Tag 114 – Geschafft

Heute war die Statistikkursklausur. Die war aus mehreren Gründen tricky. Zuerst mal war die am ungefähr unwahrscheinlichsten Ort der Welt: Einer großen Sportwettkampfhalle, die sich einfach mal auf keinem der drei Campi (Campusse?) befindet. Dort wurden heute ca. drölfzig Klausuren zeitgleich geschrieben, das heißt, nachdem ich mir die Hacken abgerannt hatte (habe ich erwähnt, dass es sehr vereist ist zur Zeit?) und um 08:53 Uhr die Halle erreichte, lief ich erst mal zielsicher in den falschen Raum, da stand dann natürlich nicht mein Name auf der Liste, also rannte ich herum und checkte verzweifelt das Internet auf meinem Telefon. Den richtigen Raum fand ich dann um 08:59 Uhr und ich schwitzte auch nur ein bisschen. Ich wäre gerne früher da gewesen, aber zu diesem unwahrscheinlichen Ort brauche ich länger und das war nicht eingeplant gewesen. Nun ja, ich habe es ja geschafft, bekam den letzten Platz und sofort die Aufgaben.

Hrmhrm. Kann ich… Blaue Bälle, rote Bälle, jo… Hmm… Ok, das hier ist doof, das hab ich doch irgendwo aufgeschrieben? Blätterblätter… Nee doch nich, aber ich glaub das ging so… Wurzel oder nicht Wurzel, das ist hier die Frage… Och menno, wieso ist denn jetzt hier 13 und Wurzel aus 13 als Antwortmöglichkeit gegeben, das ist doch doof… Egal, erst Quadrat und dann wieder Wurzel, zack, passt schon… Oh das ist wieder einfach… Schreibschreib… mal 0. Oh. Mal 0. Dann ist ja das ganze Ding 0. Hääää? Das macht keinen Sinn. Schwitz. Schwitzschwitzschwitz. Nee, Formel ist richtig. Blätterblätter. Schwitz. AHHHH! 1- übersehen. OK. 1-0=1. Macht zwar nicht viel mehr Sinn, aber so isses halt. Weiter zu den langen Aufgaben. Rechnerechne. Jo, das geht so. Hupsi, Ergebnis sieht komisch aus. AHHHH! Standardfehler ist nicht Standardabweichung, genau, dann is das hier ja so und das durch das ist… Hrmhrm, accept H null, no difference blablabla, ok confidence interval, WTF wieso steht der kack Wert denn nicht in der Tabelle??? Hab ich doch die falsche Formel genommen? Nee, die andere Formel ist auch nicht sinniger… Ach verdammt, ich laber jetzt hier rum und mach das kleinere Intervall, dann isses noch sicherer, geht ja nur drum, dass das auch über 0 geht, so zack. Oh hier, schön Männer gegen Frauen, wer überlebt am längsten? Testtest, rechnerechne, hmm ok hier auch accept H null, no difference, blablabla. Was will er denn hier? Da steht ja die Lösung schon in der Frage? Will der mich verarschen? Nä, hier, zack, in other words the intervall is given by the probability blabla, muss man nix rechnen, is ja auch mal schön. Oh, erst halb elf und fertig. Alles fein abschreiben auf das hochoffizielle Durchschlagpapier und weg damit. Viertel nach elf. Etwas mehr als die Hälfte der Zeit.

Dann bin ich durch den Nieselschneeregen und die Kälte und über das Eis zur Bibliothek gelaufen, hab da dann (im Stehen, weil irgend so eine doofe Veranstaltung war und nix zum sitzen frei) die ganzen bunten Klebis aus dem Statistikbuch wieder rausgefummelt und das Buch abgegeben. Juhu, anderthalb Kilo weniger nach Hause schleppen. Kurz in der Krankenhausapotheke nach Nasentropfen für das verrotze Baby geguckt: Äh Mist, mit Wirkstoff gibts hier nicht für Babys und Salzwasserlösung ist ausverkauft. Wäre auch überteuert, so schwer ist das ja nun nicht: 9 g Salz auf 1 L kochendes Wasser. Abkühlen lassen. Tadaa, Isotone Kochsalzlösung, kann man die Nase mit beträufeln oder Inhalieren oder als Kontaktlinsennotfallspüllösung verwenden. Aber eigentlich hätte ich lieber was mit Wirkstoff gehabt, das arme Baby kann nämlich kaum noch aus der Brust trinken vor lauter Schleim im Rachen und in der Nase. Morgens hatte es sich komplett verweigert, da musste ich also auch noch unter Zeitdruck (der Bus! der Bus!!!) die übervolle Brust leerpumpen. Hurra. Als ich wieder zu Hause ankam, hatte es immer noch nichts getrunken, konnte aber auch wieder nicht stillen und brüllte mich frustriert und hungrig an.

