Tag 1195 – 12. Woche.

Schwangerschaften werden ja meistens erst der Öffentlichkeit mitgeteilt, wenn die ersten 12 Wochen rum sind. Die meisten begründen das damit, dass ja noch sooo viel passieren kann und da ist ja auch was dran, die meisten Fehlgeburten passieren in den ersten 5 Wochen und dann ebbt es langsam ab, bis man bei 12 Wochen bei einer einigermaßen konstant niedrigen Fehlgeburtenrate angelangt ist. Ich bin auch so. Und zwar, weil ich mit dem Mitleid nicht umgehen könnte. Erst die große Freude, die noch größere Hoffnung, dann plötzlich die große Trauer und dann muss man Mitleid aushalten. Ich bin da schlecht drin, im Aushalten. Da bin ich sogar im Mund halten besser, und das kann ich auch schon nicht gut. Jedes „oh nein, das tut mir so leid“ reibt noch mal Salz in die Wunde. Und deshalb habe ich die Schwangerschaften auch kaum jemandem erzählt, bevor die ersten, magischen 12 Wochen um waren.

Und deshalb habe ich auch kaum jemandem von dieser einen Bewerbung erzählt, die schon die 7. an dieses Unternehmen war. Weil ich da so gern hinwollte, bewarb ich mich auf alles mögliche (und weniger mögliche, ich meine, Qualitätskontrolle für Patientendaten-Software? Seriously?) bei denen, aber diese Stelle, die passte wirklich perfekt zu mir. Also bewarb ich mich. Vor 12 Wochen war das nun. Um 23:47 Uhr.

Ich machte mir gar nicht mal so viele Hoffnungen, aus Gründen, man stumpft etwas ab, das muss man auch, sonst ziehen einen die endlosen Absagen sehr runter. Aber dieses Mal klingelte tatsächlich nach eineinhalb Wochen das Telefon und ich wurde zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Und alle so yeah? Nee, weil das sollte erst in weiteren vier Wochen stattfinden. Nach dem Deutschland-Urlaub. Also versuchte ich, da nicht zu viel drüber nachzudenken, aber der Punkt „Lernen“ stand auch da schon auf meiner To-Do-Liste.

Dann war ich bei dem Interview. Ich hatte gelernt, ich hatte viele Überlegungen in mein Outfit gesteckt und trug aus strategischen Gründen (ja, tatsächlich, so berechnend kann ich sein) ein Herrenparfum. Und wäre ich nicht später dieser Frau in die Karre gefahren, wäre das ein ziemlich guter Tag gewesen. Das Interview lief nämlich gut, ich redete mich nicht um Kopf und Kragen wie auch schon, sondern war nach den ersten zwei Sätzen ganz entspannt und antwortete auf die allermeisten Fragen ganz souverän. Nur Fragen danach, weshalb ich denn jetzt schon wieder den Job wechseln wolle, wo ich doch in der Chipsfabrik grad erst angefangen habe, die waren sehr unangenehm und meine Antworten schwammig. Ich war überrascht, wie… normal und locker die Leute drauf waren, wo doch alles bis ins Detail durchorganisiert war und das auch sein muss, wir reden hier halt nicht von irgendwem. Besonders lustig fand ich einen kurzen Disput zwischen der Abteilungsleiterin und dem HR-Menschen über „wann wollen Sie sich denn für einen Kandidaten entschieden haben?“, der HR-Mensch meinte nämlich „spätestens zum 1. November“ und erntete von der Abteilungsleiterin eine hochgezogene Augenbraue und ein „naja, vielleicht schaffen wir Anfang November“. Das Interview ging etwas länger als angesetzt war und die Stimmung war so entspannt, dass ich mich sogar traute, am Ende das zu tun, was ich irgendwo bei LinkedIn gelesen hatte, das man ruhig mal machen soll: zu sagen „Ich möchte diese Stelle wirklich sehr gerne haben.“

