Tag 380 – Das erste Mal: Zahnärztin. 

Pippi hat seit bestimmt 10 Wochen (oder mehr?) was am Zahn. Wir vermuten, es hat sich ein Stück Blaubeerschale unters Zahnfleisch geschoben. 

Das Bild musste ich machen, als sie schlief, sie lässt sich nämlich absolut ungern in den Mund gucken.


Anfangs waren wir nach einer kurzen Phase des Wunderns, ob es nicht auch ein blauer Fleck sein könnte, tiefenentspannt. Was von alleine da hin gekommen ist, kommt auch wieder raus. Oder so dachten wir. Es passierte aber nichts. Das Ding bewegte sich kein bisschen, es entzündete sich aber auch nicht, und so war ich weiterhin etwas argwöhnisch, aber entspannt. Der Körper wirds schon richten. Dachte ich. Ich fragte auch mal bei Twitter, und da beruhigten mich die meisten (inklusive eines Zahnarztes): is wahrscheinlich gar nicht schlimm, aber lieber mal nen Zahnarzt draufgucken lassen. Da war es inzwischen Juli, das Ding da schon seit vier Wochen und die Zahnärztin natürlich im Urlaub. 

Dann kam meine Schwägerin zu Besuch, ihres Zeichens Neonatologin mit Proffessur und so. Und die war gleich total aus dem Häuschen, redete von Zahnverlust und Platzhalterfunktion und googelte schon nach Kieferchirurgie in Trondheim. Die Zahnärztin war weiterhin im Urlaub und ich versuchte krampfhaft, entspannt zu bleiben. Das Ding störte Pippi nicht, es entzündete sich nicht, es war da schon ewig, auf zwei Wochen kommts da auch nicht mehr an. Das war mein Mantra. Jedenfalls war ich nicht beunruhigt genug, um die Kieferchirurgen Zahnärzte Trondheims durchzutelefonieren, statt darauf zu warten, dass die kommunale Zahnärztin, für die Kinder nicht dazuzahlen müssen, aus dem Urlaub kommt. 

Anfang August probierte ich mal wieder telefonisch mein Glück und bekam einen Termin für den 31. Tja, nicht optimal, andererseits (ich wiederhole mich): Auf vier Wochen kommts da auch nicht mehr an, nach sechs Wochen mit dem Ding…

Der Termin wurde schlussendlich von der Praxis nochmal vorverlegt und so waren Pippi (komplett verrotzt und mit Fieber, aber was willste machen) und ich heute bei der Zahnärztin. Die war die netteste Person ever, hatte total viel Verständnis für unser „lieber mal gucken lassen“ und Pippis „hä? Ich zeig der doch nicht mein Ding, die kann mich mal!“ und war total tiefenentspannt*. Solange es nicht entzündet sei, sei das erstmal gar nicht schlimm. Wenn es sich bewegen lässt, eh nicht, dann komme es früher oder später von selbst raus. Klar könnte man da jetzt ins Zahnfleisch ein Loch reinpieksen und es rausholen, aber das wäre ja Quälerei für das Kind. Erstmal sollen wir es selber probieren, wenn sie schläft oder entspannt zu Hause ist, nach oder vor dem Zähneputzen, ganz egal, einfach vorsichtig versuchen, das Ding nach oben zu schieben oder mit Zahnzeide so weit unter das Zahnfleisch zu kommen, dass wir es bewegen und vielleicht rausholen können. Jedenfalls bekam ich noch Prökelwerkzeuge und Zahnseide mit Halter mit, Pippi bekam einen Flummi geschenkt und das wars schon. Insgesamt ein sehr erfreulicher Zahnarzttermin! Pffft, Kieferchirurg. 

Demnächst auf diesem Kanal: wie Pippi und die Finger abbiss. 

* btw auch die einzige Person, die ich kenne, die Handschuhe in verschiedenen Größen trägt (rechts rosa, links weiß) weil die eine Hand größer als die andere ist. Und ich kenne echt viele berufliche Handschuh-Träger. 

Tag 377 – Witzig ist hier nicht. 

Ich wollte eigentlich einen möglicherweise amüsanten Eintrag über Verkehrsteilnehmer schreiben, aber dann lag ich wieder zwei Stunden im Beistellbett und da verflog wirklich jeder Humor. Und das auch noch nachdem ich mein Abendessen ultraschnell runterwürgte, weil die müde Maus schon heulend an meinem Bein hing. 

Ehrlich, das macht mich fertig. Jeden Abend das gleiche Gehampel, nach dem Stillen denke ich, sie schläft, aber sobald ich versuche, meine Brust aus ihrem Mund zu ziehen, nuckelt sie weiter. Wenn ich sie trotzdem abdocke, weil ich es einfach nicht ertrage, dieses Gezuppel und Genuckel und VERDAMMT NOCH MAL, ES IST MEIN KÖRPER! dann schreit sie. Wenn sie dann irgendwann doch mal eingeschlafen ist, hab ich vielleicht genug Zeit um mich zu waschen und Zähne zu putzen, bevor sie wieder wach wird und das Spiel von vorne anfängt. 

