Tag 987 – Grummelig.

Heute ein ganz starkes Gefühl von #alleirre. Ich vermute fast, es hängt mit meinem eigenen Stress (der zu 100% hausgemacht ist) zusammen. Ach was, ganz sicher tut es das. Aber meine Toleranz für jegliches „Du musst“ ist grad echt niedrig. Das gilt für „Du musst mir meinen Käse kleinschneiden!“ und für „Du musst dich über XYZ aufregen!“ genauso wie für „Du musst Irland* schön finden!“ und „Du musst Werbung im Blog haben, sonst trägt sich das ja nicht!**“ und auch „Du musst ganz doll Panik kriegen und alles löschen wegen GDPR!!!***“.

Ich atme deshalb einfach und gehe jetzt schlafen.

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*Habe einen Podcast gehört, nämlich „Anekdotisch Evident“ Folge 5, da wird sehr von Irland geschwärmt, die Landschaft, die Leute, die Landschaft, oh so schön. Ich war auch schon in Irland. Ja, die Landschaft ist wunderschön. Leider bei meinem letzten Besuch (2010) überall zerrupft von einzelnen, leerstehenden Neubauten. Aber wirklich wunderschön. So wie hier. Nur mit weniger Fjorden. Und Schafe gibt’s hier auch überall. Sogar dauernd wechselndes Wetter haben wir. Und sowas ähnliches wie Sozialismus. Und man darf hier sogar abtreiben.

**Guess what: tut es auch nicht.

***Phew. Es ist kompliziert, hmm? Also, ja, dadurch, dass hier Menschen lesen, die EU-Bürger sind betrifft auch mich GDPR****. Da hilft nämlich leider nicht, dass wir hier im Non-EU-Ausland sitzen. So. Andererseits habe ich keine extra Plugins und ein sehr Basic WordPress-Theme und WordPress sagt, dass sie die Core WordPress-Funktionen bis zum 25.5. GDPR-gerecht gestalten werden. Ich verlasse mich da ein Stückweit drauf, dass dem so sein wird. Möglicherweise, wenn ich den Verdacht haben sollte, dass das *trotzdem* nicht GDPR-konform läuft, werde ich die Kommentarfunktion komplett abstellen. Das ist dann blöd für uns alle. Oder ich lass es halt drauf ankommen, dass mich wer auf 4%***** meines spektakulären Jahresumsatzes verklagt. Zwinkersmiley.

****Auch wenn die EU ja alles Wichtige in allen 24 offiziellen EU-Sprachen herausgibt, bleibe ich bei Englisch. Weil ich’s kann (und das sonst in meinem Gehirn nur Brei wird).

*****Ja, mir ist schon klar, dass es vermutlich auch nen Mindestbetrag gibt. Aber ich hab keine Lust, nachzugucken.

Tag 986 – Alltag einer Arbeitssuchenden.

Heute ein großes Auf und Ab. Morgens noch neben Pippi auf dem Laufrad hergehachzt, zu Hause dann aber doch erstmal gelernt und nicht direkt Sport gemacht – ein Fehler, weil ich so als die Recruiterin von vorletztem Freitag anrief, grad sehr konzentriert Zeug zu Guter Herstellpraxis las. Die hatte zwar gute Neuigkeiten, denn ich darf zu einem zweiten Interview nächste Woche kommen, und außer mir darf das nur eine weitere Person, was bestimmt in einem anderen Kopf als meinem total positiv klingt, aber es ist halt nächste Woche und mein Gehirn irgendwo in allgemeinen Aspekten zur Wichtigkeit von Qualitätsmanagementsystemen verloren, deshalb sagte ich etwas unbedacht, ich sei nächste Woche leider Mittwoch verreist und käme erst Donnerstag zurück. Oh wo ich denn sei, ach, London, wie schön, hmm, aber vielleicht könnte ich ja auf dem Rückweg, wenn ich eh nen Zwischenstopp habe, und überhaupt und by the way, was ich denn da machen würde, ob ich in anderen Bewerbungsverfahren weit gekommen wäre? Tja. Jemand(TM) ist ja „too honest for her own good“ und sagte also wies ist: Dass ich in London am Auswahlverfahren für eine Stelle bei einer Behörde teilnähme, dass das alles noch sehr in den Sternen stünde und ich aber total viel grad lerne, das ich auch bei der Stelle in Oslo gut einbringen könnte und gerne würde. Nunja, und danach fühlte ich mich ziemlich mies, das ging auch durch Sport nicht weg. Einmal diplomatisch geschickt sein und die glauben lassen, sie wären die einzig wahre Stelle für mich… Hrmpf.

