Tag 758 – WmDedgT September ’17.

Heute ist schon wieder der fünfte, das heißt, wir alle schreiben für Frau Brüllen auf, was wir so den ganzen Tag gemacht haben.

Ein Tag voller Aufs und Abs.

Es ging damit los, dass um 05:35 (?) Herr Rabes Wecker laut und penetrant klingelte. Herr Rabe stellte seinen Wecker aber nicht ab. Als ich kurz davor war, mit meinem Kissen nach ihm zu werfen, realisierte ich in meinem halb schlafenden Gehirn dass der Mensch da an der Stelle wo ich Herrn Rabe vermutete viel zu klein war. Und zu lockig. Da lag also Michel, Herr Rabe lag mit Pippi in Michels Bett. Das erklärte einiges und ich brauchte dann auch nur drei Anläufe, um den Wecker auszustellen. Dann döste ich noch eine Weile weiter, stellte irgendwann auch Herr Rabes zweiten Wecker aus und dann meinen und dann las ich Blogs und sonnte mich ein bisschen im Lob über den Beitrag von gestern und dann stand ich auf. Weckte Herrn Rabe, schaltete die Kaffeemaschine an und ging ins Bad. Haare waschen, Gesicht waschen, anziehen, zwischendurch Grøt für das Kinderfrühstück ansetzen, Haare föhnen, schminken. Sie lachen vielleicht, aber inzwischen war es halb acht. Aber da ich heute eigentlich sogar gar nicht zur Arbeit fahren wollte, war mir das ausnahmsweise mal egal. Pippi war wach geworden, ich holte sie aus Michels Bett und dann weckten wir Michel. Die Kinder wurden mit Frühstück versorgt und Herr Rabe drückte mir einen Kaffee in die Hand. Die Kinder frühstückten wie immer in Zeitlupe, ich zog während er aß Michel um (das funktioniert am besten, da hampelt er wenigstens nicht rum), Herr Rabe machte sich auf den Weg zur Arbeit. Michel wollte noch einen Brief an Einhalb schreiben, er möchte nämlich gerne auch selbst Post bekommen und da ich da gestern etwas angeleiert hab, fand ich es eine gute Idee, wenn er schon mal „in Vorleistung geht“, gewissermaßen. Michel malte sehr hingebungsvoll eine Rakete mit Boosterraketen und Klappfenstern und dann noch ein Haus mit vielen Fenstern, vor dem Pippi steht. Ich war wirklich beeindruckt, vor allem Pippi ist eindeutig als Würfelbaby Mensch identifizierbar, das ist ein enormer Fortschritt. Aber natürlich dauerte das ganz schön lange und Pippi musste nebenher natürlich auch malen und dann Stifte anspitzen und dann ihre Finger anspitzen, dann musste Michel noch Einhalbs Namen schreiben, der erste Buchstabe ist auch aus Pippis Namen und den kann er ganz gut, dann kam aber ein neuer und „den muss ich so ganz groß malen, das geht sonst nicht gut“ und jetzt steht da halt der erste Buchstabe in ca. Schriftgröße 15 und der Rest in 65, aber das ist einfach so niedlich. Den Rest der Karte (bis auf Michels Namen am Schluss) schrieb dann ich in Druckschrift, Einhalb hat ja auch gerade erst mit der Schule angefangen. Dann tüteten wir den Brief ein und ich zog mit Pippi ins Bad, um sie endlich anzuziehen. Michel fragte, ob er seinen Namen auf den Briefumschlag schreiben dürfe, „Ja, hinten!“, rief ich aus dem Bad und natürlich stand hinterher vorne auf dem Briefumschlag fett in Kleinkindschrift „MICHEL RABE“, mit Punkt auf dem I. Ich fand keinen Radiergummi, Michel schrieb seinen Namen auch hinten noch mal drauf, dann putzte ich uns allen die Zähne, machte Lippenstift drauf (ich hab grad keine Nude-Phase, das Ergebnis gefiel mir jedenfalls nicht so wirklich) und scheuchte die Kinder aus der Tür. Auf der Treppe nach unten fiel mir auf, dass Pippi schon wieder einen Kamm mit geschmuggelt hatte. „Du bist eine kleine Rübennase, Pippi!“, sagte ich und „Pippi Dübenase, hehe!“, sagte Pippi.

Weil ich mein Fahrrad gestern bei der Arbeit gelassen hatte, montierte ich das Hilfsrad an den Croozer und schob Pippi darin in den Kindergarten. Michel fuhr Rad und schwafelte mich dabei voll, wie immer. Im Kindergarten angekommen rannte Pippi direkt ohne Verabschiedung in den Gruppenraum, Michel drückte mich nochmal und knutschte mich ab und dann stand ich auch schon wieder draußen und machte mich auf den Weg zur Arbeit. Beim Überlegen, ob ich mir eine Banane holen sollte, fiel mir ein, dass das, was ich als Mittagessen geplant hatte, noch zu Hause war. Chili von Sonntag, wäre es von gestern gewesen, hätte ich es wohl einfach stehen gelassen und mir halt heute was gekauft, aber so sprang ich eben kurz nochmal in die Wohnung und holte das Chili und noch eine halbe Waffel, die ich dann zum Frühstück auf dem Weg aß. Ein Kaffee vom Rema 1000, vorbei an der ultra eklig stinkenden Pfütze (aus der es, ohne Witz, warm aufsteigt, da muss doch was drin verendet sein und verwest da jetzt langsam!) und so war ich auch „schon“ um halb zehn bei der Arbeit. Aber wie gesagt, eigentlich wollte ich ja gar nicht hin, ich musste nur was bestellen und einmal nach meinen Zellen sehen und dann wollte ich auch eigentlich schon wieder fahren.

Eigentlich. Dann googelte ich aber doch noch schnell nach Phenolrot-freiem Medium, um nochmal bessere Konfokalbilder zu bekommen (ich nerde mich da grad total rein und finde es, gelinde gesagt, total geil) und fand auch das, was ich für meine Knock-Out Zellen laut Hersteller benutzen soll als Phenolrot-frei, las mir die Formulierung spaßeshalber (!) durch und stolperte über den Satz „… our special formulation is iron-free.“. Jetzt ist es so, dass ich unter anderem mit einer Knock-out-Zelllinie die Funktion einer Eisen(II)-abhängigen Dioxigenase untersuche. Abhängig heißt, ohne Eisen keine Reaktion. Das Enzym funktioniert nicht. Knock-out heißt, das Enzym ist auf der genetischen Ebene zerstört, wird also gar nicht gemacht. Ich vergleiche im Prinzip dann, wie der Wildtyp (mit intaktem Enzym) und der Knock-Out (ohne Enzym) Schäden reparieren, die ich den Zellen chemisch zufüge. Nur dass ich halt kein Eisen im Medium hatte, was ich nicht wusste, und damit hat halt auch im Wildtyp das Enzym nicht funktioniert und meine Arbeit damit war komplett Sinn- und wertlos.