Netterweise bekam ich sehr schnell sehr viele Tips und nach Absaugen des Schleims aus der Nase konnte das Baby immerhin ein bisschen von der morgens abgepumpten Milch aus einer Spritze nuckeln. Damit spülte es den Rachen auch noch halbwegs frei und konnte danach stillen. Und seitdem steht hier ein Topf mit Thymianaufguss auf dem warmen Ofen und wir inhalieren einfach alle mit dem Baby mit. Riecht ja auch gut. Trotzdem war das Abendessen irgendwie etwas geschmacksarm. Ich hab kaum die Tomaten aus dem Risotto geschmeckt, was schade ist, weil ich dieses Tomaten-Mozzarella-Risotto wirklich sehr gerne mag. Nun ja. Außerdem haben wir dank der morgens abgepumpten Milch und der gestern aus dem Gefrierschrank in den Kühlschrank transferierten 2 Portionen jetzt sehr viel Muttermilch übrig. Endlich können wir mal Quatsch damit machen, wie zum Beispiel sie dem Baby in die Nase tröpfeln (gegen den Rotz) oder dem Baby auf den nach wie vor manchmal wunden Po schmieren oder vielleicht baden wir morgen das Baby mal drin, in der Hoffnung dass es das besser findet, wenn wenigstens das Badewasser lecker schmeckt.

Tag 112 – Das Kranksein nutzen

Weil mein Hals kratzt als hätte ich ne Muskatreibe geschluckt, bin ich heute nicht zum Sport gegangen. Also schon wieder nicht. Das letzte Mal war ich dann vor drei Wochen da. Schlimmschlimm. Und da sich auch das Baby die Rotzerei eingefangen hat und rumschnorchelt und Schnodderblasen produziert und etwas unleidlich ist, war ich auf einen nervigen Babytragetag gefasst. Aber siehe da: das Baby wollte eigentlich den ganzen Tag schlafen (obwohl es glaub ich kein Fieber hat, ich hab nicht gemessen, aber es schien mir nicht so) und so konnte ich vier (!!!) meiner Übungsklausuren durchorgeln und wenn jetzt nicht irgendwas totaaaal verrücktes* drankommt, sollte ich dem gewachsen sein. Hurra! Fertig gelernt! Ich freu mich und werde morgen möglicherweise zum Stoffladen fahren, um das zu feiern. Ich muss nämlich eh zum Arzt und mir Blut abnehmen lassen und der Stoffladen ist da in der Nähe. 

Neulich schickte uns meine Mutter Adventskalender. Ich wusste das nicht vorher, es kam mir aber sehr gelegen, weil ich das völlig vergessen hatte. 

Jedenfalls ist der fürs Kind von Playmobil und so eine riesige Box, die zu 90% aus Luft besteht. Und da wir ja fast die Hälfte der Adventskalenderzeit in Deutschland sind, müsste ich also den halbleeren aber immer noch riesigen Adventskalender mitschleppen. Das war uns zu doof und deshalb packten Herr Rabe und ich (und das Baby, aber das sabberte und rotzte eigentlich nur alles voll) heute alles aus und in Geschenkpapier wieder ein. So sieht es schöner aus und lässt sich besser mitnehmen. 

  
Merke: die nächsten Wochen wird nix getoastet. 

Unser Adventskalender ist übrigens mit 24 Sorten Kaffee. Ich werde berichten. 

*Power of Hypothesis Tests wäre sowas Verrücktes. Da renkt sich mein Hirn aus irgendwie. 

Tag 110 – Alle Krank

Das Kind hat Herrn Rabe und mich angesteckt. Jetzt sind wir beide verrotzt, er hustet auch, ich hab dafür Kopfschmerzen. Dem Kind geht’s sehr viel besser, kein Fieber mehr, fast normaler Appetit, wollte heute unbedingt „Fußballen“, war dann aber nach 20 Minuten Fußball spielen ziemlich fertig. Aber Husten hat es noch, nicht zu knapp und wacht davon auch nachts öfter weinend auf. Deshalb gehen wir jetzt auch einfach ins Bett, damit die akkumulierte Schlafmenge bei uns Großen trotzdem halbwegs passt. 

Tag 108 – Krankes Kind (3)

Heute war ich mit dem Kind beim Arzt. Herr Rabe hat einen Kinderkrank-Tag eingereicht, damit ich nicht das Baby in ein Wartezimmer voller verrotzter  Menschen mitschleppen musste. Besser wars auch, denn der Ausflug dauerte wesentlich länger als erwartet.

