Tag 1200 – Selbermachen.

Wir werden eine Lampe bauen. Ich habe sehr klare Vorstellungen von einer schönen Lampe und die trifft grad nicht unbedingt die Mode (die, wie ich erschrocken feststellen musste, daraus besteht, nackte Glühbirnen in Käfigartige Gebilde zu stecken). Erschwerend kommt hinzu, dass wir zwar im Flur allein vier Lampen mit Schalter haben, im riesigen Wohnzimmer aber nur eine (wer denkt sich sowas aus, bitte? Hassen Architekten Menschen?). Dann habe ich noch so fancy-schmancy getönte Riesenglühbirnen ausgesucht, die dann nackt da rumbaumeln sollen, die sollen natürlich alle zusammengeschaltet sein und dann auch noch dimmbar. Yeah! Hab ich erwähnt, dass ich absolut gar keine Ahnung von Elektrik habe? Alles, was mit Strom zu tun hat, jagt mir einen Heidenrespekt ein, da lass ich die Finger bei wech, wie man im schönen Ostwestfalen sagt. Das muss also Herr Rabe machen und dank meiner außerordentlich guten Norwegischkenntnisse haben wir dann sogar alles zusammengesucht bekommen, was er braucht, um diese Lampe mit einem neuen Lichtschalter zu verbinden. Einem an der Wand! Ich bin begeistert, ich hab schon einen tollen Mann. Und weil ich ja eher so die Frau fürs Grobe bin, hab ich gestern einen halben Baum, den ich im Wald fand, nach Hause geschleppt, Sie dürfen also gespannt sein.

Dann habe ich ein Schnittmuster gefunden, das, wie ich glaube, wunderbar für meinen vor langer Zeit gekauften Merinostrickstoff passen würde. Ich war aber etwas angespannt, ob der Stoff reichen würde, denn in der Anleitung heißt es, man brauche 2,20 m bei 1,40 m Stoffbreite. Mein Stoff liegt nur 1,30 m breit und ist auch nur 1,60 m lang. Aber Versuch macht kluch, ne? Ich habe also gestern das Schnittmuster zusammengepuzzelt und direkt erstmal die Nahtzugabe auf die Hälfte der vorgesehenen 1,5 cm gekürzt. Dann ein wenig Tetris und tadaaaa:

Ja, der zweite Ärmel passt da oben auch noch hin.

Ach ja: der Loden. Es ist kompliziert, vielleicht muss ich einfach drei Mäntel nähen.

Das schneide ich jetzt noch zu und dann ist Bettzeit. Morgen dann Sägen und irgendwas mit Lüsterklemmen machen.

Tag 1199 – Zauberer.

„Pippi, soll ich dir zeigen, wie ich zaubern kann?“

„Jaaa!“

Pippi geht zu Michel, leuchtende Augen, jetzt wird gezaubert!

„Du musst die Augen zumachen.“

Pippi macht die Augen zu.

Michel knüllt umständlich einen Papierfitzel zusammen und wurschtelt dann an Pippis Ohr rum.

„Du kannst die Augen wieder aufmachen. Guck, was in deinem Ohr war!“

„Boahhhhh! Mama! Da war Kitzel in mein‘ Ohr! Mama, guck!“

„Mama, ich will jetzt auch Kitzel-Zaubern! Du musst Augen zumachen.“

Ich mache die Augen zu, merke, wie Pippi nur bis knapp über meinen Bauchnabel reicht, gehe tiefer runter.

„Killerkillerkiller!“

Pippi kitzelt mich mit dem Papierknüllchen. Unsanft.

„Kannst Augen aufmachen!“

Ich mache die Augen auf.

„Guck Mama, das war in mein‘ Ohr!“

Tag 1198 – Nicht viel zu erzählen.

Herr Rabe ist jetzt drei Tage in Trondheim. Heute lief es mit den Kindern… total entspannt. Ich habe das ja schon öfter festgestellt: wenn kein Backup-Erwachsener da ist, niemand, der halt vielleicht auch irgendwann die Spülmaschine ausräumen kann, klappt hier alles geschmeidiger. Keine Verantwortungsdiffusion. Das ist interessant.

