Tag 2672 – Gedanken.

Anstrengend hier. Muss viel Englisch sprechen, ständig switchen, Schwedisch, Dänisch, Norwegisch, Hirn glüht. Eine Frau hat Bärchenohrringe, die aussehen wie Deutschland. Ein, sagen wir mal, hochrangiger Typ in der Firma könnte rein von der Kleidung her auch Burger bei Mäcces verkaufen (und wär noch underdressed), es ist verwirrend. Der Lieblingskollege sagt, er spielt eine Rolle bei Inspektionen, die Rolle ist nicht so stark introvertiert wie er eigentlich und deshalb geht das gut. Ich finde mich in dieser Beschreibung sehr gut wieder. Ist ja auch kein Zufall dass ich den mag, den Lieblingskollegen. Habe außerdem heute wirklich ehrliche Komplimente für mein Norwegisch bekommen, das passiert hin und wieder, manchmal werde ich auch gefragt, woher in Norwegen ich käme, weil Leute meinen „Dialekt“ nicht platzieren können. Das ist immer schön, und ich versuche dann gerne zum Ausdruck zu geben, dass ich das Kompliment gerne annehme, mir das auch klar ist und mir ebenfalls klar ist, dass ich kein Maßstab bin. Mein Schwedischlehrer sagte mal, ich sei sehr gut darin, zu imitieren, dadurch wirke mein Schwedisch gut (es kommt da sehr auf den Tonfall und die Sprachmelodie an) und sei für Schweden verständlich. Ich hätte auch total Lust, mehr Sprachen zu lernen, aber haha wann. Weil eigentlich mag ich diesen Sprachmix sehr und Sprachen generell und warum hab ich so lange und in entscheidenden Lebensphasen gedacht, Sprache sei nichts für mich? Nur wegen Latein (6 Lehrpersonen in 5 Jahren) und Spanisch (1 richtig blöde Lehrperson und deshalb nach 1 Jahr abgebrochen)? Hrmpf.

Hirn glüht, aber nicht im schlechten Sinne. Hurra für Input.

Tag 2671 – Wieder on the road.

Ach ja. Normalerweise finde ich das ja gar nicht schlimm, aber heute auf Inspektion fahren fühlte sich nicht sonderlich toll an. Freitag hatte ich einen kleineren… naja… ich möchte es Hänger nennen, weil ich unbesiegbar bin, bin aber in echt beim Mittagessen in Tränen ausgebrochen und Herr Rabe hat mit mir geschimpft, weil ich viel zu viel arbeite und er sich das mit angucken muss und ich voll den Tunnelblick habe und nicht mehr kommuniziere und überhaupt. Nicht gut für mich, nicht gut für die Familie. Es ist einfach, die Arbeit zu blamen, weil die mich nicht entlastet (und ich habe darum gebeten und auch gesagt, dass ich nicht mehr kann, mehrmals, und es interessiert, naja, halt keine Sau). Aber ich lasse mich halt auch ausbeuten. Perfektionismus und übersteigertes Verantwortungsgefühl rules – vor allem für den Arbeitgeber. Naja. Freitag habe ich mich, nachdem ich mit Heulen fertig war, so weit zusammengerissen, dass ich die Inspektion, die morgen beginnt, fertig vorbereitet habe, dann habe ich meinen Tunnelblick, Hyperfokus und Zeitdruck genutzt und in einem Affenzahn fünf Anleitungen zusammengekloppt, die hoffentlich meinen Kolleg*Innen nächste Woche dabei helfen, irgendwie mit dem IT-Projekt (das jetzt auch nen neuen Namen braucht, es hat ja das Projektstadium verlassen und ist jetzt ein Programm, das wir haben, frei nach dem Motto „friss oder stirb“) zurecht zu kommen. Dann habe ich meinen – übrigens wieder streikenden – Rechner ausgemacht und tatsächlich aus gelassen bis heute, als ich den Ersatzrechner im Büro abholte und Daten von streikendem Computer zu Ersatzcomputer übertrug. Wobei auch irgendeine Magic mit dem streikenden Rechner passierte, die Dinge zu fixen schien. Ich hab jetzt trotzdem beide dabei, ich finde das alles sehr gruselig.

Ich habe ebenfalls Freitag Abend und Samstag ein paar Dinge abgesagt und es fühlt sich an, als hätte ich die Notbremse in voller Fahrt gezogen und würde jetzt wie in einem Film mit dem halben Zug über dem Abgrund hängen. Die kommende Woche wird sich zeigen, ob ich mich raushangeln kann, wenn mir gestattet wird, nur meinen normalen Job zu machen. Ich werd Outlook jedenfalls bis Freitag nicht öffnen, habe ich mir vorgenommen. Am Handy habe ich alle Alarme von Outlook und Teams abgestellt. Und danach stehen da wohl Gespräche an, dass es in diesem Tempo nicht weiter geht.

