Tag 998 – Legevakt die 578.

Herr Rabes Geburtstag (heute ist er Mitte 30) verlief eigentlich sehr entspannt, wir waren am Vormittag faul* und am Nachmittag am Staudamm, um den wir gehen wollten. Pippi war es dann doch zu weit, Herr Rabe ging also direkt mit ihr zum Spielplatz, während ich mit Michel weiterging. Michel auf dem Rad und ich hinterher. Das war sehr schön, wir haben eine Schnecke gefunden und aus dem Moor in ein trockeneres Fleckchen Klee umgesetzt (gut versteckt, aber Michel hat trotzdem sämtliche Vögel im Umkreis verscheucht) und herausgefunden, dass der Stauteich geleert wird, weil irgendwelche Klappen nicht mehr tun was sie sollen. Man soll in der Zeit bitte die Biber nicht stressen. Dann hätten wir noch eine schöne Unterhaltung über Orientierungsläufe (weil da auch Schilder hingen) und Michel möchte jetzt gern zu den Pfadfindern. Vielleicht hab ich ihm das auch sehr schöngeredet, aber ich hätte das als Kind voll super gefunden und ich bin sicher, das würde er auch. Er plante jedenfalls schon, was er alles auf Zelttouren mitnehmen will (Taschenlampe und Triceratops).

Leider kamen wir zum Spielplatz zu einer heulenden Pippi, die „Aua, Aua!“ brüllte und sich die Hand hielt. Von Herrn Rabe verstand ich nur, sie habe irgendwas gemacht und dann hätte das Gelenk irgendwie Knacks gemacht, Pippi hatte jedenfalls offenbar große Schmerzen und als ich ihr die Jacke auszog, um das gewünschte Placebo-Pflaster aufzukleben, brüllte sie wie am Spieß. Damit war der Ausflug beendet, ich rief vom Auto aus die Legevakt an und äußerte die Vermutung „Ellenbogengelenk ausgerenkt“, es wurde gefragt, ob wir Schmerzmittel gegeben hätten (nein, wie denn, im Wald?) und sollten dann vorbei kommen. Wir waren dann auch schon 5 Minuten später da und während Herr Rabe noch das Auto parkte und uns für die Wartezeit mit Kaffee versorgen sollte, ging ich mit den Kindern rein. Da kamen wir unerwarteter Weise direkt ins Vorzimmer dran, ich erklärte, was passiert sei (die genauere Geschichte war: sie ging an Herr Rabes Hand und ließ sich ganz plötzlich fallen), Michel erklärte, Pippi habe ein Eulenpflaster bekommen, Pippi zeigte ihren Arm nicht sehr freiwillig her und brüllte herum, ich wurde wieder gefragt, ob wir Schmerzmittel gegeben hätten und dann sollten wir warten. Also setzten wir uns hin aber kaum saßen wir, wurden wir schon aufgerufen. Die Krankenpflegerin fragte, ob Pippi Schmerzmittel bekommen habe, Michel erklärte, sie habe ein Eulenpflaster, Pippi murmelte „skikkelig vondt!“ [ordentlich weh] und dann bekam Michel einen Flummi und Pippi ein Radiergummi und eine Haarspange (und keine Schmerzmittel) und wir sollten warten. Dort hatten wir dann eben genug Zeit um ein bisschen die Mitwartenden zu unterhalten „Ich bin Michel und ich bin Fünfeinhalb Jahre alt und das ist Pippi, die hat ein Aua am Arm und ein Eulenpflaster bekommen, ich hab einen Flummi, guck?“ „Ich bin auch fünfeinhalb!“ „Nein, Pippi, du bist nicht fünfeinhalb.“ „Wie alt ist Pippi? Zweieinhalb?“ „Fast drei**.“ „Also zweieinhalb.“ „Ich hab ein Eulenpflaster. Und skikkelig vondt.“ Und grade als sich die übrigen Wartenden überlegten, welches dieser putzigen Kinder sie wohl als erstes klauen wollen würden, waren wir auch schon dran. Der Arzt besah sich den Arm, drehte daran herum, Pippi brüllte wie angestochen und trat dem Arzt ordentlich vors Schienenbein und dann machte der Arm knack und alles war wieder gut. Zum Abschluss schaute der Arzt, ob Pippi den Arm schmerzfrei bewegen könne und zeigte mir die Einrenkbewegung. Und schwups, fertig. Pippi öffnete dann mit dem eben noch bewegungslosen Arm die Tür und wir trafen Herrn Rabe im Vorraum, der grad mit Kaffee, Eis und Gebäck eingetrudelt war. Der ganze Besuch hatte keine 20 Minuten gedauert, das muss Rekord sein. Im Vorraum saßen noch dieselben Leute, wie als wir gekommen waren, und während Pippi ihr Eis schleckte, schwafelte Michel die Wartenden voll „Ich war bei der Schulanmeldung, meine Mama findet keine Arbeit, wir ziehen vielleicht in ein anderes Land, meine Freunde M. und H. sind aber auf der Schule und nächste Woche fliegen wir im Flugzeug, da ist es so warm, dann kann ich Shorts anziehen und Sandalen, ich hab neue Schuhe, aber dafür ist es noch zu kalt und ich bin fünfeinhalb Jahre alt, mein Freund H. ist schon sechs, …“ Datenschutz? Kann man mit solchen Kindern auch vergessen. Wenn der meine Telefonnummer wüsste, würde er die auch jedem auf die Nase binden. Und dann diese Sommersprossen und dieser Wuschelkopf, der ist so niedlich, ich könnte den fressen.