Ich eskalierte kurz.

Dann schrieb ich eine Mail an den Zelllinienhersteller, was ich denn jetzt machen sollte, verglich Medien, berichtete dem Chef von meinem grandiosen Fund, aß Mittag, verglich weiter Medien, verglich verschiedene Eisen-Salze, versuchte herauszubekommen, ob nicht vielleicht doch ausreichende Mengen Eisen im Kälberserum sind (Antwort: who knows, das untersuchen die ja nicht jedes Mal, hahaha), bestellte Eisennitrat, bestellte neue Kits zur Aufreinigung von mRNA, weil mir vermutlich halt der letzte Versuch deshalb in die Hose gegangen ist. Drei echt volle Tage Arbeit und Kits im Wert von fast 1000 USD. Oh, welch Freude.

Dann ging ich zum Chef um ihm von meinen Eisenrecherchen zu berichten. Er empfing mich mit „Congrats!“. Ich guckte fragend und er sagte „To You! And to me! They [der amerikanische Collaborator] got their article [in Nature] accepted!“. Ich sage es mal so: WHOOOOOOOHOOOOOOO! Da steht mein Name mit drauf, in fucking Nature, ich hab zwischendurch immer wieder nicht dran geglaubt, aber es ist tatsächlich wahr: der kommt jetzt raus! Damit habe ich auch das eine Paper, was für die Thesis veröffentlicht sein muss, im Kasten. Yeah!

Danach war mir alles ein bisschen egal, es kam noch eine Mail, ein Antikörper sei gekommen, ich schwankte zwischen „direkt nach Hause und den Sekt öffnen“ und „morgen schon ein Ergebnis für den Antikörper haben“ und entschloss mich, gerade meiner ausgelassenen Stimmung wegen, für letzteres. Buchte mir eine halbe Stunde am Mikroskop morgen und färbte Zellen. Aber grinsend, und während der 45 Minuten Blocking (aka. Wartezeit) ging ich beschwingt zum 7Eleven und holte mir noch einen Kaffee und einen riesigen Schokomuffin. Ging zurück ins Labor, räumte die zu färbenden Zellen in den Kühlschrank und war bereit, nach Hause zu gehen. Im Büro fiel mir dann der Brief wieder ein, im Büro habe ich ein Radiergummi und ich radierte schnell und bekam auch Fluchs die Adresse. Beschwingt verließ ich das Büro, zog im Fahrstuhl nochmal den Lippenstift nach (ja, der hat so lange gehalten) und dann klingelte mein Handy. 

Meine Mutter. Mit ihr telefonierend schloss ich mein Fahrrad auf und schob dann bis zum Samfundet, weil sie, unbeeindruckt der Tatsache, dass es bei mir ziemlich stürmisch war und sie deshalb von mir dauernd nur Rauschen hörte, einfach immer weiter erzählte. Irgendwann merkte sie dann aber doch, dass sich so keine richtigen Gespräche führen lassen und wir verabschiedeten uns – unter der Voraussetzung, dass ich sie anrufen würde, wenn ich zu Hause sei. Ich fuhr also los, sprang kurz vor zu Hause noch mal ab und in den Bunnpris um den Brief abzugeben, traf noch kurz Kindergartenkind E. und seine Mutter und dann war ich auch um sechs schon zu Hause. Toll.

Herr Rabe war schon am Kochen, die Kinder und ich riefen per Skype die Oma wieder an. Pippi rollte während des Gesprächs dauernd mit den Augen, was einerseits sehr niedlich war, andererseits aber auch unglaublich komisch, jedenfalls fand ich das in meinem immer noch ziemlich euphorischen Zustand. Michel zeigte der Oma alle seine Lieblingsspielzeuge. Pippi rollte mit den Augen. Dann kam die Frage „Kommt ihr denn dann nächstes Jahr nach Hause?“, ich dachte auf einigen Ebenen „What the fuck?“, sagte aber nur „Ich weiß es noch nicht, Mama.“ Haha. Zu Hause. Dann gab es glücklicherweise Essen, sodass ich meine Mutter leider, leider abwürgen musste.

Lecker Essen (Couscous mit Gemüse und Quorn-Schnitzel), dann Kinder-Bettzeit. Planmäßig nicht neben Michel eingeschlafen, sondern stand nach einer Runde Twitter- und Blogslesen (Ich winke mal nach Finnland: Hier ist auch Herbst, richtig und in echt und ich bin auch so gar nicht bereit dafür!) wieder auf. Lauschte noch kurz den zwei schnurchelnden Mäusen und ging dann ins Bad. Schminkte mich ab, cremte mich ein, betrachtete etwas sorgenvoll meine im Moment wieder ziemlich picklige Haut (Memo an mich: gucken, ob The Body Shop mehr als nur die Verpackung der Nachtcreme geändert hat!) und machte dann Brotdosen für die Kinder morgen fertig. Sprühte die Schnecken ein, betrachtete sorgenvoll auch die Quarantäne-Schnecke, die so viele Eier gelegt hat und jetzt, so vermute ich jedenfalls, leider stirbt, vielleicht waren es ein bisschen sehr viele Eier… Jedenfalls frisst sie nicht und zieht sich immer weiter in ihr Haus zurück. Öffnete mir ein Feier-Bier, kippte den Rest vom Sekt von Freitag weg (der war auch echt einfach nicht lecker und dann noch mit ohne Kohlensäure… *schauder*) und seitdem sitze ich hier und schreibe. Gerade kam eine Mail, dass der Zelllinienhersteller „meine Anfrage bearbeitet“ und sich bis Ende der Woche zurückmelden wird. Super, davon kann ich mir ja jetzt auch nen Blumentopf kaufen. Aber egal, das verhagelt mir meine Laune jetzt auch nicht mehr, ich gehe gleich ins Bett und lese noch eine Runde über Harry Hole in Bangkok (ich lese ja die Harry Hole-Bücher von Jo Nesbø nicht chronologisch, um meine Zwanghaftigkeit abzubauen das hat sich einfach so ergeben und ist… auch mal interessant!) und dann ist Licht aus angesagt, morgen kann ich nicht wieder so spät bei der Arbeit auflaufen, ich hab ja zu tun.

