Tag 439 – Vier. 

Hier jetzt der kombinierte Nachtrag aus Geburtstag und Kindergeburtstag. In chronologischer Ordnung. 

An seinem Geburtstag weckte ich Michel gegen sieben. Wie immer murchte er zunächst im Bett rum und wollte nicht recht aufstehen, als ich aber sagte „wer nicht aufsteht, kann auch nicht Geburtstag feiern…“ war er sofort hellwach und hüpfte quasi aus dem Bett. Er spazierte zum Esstisch, machte ein paar Mal „Oh!“ und „Hääää?“ in seiner quatschigen Michel-Art, freute sich über die Kuchen und die Geschenke und die Krone und überhaupt alles. Davon gibt’s leider keine hier zeigbaren Fotos, das müssen Sie sich jetzt eben so vorstellen, wie er da in seinem geringelten Schlafi mit der riesigen Krone auf dem Kopf und leuchtenden Augen vor seinem Kuchen und Geburtstagskranz und Geschenken sitzt. Wir machten kurz ab, dass er sich drei Geschenke aus dem Haufen aussuchen durfte, den Rest sollte er sich für nach den Kindergarten aufheben. Überraschenderweise sagte er „Okeeehh.“ und noch überraschender danach „Mama? Darf ich ein Stück Wurmkuchen?“. Was für ein überaus höfliches Kind ich doch manchmal habe. 

Wurmkuchen, vom Verein „Pro Fettsucht“ empfohlen dank einer Tonne Zuckerguss.


Natürlich durfte er Kuchen zum Frühstück und natürlich durfte das auch Pippi – die konnte ihr Glück kaum fassen. Bunter Kuchen zum Frühstück. Der Hammer. Dann wurden Geschenke ausgepackt, bestaunt (vor allem die Fahrradlampe und der Hund) und dann: „Jetzt müssen viele Kinder kommen!“ Tja, mein Kind, es ist Dienstag morgen halb acht, Du gehst gleich in den Kindergarten, ganz sicher kommen nicht viele Kinder gleich hierher. Kurze Krise.

Dann Kindergarten, da durfte er gleich die große Fahne mit draußen aufhängen, die anzeigt, dass jemand Geburtstag hat, da war alles wieder schön. Während der Arbeit machten Herr Rabe und ich mit H.s Mutter (H. ist Michels bester Freund) ab, dass wir H. nach dem Kindergarten mit nach Hause nehmen würden. Diesmal holten wir die Kinder zusammen ab, die waren grade alle auf dem Bolzplatz, und Michel und H. blubberten direkt und synchron auf uns ein: „H. søp mææ?““bli mee hjem““feire Burtstag!““spis kaaaake???“. Ich beantwortete soweit ich die Fragen verstand und so nahmen wir drei glückliche Kinder mit, eins davon mit der im Kindergarten gebastelten Geburtstagskrone auf. Auf der auch immer der Name steht. Auf dem Weg liegt eine Kneipe, vor der ein Barthipster herumhing, Michels neuester Tick ist, dass er alle immer nach ihrem Namen fragt. 

„Du? Hva heter du eenklich?“

„Jeg? Jeg heter Sigurd.“

„Jeg heter Michel. Og det er H. Og Babyen heter Pippi.“

H. wirft ein: „Jeg skal bli med hjem!“

„Jeg heter Michel Rabe eeenklich.“

„Hmmhmm. Gratulerer med dagen, forresten.“

„Jeg er sånn nå! *zeigt vier Finger* En, to, tre, fiiideeee! Kom, H., spise kake!“

(Das Ganze auf Deutsch:

„Du? Wie heißt du eigentlich?“

„Ich? Ich heiße Sigurd.“

„Ich heiße Michel. Und das ist H. Und das Baby heißt Pippi.“

„Ich soll mit nach Hause kommen!“

„Ich heiße Michel Rabe eigentlich.“

„Hmmhmm. Herzlichen Glückwunsch übrigens.“

„Ich bin jetzt so! Eins, zwei, drei, vier! Komm, H., Kuchen essen!“

)

Nach diesem für alle amüsanten Rückweg gab es zu Hause Kuchen, noch mehr Geschenke, und dann Spielen für die Jungs, wir machten Bratnudeln mit Ei, dann essen, mehr spielen, hin und wieder  noch ein bisschen Kuchen essen und dann war um viertel vor sieben Michels Akku alle. Er brach mit H. einen Streit vom Zaun und heulte sich dann auf meinem Schoß ordentlich aus. Ich war als Kind genau so. Kein Geburtstag ohne Heulerei. Stressbewältigung. Jedenfalls kam H.s Mutter direkt als ich den schluchzenden Michel im Arm hielt und dachte (natürlich) ihr Sohn hätte irgendwas verbrochen, wir klärten aber sofort auf, H. ging nochmal aufs Klo und dann waren wir alleine und komplimentierten den nun Vierjährigen ins Bett. Er schlief sofort ein und kurz drauf taten wir es ihm nach, total im Eimer, aber glücklich. 

Heute war dann endlich der Tag, an dem viele Kinder kamen. Zwar nicht zu uns, aber trotzdem. H.s Mutter hatte vorgeschlagen, zusammen auf einem Schulbauernhof zu feiern. H. wird nämlich nächste Woche fünf. Norweger haben kein Problem damit, vorzufeiern. Ich finde das zwar komisch, aber für uns wars gut und die zwei hätten eh die gleichen Kinder eingeladen. Ich wollte eigentlich um elf los, aber dann schliefen wir alle bis halb neun und manche von uns bis halb zehn und alle waren irgendwie langsam, dann eskalierte Michel wegen H.s Geschenk („Ich will auuuch so Dinosaurier!!!“) also saßen wir erst um zwanzig nach elf mit Minikuchen, Pizzaschnecken und Co. im Auto. Eigentlich sollten wir ja um halb zwölf da sein, es wurde dann eher zwanzig vor und ab da war alles so stressig, dass ich kein einziges Foto gemacht habe. 

