Tag 686 – I will survive.

Vermutlich ist diese auf-und-ab der Gefühlslage auch völlig normal. So wie alles. Heute jedenfalls war ein guter Tag, ich habe den Abschnitt über Alkylierungen durch Medikamente, Umweltgifte (Tabak!) und so weiter fertig, auch die hundertundeinen Reperaturmechanismen sind beschrieben, ab morgen geht es richtig los mit Epigenetik und dem ganzen Zeug und, ja, ich freu mich schon drauf. Epitranscriptomics, was ich dann danach schreiben werde, ist ein wirklich total spannendes Thema und ich gestehe ja auch gerne, Epigenetik ist schon auch cool. Auch wenn man auch da wieder eigentlich nicht ganz so genau wissen will, wie leicht (oder schwer) man sich mal eben epigenetisch irgendwo ein Gen stillgelegt hat. Aber so aus einem reich biochemischen Blickwinkel ist das alles ziemlich cool und in jedem Fall interessanter, als welche base wo warum von N-nitrosaminen alkyliert wird. Oder von Chemotherapeutika. Und wie und warum die Zellen dann gegen die Chemotherapeutika resistent werden*.

Jetzt werde ich jedenfalls noch mal ein oder zwei Reviews überfliegen und dann hoffentlich mal eine Nacht etwas mehr Schlaf bekommen als in den letzten. Und hoffentlich, hoffentlich bleiben die Kinder auch mal in ihren Betten, das wäre sehr wünschenswert. 

(P.S. Wer war das mit dem Tipp mit den Augentropfen? Der Tipp und die Tropfen sind echt Gold wert! Gut, in Anbetracht des Preises könnte man letzteres echt meinen** und beim Bezahlen kamen mir – einer Wunderheilung der trockenen Augen gleichkommend – fast die Tränen, aber wenigstens kann ich abends noch ein bisschen was sehen und ich sehe auch nicht ganz so Zombiemäßig aus, wie ich mich fühle. Also vielen Dank für den Tipp!)

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*Das passiert bei manchen Krebsarten häufiger, bei anderen seltener, aber insgesamt ist’s schon so, dass die meisten schwerwiegenden Krebserkrankungen gegen die Behandlung irgendwann immun werden und das gehört zum Beispiel zu den Sachen, die ich lieber nicht wüsste.

**Medikamente sind hier einfach unfassbar teuer. Und Süßigkeiten hat auch: heute kaufte ich zwei 0,5 L-Becher Eis und bezahlte dafür 120 NOK. Seufz. Aber dafür habe ich jetzt einen Liter Eis!

Tag 685 – Knappe zehn Seiten.

Fast zehn Seiten habe ich jetzt. Nur Text und Anmerkungen „hier muss ein Bild hin“ und „hier eine Tabelle“. Ca. 100 Referenzen. Das größte Kapitel ist fast abgeschlossen, nur noch ein bisschen die bypass-Mechanismen aufschreiben (4 Mechanismen, maximal 8 Sätze) und an einer Stelle muss ich nochmal ran, das gefällt mir so noch nicht, da muss ein Teilaspekt rausgearbeitet werden und dafür andere Teile glaube ich raus. Aber das ist ja kein Problem in LaTeX, wird halt einfach auskommentiert und gut ist, ist ja trotzdem noch da, wenn der Chef dann meckern sollte.

Apropos Chef: der hat sich heute endlich aus seinem Urlaub gemeldet. Ich soll den Antrag für die „Aufstockung“ der Forschungsgelder selbst schreiben und dann „signiert“ er das (will ich sehen, wie er ein online-Dings signiert, aber egal). 

In den letzten Tagen viel Meta-Zeug über wissenschaftliche Veröffentlichungen gelernt, aber das ist ein Thema für einen eigenen Post, wenn es mal noch nicht ganz so spät ist.

Tag 684 – Vergeudete Zeit.

