Tag 458 – Krank, haha. 

Heute morgen wachte ich in Michels Bett auf, in dem ich die Nacht mit ihm verbracht hatte (fragen Sie nicht…). Ich wusste gleich: Arbeiten wird heut nichts. Also machte ich den Wecker aus und schlief direkt wieder ein. 

Irgendwann stand Herr Rabe im Zimmer. Ich krächzte hustend irgendwas, er verstand mich auch ohne stimmvolle Vokale und wollte dann Michel mitnehmen. Der protestierte. Und protestierte. Und protestierte. Im Dämmerzustand hörte ich ihn brüllen. Er hörte einfach nicht auf. 

Irgendwann stand Herr Rabe wieder im Zimmer, mit fröhlicher, kindergartenfertiger Pippi und schluchzendem Michel im Schlafanzug. Michel wolle nicht in den Kindergarten. Er sage, er habe Kopfschmerzen. Ich rang Michel mit Müh und Not das Versprechen ab, dass er morgen wieder in den Kindergarten geht und zwar ohne Nöckeln. Außerdem stellte ich klar, dass heute kein Fernsehen geguckt wird. 

Und so verbrachte ich, krank, den Tag mit Michel, gesund. Wir räumten die Waschmaschine aus („Ich mach schon, Mama! … *Waschmaschinenausräumgeräusche* … „Ich tue das alles in den Trockner!“) und hängten die nicht trocknergeeignete Wäsche auf, verräumten trockene Wäsche, Ich krächzte Michel ein paar Bücher vor, wir diskutierten ein paar Male das mit dem Fernsehen aus, wir duschten, ich schaffte es, Michel zum Arzt zu quatschen (Ja, der Husten ist irgendein Virus, ja, wenn er kein Fieber hat, kann er in den Kindergarten), dann wollte er gerne seinen besten Freund besuchen, ich holte mit ihm Pippi vom Kindergarten ab, dann fuhren wir ihn zu seinem Kumpel. Mehr als ein Kind hätte ich wohl nicht auf einmal geschafft und Herr Rabe musste nach dem chaotischen Morgen länger arbeiten. 

Erholung ist anders. Morgen gehe ich wieder arbeiten, da kann ich wenigstens in Ruhe vor mich hin leiden. 

Nachtrag: das mit dem Puzzle hab ich noch vergessen. Ich bin vermutlich die schlechteste Mutter der Welt, weil: Puzzeln mit Michel macht mich komplett wahnsinnig. Unstrukturiert und chaotisch und rundum unlogisch geht er da dran. Ich kann so nicht arbeiten. Genau genommen kann ich dabei knapp ruhig bleiben. Orrrr. 

Tag 456 – Ein paar Häppchen. 

Michel wachte heute morgen auf und weinte sofort los: „Festen Schnodder wegmachen!“ Dann sprang er aus dem Bett, rannte zu Herrn Rabe und sagte „Ich bin krank!“. Tatsache, das Kind ist krank. Schon die Temperatur seiner Füße irgendwo zwischen glühender Kohle und flüssigem Lava (als er noch schlief) hatte Fieber angedeutet. Dazu kommt ein ordentlicher Husten. Herr Rabe lieb also heute Vormittag mit ihm zu Hause, ich ging kurz arbeiten und kam zum Mittag nach Hause um Herrn Rabe abzulösen, der dann seinerseits kurz arbeitete. 

Als ich Pippi in den Kindergarten brachte, waren kaum „große“ Kinder da. Herr Rabe sagte heute Nachmittag, von den 8 Ü3-Kindern seien 6 krank. Tja. Da wundert einen auch nix mehr. 

Total beknackte Idee: „Nur mal kurz Zellen zählen, danach kann ich ja noch was essen.“ Dann ging die Essenszeit fürs Zählen drauf (und für den Kampf mit dem Zählgerät, das erst meinte, meine Zellen, die im Mikroskop noch total gut ausgesehen hatten, seien alle tot) und das erste mal aß ich dann um halb eins was, als ich wieder zu Hause war. Mein Körper dankt es mir mit Kopfschmerzen. 