Donnerstag war aber wirklich schön. Wir haben gefeiert, dass das IT-Projekt vorbei ist, nur wir Inspekteure und Inspekteurinnen, es gab gutes Essen und gute Getränke und gute Stimmung, meine Chefin hielt eine kleine Rede um mir für den Einsatz zu danken und ich bekam sogar eine Kleinigkeit. Da ich viel zu effizient mit der Orga des Feierns war und deshalb kaum Zeit blieb, die Kleinigkeit tatsächlich zu besorgen, bekam ich einen Gutschein für eine neue Thermotasse (wird morgen an meine Chefin geliefert…), eine Flasche mit Blubberwein und eine Schokomedaille – 3. Platz, weil der angelaufene Laden keine anderen mehr hatte. Ich mag meine Kolleg*Innen ja schon sehr, muss ich sagen. Das macht es nur alles überhaupt nicht einfacher.

So und wenn ich jetzt schnell die Augen zu mache, kriege ich noch 7,5 Stunden Schlaf, das wäre hilfreich. Gute Nacht.

Tag 2667 – Puls.

Heute war ich ein Mal sehr aufgeregt, weil ich eine Rede halten wollte, das wussten nur diejenigen nicht, die für die Feierlichkeiten zuständig waren, ich hab also das Wort einfach an mich gerissen. Aber ich wusste ja, das ich das tun würde und war deshalb sehr aufgeregt. Innendrin. Äußerlich wirkte ich ziemlich gelassen, glaube ich, und sogar meine Witze kamen an. Ich hab hinterher viel positive, persönliche Rückmeldung von den richtigen Leuten bekommen und wurde spontan? zufällig? zu einem Gehirnwäschemeeting eingeladen, um mich vor der IT-Projekt-Retrospektive morgen auf Kurs zu bringen oder so. Dabei habe ich nichts negatives über das Projekt gesagt, ehrlich! Das hebe ich mir für die Retrospektive auf. Vielleicht sollte ich mich vorher noch mal selbst auf Kurs bringen und diverse alte Beiträge hier lesen.

Dann hatte ich Puls auf dem Heimweg. Weil mein Laptop/Tablet möglicherweise die Grätsche macht, passenderweise kurz vor Inspektion. Er hat aufgehört, mit der (abnehmbaren) Tastatur zu reden, was echt nicht cool von ihm ist, weil ich ihn so nicht mal anbekomme. Das hätte echt nicht ausgerechnet heute sein müssen, ich hätte noch viel Arbeit im Zug und während Pipoi beim Tanzen war, erledigen wollen. Stattdessen hab ich auf dem Handy gedaddelt und ein paar seriöse Klamotten geshoppt (und einen Teppich zum Anziehen, weil im Werk ab nächster Woche die Temperatur reduziert wird).

Solche Tage sind bestimmt nicht gut für die grauen Haare auf meinem Kopf und/oder mein Herz.

Tag 2666 – Humba humba ta-ta-ta-tadeldadelda-tadeldadela-ta…

Es war wieder so ein Korpskonzert, von unserem Schulkorps. Da spielen ja nun mal beide Kinder und man hat da jetzt nicht so ganz die Wahl, ob man als Elter da hingeht. Heute war außerdem Pippis erstes Konzert und Michel hat solo gespielt (naja, eher ein Duett) und überhaupt. Meine selbstverständlich musikalisch hochbegabten Kinder haben natürlich herausragend wohlklingend musiziert und keinesfalls an random Stellen auf die große Trommel gehauen oder teilweise während des Duetts eine neue Art von Harmonielehre improvisiert. Und auch sonst war das ganze natürlich ein reiner musikalischer Hochgenuss. Ich musste mir auch gar nicht ganz hart das Lachen verkneifen, als die Alumni-Gruppe des Korpses ausgerechnet „wir singen humba humba humba täterääää“ spielte. Und Walzer nr. 2 von Shostakovich ist eine ausgezeichnete Wahl für eine mittelgute Schul-Blaskapelle, die außerdem nur eine Klarinette hat (und wie leise ist denn 1 Klarinette bitte?), das ist ja Gott sei Dank kein schwieriges Stück.

Immerhin schlief die kleinere der zwei Rübennasen sehr schnell ein, nachdem sie erst noch meinte, sie sei überhaupt nicht müde und dann feststellte, sie sei jetzt doch ganz plötzlich sehr müde geworden. War wohl ein aufregender Tag.

Tag 2665 – Das große Kind.

