Tag 872 – Nur nicht stressen lassen.

Hui, sobald ich ein bisschen Druck habe, ist das Zittern wieder da. Das merkte ich heute, als ich nach zwei erfolglosen Versuchen nur noch dreißig Minuten Zeit hatte, um eine Foundation-Probe (wegen der Haut, ich kaufe sicher nicht eine Flasche für 50€, die ich dann nicht vertrage!) und Espressobohnen zu ergattern, in einem riesigen Einkaufszentrum und mit der langsam-quatschig-sturen Pippi im Schlepptau. Ächz. Hat aber geklappt, ich habe jetzt Foundation hier, die für ein-zweimal Schminken reichen müsste und Espressobohnen haben wir auch. Hurra. Und zur Erheiterung noch die Geschichte, wie ich versehentlich, zum ersten Mal seit meiner Teenie-Mutproben-Zeit, etwas stahl.

Es war einmal eine zittrige Frau in einem Laden voller Schminke. Mit dabei: eine aufgekratzte Zweieinhalbjährige. Die Frau will eine, oder vielleicht zwei, Proben einer bestimmten Foundation. Sie ist sich wegen der Farbe nicht sicher, deshalb vielleicht zwei. Die Frau steht sich vor dem Aufsteller die Beine in den Bauch. Der ganze Laden wird von einer Dame betreut, die für Kasse und Beratung zuständig ist, das ist Käse, die arme Frau rotiert ziemlich, an der Kasse stehen vier Kundinnen an und drei diffundieren durch den Laden. Die zittrige Frau steht demonstrativ und „Ich weiß genau, was ich will!“ Ausstrahlend an dem Aufsteller. Die Ladenfrau aber rotiert. Die zittrige Frau sieht sich in Aufsteller-Nähe um. Sie sieht einen Schminkpinsel, der sie interessiert, zieht die Handschuhe aus und befühlt den Pinsel, entscheidet sich dafür, ihn zu kaufen, er wandert mit den Handschuhen in die linke Hand. Ihr Kind sortiert die Nagellacke im Aufsteller um. Die Ladenfrau rotiert weiter. Es gibt einen Tisch mit reduziertem Kram, unter anderem gibt es Peelinghandschuhe für 29 Kronen, hihi, genauso pink wie die Handschuhe der Frau. Gerade als sie eine Packung ergreift kommt die Ladenfrau. „Wie kann ich Ihnen helfen?“ – „Ich habe diese Foundation empfohlen bekommen, weiß aber nicht so genau ob 005 oder 010 besser ist, außerdem vertrage ich Schminke nicht so gut und muss das mal im ganzen Gesicht ausprobieren, können Sie mir eine größere Probe mitgeben?“ – „Ähhhm, von der haben wir 005 nicht da, nur 10, das ist aber fast leer, da kann ich Ihnen keine Probe von machen. Sie können hier das andere von der gleichen Marke probieren [eine Stick-foundation, also eine ganz andere Art von Make-Up, anm. d. Red.], das ist auch 005, das müsste ja vielleicht passen?“ – „Ja, nee, dann, äh, halt nicht…“ – „Fragen Sie mal unten bei der anderen Kette, vielleicht haben die noch was, ich muss wieder an die Kasse.“ – „Ok, dann mache ich das. Pippi, nicht den Nagellack anlecken. Nein, das ist nicht Mamma sin. Komm, wir gehen unten zu der anderen Kette.“

Sprach’s und verließ den Laden, in der Hand noch den Pinsel und die Handschuhe. Bemerkte es auch erst im übernächsten Laden – da hatte der bestohlene schon geschlossen.

Tag 856 – Ach, ach, ach.

Mein Tag in Abrissen:

  • Aufgestanden nach dreieinhalb Stunden Schlaf, mit Kopfschmerzen ähnlich wie Kater.
  • Schmink, Anzieh, Pack, Auscheck, Frühstück mit Businesskaspern, morgens um vor sechs am Flughafen halt. Nicht meine Zeit, ich kann da auch noch nix richtiges essen.
  • Hurra, Pressbyrån verkauft auch um sechs Uhr morgens schon Ibuprofen.
  • Lange Schlange an der Sicherheitskontrolle. Sehr lange. Trotzdem entspannt geblieben.
  • Mit frischem Kaffee ins Flugzeug. Zu dösen versucht. Nix.
  • Mein Herz, wie auch schon gestern Nacht, versucht mir aus dem Hals zu hüpfen.
  • Gerädert in Frankfurt angekommen. Ohne über Los zu gehen direkt zum neuen Gate. Mit Last Call das Gate erreicht.
  • Hops nach Stuttgart.
  • Glanzleistung des Tages: Ich erblicke einen Menschen, der auf jemanden zugeht, der ein Schild mit „MPI XXX“ in der Hand hält. Mein Gehirn ist aus und ich renne auf den Menschen zu „Hallo, ich muss genau da* auch hin, können Sie mich vielleicht mitnehmen?“ und dann sage ich das nochmal auf Englisch, denn der Mensch ist Franzose und kann kein Deutsch.
  • Ich und der französische Professor werden vom Privattaxi nach XXX gefahren.
  • Im Taxi nehme ich endlich den Beta-Blocker. So sollte die maximale Wirkung zu Anfang des Gesprächs da sein. Kann ich gut gebrauchen, ich bin so aufgeregt, dass mir schlecht wird. Meine Hände zittern, das Herz hopst. Dazu Kopfschmerzen. Mir geht es eigentlich echt nicht gut.
  • Ich bin 30 Minuten zu früh (dank Taxi) und fixe Make-up, Deo und Schuhe im Klo. Außerdem esse ich den Lufthansa Frühstücks-Cookie.
  • Gespräch.
  • Oh damn.
  • Mir geht es nicht gut, ich bin hypernervös, wirke unerfahren, unsicher, vielleicht fahrig, bin ich ja auch.
  • Gefühlt rede ich mich um Kopf und Kragen.
  • Nach der zweiten Gesprächsrunde möchte ich mich unterm Tisch verstecken. Meine Hände zittern jetzt wie bei ner Parkinson-Patientin.
  • Dritte Runde: HR-Dame. Das war schön. Ich bin vermutlich zu offen, aber schlimmer kann ich’s echt nicht mehr machen.
  • Es ist vorbei. Ich hole meine Sachen. Ich vermeide, mir im Gesicht rumzufummeln, weil ich merke, wie ich zittere und jeder wird es sehen, wenn ich meine Hände nicht verstecke.
  • Damn, jetzt merke ich auch die Migräne.
  • Fuck ey, verkackt, weil krank und da uneinsichtig.
  • Selbes Klo. Migränetablette einwerfen.
  • Jetzt merke ich erst die Müdigkeit. Ich möchte mich zusammenrollen und schlafen.
  • Ich habe kein Bargeld. Ich gehe zu Fuß zum Bahnhof. 45 Minuten.
  • XXX ist echt hübsch.
  • Ich finde den Bahnhof nicht.
  • Ich hole mir einen Döner.
  • Ich finde den Bahnhof doch noch und fahre mit dem Bus über tausend Käffer zum Flughafen. Ich döse und esse abwechselnd, ich fühle mich kacke und gleiche meine Erscheinung dem an.
  • Super nervige Kosmetikverkäufer wollen mir heillos überteuertes Zeug andrehen.
  • Flug. War. Ich döse.
  • Abgeholt von Tante, Leid geklagt.
  • Grünkohl mit Mettwurst. Viel Liebe!
  • Quatsch, Tee, Opi-Gespräche mit dem Onkel, der Tante und einem meiner Cousins. Mein Cousin und ich sind uns einig: Opi sah als junger Mann EXAKT aus wie Pete Campbell.
  • Abschminken, oh jöss, meine Haut, Tablette, bloggen, Bett.

Ich danke Ihnen echt allen für die Daumen. Und ich verfluche meinen Stoffwechsel.

Auto-Lobhudelei: alles irgendwie durchgezogen trotz widrigster Umstände. Und die Sache mit dem Taxi war preisverdächtig.

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*nicht genau da, ein bisschen den Hügel hoch und ums Eck. Aber genau genug.

Tag 848 – Huiiiiii!

Heute sind zwei, nein, drei, nein, vier! Dinge:

– ich habe gepackt, Pippi und ich fliegen morgen früh zu Frau Brüllen, *kreiiiiisch* ich bin total aufgeregt und deshalb ging das mit dem Packen suuuuuuper langsam und bestimmt habe ich die Hälfte vergessen und die andere Hälfte wird auslaufen.