Danach: Grillenzirpen. Es. War. Schrecklich. Wirklich. Richtig. Schlimm. Die reinste Folter. Und irgendwann (nach einer Woche) hielt ich es nicht mehr aus und schrieb eine Mail. Vorher rief ich alle möglichen Menschen an, aber ohne Erfolg, jedenfalls schrieb ich einfach ganz mutig sowas wie „Danke fürs Interview, wie kommt ihr denn so voran mit dem Prozess?“. Und, ohne Witz, 10 Minuten später klingelte mein Telefon. Ob ich einen Persönlichkeitstest machen könne? Ich dachte erst, das war ein Test, wer sich meldet, kommt weiter, aber inzwischen denke ich, dass die Mühlen einfach sehr langsam mahlen. Denn es ging ja noch weiter. Ich machte direkt am nächsten Tag den Test, einen Logik-Test (verbales Schlussfolgern) und einen Arbeitsverhaltenstest. Ich bekam eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse und nicht nur von ich weit überdurchschnittlich gut in verbalem Schlussfolgern (Ach!), nein, mein Arbeitsverhalten ist auch genau so, wie es für diese Art Stelle gebraucht wird. Ich bin tatkräftig, ergebnisorientiert und regelversessen, komme gut alleine klar, will Verantwortung, scheue Konflikte nicht und ich brauche das Gefühl, was sinnvolles zu tun. Hurra, dachte ich.

Es folgte: Grillenzirpen! Ich wurde fast bekloppt. Haare ausraufend schrieb ich nach wieder knapp einer Woche wieder eine Mail, ob denn das Testergebnis angekommen sei? Ja, war es. Es müsse besprochen werden und dann würden sie sich melden zwecks zweitem Interview. Bis diese Einladung zum 2. Interview, schon mit den Worten, ich hätte ja ein beeindruckendes Testergebnis, dann kam, dauerte es aber noch mal übers Wochenende. Interview am Freitag.

Dieses Interview lief rundum super. Die Abteilungsleiterin entschuldigte sich dafür, dass alles so lange gedauert hätte und meinte, es sei sehr gut gewesen, dass ich mich gemeldet hätte. Wir besprachen die Testergebnisse und die HR-Frau meinte, jemanden der so ein gutes Ergebnis in diesem Logik-Test gehabt hat hätte sie in 10 Jahren mit diesem Test noch nicht gehabt und ich würde außerdem ungewöhnlich hoch in der „Konsistenz“ scoren, was etwa sagt, dass meine Persönlichkeit sehr gefestigt ist. Wir besprachen alles weitere, ich traute mich zu sagen, dass ich mir einen Eintritt zum 1.1. wünsche und nicht schon zum Dezember (weil ich noch ein bisschen heilen möchte, aber das habe ich nicht gesagt) und die Damen erklärten mir sogar, was nun passiere und wenn ich den Vertrag zugeschickt bekäme, müsse ich innerhalb einer Woche antworten. Ich wertete das alles als gutes Zeichen, und als ich mich im Foyer von der HR-Frau nach etwas Geplänkel über Dialekte (sie ist aus Kristiansund und ich habe es erkannt, dass es eben ijje [nicht, in Dialekt] Trøndersk ist, sondern so wie meine eine Trondheimer Ex-Kollegin spricht) verabschiedete sagte sie mit einem Augenzwinkern „Wir sehen uns garantiert wieder.“

(Sie ahnen schon, was dann kam, oder? Genau.) Grillenzirpen. Sie ahnen auch, was ich tat? Genau. Ich schrieb eine Mail. Da letzten Mittwoch eine Frist für eine weitere Stelle in der gleichen Abteilung auslief, nutzte ich das als Vorwand um zu fragen, ob sie sich bis dahin wohl entschieden haben wollen, denn sonst würde ich mich zur Sicherheit auch darauf bewerben. Als Antwort bekam ich „Wir können die Entscheidung des Betriebsrates nicht vorwegnehmen, dieser tagt am Mittwoch. Bewirb dich doch einfach und dann kannst du die Bewerbung, wenn du ein Angebot bekommst, zurückziehen.“ Ok, also habe ich mich beworben. Zum 8. mal. Leider bekam ich dann am Mittwoch (aber dieses mal immerhin ohne dass ich selbst aktiv werden musste, was ich auch als gutes Zeichen wertete, sie wollten mich offenbar bei Stange halten) eine Mail, dass das Treffen des Betriebsrates auf Montag Nachmittag verschoben sei.

Es begann das Große Atmen. Herrje. Geduld ist nicht meine Stärke. Gut dass es am Wochenende so viel Ablenkung gab. Heute konnte ich mich nicht so gut ablenken und verbrachte den Großteil des Tages als mehr oder weniger nervöses Wrack, bis um 15:34 das Telefon klingelte.

Gratulation.

Wir möchten Ihnen die Stelle anbieten.