Tag 757 – Sagt einem ja auch keiner.

Schon seit Wochen gärt es in mir. Mal aufzuräumen mit diesem „sagt einem ja vorher auch keiner“. Ich sag es jetzt. Alles. Bis auf das, was ich vergesse.

Meine liebe kinderlose Freundin,

Du fragst dich, wie es ist, das Leben mit Kindern. Immerhin was, du fragst dich, das ist schon mal gut, dann kannst du dich vorbereiten und rennst nicht blind drauflos und bist dann total überrascht wenns kommt, wies kommt. Und ich mag dich, ich werde also ehrlich sein.

Erstmal: ich hasse diese Plattitüde „Es kommt sowieso alles ganz anders!“. Kotzwürg, echt mal. Dein Kind wird vermutlich nicht grün sein oder vier Meter groß oder niemals weinen. Es gibt ein gewisses Spektrum, das schon, aber manches ist halt relativ sicher, anderes eher offen. Aber ich kann dir ja schonmal sagen: du wirst diesen behämmerten Satz sehr oft hören. Denn: jeder hat eine Meinung zu Kindern/Eltern/Müttern/Schwangeren und die meisten tun sie gerne kund. Ich finde es schlimm, aber so ist es.

Es geht schon in der Schwangerschaft los. Plötzlich sind alle Experten. Tolle Ratschläge von allen Seiten. „Du darfst keine Erdbeeren (oder besser *insert random food*) essen, wegen…“. Lass dir gesagt sein: Diese Ratschläge sind zu 90% ohne wissenschaftliches Backing, zu 50% totaler Quark und zu ebenfalls 50% Ammenmärchen, die mal ihre Berechtigung hatten, inzwischen aber komplett überholt sind. Und zu jeder Meinung wirst du eine Gegenmeinung hören. Schon als Schwangere kannst du es nur falsch machen, aber besser ist, du gewöhnst dich da dran, so geht es nämlich weiter. Beispiel gefällig? Ärzte werden dir vielleicht vorschlagen, spezielle Vorsorgeuntersuchungen machen zu lassen. Man kann heute auf echt vieles testen. ERWÄHN NIEMALS ÖFFENTLICH, DASS DU DAS (NICHT) VORHAST! Du kannst nur verlieren. Wenn du eine gute Freundin hast (so wie mich, husthust) und Diskussionsbedarf besteht, kannst du es mal unter vier Augen ansprechen, aber besser ist, du bildest dir deine Meinung dazu schon vor der Schwangerschaft, eventuell mit dem Partner, und dann kannst du deine Entscheidung Ärzten mitteilen und gegenüber Arbeitskollegen/Bekannten/Dem Internet(TM) je nach Laune vertreten oder verschweigen. Weil auch hier gilt: du kannst es nur falsch machen. Machst du extra Vorsorge, giltst du als übervorsichtig und manche werden direkt denken, dass du ein Kind mit *insert random Beeinträchtigung* sicher sofort abtreiben würdest. Machst du keine extra Vorsorge, werden Ärzte und co. dich für fahrlässig halten. *Shrugs*.  Und apropos Vorsorge: Du kannst fast die komplette Schwangerschaftsvorsorge bei einer Hebamme machen lassen (hahaha, falls du eine findest!), aber dann erklären dich die Ärzte halt für bekloppt. Wenn du aber keine Hebamme konsultierst, erklären dir drölfzig Supermuttis gerne, dass das ja aber viel besser wäre und überhaupt, Ärzte sind alle schlimm und nur auf Geld aus und Schwangerschaft ist keine Krankheit und blablabla. Leg dir ein dickes Fell zu. Bester Tipp, den ich dir geben kann.

ACH JA. Genau. Schwangerschaft ist keine Krankheit. Für manche schon! Surprise, es gibt Schwangere, die kotzen 40 Wochen durch! Oder kriegen Diabetes, oder so herbe Symphysenprobleme, dass sie kaum mehr laufen können, oder oder oder. Die Geschichten wirst du alle zu hören kriegen, wie deine Oma damals an Weihnachten in die Salatschüssel reiherte und dass die Schwägerin der Kollegin 30 Wochen liegen musste und die andere saß nachher im Rollstuhl, weil ihr das Kind das Becken gebrochen hat. Ja, gibt es alles. VIELLEICHT wirst du aber auch zu denen gehören, die das schwanger sein in vollen Zügen genießen. Die wenig bis keine Beschwerden haben, die sich als schön und weiblich und sexy wahrnehmen, die dann von den anderen dauernd zu hören kriegen: Ah, wenn das erste (zweite) Trimester easy ist, wird das zweite (dritte) schlimm. Oder spätestens die Geburt. Meh. Ich persönlich fand schwanger sein ok, ich fühlte mich ganz ok, kotzte nicht, aß viel und hatte zur Abwechslung mal keine Hautprobleme. Ok, manchmal fühlte es sich halt an, als würde ich ein Alien ausbrüten, das mir den Kopf in die Blase drückt und dabei mit Füßen und Ellenbogen meine Rippen malträtiert. Und der Gedanke daran, dass dieses Kind ja irgendwann auch raus muss, der war mehr als gruselig. Denn auch da halten Leute sich mit Horrorstorys nicht zurück. Ich weiß mehr über die Geburtsverletzungen meiner Schwiegermutter als ich jemals verdrängen könnte. Ich erspare dir das deshalb, und umreiße kurz:

Eine Geburt tut sau weh. Ich kriege inzwischen Plaque, wenn mir Leute von Hypnobirthing vorschwärmen, aber nicht, weil ich nicht glaube, dass das funktionieren *kann*. Ich glaube schon, dass es Geburten gibt, die ohne Hypnobirthing schmerzarm und mit schmerzfrei sind. Geburten! Nicht: jede Frau kann eine schmerzfreie Geburt haben, wenn sie nur genug meditiert! Meiner Meinung nach wird so den Frauen auch noch die Verantwortung für ein möglichst *schönes* Geburtserlebnis aufgebürdet, eine Geburt muss nämlich heutzutage nicht nur in einem gesunden Baby und einer gesunden Mutter resultieren, nein, du hast gefälligst dafür zu sorgen, dass das alles *schön* ist, dass keine „unnötigen“ Untersuchungen und Interventionen gemacht werden (um das zu entscheiden, was unnötig ist, hast du vorher eine klitzekleine Ausbildung in Geburtshilfe absolviert, versteht sich, oder aber du hast drei Websites gelesen, kommt eigentlich aufs Gleiche raus *Ironie off*) und das alles, während du (höchstwahrscheinlich jedenfalls) die krassesten Schmerzen deines ganzen Lebens hast. Klingt verlockend, nicht wahr? Meine ganz ehrliche Meinung dazu ist: eine Geburt kann außerordentlich empowernd sein, aber sie wird nicht schlechter durch Schmerzmittel. Auch ein Kaiserschnitt kann eine schöne Geburtserfahrung sein. Ich kenne Frauen, für die war der ungeplante Kaiserschnitt am Ende eine Erlösung. Ohne Trauma. Ich kenne auch welche, für die das ganz schrecklich war, weil der Kontrollverlust eben enorm ist und vor allem bei Notkaiserschnitten die Komplikationsrate hoch. Du kannst es vorher nicht wissen. Ich möchte dir, als meiner Freundin, einfach ans Herz legen: Bereite dich auf Schmerzen vor, bereite dich auf Kontrollverlust vor, sperr dich nicht von vornherein gegen alles, was irgendwelche Leute als „nicht natürlich“ bezeichnen, denn: damit machst du es im Zweifel nur für dich schlimmer und schwerer zu akzeptieren, wenn es eventuell doch nötig wird. Und als letzten Tipp zu der Geburtssache: auch bei unschönen oder sogar traumatischen Geburten kommen fast immer gesunde Babys heraus. Und die Seelen der Mütter heilen auch. Manche mit Hilfe und manche mit der Zeit.

So. Jetzt sitzt du da also, hast dein blaurotes Schrumpelalien rosiges Baby im Arm, blutest wie Sau, traust dich nicht aufs Klo, hast Hämorrhoiden und dein Partner hat dich grad kacken gesehen siehst es an und wartest auf den Wow-Moment. Vielleicht hast du den auch direkt. Vielleicht nicht. Vielleicht möchtest du erstmal schlafen. Vielleicht bist du überfordert von der Verantwortung. Vielleicht kommt gleich die Hebamme und stopft dem Kind deine Brust in den Mund. Vielleicht bist du schockverliebt. Vielleicht saugt sich das Kind grad an der Nase deines Partners fest, weil du noch zu zittrig bist, um es zu halten. Und weißt du was: alles ok. Stress dich nicht damit, jetzt sofort irgendwas fühlen zu müssen. Wenn es dir richtig kacke geht, physisch eh, aber psychisch auch, sag wem Bescheid. Aber stress dich nicht selbst: Du hast grad ein Kind geboren, einen richtigen kleinen Menschen, das ist erstmal genug und so überwältigend, da produzieren Menschengehirne eben die unterschiedlichsten Reaktionsmuster. (Nach ein paar Tagen kommen übrigens die Heultage, das ist auch normal, ich hab bei beiden Kindern Rotz und Wasser geheult, wegen absolut gar nix, bei Pippi wars glaube ich die Farbe der Babydecke oder so. Meist kommen die Tage mit dem Milcheinschuss zusammen, das ist dann besonders prickelnd, das kann nämlich auch ziemlich unangenehm sein. Aber wichtig ist, dass das vorbei geht und wenn nicht, musst du auf jeden Fall wem Bescheid geben, so eine Geburt kann nämlich auch eine besondere Form der Depression verursachen und das ist scheiße, aber behandelbar.)

Aber ich wollte ja sagen, „was einem vorher keiner sagt“. Genau: Also, dein Körper, ne? Du denkst, du kriegst den jetzt zurück, ne? Möööp. Zurück eh nicht, weil was sich einmal so aufgebläht hat, das geht nicht mehr ganz in die gleiche Form zurück, da kannste trainieren und diäten und machen, was du willst, ganz exakt so wie vorher wirds nicht mehr. Das kann man schlimm finden oder nicht, ich finde ja, man sollte auch da die Kirche im Dorf lassen und sich nicht übermäßig unter Druck setzen, nach ner Woche wieder auszusehen wie Prinzessin Kate. Aber vor allem geht die Fremdbestimmung über deinen Körper weiter, weil: Stillen. Und jetzt sagst du, meine liebe emanzipierte Freundin, dass ja nicht jede stillen will. Und ich applaudiere dir und sage, du hast natürlich recht. ABER. Erklär das mal den Hebammen/Stillberaterinnen/Supermuttis. Nicht stillen und zwar von Anfang an ist ein Frevel sondergleichen in unserer ach so aufgeklärten Welt. Plötzlich hat JEDER was dazu zu sagen, wass du mit deinen Brüsten tust (oder eben nicht tust). Es ist zum Kotzen und deshalb wirst du von mir da nie ein irgendwie urteilendes Wort hören. Von mir aus still, oder lass es bleiben, still bis zur Grundschule oder exakt vier Monate, es ist deine Entscheidung. Deine. DEI-NE. (Kurz zum Stillen an sich: Kann man mögen, muss man aber nicht. Brustwarzen müssen sich auch erst mal dran gewöhnen, dass sie plötzlich große Teile des Tages benuckelt werden, das ist möglicherweise unschön. Richtig wehtun sollte es nicht, dann sollte mal eine Stillberaterin drauf gucken. Es geht immer wieder auf und ab mit der Menge, der Regelmäßigkeit und auch dem Mögen. Stillhormone sind schon was feines. Im Liegen Stillen hat mir meine Nerven beim zweiten Kind gerettet. Und dieser Blick, wenn so ein Baby einen beim Stillen verliebt anguckt… hachz. Fast so schön, wie bei nem Fläschchen.) Menschen werden dich beklatschen, andere abstoßend finden, wenn du in der Öffentlichkeit stillst. Menschen werden kommentieren. Dauernd. Der gesellschaftliche Konsens momentan ist in etwa: still 4-6 Monate voll und dann still sehr schnell ab. Ab ca. neun Monaten ist stillen mehr oder weniger eklig (nicht meine Meinung! s.o.). Und auch wenn du es so machst, wirst du trotzdem überall anecken, entweder bei den „Ich stille solange, wie das Baby will“-Müttern oder bei… allen anderen, also: dickes Fell. Sehr dickes. Hast du schon Haarwuchsmittel? Kauf dir welches. Das Fell. Du weißt schon.