Ich lernte noch irgendwie weiter und dann kam die Familie zurück, als ich grad aus der Tür und Spazieren gehen wollte, das war irgendwie vom Timing her auch blöd. Immerhin kochte ich dann sehr leckeres Abendessen und alles schien halbwegs ok, bis ich (Volltrottel, echt mal!) in Michels Hörweite zu Herrn Rabe sagte: „Weißt du was mir eingefallen ist? Wenn wir zu Ende Juli die Wohnung kündigen wollen würden, müssten wir das bis nächsten Montag tun.“ Dann hatte ich einen sehr aufgelösten Fünfjährigen auf dem Schoß, der einfach nur hier wohnen bleiben will, seine Freunde behalten will, auf die Stadtteilschule gehen will. Das bricht mir je-des-mal das Herz. Immerhin konnte ich selbiges dann nach dem Kinder ins Bett bringen bei Herrn Rabe ausschütten und dann gings wieder, da kam mir tatsächlich sehr gelegen, dass ein verabredeter Telefontermin sich etwas nach hinten schob. Dieser Telefontermin war dann sehr nett und überaus hilfreich, denn ich sprach mit jemandem, die auch in einer EU-Agentur arbeitet und die fragte mich viele Dinge, die sie in dem Test vermuten würde, vieles konnte ich beantworten, einiges aber auch nicht. Überraschung, bei der EU arbeiten Menschen und die leiten Ausschüsse und sind aus Ländern und so. Menschen, mit Namen. Sollte man vielleicht wissen, wer so wo für „public health“ zuständig ist und was dieses „public health“ eigentlich umfasst. *hüstel*. Nunja, ansonsten war das aber wirklich nett, ich bin einigermaßen beruhigt und weiß, wo ich nochmal was nachlesen sollte und hoffe jetzt für die nette Gesprächspartnerin, dass die Stimmzettel ganz schnell fertig werden.

(Stillleben Lernchaos.)

Jetzt aber Bett. Vielleicht nehme ich mir noch so ne kleine Guideline mit, als Nachtlektüre. Öhöm.

Tag 980 – Council of Kopfschmerzen.

Heute blieb, nach meinem Wutgeheul von gestern, Herr Rabe zu Hause und betreute Pippi, damit ich lernen konnte. Bis auf zwei Stunden, da ging er zu Meetings, aber da schlief Pippi auch eh. Ich lernte. Und lernte. Und lernte. Mein Stift war leer, aber ich habe Nachschub. Ich kann jetzt ungefähr erklären, was die 7 Institutionen der EU machen, wie sie gebildet werden und für den legislativen Teil: wie EU-Gesetze gemacht (entworfen und verabschiedet) werden. Mit sowas hab ich mich ungelogen seit der Schule nicht beschäftigt und, hmm, wie soll ich sagen… das hatte Gründe. Ich finde das alles unheimlich kompliziert, First Reading, Second Reading, trialogue Blabla, conciliation Dings… meine Herren. Naturwissenschaftlerin durch und durch, ist ja auch gut so, vermutlich gehe ich da grad auch ein paar Kilometer zu weit in die Tiefe, aber dieser Test ist mir schon wirklich wichtig.

Nun ja. Am Ende (etwa bei „How to make the Commission of the EU resign“) schwirrte mein Kopf nicht nur, der schmerzte richtig und das ging dann über den Abend auch nicht weg. Ich brauche wohl mal ein Päuschen und vor allem eine Nacht Schlaf. Aber hey, wenn mich wer fragt, weshalb Malta 6 Sitze im Parlament hat, Deutschland aber, mit einer ca. 200 mal so großen Bevölkerung, „nur“ 96: könnte ich immerhin grob erklären. Oder zumindest schlau klingende Stichworte in den Raum rufen.