Jeden Abend verbringe ich so. Michel mal ins Bett bringen „dürfen“ ist was Besonderes. Wäsche aufhängen abends eh. Wenn ich dann noch ganz genau weiß, dass das Abendbrot inklusive Käse und so weiter noch auf dem Tisch steht, oder dass ich noch die Brote für morgen machen muss, oder dass ich noch meinen Kram fürs Yoga morgen früh packen muss, oder einen Gstbeitrag schreiben… Dann eskaliert hier alles. Dann heulen hinterher sämtliche Damen des Haushalts, Herr Rabe muss kommen und das brüllende Kind nehmen, egal obs dann noch mehr brüllt. Weil ich sonst wirklich ausraste. Und irgendwie geschiehts ihm ja recht, das Abendbrot hätte er ja in den letzten zwei Stunden mal wegräumen können, oder die Brotdosen packen, oder vielleicht mal reagieren bevor hier die Hütte brennt. Aber letztlich will ich eigentlich nur, dass sie schläft, damit wir danach mal Zeit für uns haben. Das bleibt nämlich komplett auf der Strecke bei dem ganzen Terror. Mal wieder nen Tatort sehen, oder ne Serie (NICHT Family Guy, diese Stimmen ey, ich kriegs am Kopf!), zusammen, ach das wär was. 

Tag 376 – Pssssst!

Ich glaube, sie schläft endlich. 

Pippi und das Einschlafen. Ein Spaß, sage ich Ihnen! Heute lief es mal wieder so, dass sie zwar hundemüde war (nur 40 Minuten Mittagsschlaf im Kindergarten, da klappt das nämlich auch eher so mäßig mit dem Schlafen) und auch begeistert zum Einschlafstillen andockte, dann aber nicht richtig einschlief. Wenn ich merkte, dass sie nur noch nuckelt, dockte ich sie ab, sie regte sich auf, ich seufzte und wir stillten weiter. Ca. Drölfzig Mal ging das so, mehr als eine Stunde. Irgendwann reichte es mir und ich zog mich an und erklärte ihr, dass ich das nicht will, dieses Dauergenuckel. So hatte ich das gestern auch gemacht und nach kurzem Protest schlief sie gestern dann einfach so ein, ohne Brust, nur mit Kuscheln*. Heute nicht. Sie brüllte und brüllte, schmiss sich in der Gegend rum und brüllte. Gefühlt ewig, in echt wahrscheinlich eher 10 Minuten versuchte ich sie zu beruhigen, aber sie wollte nichts, nur Brust. 

Irgendwann kam ich auf die brillante** Idee, einen Schnuller zu holen. Und siehe da: sie nuckelte am Schnuller, kuschelte sich an mich, schloss die Augen und…

… machte sie wieder auf, weil ihr eingefallen war, dass sie den Schnuller ja noch gar nicht untersucht hatte. Also wurde der Schnuller erstmal von allen Seiten beäugt, ich erklärte ihr dass das ein Schnuller sei, ein Dings, extra zum Nuckeln, fast so gut wie Brust, nur halt keins meiner Körperteile. Sie steckte ihn in den Mund, ließ ihn rausploppen, steckte ihn wieder rein, drehte ihn hin und her, stand auf, warf den Schnuller aus dem Bett, wollte ihn wieder haben, bekam ihn wieder, setzte sich auf meinen Brustkorb, spielte mit dem Schnuller und irgendwann, begleitet von meinem Gesumme und locker mit dem Kopf an meine Nase gelehnt, schlief sie endlich ein. 

Mit dem Schnuller in der Hand. Nach fast zwei Stunden. 

* und dann schlief sie IM BEISTELLBETT DURCH! Ich war so irritiert, dass mein Unterbewusstsein mich um fünf weckte um zu gucken, ob sie noch lebt. 

** Menschen mit Kindern, die immer schon Schnuller nahmen, lachen jetzt. Aber wir haben ja bei Pippi eh schon alles versucht und die Schnuller eben schon gedanklich fast eingemottet. 

Tag 374 – Baba Wien!

Mit W-Lan sitzen wir wieder im Bus vom Flughafen nach Hause. Michel sitzt neben mir und ist erstaunlich wach, Pippi sitzt vor mir und schläft. 

