, dass das Joghurteis alle war, als auch dass er sich in seiner Wut sicher unverstanden gefühlt hat. Nun ist es aber ja gleichzeitig so, dass so extreme Wutanfälle auch einfach nicht nachvollziehbar sind, da kann ich also auch kein Verständnis für die Wut zeigen, ab einem gewissen Grad. Da kann ich nur anbieten, was ich anbieten kann: das andere Eis, Trost, Nähe. Wenn das alles nicht gewollt wird, kann ich noch da sein und aushalten. Und mich in Teflon-Manier üben, was die Blicke und Sprüche der Anderen angeht. 

Puh. Was ein Tag. (Der Rest davon lief dann wieder recht harmonisch ab. Und das obwohl ich noch einen Ritterhelm gebastelt habe!)

Tag 349 – Wie es war in Bildern. 

Wir sind wieder da, liegen in richtigen Betten mit richtigen Matratzen und wir haben W-LAN und so. Die gefühlten sechs Tonnen Einkäufe sind auch verräumt, also hier die versprochene Nachlieferung an Bildern.

Erstmal was vom Campingplatz.

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Schon schön hier. 😍

Noch eine Bemerkung zur Hardware: Das Zelt ist gut, blitzschnell ‚aufgebaut‘ und für drei Erwachsene geräumig. Für 2 Erwachsene, ein wühlendes Kleinkind und ein kuschliges Kleinstkind ist es so lala geräumig. Aber dann gibt’s irgendwann, wenn die Kinder groß genug sind um im eigenen Zelt zu schlafen, das Update auf ein weiteres Zelt nur für die Kinder. Dunkel ist es innen auch. Luftig nur, wenn man die Belüftungklappen aufmacht: dann ist es aber nicht mehr dunkel. Ab sechs Uhr morgens hat man also trotzdem Pest oder Cholera.


Dann wären wir ja im Zoo, davon gibt es wenige Bilder, weil ich beschäftigt war mit den Kindern, dem Kinderwagen, den Wasserflaschen, den Bananen…

Aber im Freizeitpark hatte ich ungewollt viel Zeit, zum Beispiel um dieses „Kunstwerk“ zu bewundern.


Vor dieser Bahn stand ich gefühlte Ewigkeiten, weil Herr Rabe  Michel eine Runde nach der anderen darauf drehen wollte – aber nicht alleine.

Währenddessen regnete es auch ein bisschen. Pippi findet die Regenpelle aber eher so mittel.


Dann drehten Herr Rabe und Michel noch eine Runde mit einem Zug durch den gesamten Zoo. Pippi wuchs derweil an einem potthässlichen Zug-Dings fest (Züge! Überall Züge in diesem Park!)


Detailaufnahme.


Währenddessen wurde mein Gehirn von der dämlichen Musik püriert und ich war auch irgendwie sehr froh um die Tetanusimpfungen von Pippi.

Nach dem Park wollten die Kinder unbedingt Baden. Es war echt kalt. Das juckte die Zwei aber nicht im geringsten. Heute sind wir alle erkältet. Tjanun.

Michel hat seine Badehose selbst angezogen.

Nach dem Baden grillten wir unter anderem Würstchen aus Quorn: einer Proteinmatsche aus irgendeinem Pilz. Schmeckt ganz ok, aber die Tofuwürstchen die wir immer haben finde ich besser. Michel ist das egal, Hauptsache es sieht aus wie Pølse, dann isst er es auch. Die norwegischen Pølse kaufen wir nur nicht weil wegen Fleischabfälle, zusammengematscht mit Salz und Wasser… Nee, dann lieber Tofu. Oder eben Quorn.

Die Kinder waren dann früh im Bett, wir saßen noch vorm Zelt und tranken schwedisches Bier (nur 11:40 SEK! Und die Marke, die sich im Auslandssemester durch extensives Testen als beste in der Geschmack-Kater-Bilanz herausgestellt hat, gibt es noch! <3). Das war sehr schön.