Vertrag kommt mit der Post und per mail, formelle Antwort bitte schriftlich auf Papier, informell gerne asap irgendwie. Sie freuen sich.

Ich konnte kaum reden und brach nach dem Auflegen in Tränen aus, aus Erleichterung und Freude, aber ich sagte mehrmals etwas hölzern, dass ich mich sehr freue. Und dann ging ich Champagner Prosecco kaufen.

Bald nicht mehr Alleinverdiener.

Ich bin also ab 1. Januar 2019 bei der Norwegian Medicines Agency beschäftigt und kontrolliere die Einhaltung der nationalen und internationalen Richtlinien in pharmazeutischen Produktionsbetrieben. In Norwegen und wo auch immer (außerhalb Europas) norwegische Betriebe produzieren.

Cheers!

(Sektduschengeräusch.)

Tag 1178 – Schniefhust (und eine Erleichterung).

Uns hat alle die Spontanerkältung erwischt. Von „bis auf ein bisschen Halskratzen ganz ok“ auf „Nase fühlt sich an wie mit Watte ausgestopft und läuft unaufhaltsam, Husten und Gliederschmerzen“ in ca. 2 Stunden. Nämlich genau so lange, wie Michel in der Kinderdisco war.

Er hatte da viel Spaß mit (dank?) seiner „coolen Frisur“.

Ich war heute mal wieder in geheimer Mission unterwegs und bin jetzt die letzte Verbindung zur Chipsfabrik los. Also, abgesehen davon, dass da noch zwei (eigentlich aus Gründen drei, aber das ist… kompliziert) Gehälter ausstehen natürlich. Aber für die muss ich mit keinem da mehr reden, da muss ich letztlich nur noch die Füße hochlegen und auf den Konkurs der Firma warten.

Ach, eigentlich war es ein guter Tag. Ein sehr guter. Und ich freue mich jetzt einfach auf die nächste Woche, ich werde meine Nähmaschine und mein Sportprogramm wiederbeleben und hier im Haus rödeln und es uns endlich fertig hübsch machen. Also, solange alle bis dahin wieder fit sind, natürlich.

Tag 1174 – Letzte Male.

Heute zum letzten Mal die Pille genommen, außerdem zum letzten Mal den Arbeitscomputer geleert. Jetzt muss ich das Ding nur noch elegant loswerden und zwar ohne, dass gewisse Leute denken, sie hätten mit gewissen Praktiken Erfolg, und aber bitte auch ohne dass ich für die nächsten fünf bis zwölf Monate Arbeitssuche das Damoklesschwert „wir haben Ihren letzten Arbeitgeber kontaktiert“ über mir schweben habe.

Das ist nicht zu schaffen und ich habe darüber heute schon sehr viel mehr Tränen vergossen als gut ist oder ich auch nur zugeben möchte.

Leider war auch die Polizei keine Hilfe. Ich bräuchte wohl ne Anwältin, aber die einzige, damit der ich Kontakt hatte, riet auch dazu, ihn halt gewinnen zu lassen.

Und da sind wir wieder an dem Punkt, an dem ich gern wer anders wäre. Jemand, den Unrecht nicht so auf die Palme bringt. Der Niederlagen nachdem die Gegenseite gefoult und geschummelt hat einfach einsteckt. Der den Verrückten einfach gewinnen lassen kann um (vielleicht? hoffentlich?) fortan seine Ruhe zu haben.

Aber ich bin nicht so und es ist scheiße. Ich hab mal (übers Fahrrad fahren) gewitzelt, dass man mir auf meinem Grabstein „Aber sie hatte Vorfahrt!“ meißeln könnte, aber man könnte das auch größer fassen und „Aber sie war im Recht!“ nehmen, ich kann’s halt nicht gut, das Nachgeben. Nicht mal wenn die Gegenseite vermutlich einfach wirklich nicht richtig tickt und dementsprechend diese ganzen Logik- und Rechtsschlussfolgerungen gar nicht gelten.

Gnah. Wo ist der spontane sechswöchige Karibikurlaub mit der Familie wenn man ihn mal braucht?

Tag 1169 – Wut, Angst, mehr Wut.

Es gibt vieles, das verstehe ich einfach nicht. Mein Horizont ist zum Beispiel zu eingeschränkt um zu verstehen, dass Leute sich nicht an Deadlines halten oder meinen es sei ok 2 Stunden eher oder später als verabredet zu Besuchen aufzulaufen.