Heute morgen trafen wir meinen „kleinen“ Cousin, der zwar drei Jahre jünger als ich, aber einen guten Kopf größer und inzwischen Pilot bei Austrian Airlines ist. Mit ihm und seiner Freundin gingen wir frühstücken und dann fuhr er uns zum Flughafen (und auf dem Rückweg noch die Kindersitze zurück). Wir schrieben noch vom Flughafen aus eine Postkarte, weil es Briefmarken nur im Viererpack gegeben hatte und noch eine übrig war und dann war es auch schon Zeit zu Boarden. Eine kleine Katastrophe war dann, dass Michel (!) Leibesvisitiert werden musste, der sich mit Händen und Füßen wehrte und den wir leider zwingen mussten (Stichwort ‚Nein heißt Nein‘, haha, vielen Dank, Wiener Flughafensecurity). Tjanun, auch das überstanden wir und es war sogar noch ein bisschen Zeit für einen Kaffee. 

Flug eins war dann grauslich, ruckelig die ganze Zeit und mit Luft-Hopser kurz vor der Landung (und dass wo man ja weiß, dass die meisten Unfälle kurz vor der Landung und kurz nach dem Start sind) und naja, wasser- (schwitze- und Tränen-) festes Make-Up ist schon sinnvoll für manche (also mich). 

Fast fünf Stunden Aufenthalt in Amsterdam, Kinder müde gespielt (dachten wir, war aber dann ja nur bei 50% so), bisschen Kram gekauft, ultra lange am Wok-Stand angestanden, dabei den Feed-Reader leer gelesen, danach was gegessen, huch, Zeit schon rum, wieder Boarding. 


Flug zwei dann quasi Bilderbuchmäßig, Gepäck ist auch angekommen, jetzt gleich zu Hause. Puh. 

Schön wars. 

Tag 369 – Man soll den Morgen nicht vor der Abfahrt in den Kindergarten loben. 

Dies ist eine Geschichte, wie ein guter Morgen sich in einem Moment zur totalen Katastrophe entwickeln kann. Leider ist die Geschichte wahr und uns heute morgen so passiert. 

Alles war super und wir total im Zeitplan. Das passiert nicht oft und ich war schon ganz stolz auf uns alle. Um halb acht fuhr Herr Rabe zur Arbeit, wir waren alle angezogen, die Kinder hatten gefrühstückt, die Zähne waren auch geputzt. Brotdosen gepackt und verstaut, wir waren wirklich abfahrbereit. Aber ich wollte nicht so früh schon los, außerdem hatte ich noch keinen Kaffee getrunken. Also machte ich mir einen schön großen Kaffee Latte. Dann, die Kinder spielten friedlich, fiel mir ein, dass ich ja die Schnecken meiner Kollegin mitgeben wollte, damit sie (und ihre Kinder) auf sie während unseres Wientrips aufpassen. Also holte ich ne Box und noch ne Box und füllte mit Michel Erde in beide und buddelte die Schnecken aus und fand Papa-Schnecke nicht, bis ich an den Deckel des Terrariums guckte, wo Papa-Schnecke friedlich schlafend hing. Naja, nach ordentlichem Einsprühen und vorsichtigem Gezuppel hatte ich dann Papa-Schnecke mit einem lauten „Schnuck!“ in der Hand, Michel kam mit den Rest-Muffins von gestern (ekelhaften Zuckerbomben, die Schwägerin brachte Backmischungen mit, die müssen weg, was will man machen…) und erzählte was von „morgen für die Reise einpacken“, wir gingen in die Küche um die Schnecken weiter zu verpacken. Ich trank weiter meinen Kaffee und überlegte, ob die Schnecken wohl zwei mal zwanzig Minuten in einer Tupperdose ohne Luftlöcher überleben und entschied mich für ja. Bröselte noch etwas Erde auf die Schnecken in der Tupperbox und…

… warf den Kaffeebecher um und auf den Boden. Kaffee überall, auf mir, auf dem Boden, vermischt mit Blumenerde auf der Arbeitsplatte, tropfend an den Küchenschubladen. Ü-ber-all. Der Kaffeebecher ist auch ein physikalisches Wunder, wie sonst kann aus einem nicht mehr vollen 300 mL-Glas mindestens ein Liter Kaffee auslaufen? Mir entfleuchte ein unbeherrschtes, aber tief empfundenes „FUUUUUCK!“. Michel, auf der anderen Seite des Kaffeesees, fing sofort an zu weinen. Untröstlich. Schreck, darüber, dass der Kaffee einfach umfiel, über das Schimpfwort, über die Sauerei. „Du musst besser aufpassen, Mama! Du nicht aufepasst!“ heulte er und ich versuchte ihn zu beruhigen und zu erklären und DAFÜR ZU SORGEN DASS ER EINFACH DA STEHEN BLEIBT UND NICHT DURCH DIE PFÜTZE RENNT während ich mich auszog: Pulli, Shirt, Hose, Socken. Nur Unterhose und BH waren verschont geblieben. Dann wischte ich die Sauerei auf, erstmal einen Korridor, damit Michel zu mir konnte, dann Michel weiter tröstend den Rest. In die Schubladen war der verfluchte Kaffee auch gelaufen. Ich wischte und wischte und Michel beruhigte sich langsam. Irgendwann sah die Küche halbwegs passabel aus und die Zeit wurde jetzt doch knapp. Ich wusch meine Hände und stopfte meine eingesauten Klamotten direkt in die Waschmaschine, noch zwei, drei andere Sachen dazu, und ab dafür. Michel ging gucken, was Pippi macht.