Und dann rastet dieses niedliche Kind beim Abendessen komplett aus, weil die alte Blase an seiner Ferse juckt. Meine Güte. Aber so ist das vermutlich. Mit Fünfeinhalbjährigen.

Jedenfalls lassen Herr Rabe und ich jetzt den Abend noch ausklingen (Herr Rabe mit seiner neuen, total männlich-schwarzen Maske im Gesicht) und gehen dann ins Bett. Die nächste Vier-Tage-Woche ruft.

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Auto-Lobhudelei: mit der Armsache total cool geblieben.

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*Anekdote zum Aufwachen: beide Kinder haben in ihren eigenen Betten durchgeschlafen. Um sieben wurde ich deshalb (?) panisch wach, sicher, beide seien tot. Um zehn nach sieben war mir klar, dass ich eh nicht würde weiterschlafen können, wenn ich nicht gucken gehe. Um zwölf nach sieben lag ich wieder im Bett, mit doppeltem Kinderschnaufen im Ohr und einer kleinen Stimme, die sagte: haha, du Helikoptermutter.

**Am 1. Mai war Pippi exakt so alt, wie Michel am Tag von Pippis Geburt. Das ist auch einigermaßen verrückt.

Tag 985 – Nix zu erzählen.

Heute morgen cheer gehachzt, als Pippi mit ihrem Laufrad zum Kindergarten fuhr. Das geht jetzt schon richtig flüssig, solange die Ausgleichsbewegungen nicht allzu groß werden. Sie lässt sich jetzt auch immer ein bisschen rollen. Ich schätze, in nochmal einer Woche muss ich dann hinter ihr her rennen. Hachz! Mein Baby. Eben war die doch noch miniklein und schlief im Tragetuch, während ich Michel auf dem Laufrad hinterherrannte. Vielleicht doch ganz gut, dass sie nicht mehr so klein ist, wenn ich so drüber nachdenke.

Sonst war nix.

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Tag 969 – Hachseufz.

Michel übernachtet bei seiner Freundin M. und Pippi ist außer Rand und Band. Die ist so ein Clown, wenn Michel nicht da ist. Redet pausenlos und singt und macht Quatsch. Überhaupt ist die auch schon so groß! Ich finde das ja hauptsächlich super, dass man eben nicht mehr gefühlte hundert mal pro Nacht wach wird, weil da ein Baby trinken will, pupsen muss, herumbrüllen will, getragen werden will, eine wilde Party mit seinen Füßen feiern will oder ganz dringendes Mitteilungsbedürfnis hat. Das vermisse ich gar nicht. Null. Minus 100%. Und ich möchte das auch nicht mehr haben. Aber irgendwie waren das heute doch ein bisschen gemischte Gefühle, als ein Teil der Baby-Klamotten (nämlich die ganz besonders niedlichen!) die Reise antrat, zu einer Freundin, die das bald gebrauchen können wird. Hachseufz. Tschüssi! Bald wird ein anderes Baby in euch zum Auffressen niedlich aussehen!

(Die restlichen fünftausend Tonnen zwergikleine Bodys und mikroskopische Söckchen und Schlafanzugstrampler werde ich versuchen, Paketweise loszuwerden. Und wenn’s nicht klappt, tjanun, wird’s halt gespendet. Ich will ja keinen Reibach damit machen, sondern das Zeug hauptsächlich loswerden. Einen Body und einen Strampler werde ich aber behalten, aus rein kitschig-sentimentalen Gründen.)

Tag 965 – Leuchtende Augen.