Mini-Guglhupfe Haufenweise. Als würden 30 Kinder kommen.


Wir bliesen Luftballons auf, Herr Rabe packte Goddies in bags, M. packte Essen aus. Nach ca. drei Minuten und schon vom Luftballon zuknoten tauben Fingern kamen die ersten Gäste. Ich hielt Pippi davon ab, die Minikuchen alle einzeln anzulecken und Michel davon, sämtliche Geschenke sofort auszupacken, blies dabei weiter tapfer Ballons auf, machte Konversation mit den abliefernden Eltern und wollte schon direkt nach Hause. Dazu ein eiskalter, ziemlich starker Wind. Zum Glück ging das Programm mit Ponyreiten fix los. Das Pony war zwar einigen Kindern zu groß (Michel auch), aber die die nicht reiten wollten spielten friedlich mit den Traktoren und Erdhaufen und sauten sich ordentlich ein. Ich warf derweil (immernoch Pippi von den Kuchen fernhaltend) Pizzaschnecken und Würstchen und Maiskolben auf den Grill, Herr Rabe machte Fotos und M. betreute das Ponyreiten. Nach einer knappen halben Stunde reiten gab es dann Pizza und Pølse am Lagerfeuer auf Rentierfellen, das war schon ziemlich cool. 

M. nahm nach dem Essen dankenswerter Weise die Kinder die mussten mit auf eine Tour zum Klo und dann wurden wir zu den Tieren gebracht. Erst die Schweine: es wurde viel erklärt, dass Schweine sehr reinlich sind und gar nicht dreckig, dabei beobachteten wir sehr chillige Schweine im Stroh. Wie riesengroß Hausschweine werden, wenn man sie nicht schlachtet, wusste ich ehrlich gesagt nicht, dabei hab ich nie an lila Kühe geglaubt oder so. Aber die Muttersau wog sicher an die 250 kg und ging mir im Stehen locker bis zur Taille. Dazu ein riesiger Schädel mit tellergroßen Ohren. Imposante Erscheinung und so einer Sau möchte ich lieber nicht im Dunkeln begegnen. Oder sonst wie ohne Gatter dazwischen. Huffz. Aber die Kinder fanden es toll. Danach waren die Ziegen, Schafe und Kühe dran, die darf man sogar streicheln, ist halt ein Schulbauernhof und die Tiere sind tiefenentspannt. Manche von den Kindern hatten da schon mehr Berührungsangst. Aber auch da: kein Stress, kein Geheul, kein Streit, alles gut. 

Um spontanem Nährstoffmangel entgegenzuwirken, aßen wir danach Kuchen und tranken Kaffee und Brause dazu. Dann durften die zwei Geburtstagskinder eeeeendlich ihre Geschenke auspacken. Michel bekam auch Dinosaurier, was ein Glück! Pippi futterte derweil ziemlich ungestört zwei Minikuchen und mehrere Hände voll „Potetgull“, Kartoffelgold, also Chips. Ich glaube, sie war heute das glücklichste Kind von allen. 

Abgeschlossen wurde die Feier mit ins-Heu-springen. Das war insofern praktisch, als dass da endlich mal alle Kinder mit Begeisterung dabei waren und es gleichzeitig nicht viel Betreuung braucht: so konnten wir schon mal die drölfzig herumfliegenden Pappbecher, Teller und Geschenkpapierfutzel wieder einsammeln. So langsam trudelten auch die Eltern wieder ein, manche aßen noch ein Stück Kuchen, alle bekamen ein kleines Goodiebag mit Überraschungsei (Michel ist total heiß auf Überraschungseier und musste jeden darauf hinweisen: „Du? Vet ka? Det er Überraschungsei!“) und dann waren wir abermals endlich alleine. 

Im Auto sprach ich mit M. über Bier und Schnaps. 

Zu Hause waren wir alle zwar platt und durchgepustet vom Wind und stinkend vom Lagerfeuerrauch, aber sehr zufrieden und glücklich. Doch. Schön wars. (Und nächstes Jahr wieder kleiner!)

Tag 437 – Die Hochzeit. (Die in Bielefeld.)

Heute auf dem Programm: der Grund unserer Reise nach Bielefeld. Die Hochzeit meines Schwagers. Also Herrn Rabes jüngsten älteren Halbgeschwisters, mit seiner Frau, die sind nämlich schon neun Jahre standesamtlich verheiratet, heute folgte der kirchliche Teil und zwar ökumenisch in der Neuapostolischen Kirche. Soviel vorweg (Achtung, Spoiler!): es war das komplette Kontrastprogramm zur Hochzeit letzte Woche.

Erstmal: sich fertig machen und so, das klappt ja ohne Kinder auch irgendwie besser als mit. Letzte Woche war ich 40 Minuten zu früh fertig. Heute verkrümelte Pippi noch 15 Minuten nach der angepeilten Abfahrtszeit Maiswaffeln während ich hektisch Dinge in Rucksäcke stopfte (Lätzchen, Snacks, Windeln, Schlafanzüge, Draußensachen, Mützen, Puschen…), dann vergaß Herr Rabe noch sein Jackett, sodass wir noch mal umdrehen mussten. Am Ende waren wir zwei Minuten vor Beginn der Trauung in der Kirche. Puh. Aber unentspannt.

Minipferd mit Hut und Schleife. Und Nagellack.