– ich war heute morgen beim Arzt, mein Kopf hat sinnlose Zahlen gespeichert, darin ist er gut: TSH <0,01, fT4 31,2, fT3 19,0, TRAS 3,9, a-TPO 660. Einheiten weiß ich nicht, ist auch Wurst, die sind bis auf den TSH alle zu hoch, bis auf den a-TPO nicht dramatisch, aber zu hoch. Ich bekam Neo-Mercazole verschrieben, dazu noch Beta-Blocker, holte das direkt aus der Apotheke und fuhr zur Arbeit. Nahm alles und… katapultierte mich versehentlich mit dem Beta-Blocker fast in den Tiefschlaf. Jöss, so müde war ich ja ewig nicht. Um halb drei gab ich alles auf und fuhr nach Hause, wo ich erstmal für eine Stunde schlief wie erschossen. Ab jetzt nur noch ne halbe am Morgen.

– Die Kinder abgeholt und direkt mit beiden neue Gummistiefel für Michel gekauft. Gummistiefel mit Löchern in der Sohle sind so sinnvoll wie gar keine Gummistiefel. Aber, hey, betäubte Frau Rabe ist entspannte Frau Rabe und es ging alles relativ smooth über die Bühne, sogar das Anprobieren lief ok. Vielleicht lags auch an den Keksen, die ich eingepackt hatte und mit denen ich Pippi eiskalt bestach, nicht alles im Laden anzugrabbeln.

– kurz bevor ich die Arbeit verließ, noch das zweite Drittel Daten bekommen. Naja, dann hab ich wenigstens was zu tun im Flugzeug.

***vergessen: Auto-Lobhudelei. Ähm, das mit dem Einkaufen war mein lichter Moment heute.

Tag 846 – Es ist wieder da.

Der Montag aller Montage, denn um halb zehn bekam ich eine Nachricht, dass ein neuer eDialog mit meinem Arzt für mich vorläge. Ich loggte mich da also fix ein und:

Aus dieser Nachricht lassen sich folgende zwei schlechte Nachrichten entnehmen: 1. wurden, obwohl ich doch extra noch rumdiskutiert und -genervt hatte, nur zwei von fünf erforderlichen Werten gemessen. Zu Morbus Basedow gehören nämlich: TSH stark erniedrigt, freies T4 und freies T3 erhöht (das ist eigentlich ein Feedback-Mechanismus: TSH kurbelt zwar die Produktion von T3/T4 an, die wiederum hemmen aber die Freisetzung von TSH. Bei Morbus Basedow werden aber aus anderen Gründen wie bekloppt T3 und T4 produziert, TSH wird dadurch trotzdem gesenkt), weshalb nur fT4 gemessen wurde weiß der Himmel (oder die Arzthelferin). Und dann gehören noch die Antikörper dazu: da gibt es TSH-Rezeptor-Auto-Antikörper (TRAK, oder hier TRAS), der tut quasi so als wäre er TSH, bindet an den Rezeptor und veranlasst so die Ausschüttung von immer mehr fT3 und fT4. Und es gibt noch anti-TPO (Thyreoperoxidaseantikörper), der ist zwar nicht beweisend für MB, ist aber trotzdem auch oft erhöht. Ohne die Antikörper ist also zu einer *Autoimmun*hyperthyreose nicht so viel zu sagen. Nachdem man sicher 20 Blutproben zu diesem klinischen Bild abgeliefert hat, weiß man sowas. Bei mir waren beide Antikörper immer noch leicht erhöht, obwohl ich seit zweieinhalb Jahren keine Schilddrüsenblocker mehr nehme und trotzdem einen normalen Stoffwechsel hatte. Also normale fT4, fT3 und TSH-Werte.

Jetzt halt nicht mehr, das ist schlechte Nachricht 2: fT4 ist zu hoch (sorry Twitter, doch nicht 39, aber trotzdem deutlich über dem Referenzbereich) und TSH wieder nicht mehr messbar, weil zu wenig.

Und so fühle ich mich ja auch.

Und das heißt jetzt für mich:

Wieder Arztmarathon, dauernde Blutentnahmen, lange auf Besserung der Symptome warten, nebenher eine Doktorarbeit schreiben, es ist Weihnachten, und HOFFENTLICH KOMMT DIE VERFLUCHTE AUGENSCHEISSE NICHT WIEDER.