Ich verstehe auch nicht, dass es Leute gibt, die fern jeder Realität sich die Welt machen wiedewiedewie sie ihnen gefällt. Die gegenüber der einen Person sagen, sie seien ja für nichts verantwortlich, leider leider, nur Berater hier, krieg nicht mal was bezahlt, so arme Wurst, dann aber wiederum meinen, sie könnten Dinge einfordern. Die zwar gaaaaar kein Geld haben, deshalb weder die Angestellten noch sonst irgendwelche noch so kleinen Rechnungen bezahlen können, aber die Firma, die gehört ihnen, zu 50%, und damit auch die Entscheidungsgewalt über die Arbeitskräfte, nämlich. Aber Konkurs melden, das können sie die Firma nicht, noch nicht mal die Firmenpost abholen. Die kündigen, aber dann weiter Projektleiter sein wollen.

Oder doch, ich verstehe das schon, ich verstehe das wie ich Leute verstehe, die Konflikte lösen, indem sie dem Gegenüber eins auf die Mappe hauen. Es ist halt eine kindische Art, sich die Rosinen aus dem Verantwortungskuchen herauszupicken. Macht ja, Verpflichtungen nein. Immer Bestimmertag haben, ohne den Abwasch nach dem Kindergeburtstag machen zu müssen. Geiles Leben. Hätte ich auch gern.

Ich bin aber nicht mehr 7 und weiß dass das nicht geht. Mit 72 sollte man das erst recht wissen.

Was man mit 72 auch wissen sollte, auch mit 7 oder mit 17: wenn dir wer sagt, du sollst nicht vorbei kommen, dann steh nicht einfach plötzlich vor der Tür.

Das nächste Mal rufe ich nämlich die Polizei. Da hilft dir dann auch keine Drohung, wem du alles erzählen willst, was für ein schrecklicher Arbeitnehmer ich bin.

Tag 1154 – Back in the game (for now).

Heute habe ich gearbeitet. Haha. Ja, doch, echt. In der Chipsfabrik, mit dem Chipsmann. Ich weiß jetzt, wie der italienische Kollege es da ausgehalten hat, ohne verrückt zu werden: er wusste, dass er da bald weg ist. Mir ist jetzt, mit der Kündigung in der Tasche, alles einigermaßen egal. Der Chipsmann kann seine Ideen ventilieren, er kann leugnen, Sachen gesagt zu haben, er kann von mir aus sogar versuchen, Verantwortung auf mich abzuwälzen, er kann versuchen mir Angst zu machen, damit ich einknicke und gewisse Dinge rückgängig mache, kann er alles machen: ist mir egal. Bald bin ich da weg. Mit Glück noch diese Woche und dann ist es gegessen, falls Pippi sich morgen früh wirklich als zu warm erweist* vielleicht noch bis Ende des Monats, aber das halte ich dann auch noch durch und wenn nicht, gehe ich halt wieder zur Ärztin. Er kann mir nichts und ich lasse nicht zu, dass er mich kaputt macht. Das ist jetzt mein Mantra.

Morgen sowieso erstmal wieder kein normaler Arbeitstag, denn ich habe… was vor, ich möchte noch nicht so viel drüber reden. Donnerstag auch nicht normal, denn es kommt hoher Besuch in die Firma (möchte ich auch noch nicht so viel drüber reden), Freitag normal, ab Montag will der Chipsmann in Tromsø sein. Oder in Finnsnes. Oder sonstwo, jedenfalls nicht in der Chipsfabrik.

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*Montag soll ja die Mandel-OP sein, dafür muss sie aber gesund sein. Ein fiebriger Infekt, der jetzt ganz schnell wieder abklingt wäre da vielleicht noch im Rahmen, eine fette Erkältung eher nicht. So ein Mist, dabei dachte ich im Urlaub, als sie fröhlich vor sich hin schnodderte noch „besser jetzt als nächste Woche“. Hrmpf.

Tag 1142 – Ende mit Schrecken.

Heute kann ich es erzählen, denn es hat geklappt.

