Tag 663 – Karriereleiter.

Mir mangelte es heute an Ideen, also fragte ich auf Twitter nach, wozu ich denn heute schreiben solle. Es wurde vorgeschlagen, das hier mal näher zu erläutern:

Nun. Es ist ja so, dass meine Familie als ich Teenager war nicht grade im Geld schwamm. Ich bekam, wenn ich mich recht erinnere, mit 15 Jahren 35 DM Taschengeld im Monat. Ein Paar Adidas Superstar kostete 120 DM. Meine Mutter kaufte mir zwar Schuhe, aber keinen Markenquatsch, sondern robuste Dinger von Reno, die durfte ich mir zwar aussuchen, aber naja, es waren halt keine Adidas Superstar. Ich brauchte also einen Job. Einen richtigen, nicht nur Katzen füttern von Leuten, die im Urlaub sind, weil Leute eben nur so zwei Wochen im Urlaub sind und auch maximal drei Mal im Jahr. So gefühlt einen Tag nach meinem 16. Geburtstag heuerte ich deshalb beim Obi an. Als Kassenkraft. Das war der Anfang einer langen Reihe Nebenjobs.

  1. Obi also, Kassenkraft. 10 DM/Stunde, 10 Stunden die Woche, nach der Schule bis acht Uhr, dann Kasse zählen und mit der Bahn durch die komplette Stadt nach Hause. Da war ich dann um 22 Uhr. Es war der helle Wahnsinn und der Job war, offen gestanden, echt scheiße. Aber immerhin lernte ich, Petunien von Geranien zu unterscheiden. Das absolute Grauen war ein Tag, an dem es sehr warm war und an dem ich an der „Gartenkasse“ arbeiten musste. Quasi im Gewächshaus. Alleine. Es waren da sicher über 40 Grad und nach zwei Stunden (von 5) war meine Wasserflasche leer und mein (weißes) Obihemd klebte klitschnass und durchsichtig an mir dran. Abends kamen mir beim Kasse zählen vor Erschöpfung die Tränen und danach habe ich gekündigt.
  2. Jibi, Einräumkraft. Beworben hatte ich mich eigentlich für Kasse, stattdessen wurde ich von so einem Einräumdienstleister angestellt, der mich dann auch nicht nur in der Filiale bei meinem damaligen Freund ums Eck einsetzte, sondern in der halben Stadt rumschickte. Das machte ich nicht sehr lange.
  3. Schuhe verkaufen, Sommerjob. Das war super. Irgendwo hatte ich einen Aushang gesehen, Urlaubsvertretung, Vollzeit für 4 Wochen, genau in den Sommerferien. Bei einem der teuersten Schuhläden Bielefelds. In den vier Wochen verdiente ich (also, für meine Verhältnisse) einen Haufen Geld und lernte alles, was ich über Schuhe weiß. Ich war bei einer Schulung über Schuhspanner dabei, putze die Spiegel und die Glas-Auslagen, stellte Schuhe hübsch ins Regal (Frauen: immer Größe 36, Männer: immer Größe 42), versuchte, mir die internationalen Größen-Umrechnungstabellen zu merken und scheiterte, probierte Schuhe an (seitdem weiß ich, dass Prada so unheimlich klein ausfällt, dass mir oft selbst die größte damals von denen produzierte Größe (40) noch zu klein ist) und verkaufte Schuhe. Das hat mir echt Spaß gemacht. Auch wenn ich keine allzu gute Verkäuferin bin, weil einfach zu ehrlich. Ich hab mal ner Kundin gesagt, dass ich die 200 DM-Stiefeletten besser finde als die 400 DM-Stiefel und naja, so schnell hat man sich die Provision versaut, ne? Aber die Kundin war sehr dankbar für die offene Meinung. Manchmal rauchte ich mit der Chefin. Und einmal kam der Firmeninhaber, da musste ich mich fast zwei Stunden lang im Lager verstecken, damit der mir keine fiesen Fragen stellen konnte. Seit dem Job liebe ich Schuhe.
  4. Edeka, Kasse. Bei mir ums Eck. Verdienst war mäßig, aber ich hatte viel Spaß und nette Kollegen. Mit einem hatte ich danach noch ziemlich lange ääähhhhh privat zu tun, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Die Chefin war ne ziemliche Hexe. Ich lernte drölfzig neue Obst- und Gemüsesorten kennen (Lollo Rosso, PUL 7014), gefühlte tausend PULs auswendig und wie man geschmeidig Geldrollen öffnet ohne dass die Kunden in der Schlange das Seufzen anfangen. Highlights: ich (17) fragte eine 28-Jährige nach ihrem Ausweis wegen Schnaps, jemandem fiel ne Flasche Rotwein und ne Packung Eier vor der Kasse hin und es gab ne unglaubliche Sauerei und (!) ich hab damals am ersten Arbeitstag nach der Euro-Einführung gearbeitet. Wir schmissen die Mark in einen Eimer unter der Kasse und an dem Tag hatte jeder von uns an die 100 € Abweichung in der Kasse. Die Chefin tanzte im Dreieck.