Ich stehe in der Küche und es ist heiß. Unheimlich heiß. In Deutschland ist Hitzewelle, hier ist es nur heiß, weil der Backofen seit eineinhalb Stunden auf Brotbacktemperatur läuft. Ich schnipple Gemüse und schwitze. Warum ist es noch in einem Meter Abstand zum Ofen so heiß? Vermutlich sind es gar nicht die Heizungen, die hier die astronomische Stromrechnung verursachen, es ist der Backofen und meine gefühlte Verpflichtung, unser Brot selbst zu backen. Die Selleriebrocken sind zu groß, ich hacke wütend alles kleiner, es ist viel zu heiß, der Sellerie fliegt in alle Richtungen, das dauert auch zu lange alles, viel zu lange, ich sollte jetzt Zeug schreiben und nicht Brote backen und Bolognesesauce kochen, aber irgendwer muss ja die Kinder betüddeln und das macht also Herr Rabe jetzt gerade, aber auch so Bolognese braucht ja ihre Zeit, sonst schmeckt die hinterher nicht. Eigentlich soll das ja Lasagne werden, das dauert ja dann noch mal länger. Das Wochenende verrinnt, mir rinnt der Schweiß, ich will eigentlich nur noch wegrennen und muss aufpassen, dass mir nicht die Trännen zu rinnen beginnen weil ich das alles nicht schaffe, Vereinbarkeit von Brot, Bolognese und Diss schreiben, haha. Ich brate die Zwiebeln an, jetzt stehe ich also direkt vorm Ofen, der bei 250 Grad bullert und ich schwöre mir, falls ich mal eine Küche selbst gestalten darf, wird die einen richtig guten Backofen haben, der wird dann aber auf Arbeitsplattenhöhe angebracht sein und mit einigem Abstand zum Herd. Zwiebeln, Sellerie, Möhren, Knoblauch. Die Möhren mussten eh weg, da sind auch noch Tomaten, die sind auch schon überfällig, die müssen noch gehäutet werden, ich werfe den Wasserkocher an. Es wird immer heißer. Ich ziehe meinen Pulli aus und koche im BH, mir doch egal, ob die Nachbarn mich sehen, sollen sie weggucken, wenns sie stört. In der Küche sind sicher 30 Grad. Sojahack zum Gemüse, die ganze Tüte, kostet an die 70 Kronen, aber Biohack vom Rind wär noch teurer. Wenn das die echten Bolognese-Fans hören (jetzt ja lesen) kriegen die bestimmt nen Herzkasper. Sojahack. Ich würze die ganze Geschichte mit Salz und Pfeffer und denke an meine ersten Bolognese-Versuche, als mir niemand gesagt hatte, dass man schon das Hack in der Pfanne würzen muss, weil man sonst hinterher nur fade schmeckende graue Würmer in Tomatensauce hat, vor allem, wenn man sich das mit dem „kross anbraten“ nicht traut und echt schlechtes Hackfleisch hat, weil, ach, aus Gründen, wir hatten ja nix und überhaupt legte man damals bei uns zu Hause nicht so viel Wert auf tolle Qualität, Hauptsache es wurden alle satt und aßen das, was gekocht wurde. Also, das war natürlich noch zu Zeiten, als ich bei meiner Mutter wohnte. Da kam auch kein Gemüse in die Bolognese, das heißt, doch: Paprika. Aber erst ganz kurz vor Schluss, weil wirklich niemand zerkochte Paprika mag. Meine Kinder, zumindest Michel, werden die Lasagne vermutlich auch nicht essen, weil, Dings, warum eigentlich? Ach ja, weil der nix isst außer nackter Nudeln, schon mal gar nicht, wenn es irgendwie Gemüsig anmutet. Ich koche also grade Essen, das hinterher außer Herr Rabe und mir natürlich keiner mag, und es ist nicht so, dass ich entspannt die Muße habe, nein, ich hasse alles daran, es dauert zu lange und es ist zu heiß. Ah, die Tomaten, ich hab das Wasser vergessen, stelle es nochmal an und prökel die Strünke aus den Tomaten, ich öffne den Rotwein, die vorletzte Flasche trinkbaren Rotweins, die wir haben und rieche skeptisch am Inhalt. Eine Flasche aus dem Karton war nämlich mal verkorkt und ich merkte es nicht, bevor das Essen mitsamt verkorktem Wein drin auf dem Tisch stand und das war dann ziemlich eklig. Ich lösche mein Gebrate mit dem Wein ab, schon ordentlich viel Wein, trotzdem verkocht das meiste direkt, auf die Tomaten kippe ich das Wasser, das Brot ist fertig und ich nehme es aus dem Ofen, es ist immernoch heiß aber ohne Pulli erträglich, aber wo ist die Zeit hin, meine Güte, ich bin zu langsam, viel zu langsam mit allem. Der Wein ist eingekocht, ich tue viel Tomatenmark und ein bisschen Senf dazu, ziehe den Tomaten die Haut ab und tue auch die dazu, zerdrücke die Tomaten und vermansche alles, ich mag gar keinen Senf, das war meiner Mutter aber immer egal, die mag dafür keinen Sellerie und das ist mir dann inzwischen egal, aber der Senf in der Bolognesesauce, wieso mache ich das eigentlich, jedes Mal frage ich mich das und tue ihn dann doch rein, aber so wenig, dass ich und vermutlich auch niemand anders es schmeckt. Fürs Gefühl halt. Die Tomaten haben zu wenig Flüssigkeit und ich denke wieder an die Herzkasperfraktion während ich einen guten Schluck passierte Tomaten in die Sauce kippe. Alles dauert zu lange, die Lasagne braucht ja hinterher auch noch mal dreißig, vierzig Minuten im Ofen und danach ist Bettzeit und ich hab noch nichts geschafft heute, ich sollte es einfach aufgeben, der Zeitplan haut nicht hin, vielleicht sollte ich meine Mutter bitten, im August zu kommen, damit ich da wenigstens was schaffe und nicht alles an Herrn Rabe hängen bleibt. Moment, meine Mutter ist nie ein Hilfe sondern immer ein Klotz am Bein, richtig, das war ja so rum. Ich hasse alles und räume, mich selbst kasteiend dafür, dass ich mich dafür verantwortlich fühle, die Waschmaschine aus und hänge Wäsche auf, die Bolognesesauce kocht sich ein bisschen ein, hoffentlich macht Herr Rabe später wenigstens eine Béchamel-Sauce, vermutlich mache das aber auch wieder ich, weil es langsam echt spät wird, wenn wir erst um sieben essen, sind die Kinder unleidlich, die Zeit, sie rennt, auf allen Ebenen. Die Wäsche hängt, ich probiere die Sauce.