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Projekt Lerche läuft grad nicht so. Also ich bin zwar wach, aber stehe halt nicht auf. Ohne Bewegung geht nix am Morgen, wirklich nix, auch nicht mit Kaffee intravenös. Ächz. Und dann bin ich den Tag über träge, bis abends, da bin ich wach. Es ist zum Mäusemelken.

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Heute kam der schriftliche Vertrag, ich habe unterschrieben und ihn direkt zurückgeschickt. Ich war um vier an der Post, der Postmann, der um vier den Kasten leert, hat extra noch gewartet, bis ich die Briefmarke gekauft hatte. Hach! Damit ist es jetzt wohl wirklich fest, ich bin immer noch so aus dem Häuschen, dass…

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… auch die To-Do-Listen-Abarbeitung irgendwie stagniert. Immerhin hab ich die Gardinen fürs Wohnzimmer fertig genäht und gleich schneide reiße ich noch die Kissenbezüge zurecht. Heute habe ich Reißverschlüsse gekauft, aber für Gedön für ein Raffrollo muss ich wohl wirklich in die Hauptstadt fahren.

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Apropos Nähen. Ohhh, so viele Pläne. Und so schwierig, die passenden Stoffe zu finden. Oder Schnitte für die 4 Kisten Stoff, die ich schon habe. Ähäm. Irgendwie habe ich auch heute morgen gedacht, es sei ne gute Idee, für das Schul-Weihnachtsfest ein paar selbstgenähte Mützen als Losprämie zu versprechen. Vielleicht verwachse ich einfach mit der Nähmaschine.

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Wenn wer nen Tipp hat, wo ich flaschengrünen Loden herbekomme, schweren, festen Wollstoff, gewebt, nicht gestrickt, immer her damit. Ich möchte mir einen Mantel nähen, in dessen Anleitung steht „mitteldicker Loden“. Ich habe den halben Tag damit zugebracht, herauszufinden, dass das hier „Vadmel“ heißt. Vielleicht jedenfalls, weil in der Hand gehabt hab ich noch keinen. Es ist alles nicht so einfach. Jedenfalls gab es bei einem Onlineshop in Norwegen „Vadmel, flaskegrønn“ und mein Finger zuckte schon zum Bestellknopf, da war der Knopf grau weil der Stoff ausverkauft ist. Gnaahh! Ob ein Laden nach Norwegen versendet, ist egal, weil meine beste Freundin zu Weihnachten kommt und das mitbringen kann.

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Joa. Das wars auch schon. Das nicht so interessante Hausfrauenleben grad.

Tag 1197 – Die Chipsfabrik ist tot!

Heute war Insolvenzeröffnung. Ich war ein bisschen aufgeregt, im Nachhinein ganz unnötig. Es war so eine Enttäuschung, dass ich, hätte ich nicht vorher eine wunderbare halbe Stunde und einen guten Kaffee mit dem eplefrøken gehabt, die zwei Stunden Autofahrt wohl bereut hätte.

Im Prinzip lief das nämlich so:

Richterin: „Wer ist denn alles da?“

Chipsmann, Techniker und Ich sagen unsere Namen auf.

Richterin: „Der Vorstandsvorsitzende also nicht?“

Chipsmann: „Nein.“

Richterin: „So, Herr Techniker. Sie sind derjenige, der den Konkurs der Chipsfabrik begehrt. Warum?“

Techniker: „Die zahlen meinen Lohn nicht.“

Richterin: „Wie viel denn?“

Techniker: „Drei Kühe.“

Richterin: „Und bei Ihnen, Frau Rabe?“

Ich: „Brutto 9 Kühe. Und der Italiener kriegt auch noch mal 3.“

Richterin: „Herr Chipsmann, was sagen Sie dazu?“

Chipsmann: [langes umständliches Geschwafel, abgelesen von einem Brief] „Stimmt, also ich komme zwar nur auf insgesamt 9 Kühe netto, aber ja, bezahlen können wir auch das nicht.“

Richterin: „Gut. Dann ist die Insolvenz hiermit festgestellt. Das Gericht bestellt Den Anwalt als Insolvenzverwalter und beraumt das nächste Treffen für den 14.12. an.“

und das war’s dann auch schon.