Gestern war meine geheime Mission, vor dem Büro des Finanzmannes der Chipsfabrik herumzulungern und ihn dazu zu zwingen, mit mir zu reden. BEVOR der Chipsmann ihn auch aus der Firma kickt und ich gar keinen Verbündeten mehr da habe. Dann war aber der Finanzmann gestern gar nicht da, oder jedenfalls nicht als ich da war, aber die Anrufe der Rezeptionistin des Gebäudes ignoriert er im Gegensatz zu meinen nicht und so hatte ich ihn immerhin an der Strippe und konnte ihm ein Versprechen abringen, mich anzurufen. Was er dann auch tat*, aber erst nachmittags. Da sagte er schon, dass er mir gerne kündigen kann, wenn ich das will, Geld ist ja für mich eh nicht da und dementsprechend kann er das über den Chipsmannkopf weg entscheiden. Noch. Denn noch ist er da, auf dem Finanzmann-Stuhl. Heute sollten wir nochmal telefonieren.

Überraschend taten wir das auch. Aber nur ganz kurz, er hat mir erstmal ein Zugticket erstattet. Dann sollten wir nochmal telefonieren.

Als er endlich wieder anrief, hatte ich schon resigniert. Und saß auf dem Klo. Aber was soll’s, Kackgespräche kann man ja auch beim… lassen wir das. Jedenfalls tippte er am Telefon meine Kündigung. Ich wurde noch schnell los, was ich sagen wollte, nämlich: Der Chipsmann versucht dich rauszudrängen, ich dachte das solltest du wissen. Und: Jemand muss doch diesen Menschen stoppen. Der Finanzmann sagte daraufhin ein paar kryptische Dinge, die ich noch nicht fertig gedeutet habe, aber, hey, der Finanzmann und ich sind noch auf der gleichen Seite und „Also wenn er [der Chipsmann] die Firma übernehmen will, kann er gerne alle Posten haben!“ klang in Verbindung mit der Kryptik so, als würde der Finanzmann das Schiff jedenfalls nicht verlassen, ohne vorher nochmal ordentlich draufzukacken, aber das kann ich mir in meinem müden, überreizten und wunden Gehirn natürlich auch eingebildet haben.

Und dann sagte ich noch „Danke.“

Es war dann wirklich höchste Eisenbahn Pippi abzuholen, deshalb fuhr ich los, die mail** mit meiner Kündigung kam dann aber tatsächlich nach fünf Minuten und ich musste an einer Bushaltestelle erstmal rausfahren und einen großen Schwall Erleichterungstränen loswerden.

Es ist vorbei. Bis Ende Oktober muss ich offiziell noch, aber da Pippi ja operiert wird und ich heute auch nochmal bei meiner Ärztin*** war und wegen meiner galoppierenden Kaputtheit wieder krank geschrieben bin, beträgt meine Restzeit in der Firma allerhöchstens anderthalb Wochen.

Es ist vorbei.

Dobby is a free elf.

Was für eine irre Geschichte.

P.S. Der Chipsmann antwortete auf „Der Finanzmann hat mir gekündigt.“ übrigens „Sorry. Danke für die Info.“

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*Wenn er das nicht getan hätte, wäre ich halt heute wieder da gewesen. Und wenn er da wieder nicht da gewesen wäre, wäre ich heute Abend bei ihm zu Hause aufgelaufen. Aber diese ordentlich grenzüberschreitende Eskalation war ja Gottseidank nicht nötig.

**Nein, das ist natürlich nicht wasserdicht so, aber wo kein Kläger, da kein Richter, nicht wahr? Die Kündigung, die ich im Namen der Firma schon verfasst in der Tasche hatte und die nur noch seiner Unterschrift bedurft hätte, wäre allerdings rechtssicher gewesen. Nur mal so.

***“Das ist erlaubt! Es ist erlaubt, schwach zu sein und nicht mehr zu können!“ ist so ein Satz, da bin ich für die Taschentücherbox dann doch mehr als dankbar.

Tag 1139 – Zwei Termine.

Ich hatte heute zwei Termine. Den einen hätte auch gut Herr Rabe machen können, denn es war Elternabend in Pippis Kindergarten. Aber wenn Herr Rabe da hingefahren wäre, hätte ich so halbkrank wie ich noch bin, die Rübennasen alleine mit Nahrung versorgen und ins Bett bringen müssen. Da erschien mir eine halbe Stunde Auto fahren, eine Stunde rumsitzen und dann eine halbe Stunde zurückfahren kräfteschonender. Grober Fehler, aber fangen wir von Vorne an.