Sie schmeckt nach Sellerie.

Tag 683 – Dies und das und Kinderquatsch. 

Geweckt worden von Pippi, die mir die norwegische Version von „Old MacDonald had a farm“ („Per Olsen har en bondegård“) vorsang. Das war schon recht putzig, wenn auch, für meinen Wochenendgeschmack, mit halb sieben viel zu früh. Aber niedlich. „Mømømøøø, mømømøøø, hiieja hiieja ho!“.  Michel war dann auch gleich wach und wollte aufstehen, dann war Pippi natürlich Feuer und Flamme „augeeehn!“ und wir standen auf. Herr Rabe noch nicht, der hätte dafür nächtliche Bananenfütterungen übernommen. 

Ich bin komplett im Arbeitsmodus und schaffe es kaum, abzuschalten. Beispiel? Heute morgen im Halbschlaf fiel mir irgendwann ein, dass „Processing of alkylated bases in mRNA – facts and uncertainties“* doch ein schönes Thema für einen Review-Artikel wäre. Den ich schreiben könnte. Als drittes Manuskript. 

Michel hat heute Mittag so langweilig mit seinem TipToi-Buch gespielt, dass Pippi dabei eingeschlafen ist. Und danach hat er -während Pippi schlief – noch ne Stunde damit weiter gespielt. Leise. Und alleine. Beste Kinder. 

Michel hat letztens meine (uralten) Stoffmalstifte gefunden. Heute schleppte er dann ein T-Shirt an und bat darum, dass ich ein „richtiges Fußball-T-Shirt“ daraus mache. Er ist im Moment auf eine lustige Art Fußballbegeistert. Ich glaube nicht, dass er gerne Fußball spielt, auch nicht, dass er gerne dabei zusieht, aber er ist gerne Fan. Er singt dauernd das „Rosenborg“-Lied und will halt Fußballmäßig angezogen sein. Wir sollen deshalb auch ständig seine weißen Socken waschen. Das eine Paar. Aber nun gut, ich fragte also, was auf das T-Shirt soll. Eine Nummer, die 4. Und sein Name, klar. Und dann eine Flagge. Die von Schweden, ach nee, doch die norwegische**. Und dann noch die von Bielefeld. Und auf dem Ärmel „so Streifen“, die hat er dann aber selbst gemalt. 

Hinten.


Und dann noch die Vorderseite. Michel fragte mich, was denn noch so auf „richtigen Fußball-T-Shirts“ sei, mir fiel aber nur „Hmm, Werbung.“ ein. Also kam Werbung drauf. 

Vorne.


Michel ist jedenfalls sehr zufrieden. 