„Mamaaaaa! Pippi spielt mit Muffins!“ Überschnappende Stimme. Ach du kacke. Mir schwante böses. Und tatsächlich. „Michel, hast du die Muffins hier offen stehen gelassen?“ Kraftlos und immer noch in Unterwäsche sank ich auf den Wohnzimmerhocker. Michel brach sofort wieder in Tränen aus. Pippi verstand die Welt nicht mehr, sie war eben noch so stolz gewesen und so glücklich. Zwei Muffins hatte sie aus der Form gepult, ordentlich das Papier abgezuppelt und die Muffins aufgegessen, dabei sich, die Spielküche und den Fußboden komplett eingekrümelt und mit „Chocolate flavored sugar frosting“ eingeschmiert. Und jetzt saßen hier ihre Mama, den Tränen nahe, und der große Bruder, heulend vor Wut, weil sie seine Muffins gegessen hatte. Pippi fing sich aber von allen am schnellsten und pulte noch schnell den dritten Muffin aus der Form. Das weckte meine Lebensgeister, ich erwachte aus meiner Schockstarre und nahm ihr den Muffin ab, steckte ihn zurück in die Form und stellte die Form oben auf den Küchentresen. Holte einen feuchten Lappen, wischte Pippi ab, diskutierte mit Michel die Möglichkeiten zur Muffinbeschaffung, wischte die Spielküche ab, hörte mir Michels „Ich will, dass Papa uns in den Kindergarten bringt! Du nicht laut sein!!!“ an, gab mir Mühe nicht direkt wieder laut zu werden, schrubbte Zuckerpampe vom Boden, erklärte zum drölfzigsten Mal, dass Papa eben früh los muss, damit er sie früh wieder abholen kann. Irgendwann war ich fertig, pflückte Pippi vom Esstisch und ging mir was frisches anziehen. Stopfte Papa-Schnecke, die schon zur Flucht ansetzte, in die Tupperbox zurück und machte den Deckel zu. Öffnete ihn wieder wegen schlechtem Sauerstoff-Gewissen, packte die Box in eine Tüte und machte ein paar Gummis drum, damit nicht die Erde (und die Schnecken) rausfallen. Packte alles in meinen Rucksack, pflückte Pippi vom Esstisch, zog den Beiden was an, zog mir Jacke und Schuhe an, nahm zwei kleine und einen großen Rucksack auf die Schultern und Pippi auf den Arm, bat Michel, die Tür zuzumachen. Stellte fest, dass mein Fahrradschlüssel noch drin war. Setzte alles ab, schloss auf, holte den Schlüssel. Pflückte Pippi von der vierten Stufe nach oben, bat Michel, wenigstens einen Rucksack zu nehmen, verstaute Rucksäcke, Pippi und so weiter im Anhänger, bekam den Anhänger erst nach drölfzig Versuchen und ebensovielen (sehr leise gemurmelten) Flüchen ans Rad, stellte fest, dass ich am Wochenende die Schraube an der Schnellspanner-Halterung für die Bremse vorne nicht nachgezogen habe und das Ding immernoch furchbar klappert. Stellte Michel, der vor lauter Hampelei mit seinem Fahrrad umgefallen war, wieder auf die Füße. 

Und so fuhr ich mit fast einer Stunde Verspätung los zum Kindergarten.

P.S. No snails were harmed during the production of this blogpost. Sie sind gut in meinem Büro angekommen und wurden dann direkt umgesetzt in die große „Ferienbox“. Begeistert waren sie von der Tour allerdings nicht und krochen erstmal hektisch herum. 

Tag 367 – Zehn Minuten. 

Zehn Minuten ist der Tag noch lang. Das ist machbar. Heute war nämlich auch nicht so wirklich viel los. Ist ja auch wirklich ganz schön, wenn man am Wochenende nicht arbeiten muss. Trotz Kindern, die um halb acht auf sind, trotz Wut-Michel, der für seine Maus tausend Dinge (best of heute: Rutsche, Schwimmbrille, Schlitten) einfordert, trotz Pippi, die man jedes Mal, wenn man am Esstisch vorbei geht, von selbigem pflücken kann, trotz Bügelwäsche und diversen Maschinen, die zwar trocken aber nicht zusammengelegt sind. Alles egal, wir haben uns. Am Ende sprang sogar Pärchenzeit für uns Große raus. <3

Tag 364 – Gewöhnungsbedürftig. 

