Tag 482 – Wochenende.

Hier mal wieder viele Bilder von unserem Wochenende. Kommen Sie, sehen Sie! Wilde Kinder in ihrer natürlichen Umgebung!

Frühstück. Pippi hat sich durch Gemecker auf meinen Schoß gemogelt und prökelt jetzt den Frischkäse von meinem Brötchen.

So sieht sie danach aus, die alte Rübennase. Außerdem hat sie Brötchen in den Haaren. Also gehen wir alle ausgiebige Körperpflege machen.

Frisch geduscht und gebadet machen wir einen Ausflug. Herr Rabe muss noch was von seiner Arbeit abholen und er zeigt uns das leere Großraumbüro. Michel ist beeindruckt von den hoch- und runterfahrbaren Schreibtischen und dem Wasserhahn, aus dem Sprudelwasser kommt. Ich bin beeindruckt davon, dass Menschen es schaffen, in so einem Großraumbüro irgendwas zustande zu kriegen. Für mich wär das nix.

Pippi schläft und hat sich dafür in alter Tradition das Licht ausgemacht. Michels Hund schläft auch.

In der Stadt wurde die Weihnachtsbeleuchtung angebracht.

Herr Rabe: „Guck mal, Michel, hast du schon die Sterne gesehen?“
Michel: „Hä?“

Herr Rabe: „Ja, da, die leuchtenden Sterne! Die Weihnachtsbeleuchtung!“

Michel: „Papa, das sind ja keine Sterne. Das sind Schneeflocken!“

Herr Rabe ist schwer begeistert von so viel Klugscheißertum. Siehe Bild. 

Zu Hause: kochen, essen, Quatschnasen bespaßen, Quatschnasen ins Bett bringen, Aufräumen, Schnecken füttern, Pilze ansprühen, Wäsche abhängen, Wäsche aufhängen, einen Haufen Teige ansetzen. So viele, dass ich sie beschriften muss. (Nicht im Bild: Vorteig für Pizzateig.)

Sonntag. Michel pellt sich sein Ei selbst und ist dabei dem Anlass entsprechend hoch konzentriert. Herr Rabe hat Pancakes gemacht und ja, wir haben einen Adventskranz.

Das war heute in meinem Adventskalender. Ich hoffe, ich schaffe es, mir bis Freitag die Fingernägel zu lackieren. Da haben wir nämlich Weihnachtsfeier und das Blau würde total gut zu meinem Kleid passen, dazu noch das Glitzerzeug vom 1., das wird fein!


Sonntag ist Maus-Zeit.


Das Wetter ist total mies und wir stubenhockern in Schlafanzügen herum. Ich bin mit meinen Teigen beschäftigt, versuche zwischendurch ein bisschen zu putzen und fahre zu allem Überfluss zwischendurch zur Arbeit. Hier der Ausblick aus dem Zelllabor. Es ist halb drei. Heute wurde es nicht richtig hell.


Wieder zu Hause, hilft mir Pippi tatkräftig beim Backen, indem sie sich die Topfhandschuhe anzieht und davonflitzt.

Eins der Resultate: ein Kassler. Sieht so hübsch aus, war aber dank totaler Übergare (Danke, blöde Zellkulturen, die ihr viel mehr gewachsen wart, als ich angenommen hatte) leider recht flach geblieben. Egal. Schmeckt trotzdem.


Beim Abendessen. Erst macht Pippi bei jedem Bissen „Hmmmmmmm, njomnjomnjomnjom!“, dann checkt Michel kurzerhand Pippis Zahnstatus und will danach Baby-Zahnarzt werden. Diese Kinder, ey. So niedlich. Hachz.


(Und außerdem hab ich gebrannte Mandeln gemacht, aber das ist eine andere Geschichte.)

Tag 478 – Auf jeden Fall Rotwein!