Danach ist alles irgendwie eskaliert und das hier war das Ergebnis: 

 

Herr Rabe, der beste Mann der Welt, hat dann am späten Nachmittag die Kinder mit zum Einkaufen genommen und ich habe in der Zeit ein bisschen was runtergeschrieben***. Das Feintuning und das „zu jedem Nebensatz drei Referenzen raussuchen“ dann später, aber wenn ich das on the fly mache, komme ich in keinen Schreib-Flow. Aber immerhin, eine Dreiviertel Seite in anderthalb Stunden ist eher so das, was ich anpeilen würde. 

Darf ich mir was von Frau Brüllen wünschen? Ich hätte gerne das Foto von dem Hefewaffelrezept mal in scharf. Zwinker, Zwinker. 

Ab ins Bett. Morgen MGMT, und ich meine nicht die Elektropopband. 

*“Processing“ wäre voll gut, dann hätte man nämlich decay und repair mit drin. Und dann müsste es nicht mal unbedingt ein Review sein, man könnte auch mit wirklich einfachen, schnell gemachten Versuchen ein paar hübsche Daten selbst generieren. Bzw. hab ich ein paar davon schon. Harrharr. (Größenwahn, ick hör dir trapsen.)

**im ersten Anlauf habe ich die Flagge von Island gemalt. Shit happens. (Sowas ist übrigens der Grund, weshalb ich eigentlich immer alles erstmal google. Sonst geht’s nämlich oft genug in die Hose.)

***es gibt dafür jetzt ein neues Wort: hubschraubern. Es entstand aus einem Tippfehler, aber das ist ja eigentlich egal. Es bezeichnet das „über dem Thema schweben, alles im Blick behaltend, ohne zu sehr ins Detail zu gehen“. Sie dürfen sich das gerne leihen, ich möchte das verbreiten.

Tag 682 – Realität. 

Was ich wollte: Ganz viel schreiben. 

Was ich tat: Migräne haben, Tablette nehmen, mit wattigem Kopf ein bisschen was schreiben, Paper sortieren, lesen, und in die Papers-App einpflegen. Sehr lange tat ich vor allem das letztere, weil mir erst heute Abend mal auffiel, dass die seit Monaten nicht richtig gesynct hatte. Aber jetzt sind alle 127 bisher geladenen* Artikel drin und lassen sich gut lesen. Hurra. 

Jetzt Bett. (Es tut mir leid, ich wär grade auch gern interessanter. Ich wär auch grad gern mehr zu Hause. Michel fragt schon** und mein Herz bröckelt ein wenig…)

* Da ich erst so ca. 1/4 geschrieben habe, ist das ganz ok. 

** Pippi fragt nicht. Die schreit dann halt beim ins-Bett-bringen (zu dem ich wieder grade so pünktlich zu Hause war) so lange rum, bis ich mit ihr kuschle. Dann sagt sie schluchzend „kuschln“*** und mein Herz bröckelt noch mehr. 

*** und „Hunga“, aber ich glaube das ist eher ihr Ausdruck für „irgendwas passt nicht“.

Tag 681 – Schneckischnecki. 

Ich bin viel zu langsam! Wenn ich in dem Tempo weiter schreibe, bin ich irgendwann im Oktober fertig oder so. Und am Ende des (sehr, sehr, sehrsehrsehr langen) Arbeitstages hab ich dann Kopfschmerzen aus der Hölle, die Kinder fast gar nicht mehr zu Gesicht bekommen, zu wenig gegessen und Worte sind auch nicht mehr meine Freunde. 

So geht das nicht bis Oktober weiter, ich muss also schneller werden. 

Und jetzt muss ich dringend schlafen. 

Tag 680 – Ordnung und Dankbarkeit. 

Huch, so spät schon. Schlaf kann ich für die nächsten Wochen wohl vergessen, ich kriege zwar am Abend nix wirklich produktives mehr geschrieben, aber so langweilige und stumpfsinnige Dinge wie Zitate suchen, runterladen und in die Bibliografie eindutzeln, das geht auch im Halbschlaf noch. Und morgen dann: Nitrosamine aus Tabak, Pflanzen, dem Magen und Dings und was sie mit DNA machen. Yeahy. 

Des Weiteren war ich heute beim Arzt und es war blöd. Ich bin jetzt zwar krank geschrieben, aber der Vertretungsarzt war noch ganz jung und dachte wohl, ich hüpfe demnächst aus dem nächstbesten Fenster. Das habe ich sowas von nicht vor! Hinschmeißen übrigens auch nicht. 

Beim NAV (der Agentur für alles Soziale) habe ich auch angerufen. Da wird sich dann ein Mensch bei mir melden. Bald. 