Hups, sorry, doch etwas emotional geworden.

Aber wie soll ich denn auch reagieren, nachdem ich beim (Haus-!!!)Arzt erst 15 Minuten in der Warteschleife hänge und mir dann mit den Worten „so dringend ist es nicht, aber Sie dürfen am Mittwoch kommen, eigentlich haben wir ja bis Weihnachten keine Termine mehr“ abgespeist werde und dann noch drum bitten muss, dass das Blut für die fehlenden Werte doch im Krankenhaus (erneut) abgenommen werden könnte? Dann hätten wir die Ergebnisse Mittwoch früh, bittebitteliebguck? Ich schätze, der Arzt und auch seine Sprechstundenhilfen mussten noch nie ein Jahr lang jeden Abend Salbe in die Augen schmieren, weil die nachts einfach aufgingen und austrockneten, sonst hätten sie Verständnis für meine Panik und meine Verzweiflung gehabt und würden mir nicht am Telefon indirekt vorhalten, dass es ja nicht so dringend sei und die Praxis ja so voll.

Meine Fresse.

Als Krönung des Ganzen musste ich dann übrigens in der Blutabnahmestelle des Krankenhauses über eine Stunde warten, traf meine einzige Freundin (die hat das Gleiche, es wär lustig wäre es nicht so scheiße) und brach in Tränen aus, und musste zu guter Letzt mit der Krankenschwester WIEDER HERUMDISKUTIEREN WEIL DER HAUSARZT DIE BLUTPROBEN EBEN NICHT ONLINE BESTELLT HATTE.

Langer Rede kurzer Sinn: es war ein richtig beschissener Tag, ich habe keine Zeit für diesen Mist, NEIN, ICH WERDE MICH NICHT KRANKSCHREIBEN LASSEN, JA, ICH WEISS, DASS ICH UND DIESE EINSTELLUNG DARAN SCHULD SIND, JA VERDAMMTE SCHEISSE.

Hups, schon wieder emotional. Und böse Fäkalwörter benutzt.

Aber ich kann’s echt nicht mehr hören.

Ich werde übrigens auch kein Selen, Vitamin B Oder D Oder Bachblüten oder Schüsslersalze nehmen, nur falls Sie schon kommentieren wollten. Ja, ich habe im Prinzip gute Ärzte hier. Nur halt nicht in der Hausarztpraxis.

Ich werde den Arzt am Mittwoch um Neo-Mercazole und Beta-Blocker bitten, sowie darum, dass die Blutproben im Krankenhaus genommen werden, weil ich wirklich, wirklich keine Zeit habe, jede Woche zwanzig Minuten in der Praxis zu sitzen, bis ich dann mal an den Tresen darf, wo ich dann mein Sprüchlein aufsage, um dann nochmal eine halbe Stunde im Wartezimmer zu sitzen (umgeben natürlich von all den Magen-Darm-Grippe-Windpocken-Nasen), und dann schicken die das ans… Krankenhaus zur Analyse. Also, die 2/5 der Werte, die bestimmt werden sollen. Nach Weihnachten können wir so Späße gern wieder machen, da ist mir egal, ob ich erstmal ne Woche lang Wartezimmerseuchen auskurieren muss, aber bis dahin: No. Way.

Und übrigens: laboratorieresultater ist ein Wort, genau wie Laborergebnisse.

Auto-Lobhudelei: ich hab nur kurz wegen der ganzen Geschichte auf dem Klo geheult* und mich dann zusammengerissen und mit einer Einstellung die inzwischen nur noch f*ck it ist und kein „ich will das super gut machen, das ist mein Lebenswerk, was sollen sonst die Leute von mir denken???“ mehr die Einleitung zum Manuskript fertig geschrieben. Und, wichtiger, ich hab das mit den blöden Blutproben organisiert, also den Job der Arzthelferinnen gemacht, bittegern, Wanna get shit done? Ask your Graves-friend!

F*ck it.

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*und dann zu Hause noch mal und ordentlich. Herr Rabe erinnert sich nämlich noch an die Augensalbe und auch die Rennerei, um das nicht lieferbare Neo-Mercazole zu bekommen, und die fünfzehn Schwangerschaftstests, weil mein Zyklus keiner war, und den Haarausfall und die Pickel. Der versteht das.