  5. IKEA, Kasse. Dafür musste man 18 sein. Dafür war der Verdienst ziemlich gut und die Kollegen unheimlich nett. Die Kantine bei IKEA ist übrigens für die Angestellten auch sehr gut und dabei sehr günstig! Und der Marktleiter setzt sich da auch total Skandinavisch mit an den Tisch und sagt „Hej, ich bin der Björn*, was machst du hier?“ (*Name von der Redaktion mit extrem schlechtem Namensgedächtnis geändert). Nachteil: die IKEA-Montur. Wäh. Kratzige und unförmige Dinger, nur Bluse (die ging noch halbwegs) war nicht so gerne gesehen, aber mit Pulli drüber wars oft sehr warm und das Halstuch war… halt ein Halstuch. Ich arbeitete immer Samstags für sechs Stunden, von 14 bis 20 Uhr und kann Ihnen sagen: Samstags bei IKEA ist für keinen so richtig schön. Aber kurz vor Feierabend, da gehts eigentlich immer. Highlight: Irgendwann in der Vorweihnachtszeit ging irgendwie das EC-Bezahlsystem kaputt. Es gab ein wirklich unvorstellbares Chaos an den Kassen, inklusive wütenden Kunden, die die hilflosen Kassenmenschen beschimpften. Und hinterher gabs  Schnaps im Kassenbüro. Ich weiß nicht mehr so ganz, wie es da endete, vom Gefühl her war es irgendwie für mich doof. Vielleicht hatte ich um andere Arbeitszeiten gebeten und das nicht bewilligt bekommen, ich weiß es nicht mehr.
  6. Barista. Hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht. Wirklich ganz doll viel. Umso niederschmetternder, dass ich nach vier Wochen per E-mail gekündigt wurde, die mail aber erst im Büro des Cafés las, als ich zu meiner Schicht morgens um sieben antreten wollte und mich meine Kollegin etwas sparsam ansah. Rolf, wenn Du das hier lesen solltest: das war echt unter aller Sau, menschlich gesehen. Aber ich lernte sehr viel über Kaffee in den vier Wochen.
  7. Irish Pub, Kellnern. War irgendwie lustig und verrückt und mies bezahlt und dreckig und stinkig und sexistisch und ich liebte es. Leider war es auch einfach gar nicht vereinbar mit dem Studium, das ja, in meinem Fall, meistens um acht Uhr morgens losging. Trotzdem zog ich das recht lange durch. Highlight: Disco-Night, bis morgens um sieben gearbeitet, dann noch nen Cocktail mit den Kollegen getrunken und halbtot nach Hause gewankt. Und Karaoke. Ach, Karaoke. Lowlight: Diverse eklige Weihnachtsfeiertische, dass ich mir irgendwann ein Pfefferspray kaufen musste, weil ich wirklich Angst hatte, nachts alleine zu meinem Roller zu gehen und dass wir immer schwarz tragen mussten. Ich kann immer noch instantan den Geruch von kaltem Zigarettenrauch und Bier abrufen. Ich lernte viel über Whiskey, Whisky und alle möglichen Guinness-Mischgetränke. Ich liebte es, erwähnte ich das? Irgendwann gings aber echt nicht mehr mit dem Studium und ich kündigte schweren Herzens.
  8. HiWi, Organisation eines Berufsfindungsseminars für Informatiker, das war blöd für alle Beteiligten und wurde nach einem Semester eingestellt.
  9. Biergarten, Kellnern. Das war noch viel besser als im Irish Pub. Weil: kein Stinken hinterher (außer die diversen Male, an denen ich mir Weizen über die Füße kippte). Und weil die Chefin, der Chef und all die anderen Angestellten wie eine Familie für mich wurden (und das meine ich ausnahmslos positiv). Ich lernte Zapfen, Weizen einschenken (ich kann zwei auf einmal!), wie man einen Laib Ciabatta in akkurat gleich breite, hübsch schräge Scheiben schneidet, ich überwand meine Wespenphobie, lernte extrem schnelles Kopfrechnen und wie man die Bitte um Rotwein-Mischgetränke charmant abwimmelt (ungefähr so: „Nä! Machen wa nich sowas! Wo komm wa denn da hin? Nä. Rotwein wird hier nich gepanscht. Das is barbarisch!“ Wichtig, dass man das im breitesten Ost-Westfälisch sacht, zu dem man fähig ist.). Ich kannte die Stammkunden und ihre Problemchen und machte mir Sorgen, wenn einer von denen unabgemeldet nicht kam. Ich fand den Job so toll, dass ich den sogar noch einen Sommer weiter machte, nachdem ich im sicheren Hafen der Ehe angekommen war einen richtigen, festen Vollzeitjob hatte. Und ich gehe da immer noch sehr gerne hin und schnacke mit den Leuten. Und vielleicht kommen mir grad ein bisschen die Tränen. Vielleicht mache ich einfach wirklich irgendwann ne Kneipe auf. (Brauchts noch Highlights? Arminia Bielefeld ist irgendwann da mal aufgestiegen. Das Stadion – Die Alm – ist da in Sichtweite und der Biergarten die erste „Tankstelle“ auf die man so trifft. Es war auch da der helle Wahnsinn, total stressig, gefühlte 200 Leute standen am Wagen und wollten jeder ein Bier (warum auch für die Kumpels mitbringen…), aber unheimlich toll. An dem Abend saßen wir hinterher noch lange auf dem Platz, die Chefin, die „Haupt-Angestellte“ und ich und tranken Prosecco (die anderen zwei) bzw. Bier (ich). Mit den geschwollenen Füßen auf den Bierkisten. Ach, war das schön.)