Tja, also Pippi sollte ja inzwischen im Kindergarten eingewöhnt sein. Nach norwegischem Standardplan jedenfalls. Tatsächlich läuft es eher so mäßig. 

Langfristiges (haha, also eher so: übernächste Woche) Ziel ist Kindergarten von spätestens acht bis mindestens vier, dann schaffen wir beide unsere Jobs ohne allzu spät zu Hause zu sein. Bisher sind wir bei ca. 8 (und das funktioniert auch nicht so ganz, weil Pippi nicht im Kindergarten frühstücken will) bis 14:30 Uhr, was halt nur mit Sommerarbeitszeit und Stillfrei und mit schlechtem Gewissen der Arbeit gegenüber geht. Herr Rabe hat logischerweise kein Stillfrei und muss außerdem Stunden so richtig aufschreiben, der kann nicht dauernd früher gehen. Also bin ich gefragt und es stinkt ziemlich, zum Einen eben wegen der Arbeit und zum Anderen, weil ich mir so morgens das Geheul und nachmittags die Berichte („Hat so viel geweint heute und gar nichts gegessen…“) der Erzieherinnen anhören muss. 

Nachdem die Eingewöhnung bei Michel im gleichen Alter eine Sache von drei Tagen war und Pippi ja sogar ihren heiß geliebten großen Bruder als das ultimative Übergangsobjekt dabei hat, hatte ich die Hoffnung, dass die Eingewöhnung bei ihr easy peasy sein würde. Aber da habe ich die Rechnung ohne mein großes kleines Kind gemacht. Denn Pippi weiß halt was sie will, und das ist 1. Mama und 2. Papa. Und das versucht sie durchzusetzen, mit allen Mitteln. Man muss sagen, es liegt wirklich nicht am Kindergarten oder den Personen da: alle sind sehr herzlich, es wird auf sie eingegangen, sie wird getragen und darf kuscheln, wenn sie will, man nimmt sich viel Zeit für sie und versucht es hinzubekommen, dass sie eine gute Zeit hat. Aber sie will halt nicht. Deshalb schreit sie viel (aus Enttäuschung wenn ich gehe und wenn ich komme, höre ich von unten schon ihr Wutgebrüll), sie schläft kaum und sie isst kaum. Interessanterweise juckt es sie auch gar nicht, dass ihr Bruder da ist. Dafür ist Michel noch ein bisschen mit durch den Wind, weil Pippi so viel brüllt. Verdammt, wieso klappt denn nichtmal das*?

Und ich so, toughe Mama, die ich so gern wäre? Mit bricht es das Herz. Ich zweifle alles an: den Kindergarten, mein Lebensmodell, dieses Land: alles kacke und mein Baby leidet so und überhaupt. Rational weiß ich, dass es keinen besseren Kindergarten geben könnte, grade für so ’schwierige‘ Kinder wie Pippi. Ich weiß auch, dass ich vor Langeweile eingehen würde, würde ich sie stattdessen zu Hause betreuen. Dass wir uns das Leben hier mit nur einem Job schlichtweg nicht leisten können (zumindest nicht in der Wohnung, in der wir grade wohnen und in der ich mich sauwohl fühle). Das weiß ich alles. Aber trotzdem kommt da die Rabenmutter-Sozialisation, gepaart mit Bindungstheorie-Halbwissen und versehentlich gelesenen dogmatischen Blogbeiträgen aus mir raus und ich fühle mich schrecklich und wie der letzte Mensch, dass ich meinem Kind das antue, obwohl es doch so offensichtlich nicht will. 
Ich hoffe wirklich, dass sie sich bald dran gewöhnt hat. Wirklich. Und nein, zu Hause bleiben ist einfach keine Option. 

*Eigentlich hatte ich eher Angst, dass Michel dauernd als Tröster herhalten muss und sich zu sehr verantwortlich fühlt. So ist es aber auch kacke. 

Tag 361 – Bekloppt. 

Ich dachte so: Hmm, Sonntag arbeiten und den Versuch machen, das ist voll gut, da komme ich keinem in die Queere und hab auch umgekehrt meine Ruhe. Und so an die 120 Platten, das ist doch machbar. 