Mein erster Termin heute war bei meiner Ärztin. Nicht wegen der Rotze-Geschichte, sondern weil heute der letzte Tag meiner Krankschreibung war. Und weil ich ein ehrlicher Mensch bin, habe ich gesagt, wie es aussieht. Dass ich im Prinzip (und von der Erkältung abgesehen) fit bin und locker flockig arbeiten kann, aber nicht da. Dass ich bei dem Gedanken dran schon Schweißausbrüche kriege und mir bei Telefonanrufen vom Chipsmann übel wird. Dass ich weiß, dass zwischenmenschliche Probleme kein Grund sind, krankgeschrieben zu sein, ich aber Angst habe, wieder nicht zu schlafen und nicht zu essen und dauernd zu heulen.

Und sie sagte, sie verstehe das, ich solle es aber mit der Arbeit probieren und wenn es nicht ginge, dann ginge es nicht, aber probieren solle ich das. Stå på. (Bleib stark, sinngemäß.)

Tja. Ich werde also morgen arbeiten. Juchhei. Ich denke einfach an die Vorteile. Die Vorteile sind: die Firma muss mein Gehalt weiter zahlen. NAV ist da raus. Und ich kann etwas machen, das wirklich (naja, metaphorisch) die Bude in Brand stecken würde. Und wenn ich das gemacht hab, brauche ich mir wohl auch keine Sorgen mehr machen, dass mir der Chipsmann nicht freiwillig kündigen möchte.

Gegen alle anderen Gedanken habe ich eine von den vor zwei Wochen verschriebenen Schlaftabletten genommen.

(Follow-Up der Pillengeschichte: ich habe jetzt einen Termin für das Legen einer Hormonspirale. Spiel, Spaß und Spannung hier.)

Und abends war dann eben der Elternabend. Zweieinhalb Stunden lang. Meine Güte. Was gibt es zweieinhalb Stunden zu besprechen? Ich weiß es auch nicht so recht. Aber ich weiß jetzt, dass Mona ein weißes Auto hat und Martin gern schwimmt und Kari Mette hat eine Hytte. Weil wir nämlich gezwungen wurden, Kennenlernspiele zu spielen. So schön, Sie können sich meine Begeisterung bestimmt vorstellen. Der Rest war… naja, viel Blabla. Ich glaube, der Kindergarten ist wirklich gut, trotz einiger Anlaufschwierigkeiten (er ist halt wirklich ganz neu, im Frühjahr eröffnet worden) und es tut mir wirklich leid, aber nachdem ich heute drei Stunden im Auto irgendwo zwischen zu Hause und Kindergarten verbracht habe, werde ich nochmal die Kitas in Eidsvoll abtelefonieren. Da muss doch was gehen. Auch wenn’s schade ist.

Tag 1134 – «Tun Sie was für sich!»

Den Rat in der Titelzeile habe ich von der Ärztin am Montag bekommen. Und ich nehme das selbstverständlich total ernst. Vielleicht nicht so, wie sie denkt, aber, hell yeah, ich tue was für mich. Nachdem ich gestern durch diese ganze Ausschlagsache irgendwie zerfasert herumrödelte ohne wirklich an irgendein Ziel zu kommen, habe ich heute morgen im Auto beschlossen: Wenn du nach Hause kommst, machst du eine To-Do-Liste. Denn ich kenne mich ja, das schlimmste Gefühl ist das, SO VIEL zu tun zu haben, nicht zu wissen, wo man anfangen soll, es ist einfach SO VIEL und am Ende tue ich davon irgendwie nix. Wenn ich aber eine Liste habe, auf der jeder Pups draufsteht, ist es plötzlich kein unbezwingbarer Berg mehr. Es ist nur eine Liste. Und mit jedem Pups, den ich lasse tue, kann ich was durchstreichen. Ich liebe To-Do-Listen. Eine To-Do-Liste zu haben und mich damit selbst zu sortieren und auf Spur zu setzen, war ein Akt ganz ungewohnter Self-Care.