Heute wurde dann nur noch gepackt, eingekauft (der Durchschnitts-Norweger kauft billiges Fleisch. Wir kaufen Käse, Olivenöl, Essig, Milch, Eier, Limettensaft, Speisefarbe und Schokolade. Alle kaufen Alkohol) und Abfahrt. Die Fahrt zog sich dann eeeeeewig. Schon alleine an zwei Baustellenampeln standen wir gut 15 Minuten (jeweils!). Führt übrigens auch nicht grad zu guter Rotphasen-Compliance, die Ampelphasen möglichst lang zu machen *hust*. Und für Eltern mit einem Wieso-bewegt-sich-das-Auto-denn-nicht-ich-schrei-jetzt-alles-zusammen-Kind ist sowas eine Zumutung. Zusätzlich goss es einen Großteil der Fahrt wie aus Kübeln, ich bekam wegen schlagartig beschlagender Scheiben im Tunnel dezent Panik und überhaupt, blöde Fahrerei.

Nun ja. Wir sind jedenfalls wieder zu Hause, haben eine der 10 SEK/kg Zucchinis gesessen, Michel hat seinen Dinosaurier fertig ausgebrütet und zeigt ihm jetzt die Welt (da schreibe ich mal gesondert drüber) und das ist sehr niedlich, die Schnecken leben auch noch, also: alles gut. Und wenn nicht, hilft Ignorin.

Tag 346 – Geschafft. 

Heute so:

06:45 Pippi ist wach. Nicht schlimm, der Zeitplan für heute ist eng getaktet.  

07:15 Brühstück überbrüht, Pippi gewickelt und angezogen, selbst auf dem Klo gewesen. Pippi ist nörgelig.

07:45 Pippi ist wieder eingeschlafen – auf mir. Wir kuscheln und ich lese dabei meinen Feedreader leer. 

08:15 Ich bringe Pippi wieder ins Bett. 

08:20 Während ich Brotzutaten abwiege, kommt Michel angelaufen. Danach meine Schwägerin. Ich wiege und knete und so. 

09:00 Frühstück ist fertig, Michel hat Kohldampf, Herr Rabe und Pippi müssen erst noch geweckt werden. 

09:10 alle sind endlich beim Frühstück. Alle außer mir: ich muss das Brot wirken und Brötchenzutaten abwiegen (eng getaktet!)

10:00 Mit dem Frühstück fertig. Brot einschießen. Zwischendurch den Brötchenteig immer mal wieder kneten. 

11:00 Brot ist fertig.

11:30 Brötchen wirken und formen. Platenkuchenteig ansetzen. Ich fange an die Familie aus dem Haus zu beschleunigen. 

11:50 ENDLICH sind alle weg. Ich räume auf. 

12:30 Brötchen Ladung eins einschießen. Mit zunehmender Hektik aufräumen und saugen. Frei rumfliegendes Gedöns, ca. 12 Paar Schuhe von mir und die gefühlten tausend Kramboxen von Herrn Rabe werden ins Schlafzimmer geworfen und die Tür zugenagelt. 

12:50 Brötchen fertig. Platenkuchenteig irgendwie aufs Backblech kriegen. Sehr viel Fluchen. Unschöne Haar-Staubschicht vom Waschbecken grob abwischen. Zwischendurch ruft Herr Rabe an und will Sachen wissen. Ich würge ihn ab. 

12:55 Brötchen Ladung zwei einschießen. Weiter hektisch aufräumen. 

13:00 Im Affenzahn unordentlich die Beine rasieren. In noch größerem Affenzahn duschen. 

13:15 Brötchen fertig. Haare Föhnen, Gesicht einkremen, huschhusch MakeUp drauf. Mein Kleid hat einen Fleck (Schnodder? Sabber?) auf der Schulter. Plan-B-Kleid überwerfen. 

13:20 Herr Rabe und Pippi sind wieder da. Pippi schläft. Herr Rabe tut Dinge. 

13:25 Herr Rabe beginnt, die Geburtstagskrone für Pippi zu basteln. Ich drücke Dellen in den Platenkuchenteig, verteile dann Unmengen Butter drauf, bedecke alles mit (wie sich später herausstellen wird zu wenig) Zucker und Mandelblättchen. 

13:35 Platenkuchen in den Ofen schmeißen. Es klingelt. Es sind nicht Michel und die Schwägerin, leider, sondern meine Kollegin A. mit 2-Jähriger Tochter. 

13:45 Mit Kollegin unterhalten und derweil blind Haarwachs in die Haare schmieren. Es klingelt wieder: Michel und Schwägerin. 