Das Beste aber ist: es werden von meinem Institut kurzfristig kleine Forschungsmittel ausgeschrieben, ich habe mich da direkt erkundigt und ja, mein Chef kann die für mich beantragen. Hab ich ihm auch geschrieben, aber er hat sich noch nicht zurückgemeldet. 

(Insgesamt ein ok erfolgreicher Tag.)

Das Allerallerallerbeste aber, das sind heute echt: Sie. Sie alle. Ehrlich. Ich freue mich riesig und bin auch ziemlich gerührt über so viel Zuspruch und die vielen praktischen Tipps und Hilfsangebote! Sie sind, das kann ich ja mal so sagen, ungefähr tausend mal hilfreicher und unterstützender, als mein Chef. Wenn ich etwas geschlafen habe antworte ich Ihnen auch morgen auf Ihre Nachrichten, wirklich hoch und heilig versprochen, aber jetzt muss ich schlafen. 

Aber Danke. 

Sie sind die Besten!

<3

Tag 679 – Tiefschlag. 

Es war so klar. Ich habe es tatsächlich schon sehr lange kommen gesehen, aber einfach beschlossen, es zu ignorieren. Heute war es dann aber soweit. Mein Chef „gestand“ mir in einem ziemlich zufällig stattfindenden Gespräch, dass meine Finanzierung über das Vertragsende hinaus mehr als schwierig wird. Er hat keine Mittel. Ich glaube ihm das auch. Er hatte sehr große Hoffnungen in einen großen Forschungsgelderantrag gesetzt, das Geld bekam er dann aber nicht. Das Projekt auf dem ich eigentlich angestellt bin, ist ja schon zeitmäßig überzogen (ich wasche meine Hände da in, ähh, also das ist ein blödes Bild. Ich war halt in Elternzeit.) und das Geld wird auch sehr sehr eng. Er kann nicht alle seine Haushaltsgelder für mich ausgeben, dann können wir keine Labormaterialien etc. mehr kaufen. Das Geld reicht für eine 40%-Stelle. Er kann es aus anderen Mitteln aufstocken auf 50%, aber das ist das Maximum. 50%. Von September bis Dezember. Im November können wir vermutlich Abschlussgeld beantragen, das dann ab Januar ausbezahlt würde. Nicht rückwirkend. 

50%. 

Ich habe das ausgerechnet. Es reicht nicht. Da ich übers Jahr gesehen ja bisher normal verdient habe, müsste ich vermutlich fast den gleichen Steuersatz weiterzahlen. Also bliebe mir auch nur ca. die Hälfte von meinem bisherigen Netto. Das mit Herrn Rabes Netto zusammen reicht für Miete, Kindergarten, Essen, Auto. Dann wird’s eng. Wir müssten für die Monate mindestens meine Altersvorsorge zurückschrauben oder wen anpumpen, damit die normal weiter laufen kann. 

„Frau Rabe, wieso kauft ihr nicht endlich ein Haus?“ Dem nächsten, der sowas sagt, haue ich eine rein. 

„Aber Marie, die hat anderthalb Jahre kein Gehalt bekommen und die hat trotzdem weitergemacht.“ Ja. Danke Marie, dass du so ein grandioses Vorbild bist. Wirklich, vielen, vielen Dank. So erzieht man sich seine Vorgesetzten. (Maries Mann ist übrigens Herzchirurg. Das Haus in dem die leben ist abbezahlt. AB-BE-ZAHLT.)

Was mich am meisten daran ärgert, ist dass ich meinem Chef sein „det ordner seg“ wirklich geglaubt hab. Ich habe mich drauf verlassen, dass er das hinkriegen würde. Ich habe keinen robusten Plan B, habe nicht genügend Bewerbungen geschrieben und jetzt habe ich keine Zeit mehr. Tadaa. Weil ich mich auf ihn verlassen habe, stehe ich jetzt da wie der letzte Depp und plötzlich ist es meine eigene Verantwortung und alleinige Entscheidung, ob, wann und wie ich die Dissertation fertig bekomme und vor allem: was mir das finanziell wert ist. Darüber bin ich so wütend und traurig und enttäuscht, dass ich Magenschmerzen und Kopfschmerzen habe. Das heißt, ich kann noch nicht mal Schnaps trinken, meine arme Leber!

Habe ich erwähnt, dass mein Chef jetzt bis zum 8. auf Konferenzen und im Urlaub ist? Ich bin dann ab 7. für zwei Wochen weg. Tolles Timing auch das alles. 