Am Samstag waren wir Einkaufen. Hier ist ja über Ostern immer superlanges Wochenende, der Mittwoch ist schon nur noch Larifari-Arbeitstag, Gründonnerstag ist Feiertag, Karfreitag eh, Samstag ist dann halber Feiertag mit eingeschränkten Öffnungszeiten und dann eben Sonntag und Montag wieder Feiertag. Aber da sämtliche Norweger ihre Osterferien auf der Hütte* verbringen und Ski fahren, ging es eigentlich sogar mit dem Samstagseinkauf, bis auf eine Aubergine habe ich alles bekommen. Für die Aubergine wollte ich dann aber nochmal in den Meny, wir kaufen ja sonst alles beim Rema, der ist ein bisschen wie Aldi, der Meny eben eher so Edeka. Viel mehr Auswahl, aber halt auch alles teurer und bei 5 Litern Milch pro Woche merkt man das eben schon irgendwann, ob die 19,80 oder 20,90 kostet und hey – hier ist eh alles pseudo-monopolisiert, man kriegt zu 90% im Meny halt die gleichen Produkte wie im Rema. Für die anderen 10% fahren wir dann doch hin. Und wie das dann so ist, kauft man noch dies und das und bleibt nochmal an der Fisch- oder Käsetheke stehen. Die gibt’s im Rema nämlich nicht. Und wie ich da so stehe, am Karsamstag eine Stunde vor Ladenschluss, und in die Käsetheke starre, spricht mich ein sicher 2 Meter großer und recht beleibter Herr an, wonach ich denn suchen würde. Erst erschrecke ich mich fast zu Tode, denn Norweger sprechen eine nicht einfach so an der Käsetheke an. Aber der Herr arbeitet da. Trotzdem sage ich nur „ach, ich suche nur mal was, was ein bisschen besonders ist…“ und will schon zum Brie** greifen, da sagt der Herr „Haben Sie den hier schon mal probiert?“ und reicht mir Chambre. Sieht lecker aus. Und da fährt der Herr auch schon fort: „Wissen Sie, was Sie damit machen können? Wir hatten mal welche davon, die waren kurz vorm Ablaufen. Und dann haben wir die einfach in den Ofen getan! Das ist ganz toll, geht ganz einfach und schmeckt herrlich, einfach Cräcker reindippen und mhhhhh! Wunderbar!“ und dabei hat er ganz leuchtende Augen, ganz niedlich ist der 2-Meter-150-kg-Mann, dass ich es weder übers Herz bringe ihm zu sagen, dass das Konzept Ofenkäse in Deutschland jetzt nicht grad neu ist, noch den Käse nicht zu kaufen.

Heute gab’s deshalb Ofenkäse.

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Michel fummelte sich beim Abendessen dauernd im Mund rum und beschwerte sich, dass der Zahn wehtue. Ich besah mir das also und sah ordentlich abgenutzte Milchzähne, Michel knirscht ja auch nachts mit den Zähnen (jetzt nicht mehr so stark wie auch schon mal, aber immernoch manchmal), ich sah auch hinter den Milchzähnen unten gerötete und geschwollene Kauleisten, da warten wohl die bleibenden Backenzähne auf ihren Durchbruch, und dann konnte ich nach ein bisschen Gefühle meinerseits endlich die heiß ersehnte Nachricht überbringen: „Der eine Schneidezahn unten, der sitzt nicht mehr ganz fest.“. Michel hat quasi komplett geleuchtet vor Stolz. Hachz.

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Auto-Lobhudelei: auf einigermaßen merkwürdige Mails einigermaßen sachlich geantwortet.

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*Anekdote: am Sonntag fragte die S. die M., ob der Sohn (H.) denn beim Papa auf dem Bauernhof sei. Ja, sagte die M., obwohl es erst geheißen hatte, „sie wollen auf die Hütte, aber da muss man 30 Minuten Ski laufen und das macht H. nicht mit“. Und da musste ich echt sehr lachen, das ist so klischeemäßig, Ylvis haben ein Lied darüber gemacht.

**Traurig, wie man hier gemainstreamed wird, aber Brie, Camembert, alter Gouda, echter Feta oder echter Parmesan sind für mich schon besondere Käsesorten geworden.

Tag 884 – So groß.

Michel kommt dieses Jahr in die Schule. Jedenfalls, wenn wir in Norwegen bleiben. Jeden Tag erinnert mich ein Zettel am Kühlschrank daran. Darauf steht: Du, Michel Rabe, hast einen Platz in der Schule um die Ecke.

Pippi macht wieder einen Entwicklungsschub durch. Dieses Mal wohl sprachlich. Sie reden in ganzen Sätzen (mit konfusem Satzbau, aber so what) und kann Vergangenheit und Zukunft benennen, und elementare Gefühle von anderen beschreiben. Leider geht auch dieser Entwicklungsschub mit Brüllerei und Trotzanfällen allererster Güte einher, aber das kennen wir ja auch schon.