13:55 Michel dazu überredet, die Joggingbuchse gegen eine lochfreie Jeans einzutauschen. Platenkuchen fertig. Ist etwas zu braun geworden, sieht aber sehr lecker aus. Obendrauf wird ein Becher Schlagsahne verteilt, das zischt schön in den kleinen brutzelnden Butterseen. Pippi wird wach und von Herrn Rabe ins Geburtstagskleid umgezogen. 

14:05 Ich mache Kaffee und es klingelt. Die letzten Gäste. Puhhhhh. 

14:30 Alle haben Kaffee und scheinen zufrieden. Ich schneide die Brownies und den Platenkuchen, packe alles auf Teller, die Kinder (3, 2 und 2 x 1) nehmen glücklich die Bude auseinander. 

14:40 Singen, Kaffee, Kuchen. Reden. Geschenke auspacken. Schön. 

16:00 Die beiden einjährigen sind nölig und müde. Pippi möchte stillen. Die letzten Gäste gehen nach Hause. 

16:20 Familie Rabe kollabiert geschlossen auf dem Sofa. Pippi stillt und döst dabei ein bisschen rum. Wir gucken Shaun das Schaf auf Netflix. Die Schwägerin schläft ein. Ich beantworte Geburtstagsglückwünsche. 

17:00 Huch, so spät schon? Wir beenden das Fernsehen. Herr Rabe räumt ein bisschen auf, ich wickle Pippi, Michel geht nochmal aufs Klo.

17:50 alle sind wieder abmarschbereit. 

18:05 Ankunft im Restaurant. Essen. Musik aus Lautsprechern, fordernde, hungrige Pippi, laute Gespräche am Tisch hinter uns, Gespräche an unserem Tisch: mein System meldet Reizüberflutung. 

18:25 Vorspeise. Und Bier. Ab da geht’s. Das Essen ist sehr lecker. Pippi tunkt ihren Zeigefinger in meine Soße und leckt ihn dann ab. Das ist sehr niedlich. Michel schläft fast auf der Bank ein. 

19:50 Das Essen ist vorbei und wir gehen nach Hause. Auf dem Weg lese ich meine WordPress Nachrichten und seufze innerlich etwas auf. 

20:10 Pippi ist im Schlafi und hat Zähne geputzt, ich gehe mit ihr ins Schlafzimmer. Sie schläft nach 5 Minuten Stillen wie ein Stein. Ich beantworte Blog-Kommentar-Kommentare. Dann fange ich an, den Eintrag von heute zu schreiben. 

20:45 Michel, im Schlafi, Zähnegeputzt und Vorgelesen kommt ins Bett. 

21:00 Jetzt. Michel hampelt und erzählt immer noch. Wo nimmt er diese Energie her? Ich könnte auf der Stelle einschlafen. 

Tag 344 – Gewaltige Worte. 

Es folgt: ein kleiner Abriss, wieso mir bei dem Satz „Erziehung ist Gewalt“ ein paar Synapsen abplatzen. 

Disclaimer: mir ist total egal, wie ihr eure Kinder erzieht oder eben nicht erzieht. Echt. Aber wer mir unterstellt, meinen Kindern Gewalt anzutun, dem möchte ich zumindest mal sagen dürfen, wie ich ‚Gewalt‘ für mich definiere. Das tue ich mit diesem Text. 

Zunächst einige Worte zum Hintergrund. Ein gegenwärtiger Trend unter den (Blogger-)Eltern scheint zu sein, nach dem Konzept „Unerzogen“ zu leben. (Jetzt höre ich sie schon wieder schreien, dass es kein Trend sei. Also gut, es gab vermutlich schon immer Leute, die so lebten. Früher hieß das mal antiatoritäre Erziehung oder Laissez Faire. Was natürlich was vöööööllig anderes ist, schon klar. Aber jetzt haben plötzlich viele von den unerzogen lebenden Muttis Familien Blogs. Wirklich jede Woche werden mir ein, zwei Artikel mit teils haarsträubendem Inhalt von mir bis dato gänzlich unbekannten Blogs in die Timeline gespült.) Unerzogen heißt, dass man nicht erzieht. Punkt. Gar nicht. Nein, auch nicht „Eis gibt’s nicht sieben mal am Tag“ oder „Wenn morgen Schule ist, geht’s vor Mitternacht ins Bett“. Aber auch kein „Schönes Bild hast du da gemalt“, denn auch Lob ist verpönt. Rituale und Routinen (je nach, wie soll ich es nennen, Extremismusgrad?) auch. Von Tadel, Drohung oder gar Strafe mal ganz zu schweigen. (Nachzulesen, wenn Sie’s auch nicht glauben können, zum Beispiel hier, aber ich übernehme keinerlei Verantwortung für die Folgen des Lesens!) Alle erzieherischen Maßnahmen werden als Manipulation eingestuft und mit Gewalt gleichgesetzt

Und *zack* Synapsen ab. 