Uffz. Jetzt ins Bett.

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Auto-Lobhudelei: Selbstdisziplin geht auch wieder.

Tag 973 – Und Frau Rabe? Lernt.

Und das macht richtig Spaß. Ich bin in so einem Flow, es ist ja auch alles nicht gänzlich neu, aber eben zum Teil… 11 Jahre her, dass ich das mal in der Uni hatte, seitdem hat sich tatsächlich auch hier und da was getan. Den Stift habe ich schon zu 2/3 leergeschrieben und heute musste ich neues Druckerpapier kaufen, weil ich unseres aufgebraucht habe. Morgen werde ich zur Arbeit gehen, da noch mehr Zeug ausdrucken* und mir Blut abnehmen lassen und dann geht es weiter mit dem Thema Clinical Trials.

(Wer schreibt, der bleibt. Wollte ich lange nicht einsehen, ist bei mir aber ganz eindeutig so.)

Neues vom Fitbit: hab mich heute geärgert, dass meine Workouts nicht erkannt werden. Werde die in Zukunft halt manuell aufzeichnen. Aber mal im Ernst, was denkt das Ding denn, was ich tue, dass mein Puls plötzlich und dann über 35 Minuten konstant über 120 und in der Spitze bei 165 liegt? Meerschweinchen streicheln**? Grrrr.

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Auto-Lobhudelei: Joa, läuft. (Ok, etwas ausführlicher: ich bin grad saufroh und auch echt stolz auf mich, dass ich wieder produktiv und motiviert und engagiert sein kann, sein will und auch bin.)

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*Ich betrachte es als Karriereförderung, die mir ja sonst, trotz prinzipieller Verpflichtung dazu, von der Uni nicht zuteil wurde. Und fühle mich nur ein klitzekleines bisschen schlecht.

**Es war dieses workout und es war wirklich, wirklich anstrengend (wie der Name schon sagt: brutal) und das Fitbit sagt gar nix dazu, dass kann einen dann schon mal aggressiv machen.

Tag 972 – Easy Peasy.

Heute morgen fiel mir mein halbvolles Kaffeeglas runter und zerschellte auf dem Boden. Ich stand also in einer Kaffeepfütze voller Scherben. Hinter mir die neugierigen Kinder. Alle auf Socken, natürlich. Das gab ein paar ordentliche Flüche am frühen Morgen.

Aber, Überraschung: nach einem wütenden Workout sah alles schon viel besser aus. Ich setzte mich also frisch geduscht und mit frischem Kaffee an den Tisch und arbeitete systematisch die ersten zwei Kapitel des einen Buches durch. Marschierte dann im Stechschritt zum Kindergarten, Elterngespräch. Marschierte zurück. Lernte. Fuhr zum Staples und kaufte ratzfatz zwei Ordner, einen Gelroller* und eine Rolle Paketklebeband, auf dass wir Pakete nicht mehr mit Gaffatape zukleben müssen. Fuhr zurück, holte die Kinder ab. Ließ mich von Michel breitschlagen, H. zu kontaktieren, ob er zu uns kommen mag**. Machte zu Hause schnellschnell was ungesundes zu Essen (Pommes mit „Fiskekake“ also so ner Art Fischfrikadellen), das sich die Kinder aber begeistert und in Massen reinschaufelten. H. kam und die Kinder spielten sehr schön und leider ohne Pippi, die mir dementsprechend am Bein hing. Michel und H. wollten unbedingt Mario Kart spielen, ich machte Aufräumen zur Bedingung und so schnell war noch nie aufgeräumt. Dann brach ich mir tierisch einen beim Einrichten der Controller ab, kriegte es aber doch irgendwie hin. Pippi bekam den Controller der Play-Station (war ja aus) und war sehr glücklich damit. Dann spielten die Jungs Mario Kart um die letzten Plätze, während H.s Mutter (inzwischen zum Abholen eingetroffen) und ich kaum an uns halten konnten, denen nicht die Controller aus der Hand zu reißen und zu zeigen, wie das richtig geht.