Der Techniker und ich haben dann noch mit Dem Anwalt telefoniert, weil wir schnell ein physisches (!) Treffen mit ihm wollen, um diesen ganzen Schlamassel zu zerpflücken, und ein bisschen gegen das zu arbeiten, was ihm der Chipsmann sicher an Lügen und Schummeleien auftischen wird. Heute zückte er schon wieder diesen von vorne bis hinten falschen und betrügerischen Businessplan, ich dachte ich spinne.

Interessant war an dem Treffen: die Chipsfabrik ist aus den Räumlichkeiten geflogen, am 31.10. Dabei hatte der Chipsmann immer behauptet, die Vermieter seien total auf seiner Seite. Offensichtlich nicht. (Und da wollte er mich wirklich gerne weiter beschäftigen. Es ist doch einfach nicht zu glauben!) Und in dem langen Blabla und dem Brief, den er vorgelesen hat, kam mir die Zahl zu ausstehenden Lohnnebenkosten irgendwie seltsam klein vor. Heute Abend fand ich raus, wieso: ich bin nie als deren Arbeitnehmerin registriert gewesen, das Finanzamt weiß also gar nicht, dass ich da gearbeitet habe. Das ist, mit Verlaub, eine Riesenscheiße, die sie da schon wieder angerichtet haben. Versicherung, Krankenversicherung, Sozialabgaben, Steuern… alles nix! nix bezahlt!

Es sieht jetzt also ein bisschen aus, als hätte ich da schwarz gearbeitet. Wenn Sie mich denn bezahlt hätten, was sie ja taktvoller Weise nicht getan haben.

Jetzt hoffe ich, der Insolvenzverwalter kann mich nachregistrieren.

Oh the joys.

Darauf einen Ginlikör. Von dem ich seine Likörigkeit nicht auf dem Schirm hatte, deshalb Eis.

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Auto-Lobhudelei: ganz cool geblieben wärend der Verhandlung.

Tag 1196 – Feiertag.

War heut den ganzen Tag etwas durch. So viel Freude! Ich freu mich so, eh schon, und dass Sie sich alle so mitfreuen ist wie die ganz fette Kirsche auf der eh schon fetten Torte. Vielen Dank für all Ihre Glückwünsche und überhaupt dass Sie hier mitfiebern und mitleiden und sich auch mitfreuen. Das ist für mich ganz überwältigend. (Ich muss jetzt aufhören, sonst heule ich schon wieder.)

Ein paar kleine Erklärungen: die Behörde ist eine Behörde. Ich bin also beim Staat angestellt. Ein Beamtentum wie in Deutschland gibt es hier nicht, aber es hat schon eindeutig Vorteile, für den Staat zu arbeiten. Einer ist, dass kein Bekloppter einfach mit erfundenem Bullshit Phantasiegeld eintreibt und dann Leute anstellt, die er nie bezahlen kann. Aber auch abgesehen von diesen Basics ist das schon alles sehr ok da. Weiterhin ist die Behörde in Oslo. Direkt an der T-Bahn-Haltestelle Helsfyr, für die Ortskundigen. Man kommt da sehr gut hin, es fahren vom Bahnhof da drei T-Bane-Linien hin, also kommt eigentlich immer eine. Von Tür zu Tür brauche ich, ohne Kinder wegbringen, eine Stunde, das ist knackig, aber machbar, wir müssen also nicht umziehen und ich möchte das auch auf gar keinen Fall. Deshalb wohnen wir ja auch hier, wo der schnelle Zug häufig fährt und ich habe mir schon so oft auf die Schulter geklopft, dass wir nicht nach Årnes gezogen sind, denn da hätte es außer der Nähe zur Chipsfabrik nix gegeben und Pendeln für uns beide wäre unmöglich geworden. Weil ich aber ja dann beruflich Kontroletti bin, werde ich viel unterwegs sein. Viele der zu inspizierenden Unternehmen sind im (sehr großen) Großraum Oslo, aber eben nicht alle. Wir sind zum Beispiel auch für die Kontrolle der Krankenhausapotheken zuständig, logischerweise gibt es Krankenhäuser auch ganz im Norden, im Westen oder ganz im Süden. So allzu viele ganz feste Routinen wird es hier also rund um Kindergarten-Schule-Bring-Hol-Dienste nicht geben und ich spiele ohnehin schon mit dem Gedanken, wieder eine Karri Poppins anzustellen. Genauso wie eine Putzhilfe, weil ich ganz sicher nicht nach einer Woche in der ich etwa 60 Stunden unterwegs war (wenn ich in Oslo bin und nicht in Trondheim oder so) am Wochenende dann noch die halbe Bude putze (die andere Hälfte würde dann ja Herr Rabe machen, aber der reißt sich da auch nicht drum). Trotzdem freue ich mich sehr auf den Job, weil er, zumindest glaube ich das, einfach perfekt zu mir passt. Heute kam übrigens das Angebot per Mail, das ich dann telefonisch angenommen habe. Die Abteilungsleiterin hat sich ehrlich gefreut, dass ich zugesagt habe, ich glaube das wird richtig gut. Und ich kriege eine*n Paten*Patin! Ein Startpaket und all that Jazz! Der Kontrast zur Chipsfabrik könnte wirklich größer nicht sein.