Die Kirche. Also ich kann ja eh mit Kirche nichts anfangen, dann wurde auch noch versucht, mich mitsamt der potentiellen Krawallstifterin Pippi in den Mutter-Kind-Raum abzuschieben (eine Art schallisolierte Kammer mit Glasscheibe zum Kirchenraum, mit Lautsprechern, damit man die Predigt hören kann, die Gemeinde aber die furchtbar nervigen Kindergeräusche nicht), kurz: meine linke Augenbraue war schon wieder kurz vorm Haaransatz, als es losging. Wir trällerten dann fröhlich (manche) bis resigniert (ich) ein Lied in dem es viel um Vergebung und den Herrn und Gnade und so ging, währenddessen glotzte mir Pippi dauernd auf den Mund, das muss sehr komisch ausgesehen haben. Oder geklungen, obwohl ich nicht schlecht singe, piepsig vielleicht, aber ich treffe die Töne oder lasse es mit dem Singen ganz sein. Naja, danach hatte Pippi keine Lust mehr auf Stillsitzen, wir probierten es daraufhin doch kurz mit der Isolationshaft Mutter-Kind-Abteilung, aber da wollte Pippi auch nicht bleiben also wanderten wir durch die Kirche. Irgendwann war Ringtausch (die Ringe wurden von einem der Shetlandponys der Braut hereingetragen, das war schon sehr niedlich), Kuss, fertig, Anstehen zum Gratulieren. Gratulation, danach: eeeewiges Herumstehen. Es waren aber noch einige etwas zu spät zur Trauung gekommen, die begrüßten wir noch, zum Beispile Herr Rabes Cousinen plus Babys. Dabei ein Moment der Irritation, daran kann ich mich immer noch nicht gewöhnen:

Cousine S.: „Ich bin ja Fan.“
Ich: „???“
Cousine S.: „Ich les jeden Tag deinen Blog. Das ist wie so ne Sucht.“
Ich: „Oh! …“

Cousine S. hat übrigens das niedlichste Baby der Welt. Man vergisst ja so schnell, wie klein so kleine Babys anfangs sind.

Beim Herumstehen gab es außerdem noch einen kleinen Eklat: Herr Rabes Onkel hatte Michel vollmundig bei der Begrüßung ein Geschenk versprochen und hatte es dann aber zu Hause vergessen, das nahm Michel nicht ganz so positiv auf. Da hockte ich also 10 Minuten mit heulendem Kleinkind auf dem Boden, bis er sich ausgeheult hatte und es weiterging zur Party. Natürlich musste Michel dann doch nochmal aufs Klo („Nein, Michel, wir gehen ganz bestimmt nicht hier aufs Baumklo, das ist eine Kirche, hier gehen wir rein!“ – „Ooorrrr, das ist gar keine Kirche, die hat gar keinen Turm!“) und hatte dann plötzlich so riesigen Hunger, dass der Hungertod nah schien, also verfütterten wir während der zwanzigminütugen Fahrt fast eine ganze Tüte Knabberigel an die meuternde Brut auf dem Rücksitz.

Dann: die Feier. Im Kreuzkruuuch in Großdoaanbeaach, wie man in Bielefeld sagt. Das ist alles ziemlich, ähh, urig da. Urig as in Holzvertäfelung. Und urig as in „Wie, es gibt Leute, die kein Fleisch essen???“. Aber was will man machen, Herr Rabes Familie feiert da seit Anbeginn der Zeiten alle Familienfeste. Familien-Reunions, runde Geburtstage und jetzt eben auch Hochzeiten. Holzvertäfelung hin oder her. Aber irgendwie passt es zu Herrn Rabes Familie, da tragen ja auch Menschen gerne mal Bärchen- oder Snoopy-Krawatten zu solchen Anlässen, und irgendwie schaffen Herr Rabe und ich es grundsätzlich overdressed (und over-make-upped, ich zumindest) zu sein, wenn seine Familie feiert. Bei meiner Familie passiert mir das fast nie, da brezeln sich die meisten sehr gerne auf. So sagte ich auch zu Herrn Rabe, der im Vorfeld wegen des an der Schulter nicht ganz perfekten Sitzes seines schmal geschnittenen Dreiteilers besorgt war: Das ist deine Familie, das sieht keiner. Meiner Oma oder meinem Cousin würde das auffallen, bei deinen Leuten… Naja. Wir haben trotzdem noch eine neue Krawatte für ihn gekauft, weil halt (und wenn ich weiß, das sich da was farblich beißt, kanns so dunkel gar nicht sein, und der Alkohol gar nicht so viel dass ich das vergesse). Apropos Alkohol: Herr Rabe und ich beschlossen, dass wir nach dem Glas zum Anstoßen aushandeln würden, wer uns alle nach Hause fährt. Nach dem Glas lieblichen (!!!) Sektes, eigentlich schon nach dem ersten Schluck, verzichtete ich dann dankend auf weitere solche Experimente und hielt mich für den Rest des Abends an Kaffee, Wasser und Cola fest. Und an meinen Kindern. 

Überhaupt die Kinder. Erstaunliches Durchhaltevermögen. Zwischen Ankunft im Kreuzkruuuch und Essen spielten sie schon recht fröhlich, es waren ja auch noch andere Kinder da, es gab also genug Partner für „Tanzen“ (=Rennen) und sonstigen Quatsch. Dabei blieben sie aber immer niedlich und unauffällig, quasi Vorzeigekinder, allesamt. Zum Essen (urig…) schaufelten dann zumindest meine Kinder einen Haufen aus der Rinderbrühe gefischte Nudeln und ein paar Pommes in sich rein, turnten dann wieder kurz und aßen dann jeder einen kompletten Nachtisch. 