Hier nicht aufgezählt sind: Babysitten, Katzensitten, Nachhilfe (Biologie und… Philosophie, of all things) und Schwangerschaftsvertretung in den Kindergruppen meiner Tanztrainerin.

Doch, ich hab echt schon so einiges gemacht.

Tag 662 – Wirres. 

Aus Gründen habe ich heute zu viel über mich nachgedacht. Das bekommt mir nicht gut. Davon werde ich ganz… aufgekratzt, dann müde und am Ende leer. Das ist nicht schön und so schnell mache ich das nicht wieder. 

Die Hinweise verdichten sich, dass ich sehr gestresst bin. Die einzige, die mich stresst, bin ich selbst. Der Effekt ist aber der gleiche: ich bin grenzwertig erschöpft. Schaffe dabei nichts, habe ein schlechtes Gewissen und bin dann, genau, noch erschöpfter. Vielleicht sollte ich mich einfach hinsetzen und schreiben, damit das Elend wirklich bald ein Ende hat, egal wie. 

Ich hab den allerbesten Mann geheiratet. Nach fast 10 Jahren, die wir uns kennen, kann ich das wohl behaupten. 

Pippi sagt immer, wenn sie sich verabschiedet: „Ha det, Pippi! ‚Is Gleiheich!“. Das ist so unglaublich niedlich!

Heute den Wickeltisch verkauft. Jetzt muss nur noch das Beistellbett und die Windeln weg, dann ist das Gros des Babykrams weg. Und es fühlt sich sehr gut an. 

Kinder, die keine Babys mehr sind, sind schon praktisch. Man hat viel mehr Freiheiten: ich kann über meine Brüste verfügen, wie ich es für gut und richtig halte. Michel geht nach dem Kindergarten problemlos mit zu seinem Kumpel. Beide Kinder schlafen mindestens eine Weile in ihren eigenen Betten im eigenen Zimmer. 

Pippi kommt in die Autonomiephase. Traurige Eltern (wir) sind traurig. 

Tag 660 – Aggressionsproblem. 