Und jetzt bist du also Mutter. Angekommen im Mutter-sein. Und nun? Überraschung – auch jetzt kannst du’s nur falsch machen. Gehst du früh wieder arbeiten: Rabenmutter. Lässt du’s bleiben: Heimchen am Herd. Was mir aber am Herzen liegt, ist das hier: Du brauchst jetzt einen Partner, der das mitträgt, was du für dich entschieden hast. Ich hoffe inständig, dass ihr da vorher drüber gesprochen habt. Lange vorher. Im Prinzip gibt es zwei Extreme und natürlich drölfzig Schattierungen dazwischen: Entweder du (oder dein Partner, aber sagen wir mal, ihr seid *etwas* klassisch drauf, trotz aller Emazipation) bleibst lange zu Hause und kümmerst dich ganz klassisch um Haus, Hof und Kinder. Dann bedenke! BITTE! dass so ein Typ eventuell nicht für immer bei dir bleibt. Sieh zu, dass dir Rentenpunkte übertragen werden, oder er soll dich privat finanziell absichern, sodass du nicht am Ende echt dumm aus der Wäsche guckst, wenn du alleine da stehst, seit Jahren („aber das haben wir ja gemeinsam so entschieden!“ davon wissen einige Väter dann plötzlich gar nichts mehr…) aus dem Job raus, mit Kindern an der Backe (Arbeitgeber lieben das bekanntlich) und der Aussicht auf allerfeinste Altersarmut, weil ja lange nicht sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Du machst zu Hause einen anstrengenden Vollzeitjob, der sollte von deinem Partner entsprechend gewürdigt werden und dazu gehört auch, dass er dich irgendwie absichert. Oder (das andere Extrem) du gehst halt so schnell wieder arbeiten, dass der Arbeitgeber nicht meckert, stellst die Ohren für alles „aber Fremdbetreuung ist des Teufels!“-Geheul der Vollzeitmütter auf Durchzug, nimmst deinen Partner für sämtliche Care-Arbeit (dazu gehört auch der Haushalt, nicht nur Kinderbetreuung!) zu 50% in die Pflicht (optimaler Weise hast du auch so einen Herrn Rabe, für den das keine große Diskussion ist) und… kämpfst trotzdem mehr als jeder Vater. An allen Fronten. Aber vielleicht hilft dir ja mein Strohhalm: dass unsere Töchter vielleicht nicht mehr so kämpfen müssen. Ich will das nicht beschönigen, so viel arbeiten, dass man im Zweifel auch ohne Partner über die Runden käme und noch (kleine) Kinder haben ist ein dauernder Balanceakt und zeitweise fürchtet man nichts mehr als eine Miniböe, die einen vom Seil pustet. Vor allem ohne soziales Netz ist das saumäßig anstrengend. Und egal wie toll du balancierst, wirst du gefragt werden, wie DU denn die Kinder betreust, wie DU das denn machst, ob DU jetzt SO EINE Karrieremutti bist, ob DU denn das Kind nicht vermisst, etc. pp., während sich Väter sowas ca. nie anhören müssen. Das macht mürbe und müde. Alles daran. Aber wenigstens nicht arm… *Shrugs again* Aber, wie dem auch sei, mach es mit deinem Partner zusammen. Und lass dich nicht mit „naja, aber er verdient halt auch mehr, das lohnt sich gar nicht“ abspeisen. It’s a trap. Während du nämlich K1 hütest, startet er beruflich durch (hat ja Zeit und ist vermutlich in den besten Jahren). Dann bist du grade so wieder im Beruf angekommen, Teilzeit, weil er arbeitet ja >40 h/Woche und das geht ja sonst mit der KiTa nicht auf und… wirst wieder schwanger. Er verdient jetzt noch mehr als noch vor K1, du viel weniger, naaa, wollen wir mal raten, was das Argument sein wird, weshalb er leider gar keine Elternzeit nehmen kann? Eben. Ich sage nicht, dass es so laufen muss, aber oft genug läuft es genau so und da muss man gemeinsam! bewusst gegensteuern. 

(Alternativ kannst du dich auch in die lange Reihe derjenigen stellen, die nach dem „Dorf“ schreien. Aber dann können wir leider nicht länger Freundinnen sein, weil mich dieses hohle Gelaber inzwischen derart anödet. Wir können wieder reden, wenn du wirklich bereit bist, in eine Familien-WG oder so etwas zu ziehen. Dein Haus, dein Auto, dein Boot, alles zu verscherbeln oder der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen.)

Bleibt noch was? Ach ja, die mommy wars. Hast du dir schon einen Erziehungsstil ausgesucht? Na dann wirds aber Zeit! Und dann musst du den extremistisch auslegen und missionarisch verbreiten, während du Andersdenkende rechts und links aggressiv wegbeißt. Wie in so ner richtigen Sekte. Glaubst du nicht? Na dann guck mal in Elternforen. Oder besser: lass es bleiben. Echt mal. Es gibt ca. sechtausend Erziehungsratgeber und manche davon sind gut, andere schlechter und wieder andere sind totaler Quatsch, aber entweder liest du die alle lange bevor du Kinder hast und noch halbwegs neutral in deinem Urteil über den Sinn und die Anwendbarkeit bist, oder du wartest damit, bis die Kinder aus dem Haus sind. Dann kannst du wenigstens herzlich drüber lachen. Und ich sage es dir, es gibt nichts, was es nicht gibt, die möglichen Erziehungsideale reichen von totalem Helikoptern bis hin zu „meine Kinder dürfen alles, was sie wollen, wann sie es wollen und so viel sie davon wollen“. Und, surprise, da gibt es echt viel Konfliktpotential. Ich glaube ja, dass, je schwerer es fällt, irgendeine Lebensweise durchzuhalten, die Anhänger besonders empfindlich gegenüber Kritik werden. Da reicht ein „find ich nicht so cool“ und schon wird wild um sich geschossen, dass man das Gefühl hat, man wäre nicht nur auf die Zehen sondern direkt aufs rohe Fleisch getreten. Mit Spike-Schuhen an. Mit denen man eben noch durch Streusalz gelaufen ist. Was kein Wunder ist, wenn man sich die Regelkataloge einiger dieser Lebensweisen durchliest (was oft übrigens eher durch die Anhängerschaft definiert wird, als durch die, die sich das ursprünglich mal ausgedacht haben). Ich sag mal so: wenn ich jeden Tag nen Marathon laufen würde, dabei jonglieren, ein Buch auf dem Kopf balancieren und „Die Glocke“ rückwärts aufsagen und dann würde jemand kommen und mich fragen, was das denn solle, obs nicht auch einfacher ginge, würde ich vermutlich auch ausrasten. Ich habe da nur jetzt leider keinen tollen Tipp für dich, meine liebe Freundin, außer, sich von dem ganzen Zeug sehr weit fern zu halten. Alles, was irgendwie wie ein Rezept für tolle/schlaue/empathische Kinder klingt ist mit großer Wahrscheinlichkeit Humbug. Kinder sind Individuen. Auf jedes Kind das gleiche Rezept anwenden ist also zum Scheitern verurteilt. Lass dich bloß nicht auf diese Grabenkämpfe ein, das bringt gar nix außer Frust. Den Kindern bringts in jedem Fall schon mal überhaupt nix.