Wir Erwachsenen schnackten über dies und das, das war alles sehr nett, doch, auch wenn man natürlich keine Zeit dafür hatte, mit allen zu sprechen. Dann aber wurde nach dem Essen das Tanzen eingeleitet, da war es dann schon aufgrund der Lautstärke vorbei mit dem Unterhalten. Und leider driftete der DJ nach den ersten drei Liedern „Pop Aktuell“, die ich mit Pippi auf dem Arm tanzte (mit Pippi, die sich jauchzend, giggelnd und hüpfend an meinem Kleid festhält, macht Tanzen fast so viel Spaß, wie ohne) ziemlich schnell erst Richtung 80er-Jahre-Pop und dann zu Schlager ab. Ich hasse Schlager. Echt. Herr Rabes Cousinen machten sich auch vom Acker, verständlicherweise, wegen langer Heimfahrten, ebenso der lustige Onkel, es blieben nur der nicht ganz so lustige aber dafür sehr verrückte Onkel und der Patenonkel mit der Bärchenkrawatte. Aus Verlegenheit schaukelte ich erstmal die inzwischen (es war neun) total fertige Pippi in den Schlaf. Dann legte ich sie in den Kinderwagen, wo sie, zerschossen wie sie nach einem 13-Stunden-Tag mit nur 10 Minuten Mittagsschlaf war, trotz der Lautstärke erstmal weiterschlief. Ich trank mit Herrn Rabe einen Kaffee und wir stellten fest, dass es unser 9. Jahrestag war, zumindest der offizielle, nachträglich festgelegte (ja, das war alles etwas chaotisch damals, als wir „einfach nur total gute Freunde“ waren), dann war Herr Rabe plötzlich weg und ich würde von einer meiner Schwägerinnen über die Demenz meiner Schwiegermutter (es geht rasant bergab, ziemlich schlimm mit anzusehen) vollgeschwafelt, und wie sie mit Demenzkranken mal gearbeitet hat und die eine, die war erst vierzig, die vergaß wie man isst und ist dann verhungert… Da war ich dann kurz fast froh, dass sich Michel mit den anderen Kindern und wegen totaler Erschöpfung über irgendwas in die Haare gekriegt hatte und ich ihn trösten musste. Ich schleppte also den 17 kg schweren Michel auf dem Arm herum, der wurde dann auch immer schwerer und schlief nach ca. 2 Minuten sang- und klanglos ein. Mein Glück, denn so bekam ich den von Herrn Rabe und seinen Schwestern aufgeführten Sketch (!!!) nur am Rande mit und entging überdies der direkt danach durchgeführten Polonaise (!!!). Passend zum Syrtaki (!!!) wurde Pippi wach, also holte ich sie mit auf meinen Arm. Da saß ich also, begraben unter Kindern und war damit nicht allzu unzufrieden. 

Pippi schaut entgeistert dem Syrtaki zu.


Danach mussten wir leider, leider gehen. So schade. (Tatsächlich wurden wir noch belabert, zu so ner kitschigen Knicklicht-Ballon-steigen-lassen-Aktion zu bleiben. Nur ganz kurz. Es war sehr kalt, die Kinder meckerten im Halbschlaf, alles dauerte ewig und was Anzünden wäre vielleicht wenigstens insofern sinnvoll gewesen, als dass es warm gewesen wäre…)

Alles in allem: skurril wie es nur meine Schwiegerfamile schafft, aber irgendwie schön auch. 

Tag 433 – Ähm. 

Pippi hat irgendwas. Seit ein paar Tagen hat sie dauernd die Finger im Mund und sabbert auch ordentlich, Profi-Eltern denken da natürlich sofort an Zähne, zumal sie ja auch erst vier Schneidezähne hat. Einen neuen Schneidezahn vermutete ich auch schon im Oberkiefer, allerdings nicht so richtig kurz vorm Durchbruch. 

Dann sah ich heute Nachmittag einige weiße Flecken an ihrer Zunge. Ich vermutete Soor. Dann brüllte sie nach dem Essen plötzlich wie am Spieß, wir wechselten ihre Windel und sahen kleine Pustelchen. Ich vermutete weiterhin Soor und fragte bei Twitter obs dagegen was rezeptfrei in der Apotheke gibt. 

Ich bekam eine Antwort (von einer Ärztin), es könne auch Hand-Fuß-Mund sein. Das Brüllen (also Schmerzen) spräche dafür. Auch die Punkte auf der Zunge, ohne Belag. Ich möchte nicht, dass sie HMF hat, weil ich das mal mit Michel hatte und eine Woche lang nicht essen konnte, so voll war mein Mund mit offenen Stellen. Das war die Hölle. Das wünsche ich keinem. 

Sie wurde wieder wach, brüllend. Wir gaben ihr ein Zäpfchen, denn offenbar tat ihr ja was sehr weh. Ich versuchte, die Stellen in Pippis Mund zu fotografieren, es klappte nicht, denn: sie waren irgendwie weg. 

Dafür fand ich einen halben Backenzahn oben rechts. 

Dann aß Pippi nach ungeheurem Gebrüll ein halbes Hörnchen. Jetzt sitzt sie friedlich neben mir und wischt sich die Zunge mit Feuchttüchern ab. Total glücklich. Und ich weiß auch nicht. 

Update: zehn Minuten später kam sie angemurcht, legte sich auf meine Brust und – schlief einfach ein. 

Mein komisches Kind.

Tag 427 – Wie krass ist das denn?

Vor Monaten sagten hier Menschen, ich solle doch den Montag nach Portugal frei nehmen, damit ich Zeit hätte, Michels Geburtstag vorzubereiten. Hätte ich mal auf Sie da draußen gehört! Stattdessen war ich natürlich heute arbeiten, machte natürlich jede Menge Zeug und zwei Überstunden, um dann schon total gerädert hier noch Kuchen zu backen, zu dekorieren und Herrn Rabe für seine Einpackkünste zu bewundern. 

Tja, und jetzt wird morgen mein Baby schon vier, ich kann es selbst kaum glauben, aber es ist wohl so. Vor vier Jahren um diese Zeit wartete ich immer noch auf irgendein Zeichen, dass es bald losgehen würde, es passierte aber einfach nix und ich fürchtete mich schon ein bisschen vor dem Frauenarzttermin am nächsten Morgen um acht, bei 41+0, weil ich nicht wirklich scharf auf eine Einleitung war. Tja, und dann war Michel plötzlich doch noch vor acht da, also rief Herr Rabe erst seine Eltern, dann meine Mutter und dann den Frauenarzt an und dann stießen wir mit der Besten auf das alles an, den ganzen verrückten Scheiß, der in den letzten paar Stunden passiert war, ich legte Michel das erste Mal an, er saugte direkt und sie sagte zu mir: Jetzt kriegst du so richtige Muttinippel. 