Dinge, über die ich in den letzten Tagen wirklich, wirklich wütend wurde (Reihenfolge spiegelt nicht die Gewichtung wieder):

  • Ein Kindergarten irgendwo in Süddeutschland schickt ein Kind nach Hause, weil es keine eigene Sonnencreme dabei hat. Obwohl die Mutter ihr Einverständnis gegeben hat, die Sonnencreme eines anderen Kindes zu benutzen. 
  • Eine Mutter sagt, sie könne und wolle nicht mehr auf Art und Weise x erziehen, ihre Tochter tanze ihr auf der Nase rum. Andere Mütter fallen über die Mutter her: sie habe x halt einfach falsch gemacht, weil sonst würde weder auf Nasen getanzt noch wäre sie so fertig. 
  • Menschen, mit denen ich Labore teilen muss, sauen rum, füllen nichts nach und brauchen meinen persönlichen Kram auf. Ohne zu fragen oder auch nur Bescheid zu sagen. 
  • Menschen finden es wichtiger, oben auf dem Brutschrank Staub zu wischen, als dass ich meine Proben nach Ablauf der 24 Stunden Inkubationszeit aus dem Brutschrank holen kann. 
  • Die Bauarbeiten*. 
  • DIE NACHBARIN**!!!
  • Die Hausärztin der Kinder, die trotz Bitte meinerseits, mir keine anderen Allergien außer der Katzenspeichelenzymallergie mitzuteilen, einfach einen Brief mit den (kompletten) Ergebnissen des IgE-Tests schickte. MIT INFOMATERIAL, WIE WIR MIT DEM (JA AUSDRÜCKLICH NICHT ERWÜNSCHTEN) NEBENBEFUND JETZT UMGEHEN SOLLEN. 
  • Hausstaubmilben. 
  • Pippi, die am Pencil vom iPad gekaut hat. 
  • Pippi, die mein Glasthermometer fand und zerstörte.
  • Michel, der morgens unglaublich trödelig und heulig drauf ist. 
  • Das gesamte Projektteam, das findet, ich könnte ja noch drölfzig Experimente machen. Während mir aber gleichzeitig niemand zuhört, was ich schon gemacht habe. 
  • Das Projekt. 
  • Das Wetter. 
  • Dass ich wirklich jedes Mal, wenn ich mein Fahrrad abschließe, mich mit Öl von der Sattelfederung einsaue. 

Mir scheint, ich habe ein klitzekleines Aggressionsproblem. Oder vielleicht bin ich einfach sehr müde. 

*Die eine Tür ist zu kurz und knarzt, wir haben komplett absurde Anzahlen von Schlüsseln erhalten, überall fehlen noch Leisten und Farbe und Putz und es sieht auch Stellenweise noch aus wie Sau, obwohl wir schon zwischendurch mehrmals gründlich saubergemacht haben. 

**mit ihren SMS, ich versuche diesen Teil mental load und Nervenfresserei auf Herrn Rabe abzuwälzen, aber sie schreibt immer immer immer wieder mir. Ich will das nicht, sie und ich, das geht nicht, ich gehe inzwischen direkt an die Decke bei ihrer Art. Aber dann wird hier wieder irgendwas installiert und sie schreibt zum 15. Mal „Ich brauche die Schlüssel für vorne und hinten“ und ich erkläre wieder und wieder und wieder, dass wir nur zwei Schlüssel für vorne haben und man mit unseren Schlüsseln ja (wie sie weiß) viel Übung braucht, um die Tür zu öffnen und warum lassen wir nicht einfach die Tür auf? Und sie so: warum habt ihr nur zwei Schlüssel? Und dann platze ich.

Tag 659 – Hausaufgaben. 