Gestern kamen meine bestellten Fahrradreifen mit Spikes an und Herr Rabe zog sie mir gestern Abend noch aufs Rad. Ich kann jetzt also wieder fahren. Auch wenn das bei -9 Grad nicht so ganz viel Spaß macht. Aber die Reifen machen Spaß, damit kann man echt über die spiegelglatten Parkplätze radeln ohne sich vor Angst in die Hose zu machen. 

Es sind -9 Grad. Unsere Wohnung ist kalt. Zwei Heizkörper sind ein Witz, selbst mit Kamin an kriegen wir es nicht in der ganzen Wohnung warm. Also holte Herr Rabe heute die Zusatzheizungen (kleine Ölheizungen auf Rollen) vom Dachboden. Der Stromanbieter dankt. 

Ich hab beim Nähen einen Bock geschossen. Genau genommen habe ich schon beim Ausschneiden des Schnittmusters einen Bock geschossen, das aber nicht gemerkt, bis ich mich heute am bereits zusammengenähten Pulli fragte, warum der Ausschnitt am Rücken genauso groß ist wie vorne. Äh ja. Da war ich wohl wegen zu vieler zu bunter Linien und gestrichelt/gepunktet/durchgezogen für vorne/hinten/gerader Schnitt durcheinander gekommen. Tjanun, so verbrachte ich heute einige Zeit damit, über das Fixen von Fehlern zu Sinnieren. Meine Strategie auch dieses Mal: es auffällig korrigieren, damit es aussieht, als wäre es Absicht. So mache ich es immer dann, wenn es sich nicht so fixen lässt, dass man den Fehler wirklich gar nicht mehr sieht oder bemerkt. 

 Bilder gibt es, wenn der Pulli fertig ist. 

Pippi die kleine Fressmaschine kommt jetzt immer aus dem Kindergarten und wetzt direkt zu ihrem Hochstuhl. Wenn man sie dann nicht reinsetzt, versucht sie unter demonstrativem Gemecker selbst reinzuklettern (Danke, Stokke, dass das nahezu unmöglich ist). Der Grund: auf dem Tisch steht meistens noch ein Rest vom Frühstücksgrøt. Und Pippi hat offensichtlich nach dem Kindergarten erstmal riesigen Hunger. Dann wird alles gegessen, was man ihr vorsetzt: der Frühstücksrest, der Rest aus ihrer Brotdose, Brot, Obst, whatever, Hauptsache schnell und viel. Heute war sie laut Herrn Rabe schon beim Abholen enttäuscht, dass keine Brotdose mit Resten in ihrem Rucksack war. Spielen macht wohl sehr hungrig. (Ich finde das gut, dann muss ich mir vielleicht nicht noch mal von der Helsesøster anhören, dass Pippi ja ruhig etwas zulegen könnte, weil sie ja „leicht unterdurchschnittlich groß und schwer“ ist.)

Tag 455 – Einmal durchzählen!

Es wurde mir noch eine Frage gestellt. Die ist sehr interessant. Sie lautet: liest die Familie hier mit und wenn ja, was hält sie davon (zum Beispiel den Hochzeitsberichten)?

Die Frage ist deshalb interessant, weil ich sie nicht so genau beantworten kann. Ich bin nicht sicher, wer hier alles liest, schon mal gar nicht, wer regelmäßig da ist und wer nur sporadisch. Und gerade heute fragte ich mich bei einem Kommentar, ob ich die Verfasserin „Miri“ wohl aus dem echten Leben kenne. Ich kann ja mal die aufzählen, von denen ich weiß, dass sie hier lesen:

  • Meine Tante B. („Einstein!“)
  • Herr Rabes Cousine S. 
  • Herr Rabes Cousine K.
  • Freundin C. 
  • Freundin A. (MM Knudsen ist echt der geilste abgekürzte Name!)
  • Die Matrix-Leute