Ich sachs mal so: 

  • Das mit zwei Adventskalender selber basteln war ne blöde Idee.
  • Das hat ca. fünfhundert mal so lange gedauert wie angedacht.
  • Ohne Rotwein schier unerträglich. 
  • Über härtere Drogen kurz nachgedacht, aber keine im Haus und eigentlich sind mir meine Gehirnzellen dafür auch nach wie vor zu schade. 
  • Dem Ergebnis gebe ich eine lieb gemeinte drei vier. 
  • Den Kindern ist ja glücklicherweise egal, wie das aussieht. Hauptsache es ist das Richtige drin. 
  • Bitte lass das Richtige drin sein. 
  • Ich definiere hiermit den Zeitpunkt, zu dem Kinder alt genug sind, Adventskalender selber zu basteln, als den, wenn sie be- oder anmerken, wie hässlich dieser ist. 

Oben Pippi, unten Michel. Vorne Rotwein.


Morgen wird direkt erstmal ne Legofliege gebaut. Hurra!

Tag 477 – Matratzenmeeting. 

Heute langes Meeting mit Leuten aus Dänemark zu meinem eigentlichen Projekt gehabt. Noch nicht fertig verdaut. 

Nach ewigem Gebrüll von Pippi (Backenzähne, ey. Ist zum Kotzen.) aus dem sie sich nicht helfen ließ, aus Verzweiflung Mausclips auf dem Handy angemacht. Nach fünf Mausclips und einem Ritter Rost-Lied drehte sie sich weg. Ich machte es aus und sie schlief langsam ein. Ich auch. 

So müde. Gute Nacht.

Tag 475 – Grummeltag. 

Eigentlich guter Tag, einiges geschafft, aber dank PMS ne Laune zum alles anzünden bei jeder Kleinigkeit. Ich spare mir die Worte jetzt auch und notiere nur kurz was gut war:

  • Super aussehendes Paderborner gebacken. 
  • Mein Roggensauer hat sich erholt. 
  • Die Austernpilze sind zum Teil sehr bald erntereif. 
  • Der Rotwein den ich gestern aufgemacht hab schmeckt echt saulecker und macht keine Kopfschmerzen. 
  • Pippi hat total niedlich gesungen heute. Sie singt die Lieder, die sie aus dem Kindergarten kennt, man erkennt es bloß nicht sofort. Heute: „Aaahhhhh hödeldödeldödel Aaaahhhh hödelblödelblödel aaaaaahhhhh blödelblödelblödel… Daaaaaa!!!“ *klatschen*. Übersetzt heißt das „Ooohhhh boogieboogieboogie, Ooohhhh boogieboogieboogie, Ooohhhh boogieboogieboogie, og så er vi klar igjen!“. Es. Ist. So. Niedlich. Vor allem, wie sie beim Singen schräg nach oben schaut. Man weiß direkt, wie die Kinder im Kindergarten beim Singen gucken. 
  • Michel hält oben genanntes Lied für ein Weihnachtslied, weil sie das auf der Weihnachtsfeier singen werden. 
  • Michel zieht sich jetzt alleine um, wenn er ins Bett will. Scheinbar geht die Taktik „wenns irgendwie einrichtbar ist, helfe ich ihm bei Sachen, die er eigentlich schon kann, weil er sich dann besonders lieb gehabt fühlt“ endlich auf und er will endlich mal Dinge selbst machen. 
  • Ich hab das Bad geputzt und Haare gefärbt. (Gleichzeitig. Ammoniak, Chlor, Essigsäure. Vielleicht fällt mir jetzt ein paar Tage lang mal nicht auf, wie schlecht manche Menschen riechen.)
  • Punkt. 

Gute Nacht. Morgen dann: Post vom Schwimmkurs. Denken Sie, Deutsche hätten einen Hang zum Orgawahn? Dann waren Sie noch nicht in Norwegen.

Tag 474 – Fertig!