Michel kam heute nach Hause und verkündete mit ernster Miene, er müsse dringend was aufschreiben. Etwas wirklich wichtiges. Er brauche das morgen im Kindergarten. Es sei wirklich, wirklich ganz wichtig. Er holte sich einen Zettel und einen Stift. Und dann sagte er noch „Aber dann muss jemand mir helfen beim Schreiben.“ und setzte seinen Hundeblick auf, dem sich, so glaube ich, niemand entziehen kann. Also setzten wir uns hin und er sagte: „Erstmal müssen wir zeichnen!“. und hielt mir den Stift hin. Ich sagte, was ich dann immer sage: „Wenn du zeichnen willst, dann zeichne, aber ich möchte jetzt nicht für Dich zeichnen.“ Er verneinte, wir müssten zeichnen schreiben. Schreiben müssten wir. Also zeichnen. So ging das eine Weile hin und her, bis sich irgendwann das Misverständnis aufklärte: er wollte, dass ich „Zeichnen“ auf den Zettel schreibe. Während ich das tat, fragte ich Michel, warum er das denn so dringend brauche? Für den Vierjährigen-Club, antwortete er. Es ist nämlich so, dass Michel, weil er angepisst war, dass er noch nicht zur Vorschulgruppe gehört, einen Vierjährigen-Club im Kindergarten gegründet hat. Der Club hat drei Mitglieder. Und für den Vierjährigen-Club wollte er also „Zeichnen“ aufgeschrieben haben. Und dann nochmal in kleinen Buchstaben. Und dann „Spielen“. Dann „Schreiben lernen“. Mir dämmerte langsam, was er da vorhatte. Und ja: „Danach lernen wir, still zu sein“ und „Zählen“. Michel diktierte mir das Manifest* seines Vierjährigen-Clubs. Als es fertig war, faltete er es sehr sehr ordentlich zusammen und packte es direkt in seinen Kindergarten-Rucksack. 

Ich hab es heimlich noch mal ausgepackt und fotografiert. (Michel, der kleine Trønder, sagte übrigens „Lær‘ oss å skriv'“ und „Lær‘ oss å vær‘ stille“


(Es folgte eine Unterhaltung über Sonnencreme, bei der ich nicht nur einmal an Frau Brüllen denken musste und bei der ich dann am Ende, als Michel Angst hatte, seine „Brakteriannj“** könnten, wenn er sich nicht eincremt, durch die Sonne schaden nehmen*** dann leider nicht mehr ernst bleiben konnte und etwas lachen musste. Der ist so unglaublich putzig manchmal. Und schlau! Und putzig.)

*Falls er den Stoff so durchzieht, wird er jedenfalls zum Schulbeginn nicht überfordert sein.

**Wortneuschöpfung a la Michel: B(r)akterien, mit Trønder-Endung bestimmter Plural von allem: -an, gesprochen -annj mit sehr weichem j

***wo er ja ganz und gar nicht unrecht hat. Bakterien können genauso UV-Schäden an ihrer DNA bekommen, nur kriegen Bakterien halt keinen Krebs, sondern sterben halt direkt. 

Tag 658 – Kurze Pause. 

Ich liege schon im Bett. Fünf Stunden Schlaf waren nicht genug und der Tag war dank Fitness (oh, wie glücklich es mich macht! Oh, welche Schmerzen ich morgen haben werde!) und Schwimmkursbegleitung doch recht anstrengend. Außerdem hab ich direkt nach dem Abschluss des einen Zellkulturversuchs den nächsten angesetzt, muss den aber morgen früh um acht Uhr starten – also um viertel vor acht da sein. Und weil mein Kopf leer ist und meine Muskeln müde sind, hab ich mich also trotz strahlenden Sonnenscheins einfach schon mal hingelegt, werde jetzt noch die letzte Folge der dritten Staffel House of Cards gucken und mir dabei Nagelpflege angedeihen lassen und dann werde ich hoffentlich einfach schlafen. 

(Ich erinnere mich etwas wehmütig an den Sommer 2014, als es so warm war, dass ich abends noch stundenlang auf der Terasse saß und las und in der ewig langen Dämmerung die Zeit vergaß. Jetzt ist es zwar sonnig, aber kalt und die Terasse haben wir auch nicht mehr.)

Tag 657 – Sowas wie Sommer, nur in kalt.

Komischer, zerhackter Tag. Wegen Meeting und Friseurbesuch (ja, letzteres ist quasi die Definition eines Luxusproblems, aber es war wirklich nötig und Selfcare ist ja auch so wichtig und so, nä?) musste ich einen Versuch so planen, dass ich gleich, um zwanzig nach elf, nochmal Proben nehmen muss. Danach werde ich wie ein Stein ins Bett plumpsen und morgen dann wieder früh aufstehen, weil, ach, ich weiß es doch auch nicht so recht. Weil man das halt so macht.