Dann kann ich da wohl nicht im Kapuzenpulli auflaufen und brauche deshalb einen Stapel neue Klamotten. Aber das ist eine andere Geschichte, die zu erzählen ich jetzt zu müde bin. Ich bin aber sicher, dass ich davon berichten werde, die Nähmaschine stöhnt schon.

Tag 1195 – 12. Woche.

Schwangerschaften werden ja meistens erst der Öffentlichkeit mitgeteilt, wenn die ersten 12 Wochen rum sind. Die meisten begründen das damit, dass ja noch sooo viel passieren kann und da ist ja auch was dran, die meisten Fehlgeburten passieren in den ersten 5 Wochen und dann ebbt es langsam ab, bis man bei 12 Wochen bei einer einigermaßen konstant niedrigen Fehlgeburtenrate angelangt ist. Ich bin auch so. Und zwar, weil ich mit dem Mitleid nicht umgehen könnte. Erst die große Freude, die noch größere Hoffnung, dann plötzlich die große Trauer und dann muss man Mitleid aushalten. Ich bin da schlecht drin, im Aushalten. Da bin ich sogar im Mund halten besser, und das kann ich auch schon nicht gut. Jedes „oh nein, das tut mir so leid“ reibt noch mal Salz in die Wunde. Und deshalb habe ich die Schwangerschaften auch kaum jemandem erzählt, bevor die ersten, magischen 12 Wochen um waren.

Und deshalb habe ich auch kaum jemandem von dieser einen Bewerbung erzählt, die schon die 7. an dieses Unternehmen war. Weil ich da so gern hinwollte, bewarb ich mich auf alles mögliche (und weniger mögliche, ich meine, Qualitätskontrolle für Patientendaten-Software? Seriously?) bei denen, aber diese Stelle, die passte wirklich perfekt zu mir. Also bewarb ich mich. Vor 12 Wochen war das nun. Um 23:47 Uhr.

Ich machte mir gar nicht mal so viele Hoffnungen, aus Gründen, man stumpft etwas ab, das muss man auch, sonst ziehen einen die endlosen Absagen sehr runter. Aber dieses Mal klingelte tatsächlich nach eineinhalb Wochen das Telefon und ich wurde zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Und alle so yeah? Nee, weil das sollte erst in weiteren vier Wochen stattfinden. Nach dem Deutschland-Urlaub. Also versuchte ich, da nicht zu viel drüber nachzudenken, aber der Punkt „Lernen“ stand auch da schon auf meiner To-Do-Liste.