Ich und Pippi haben heute Abend die 7. Staffel Gilmore Girls zu Ende geguckt. Pippi wurde nämlich beim Ablegen wach und ließ sich nicht wieder zum Einschlafen bewegen. Auch nicht nach den zwei Folgen, eineinhalb Bananen, einem halben Becher Milch und einem halben Becher Wasser, mehrmaligen Rumtrageversuchen, Singversuchen und Kuschelversuchen. Irgendwann legte ich mich mit ihr einfach ins Bett ins dunkle Schlafzimmer und wartete (ohne Handy, bloß keine Licht- oder Ablenkungsquelle!) bis sie schlief. Dabei versuchte ich selbst nicht einzuschlafen, weil ich ja noch bloggen wollte. Es dauerte fast ne Stunde. Wissen Sie, wie müde man nach einer Stunde im Dunkeln ist? Sehr, sehr müde. Und viel Lust auf bloggen hat man dann auch nicht mehr. 

In diesem Sinne: gute Nacht!

Tag 458 – Krank, haha. 

Heute morgen wachte ich in Michels Bett auf, in dem ich die Nacht mit ihm verbracht hatte (fragen Sie nicht…). Ich wusste gleich: Arbeiten wird heut nichts. Also machte ich den Wecker aus und schlief direkt wieder ein. 

Irgendwann stand Herr Rabe im Zimmer. Ich krächzte hustend irgendwas, er verstand mich auch ohne stimmvolle Vokale und wollte dann Michel mitnehmen. Der protestierte. Und protestierte. Und protestierte. Im Dämmerzustand hörte ich ihn brüllen. Er hörte einfach nicht auf. 

Irgendwann stand Herr Rabe wieder im Zimmer, mit fröhlicher, kindergartenfertiger Pippi und schluchzendem Michel im Schlafanzug. Michel wolle nicht in den Kindergarten. Er sage, er habe Kopfschmerzen. Ich rang Michel mit Müh und Not das Versprechen ab, dass er morgen wieder in den Kindergarten geht und zwar ohne Nöckeln. Außerdem stellte ich klar, dass heute kein Fernsehen geguckt wird. 

Und so verbrachte ich, krank, den Tag mit Michel, gesund. Wir räumten die Waschmaschine aus („Ich mach schon, Mama! … *Waschmaschinenausräumgeräusche* … „Ich tue das alles in den Trockner!“) und hängten die nicht trocknergeeignete Wäsche auf, verräumten trockene Wäsche, Ich krächzte Michel ein paar Bücher vor, wir diskutierten ein paar Male das mit dem Fernsehen aus, wir duschten, ich schaffte es, Michel zum Arzt zu quatschen (Ja, der Husten ist irgendein Virus, ja, wenn er kein Fieber hat, kann er in den Kindergarten), dann wollte er gerne seinen besten Freund besuchen, ich holte mit ihm Pippi vom Kindergarten ab, dann fuhren wir ihn zu seinem Kumpel. Mehr als ein Kind hätte ich wohl nicht auf einmal geschafft und Herr Rabe musste nach dem chaotischen Morgen länger arbeiten. 

Erholung ist anders. Morgen gehe ich wieder arbeiten, da kann ich wenigstens in Ruhe vor mich hin leiden. 

Nachtrag: das mit dem Puzzle hab ich noch vergessen. Ich bin vermutlich die schlechteste Mutter der Welt, weil: Puzzeln mit Michel macht mich komplett wahnsinnig. Unstrukturiert und chaotisch und rundum unlogisch geht er da dran. Ich kann so nicht arbeiten. Genau genommen kann ich dabei knapp ruhig bleiben. Orrrr. 

Tag 456 – Ein paar Häppchen. 

Michel wachte heute morgen auf und weinte sofort los: „Festen Schnodder wegmachen!“ Dann sprang er aus dem Bett, rannte zu Herrn Rabe und sagte „Ich bin krank!“. Tatsache, das Kind ist krank. Schon die Temperatur seiner Füße irgendwo zwischen glühender Kohle und flüssigem Lava (als er noch schlief) hatte Fieber angedeutet. Dazu kommt ein ordentlicher Husten. Herr Rabe lieb also heute Vormittag mit ihm zu Hause, ich ging kurz arbeiten und kam zum Mittag nach Hause um Herrn Rabe abzulösen, der dann seinerseits kurz arbeitete. 