Der Friseurbesuch war einerseits natürlich schön, weil Friseurbesuch und außerdem ist mein Friseur so nett, aber andererseits war er auch sehr teuer und er hat wegen „ich möchte eigentlich diese Frisur hier, dafür muss ich wohl noch ein bisschen wachsen lassen, oder?“ Nur wenig geschnitten. Eigentlich nur den Nacken und den Rest etwas ausgedünnt, damit es weniger nach Helm aussieht… (Ich muss immer ein bisschen lachen, wenn ich in die vielen, voluminösen Haare greife und drüber nörgle, dass die so schnell wachsen. Fast 20 Jahre lang waren sie lang und platt und wuchsen gefühlte 0,3 mm im Jahr.) Naja, jedenfalls hat das bisschen Geschnippel natürlich trotzdem einen Batzen Geld gekostet. Deshalb war der Friseurbesuch im Großen und Ganzen halt nur so mittel, weil teuer und so ganz fertig ist die Frisur halt auch noch nicht. 

Auch das Wetter ist bestenfalls komisch, es ist zwar sonnig und auf der Dachterasse bei der Arbeit wird man schon wieder fast gekocht, aber im Schatten ist es saukalt. Also, zumindest wenn man – weil es in der Sonne ja so warm ist – im T-Shirt rausgeht, dann sind 14 Grad halt auch keine 25. Und nein, Ihre 35 Grad, die Sie in Deutschland grade alle haben, will ich auch nicht geschenkt, aber so ein Mittelding, das wär doch für uns alle irgendwie fein.

Dafür aber sehr schön mit der Masterstudentin produktiv vor mich hingearbeitet und nett unterhalten. Dann mitgekriegt, wie mein einer Kollege, dessen Frau grad nach einer OP den Fuß eingegipst hat, wegen diesem ganzen Vereinbarkeitsdings ordentlich ins Strudeln geriet, nachdem er irgendwelches Zeug falsch zusammengekippt hatte und eigentlich von vorne hätte anfangen müssen, dafür aber wegen der KiTa-Öffnungszeiten die Zeit fehlte. Und ja, ich freute mich ein bisschen darüber, immerhin bin ich nicht die einzige der sowas passiert, Hurra.

Apropos Vereinbarkeit: Am 15. haben Herr Rabe und ich eine astreine Doppelbelegung mit Terminen ohne Kinder. Herr Rabe hat erst Hackathon und dann Sommerfest, ich habe erst Mini-Konferenz und dann Dinner mit denn anderen Konferenzteilnehmern. Michel würden wir ja noch irgendwie für den späten Nachmittag loswerden, aber was machen wir mit Pippi? Im Moment spiele ich mit dem Gedanken, sie irgendwie von der KiTa abzuholen und dann zu den letzten Vorträgen einfach mitzunehmen. Auch um den Verantwortlichen zu zeigen, dass es eine eher rücksichtslose Idee ist, so eine Konferenz auf die hauptsächlich hier ansässige Leute (die zu 80% auch Kinder haben) kommen, bis 17:15 Uhr anzusetzen. Ach ja: unsere Babysitterin hat gekündigt, eine neue wurde uns von der Agentur vorgestellt, die ist aber bis Ende Juni im Urlaub, das ist also keine echte Option. 

Und jetzt: ab ins Labor!

Tag 656 – Selbermachtag. 

Endlich kann ich Ihnen die neu genähten Sachen zeigen! Und damit es sich auch lohnt, hab ich heute noch schnell ein zweites Sommerkleid genäht und ein Brot gebacken. 

Fangen wir mit dem Brot an. Ich hatte ja letzte Woche den Plan gemacht, das Sauerteigtütenrezept nochmal mit einer größeren Menge Sauerteig auszuprobieren. Das war eine sehr gute Idee, denn heraus kam ein optisch ansprechendes, außen knuspriges, innen fluffiges Brot, das vor allem sehr lecker schmeckt. Yeah! Hier also das Rezept:

  • 300 g Roggenvollkornsauerteig (145 g grobes Roggenvollkornmehl, 145 g Wasser, 15 g Roggenanstellgut*, ca. 16 h gereift bei Raumtemperatur)
  • 130 g feines Weizenvollkornmehl
  • 600 g Weizenmehl
  • 380-400 g Wasser
  • 10 g Hefe
  • 1,5 Esslöffel Olivenöl
  • 2,5 Teelöffel Salz
  • 1 großzügigen Löffel Honig