Wenigstens kann mir niemand Untätigkeit vorwerfen. Seit dem Gespräch mit meinem Chef habe ich 

  • Kurz heimlich im Büro geheult
  • Ausgerechnet, ob wir mit dem Geld hinkämen (nicht wirklich)
  • Nach dem Abschlussstipendium der Fakultät gegoogelt und leider nix anderes gefunden als was oben steht
  • Offene halbe Stellen an der Uni gesucht (null)
  • Offene halbe Stellen außerhalb der Uni in Trondheim gesucht, die entfernt in Frage kämen (null)
  • Nochmal kurz geheult
  • Die restlichen Zwischenüberschriften in meine Diss eingefügt (Übersprungshandlung, aber so wurden die angepeilten Seiten voll)
  • Im Auto nach norwegischem Arbeitslosengeld gegoogelt
  • Herausgefunden, dass man unter Umständen mit Arbeitslosengeld aufstocken kann, wenn man auf maximal 50% heruntergestuft wurde (die Umstände sind… uncool, zum Beispiel muss man, genau wie wenn man komplett arbeitssuchend ist, Jobs in ganz Norwegen annehmen und zugunsten einer Vollzeitstelle jederzeit die Halbtagsstelle kündigen können/wollen, das wäre jetzt eher schlecht)
  • Herrn Rabe die Ohren vollgeheult
  • Herausgefunden, dass man absolut gar nicht (mehr) an der Uni angestellt sein muss, um seine Doktorarbeit einreichen oder verteidigen zu können 
  • Andere mögliche Stipendien (für Absolventen kurz vor knapp, für Mütter, für Frauen, für was weiß ich wen) gesucht (null)
  • Deutsche Stipendiengeber überprüft, ob sie vielleicht in Norwegen promovierende naive Idiotinnen finanzieren würden (eher nein, so eine Überraschung aber auch)
  • Nochmal Herrn Rabe vollgeheult
  • Wütend die Treppe geputzt, weil unsere Nachbarin wieder Dugnad anberaumt hat
  • Einen Plan gemacht. 

Ja genau. Einen Plan. Einen kack-Plan, den ich richtig bescheiden finde, weil er meinen Chef aus der Verantwortung nimmt und wieder alle „Orga-Arbeit“ an mir hängen bleibt. Aber das wäre dann vermutlich eine gute Diss, die dabei rumkäme. Ist halt die Frage, was mir das wert ist (s.o.). Jedenfalls ist der Plan:

  • Mich morgen krank schreiben zu lassen, damit sich mein Vertrag nochmal um ein paar Wochen dehnt. Trotzdem weiter schreiben wie gehabt. Ja, das ist genau genommen Betrug. 
  • Einen Termin beim NAV ausmachen und die Möglichkeit des Aufstockens abklären, dann 
  • aufstocken, mit dem Plan, bis Ende des Jahres fertig zu sein, also fertig = abgegeben, also noch ein drittes Manuskript zu haben
  • Falls (!) es dann in 2018 Abschlussgeld geben sollte, das nur bis Juli nehmen. Bis dahin verteidigt haben. Einen Schlussstrich ziehen. Im August 2018 kommt Michel in die Schule. Da will ich irgendwo seßhaft sein.

(Das ist Plan B. Plan A ist: krankschreiben lassen, fertig schreiben, irgendwie ein Manuskript zu einem dritten Artikel zusammenkloppen, alle Daumen und großen Zehen drücken, dass der eine Artikel schnell rauskommt, der zweite Artikel jetzt endlich mal bald eingereicht wird und die letzten, schon gemachten Experimente vielleicht noch für ein mickriges Manuskript reichen, sonst schreib ich halt ein Review, egal, jedenfalls irgendwie einreichen bis Ende August. Dann Jobsuche*, Arbeitslosengeld*, Umzug* und Warten auf die Verteidigung.)

Ich hab weder Zeit noch Nerven für so eine  Scheiße jetzt grade. 

* auch nur so mittel, wenn man das so übers Knie brechen muss. 