Als ich Pippi in den Kindergarten brachte, waren kaum „große“ Kinder da. Herr Rabe sagte heute Nachmittag, von den 8 Ü3-Kindern seien 6 krank. Tja. Da wundert einen auch nix mehr. 

Total beknackte Idee: „Nur mal kurz Zellen zählen, danach kann ich ja noch was essen.“ Dann ging die Essenszeit fürs Zählen drauf (und für den Kampf mit dem Zählgerät, das erst meinte, meine Zellen, die im Mikroskop noch total gut ausgesehen hatten, seien alle tot) und das erste mal aß ich dann um halb eins was, als ich wieder zu Hause war. Mein Körper dankt es mir mit Kopfschmerzen. 

Gestern kamen meine bestellten Fahrradreifen mit Spikes an und Herr Rabe zog sie mir gestern Abend noch aufs Rad. Ich kann jetzt also wieder fahren. Auch wenn das bei -9 Grad nicht so ganz viel Spaß macht. Aber die Reifen machen Spaß, damit kann man echt über die spiegelglatten Parkplätze radeln ohne sich vor Angst in die Hose zu machen. 

Es sind -9 Grad. Unsere Wohnung ist kalt. Zwei Heizkörper sind ein Witz, selbst mit Kamin an kriegen wir es nicht in der ganzen Wohnung warm. Also holte Herr Rabe heute die Zusatzheizungen (kleine Ölheizungen auf Rollen) vom Dachboden. Der Stromanbieter dankt. 

Ich hab beim Nähen einen Bock geschossen. Genau genommen habe ich schon beim Ausschneiden des Schnittmusters einen Bock geschossen, das aber nicht gemerkt, bis ich mich heute am bereits zusammengenähten Pulli fragte, warum der Ausschnitt am Rücken genauso groß ist wie vorne. Äh ja. Da war ich wohl wegen zu vieler zu bunter Linien und gestrichelt/gepunktet/durchgezogen für vorne/hinten/gerader Schnitt durcheinander gekommen. Tjanun, so verbrachte ich heute einige Zeit damit, über das Fixen von Fehlern zu Sinnieren. Meine Strategie auch dieses Mal: es auffällig korrigieren, damit es aussieht, als wäre es Absicht. So mache ich es immer dann, wenn es sich nicht so fixen lässt, dass man den Fehler wirklich gar nicht mehr sieht oder bemerkt. 

 Bilder gibt es, wenn der Pulli fertig ist. 

Pippi die kleine Fressmaschine kommt jetzt immer aus dem Kindergarten und wetzt direkt zu ihrem Hochstuhl. Wenn man sie dann nicht reinsetzt, versucht sie unter demonstrativem Gemecker selbst reinzuklettern (Danke, Stokke, dass das nahezu unmöglich ist). Der Grund: auf dem Tisch steht meistens noch ein Rest vom Frühstücksgrøt. Und Pippi hat offensichtlich nach dem Kindergarten erstmal riesigen Hunger. Dann wird alles gegessen, was man ihr vorsetzt: der Frühstücksrest, der Rest aus ihrer Brotdose, Brot, Obst, whatever, Hauptsache schnell und viel. Heute war sie laut Herrn Rabe schon beim Abholen enttäuscht, dass keine Brotdose mit Resten in ihrem Rucksack war. Spielen macht wohl sehr hungrig. (Ich finde das gut, dann muss ich mir vielleicht nicht noch mal von der Helsesøster anhören, dass Pippi ja ruhig etwas zulegen könnte, weil sie ja „leicht unterdurchschnittlich groß und schwer“ ist.)

Tag 452 – Endlich Wochenende. 