Ja, das war’s schon. Ich weiß, dass Herr Rabe noch anderen Familienmitgliedern vom Blog erzählt hat, aber nur auf seiner Seite. Ich habe auch noch Freunden aus dem richtigen Leben davon erzählt, aber wenn ich dann Sachen erzähle und nicht dauernd kommt „Jaja, weiß ich doch alles schon, hab ich ja gelesen.“ denke ich mal, dass sie zumindest nicht regelmäßig hier mitlesen. Und das war bisher noch nicht so wirklich oft der Fall. Dafür (und ehrlich, das hätte ich nie gedacht) werden mir einige meiner Internetfreunde immer realer und fühlen sich, obwohl man sich noch nie „in echt“ begegnet ist, schon ziemlich nach echten Freunden an. Aber das nur so nebenbei. 
Also kurz zur Beantwortung der Frage: ich glaube (aber weiß es nicht), dass weder meine Cousine* noch mein Schwager hier mitlesen. Und vielleicht können alle, die, sagen wir mal, wissen, wo Herr Rabe und ich uns kennen gelernt haben, mal kurz winken? Nur damit ich euch nicht versehentlich vor den Kopf stoße euch in die Liste aufnehmen kann, versteht sich.

*also die jetzt verheiratete. Meine kleine Cousine, gute Frage, liest die hier? 

Tag 454 – Zwei Fragen. 

Neulich rief ich ja zum Fragen stellen auf. Es gab zwei:

1. Warum wachsen die Austernpilze im Kühlschrank?

Das ist ein Misverständnis. Ich habe nur den Rest der Kultur, also des Mycels, in den Kühlschrank gestellt, weil das ja nicht weiter wachsen soll. Die echten Kulturen, von denen ich später ernten möchte, stehen dunkel aber warm, im Küchenschrank. So simuliert man quasi Sommer. Nach ein paar Wochen dann werde ich Herbst simulieren, indem ich die Kulturen wässere („Regenguss“) und eine Nacht lang kühl stelle, vermutlich in den Flur (6-15 Grad sind optimal). Dann werden auch Löcher in den Eimer bzw. die Tüte geschnitten, aus denen die Pilze wachsen können. Je nach Temperatur im Flur werde ich sie dann entweder da lassen oder ins Schlafzimmer umsiedeln: die Pilze wachsen am besten bei 10-17 Grad und bei Tageslicht. Die Infos hab ich alle von Hier. Bisher sieht es bis auf den Flausch auf den Kulturen ganz gut aus und der Geruch ist der gleiche würzige wie als ich das Mycel auspackte, also: wird schon schief gehen. 

(Vielleicht noch als Ergänzung: ich habe die Pilze nicht im Keller weil es da tendenziell zu kalt ist und auch zu feucht. Eigentlich ist es sogar für das Feuerholz zu feucht da, aber was will man machen, wir können ja nicht mal eben zwei Kubikmeter Holz in der Wohnung lagern.) 

2. Warum nehmen wir kein Tran mehr?

Weil Tran mega eklig ist. Selbst wenn es total viel besser wäre als reines Vitamin D, ist es bei uns da – trotz aller Bemühungen – nicht so sonderlich weit her mit der Compliance. Und dann bringt es doch viel mehr, wenn wir Großen täglich so ne Kapsel einwerfen, Pippi kriegt Tropfen (auf die Zahnbürste, die lutscht sie nämlich zuverlässig ab) und Michel seine heiß geliebten „Sonnentabletten“, nämlich Vitamin D Kautabletten für Kinder von dm. Und warum von dm und nicht von hier ist einfach dem Preisunterschied geschuldet. Hier kosten Nahrungsergänzungsmittel wirklich unfassbar viel Geld. Keine Ahnung warum. Aber hier bezahlt man für 100 Vitamin D Tabletten ca. 100 Kronen, also im Moment ca. 9 €. In Deutschland kosten 60 Stück 2,65 €. Und da der dm-Großeinkauf ja eh jedes Mal auf dem Plan steht, werden da halt jetzt auch Vitamin-D-Tabletten gekauft. 