Dann schwitzte, rannte und pipettierte ich heute von 07:45 bis 16:15 Uhr, mit einer 15 Minütigen Mittagspause als ich wegen Unterzuckerung schon kurz vorm aus den Latschen kippen war. Aaaaaalter, war das anstrengend. Ich kroch quasi auf dem Zahnfleisch nach Hause…

… und um 21:45 Uhr wieder ins Labor, wegen der 12-Stunden-Probe. Ich muss komplett verrückt geworden sein, als ich den Versuch plante. An solchen Tagen muss ich mir dann das nicht mehr ganz so ferne Fernziehl DOKTORTITEL sehr deutlich vor Augen halten, damit ich nicht einfach alles hinschmeiße. Ehrlich. Zumal die Zellpellets leider am Schluss alle unsichtbar waren und ich einfach mal hoffen muss, dass die noch da sind und der ganze Scheiß nicht obendrein für die Tonne war. 

Aber wissen Sie, was alles wieder gut macht? Um kurz vor elf nachts nach Hause kommen, wo Pippi, die kleine Eule, immer noch rumturnt und von ihr mit einem freudigen „Mama!“, einem breiten Grinsen und Quietschen und patschendem Angekrabbeltkommen begrüßt werden. 

Tag 355 – Der erste Tag. 

Tja, da war er also, der erste Kindergartentag. Wenn ich zurückdenke, kann ich mir immer noch nicht vorstellen, dass Michel auch nur zwei Wochen älter war, als er im Kindergarten anfing. Pippi wirkt irgendwie auf mich kleiner. Jünger. Babyhafter. 

Wir waren heute beide mit*, weil ich mir wegen eines Misverständnisses heute frei genommen hab und dann dachte, ach, ist vielleicht auch besser, dann ist einer bei Pippi und einer macht den Papierkram. Und so war es auch gut. Die großen Kinder waren alle draußen (inklusive Michel, den hatte ich schon morgens gebracht), wir waren drinnen alleine mit dem einzigen anwesenden anderen Mädchen und dem einzigen anderen wachen U3-Kind in Personalunion und Pippis Bezugserzieherin E.. Die Erzieher*Innen in dem Kindergarten sind eh alle toll, aber E. ist so warm und herzlich und lustig, Michel liebt sie auch heiß und innig, kurz: besser könnte es nicht sein. Pippi und das andere Mädchen spielten mit einer Kiste Schleichtiere, Herr Rabe saß recht unbeteiligt daneben, ich und die Erzieherin füllten im Gespräch den Fragebogen aus („Welche Grenzen setzen Sie zu Hause?“ Meine Güte, sie ist fast noch ein Baby, ähhh, ich glaub wir haben für sie quasi keine Grenzen bisher…). Danach durfte Pippi den Toberaum erkunden, ein bisschen herumklettern und fand alles ganz toll, bis sie von der Turnmatte fiel und sich den Kopf stieß. Dies hielt ich dann auch für den geeigneten Moment, E. mitzuteilen, dass Pippi keinen Schnuller nimmt und auch bisher keine Kuscheltiere gewöhnt ist. Also keine einfache Tröstung. Tjanun. Wir gingen dann raus und dann war es auch schnell vergessen. 

Draußen setzte sich Pippi direkt in den Sandkasten, die großen Kinder spielten mit ihr und zeigten ihr die grade gefundene Spinne. Pippi buddelte fröhlich, Michel kam zu mir und zeigte mir sein frisch erworbenes Pflaster, dann wollte er noch kurz Pause auf meinem Schoß machen und dann… Tja, dann war es für mich Zeit zu gehen. Also verabschiedete ich mich und ging nach Hause. Für Pippi überhaupt kein Problem, auch für Michel nicht. Irgendwie für keinen, außer mir. 

Zu Hause tat ich dann viele Dinge, zum Beispiel wusch ich den TrippTrapp-Bezug, räumte Kisten auf Schränke und nähte in Windeseile ein Dings**, aber eigentlich versuchte ich nur nicht daran zu denken, dass meine beiden Babies, das große und das kleine, bald viele Stunden am Tag außerhalb der Familie betreut werden. Dass sie da Bezugspersonen haben. Dass sie da norwegisch reden. Auch Pippi wird auf norwegisch sprechen lernen. Sie wird da erst richtig laufen lernen. Himmel. Ich bin noch nicht soweit…

* Die Eingewöhnung läuft hier nach Bedarf, aber zügig ab. Also so im Rahmen von 3-7 Tagen. Finde ich nicht schlimm. Ich bin aber gleichzeitig auch dankbar, dass Herr Rabe die Eingewöhnung macht: wie man sieht, habe ich gewisse Probleme, loszulassen.

** Empfängerin liest mit, deshalb keine Spezifizierung. Leider auch wegen „Aaahhh, die Post schließt in drei Minuten“ weder verpackt noch ein Foto gemacht. Sorry. 

Tag 353 – Rittersport und die Mutter aller Wutanfälle. 