Um 13:45 hatten wir einen kurzfristigen Termin bekommen. Ich parkte neben der Praxis auf einem Wohngebietparkplatz und hoffte sehr, dass ich nicht wieder einen Strafzettel über 800 NOK (knapp 100!!!€) bekommen würde. Die Praxis war ganz schön voll und wir kamen erst um zehn nach zwei dran. Da gings dem Kind, das morgens noch halbwegs fit gewesen war, schon wieder recht dreckig und ich musste es die ganze Zeit tragen und auf dem Schoß haben.

Die Ärztin hörte ab, guckte in die Ohren, guckte in den Hals und wurde volle Möhre dabei angehustet. Sagte, sie hätte gerne nen CRP-Wert und nen Halsabstrich, Mandeln wären zwar normal aber man weiß ja nie. Der linke Lungenflügel würde etwas Rasseln bis tief in die Bronchien. Also setzten wir uns wieder ins Wartezimmer. Wurden irgendwann wieder aufgerufen für den Pieks in den Finger, der das Kind so schockierte, dass der darauf folgende Halsabstrich mit wenig Protest abging. Dann gab es ein buntes Pflaster und einen Flummi und viel Pusten von Mama. Und wieder ins Wartezimmer. Dann wieder zur Ärztin rein: Hmm, der CRP ist eigentlich ok, das ist alles komisch, gehen Sie bitte zum Lunge Röntgen ins Krankenhaus. Da war ich dann erst mal ziemlich geschockt: Krankenhaus??? So schlimm? Lunge Röntgen klingt auch nicht gut. Egal, erstmal dem Kind Sicherheit vermitteln. Und den Herrn Rabe anrufen, der und das Baby müssen mit, sonst kriegt das Baby Hunger und dann? Ja eben. Mann und Baby eingesackt, auf dem Rückweg noch schnell wegen tausend Einbahnstraßen verfahren, und ab ins Krankenhaus. Auch da: Warten. Lange.

Das Röntgen der Lunge war dann ein besonderer Spaß, weil das Kind partout nicht vor der Platte sitzen oder stehen bleiben wollte. Es erforderte eine blitzschnelle Röntgenassistentin, die just in dem Moment, als das Kind mal kurz richtig davor saß, auf ihr Knöpfchen drückte. Die seitliche Aufnahme war trotzdem etwas schief, aber da das Kind schon wieder völlig aufgelöst war und an mir hing wie eine Klette, meinte sie, vielleicht reicht es ja dem Arzt auch so, erstmal ausruhen und wenn doch noch ein neues Bild gemacht werden muss, dann machen wir das eben später. Ok. Also wieder: Warten. Auf die Bildauswertung.

Das Kind schlief auf Herrn Rabe ein, das Baby hatte Hunger und wurde gestillt, kackte und wurde gewickelt, war müde und wurde herumgeschleppt, die Uhr tickte vor sich hin und dann endlich kam jemand und rief uns auf: Gehen Sie bitte in die Kinder-Notaufnahme. Da wurde mir etwas flau, aber es half ja nichts. Ab in die Kinder-Notaufnahme. Die fanden wir zunächst nicht und irrten, jeder ein Kind und diverse Jacken schleppend, in der Kinderklinik herum. Irgendwann begegnete uns ein Arzt, der uns den Weg sagte. Also hin da und: Warten.

Dieses Mal mussten wir nur sehr kurz warten und wurden von sehr netten Kinderkrankenschwestern in Empfang genommen. Die stellten erstmal drölfzig Fragen und untersuchten das Kind ein bisschen. Wieder über 40 Grad Fieber. Oha.  Das Kind bekam dann ein Eis und ein Trinkpäckchen und 310 mg Paracetamol als Zäpfchen und zwei Emlapflaster falls Blut abgenommen werden müsse (nachdem es auf die Frage: „Tut’s dir irgendwo weh?“ seinen Finger mit dem bunten Pflaster vorgestreckt hatte) und eine Elektrode an den Fuß. Wir bekamen jeder einen Becher Wasser und das Baby einen Kinderwagen zum drin schlafen. Dann mussten wir wieder (Sie ahnen es sicher bereits) warten. Das Pflaster wirkt ja eh erst nach ner Stunde und außerdem war grade Schichtwechsel und sie wollten abwarten, wie das Paracetamol wirkt. 45 Minuten später schliefen alle außer mir. Die Schwestern kamen wieder und weckten alle wieder auf, maßen noch mal die Temperatur (jetzt nur noch 37,8) und gingen wieder raus. Nach noch mal 10 Minuten kam endlich der Arzt, ein netter, ziemlich kleiner, älterer Herr mit starker Brustbehaarung der die in meinen Ohren schönste Sprache der Welt sprach: Schwedisch. Es ist so schön. Hachz. Nun ja, er hörte noch mal ab, besah sich dann nochmal das Röntgenbild, guckte auf den CRP-Wert und machte viele hmms dabei. Und erklärte uns im Endeffekt könnten wir nichts weiter machen, die Lunge hört sich schlimm an, sieht aber so schlecht gar nicht aus, also Entzündung ja, aber keine schlimme, Bakterien sinds nicht, dann wäre der CRP höher, Viren vielleicht, obwohl dann eher auch Ohren und/oder Augen mit betroffen sein müssten, vielleicht auch Mycoplasmen, man weiß es halt nicht. Samstag sollte das Fieber wegsein. Wenns Montag noch nicht weg ist, nochmal zum Arzt. Von dem Husten hätten wir jetzt aber länger was, der alleine sei aber dann nicht mehr ansteckend. Viel trinken. Sei besser als jeder Hustensaft.