Dann zwei Kinder ins Bett bugsiert. Michel überzeugt, in seinem Bett eingemummelt zu warten, bis Pippi eingeschlafen ist, dann käme ich zu ihm. Schon bevor Pippi schlief, hörte ich ihn schnarchen. Pippi schlief auch fix ein und ich ging wieder an die Lernsachen. Ich weiß jetzt grob, wie die Agentur, bei der ich mich beworben hab, organisiert ist, welche Organe an welche delegieren, welche Befugnisse die überhaupt haben und wer das echte Sagen hat (die Europäische Kommission). Puh.

Jetztist der Kopf voll und Zeit fürs Bett.

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Auto-Lobhudelei: trotz schlechten Start nen guten Tag und viel Spaß beim Lernen gehabt.

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*Skandal: mein ~ 10 Jahre alter Eppendorf-Pipettenkuli schreibt nur noch so mittelgut und ich muss ziemlich doll aufdrücken, das bescherte mir schon nach 30 Minuten Schmerzen. Mein guter Kuli! Schnüff.

**Irgendwie dachte ich, dienstags hätte der eh Taek-Won-Do und die Anfrage somit ungefährlich. Tjanun, so kann man sich täuschen.

Tag 971 – Endlich wieder.

Mein Gehirn funktioniert wieder. Wie sehr das in Mitleidenschaft gezogen war, ob jetzt durch den Stress oder die Schilddrüsensache oder beides, merke ich jetzt erst so richtig. Jetzt kann ich mir nämlich wieder Sachen merken. Normalerweise bin ich wie ein Schwamm, sauge Wissen, vor allem triviales (Öhömm), im Vorbeigehen auf. „Das war mal bei der Maus, das geht so…“ ist so ein typischer Satz von mir. Eigentlich. In den letzten sechs Monaten ging das nicht. Als wäre der Kopf vernagelt konnte ich mir die simpelsten Sachen nicht mehr merken. Trägt übrigens nicht grad zur Stärkung des eh immens pre-doc-geschädigten Selbstwertgefühls bei, wenn man zwei Minuten nach dem Meeting schon jede Info, die man nicht notiert hat, vergessen hat. Aber jetzt ist das weg, endlich, und statt wie früher(TM) aus Spaß auswendig zu lernen, welche berühmten Molekularbiolog*Innen wann welche Nobelpreise verliehen bekommen haben, füttere ich mein Schwamm-Hirn zur Abwechslung mal mit Basiswissen zur EU und dann werde ich mir diese zwei klitzekleinen Büchlein vorknöpfen*. 3 Wochen noch.

(Ich muss vielleicht doch morgen zu staples und mir zwei A5-Ordner kaufen.)

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Auto-Lobhudelei: alles geschafft. Alle Fitbit-Tagesziele zum Teil doppelt erledigt, Workout gemacht (ok, die zwei Punkte sind ein bisschen redundant), das Lernpensum abgesteckt und die Materialien beschafft, für Michels Freundin in Windeseile ein Stirnband genäht, Kinder abgeholt, Stirnband eingepackt, Michels Wunsch-Klamotten finden geholfen, ihm die Haare schick gemacht, mit Pippi gestritten und trotzdem nur 3 Minuten zu spät (Michel war schon ganz panisch) Michel beim Kindergeburtstag abgeliefert.

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*Hahaha, lustig, wie ich das so schreibe, als hätte ich keinen exakten Plan, wann ich was machen werde, ne? In Wirklichkeit ist der Plan so: Eine (volle) Woche für Drug Development, eine volle Woche für das Eudra-Book (da aber mit dem Internet nebendran, ich will nur wissen, wie generell Prozesse ablaufen und wer für was zuständig ist). In Woche drei dann und auch nebenher schon mal immer mal wieder statt Twitter Wikipedia lesen über „Die EU“. Allein heute habe ich echt viel Zeug gelernt, zum Beispiel, dass die EU drei Präsidenten hat**. Nämlich einen des Rats, einen des Parlaments und einen der Kommission. (Und grad sind alle drei Männer. Überhaupt waren das seit 2009*** ausschließlich Männer.)

**Das wussten Sie natürlich schon alle. Ich nicht. Und Sie wissen natürlich auch, weshalb

***2009 ein wichtiges Jahr für die EU war und was am 9. Mai ist.