Michel hat jetzt schon zwei mal bei seinem besten Freund übernachtet.

Pippi zählt. Ein, fei, dei, sju, åtte, ni.

Michel liest, ein bisschen jedenfalls. Auf jeden Fall sitzt er schon gerne irgendwo und guckt sich Bücher an. Und er kann die meisten Großbuchstaben erkennen und sehr, sehr langsam auch Wörter daraus zusammenbasteln. Auch diese Entwicklungen: Lesen, woanders schlafen, bald Schule (und die Sache mit dem Umzug macht ihm auch jetzt schon riesige Sorgen), sind nicht ohne Nebenwirkungen und wir waschen jetzt wieder öfter mal Bettwäsche, halten mehr oder weniger gut Wutanfälle und Gebrüll und Trotz und Verzweiflung aus und haben nur wenig Platz in unserem Bett.

Ach ja. Same, same, but different.

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Auto-Lobhudelei: im Bewerbungs-Soll, noch nichts angezündet, sogar wo angerufen (aber die Dame war nicht da). Aber angerufen! Mit einem Telefon! Bereit, mit richtigen, echten Menschen zu sprechen!

Tag 525 – Mein Baby…!

Michel wurde heute zum ersten mal von einem KiTa-Kumpel direkt nach der KiTa mit nach Hause genommen. Das war für uns alle sehr aufregend. Für mich weil er so schnell groß wird und bestimmt ist es in anderen Familien cooler, fremde Eltern schimpfen tendenziell nicht so viel mit einem wie die eigenen, ich weiß das noch. Also vermutlich wird er bald ausziehen wollen, wenn er erstmal raus hat, wie viel cooler es in anderen Familien ist. Für Michel war es auch aufregend, weil erstes Mal und total cool mal nicht die eigenen Eltern und den Kumpel hat er auch sehr gerne und der hat sicher auch total tolle Spielsachen. Was mich beruhigt hat: die Eltern des Kumpels, die mir eh immer schon recht entspannt erschienen, waren ganz gelassen und brachten Michel sogar zurück (die wohnen in einem anderen Stadtteil, der Sohn geht zu der KiTa, weil es so eine supertolle KiTa ist und der Papa an der Schule nebenan arbeitet). Michel kam rotwangig-glücklich zurück, hatte einen Ketchup-Rand um den Mund und erzählte ganz aufgeregt, der Kumpel, der hat gar kein eigenes Zimmer, der schläft bei seinem Papa und seiner Mama. Und eine Katze haben die auch und die hat er gestreichelt und die hat ihn umarmt. Was auch immer das heißt. Auf jeden Fall eine rundum positive Erfahrung für alle. Das nächste Mal dann bestimmt auch ohne, dass ich ab halb sieben alle 30 Sekunden aufs Handy gucke, wie spät es ist und vielleicht hat der andere Papa ja geschrieben, dass sie da sind und Michel im Auto eingeschlafen ist. 

Tag 327 – Schlafen wie ein Baby, wer will das schon?

Pippi ist vom Wochenende total geschafft. Gestern waren wir auf einem ersten Geburtstag und da fiel der Mittagsschlaf bis auf 5 Minuten im Auto für sie aus. Als wir dann nach Hause fuhren, schlief sie natürlich wie ein Stein ein und wir mussten sie zum Abendessen wecken, was sie uns ziemlich übel nahm. Die Nacht war dann furchtbar. Dauergestille vom Feinsten. Das heißt, sie stillt ja nicht mehr richtig, und das Dauergenuckel habe ich auch scheinbar erfolgreich unterbunden. Also nuckelt sie kurz, ich docke sie ab, sie rollt sich weg und schläft weiter. Aber letzte Nacht wollte sie halt jede Stunde (oder öfter?) kurz Nuckeln. Vielleicht lag es auch dran, dass sie, scheinbar angepisst, weil ich auch das Kneifen und Kratzen nicht möchte, nach ausgiebigem Stillen dann erst noch herumlabern und zappeln wollte, bevor sie ohne Brust einschlief. Neben mir, einfach so. Vielleicht war das noch zu viel Neues. Jedenfalls war sie heute auch einfach k.o. und machte zwei Stunden Mittagsschlaf auf Herr Rabe. Danach war sie den ganzen Nachmittag wach, ohne das sonst übliche zweite Schläfchen. 

Ich glaube langsam, dass sie sich auf den Kindergartenrythmus vorbereitet. Ein ausgedehnter Mittagsschlaf, ansonsten Spielen, Quatsch machen, Sachen lernen. Abends dann nach dem Essen direkt ins Koma fallen. 

Mir solls recht sein. Solange ich irgendwann auch mal wieder etwas Schlaf am Stück kriege.