Ich weiß auch nicht so richtig, warum, aber diese Woche war furchtbar anstrengend. Hier ist eine Mischung aus PhD-Letztjahr-Panik, Backenzahntralala und allgemeinem Autonomiephasenhorror ausgebrochen. Ich möchte am liebsten eine Woche lang schlafen, dabei hab ich gar nicht mal wenig geschlafen in letzter Zeit. Das Wachsein ist grade nur sehr anstrengend. Da bin ich dann Freitag Abend auch einfach froh um ein Glas Rotwein, ein bisschen Schoki und die letzte Folge der ersten Staffel von Sherlock (nochmal geguckt, weil wirs können!). Selbst mit Pippi halb auf dem Schoß, weil Schlafen ohne uns im Moment mal wieder gar nicht geht. 

Und jetzt: Bett. Morgen kein Wecker. Uff. 

Tag 443 – Michel goes Mikrobiologe. 

Damals(TM), kurz bevor wir nach Norwegen zogen, bekam Michel die MMRV-Impfung (also Masern, Mumps, Röteln, Varizellen), weil das in Deutschland eben dran war. Als wir dann nach Norwegen kamen, machte ich etwas Druck beim Gesundheitszentrum, damit er die zweite Dosis „schon“ mit zwei Jahren bekam und nicht erst, wie im norwegischen Impfplan vorgesehen, mit sechs. Aber die hatten nur MMR, das V ist ja hier nicht vorgesehen

Dann vergaß ich das V. 

Jetzt gehen Windpocken im Nahbereich des Kindergartens rum. Ich fing ein bisschen an zu schwitzen. 

Montag rief ich also bei der Impfstelle an (ja genau, die sonst Malariaprophylaxe machen und ab 1.11. für zwei Jahre gratis HPV für alle! (Nein. Nur für Frauen*. Und ich bin zu alt.)) und bat um schnelle Booster-Impfung von Michel. Sie sagten „Wir melden uns.“ (echt wahr!). 

Gestern meldeten sie sich. Sie hätten eine Dosis da, aber nur einen Termin diese Woche, nämlich morgen (also heute) um elf. Einfach um es erledigt zu wissen, sagte ich ja. 

Dann großes Überlegen: wie machen wir das rein logistisch? Die Impfstelle ist in der Stadt, in relativer Nähe zu meiner Arbeit. Der Kindergarten ist gute 15 Fahrradminuten von meiner Arbeit und auch der Impfstelle entfernt. Wir sollten etwas früher kommen und danach auch noch zwanzig Minuten da bleiben, falls es Nebenwirkungen gibt. Vorher in den Kindergarten bringen, dann wieder abholen und wieder hinbringen? Käse. Vorher zu Hause abhängen und nachher in den Kindergarten bringen? Käse. Ok, vorher nehme ich ihn kurz mit zur Arbeit, stelle ihn mit Mausclips ruhig, nachher bringe ich ihn in den Kindergarten. Gebongt. 

Dann saß ich heute schon an der Cleanbench, Michel guckte in sein Dinosaurierbuch (nachdem er sich rrrooooaaaarr-end vor dem Büro meines Chefs auf den Boden geworfen hatte und erklärt hatte, er sei ein Triceratops), als mein Handy klingelte. Herr Rabe klärte mich auf, der Kindergarten mache heute einen Ausflug zur Estenstadsmarka (hier wirklich wirklich riesigen Wald vorstellen), nur die Kleinen wären um die Mittagszeit im Kindergarten und für Michel hätten sie dann keine Kapazität. Ich könne Michel ja zum Ausflug hinbringen? Was wir denn jetzt machen sollen. Ich würgte ihn ziemlich unwirsch ab, weil ich ja da in Handschuhen und Kittel und mit jeden Moment gelangweilt zu werden drohendem Kleinkind saß, außerdem wollte ich das mit Michel besprechen. Ich schlug Michel alle Optionen vor, er wählte: nach dem Termin mit Mama wieder zur Arbeit gehen. Ich strich kurzerhand 2/3 des Tagespensums, verdünnte was zu verdünnen war in einem Affenzahn und dann war es auch schon Zeit, aufzubrechen. 