Mir fielen erstmal tausend Steine vom Herzen, das das Kind nicht im Krankenhaus bleiben musste. Und tatsächlich hab ich mich noch nie so über nen normalen Wutanfall gefreut, den es zu Hause wegen irgendwas und der runtergefahrenen Temperatur bekam. Darauf eine Pizza für alle!

Tag 105 – 4 Monate und 1 Tag

Mein liebes kleines Mausemädchen,
heute bist du vier Monate und einen Tag alt.
Vor vier Monaten und einem Tag um diese Zeit saß ich auf dem Sofa, las* und veratmete sehr regelmäßige und einigermaßen schmerzhafte Wehen. Und hoffte sehr darauf, dass dein Bruder schnell in den Schlaf finden würde und meine Taktik „Ich setz mich jetzt hier auf den Poppes, es heißt ja Bewegung treibt die Geburt voran, dann tut Stillsitzen bestimmt das Gegenteil“ aufgehen würde.
Und jetzt sitze ich auf dem gleichen Sofa, du liegst auf meinem Schoß und schläfst, um mich rum das Chaos. Dein Papa ist beim Fußball und dein Bruder schläft schon, bei uns im Bett, denn er ist krank. Genauso wie vor vier Monaten und 2 Tagen, Fieber und Schlappsein und Husten.
Wenn ich an deine Geburt und die Tage drumherum denke, kommt mir das schon alles ganz verrückt vor. Aber so war es halt, dein Bruder war einen Tag vorher noch ziemlich krank, die Großeltern grade einen Tag vorher abgereist, ich war am Tag deiner Geburt noch einkaufen (mit Wehen) und habe Marmelade gekocht (mit Wehen) und hatte Besuch von einer lieben Freundin, die mir eröffnete, sie sei auch schwanger (mit Wehen, also ich). Diese Freundin hat jetzt einen sehr hübschen kleinen Babybauch, aber ich schweife ab.
Das passiert mir immer öfter, das Abschweifen. Es muss die Stilldemenz sein. Ich habe das Gefühl, im gleichen Tempo wie du Sachen lernst, werde ich vergesslicher und mein Gehirn siebiger. Und du lernst schnell. Seit ein paar Tagen befühlst du deine Spielzeuge und dein Spieltrapez. Neulich noch konntest du höchstens mal ungezielt dagegen hauen, jetzt steckst du deine Arme aus und die Hände untersuchen alles, was sie zu fassen bekommen. Am interessantesten findest du mein Gesicht, meine Nase, Augen, Lippen. Alles wird befühlt und manchmal auch übermütig gekniffen oder gerissen (Au.). Überhaupt bist du unheimlich aufmerksam und wissbegierig. Ich kann nichts mehr essen oder trinken, ohne dass du mir alles in den Mund guckst. Dein Bruder ist dein größter Held, wenn er da ist, bist du fast immer fröhlich und verfolgst alles was er tut. Bloß wenn er weint, dann weinst du sofort mit, denn dann muss ja mindestens der Weltuntergang bevorstehen. Dein erster Blick morgens ist zu mir: breites Grinsen. Der zweite ist zum Kind: breites Grinsen und dann: Fokus. Was macht es? Turnt es? Spricht es? Vom Kind lässt du dir auch alles gefallen, alles ist ja irgendwie trotzdem interessant. Oh, so fühlt sich das also an, wenn sich jemand im Bett auf meine Hand kniet. Faszinierend. Hand im Gesicht. Aha. Auto auf dem Kopf. Hihi, das kitzelt.
Seit ein paar Tagen kannst du richtig herzlich lachen, wenn ich dich mit viel Geräusch auf die Wangen küsse. Ein meckerndes Babylachen, bei dem mein Herz platzt.
Nur wenige Sachen findest du richtig scheiße. Baden zum Beispiel. Das macht dir irgendwie Angst und ich finde das sehr schade, weil wir anderen eigentlich alle Baden ganz toll finden. Aber du brüllst wie am Spieß und siehst mich mit diesem „Rette Mich!!!“-Blick an, dass mir fast die Tränen kommen. Manchmal findest du Auto fahren doof. Manchmal deinen Kinderwagen. Manchmal die Trage. Und immer: angezogen werden.
Du bist unheimlich stark, du willst nicht babymäßig auf dem Arm liegen, mindestens sitzen und eigentlich stehen. Du kannst dich schon prima aufsetzen, wenn man dir die Hände hinhält und eine Hand reicht dir zum Festhalten, um ein, zwei Minuten stabil zu sitzen. Du rollst dich dauernd auf den Bauch und kullerst mir so im Bett hinterher, wenn ich mal zwei Zentimeter von dir wegrutsche. Überhaupt weißt du sehr genau, was du willst: Ständig in meiner unmittelbaren Nähe sein, möglichst herumgetragen werden. Schlafen nur auf der Seite oder auf dem Bauch oder auf dem Bauch auf meinem Bauch. Wenn du Hunger hast, ziehst du mich quasi mit Blicken aus. Du magst wenn ich singe, egal was und egal wie falsch. Du liebst Massagen. Und wenn wir mal nicht machen, was du möchtest, wird gnadenlos gebrüllt. Da ist keine Geduld, kein anfängliches Gemecker, du schöpfst sofort dein ganzes stimmliches Repertoire aus.