(3. Keine echte Frage und auch eigentlich gar nicht dazu passend aber neulich wurde ich auch gefragt, ob das mit der linken Augenbraue wohl Erbmasse sei. Auf jeden Fall! Ich kann nur beide, oder links. Gibt es überhaupt Menschen die beide Augenbrauen getrennt voneinander hochziehen können? o.O)

Tag 453 – WmDedgT November ’16

Es ist der 5., das heißt Frau Brüllen will wissen: Was machst Du eigentlich den ganzen Tag? 

Der Tag beginnt für mich recht früh, um sieben ist Pippi wach und will auch nicht weiterschlafen, sondern mir lieber ihren Finger in die Nase stecken. Ich stehe also mit ihr auf und mache mir einen Kaffee. Mir fällt ein, dass ich sowohl vergessen habe, die Linsen für die Linsensuppe, die es heute Abend geben soll, einzuweichen, als auch Vorteig für Brötchen anzusetzen. Ich hole also beides nach und mache dann Frühstück für Pippi und mich. Die Herren des Hauses schlafen noch. Wir frühstücken gemütlich, dabei lutscht sie ungefähr drölfzig mal die Marmelade vom selben Brötchenstück und reicht es mir dann zunehmend durchgelüllert wieder an, damit ich neue Marmelade drauf mache. Erst als ich das Brötchen in mikroskopisch kleine Häppchen schneide, die ich ihr dann mit Marmelade bestrichen komplett in den Mund schiebe, isst sie auch das Brötchen. Schlaues Kind. 

Nach diesem ersten Frühstück ziehe ich Pippi was an, inzwischen ist auch Michel wach, also mache ich den Rest des Frühstücks fertig. Wir (Pippi und ich) gehen also quasi nahtlos in ein zweites Frühstück über. Danach gibt es Shaun das Schaf für alle, Pippi schläft auf meinem Arm ein, wacht dann aber schnell wieder auf und guckt apathisch und schnarchend (!) aber mit Augen auf (!) Shaun das Schaf mit uns. Den Mutterorden für erfolgreich vermittelte Medienkompetenz, Unterpunkt „wann man lieber ausmachen sollte“ kriegt also heute wer anders. 

Wie wir so auf dem Sofa gammeln, merken wir, dass wir alle mal duschen müssten. Zuerst wird Michel in die Wanne gesteckt (mit Prinzessinnen-Schaumbad), dann macht er allerlei Quatsch und nörgelt rum, weil er nicht eingecremt werden will, ich aber wegen „Mama, mich juckt es!“ drauf bestehe. In der Zwischenzeit duscht Herr Rabe und Pippi badet derweil. Ich hole Michel einen frischen Schlüppi aus seinem Zimmer. Im Zimmer mieft irgendwas, irgendwie wie kalte Asche? Komisch. Michel eskaliert weil er bereits vor Monaten sein Aufzieh-U-Boot weggeschmissen hat, weil es nicht mehr ging. Komplett entnervt von dem Geschrei und überhaupt der ganzen bek***ten Automiephase schmeiße ich die Familie aus dem Bad und gönne mir erstmal eine lange Körperpflegesession. Yeah, Me-Time. Nahezu alleine, nur gelegentlich unterbrochen durch „Mamaaaa? Machst duuuu?“ schaffe ich Wellnesspunkte wie Beine rasieren und Spülung machen. Es ist der Hammer. 

Ich komme aus dem Bad und Michel brüllt, weil er kein Brötchen bekommt (weil wir keine mehr haben). Herr Rabe eröffnet mir, er habe rausgefunden, wieso es in Michels Zimmer so komisch riecht: eine Steckdose sei ganz heiß und würde stinken. Außerdem hinge an der gleichen Leitung eine weitere schmurgelige Steckdose und dann, hinter der Wand, der eine unserer beiden Heizkörper. Einfach abklemmen und auf Montag warten geht also nicht, weil kalt.  Ich möchte schreiend im Kreis laufen, natürlich am Samstag passiert sowas, ich möchte noch zum Stoffladen, was für ein Mist! Herr Rabe kontaktiert den Hausverwalter, der gibt sein OK für den Elektrikernotdienst, ich suche den Elektrikernotdienst raus (døgnvakt heißt sowas, falls sie sowas mal brauchen, ich musste erst rumgoogeln um das Wort herauszufinden) und rufe da an, der Bård ist sehr nett und erklärt mir, was ich jetzt machen muss (eine SMS an die Firma schicken mit Name, Adresse, Mailadresse und der Bestätigung, dass mir klar ist, dass die Anfahrt am Samstag 3000 NOK kostet). Irgendwann kommt eine Bestätigung. Michel will auf den „Bauarbeiter“ warten (er meint Handwerker, das führte letztes Wochenende schon zu einem großen Misverständnis, als wir auf eine (Kunst-)Handwerksmesse fuhren und er mit seiner Warnweste als Bauarbeiter verkleidet seinesgleichen unter den Strickomis suchte…), ich schnappe mir aber Pippi und fahre mit ihr zum Stoffladen. 