Dann war ich bei dem Interview. Ich hatte gelernt, ich hatte viele Überlegungen in mein Outfit gesteckt und trug aus strategischen Gründen (ja, tatsächlich, so berechnend kann ich sein) ein Herrenparfum. Und wäre ich nicht später dieser Frau in die Karre gefahren, wäre das ein ziemlich guter Tag gewesen. Das Interview lief nämlich gut, ich redete mich nicht um Kopf und Kragen wie auch schon, sondern war nach den ersten zwei Sätzen ganz entspannt und antwortete auf die allermeisten Fragen ganz souverän. Nur Fragen danach, weshalb ich denn jetzt schon wieder den Job wechseln wolle, wo ich doch in der Chipsfabrik grad erst angefangen habe, die waren sehr unangenehm und meine Antworten schwammig. Ich war überrascht, wie… normal und locker die Leute drauf waren, wo doch alles bis ins Detail durchorganisiert war und das auch sein muss, wir reden hier halt nicht von irgendwem. Besonders lustig fand ich einen kurzen Disput zwischen der Abteilungsleiterin und dem HR-Menschen über „wann wollen Sie sich denn für einen Kandidaten entschieden haben?“, der HR-Mensch meinte nämlich „spätestens zum 1. November“ und erntete von der Abteilungsleiterin eine hochgezogene Augenbraue und ein „naja, vielleicht schaffen wir Anfang November“. Das Interview ging etwas länger als angesetzt war und die Stimmung war so entspannt, dass ich mich sogar traute, am Ende das zu tun, was ich irgendwo bei LinkedIn gelesen hatte, das man ruhig mal machen soll: zu sagen „Ich möchte diese Stelle wirklich sehr gerne haben.“

Danach: Grillenzirpen. Es. War. Schrecklich. Wirklich. Richtig. Schlimm. Die reinste Folter. Und irgendwann (nach einer Woche) hielt ich es nicht mehr aus und schrieb eine Mail. Vorher rief ich alle möglichen Menschen an, aber ohne Erfolg, jedenfalls schrieb ich einfach ganz mutig sowas wie „Danke fürs Interview, wie kommt ihr denn so voran mit dem Prozess?“. Und, ohne Witz, 10 Minuten später klingelte mein Telefon. Ob ich einen Persönlichkeitstest machen könne? Ich dachte erst, das war ein Test, wer sich meldet, kommt weiter, aber inzwischen denke ich, dass die Mühlen einfach sehr langsam mahlen. Denn es ging ja noch weiter. Ich machte direkt am nächsten Tag den Test, einen Logik-Test (verbales Schlussfolgern) und einen Arbeitsverhaltenstest. Ich bekam eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse und nicht nur von ich weit überdurchschnittlich gut in verbalem Schlussfolgern (Ach!), nein, mein Arbeitsverhalten ist auch genau so, wie es für diese Art Stelle gebraucht wird. Ich bin tatkräftig, ergebnisorientiert und regelversessen, komme gut alleine klar, will Verantwortung, scheue Konflikte nicht und ich brauche das Gefühl, was sinnvolles zu tun. Hurra, dachte ich.

Es folgte: Grillenzirpen! Ich wurde fast bekloppt. Haare ausraufend schrieb ich nach wieder knapp einer Woche wieder eine Mail, ob denn das Testergebnis angekommen sei? Ja, war es. Es müsse besprochen werden und dann würden sie sich melden zwecks zweitem Interview. Bis diese Einladung zum 2. Interview, schon mit den Worten, ich hätte ja ein beeindruckendes Testergebnis, dann kam, dauerte es aber noch mal übers Wochenende. Interview am Freitag.

Dieses Interview lief rundum super. Die Abteilungsleiterin entschuldigte sich dafür, dass alles so lange gedauert hätte und meinte, es sei sehr gut gewesen, dass ich mich gemeldet hätte. Wir besprachen die Testergebnisse und die HR-Frau meinte, jemanden der so ein gutes Ergebnis in diesem Logik-Test gehabt hat hätte sie in 10 Jahren mit diesem Test noch nicht gehabt und ich würde außerdem ungewöhnlich hoch in der „Konsistenz“ scoren, was etwa sagt, dass meine Persönlichkeit sehr gefestigt ist. Wir besprachen alles weitere, ich traute mich zu sagen, dass ich mir einen Eintritt zum 1.1. wünsche und nicht schon zum Dezember (weil ich noch ein bisschen heilen möchte, aber das habe ich nicht gesagt) und die Damen erklärten mir sogar, was nun passiere und wenn ich den Vertrag zugeschickt bekäme, müsse ich innerhalb einer Woche antworten. Ich wertete das alles als gutes Zeichen, und als ich mich im Foyer von der HR-Frau nach etwas Geplänkel über Dialekte (sie ist aus Kristiansund und ich habe es erkannt, dass es eben ijje [nicht, in Dialekt] Trøndersk ist, sondern so wie meine eine Trondheimer Ex-Kollegin spricht) verabschiedete sagte sie mit einem Augenzwinkern „Wir sehen uns garantiert wieder.“