Und dabei bist du so unfassbar niedlich**, dass man dich einfach lieb haben muss.

Murch und :* –

Deine Mama

 

*Allerdings weiß ich nicht mehr, was. Gab spannenderes.
**Dieses Lachgrübchen! Dieses Haarwirbelchen! Diese Speckfüßchen! Diese perfekten kleinen Hände!

Tag 103 – Deutschland!

Das Kind hat eine zutiefst verstörende Angewohnheit. Bzw. hatte, jetzt macht es das nur noch um uns zu ärgern oder zum Lachen zu bringen, ich bin da nicht so sicher, was dahinter steckt.
Es begann so etwa im Mai, da konnte ein ganz normales Gespräch beim Abendbrot ungefähr so aussehen:

Herr Rabe: „…und dann haben wir beim Norwegischkurs über Kinderbücher gesprochen und ich hab erzählt, dass wir zu Hause auch Den Lille Larven Aldrimett…“
Kind: *wirft blitzschnell ein ohne vom Teller aufzusehen* „Deutschland!

oder auch

Ich: „Das Kind hat ein neues Wort gelernt: Hestebæsj.“
Kind: „Deutschland!

oder auch

Herr Rabe: „… und da musste ich erstmal überlegen, was das denn jetzt auf norwegisch…“
Kind: „Deutschland!

(Das erinnerte uns beide an die Folge „Schottys Kampf“ aus der großartigen Serie „Der Tatortreiniger“. Da gibt es nämlich einen strunzdoofen Neonazi namens Bombe, der dauernd wie ein Stoßgebet „Deutschland!“ vor sich hin murmelt. Leider finde ich grad keinen Ausschnitt bei YouTube. Gucken Sie einfach die ganze Folge, lohnt sich!) 

Man sollte dazu vielleicht sagen (Ich hoffe nicht, dass man das muss!) dass wir wirklich nullkommagarnix von Deutschtümelei halten. Ich finde das norwegische mit-Flaggen-Gewedel befremdlich und Ansammlungen von deutschen Flaggen lösen bei mir spontanen Würgereiz aus. Allenfalls haben wir einen sehr begrenzten Lokalpatriotismus vorzuweisen, der sich hauptsächlich in der reflexhaften Verteidigung unserer Heimatstadt und in der festen Überzeugung, dass Dr. Oetker den besten Tütenpudding macht, äußert. Aber Deutschland? Neenee. Nee. Überhaupt kein Land. Norwegen auch nicht. Punkt.

Dementsprechend fanden wir das touretteartige Ausrufen von „Deutschland!“ auch reichlich verwirrend und leicht abstoßend. In der Öffentlichkeit unfassbar peinlich. Man stelle sich vor, wir sind irgendwo, bestellen Kaffee, und das Kind blökt plötzlich los: „DEUTSCHLAND!“. Ein Loch tue sich bitte in der Erde auf und verschlucke mich umgehend!