Das alles ca. 10 Minuten in der Knetmaschine zu einem recht weichen Teig kneten, die letzten 50 mL Wasser nach Gusto, Knetfertigkeiten und verwendetem Vollkornmehl schlückchenweise zugeben. Teigruhe abgedeckt 1 h bei Raumtemperatur. Dann wirken und formen, in Weizenvollkornmehl wälzen und mit dem Schluss nach oben 1 h zur Gare stellen**. Auf einen Schieber stürzen, Einschneiden (nicht so tief, wie ich das gemacht habe!) und mit reichlich Dampf im gut vorgeheizten Backofen bei 270 Grad 15 Minuten anbacken. Schwaden gut ablassen und 45 Minuten weiterbacken (bei, hmm, 180 Grad, es sei denn, Sie haben auch einen Lavaton Backstein). Fertig. 

Yeah, Bildunterschriften gehen wieder. Hier also das Brot. Ich hab es zu tief eingeschnitten, das ist mir auch schon länger nicht passiert. Also so 2 cm müssten eigentlich reichen!

Omnomnomnom!

 

Soviel zum Backen, jetzt zum Nähen. Neulich hatte ich schon mal ein Ella von pattydoo mal als Shirt genäht, zum Ausprobieren. Daraufhin hab ich das Schnittmuster dann doch noch mal enger gemacht und die etwas komischen Schulterwubbels verschwinden auch, wenn man Vorder- und Rückenteil aus irgendeinem nicht ganz nachzuvollziehenden Grund falsch zusammennäht *hust*.

Könnte man mal bügeln.


Heute kam dann das echte Kleid dran. Wie gesagt, irgendwas lief schief, deshalb ist das Oberteil nicht so ganz wie geplant, aber trotzdem hübsch. Die Ärmel, die ich ja eigentlich auch dreiviertellang machen wollte, aber dann nicht genug Stoff hatte, ließ ich letztlich „einfach“ ganz weg (die Gänsefüßchen, weil mir das viele viele Flüche beschert hat und mit einer Seite bin ich eigentlich auch noch nicht ganz zufrieden). 

Ich mag die Farbe (dunkles Petrol) und den Rock. Viskosejersey ist zwar ne Pest beim Zuschneiden, aber fällt einfach unheimlich schön.



Und dann hatte ich ja letztens auch noch aus dem vermutlich verfluchten Stoff, der aus Gründen für Ella nicht gereicht hätte, ein Lucille-Kleid gemacht. Da hab ich mal Blindsäume ausprobiert – ein Experiment, das ich eher nicht zu wiederholen gedenke. 

Ich mag ja Komplementärfarben.


Jetzt muss halt nur noch Sommer werden. 

*es geht sicher auch ein anderes Anstellgut. Zum Beispiel eins aus der Tüte ;)

**Ich stell es meist erst 30 Minuten bei ca. 40 Grad in den Ofen und dann während der Ofen vorheizt halt in der Küche. 

Tag 655 – Fetzen. 

Zusammenhängendes ist heute nicht mehr drin. Stattdessen ein paar zusammenhangslose Stichpunkte. 