Seriously? Erziehen = Manipulation = Gewalt?

Rituale = Manipulation = Gewalt???

Was für eine hirnrissige Definition von Gewalt ist denn das?

Ja, ich erziehe meine Kinder. Ja, ich lobe sie für (mir wünschenswert erscheinendes) Verhalten und besonders große Bemühungen. Ich tadele sogar manchmal. Ja, wenn mein Kind mich haut, sage ich, dass ich das blöd finde und wir in unserer Familie uns nicht gegenseitig hauen. Ich gehe nicht einfach weg, wie es bei einigen unerzogen lebenden Familien dann gehandhabt wird  (und strafe das Kind mit Liebesentzug?). Ja, damit manipuliere ich meine Kinder. Ich möchte (mir wünschenswert erscheinende) bestimmte Verhaltensweisen bei meinen Kindern verstärken, und ja, ich wünsche mir auch, dass manches unschönes Verhalten recht schnell wieder abgestellt wird oder sich am besten gar nicht erst einschleift. Manipuliere ich damit am Wesen meiner Kinder herum? Untergrabe ihre Selbstwirksamkeit? Zerstöre ihr Selbstvertrauen? Ich denke nicht. Tue ich meinen Kindern Gewalt an? Ich verbitte mir diese Unterstellung!

Warum stört mich das Wort Gewalt in dem Zusammenhang so? Es ist ganz einfach: es ist extrem negativ besetzt und dadurch, dass etwas eigentlich neutrales und alltägliches wie Erziehung mit Gewalt gleichgesetzt wird, wird an den Stellen, an denen tatsächliche, von der Gesellschaft als solche wahrgenommene, Gewalt passiert, diese nivelliert. Vielleicht wird es mit einem Beispiel deutlicher. 

  • Familie Rabe hat ein Abendritual erzieht ihre Kinder und tut ihnen damit Gewalt an.
  • Familie Möwe sperrt die Kinder, wenn diese nicht spuren, in den Keller und tut ihnen damit total krasse Gewalt an. 
  • Mutter Adler verhaut regelmäßig Papa Adler und die Kinder, wenn sie besoffen ist. In dieser Familie herrscht ultrakrasse schreckliche Super-Gewalt. 

Verstehen Sie? Es gibt keine Steigerung von Gewalt. Man hat schon für das Alltägliche das Extreme als Bezeichnung gewählt. Alles, was danach kommt, steht begrifflich auf der gleichen Stufe. 

Mich erinnert das Ganze an das Lied Krieg des Farin Urlaub Racing Teams. Er singt davon, wie er im Schnäppchenkrieg ist, dann im Verkehrskrieg. Am Ende heißt es

Es ist Krieg, wenn ein Mensch auf den andern schießt,

bis das Blut knöchelhoch durch die Straßen fließt.

Es ist Krieg wenn der eine den andern besiegt,

darum kriegen wir niemals genug von Krieg.

Auch hier: durch die alltägliche Verwendung der Kriegsmetapher wird das tatsächliche Grauen des Krieges klein gemacht, fast verniedlicht. Umso größer der Kontrast zum ‚echten‘ Kriegsszenario. Interessant finde ich auch die Interpretation Farin Urlaubs, die häufige Verwendung des Wortes Krieg sei auf die Sieger-Position, die jeder jederzeit innehaben wolle, zurückzuführen. Vielleicht ist es ja mit der Gewalt das gleiche: dadurch, dass alle anderen als  „gewaltvoll handelnd“ bezeichnet werden, was ja, wie schon erwähnt, extrem negativ konnotiert ist, gehört man zum erlesenen und in sich geschlossenen Kreis der ‚Guten‘. Vielleicht. 

Und noch was:

Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.

Nein. Aber Kinder sind auch kein Gras und das Aufwachsen eines Menschen sowie die Persönlichkeitsentwicklung eines solchen ja auch kaum mit dem Wachstum eines Grashalmes zu vergleichen. 

Tag 340 – Alles kompliziert. 