(Sie ahnen schon, was dann kam, oder? Genau.) Grillenzirpen. Sie ahnen auch, was ich tat? Genau. Ich schrieb eine Mail. Da letzten Mittwoch eine Frist für eine weitere Stelle in der gleichen Abteilung auslief, nutzte ich das als Vorwand um zu fragen, ob sie sich bis dahin wohl entschieden haben wollen, denn sonst würde ich mich zur Sicherheit auch darauf bewerben. Als Antwort bekam ich „Wir können die Entscheidung des Betriebsrates nicht vorwegnehmen, dieser tagt am Mittwoch. Bewirb dich doch einfach und dann kannst du die Bewerbung, wenn du ein Angebot bekommst, zurückziehen.“ Ok, also habe ich mich beworben. Zum 8. mal. Leider bekam ich dann am Mittwoch (aber dieses mal immerhin ohne dass ich selbst aktiv werden musste, was ich auch als gutes Zeichen wertete, sie wollten mich offenbar bei Stange halten) eine Mail, dass das Treffen des Betriebsrates auf Montag Nachmittag verschoben sei.

Es begann das Große Atmen. Herrje. Geduld ist nicht meine Stärke. Gut dass es am Wochenende so viel Ablenkung gab. Heute konnte ich mich nicht so gut ablenken und verbrachte den Großteil des Tages als mehr oder weniger nervöses Wrack, bis um 15:34 das Telefon klingelte.

Gratulation.

Wir möchten Ihnen die Stelle anbieten.

Vertrag kommt mit der Post und per mail, formelle Antwort bitte schriftlich auf Papier, informell gerne asap irgendwie. Sie freuen sich.

Ich konnte kaum reden und brach nach dem Auflegen in Tränen aus, aus Erleichterung und Freude, aber ich sagte mehrmals etwas hölzern, dass ich mich sehr freue. Und dann ging ich Champagner Prosecco kaufen.

Bald nicht mehr Alleinverdiener.

Ich bin also ab 1. Januar 2019 bei der Norwegian Medicines Agency beschäftigt und kontrolliere die Einhaltung der nationalen und internationalen Richtlinien in pharmazeutischen Produktionsbetrieben. In Norwegen und wo auch immer (außerhalb Europas) norwegische Betriebe produzieren.

Cheers!

(Sektduschengeräusch.)

Tag 1194 – Sonntag Abend ist vor Montag morgen.

Heute erstaunlich wenig durchgehangen. Wenn man schon viel Wein trinkt, scheint es ratsam zu sein, dazu auch viel Käse zu essen und viel Wasser zu trinken. Wir hatten gestern Nacht noch abgemacht, uns heute auf dem Kindergartenspielplatz zu treffen, das taten wir auch und dann hingen wir noch bis zum Abendessen bei den Nachbarn ab, die herrlich entspannt dabei waren und, hach.

Dann leider etwas Gezanke mit dem Spediteur. Er ist der Meinung, uns nur noch 7 Kartons nachliefern zu müssen, es sind aber 10. Er meint außerdem, wir sollten ihm doch schon mal die Rechnung bezahlen. Ähhhhh, nein. Ich bezahle gar nix, bevor das nicht alles hier ist, alles as in alles, das Gesamte, alle unsere 10 Kartons. Hab ich einen Bock auf so Gezicke nun, es ist wirklich wundervoll.