Damit hatte sie Recht. 

Und damit, was sie zwischen zwei Presswehen zu mir sagte, auch. 

Gleich bist du Mama! Wie krass ist das denn?

Tag 423 – Weshalb ich manchmal froh bin, dass mein Körper meine Pläne durchkreuzte. 

Es ist mal wieder Zeit für einen Disclaimer: ich werde im Folgenden meine Gedanken zu sehr dicht aufeinander geborenen Kindern beschreiben. Ich will in keinster Weise sagen, dass alle Eltern mit Kindern in kleinem Abstand überfordert sind, oder dass irgendwelche Abstände generell  schlechter oder besser wären. Nur meine Gedanken. K? K.

Heute in der Metro vom Flughafen in Porto in die Stadt saß eine Familie. Beziehungsweise saß nur die Mutter, der Vater stand. Auf dem Schoß hatte die Mutter ein ca. anderthalb Jahre altes Kind, neben ihr turnte ein ca. zweieinhalb Jahre altes Kind herum und ein ca. vierjähriges Kind flitzte dauernd von Mama zu Papa und zurück. Ja, genau, das ist so ziemlich so dicht zusammen as it can be. Die Kinder waren allesamt niedlich und machten ihrem Alter entsprechend Quatsch. Der Große baumelte an den Sitzen, der Mittlere  stand auf dem Sitz und drückte sein Gesicht an die Scheibe, der Kleine wusste nicht so ganz was er wollte, zog sich an Mamas Nase hoch und ließ sich dann wieder hinplumpsen. Der Kleine machte auch Kindstypische Geräusche, aber alles im Rahmen, keins der Kinder störte irgendwie krass oder benahm sich total daneben oder brüllte alles zusammen. 

Die Mama sah müde aus. Sehr müde. Grunderschöpft. 

Und ich dachte: das hätte ich sein können. Ich wäre genau so. Ganz genau so. Ich wollte immer vier Kinder und ein Alterabstand von maximal zwei Jahren erschien mir erstrebenswert. Als Michel dann ein Jahr alt war, war ich in der Probezeit, außerdem war mein Zyklus kein Zyklus sondern das reinste Chaos, dazu hatte Herr Rabe keinen Job, kurz: wir verhüteten kräftig weiter. Als Michel dann anderthalb war war klar, wieso mein Zyklus komisch war: ich hatte eine Schilddrüsenüberfunktion, musste Hemmer nehmen, mit aktiver Hyperthyreose soll man bitte nicht schwanger werden und Sorgen hatte ich plötzlich auch genug andere. Kurz: wir verhüteten kräftig weiter. Dann war Michel zwei und die Stoffwechsellage halbwegs ok, der Zyklus aber nach wie vor nicht zyklisch. Ich dachte ehrlich, an dem Tag wäre noch keine „Gefahr“ schwanger zu werden. Tjanun, ein Dreiviertel Jahr später war Pippi da. 

Aber eigentlich wollte ich das immer anders. Dichter beieinander sollten die Kinder sein, damit sie „noch miteinander spielen können“. Meine eigene Familie und die heute im Zug hat mir gezeigt: ach Quatsch. Wenns passt, dann passts. Fast drei Jahre Altersunterschied bei Michel und Pippi führen jedenfalls im Moment noch nicht dazu, dass sie nicht miteinander spielen können. Der Große der Familie heute kam bestens mit dem Kleinsten zurecht und umgekehrt. Der Mittlere hingegen ärgerte seine beiden Brüder bei jeder Gelegenheit, piesackte den Kleinen und sprang dem Großen auf den Rücken. Die Mama schien das schon gewohnt. Müde wies sie den Mittleren zurecht, versuchte ihn anders zu beschäftigen, versuchte ihm Aufmerksamkeit zu geben, was aber sofort von einem der anderen durchkreuzt wurde. Sie gab dem Kleinsten Blaubeerweingummi und zog ihm hundertmal die Schuhe wieder an, die er sofort wieder auszog. Sie versuchte den Großen im Zaum zu halten, der kreuz und quer über die Sitze und Passagiere stieg und wirkte bei all dem einfach nur erschöpft und resigniert. Der Vater stand etwas unbeteiligt rum und beschäftigte sich immer nur mal kurz mit dem Großen, wenn der vom Generve des Mittleren die Nase voll hatte. Aber mindestens 90% der Zeit und 100% der Erziehungsarbeit waren Ding der Mutter. Sie war immer liebevoll, verstehen Sie mich da nicht falsch, aber ich hatte das Gefühl, sie wird keinem der Kinder wirklich gerecht, Ihrem Partner vielleicht nicht und sich selbst sicher nicht und sie weiß das. So wirkte sie auf mich. Als wüsste sie, das das alles nicht optimal läuft, dass drei Kinder unter vier, die zeitgleich an einem hängen, unheimlich viel ist, vielleicht manchmal zu viel. Als wüsste sie, dass der Satz „Hör auf!“ wenn zehnmal pro Minute in drei verschiedene Richtungen ausgesprochen längst zu einer hohlen Phrase verkommen ist. Und ich weiß: ich wäre genau so*. Ich wäre genau so müde, resigniert und latent traurig. Genauso verliebt in meine Kinder. Und am Rande des Wahnsinns. Knapp drei Jahre Altersunterschied kann ich stemmen. Mehr wäre vermutlich auch ok. Weniger auch, aber es wäre anstrengender. Heute bin ich dankbar, dass mein Körper den ursprünglichen Plan so nicht mitgemacht hat. Und ich bin Pippi dankbar, dass genau sie sich zu genau dem Zeitpunkt einfach eingeschlichen hat. 

*das, meine Damen und Herren nennt man Projektion: ich dichte meine vermeintlichen Unzulänglichkeiten der anderen Mutter an, um dann von außen drüber herzuziehen. Ist natürlich bestimmt alles nicht so, es ist ja auch nur eine Momentaufnahme, von außen betrachtet. Weiß ich ja alles.