Michel und ich waren heute bei einem Ritterturnier. Es sind nämlich Olavsdagene hier in Trondheim, da gibt’s viel religiösen Kram rund um den Dom und Ritterfestspiele für die Kinder. Da aber der Eintritt 150 NOK pro Person betrug, sollte nur ein Erwachsener mit Michel da hin gehen und da darüber hinaus Herr Rabe und Pippi zusammen einen sehr ausgedehnten Mittagsschlaf machte, packte ich Michel in den Fahrradanhänger und fuhr mit ihm zum Dom. 

Als wir ankamen wurden gerade die Ritter  gesegnet und ritten dann zum Festplatz, da wurde Michel schon leicht panisch, dass wir was verpassen würden. Wir waren dann trotz noch-Karten-kaufen-Müssens aber doch mehr als pünktlich an der Arena und bekamen auch gute Plätze mittig in der ersten Reihe. Kopfhörer auf und los ging es. 

Nach einigem Erkläre, was historisch die Ritterspiele bedeuteten (in erster Linie Training und Quatsch, dann verbot  irgendwann ein König, dass mit scharfen Waffen gekämpft wird, weil ihm zu viele Ritter dabei drauf gingen, seitdem gab es Helm-Gebot und stumpfe Lanzen aus Holz statt Metall), ging es los. Eine Art Hofnarr (nicht der peinlichen Sorte, und ich bin da sehr empfindlich) leitete durch die Wettbewerbe, die Ritter und Ritterinnen wurden mit ihren Pferden vorgestellt und dann prügelten sich erst mal die Knappen und demonstrierten Waffenlosen Kampf. Die Spiele waren in drei Runden unterteilt: Eine Runde Übung mit Lanze, Schwert und Speer, dann das was man so als Ritterturnier kennt, also aufeinander zureiten und den anderen mit der Lanze treffen, dann eine Runde Ringe einsammeln auf der Lanze. 

Alles sehr spannend.

Runde Eins: Wehrloses Obst mit Schwertern zerhacken und dabei aggressiv brüllen.


​​
​​
Fehler
Dieses Video existiert nicht

Runde Drei: Ringe einsammeln gegeneinander.

Zwischen den Runden demonstrierten die Knappen noch Kampf mit verschiedenen Waffen und einen Kampf mit sehr unausgeglichenen Waffen, da hatte der eine nur ein Messer und der andere hatte ein Schwert, eine Axt, ein Schild und einen Speer. Natürlich gewann der mit dem Messer. 

Insgesamt muss ich sagen, es war ein tolles Spektakel und die 300 NOK taten mir lange nicht so leid wie nach einigen Kinofilmen. Der Unterhaltungswert war für Groß und Klein etwa gleich: ich fand die Kostüme toll gemacht, die Erzählungen informativ und unterhaltsam, die Pferde toll, die Leistungen beeindruckend und vor allem nichts Fremdschamerregend, Michel hatte einen Mordsspaß, fand alles total interessant und spannend und stellte eine Million Fragen. Am Ende sprang er wild herum und klatschte dabei unaufhörlich. Und er wollte ein Schwert. 

Am Schwertstand war die Hölle los. Michel hatte sich schon eins geschnappt, ich konnte den überforderten Verkäufer aber noch nicht mal sehen, so viele Leute waren da. Dann sah ich alle Leute um mich rum Bargeld rauskramen. Ich hatte keins. Ich sah auf Michel, das Schwert, die Leute, Michel, das Schwert… Und schappte mir Michel, samt Schwert. Ich erklärte ihm, dass wir das Schwert kurz ausleihen und Geld holen, dann zurückkommen und das Schwert bezahlen. Mit einem halb geklauten Schwert wanderten wir also durch die halbe Trondheimer Innenstadt auf der Suche nach einem Geldautomaten. Michel und ich wissen jetzt: wenn man mit dem Schwert dagegen haut, machen Straßenschilder und dergleichen *Pling* oder *Döng*, Laternen machen nur *Tokk*. Jedenfalls holten wir Geld, gingen zum Stand zurück, bezahlten das Schwert und schlenderten dann noch über den Mittelaltermarkt. Da prägten wir uns unsere eigene Silbermünze, das war auch echt cool, und dann ließ ich Michel nicht das Gesicht schminken, weil das 70 (!!!) NOK gekostet hätte, das war nicht ganz so cool. Tjanun. Unter Zuhilfenahme von gebrannten Mandeln lockte ich Michel zum Fahrrad zurück. 

Münze und Schwert.

Nach dem Markt wollten wir noch kurz in der Buchhandlung vorbei, da hatten wir nämlich gestern Pippis Trinkflasche vergessen. Vor der Buchhandlung trafen wir allerdings den Pokémon-fangenden Herrn Rabe samt schlafender Pippi. Die hatten die Flasche schon eingesammelt und wir beschlossen, noch ein Eis für Michel und einen Kaffee für mich zu holen. 