Nach mehreren Wochen hatten wir endlich den Zusammenhang verstanden: Das Kind konnte noch nicht unterscheiden zwischen dem Land Deutschland (da wo Oma wohnt und alle anderen auch…) und der Sprache Deutsch. Es wollte mit seinem Zwischenruf nur ausdrücken, dass es jetzt verstanden hatte, dass Norwegisch* und Deutsch unterschiedliche Sprachen sind, die je nach Kontext gesprochen werden, aber über die wir auch oft sprechen. Puhhh.

Und so machten wir uns an die mühselige Aufgabe, dem Kind den Unterschied zwischen einem Land und einer Sprache zu verklickern. Und dass wir es gutheißen würden, wenn es das „Deutschland!“-Rufen auf zu Hause beschränken könnte.

 

*“Neu-e-isch“, nur falls Sie sich fragen.

Tag 102 – Der Schnuller

Ich wage es kaum zu schreiben, aber das Kind braucht keinen Schnuller mehr. Es hatte ja den Schnuller am zweiten Tag seines Lebens bekommen, nachdem es eine komplette Nacht wie bekloppt an mir herumgesaugt hatte und ich einfach nur dankbar für alles war, was mir eine Stunde Schlaf ermöglichte. Tja und seitdem war es halt druff.
Meistens fand ich das mit dem Schnuller auch sehr praktisch. Nächtliches Gemecker? Schnuller rein, Kind schläft weiter. Gezeter im Supermarkt? Schnuller rein, böse Blicke abgewendet. Der fiese Arzt hat in den Finger gepiekt? Schnuller rein, schnell vergessen. Sie erkennen das Muster.
Bloß nachkaufen und abkochen ist halt nervig mit Schnullern. Und die Panik wenn man irgendwo ist und feststellt, man hat den Schnuller vergessen. Das ist aber selten passiert und das Abkochen haben wir mit zunehmendem Alter des Kindes auch mehr und mehr schleifen lassen. Insgesamt würde ich mich definitiv zu den Pro-Schnuller-Menschen zählen und finde es nach wie vor schade, dass das Baby sich mit Schnullern nicht so richtig anfreunden kann. Wobei es mittlerweile auch egal ist, dann entfällt wenigstens das nervige Abgewöhnthema.
Mindestens seit einem Jahr, also seit das Kind zwei war, haben wir nämlich immer mal wieder drüber gesprochen, dass das mit dem Schnuller jetzt mal bald beendet sein sollte. Wegen des Kiefers und wegen Karies und überhaupt brauchen so „große“ Kinder doch keinen Schnuller mehr. Wir hatten aber beide den Eindruck, das Kind brauche das eben doch noch. Und wir hatten – ich frisch wieder schwanger und zum Umfallen müde – beide keinen Bock auf nächtlichen Terror wegen des Schnullerentzugs, wo doch gerade endlich eine für alle zufriedenstellende Schlafsituation eingekehrt war. Also gut, dann etwas später, sagten wir uns. Dann zogen wir um, die neue Wohnung und das alles, das war so fremd und wir wollten das Kind nicht überfordern. Also durfte es weiter Schnullern. Der Bauch wuchs immer weiter, das Kind begann zu begreifen, dass da ein Baby drin war, das bald mit uns leben würde. Es stand ein Kindergartenwechsel an. Das Kind brauchte tagsüber keine Windel mehr. Wieder so viele neue Sachen: Ach komm, lass dem Kind den Schnuller, es ist eh schon so viel Neues. Und schon stand der dritte Geburtstag vor der Tür und es zeigte sich auch ein beginnender Überbiss. Ich hoffte deshalb auf den Zahnarzttermin, den Kinder hier mit drei Jahren erstmalig haben. Vielleicht, wenn die Zahnärztin sagt, dass das mit dem Schnuller aufhören muss? Nein, tat sie nicht. Trotzdem beschlossen wir, dass wir keine neuen Schnuller mehr kaufen würden und teilten dies dem Kind mit. Eigentlich benutzte es den Schnuller zu diesem Zeitpunkt schon nur noch zum Einschlafen und manchmal als Tröster bei Aua und Traurig. In den neuen Kindergarten nahm es keinen Schnuller mehr mit. Das Kind schien unsere Entscheidung zu akzeptieren und schmiss trotzdem immer mal wieder Schnuller weg, weil sie kaputt waren (scheinbar kann man sich an nem zerkauten Silikonschnuller prima die Zunge einklemmen) oder im Falle der Latexschnuller komisch schmeckten. Zuletzt hatte es noch drei.
Dann kam das Leckekzem. Das haben viele Kinder, auch welche ohne Schnuller. Es kommt vom dauernden Lecken oder Besabbern der Mundregion. Da wird die Haut um den Mund erst sehr trocken und rissig und schließlich wund und nässend. So weit kam es bei uns nicht, weil wir immer gut cremten und außerdem das Kind überzeugten, dass der Schnuller jetzt wirklich nicht gut sei. Und siehe da: das Kind verstand das! Wirklich, der Vorteil eines Dreijährigen ist das es sowas eben schon versteht und dann eben von sich aus entscheiden kann, dass die Lippe ja schon so unangenehm brennt und wenn die Eltern sagen, das wird besser, wenn man nicht schnullert, dann kann man das ja mal probieren. Zudem wir eben auch überzeugt waren, dass es wirklich besser werden würde, wenn es auch ohne Schnuller schlafen würde und entsprechend klar auftreten konnten. In der ersten Nacht schloss ich mit dem Kind den Kompromiss, dass es mit Schnuller einschlafen könne und ich ihm nach dem Einschlafen den Schnuller aus dem Mund nehmen und weglegen würde. Das klappte gut. Am zweiten Abend gab es eine kurze Diskussion, aber das Argument mit der Lippe zog. Am dritten Abend versuchte das Kind mich anzuschwindeln, seine Lippe sei ja schon heile („Aua weggeflogt, nicht mehr weh!“). Ich nahm es mit Humor, wies auf die nach wie vor kaputte Lippe hin und schlug vor, es heute nochmal ohne Schnuller zu probieren. Die letzten Nächte habe es ja auch schon ganz toll geklappt. Das fand das Kind ok.
Und seitdem hat das Kind nicht mehr nach dem Schnuller gefragt. Das ist jetzt ne Woche her.
Klar hätte ich mir gewünscht, dass es früher passiert wär. Ich hätte mir auch gewünscht, dass es keine kaputte Lippe als Anstoß gebraucht hätte. Ich will auch absolut gar nicht behaupten, dass es immer total problemlos abgeht mit der Entwöhnung, wenn man sie einfach immer wieder herausschiebt. Ich weiß auch nicht, was wir mit den drei verbliebenen Schnullern machen sollen*. Aber letztlich war es gut, dass das Kind selbst entschieden hat, es ohne Schnuller zu probieren. Und dann erkannt hat, dass es gut ohne geht. Und am Ende ist ein Schnuller eben für Babys. Und nicht für große Kinder.