Tag 678 – Zwei Herzen…

Ich war heute, obwohl ich kaum was echt geschrieben habe, halbwegs produktiv bei der Arbeit. Ich vergesse ja immer wieder die kleinen Tücken von LaTeX, aber am Ende des Arbeitstages hatte ich ein funktionierendes Dokument mit alles und scharf, also einer ansprechenden Bibliographie und einem Abkürzungsverzeichnis, das als umnummeriertes Kapitel im Inhaltsverzeichnis auftaucht. Ich glaube, ich mache für das Abkürzungsverzeichnis noch römische Seitenzahlen, weil ichs kann (und es cool ist, wenn die Einleitung dann auch mit arabisch 1 auf Seite arabisch 1 anfängt). Eine klitzekleine Herausforderung wird dann noch am Ende das Einfügen mehrseitiger PDFs (also der Artikel), Tipps dazu nehme ich gerne an. Etwaige Manuskripte werden ja in Word erstellt (ja, ich weiß, ich möchte das ehrlich gesagt auch nicht, aber Chef ist da uneinsichtig), da weiß ich noch nicht, wie ich die dann einfüge, vielleicht auch einfach als PDF vom .doc. Weil alles „nachtexen“ ist unspaßig, been there, done that. Neben der Arbeit her habe ich dann noch mit der Masterstudentin besprochen, was sie nächste Woche nach ihrem Ferienjob für spaßige Sachen für mich tun soll, unser Sequenzier-Experiment ist nämlich wieder in die Hose gegangen und liegt jetzt bis auf Weiteres auf Eis wegen akuter Unlust, noch mehr Geld zum Fenster rauszuwerfen. Dann musste ich leider ziemlich überstürzt abhauen, mein Biorhythmus ist ja eher auf nachmittägliches Arbeiten ausgelegt, deshalb werde ich in den nächsten Wochen die Kinder wohl vermehrt morgens bringen, dann kann ich nachmittags entspannter noch weiterarbeiten und muss nicht mitten im Flow aufspringen. So war ich heute dann wirklich kurz vor knapp im Kindergarten und fühlte mich sowohl wegen der Kinder, als auch wegen der abgewürgten Arbeit schlecht.

Aber: die Kinder. Wie putzig die manchmal sind. Und wie sehr die mich manchmal auf die Palme bringen*. Heute Nachmittag waren Michel und ich ein Geburtstagsgeschenk für seinen KiTa-Kumpel kaufen, der morgen sechs wird. Ich dachte , das sei eine gute Idee, wenn Michel das aussucht. Dann lernte ich etwas über mein Kind, nämlich, dass der noch entscheidungsschwacher bei sowas ist, als ich. Wir waren im großen Supermarkt, der auch eine relativ große Spielzeugabteilung hat. Erst wollte Michel die Autos angucken. Jedes. Einzeln. Ich zeigte ihm schon extra nur die, die im Preisrahmen waren, trotzdem fragte er links und rechts natürlich, ob wir nicht das nehmen könnten. Ich erklärte einigermaßen geduldig an die 150 mal, dass alles mit Fernsteuerung und alles aus Disney-Filmen (Cars) zu teuer ist, dass ich keine echt aussehenden Schießdinger kaufen werde und dass ich Star Wars noch nicht so gut finde für Kinder, die noch nicht mal zur Schule gehen. Michel war auch einig darin, dass Star Wars sehr gruselig sei (jetzt, wo ich The Force Awakens gesehen habe, frage ich mich ja schon sehr, wieso die ganzen Figuren und trallala die man so kriegt Klonkrieger sind. Nix Rae (Rea? Ray?), nix Finn. Ballum???). Aber für die verbleibenden fünf AUtos konnte er sich auch nicht so recht erwärmen. Er wollte doch noch mal beim Lego gucken. Auch da war es schwer, Sets im Kindergeburtstag-nicht allerbester Freund-Rahmen zu finden. Genau genommen gab es sieben: zwei Lego Creator (Zug und Rennauto, das hätte ich ja gut gefunden, aber was weiß ich schon), ein Lego City und vier von diesen Basic-Kits in verschiedenen Farben. Und dann gab es ganz viel Lego Friends, aber, Sie ahnen es schon, das kam Michel nicht in die Tüte wegen des ganzen Rosas, der Katzen mit den riesigen Augen, der Muffins und „weil da nur Mädchen drin sind“. Geilomat, mein Kind ist total stereotyp drauf (hier mütterliches Haareraufen vorstellen). Michel betrachtete also die sieben Sets ausgiebigst. Wog das Rennauto-Set  in der Hand. Machte HmmmmHmmmm. Und sagte dann:

„Ich glaube ein Auto ist doch besser.“

Und ging zurück zu den Spielzeugautos. Wo wir uns dann gemeinsam für ein Motorrad entschieden. 