Vorher kratze ich noch das Auto frei und überprüfe die Klingel, die geht aber auch nicht, also schicke ich noch eine SMS an Bård, er soll doch bitte bei Herrn Rabe anrufen, wenn er da ist. Pippi schläft im Auto ein. Um zwanzig Minuten vor Ladenschluss bin ich im Stoffladen. Ich kaufe sehr viele gemusterte Jerseystoffe. Alle Kinder die wir kennen kriegen Mützen zu Weihnachten. Weil ich an diesem Samstag im November Frustshoppen war. Außerdem kaufe ich noch einen dunkelroten Stoff für einen Pulli für mich. Er sieht etwas arg braun aus, aber geht schon. Es sollen giftgrüne Bündchen und ein Hoodie-Rollkragen-Hybrid mit grünen Füchsen dran, da sähe zu kräftiges Rot vermutlich sehr nach Weihnachten aus. Denke ich mir. Was ich nicht bedenke, ist wie sich das rauswäscht. Spoiler: es sieht jetzt noch brauner aus. Ich hadere noch mit mir, was tun. 

Ich kaufe also binnen zwanzig Minuten den Stoffladen leer. Dann fahre ich zurück und nehme zum tausendsten Mal die falsche Abfahrt. Naja, egal, so komme ich am Rema vorbei und kann noch Haferflocken kaufen. Pippi hat sich im Auto die Schuhe ausgezogen und stapft auf Wollsocken aber im Erdbeeren-Regenmantel durch den Supermarkt. Es sieht zum Knutschen aus. Wirklich. Vor allem, weil sie jetzt ein Weglaufspiel spielt: ein paar Schritte vorgehen, umdrehen, gucken, ob wer guckt, dann unter lautem Freudengejohl und -gekreisch weglaufen. Beim gefangen werden sich kaputtlachen. Repeat. Das heitert mich auch sehr auf. 

Zu Hause ist schon ein Feuer im Kamin an, Herr Rabe erstattet Lagebericht: der Bård war da, war nett, hat alles gefixt, 6000 NOK. Uffz. Gut, dass die Bude nicht uns gehört. 

Michel ist nölig, Herr Rabe geht mit ihm raus und spontan nehmen Sie Pippi mit. Für mich beginnt Me-Time Runde 2: Brötchenteig machen und Linsensuppe kochen. Nebenher die Stoffe waschen. 

Die Familie kommt wieder, wir essen, Michel will mehr Würstchen, es gibt aber nur für jeden eins, Geheul, ich träume mich auf einen Planeten, in der Kinder diese Phase einfach überspringen. Herr Rabe geht mit den Kindern ein bisschen spielen, ich kümmere mich um die Brötchen, Herr Rabe bringt Michel ins Bett, ich schnalle mir Pippi auf den Rücken und kümmere mich weiter um die Brötchen, Pippi schläft ein, ich backe so vor mich hin und schneide ein bisschen Fleecestoff für ein Kleid für Pippi zu (Hab ich letzte Woche auf dem Handwerkermarkt gesehen, ist mir zu blöd, dafür 300 NOK hinzublättern, selbst den Stoff hatte ich noch zu Hause, den Schnitt hab ich mir kurz selbst überlegt, keine Ärmel, also easy), dann verfrachte ich Pippi ins Bett, es gelingt mir das sagenhafte Kunststück, sie vom Rücken ins Bett zu wuppen, ohne dass sie aufwacht, ich klopfe mir selbst auf die Schulter und verblogge den Tag. 