Tag 412 – Titeldummie. 

In meinem Kopf heute nur konfuses. 

Nächste Woche fahre ich schon nach Portugal. Das ist ziemlich verrückt. 

Der Chef besprach mit jemand anderem die Ergebnisse von meinem Experiment. Niemand sprach mit mir. Der Chef sagte „Ich muss nachdenken.“ und schloss die Tür zu seinem Büro hinter sich. Das macht er sonst nie. 

Die GEZ-Scheiße ist immer noch nicht vorbei. Es lässt einen schier verzweifeln, obwohl das alles über nen Anwalt läuft. Trotzdem: zum dritten Mal die Ummeldebestätigung aus September ’13 scannen, weil die jetzt behaupten, ich sei „laut Ihrer Unterlagen“ ja mindestens bis April ’15 beitragspflichtig, ist überaus nervtötend. (Ich auch übrigens völlig alleine. Herr Rabe wurde noch gar nicht mit 7000 €- Nachforderungen beglückt. WARUUUUUM???)

Nach einer Odysee der Nachbarschaftskommunikation über Nachrichten-Gruppen habe ich endlich Feuerholz bestellt. Es wird nächste Woche geliefert. Der Holzmann (nicht der vom letzten Jahr!) will wissen, ob er noch mehr liefern soll. Meine Motivation, das gerade so geschlossene Fass wieder aufzumachen und zu fragen, ob wer noch mehr Holz haben will, geht gegen null. 

Ich wollte für Herrn Rabe was ganz tolles zu Weihnachten nach Deutschland bestellen, also so dass wir das jetzt im Oktober mitnehmen können, und das gibt es (noch?) nicht. 

Michel hat übernächste Woche schon Geburtstag. Aaaahhhh!!! (Noch kein Geschenk besorgt, er soll nen Schwimmkurs kriegen, aber man kann sich noch nicht anmelden, Partyplanung hab ich so halb wegdelegiert an M., deren Sohn und bester Kumpel von Michel die Woche drauf 5 wird, wir wollen eventuell zusammen feiern, die Gäste wären wohl eh zu 90% redundant und Norweger haben absolut kein Problem mit Vorfeiern.)

Michel sorgt sich immer noch über Kampfflugzeuge und ob wir im Falle einer Flucht wohl Spielzeug und alle (!) unsere Bücher mitnehmen könnten. 

Pippi mag nicht einschlafen im Moment, ich glaube sie weiß selbst nicht so ganz, was sie will, mal will sie raus aus der Trage, dann will sie wieder auf den Arm, dann Trage, aber bitte mit Mama in den Hals kneifen, dann schlägt sie mich plötzlich oder dreht meinen Kopf weg, dann schlingt sie wieder ihre Ärmchen um meinen Hals und zieht mich ganz nah ran: das ist alles sehr wirr. Das geht dann so zwanzig Minuten, dann schläft sie doch ein und dann erstmal wie ein Stein. 

Ich habe gestern mein Fahrrad repariert. Das Hinterrad hatte sich nach vorne geruckelt, ich nehme an eine ungute Kombi aus Anhänger und Kopfsteinpflaster ist schuld. Gestern war ich dann doch etwas panisch und ließ das Rad zu Hause, fuhr mit dem Bus zur Arbeit und ging zu Fuß zurück. Reparierte unter Einsatz aller meiner Muttisport-gestählten Muskeln das Rad und fuhr heute mit gutem Gewissen und festem Reifen wieder Fahrrad. 

Ich machte Pizza und wollte zwischendurch alles hinschmeißen. Kack Teig, einen Tacken zu klebrig, dann hings am Schieber fest, Käse auf meinem schönen Backstein. Hrmpf. Aber lecker. Sogar Michel aß ein Stück eines Stücks weißer Pizza mit Lachs, gegrillter Zucchini und frischem Rosmarin. Ich konnte meinen Augen kaum glauben. 

So müde, dass mir die Augen zufallen. Gute Nacht!

Tag 411 – Jagdflugzeuge. 

Unweit von Trondheim, ich glaube in der Nähe des Flughafens, ist ein Truppenübungsplatz der norwegischen Luftwaffe. Deshalb düsen hin und wieder Kampfflugzeuge über Trondheim. Vor kurzem fing Michel damit an, jedesmal begeistert „Jagerfly! Jagerfly!“ (Jagdflugzeug) zu rufen, wenn er eins hörte. Nun ist es so, dass ich seit dem Balkankrieg (Danke, Papa, für den Satz „Milosevic zettelt noch den dritten Weltkrieg an.“, der ist nie wieder aus meinem Gehirn weggegangen) eine tief verwurzelte Angst vor Krieg habe, ich war ja selbst noch echt klein und da kamen all diese Familien mit Kindern in meinem Alter und wir wussten: die fliehen vor dem Krieg. Dem, der so weit gar nicht weg ist. Dem, den wir im Fernsehen manchmal sehen. Aus dieser Angst heraus bin ich Pazifist, wohl auch weil ich immer gerne alles rational verstehen können will und Krieg nun mal nicht logisch ist. Jedenfalls erklärte ich Michel, dass Jagdflugzeuge Kriegsmaschinen sind und ich die deshalb nicht gut finde und mir wünsche, es gäbe die nicht. Auf Nachfragen erklärte ich ihm dann auch wozu man Kampfflugzeuge benutzt: um andere Flugzeuge abzuschießen und um Bomben abzuwerfen. Um Leute zu töten. Diese Informationen waren offensichtlich zu viel für Michel (es tut mir so leid, ehrlich! Da sind die Pferde mit mir durchgegangen!) und sie brauchten zwei Tage um in seinem kleinen Kopf viel Mist anzurichten. Heute beim Essen war er dann erst scheinbar grundlos wütend und dann traurig. Irgendwann kam er auf meinen Schoß gekrochen und schluchzte heraus:

M: „Ich will nicht, dass Jagerfly kommen und unser Haus kaputt machen!“

Ich: „Aber das tun sie ja auch nicht!“

M: „Aber wenn Krieg kommt dann kommen Jagerfly und [unverständliches Schluchzen]“

Ich: „Aber es kommt ja hier kein Krieg hin…“

M: „Doch! Ich merke das!“

Ich: „Nein mein Schatz, hier kommt kein Krieg hin. Und selbst wenn würden wir dann woanders hingehen. Wo kein Krieg ist.“

M: „Aber dann müssen wir ja Flugzeug fliegen und dann schießen uns die Jagerfly ab!“

Ich: „Neineinein mein Schatz, die schießen nicht auf solche Flugzeuge. Außerdem können wir ja auch Auto fahren. Und wir würden früh genug gehen. Meistens merkt man das vorher, wenn Krieg kommt, da hat man noch etwas Zeit, woanders hinzugehen.“

Herr Rabe: „Du kennst doch Tiba, von der Maus. Die sind doch auch nach Deutschland gekommen, weil in ihrem Land Krieg ist. Die sind ja auch weggegangen. So würden wir das auch machen.“

M (rollt sich immer kleiner auf meinem Schoß ein): „Ich will nicht dass einer kommt und unser Haus kaputt macht. Dann können wir kein Essen mehr kaufen. Und dann müssen wir verhungern [weint furchbar].“

Ich: (mit wachsendem Kloß im Hals) „Aber es kommt ja keiner und macht unser Haus kaputt. Ich verspreche dir, dass hier kein Krieg hinkommt. Und wenn gehen wir weg. Ich passe doch auf dich auf!“
M: „Aber vielleicht bist du dann auch tot!“

Ich (wirft alle Pläne, nie die Kinder anzulügen über Bord): „Nein mein Schatz, ich bin bestimmt dann nicht tot.“

M: „Warum?“

Ich (Kloß erreicht Tränendrüsen): „Weil ich ja auf euch aufpassen muss! Deshalb bin ich nicht tot. Ich passe immer auf dich und Pippi auf.“

M: „Hmm… Ich hab noch Hunger, kannst du mich füttern?“

Damit war das Gespräch für ihn beendet, aber mir hing es noch lange nach. Mein Baby (wollte ja auch gerne mein Baby sein, siehe Füttern) macht sich so viele Gedanken und diese ganze schlimme, unlogische, nicht erklärbare Sache belastet ihn viel mehr, als ich geahnt habe. Ich würd ihm die Angst ja gerne nehmen, aber kann nicht (jedenfalls nicht aus voller Überzeugung), weil ich ja selbst Angst habe. Ich kann halt wirklich nur versprechen, dass, solange ich lebe, ich alles tun würde, um ihn und Pippi zu beschützen. Alles. Ich würd ihn am liebsten schon vor solchen Gedanken beschützen. Oder sie löschen können. Draufpusten und weg sind sie und ich hab meine große kleine Quatschnase zurück. 

Und dass meine allerallerallergrößte Angst die durchaus reale ist, dass ich sie eben nicht vor allem beschützen kann (Liebeskummer, Viren, Mobbing, Krebs, Unfälle, …) verrate ich ihm einfach am besten erst, wenn er groß ist. Größer als knapp vier. Eher so vierzig. Vielleicht. 

Grüße von der schlechtesten Mutter der Welt, die ihr Kind so überfordert hat.

Tag 409 – Samstag in Bildern. 

Menschen, die ihr „Blog Frau Rabe“ googelt: Hallo! Willkommen in meiner chaotischen Welt! Dies ist sowas wie mein Tagebuch, nix groß politisches, viel Kinderblabla, manchmal Zeug über meine Arbeit, manchmal Zeug über Norwegen. Ich hoffe, das enttäuscht Sie jetzt nicht total.

Außerdem möchte ich aus Gründen mal nach Finnland rüberwinken! Kippis! (Mehr Finnisch kann ich leider nicht, ich stelle mir das auch super schwer zu lernen vor, oder?)

So, jetzt ist aber auch genug des Vorabgeplänkels. Es folgen ein paar Impressionen von heute. 

Frühstück und so ohne Bilder. Frühstück halt, Besonderheit vielleicht die frischen Brötchen, die Herr Rabe wegen akuter Backfaulheit seiner Frau heute früh holte. Waren aber nicht so der Knüller und ziemlich teuer. Nach dem Frühstück gab es etwas Reibereien zwischen den Kindern: Michel spielt gerne mit Dingen direkt vor Pippis Nase, rastet dann aber aus, wenn sie ankommt und es antatscht. Ja, sie macht dann auch mal Duplogebäude oder Zugschienen kaputt oder isst ein Gemälde, aber tjanun, dann soll er mit seinem Krams woanders hingehen, die Wohnung ist wahrlich groß genug und ich kann Pippi ja auch nicht anbinden. Naja, jedenfalls brüllte Michel in einer Tour „NEIN! NEINEINEIN!!! Mamaaaaa! PIPPI WEGNEHMEN!!!“ was mich dezent auf die Palme brachte, allerdings schaffte ich es diesmal, nicht die Kinder anzuschreien, sondern steckte sie einfach in die Badewannen. Das klappte wunderbar. Plötzlich spielten sie friedlich, Michel gab Pippi was von seinem Kochgeschirr, das er in die Wanne mitgenommen hatte, ab und beide plantschten vergnügt vor sich hin. 

Michel ist bald echt einfach zu groß für die Wanne, was machen wir dann nur als Deeskalationsprogramm?


Während die Kinder badeten und ich duschte kaufte Herr Rabe ein und besorgte ein Geschenk für Michels Kumpel E., der am Donnerstag 4 wurde und heute feierte. Als er wiederkam empfingen ihn drei fröhliche, wohlriechende und streichelzart eingecremte Menschen, mit Kleidung an und geföhnten Haaren. Ich bin darauf ein bisschen stolz, ja. Außerdem rief Michel zur Begrüßung: „Papa! Mama un ich Muffins machen!“.  