Und so gingen wir in einen SevenEleven, da hab ich nämlich ne Stempelkarte und der Kaffee schmeckt auch. Michel ging direkt zum Frozen Joghurt Spender. Er wollte Schokolade. Ich drückte, es kam nichts. Leer. Michel war enttäuscht. Dann eben Erdbeer. Ich drückte. Es kam nichts. Auch leer. Michel fing an zu weinen. Er wollte Erdbeereis. Ich erklärte ihm, es sei leider alle. Er schmiss sich auf den Boden. Traurig, weinend, schreulend. Der Ladenheini kam an und bot Vanille an, das sei noch da. Michel schreulte (auf Deutsch), dass er „Blumen-Eis“ nicht wolle, nur Erdbeer. (Das mit den Blumen kommt vom Joghurt: da sind bei Vanillegeschmack immer die Blüten abgebildet.) Ich schaffte es, ihn etwas zu beruhigen und schleppte ihn zur Eistruhe. Bot ihm an, er könne sich was aussuchen. Auch so Erdbeereis in der Waffel, das mag er sonst super gerne. Nein. So Erdbeer-Joghurt-Eis, sonst nichts. Er schmiss sich wieder auf den Boden. Ich erklärte ihm, ich ginge jetzt erst den Kaffee bezahlen, dann könnten wir weiter sehen. Michel tobte und schrie. Menschen sahen uns an. Ich bezahlte meinen Kaffee und noch eine Bolle für Pippi. Michel kreischte inzwischen ziemlich herum und steigerte sich voll in den Wutanfall rein. Schlug um sich. Trat gegen Sachen. Ich stellte die Kaffeemaschine an und brachte Michel raus zu Herrn Rabe. Michel brüllte und schrie und tobte und kreischte und warf sich auf den Boden. Mitten in der Fußgängerzone. Herr Rabe erklärte. Er könne ein anderes Eis haben, das Joghurteis sei eben alle. Michel wälzte sich im Dreck, Menschen sahen uns an, Menschen dachten Dinge über uns, es war mir egal. Überhaupt waren Herr Rabe und ich total ruhig die meiste Zeit (bis Michel aus Wut und Überforderung anfing, uns zu schlagen und zu treten, da wurde der Ton kurzzeitig etwas schärfer), wir konnten es ja tatsächlich einfach nicht ändern. Immer wieder boten wir ihm das sonst so geliebte Erdbeereis in der Waffel an, aber es war zwecklos. Inzwischen hatte sich so ziemlich die gesamte Trondheimer Innenstadt ihr Urteil über unsere Elterlichen Fähigkeiten gebildet, mein Kaffee war ausgetrunken, ein Aufhören des Tobsuchtsanfalls nicht in Sicht. Michel trat weiterhin auf Bäume ein, hysterisch „Erdbeereis!!!“ kreischend. Wir stellten ihm ein Ultimatum: Waffeleis oder nach Hause auf drei. Er kreischte weiter „ERDBEEREIS!!!“. Herr Rabe steckte ihn in den Wagen. Mit einem Anhänger, aus dem es schrill „LASS MICH RAUS! LASS MICH RAUS!!! ERDBEEREIS! LASS MICH RAUS!“ tönte, fuhr ich los. (Anmerkung: er kann die Gurte des Anhängers sehr wohl selbst lösen. Aber es klingt ohne dem nicht so schön dramatisch.) Nach zweihundert Metern ebbte das Geschrei etwas ab. Nach zweihundertfünfzig Metern rief er schluchzend: „Ich mir überlegt! Ich will doch Waffeleis!“. Versprochen ist Versprochen. Also hielt ich beim Supermarkt, holte das rotgeheulte Kind aus dem Wagen und kaufte ihm unter den verständnislosen Blicken der gleichen Passanten, die den Anfall in der Fußgängerzone bezeugt hatten, ein Eis. 

Das Ende des bisher schlimmsten Wutanfalls ever.


Ich hatte es ja versprochen. Und er tat mir auch wirklich leid. Also sowohl, dass das Joghurteis alle war, als auch dass er sich in seiner Wut sicher unverstanden gefühlt hat. Nun ist es aber ja gleichzeitig so, dass so extreme Wutanfälle auch einfach nicht nachvollziehbar sind, da kann ich also auch kein Verständnis für die Wut zeigen, ab einem gewissen Grad. Da kann ich nur anbieten, was ich anbieten kann: das andere Eis, Trost, Nähe. Wenn das alles nicht gewollt wird, kann ich noch da sein und aushalten. Und mich in Teflon-Manier üben, was die Blicke und Sprüche der Anderen angeht. 

Puh. Was ein Tag. (Der Rest davon lief dann wieder recht harmonisch ab. Und das obwohl ich noch einen Ritterhelm gebastelt habe!)