Tja, und dann ist auch schon jetzt. Müde bin ich. Aber dank gefixter Steckdosen kann ich erstens ruhig schlafen und zweitens morgen Nähen. Das wird schön. Me-Time. 

Tag 452 – Endlich Wochenende. 

Ich weiß auch nicht so richtig, warum, aber diese Woche war furchtbar anstrengend. Hier ist eine Mischung aus PhD-Letztjahr-Panik, Backenzahntralala und allgemeinem Autonomiephasenhorror ausgebrochen. Ich möchte am liebsten eine Woche lang schlafen, dabei hab ich gar nicht mal wenig geschlafen in letzter Zeit. Das Wachsein ist grade nur sehr anstrengend. Da bin ich dann Freitag Abend auch einfach froh um ein Glas Rotwein, ein bisschen Schoki und die letzte Folge der ersten Staffel von Sherlock (nochmal geguckt, weil wirs können!). Selbst mit Pippi halb auf dem Schoß, weil Schlafen ohne uns im Moment mal wieder gar nicht geht. 

Und jetzt: Bett. Morgen kein Wecker. Uff. 

Tag 451 – <3

Bei dem ganzen Gemecker ist gestern ja was total untergegangen. Nämlich, dass das allerallerwichtigste natürlich meine Familie ist. Da wo meine drei Lieblingsmenschen sind, da bin ich zu Hause. Und wenns der Nordpol wäre. Drei Atemgeräusche im Bett, kleine, mittlere und große Arme um meinen Hals, Küsse mit Schnodder und ohne und mit Bartgekitzel. Darauf kommts an. 

Tag 450 – Trondheim. Ach, Trondheim. 

Damals, als es uns hierher verschlug, wusste ich nichts, wirklich gar nichts, über Trondheim. Die erste Nacht hier war dann gleich der absolute Horror, weil mein Couchsurfing-Host nicht auftauchte und auch nicht erreichbar war und ich mitten in der Nacht gestrandet war in dieser mir völlig fremden Stadt, gleichzeitig war eine Messe und ein Festival, es war also auch kein Hotelzimmer zu bekommen, ich war praktisch obdachlos. Und so zog ich mit meinem Köfferchen umher, nachts. Irgendwann mich selbst bemitleidend zweinend. Auf der Suche nach einem Schlafplatz. Ich erwägte mehrmals, irgendwo zu klopfen wo noch Licht war. Ich erwägte auch einfach alle Sachen, die ich dabei hatte, anzuziehen und auf einem Spielplatz in einem Häuschen zu schlafen. Am Ende bekam ich um vier Uhr nachts ein Hotelzimmer, der eigentliche Gast war nicht aufgetaucht. Komatös schlief ich drei Stunden. Kosten: 1700 NOK, damals 210 €. Messepreis. Am nächsten Tag stand ich gelinde gesagt etwas ab und musste doch zu vier (?) Wohnungsbesichtigungen. Und meiner neuen Arbeit. 
Seitdem habe ich Trondheim etwas kennen gelernt. Ich würde jetzt gerne schreiben, kennen und lieben gelernt, aber mal ehrlich: nein. Einfach nein. 

Norwegen ist schon ganz cool. Voll viel Natur, überall. Und alles dabei: Seen, Wälder, Berge, Flüsse, Fjorde: es gibt kaum Orte in Norwegen wo es nicht von all dem was gibt. Dazu kommt für mich das allerwichtigste: Familienfreundlichkeit. Kinderbetreuung ist günstig, üblich, und hochwertig. Betreuungsschlüssel von 1:3,5, davon kann ja ein deutscher Kindergarten im Normalfall nur träumen. Arbeitszeiten sind hier kurz. Teilzeitarbeit üblich, bei beiden Geschlechtern. Bezahlung ist gut, die Einkommensschere klein, überhaupt geht es hier bei allem gleicher zu als ich es in Deutschland kennen gelernt habe. Auch die Friseurin muss ja von ihrem Gehalt leben können, und an der Gesellschaft teilhaben können, deshalb sind die Preise dementsprechend hoch. Ich bin nicht sicher, aber sowas wie „prekär Beschäftigte“, also Leute, die von ihrem Einkommen allein nicht leben können, scheint es hier nicht zu geben. Hier ist schon der Aufschrei groß, wenn Familien berichten, sie könnten sich keinen Sommerurlaub im Süden Europas leisten. 