Endlich sind die Backmischungen der Schwägerin alle.


Nach einem kurzen Mittagsschlaf für Pippi und Muffinbäckerei und Geschenk einpacken ging es los zu E.s Geburtstag. Da waren ca. 1000 Leute und ich war davon dezent überfordert, also hielt ich mich an Pippi fest. 

Pippi steht auf Autos. Das hier ist sogar ein Transformer, der sich nach dem Ausflug in den „Sand“kasten nun etwas schwerer transformieren lässt, als vorher.


Auf dem Geburtstag war auch ein großer Spiderman (E.s Onkel), den fand Michel, der sonst dauernd von Spiderman redet (Spiderman boxt so cool, das macht er gerne vor. Er hat Spiderman noch nie gesehen, weder als Comic noch als Film.) ziemlich unheimlich. Beim Geschenke angeln traute er sich dann aber doch wieder von meiner bzw. Herr Rabes Seite. 

Mein ganzer Stolz: man kann keins von den fremden Kindern richtig erkennen.

Wir blieben nach dem Aufräumen noch auf einen schnellen Kaffee, weil die Kinder noch spielen wollten. Pippi atmete schnell die Reste an Blau- und Erdbeeren ein, ich überlegte, wie ich den furchbaren Kaffee, der sicher schon drei Stunden in der Thermoskanne zugebracht hatte, runter kriegen sollte. Ich entschied mich für kurz und schmerzlos, exte die Tasse, als sie nur noch lauwarm war, hielt mit Mühe meine Gesichtsmuskulatur im Zaum und bekam postwendend Sodbrennen. Ziemlich bald drauf fuhren wir nach Hause. 

Der Kindergeburtstag hat Opfer gefordert.


Pippi war auf der Rückfahrt eingeschlafen und wachte auch nicht auf, als wir sie ins Bett legten. Genau genommen wachte sie bis zum Abendessen nicht mehr auf. In der Zeit, in der sie schlief, räumte ich etwas auf. 

Vorher. Es fehlen: zwei Feuerwehrleute, ein Papagei, ein Panda, Trauben, das Herz, ein pinker und ein blauer Fisch und zwei Bauklötze.

Nachher. Ich fand auch noch den Papagei. Der Rest ist weder unterm noch im Sofa, noch im Regal. Vermutlich in irgendeiner Spielzeugkiste.


Nach dem Essen (Rest von gestern) wurde unter den kritischen Blicken der Kunden am Lernturm gebaut. 


Sie denken jetzt vielleicht, dass die gar nicht kritisch aussehen, sondern eher wie Quatschnasen in Schlafanzügen, aber das täuscht. Michel hat’s schon voll raus. Sowohl das Posen fürs Foto als auch kritische Anmerkungen. „Zwei Schrauben!“ und „Nein, das muss da so nach innen!“ und „Das dauert mir zu lange!!!“ – Herr Rabe tat mir schon etwas leid. 

Tag 407 – Schneller Mix. 

Morgen ist ein Mini-Symposium, zu dem ich gehe. Das fängt um 08:20 an, ich möchte gerne um 07:30 mit den Kindern hier los, es ist schon spät aber dafür alles vorbereitet: Brotdosen, Frühstück, Klamotten rausgelegt und mein Kleid ist auch noch fertig geworden. 

Wenn der Mann von mir komische Posen verlangt („Schultern zurück! Noch mehr! Noch mehr! Und jetzt das Kinn nach vorne!“) kommt das dabei raus.

An das Klamotten selber nähen könnte ich mich gewöhnen. Das macht Spaß, entspannt (wenn man nicht grad fünf Zentimeter vor Ende der letzten Naht neuen Unterfaden aufspulen muss) und man hat am Ende Dinge, die einem wirklich gut gefallen. Zum Beispiel weil sie voller Pinguine sind. Und Taschen haben. 

Im Ballettbody sieht man die ganze Pracht der Kalbsschnitzel sehr deutlich. Stellte ich heute so ganz achtsam beim Blick in den Spiegel fest. Und stellte auch fest: is schon ok. Is alles ok so. At peace with my body. 

Das hässliche Tattoo der einen hübschen beim Ballettkurs ist jetzt nicht mehr ganz so hässlich. War wohl vor ein paar Wochen noch frisch, inzwischen erkennt man mehr Details. Aber gefallen tuts mir immer noch nicht. Ich hoffe ihr schon. 

Apropos. Vermutlich finden die Mädels beim Ballett mein Tattoo* auch nicht ganz so hübsch. Ich seh es ja quasi nie. Aber ich weiß, dass die Linien inzwischen recht breit gelaufen sind und die Schattierungen nicht mehr ganz so schön. Wäre eigentlich Zeit, das mal nachstechen zu lassen, aber die Erinnerung an die Schmerzen hat sich die letzten 12 Jahre ganz gut gehalten. 

Pippi hatte einen richtig guten Tag im Kindergarten. Schlief 2 Stunden (im Bett, alleine!!!), aß Brot und Obst und Joghurt und spielte sehr fröhlich im Sandkasten. Da lief sie auch herum, zum Erstaunen der Betreuer*innen, die das so noch nicht gesehen hatten. Drinnen läuft sie schon mehr, aber da hat sie ja auch keinen Michelinmännchen-Parkdress an. Es ist sehr sehr erleichternd, zu sehen, dass sie im Kindergarten inzwischen eine gute Zeit hat.

Michel zieht keinen Michelinmännchen-Parkdress mehr freiwillig an und deshalb braucht er im Moment täglich für den Kindergarten ne neue, gewaschene Hose. Und wir waschen uns nen Wolf. 

Frustrierender Mist bei der Arbeit, aber dafür werden die Proben für das Nature-Paper jetzt endlich gemessen. 

Das wars. Gute Nacht!

*Eine Elfe. Nackt. Auf meiner Schulter. Is schon ok so ;)