 

*(Als ich mit dem Rauchen aufgehört hab, hatte ich noch mindestens ein Jahr lang eine Packung Tabak in meinem Zimmer liegen. Als Rückversicherung, dass ich ja könnte, wenn ich wollte. Allerdings war ich da auch 23 und nicht 3.)

Tag 101 – Wieder da

Das Baby und ich sind wieder zu Hause. Der Rückflug war wesentlich entspannter, kein Wind aus Südwest oder sonst einer Richtung. Das Baby hatte wohl etwas Druck auf den Ohren, war dann aber an der Brust recht zufrieden. Mit dem Zug heim, kurz den Koffer reingeschmissen und die Schuhe gewechselt. Eigentlich muss ich nämlich wegen Spreiz-Senkfuß Einlagen tragen und nach fast vier Tagen mit sehr viel Rumgelaufe taten mir ordentlich die Füße weh.

Dann sind das Baby und ich direkt wieder los und haben das Kind vom Kindergarten abgeholt. Das Kind war schwer begeistert, dass ich wieder da bin und zeigte es indem es sich komplett selber und unaufgefordert seine Schuhe anzog (ohne Ziegenfüße!!!) und dann sehr sehr schnell auf seinem Kickboard nach Hause fuhr. Und jedes Mal sofort anhielt, wenn ich rief, es solle warten. Und überhaupt das allerbeste Vorzeigekind der Welt war. Natürlich musste ich es dann auch ins Bett bringen und so. Leider fand das Baby das überhaupt nicht gut, dass es beim Papa sein sollte und nicht wie die letzten 84 Stunden konstant bei der Mama. Und damit sind wir auch schon bei dem was heute echt scheiße war: Das Baby brüllte total krass herum; obwohl Herr Rabe es in die Trage geschnallt herumtrug beruhigte es sich mal so gar nicht sondern wurde immer hysterischer. Und das kann ich wiederum überhaupt nicht ab, ich ertrage das nicht, wenn das Baby weint, das tut mir körperlich weh, das anhören zu müssen. Gleichzeitig will ich auf gar keinen Fall diese Mamafixiertheit zementieren oder gar Herrn Rabe Vorwürfe machen, er mache das falsch, das müsse soundso und hallo, Maternal Gatekeeping. Herr Rabe machte ja auch nichts falsch, außer, dass er nicht ich ist. Aber was macht man denn da? Ich bin fest überzeugt, dass Papas genauso gut trösten können wie Mamas, und dass auch die Nummer zwei vom Kind liebgehabt wird. Und ich finde es furchtbar für Herrn Rabe, dass das Baby den Papa grade so ablehnt. Ich finde mich furchtbar, wenn ich Herrn Rabe das Baby dann abnehme, damit es ruhig ist und mein Herz nicht mehr so bluten muss und ich damit aber dem großen Kind seine exklusive Mama-bringt-mich-ins-Bett-Zeit nehme. Das ist alles total scheiße und ich weiß nicht, was tun. Irgendwelche Tipps irgendwer?