Die Impfstelle ist ein denkbar unromantischer Ort. Grauer PVC auf dem Boden, gelbstichiges Beige an Strukturtapete an der Wand, schwarze Kunstledersofas, Spielecke mit zerfledderten Büchern und angenagten Bauklötzen. Ich füllte den Anmeldebogen aus und dann durften wir auch schon rein. Die Helsesøster war sehr sehr nett und Michel berichtete auch entspannt aus seinem Kindergartenalltag, bis ihm durch meine Versuche, ihm den Pulli auszuziehen, bewusst wurde, was ihm drohte. Ich, total empathische Mutti, die ich bin, erklärte ihm, dass ich gut verstehen könne, dass er keine Spritze haben möchte, wer möchte schon gern Spritzen bekommen, dass aber eine Spritze viel besser sei als vielleicht dolle Fieber und Jucken von oben bis unten zu kriegen. Die erste Kosten-Nutzen-Rechnung in Michels Leben. Er leistete dann auch nur noch geringen Widerstand, durfte am Desifektionsläppchen riechen („Æsj!“) und auf meinem Schoß sitzen bleiben und die Spritze wurde relativ fix durchgezogen. Natürlich tat es ganz schlimm weh und verständlicherweise war er da auch erstmal sauer, dass ich das zugelassen habe und wollte nicht, dass ich puste. Dann bekam er ein fettes Pflaster und ein Diplom.

Impf-Diplom mit gaaaar nicht gruseligen Tieren drauf.

Weil wir dann ja eh noch 20 Minuten in der Praxis bleiben mussten und direkt eine Tür weiter ein Kiosk ist, holten wir ein Eis und einen Kaffee. Und dann las ich ein komplettes zerfleddertes Buch vor (Aristocats), ersetzte das hässlichePflaster durch ein Bärchenpflaster aus meinem Portemonnaie, erkundigte mich nach den Preisen für die HPV-Impfung (ca. 1200 NOK pro Dosis, drei Dosen) und bezahlte für Michels Impfung (780 NOK). Danach waren die 20 Minuten endlich um und wir fuhren zu meiner Arbeit. 

Dann: Spaß. Dem Kind machte ich „Es war einmal… das Leben“ an, arbeitete ein bisschen, danach hatte ich eine Stunde Zeit. Erst guckten wir meine Zellkulturen im Mikroskop an. Die Begeisterung bei Michel war mäßig. Er wollte Bakterien sehen. Ich holte eine Platte mit Bakterienkuturen. Das Kind war mäßig begeistert. Ich sagte, komm, wir machen ein Experiment. Im Baktierienraum holte ich drei Agarplatten, dann durfte Michel seinen Finger auf eine drücken. Dann Hände waschen** und nochmal auf eine neue Platte drücken. 


Zu guter Letzt prökelte ich noch mit einem Zahnstocher an seinen Zähnen rum und strich das aus. Er will so gerne mal die Pupsbakterien sehen. Wir räumten die Platten in den Brutschrank und morgen werde ich dann den Gruselbewuchs fotografieren und Michel zeigen. 

Als wir aus dem Labor kamen und Michel schon sehr aufgeregt war, aber noch eine halbe Stunde zu vertrödeln blieb, kippte eine Kollegin gerade Trockeneis in die Aufbewahrungstruhe. Trockeneis. Kalter Traum aller Kinderbespaßer. Ich holte also einen Messbecher und schaufelte ein bisschen Trockeneis hinein. Michel trug den Becher dann sehr wichtig zu meinem Laborplatz und wir warteten erstmal ein bisschen ab, wie kalt der Plastikbecher so wird und „Ooohhh, guck mal Mama, da ist Schnee draußen dran!“. Dann holte ich Michel einen Hocker, stellte den Messbecher ins Waschbecken und ließ etwas Wasser auf das Eis laufen. 

Michel stand ein bisschen der Mund offen.


Als wir fertig waren, den Nebel zu bestaunen und darin herumzuschaufeln, warf ich noch etwas Spüli in den Messbecher. Selbst mein Kollege fand es toll und zerpiekste einige Blubberblasen. 