Aber wie ist es denn nun, das Leben mit Kindern? Naja…

Wunderbar. Ganz einfach. Alles wert. Die Nächte Wochen Monate Jahre mit wenig Schlaf. Die Paarstreitereien. Den Vereinbarkeitsspagat. Das kriegt man alles zurück. Doppelt, dreifach, hundertfach.

Aber wie, kann ich dir auch nicht so genau erklären. Das muss man erleben.

Deine R., die sehr müde ist, eine Körbchengröße weniger hat, dafür zehn Paar Augenringe mehr als vor den Kindern. Und ein pralles Glückskonto, das hat sie auch.
 

Tag 756 – Uffjerecht. 

Eigentlich sollte hier ein langer Post stehen, aber der muss halb fertig noch ein bisschen garen, es ist ja schon wieder so spät. Aber ich hab mich heute schon wieder so aufgeregt, das muss irgendwo hin. 

Auch aufgeregt hat sich offenbar halb Deutschland beim Schauen des TV-Duells, war wohl müde wie der ganze Wahlkampf. Kurz entschlossen: ich mache jetzt noch Wahl-O-Mat, deinwal.de hab ich schon durch und dann wähle ich und dann gehe ich schlafen. Aufregend. 

Hier noch zwei Bilder von gestern. Zum Abregen. 

Im Kinderwagen sitzen…

Michels Baby (rechts) und Pippis Baby (links). Beide wurden auch schon gewickelt und gefüttert. Und Pippi hat ihnen gezeigt, wie man sich festhält, sie halten sich nur nicht dran.

Tag 755 – Mona Lisa. 

Ich wollte mich eigentlich gezielt aufregen, aber dann entschied ich mich anders und twitterte lieber herum und machte Teig für sechstausend Backwaren und rupfte einige Augenbrauenhaare aus. Also, nacheinander, nicht dass sie denken, ich zupfe meine Augenbrauen über der offenen Teigschüssel. Aber jedenfalls habe ich jetzt für heute gar kein Thema mehr, über das ich schreiben könnte. Ich liege hier im Bett, lächle vor mich hin wie die Mona Lisa und denke drüber nach, ob die vielleicht auch lächelt, weil sie „alle irre“ denkt. Oder vielleicht denkt sie auch an ihre wunderbaren Kinder. Oder daran, dass das Kinderzimmer echt zu klein ist, was man daran merkt, dass nach zwei Stunden Schlaf da drin schon eine Luft ist, wie im Pumakäfig. Leider geht ja auch das Fenster nicht richtig auf, das hilft also auch nix, und dann wühlt das große Kind im Schlaf so rum, dass es falschrum oben auf der Decke liegt und das kleine Kind sagt „Decke!“ wenn es zugedeckt werden will und aber auch, wenn es vor dem Schneckenterrarium steht. Außerdem sagt das kleine Kind „Socken anziehn!“ zu Michels Magnetbuchstaben-L. Das große Kind sagt „Pippi guckt so bisschen müde aus.“ weil es auf Norwegisch so heißen würde und überhaupt benutzt es viele lustige Redewendungen. Meine Kinder sind auch die einzigen, die „Guck jetzt!“ sagen, statt „Guck mal!“, bevor sie auf dem Bett hüpfen. Und ich liege im Bett und denke an die Mona Lisa und hoffe einfach mal für sie, dass sie auch auf dem Bett hüpfende Kinder hatte. 

Tag 754 – Stößchen. 

Today’s the day. Der Tag, an dem ich beschloss, dass ich im Zweifel eben ohne Unterstützung durch meinen Supervisor fertig werde. Und dass ich das schon schaukeln werde. Weil ich’s kann. Ich kann das. Das Thema, das selbständige Denken und das Entscheidungen treffen. Ha. Soll er doch in Funklöchern Fische angeln, ich fixe derweil die Hälfte der Konfokalbilder*, bestelle mir Zeug zusammen um den Rest noch schön zu machen (und weiche damit nicht nur ein bisschen von seinen irrwitzigen Plänen ab, aber irgendwer muss ja auf dem Boden der Tatsachen bleiben), organisiere mir Gratisproben an Antikörpern, damit ich nicht unnötig viel Geld verpulvere** und plane nebenbei das dritte Manuskript samt Backup***, wenn die Daten wirklich allzu schlecht sind. 

Und das Wichtigste: ich hab mit dem potentiellen Opponenten gesprochen, ganz alleine, weil mein Chef halt unentschuldigt fehlte nicht da war, es war sehr gut, ich fühle mich nicht dümmer als vorher, wir haben fast auf Augenhöhe miteinander gesprochen****, er freut sich sehr auf den Artikel und hat seine Hilfe als Vorab-Reviewer angeboten. Er freut sich auch sehr, mein Opponent zu werden. Hurra! Kein Paper veröffentlicht, aber nen Opponenten, das ist ja auch mal ne Herangehensweise. Witziger Weise (ok, eigentlich überhaupt nicht witzig, weil es zeigt, wie wenig er in dem Thema drin ist)  kannte mein Chef den nichtmal vom Namen her. Egal, auf das gute Gespräch und auf die Erkenntnis oben habe ich eben eine Flasche Sekt geöffnet. Kann man ja mal machen, nach so ner Kackzeit. 