Ansonsten nun ein kleines Gehirn leerschreiben. Nächste Woche muss ich

  • Das Einschreiben von der Post holen (vor Mittwoch), darin: das Einschreiben, das ich der Chipsfabrik geschrieben habe, mit der Rechnung über mein Gehalt. Das hat keiner abgeholt, Würstchen.
  • Wohnzimmergardinen nähen
  • Wohnzimmerkissen und Rollgardine nähen, davor
    • Rollgardinengedöns und
    • Reißverschlüsse kaufen
  • Herrn Rabes Hosentaschen reparieren (asap)
  • Des Italieners Gerichtskosten bezahlen (es ist kompliziert, in ganz kurz ist das Problem, dass seine italienische Bank einen Haufen Gebühren für Auslandsüberweisungen verlangt, aber PayPal an mich kostenlos war)
  • 1 Bewerbung schreiben
  • 1 Anruf tätigen (Montag)
  • Schon wieder staubwischensaugen (Sysiphos lässt grüßen)
  • Bäder und Küche putzen
  • Evtl zu Ikea
  • Mittwoch fast bis nach Schweden fahren, weil da wichtige Dinge passieren

Das klingt jetzt viel, aber ist es eigentlich gar nicht so.

Ab morgen wieder Aufstehen um sechs, uff.

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Auto-Lobhudelei: Herrn Rabe gesagt, was ich an ihm toll finde und auch mal angesprochen, was ich grad nicht optimal finde*. Die selben Dinge findet er auch nicht optimal und wir sind da im selben Boot, Strategie noch nicht ganz klar, aber es wird wohl auf eine Mischung aus Aushalten/Abwarten und sich des Problems und seiner vorübergehenden Natur bewusst sein hinaus laufen.

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*Null Paar-/Erwachsenenzeit.

Tag 1193 – Damekveld.

Ich hab ordentlich einen im Tee nach dem Müde-Muttis-Abend bei der Nachbarin. Es waren fünf Frauen anwesend und es war ganz toll, ich bin ganz beseelt von so viel normalem Leben. Hachz, Sozialkontakte. Unter anderem bin ich froh, dass meine Kinder nicht die einzigen sind, die sich manchmal komplett daneben benehmen und dass ich nicht die einzige bin, die manchmal überlegt „welches zuerst verkauft wird“, um es mit den Worten der Nachbarin zu sagen.

Auch sehr sehr froh bin ich um Herrn Rabe, ich sage das gar nicht oft genug glaube ich, wie froh ich bin, den in meinem Leben zu haben, weil er eben nicht „mal im Haushalt hilft“ sondern seinen Teil tut. Sogar ohne, dass ich drauf hinweisen muss. Und wenn ich seinen Teil übernehme, weil ich zum Beispiel grad arbeitssuchend bin und einen akuten Schub von Putzwut habe, dann bedankt er sich dafür. Jedes Mal. Aus Gründen bin ich auch sehr froh drum, dass er nicht weinend anruft, wenn er mal ne Woche allein mit den Kindern verbringen muss.

So sieht das aus, wenn ich um halb drei beduselt nach Hause komme.

Viele Herzchen nun. Und eine Aspirin.

Tag 1192 – Läuft so.

Kleiner Hänger im Projekt Lerche, erst um zwanzig nach sechs, obwohl ich wach war, aus dem Bett gequält. Aber diese Woche bisher alle meine per FitBit definierten Gesundheitsziele erreicht, also Schrittziel, stündliche Bewegung, 3 L Wasser, mindestens 30 Minuten Bewegung an mindestens 5 Tagen in der Woche (wobei da auch Gehen einbezogen wird und dann ist das mit dem Schrittziel irgendwie doppelt gemoppelt, aber da sehe ich mal elegant drüber hinweg). Ich gehe wieder viel und das tut gut, sehr, auch im grauen, diesigen November ist es eine gute Sache, diese gute Stunde KiTa-Wege zu laufen.

Ansonsten so: Pippi war heute deutlich besser drauf und meinte sogar um halb sieben schon, sie wolle ins Bett. Sie hat dann noch was gegessen und dann haben wir alle in der Küche getanzt, sodass sie dann doch erst um halb acht im Bett war, was gut ist, weil ich keine Lust habe, morgen auch noch um sechs aufzustehen.