Meine Liste ist drei Seiten lang. Jetzt sind Sie geschockt, nicht wahr? Keine Angst, die To-Dos passten eigentlich alle auf eine, aber dann habe ich sie thematisch in die Bereiche „Arbeit“, „Haus“ und „Planen“ aufgedröselt. So habe ich nämlich gleich noch den Automatismus „heute hast du NIX geschafft“ abgewürgt, wenn ich in Wirklichkeit Staubgewischt (Haus) und bei Amazon hundertdreiundsiebzig Wanduhren angeschaut (Planen: „Einkaufsliste Deutschland“) habe. Die Liste „Arbeit“ habe ich mit Deadlines und ca. zu investierender Zeit pro Schritt versehen, weil sich das da halt irgendwie anbot. (Btw: morgen ist der Tag an dem ich eigentlich mein Gehalt ausbezahlt bekommen müsste, sind Sie auch schon alle so gespannt ob das wohl kommt?) Die Liste „Haus“ hingegen habe ich in einem Dringlich-Wichtig-Plot dargestellt. Die Liste „Planen“ ist mit Abhängigkeiten ausgestattet. Ein bisschen von allem. Ich mag das.

Dann habe ich meinen Kaffee ausgetrunken und mein Werk betrachtet und genickt und dann habe ich mit den Punkten mit höhestem dringlich-wichtig-rating auf der Haus-Liste angefangen und… geputzt. Fertig geputzt. Das finden sicher viele weder dringlich noch wichtig, ich fand es beides und darauf kommt es an. Wie geil ich es finde, wenn es hier sauber ist, hätte ich noch vor ein paar Jahren nie im Leben geglaubt. Dass ich den Tisch und den Teppich und überhaupt alles pedantisch rechtwinklig ausrichte, das schon. Aber dass mich ein paar Sofafussel auf der Fensterbank so derartig nerven, dass ich freiwillig den Staubsauger hole… (noch ein btw: Niemand *braucht* einen Zentralstaubsauger, aber es ist schon ganz nett zu haben. Kein hinterherzerren des Staubsaugers mehr, nichts verheddert sich im eigenen Kabel, keine grade so zu kurzen Kabel mehr, man dengelt nicht überall gegen…) Jedenfalls: sauber! So befriedigend. Kein Schaumbad der Welt hätte mich so zufrieden stellen können.

Auch abgehakt: Diverse Mails geschrieben („Arbeit“, aber nur im weitesten Sinne Chipsmann-Sachen), die Filter der Lüftungsanlage gewechselt („Haus“) und direkt ein Abo abgeschlossen, über das wir jetzt alle halbe Jahr ein neues Filterset bekommen. Badewannen recherchiert (uhhhh, da gibt es ja schicke Sachen. Wird die Vernunft über die Löwenfüße siegen? Es bleibt spannend hier.) und eine Nachricht an Michels Lehrerin in sein Nachrichtenbuch* geschrieben (beides „Planen“).

Ansonsten: Mit Michel das große und das kleine R geübt (groß geht gut, klein… naja), mit Michel Pippi vom Kindergarten und dann Herrn Rabe vom Bahnhof abgeholt. Herr Rabe hat sich angesteckt und ist auf dem Sofa direkt eingeschlafen, also habe ich auch gekocht und, ja, ich fühle mich heute ein bisschen wie die Supermutti schlechthin, und, ja, heute finde ich das gut. Viel schaffen, das Gefühl, was zu tun, ein sauberes Haus, mit reichlich Luft eingehaltene Deadlines: das ist für mich wirklich Self-Care und viele Kleinigkeiten machen in der Summe echt viel aus.

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Mal wieder Zeit für Auto-Lobhudelei: Einen Weg gefunden, mir selbst klarzumachen, dass ich nicht nichts mache.

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*Die Schüler*Innen, Eltern und Lehrer*Innen kommunizieren über ein kleines Büchlein, das in der Mappe im Schulrucksack liegt. Michel hat ja bald Geburtstag und da müssen wir mal horchen, ob die Schule irgendwelche beknackten meiner Meinung nach nicht zielführenden Regeln hat, wen man einladen *muss*. Ja, das haben hier nämlich viele Schulen, meistens „die ganze Klasse“ oder „alle Jungs/Mädchen“, alternativ kannste deine Party halt quasi heimlich machen, dann darfste aber nicht in der Schule drüber reden. Weil niemand 23 Sechsjährige zu Hause erträgt, kann man Räume in der Schule leihen. ROMANTISCH! Und so besonders, gar nicht alltäglich oder so. Ja, nee. Und als würde so weniger gemobbt. Hahaha. Aber die Norweger*Innen, die glauben das wirklich, dass das ein sinnvoller Schritt gegen Mobbing ist. Nunja, zurück zum Thema: Die Lehrerin wird das nun irgendwann, wenn Michel wieder zur Schule kann (vermutlich morgen), lesen und dann antworten.