Pippi wird am Freitag ein Jahr alt. EIN JAHR! Dann ist sie kein Baby mehr! Ist sie eh schon kaum noch, außer beim allabendlichen Einschlafstillen, wenn sie sich dann nach lustiger Hampelei ganz klein zusammenrollt, beide Füße an meinem Bauch und eine Hand ganz warm auf meinen Bauch gelegt (das macht sie, seit sie mich nicht mehr kneifen darf und das ist doppelt schön so!) um einzuschlafen. Aber ansonsten? Sie pflückt ihr Essen auseinander und fitzelt sich die Leckerbissen raus. In ihrer Gegenwart ein Glas saure Gurken öffnen geht nicht, ohne dass sie „Hummmm hummmm“- machend beide Arme danach ausstreckt. Michel kriegt Smoothie? Pippi will auch. (Michel kriegt Eis? Pippi will auch, Mama sagt nein, Michel gibt Pippi was ab, Mama ist ganz gerührt und guckt einfach weg…) Heute Abend haben wir gespielt: sie hatte einen Spielzeugtopf und eine Gabel und sie fütterte mich mit imaginärem Essen aus ihrem Topf – inklusive Schmatzlauten. Danach nahm sie den Topfdeckel und leckte ihn ab. Genau das hatte Michel beim Abendessen mit einem richtigen Topfdeckel gemacht. Ihr Gedächtnis reicht jetzt ein paar Minuten, vielleicht eine halbe, dreiviertel Stunde zurück. Schon heute Nachmittag hatte sie mit einem Mal einen Duplo-Pömpel* im Mund und „pfiff“ dadurch. Das hatte ihr Michel auch eine halbe Stunde vorher vorgemacht. 

Tja, also mein Baby ist kein Baby mehr, sondern eigentlich schon ein ziemlich fertiges Kleinkind. Und trotzdem ist sie noch so klein, also tatsächlich ist sie einfach nicht groß für ihr Alter und auch auf eine durchschnittliche Lebensspanne gesehen ist sie ja noch Miniklein. Und so schutzlos! Meine beste Freundin sagte mal, sie fände es so krass, dass wenn man so ein kleines Kind im Wald aussetzt, es vielleicht ein paar Stunden überlebe. Was das für eine krasse** Verantwortung bedeute. Da kann ich ihr nur zustimmen. Selbst der Kindergarten bedeutet für mich ja, dass ich sie aus meinen Mamaaugen lassen muss, dass ich die Verantwortung an jemanden außerhalb der Familie abgeben muss. Und ich finde das komisch. Mir macht das Angst. Also beides: dass sie in den Kindergarten geht und dass ich das komisch finde. Bin ich auf dem Weg zur Glucke? Weil ich mir Sorgen mache, ob sie da die (ewig lange) Zeit zum Essen bekommt, die sie braucht? Ob die wohl auch sofort Wickeln gehen, wenn Michel ruft „Pippi stinkt voll!“? Wird sie im Wagen gut schlafen können? Wird sie jeden Tag eine Tonne Sand essen? Und was ist mit den ganzen Kindergartenseuchen??? Mein armes kleines Mäuschen… Ahhh, Gluckenalarm, tatsächlich. 

Also, jedenfalls, natürlich finde ich es gut, dass sie älter wird. Ich bin super stolz auf mein großes Mädchen, das schon so viel kann und so viel interagiert. Und ich weiß auch, dass der Kindergarten super ist und die sich ganz toll um alle Kinder kümmern, also sicher auch um sie. Sie hat ja im Zweifel auch noch Michel als persönlichen Übersetzer und Anwalt und Alarmgeber. Besser kann es ja eigentlich nicht sein. Aber trotzdem geht mit dem ersten Lebensjahr halt für mich auch die Zeit des totalen Gebraucht-Werdens langsam zu Ende. Zum Teil zumindest.  

Es ist wirklich kompliziert. Da wünscht man sich nichts sehnlicher als Unabhängigkeit und am Ende heult man der Abhängigkeit hinterher. 

(Entschuldigen Sie das wirre Gelaber heute. Besser kann ich die Wirren Gesanken gerade nicht in Worte fassen.)

* Halt so ein Pinöckel. Ein Nupsi.

** Ist schon ein paar Jahre her, da waren wir noch voll so… jung und so. Und außerdem: manche Sachen sind einfach krass. So.