Tag 100 (!) – Oslo Tag 3

Ich sitze hier mit dem Baby auf dem Bauch, das immer noch schluchzt weil es eben einen hysterischen Anfall hatte oder so, es hatte sich ordentlich eingekackt und dann vorm Wickeln schon wie am Spieß gebrüllt, beim Wickeln weiter gebrüllt als würde es grade mit kochendem Wasser den Po gewaschen bekommen und dann noch eine weitere halbe Stunde untröstlich geschrien. Sowas nimmt mich immer sehr mit, ich würde ja gerne helfen, aber weiß nicht was los ist und alles was ich mache ist irgendwie egal und macht es bestenfalls nicht schlimmer aber eben auch nicht besser. Außerdem hat das arme Baby jetzt auch außer der Windel nichts an und ich habe Angst, dass es gleich wach wird, wenn ich versuche es anzuziehen. 

Heute haben ich und das Baby und A. Menschen getroffen, die ich mal auf einer Konferenz an einem sehr sehr kalten Ort kennen gelernt habe: M. und E. . Wir trafen uns im Café Liebling, das ist in einem Osloer Hipsterviertel und da war es sehr schön. Wir waren sehr lange da. Dauernd gingen Menschen mit Babys umgebunden am Fenster lang. Da muss es echt unheimlich viele Babys geben in dem Viertel da. Irgendwann bemerkte ich, dass es in dem Café ein klitzekleines Stück Heimat käuflich zu erwerben gibt:

  
Also jetzt nicht das Wasser. 

Danach sind A. und das Baby und ich auf die Oper geklettert, ich habe spektakulär versagt beim Versuch ein Panoramafoto von Oslo bei Nacht zu machen und dann sind wir ganz schnell wieder runter, es war nämlich windig oben und arschkalt.   

 
Barcode-Project oder so heißen die Hochhäuser links und die waren wirklich hübsch. Ich kann halt nur nicht fotografieren. 

Dann gab es noch Beleuchtungskunst auf dem Gehweg:

  
Und danach leckeres indisches Essen, Kakao und Gedanken darüber, wie (Mittel-)Norwegen aus A. und mir komische, kontaktscheue Wesen gemacht hat. 

Morgen nach Hause und die restliche Familie herzen. Das wird schön. Obwohl Oslo auch echt toll ist. Echt. 

Tag 98 – Oslo Tag 1

Das Baby und ich sind ja heute nach Oslo geflogen, das war sehr aufregend. Ich habe nämlich Flugangst. Irrational, ich weiß, hilft aber leider nicht. Übersprungshandlungsmäßig hab ich deshalb im Vorfeld drölfzig Selfies gemacht und bei Twitter gepostet. Dann aber nach dem Boarding das hier als Durchsage:

Da wollte ich schon gerne wieder raus aus dem Flugzeug. Wirklich wirklich gerne. Das war aber keine Option, leider. Der Start war dann auch einfach furchtbar, ich war nicht die einzige, die trotz Vorwarnung  mehrmals scharf die Luft einsaugen musste. Möglicherweise war ich die einzige, die fast zu heulen angefangen hätte, das weiß ich nicht, ich hab ja nicht alle gesehen. Irgendwann waren die Turbulenzen dann aber vorbei und es ging ok weiter. Die Landung war gut, nur die Wolken hingen extrem tief, das finde ich immer etwas verwirrend. Müssen die Piloten denn gar nix sehen, wenn sie den Flughafen ansteuern? Das Baby hat den halben Flug an mir herumgenuckelt und die andere Hälfte verschlafen, das war also auch gut. 

Dann wurden wir von A. und A. Vom Bahnhof abgeholt, gingen zu Fuß nach Hause, aßen leckere Veggieburger mit selber gemachten Buns und Bratlingen und schnackten noch bis spät. Insgesamt sehr schön hier :) Das Baby fremdelt ein bisschen mit der neuen Umgebung oder es ist einfach zu spannend, jedenfalls möchte es nicht gerne schlafen. Zu blöd, ich nämlich schon.