(Dann suchten wir noch eine Karte mit Mickey Mouse drauf aus und ich sage es mal so: Vierjährigen eine Karte mitsamt Umschlag in die Hand drücken „zum Festhalten bis zur Kasse“ und denen dann den Rücken zudrehen kann bestimmt auch gut gehen. Mein Kind hat dann aber bis zum Milchregal das Kärtchen in den Umschlag gesteckt und diesen fein säuberlich zugeklebt.)

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*gestern zum Beispiel, als das eine Kind, das nach Absprache nur dann keine Schlüpferwindel nachts anziehen muss, wenn die vorherige Nacht trocken war, seine rausgelegte Schlüpferwindel klammheimlich liegen ließ und ich erst nach dem Ins-Bett-bringen dachte „hmm? So ein knackiger, kleiner Windelpo…?“. Rübennase.

Tag 677 – Mimimimalziel.

Ich hatte heute viel vor, aber dann kam alles anderes und ich machte plötzlich ganz andere Dinge. Ehrlich gesagt machte ich erstmal zwei Stunden lang sogar gar nix, weil mich Menstruationskrämpfe quasi ausknockten und mich mit Wärmflasche und auf die Wirkung der Schmerztablette (zu lange!) wartend ans Sofa fesselten. Das ist im Moment recht blöd, ich habe nämlich total Hummeln im Hintern und dauernd Tatendrang, meine Geduld ist parallel dazu auf einem Tief, meine Nervenstärke eh, ich bin also eine explosiv-missmutige Mischung aus Ich-muss-jetzt-alles-erledigen und Wie-das-geht-nicht-Rabäähhhh. Ich möchte im Moment eigentlich nicht mit mir zusammen wohnen und auch nicht mein Kind sein. Nunja. Es wird schon irgendwie irgendwann wieder besser werden. 

Also jedenfalls habe ich heute:

  • Geputzt (Liv hat morgen Urlaub, nein, ich putze immer noch nicht gerne, aber sowas ausnahmsweise mal machen fühlt sich komplett anders an als die wöchentliche, verhasste Sisyphusarbeit!), nämlich Bad, Küche sowie hinteren Flur, Abstellkammer und Treppe nach oben gesaugt, denn ich habe auch
  • Die kleine Abstellkammer etwas umgeräumt und einen Teil der Sachen, die wegen der Bauarbeiten oben in der Dachkammer standen, da aber eigentlich nicht hingehören (Backkram zum Beispiel) nach unten geschleppt und verräumt
  • Kindersachen aussortiert und die nun volle Box mit Größe 98/104 auf den Dachboden geräumt
  • Sämtliche Mützen, Handschuhe, Schals für kalt und saukalt (und Regen und kalt mit Regen) von mir und den Kindern in Boxen sortiert
  • Meine Sommersachen (ok, nicht alles, aber einiges, ich habe auch so viele Sommerkleider, dass ich fast zwei Wochen lang täglich ein frisches anziehen könnte, das war mir so tatsächlich gar nicht klar) in die Kommode geräumt und dafür Winterpullis und -Kleider über den Sommer eingelagert, dabei dann auch
  • Stillsachen aussortiert und auf den Dachboden geräumt (genau wie die Babysachen sollen die da nicht bleiben, sondern bei Gelegenheit verscherbelt oder verschenkt werden. Jetzt gerade ist keine Gelegenheit.)
  • Herrn Rabe ein wenig beim Aufbau der neuen Regalergänzung im vorderen Flur geholfen und dann da
  • Alles wieder eingeräumt, umsortiert, weggepackt und übersichtlich hingestellt (mit 1/3 weniger Platz als vorher, ein bisschen was steht immer noch im Schlafzimmer, aber oben auf dem Schrank stört’s ja auch nicht)
  • Pizzateig für morgen angesetzt
  • Brotdosen für die Kinder für morgen fertig gemacht
  • Brotteig vorbereitet (also Sauerteig hochgefüttert

Davon geplant war:

  • Ein wenig (!) räumen
  • Bad und Küche putzen
  • Brotdosen machen
  • (Pizzateig und Brotteig sollten eigentlich schon gestern gemacht werden, aber das passierte dann nicht und Tjanun. Wir haben dann halt das Essen umdisponiert.)

Geplant (von mir) aber nicht gemacht wurde:

  • Bude saugen und wischen
  • Klamotten für morgen rauslegen (die Wettervorhersage war zu frustrierend)
  • Früh ins Bett gehen
  • Eine E-Mail schreiben
  • Musik von Herrn Rabe kopieren

Na gut. Insgesamt könnte es alles schlimmer sein. Wenn man das mal so aufschreibt, wird einem erst klar, was man ja doch alles geschafft hat.