Letzteres kann ich nachvollziehen. Nicht vom Geld her, aber man muss hier mal raus. Einmal im Jahr die Sonne sehen. Nie hätte ich gedacht, dass ich das mal sage, aber ja: so ein Sommerurlaub muss sein. WEIL ES HIER KEINEN RICHTIGEN SOMMER GIBT! (Oh Hupsi, das ist mir so rausgeplatzt.) Ersthaft, ich weiß nicht, wie die Trondheimer dieses Wetter aushalten. Es gibt hier folgende Wetterlagen: 

  • 10 Grad und Regen. Das sind ca. 200 Tage im Jahr. 
  • 7 oder 13 Grad ohne Regen. 100 Tage im Jahr. 
  • 24 Grad und Sonnenschein. 10 Tage im Jahr. 
  • 28 Grad und Sonnenschein. 1 Tag im Jahr, an dem die Trondheimer unter der schier unerträglichen Hitze sehr leiden. 
  • -20 Grad und Schnee. 1 Tag im Jahr. 
  • -5 Grad und Schnee. 20 Tage im Jahr. 
  • -2 oder +2 Grad, Schneematsch und überfrierende Nässe, alles ist glatt. 33 Tage im Jahr. 

Ohne Witz, als Bielefelderin dachte ich, ich sei wettertechnisch Kummer gewohnt. Ich habe jetzt gelernt: in Bielefeld ist das Wetter weit entfernt von schlecht. Und in Bergen soll es noch schlimmer sein als hier. Ich möchte bitte niemals nach Bergen. 

Dazu kommt ja noch die Dunkelheit im Winter und die andauernde Helligkeit im Sommer. Ich weiß nicht, was schlimmer ist. Im Sommer kommt man nie ins Bett. Schon mal gar nicht, wenn man Kinder hat. Mein Körper glaubt mir dann um elf einfach nicht, dass mal langsam Bettzeit ist, wenn die Sonne noch scheint. Dafür möchte ich im Winter wie so ein Bär einfach im November schlafen gehen und nicht vor März aufwachen.  Da helfen auch keine Vitamin-D-Tabletten und Tageslichtlampen: wenn die Sonne nicht mehr über die Häuser kommt und die Schatten am Mittag doppelt so lang wie die Dinge sind, die sie werfen, dann ist das kein richtiger Tag. Und wir sind ja noch ein paar hundert Kilometer vom Polarkreis entfernt. In Tromsø (was ansonsten ein wirklich bezauberndes Örtchen ist) geht die Sonne über einen Monat lang gar nicht auf. Gar. Nicht. Ich möchte bitte auch niemals in Tromsø leben. 

Tromsø wär ja auch noch weiter von allem weg. Schon alleine deshalb ist das raus. Trondheim ist ja schon weit weg. Ich meine, 600 km in die nächstgrößere Stadt? Und diese 600 km fährt man ja nicht wie in Deutschland in 6 Stunden. Darf man erstens nicht und geht auch einfach gar nicht. Man kann Zug fahren. Haha. 8 Stunden nach Oslo. Und wenn man nach Bergen will (was man ja nicht will, aber mal mit dem Gedanken gespielt), muss man erst nach Oslo und dann nochmal umsteigen um die 500 km nach Bergen zu fahren. Noch mal 6 Stunden Zug. Absurd. Aber wie mans dreht: Trondheim ist abgeschieden. Das ist bestimmt schön für manche*. Ich fände aber zum Beispiel mal ein Konzert gut. Muss ich nach Oslo für. Oder gleich nach Stockholm. Theater? Jo, Trøndelag Theater. PUNKT. Und wenn mal das russische Staatsballett herkommt und IRGENDWAS aufführt, rennen alle da hin wie die Irren, WEIL SIE AUSGEHUNGERT SIND NACH KULTUR! Nicht (nur) weil Schwanensee halt hübsch anzusehen ist. Es ist Abwechslung und zwar die Einzige, die es mal gibt. Kein Wunder, dass sich die Jugendlichen hier zum Teil krass zusaufen zur Abizeit. Und dann wegziehen. Die Uni hier ist zwar gut, aber will man echt seine vermeintlich besten Jahre hier verbringen? Ich bezweifle es stark. 