Die Blasen sind mit weißem Rauch gefüllt.


Nach dem Spaß war es Zeit, nochmal kurz zu arbeiten (ich werde wieder ein paar Tage „Es ist schön, das Leben, es ist schön, so wunderschön, das Leben!“ als Ohrwurm haben), dann machten wir auf Wunsch des Kindes nochmal Quatsch mit Trockeneis und dann fuhren wir Pippi abholen. Michel schlief dabei im Hänger ein, das sah sehr niedlich aus. Am liebsten hätte ich mich dazu gelegt, das war ein sehr unproduktiver und anstrengender Tag. 


*als würden Frauen das einfach so aus der Luft bekommen. Orrrr. (Und übrigens: Penis- und Analkrebs. Aber was weiß ich schon.)

**ein Schelm, wer dabei denkt, ich würde es auf den Schockeffekt absehen ;)

Tag 441 – Die bekloppten Deutschen wieder. 

Vor sechs Monaten oder so schnitt ich bei der Helsesøster mal das Thema Impfen an. Konkret wollte ich wissen, ob es möglich ist, Pippi auch gegen Windpocken impfen zu lassen, obwohl das nicht Teil des norwegischen Impfplans ist. Unsere Helsesøster – Maria  – sagte, dass sei sehr vernünftig von mir, Windpocken brauche ja auch echt kein Mensch, und mit mehreren Kindern sei man ja auch gerne mal nen kompletten Monat mit kranken Kindern zu Hause, das sei ja auch wirtschaftlich und gesellschaftlich absurd, dass die Impfung noch nicht Teil des Programms ist. Aber es werde wohl überlegt, sie aufzunehmen, so wie es ja in Deutschland auch der Fall ist. Ich fragte nach, wie das denn dann zu bewerkstelligen sei, sie sagte, ich müsse mir (bzw. Pippi) beim Hausarzt den Impfstoff verschreiben lassen, dann müsse ich den in der Apotheke holen (und selbst bezahlen) und dann einfach damit zur Helsestasjon kommen, die machen dann die Impfung selbst. Sie wisse aber auch nicht genau wann die gegeben werden soll, das müsste aber der Hausarzt wissen. 

Vor acht Wochen oder so war ich dann mit Pippi wegen irgendwas mit Fieber bei der Hausärztin – Eli. 

Ich: „… und dann wollte ich noch um ein Rezept für den Impfstoff gegen Windpocken bitten.“

Eli: „Hmmhmm. Darf ich fragen, warum? Ich hab da noch keinen komplizierten Verlauf gesehen.“

Ich: „Ich finde das ist eine unnötige Qual, wenns schlimm kommt juckts von oben bis unten, dazu Fieber und ne höhere Wahrscheinlichkeit, später im Leben mal Gürtelrose* zu bekommen, find ich muss nicht sein.“

Eli: „Naja gut, wenn Sie meinen. Sind Sie denn sicher, dass sie das noch nicht hatte? Das geht ja in Kindergärten oft rum, dann haben wir hier die Praxis voll.“

Ich: „Nee, bisher hatten wir das noch nicht im Kindergarten.“

Eli: „Hmm. Wie heißt denn der Impfstoff?“

Ich: „Ähh, keine Ahnung. In Deutschland ist das ein Kombiimpfstoff mit MMR.“

Eli: „Ah, dann wird das mit MMR zusammen verabreicht?“

Ich: „?!?“

Eli: „Ich suche das mal raus und dann ist das Rezept online abrufbar.“

Dann passierten Dinge (Portugal, Geburtstag, Deutschland…), jedenfalls vergaß ich den Impfstoff rechtzeitig vorzubestellen. Am Freitag fiel mir ein, dass wir ja Montag (also heute) den MMR-Impftermin bei der Helsestasjon haben. Ich rief also bei der Hausarztpraxis an:

Ich: „Ja hallo, ich wollte mal fragen, ob das Rezept für den Windpocken-Impfstoff verfügbar ist?“