Apropos Tanzen: Michel macht jetzt immer Breakdance. Es ist zu putzig, er wurschtelt mit seinen Beinen möglichst schnell auf dem Boden rum und dreht sich wild und dazu möchte er jetzt immer „Treestyler“ hören, also Freestyler von Bomfunk MC. Dann denke ich an den Pfarrer, der Herrn Rabe und mich damals kirchlich getraut hat und der ganz Pastorenmäßig andächtig als Einleitung für eine der Ansprachen sagte „Ihr mögt Bäume.“* und wie ich hörte wie meine beste Freundin hinter mir mühsam beherrscht durch die Nase prustete. Nun gut, wir hören also Treestyler und ich finde ein bisschen traurig, dass ich nach nur 20 Jahren alles aus den HipHop-Breakdance-Kursen vergessen habe. Vielleicht muss ich das mal heimlich üben um Michel zu beeindrucken.

Wobei! Das ging heute voll in die Hose. Michel wollte nämlich Kopfstand gegen die Wand machen, das hat er in der Schule geübt, gegen eine Turnmatte. Wir haben keine Turnmatte. Er meinte, das geht nicht, weil da eben keine Matte ist. Ich machte Handstand gegen die Wand (ich kann das auch ohne Wand, zumindest kurz). Michel war sauer und meinte dann: „Wenn wir das nächste Mal umziehen, dann will ich ein Haus haben, das eine Turnmatte hat!“.

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*Bei der standesamtlichen Trauung brachte die Standesbeamtin ein Nietzsche-Zitat, an das ich mich ums verrecken nicht erinnere, da konnte die beste Freundin auch schon kaum an sich halten. Wir haben scheinbar ein Talent, komische Sätze mit uns in Verbindung zu bringen. Und meine beste Freundin hat kein Pokerface.

Tag 1191 – Schnipsel.

Schon spät (hahaha, aber ist ja egal, ich muss trotzdem ins Bett), deshalb heute ein bisschen gemischte Platte.

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Tag 4 von Projekt Lerche. Bin alles etwas geruhsamer angegangen heute (nicht das Aufstehen), das hat gut getan. Hab wegen eines Mittagsschlafs hin und her überlegt, es dann aber nicht gemacht. Ich bin da wie so ein Kleinkind: schlafe ich tagsüber, schlafe ich abends noch später ein. Und ich schaffe es nie, nach den magischen 20 Minuten aufzustehen, schlafe dann anderthalb Stunden und bin danach noch mehr im Eimer als vorher.

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Zweite Sitzung, bzw eigentlich Gründungssitzung des Räumvereins. Wie lange man über „aber wenns dann doch wieder so viel schneit wie letztes Jahr!“* diskutieren kann. Faszinierend.

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Finanzen gemacht. Ich hasse das. Aber es ist halt nötig. Dass mir die Chipsfabrik noch einen riesigen Haufen Geld schuldet, lässt mich derbe mit den Zähnen knirschen. Dass es am Ende wohl der norwegische Staat übernehmen wird, die (finanzielle) Chipsfabriksuppe auszulöffeln, macht mich innerlich rasend und ich woozaa-e so vor mich hin.

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Pippi hatte heute schon beim Abholen eine Laune wie sie nur Dreijährige haben können. Nach absolut ätzendem Gehampel und Geklecker und mit-dem-Essen-Gespiele beim Abendessen steckte ich sie unter infernalischem Geschrei ins Bett, wo sie dann auch nach fünf Minuten an mich gekuschelt einschlief. Solche Abende verlangen mir alle meine Nerven ab und das Kind kann wirklich froh sein, dass es nicht mehr in die Babyklappe passt. Wieso sieht sie denn nicht ein, dass sie müde ist? Herrje.

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Wollte noch über die katholische Kirche im Radio rannten, aber nun heult Pippi schon wieder. Ich muss hoch.

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*Dann zahlt man halt noch mal 250 Kronen pro Haus nach, meine Güte!