Dass man hier nicht wegkommt, wird sich ab Frühjahr nächsten Jahres noch verstärken. Wie ich heute erfahren habe, wird nämlich die einzige Direktverbindung nach Deutschland eingestampft. Adjö, Trondheim-Berlin. Ab dann müssen wir nach Amsterdam und dann von da entweder abgeholt werden oder Mietwagen oder nach Hannover weiter fliegen oder Zug. So oder so wird es deutlich teurer werden. NOCH TEURER. Kost ja eh nix, mit zwei Kindern. Ha. Ha. Und das mit der Heimat voll von alten Leuten, die beängstigend schlechte Gesundheitszustände haben. Fühlt sich echt super an, im Zweifel hier festzusitzen. Danke, Norwegian airlines, für nichts. 

Und dann noch die Trondheimer. Nicht nur, dass sie den fiesesten Dialekt aller 400 Dialekte sprechen (empfinden zumindest die Norweger so, ich nicht, ich finde Stavanger am allerschlimmsten!), nein, die sind auch alle zugänglich wie Stockfisch. Nach drei Jahren hier zählen wir *NULL* echte Trønder zu unseren Freunden. Überhaupt haben wir kaum Freunde hier. Und alle sind entweder andere Ausländer oder zumindest ganz aus dem Süden oder dem Norden Norwegens. Da sind die Leute lockerer drauf, scheint mir. Dabei sind die meisten Trønder gar nicht echt verschlossen oder unhöflich. Man kann mit denen sogar feiern und Spaß haben. Aber dann vergesse ich am nächsten Tag das obligatorische „Takk for sist!“ und hab’s wieder mal für ein paar Wochen verkackt. Aber auch davon abgesehen: meist tut man hier einfach so, als würde man sich nicht kennen. Und das kotzt mich immer mehr an. Dabei hab ich’s so oft versucht: „Lass uns doch mal einen Kaffee trinken!“ – „Ja gerne, irgendwann mal.“ Und wenn man dann nachhakt: Grillenzirpen. Ach, ach. 

(Noch ein Jahr. Dann können wir hier weg. Und dann werde ich’s vermutlich vermissen.)

Trøndervær. Symbolbild.

*der Genpool ist aber auch gefährlich klein hier. Ich kenne schon alleine mehrere Erwachsene hier, die noch mehrere Milchzähne haben. Aus meinem früheren Leben kenne ich keinen einzigen. Aber das nur am Rande.

Tag 449 – Null Frustrationstoleranz. 

Heute habe ich es geschafft, zweimal falsche Winterreifen für mein Rad zu kaufen. Erst waren sie zu klein, dann zu schmal. Außerdem Geschleppe der Autowinterreifen aus dem Keller, Ausbau und wieder Einbau der Kindersitze, Geschleppe der Autosommerreifen in den Flur, Wocheneinkauf alleine in die Wohnung schleppen, Kochen, Einschlafbegleitung für zwei. Ohne Trage, weil weiß ich auch nicht, bin halt bescheuert. Auf jeden Fall alles alleine und spätestens nach dem zweiten fehlgeschlagenen Reifenkauf den Tränen nahe. Bei der Einschlafbegleitung schlief ich dann eher als Pippi. Und jetzt schlafe ich einfach wieder ein, morgen ist auch noch ein Tag, um den Sportladen anzuzünden.