Sprechstundenhilfe: „Wieso denn Rezept? Gehen Sie nicht zur Helsestasjon?“

Ich: „Doch, klar, aber das ist ja gegen Windpocken, den Impfstoff muss ich selbst besorgen.“

SH: „Ahhh, Windpocken. Ja, das geht auch grad wieder um. Hmm ich schau mal… Ja, Varivax, das ist hier. Können Sie in der Apotheke holen.“

Bestimmt kann man das nicht mal eben in der Apotheke holen, so Impfstoffe haben ja meist ein recht kurzes shelf life und da ich ja scheinbar recht exotisch mit meinem Wunsch nach Impfung bin, wäre die Apotheke ja schön blöd, wenn die sich das auf gut Glück aufs Lager legen würden. Also rufe ich Apotheken an. Und behalte Recht. Lieferdauer ca. eine Woche. Tja, machste nix, dann muss sie halt zwei Spritzen an zwei Tagen bekommen, denke ich. Ich Google kurz und finde beim Paul-Ehrlich-Institut die Info: entweder zusammen mit MMR oder mindestens vier Wochen Abstand. Ok, dann wird eben MMR ne Woche verschoben, ist ja jetzt auch schon wurscht, denke ich. 

Heute bei der Helsestasjon:

„Hallo, ich bin Dings, die Vertretung von Maria.“

[…]

Dings: „Ist sie denn gesund heute? Kein Fieber? Weil heute eine Impfung dran ist.“

Ich: „Ja, da wollte ich fragen, ob wir das auf Ende dieser oder Anfang nächster Woche verschieben können, ich hab nämlich Windpocken-Impfstoff bestellt und der ist noch nicht da.“

Dings: „Windpocken? Aber das machen wir nicht.“

Ich: „Ich weiß, deshalb habe ich das ja auch extra bestellt.“

Dings: „Haben Sie das vom Hausarzt? Dann muss der das machen. Wir machen nur die Impfungen, die Teil des Programms sind.“

Ich: „Hmm, also die Maria hat mir das bei einem unserer Termine anders erklärt, sie sagte, ich solle den Impfstoff einfach besorgen und herbringen und Sie machen das dann.“

Dings: „Nein, das macht höchstens die Impfstelle**. Wir machen das nicht.“

Ich: *ratloses Gesicht*

Dings: „Ich frage mal die anderen. Wenn die Maria gesagt hat, dass das so geht…“ *verschwindet für fünf Minuten*

Dings: „So, ich habe jetzt mit den anderen gesprochen, wir machen da mal eine Ausnahme. Wenn Maria ihr OK gegeben hat, ist das so. Ist Pippi denn eine Risikogruppe?“

Ich: „Nein, ich möchte einfach, dass sie geimpft wird. In Deutschland ist es Teil des Programms, ich möchte dem folgen.“

Dings: „Und Sie sind sicher, dass sie das noch nicht hatte? Das geht ja hier in der Gegend grade wieder um, haben grade alle hier.“

Ich: „Nee, bisher in unserem Kindergarten nicht.“

Dings: „Hmm. Und der Arzt hat sein Ok gegeben? Und bestätigt, dass das mit MMR gegeben werden soll? Wir machen das ja nicht, wir wissen da nicht Bescheid.“

Ich: „Hmmmjaja…“

Dings: „Gut, dann machen wir hier mal einen Termin, am Montag? 12:15?“

Ich: „Mitten am Tag ist ehrlich gesagt denkbar schlecht.“

Dings: „Hmmmmmm, mal sehen… 08:20?“

Ich: „Ja, das geht viel besser.“

Dings: „Gut, dann bis Montag.“

Im Kindergarten, Pippis Bezugserzieherin:

„Haben die zwei eigentlich Windpocken gehabt? Weil, der Große Bruder von A. hat das gerade.

Begonnen es hat. Jetzt hoffen bis Montag. 

*Das heißt auf Norwegisch „helvetesild“ = Höllenfeuer und ich habe gehört, das trifft es ganz gut. 

**Die machen Impfungen gegen Gelbfieber und so.