  • Die Schnecken haben Frühlingsgefühle. Ich befürchte, dass wir demnächst Eier finden könnten. (Nein, ich mache keine Zucht auf und ich will auch nicht 200 Schnecken haben. Die Eier werden also eingefroren.)
  • Die Schnecken sitzen jetzt außerdem auf im Backofen hoffentlich sterilisierter Erde. Ich bin nämlich jetzt sicher, dass der Sack Blumenerde mit Erdmückeneiern verseucht ist nach ca. 2 Wochen sieht man dann Larven, nach noch mal ein paar Tagen die Mücken. Blärgs. 
  • Wir haben gestern ein Waffeleisen gekauft und waffeln seitdem so vor uns hin. Morgen gibts die Brüllen’schen Hefewaffeln und ich bin auch nur ein klitzekleines bisschen panisch, dass sich der Teig heute Nacht aus der Schüssel davonmacht.
  • Ich habe zwei neue Dinge genäht – ein Kleid und ein Shirt – aber bin noch nicht dazu gekommen, vernünftige Fotos davon zu machen. Das Shirt war ne Probe für ein weiteres Kleid, das aus Gründen* jetzt doch kurze Ärmel bekommen wird. Oder gar keine, da bin ich noch unentschlossen. 
  • Heute gearbeitet. Ich muss noch eine E-Mail an alle@Labor schicken, weil irgendeine Wurst wirklich dummen Mist gemacht hat, den ich heute korrigieren „durfte“. Was man ja mit Freude macht, am Wochenende, während man auch mit der Familie Waffeln backen könnte. 
  • Ich habe keine Lust mehr auf diese letzten Versuche, die doch nie die letzten sind. Es macht keinen Spaß mehr. Obwohl jetzt die Ergebnisse passen. Ein Zeichen für mich, dass es reicht, ich aufschreiben und meine Sachen packen sollte. 
  • Pippi braucht im Moment immer wahnsinnig relativ lange zum Einschlafen. Außer heute. Da machte sie nämlich keinen Mittagsschlaf (ergab sich so) und war dafür um halb sieben so müde, dass sie wirklich um ein Haar beim Essen eingeschlafen wäre. Beim Wickeln schlief sie dann im Badezimmer auf dem Fußboden einfach ein und wachte nicht mal auf, als ich sie umzog und ins Bett verfrachtete. Wahrscheinlich hätte ich ihr sogar im Schlaf die Zähne putzen können, so fertig, wie sie war. 
  • Michel und sein bester Kumpel haben sich in letzter Zeit öfter mal ein bisschen in den Haaren. Meistens führen sie dann so Gespräche wie „DU bestimmst hier nicht ALLES!“ – „Nein, DU bestimmst hier nicht ALLES!“. So geht das, wenn’s gut läuft, eine Weile hin und her, bis sie sich darauf geeinigt haben, wer jetzt gerade ausnahmsweise bestimmt. Wenn’s schlecht läuft, heult hinterher einer oder beide. Und da zeigt sich der komplett andere Charakter: Michels Kumpel ist eher aufbrausend, beruhigt sich aber schnell und verträgt sich auch schnell wieder. Aber nicht mit Michel, der ist dann nämlich einerseits stur und andererseits sehr nachtragend. Die schlechten Eigenschaften von Mama und Papa kombiniert, was für ein schönes Beispiel für Vererbung! 
  • Weiterhin müde, aber auf eine okaye Art. (Jetzt trotzdem schnell Licht aus!)

    * Schon blöd, wenn man einfachste Rechenoperationen vergeigt und bei einem Stoffbedarf von 1 m + 1,20 m der Verkäuferin völlig überzeugt sagt „Machen se mal 1,50 m draus, dann hab ich in jedem Fall genug!“. 

    Tag 654 – Ach, Hasi.

    Du hast um einen Aufsatz gebeten. Das hier ist keiner, weil ein Aufsatz bestimmt irgendwelche formellen Kriterien einhalten muss, die zu recherchieren ich jetzt viel zu faul bin. Aber eine Begründung, die kann ich Dir liefern. Eine Begründung, weshalb ich mich an dem Crowdfunding für deine Mietkaution beteiligt habe. 

    Die Gründe dafür sind total simpel. Wirklich. 

    Weil ich dich gern hab. 

    Weil ich weiß, wie kacke Geldnot ist. 

    Weil ich weiß (wenn auch nur indirekt), was Alleinerziehende leisten. Müssen. Ob sie wollen oder nicht. 

    Weil ich finde, dass keine*r in einer solchen Situation, wie du sie gerade erlebst, alleine dastehen sollte.

    Weil das alles, was du gerade erlebst, halt auch einfach wahnsinnig unfair vom Universum und einzelnen Personen darin ist. 

    Weil ich hoffe, dass dir damit eine von vielen Lasten von den Schultern genommen werden kann. 

    Weil ich so gerne viel mehr helfen würde, mehr tun würde. Praktische Dinge. Anpack-Dinge (ich kann voll gut Renovieren! Und ich mache das sogar ausgesprochen gern!). Aber ich zu weit weg bin. 

    Weil ich möchte, dass du lachst. (Oder weinst, aber nicht aus Erschöpfung oder Leere oder Wundsein heraus.)

    Weil ich finde, dass du wahnsinnig stark bist und möchte, dass du das auch selbst (wieder) wahrnehmen kannst. 

    Weil du meine Freundin bist. 

    Deshalb halt. 

    Ganz einfach.