Und weil ich jetzt Wochenende habe und gedenke, nicht zu arbeiten und mir auch keinen Kopf mehr um alles zu machen, habe ich eben eine Mail an unseren Proteomics guy geschickt, auf dass er mir nicht wieder das Wochenende versauen möge. 


Gnihihi. Cheers!

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* Wenn ich die vom Computer gezogen hab, zeige ich sie Ihnen auch. 

** So wie für den Donkey-anti-goat Antikörper, den ich kaufte, als ich noch glaubte, der primäre (goat-) Antikörper würde funktionieren. Tut er nicht, habe ich gestern (mal eben nebenbei, hahaha) recht eindrucksvoll bewiesen. 

*** Ne recht langweilige Geschichte, aber immerhin ne „Safe Story“, der Vergleich von vier (vielleicht sechs, mal sehen) Proteinen bei der Reperatur von Methylierungsschäden. In mRNA, vielleicht auch DNA. Lame, aber, wie gesagt, sicher. Denn da kann man tatsächlich „hat keinen Einfluss“ als Ergebnis verkaufen. Und man kann es später im Zweifel noch voll aufblasen und tatsächlich veröffentlichen, aber das mache dann nicht ich. 

**** Er hat ne PostDoc-Stelle ausgeschrieben. Ach, ach, ach. Aber USA? Hmmmmmmmmnee. Und Wissenschaft ja eigentlich auch nicht. Aber – Hachja. Das wär schon auch was. Hachjajaja. 

Tag 753 – Schnipsel. 

Konfokalkurs gehabt. Wo soll ich anfangen? Bei der bunten Häkelweste und der Holzperlen-Lederkette? Den ständigen Hinweisen, was für ein cooooooooler Musiker der Konfokalobermotz doch ist? Oder meinen mörderischen Kopfschmerzen? Oder damit, dass, genau wie im 1. Semester damals, die Antworten immer „Wärme“* oder „Pi-Elektronen“** sind? Naja, war, jetzt darf ich alleine am Mikroskop arbeiten. 

Langsam setzt Entspannung ein. Heute habe ich sogar, als ich auf meine Mikroskopzeit wartete, einfach so einen Kaffee getrunken und nahezu nichts*** getan. 

Mikroskop, erstes Mal alleine: läuft, würde ich sagen. Wie immer alle sagen, dass das totaaaaaaal schwierig ist, das alles richtig einzustellen, und, äh, das ist total logisch. Das ist echt nicht schwer, wenn man verstanden hat, welches Dings was tut, all die kleinen Spiegel und Filter und Verstärker und Tralala. Keine Ahnung, wieso sich meine Kollegen da so anstellen… Für alles, was komplizierter ist, gehe ich eh zur Core Facility, aber das grundlegende „hat meine Färbung geklappt?“ kann ich jetzt alleine. 

Ich habe offenbar viel genörgelt in letzter Zeit, ich kriege jedenfalls plötzlich viel Hilfe von meinen Kollegen angeboten. Das fühlt sich sehr viel besser an, als das Alleinsein und die ungeteilte Verantwortung von vorher. 

Morgen werde ich einen potentiellen Opponenten für die Defense ansprechen. Das ist sehr aufregend. 

Meine Kinder sind die, die sich bei 12 Grad auf dem Spielplatz die Socken und Schuhe ausziehen. 

Auch auf dem Spielplatz: Kind-Kumpel: „Was arbeitet deine Mama?“ Michel: „Meine Mama arbeitet mit Zellen. Im Krankenhaus. Weißt du was für Zellen?“ – „Nein?“ – „So welche, die im Körper sind!“ – „Meine Mama arbeitet mit Brillen!“.

Diese Autokratzersache**** ist jetzt richtig teuer geworden, offenbar hat unsere Versicherung einfach alles bezahlt, was die Gegenseite verlangt hat***** und es uns aufgebrummt. Heute kam jedenfalls ein Brief, sie hätten 1700€ ausgelegt und würden mich entsprechend hochstufen. Mal sehen, ob ich die Nerven und die Zeit finde, da morgen mal nachzufragen, ob die noch alle Tassen im Schrank haben. 

Aber echt mal: die Kinder. Hachz. So ist das, wenn sie schlafen sollen. (Ton anmachen.)

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Dieses Video existiert nicht
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* „Wo geht die Energie hin, die Quantenausbeute ist ja nie 1?“

** „Warum kann man das anregen, damit es dann leuchtet?“

*** ne To-Do-Liste erstellt. 

**** Ich wollte verlinken, hab dabei aber gemerkt, dass ich offenbar noch nichts davon erwähnte. Kurz: Michel hat auf unserer Tour nach Bergen an einem Parkplatz die Tür des Autos beim Einsteigen etwas schwungvoll aufgemacht und drei rote Lackspuren, von denen ich zwei mit Mikrofasertuch, Feuchttuch und Fingernagel wegbekam, am Nachbarauto hinterlassen. Das ganz neu war. Und weiß. Und teuer. Und weil ich ja unverbesserlich ehrlich bin, bestand ich drauf, auf die Besitzer des anderen Autos zu warten. Die fanden das voll nett. Und ficken einen dann eben doch hintenrum . Mache ich wohl auch nicht nochmal. Also warten. (Haha, natürlich doch, ich kenne mich ja.)

***** offenbar mindestens die komplette Tür lackiert, ungeachtet meiner Beschreibung der nicht mal fühlbaren Lackspuren. Das waren ja nichtmal Kratzer. Was natürlich jetzt im Nachhinein auch keiner beweisen kann, weil ja einfach gemacht wurde. Ohne Kostenvoranschlag, ohne irgendwas. Nur „nach Ihrer Beschreibung des Unfallherganges sind Sie schuld, wir halten Sie auf dem Laufenden.“. Dass ich (naja, Michel, aber der ist ja einfach noch nicht mündig) „schuld“ bin, habe ich ja auch nie angezweifelt. Nur das Ausmaß ist… äh… etwas absurd. Und „auf dem Laufenden halten“ verstehe ich auch irgendwie anders als „das hat’s gekostet, ihre Prämie erhöht sich damit um 300%, bitte verwenden Sie bei Rückfragen die Schadensnummer“.