Das große Kind ist schon sehr groß. Wenn er steht, geht er mir bis da und wenn er in unserem Bett liegt (mit dem Kopf am Fußende, weil man so mehr Menschen pro Bettmeter untergebracht bekommt), sind seine Füße hier. Füße, die sich beängstigend schnell meiner Schuhgröße annähern, und die ich immer noch gar nicht schlimm finde, so wie Füße sonst. Muss daran liegen, dass ich immer noch die kleinen Knubbel-Speckfüße erahnen kann, die da mal waren, als das große Kind noch sehr klein war und gar nicht stehen konnte und mir deshalb bis gar nirgendwo ging. Stattdessen ließ sich das große Kind damals lieber tragen und es war insgesamt ja ein wohlgenährtes Wonneproppenbaby, weshalb das mit dem Tragen gar nicht mal immer nur schön war, aber eigentlich haben die Hormone das alles durch kuschligen Flausch überschrieben (danke, Hormone, aber ich will trotzdem keine weiteren Babys). Vom Wonneproppen sieht man jetzt nichts mehr, das große Kind besteht eigentlich nur aus Beinen und Armen, hauptsächlich Beinen. So muss das vermutlich sein, mit 10, jedenfalls sehen die Klassenkameraden alle langsam riesig aus und als würden einzelne Körperteile schneller wachsen als andere. Ich finde auch immer noch das große Kind optisch überaus wohlgeraten, aber da bin ich parteiisch, schon klar. Aber diese Sommersprossen und der Wuschelkopf, also, ganz objektiv…! Ist ja schon gut, ich höre schon auf.

Das große Kind ist auf mehrere Arten wohlgeraten, es ist beispielsweise immer noch sehr warmherzig und möchte, dass es allen, die es mag, gut geht. Ich rede mir ein, dass das selbst für die kleine Schwester gilt, und dass es nur ihr Bestes will und das nur seltsam zeigt oder zu erreichen versucht. Oder gar nicht seltsam, sondern einfach wie Geschwister. Am Ende näht das große Kind dann doch wieder dem kleinen Kind ein Kissen in Herzform, weil es weiß, dass das kleine Kind sowas mag. Und mein Mutterherz so awwwww bis sie sich 10 Sekunden später wieder anschreien. Aber zurück zum Thema, das große Kind kümmert sich rührend um alle, denen es schlecht geht. Es hat ein großes Herz und ein großes Bedürfnis nach Gerechtigkeit. Das sind keine schlechten Eigenschaften, würde ich mal behaupten.

Außerdem ist das große Kind nach wie vor sehr kreativ und wenn es das kanalisiert bekommt, kommen da tolle Sachen bei raus, wie zum Beispiel ein Halloween-Kostüm, mit dem man Wettbewerbe gewinnt (ein Ra‘zac, aus Eragon, ja, jetzt wissen Sie alle Bescheid, nicht wahr?). Oder coole Lego-Dinge, die wirklich frei gebaut sind. Oder Bilder, die dazu aufrufen, weniger Bäume zu fällen. Weniger kluge Umsetzung der Kreativität ist es, sich den kompletten Körper mit schwarzem Filzstift anzumalen, inklusive Stirn, oder aus Neugierde Nutelladeckel in den Toaster zu stecken, aber das dürfte das große Kind jetzt gelernt haben. Hach ja. Als das große Kind noch sehr klein war, hatte es sehr schnell raus, dass man die Klötze gar nicht durch den Deckel der Steckbox prömmeln muss, wenn man stattdessen einfach den Deckel hochnimmt. Als es etwas größer war, malte es elektrische Wale und noch etwas später erfand es fliegende Roboter. Auf Kommando geht sowas natürlich nicht, und dann wird die Hausaufgabe, die ist, eine Geschichte mit mindestens 250 Wörtern weiterzuschreiben eben so ergänzt: „Auf ihrer Hand landete ein kleiner Vogel, und dann noch einer, und dann noch einer, und dann noch einer, und dann noch einer, und dann noch einer, und dann noch einer […], bis ihr Arm voller Vögel war.“ Pragmatisch ist das große Kind nämlich ebenfalls und es erkennt und befolgt Regeln ebenso zuverlässig wie es Schlupflöcher in Regeln findet und ausnutzt.

Ich bin sehr sehr stolz auf das große Kind. Es wird seinen Weg schon gehen, und ich freue mich drauf, dabei zu sein, ich glaube der Weg könnte spannend werden.

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P.S. Ich hab dich sehr lieb, großer kleiner Murch. Hör nie auf, all die Fragen zu stellen, die dir ständig einfallen. Du siehst die Welt vielleicht mit etwas anderen Augen. Ich hoffe, die Welt sieht und schätzt dich weiterhin so wie du bist.

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P.P.S sehr stark verspäteter Geburtstagspost.

Tag 2663 – Gute Ideen, schlechte Ideen…

Äpfel sind im Angebot, norwegische Äpfel, die guten. Da kann man ja mal Apfelmus machen. So… 5 kg. Das kann man machen, wenn die Kinder im Bett sind, und nebenher kann man ein paar Folgen The Good Doctor bingen und den Prosecco von Donnerstag leer machen und noch ein Ginger Beer hinter her kippen, weil halt. Dann ist es irgendwann sehr spät und ups, das Bett ist ja noch abgezogen und ich glaube das Apfelmus muss morgen fertig kochen, weil das Ginger Beer zwar lecker war aber auch überraschend stark. Hoppla.