Tag 752 – Übertrieben. 

Sowohl im Labor und danach beim jährlichen Shrimps-Essen, wobei der Essensteil da schon vorbei war und nur noch getrunken wurde, aber das ganze Ding hätte ich mir lieber sparen sollen, weil sich mit wirklich nur wenig Alkohol bin ich jetzt komplett ausgepumpt und zum Umfallen müde. 

Aber: alle Proben soweit fertig gemacht, jetzt können andere übernehmen. Und etwas besonders schönes ist auch passiert: meine eine Kollegin hat mir Ihre Hilfe angeboten. Nicht nur einfach so dahingesagt, sondern ganz konkret, wenn ich noch irgendwas zu tun hätte, das sie auch machen kann, soll ich es bloß sagen. Ich bin immernoch ganz gerührt davon. Und langsam habe ich auch die Scheu vor dem um-Hilfe-Bitten abgebaut: als der Chef heute mit wieder einer weiteren Knock-Out-Zelle ankam, die ich bitte auftauen sollte*, habe ich zwar noch das Medium selbst warm gestellt, aber dann den vorbeilaufenden Mr. I-trust-You darum gebeten, die Zellen aufzutauen. Das hat der auch gemacht und „kein Problem“ gesagt. Puh. 

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*Ich hätte nein gesagt, hätte er nicht damit ein sozusagen „sicheres“ Manuskript in Aussicht gestellt, in dem ich einfach nur die tausend sechs Knock-Outs, die wir inzwischen haben, miteinander vergleiche. Selbst die Daten zu vier davon haben wir schon. Das ist bisher die beste Idee, die ich hatte und die er jetzt als seine versteht. 

Tag 751 – Achterbahn. 

Morgens Absage auf eine Bewerbung. 

Zur Arbeit durch den strömenden Regen. 

Bis zum Mittagessen anstrengender Versuch, stressstressstress. 

Dann auch noch kaum sichtbare Zellpellets, weil die Zentrifuge falsch eingestellt war. Mühsam Ausraster unterdrückt ob der Aussicht, den Versuch noch mal wiederholen zu müssen. 

Mittagessen alleine, weil jede Frage nach meinem Befinden unweigerlich zu einem Heulkrampf geführt hätte. 

Chef bestellt völlig irre Antikörperkombinationen. Er ist entweder ein Genie oder verrückt. Oder beides. Ich bestelle heimlich die sichere, wenn auch nicht ganz so geniale Variante. 

Email vom Konfokalobermotz: Kurs am Donnerstag. Da geht er hin, mein potentiell freier Tag, den ich so nötig hätte. 

Ich isoliere RNA aus den unsichtbaren Zellen. Es reicht, ich muss den Versuch nicht wiederholen. 

Während ich eigenmächtig Zellen färbe, um den Konfokalkurs schamlos ausnutzen zu können, kommt der Chef ins Labor und grinst über beide Backen: „Ich hab Geld ausgegraben, Du und die Bürokollegin könnt bis Ende des Jahres voll bezahlt werden.“ 

Ich sähe Zellen aus, fahre durch den Sonnenschein nach Hause, habe endlich mal wieder eine gute Zeit mit den Kindern, esse, bringe Michel ins Bett, fahre wieder zur Arbeit, ernte ein paar Zellen, kaufe Schokopudding.

Komme nach Hause. Pippi liegt bei Herrn Rabe auf dem Sofa, sie hat eine Erkältung (nicht so schlimm) und Ohrenschmerzen (Alarm!), Herr Rabe hat seine Kindkrank-Tage aufgebraucht, ich muss (mussmussmuss!!!) morgen diesen Versuch fertig machen, aber hilft ja nix, außer Daumen drücken können wir wohl nix machen. 

Mit der Schwägerin telefoniert, sehr aufmunternd war das. 

Jetzt merke ich erst, wie müde ich bin. Ich könnte hundert Jahre schlafen. 

Und morgen freue ich mich dann bestimmt auch mal über die zwei Monate mehr Zeit. 

Bestimmt. 

Tag 750 – „Mama?…

… warum bist du so traurig?“ 

„Ach, weil mein Chef blöd ist.“

„Warum ist der blöd?“

„Weil der will, dass ich noch mehr arbeite, dabei arbeite ich doch schon so viel und mehr kann ich nicht.“

„Hmm. Das verstehe ich… Willst du einen neuen Chef haben?“

„Chrchrchr, ja, ich hätte sehr gerne einen neuen Chef.“

„Oder vielleicht gar keinen Chef?“

„Nee, einfach einen anderen.“

„Ja. Einen, der dich nicht stört in deinem Büro.“

Tag 749 – Naja, immerhin Pilze gefunden. 

Komplett beschissener Tag (schlechte Nachrichten vom Tausend-Replikate-Versuch, das heißt jetzt, ganz kurz, damit ich nicht wieder heule, drei Möglichkeiten: 1) ein richtig schlimm Bad Science Paper schreiben, in dem ich nur drei von sieben Replikaten betrachte, das als Manuskript in die Thesis hauen und danach sehr schnell verdrängen, was ich da tat; 2) Mithilfe des Chefs* versuchen, mit einem Siebtautor-Paper und einem (hoffentlich bis dahin immerhin eingereichten) Manuskript, das aber ENORM aufwändig und auch gut ist, zu verteidigen, verstößt halt eigentlich gegen die Regeln, aber wozu gibt’s denn sonst die Ausnahmenklausel?; 3) Aufgeben. Und glauben Sie mir, das ist grad echt eine Option, ich bin so fertig, ich möchte nur noch heulen.) aber schauen Sie mal, was wir heute schönes fürs heutige und auch morgige Mittagessen gefunden haben:




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*auf den bin ich langsam echt sauer. Heute ich in langer Mail: „Wir könnten also den Antikörper oder den oder den kaufen, hier sind die Vor- und Nachteile von jeder Option, überleg dir was und bestell dann.“ Er, nach tausend Stunden und dem… Eklat mit dem tausend-Replikate-Versuch: „Bestell, was du brauchst.“ Orr. Was ich bisher im PhD gelernt hab: 1. vertrau niemandem; 2. Verlass dich auf niemanden;  3. Undank ist der Welten Lohn; 4. Machs lieber gleich alleine, wegen 1. und 2. und 3..