Tag 594 – Kann weg. 

Ich hab mich heute über so viele Sachen geärgert, es ist echt kaum zu fassen. Um der Negativität keinen Vorschob zu leisten werde ich jetzt hier aber nicht weiter darauf eingehen, sondern nur das aufschreiben, was gut war. 

  • Ich habe bei der Arbeit kurz dringliche Sachen gemacht und das mit schlafendem Kleinkind im Kinderwagen und vom Weg komplett durchgeschwitzt. 
  • Ich hab spontan eine neue Babyfüße-Packung gekauft, weil die im Angebot war. 
  • Pippi hat einen kompletten Becher Joghurt gegessen und war auch nach einem fast komplett verschlafenen Vormittag nachmittags echt gut drauf. 
  • Pippi macht echt Fortschritte beim Sprechen. (Neu im Repertoire: unter anderem „Di-go“, wobei wir noch unsicher sind, ob es eher „Stego“(-saurus) oder „Dino“ generell heißen soll. 
  • Liv war da und in so eine blitzende Bude kommen ist ja echt mal was schönes. 
  • Ich bin jetzt um halb zwölf schon fast müde. 

Tja das war’s dann auch schon. Aber ein bisschen was ist ja zusammengekommen. 

Tag 591 – Grüße aus dem glücklichsten Land der Welt.

Ich bin noch nicht ganz durch mit der Studie. Aber soweit bin ich immerhin schon gekommen, um zu wissen: sie haben weder nach dem Wetter noch nach der Dauer des Winters gefragt! Ha! I knew it! (Heute so: erst Schnee, sehr viel davon, dann kam das Wasser ungefähr in gleicher Intensität und dann in noch mal sehr viel stärkerer Intensität vom Himmel.)

Aber wie das so ist kann man bei Scheißwetter super arbeiten – man muss ja nicht dauernd Ski fahren oder Lachse fischen – und so saß ich heute anderthalb Stunden mit meinem CHef zusammen, hatte ein sehr ergiebiges und konstruktives Gespräch über das RNA-Projekt und konnte tatsächlich einige der auf der Konferenz gesammelten Infos in die weitere Planung mit einbringen. Jetzt fühlt es sich zwar nicht mehr so an, als würde ich auch nur ansatzweise bis Ende des Jahres fertig damit, aber dafür wird das potenziell richtig hübsch alles. 

Und dann hat mein Chef gelacht, weil ich über die „Du darfst keine Fotos oder Videos machen und alles was auf der Konferenz passiert, bleibt auf der Konferenz“-Konferenz für das Reisestipendium einen 5000-Zeichen-Bericht, in dem ich die „novel research communications of the field“ hervorhebe, anfertigen muss. Good luck with that, haha. Naja, der norwegische Humor ist etwas eigen, aber dem ostwestfälischen nicht unähnlich. Ich werd das schon hinbiegen, aus den Überschriften und meinen Notizen irgendwas schlau klingendes aber im Grunde inhaltsleeres zu zaubern. Und gut, dass ich das Selfie gemacht hab, den Punkt „profile picture of yourself“ hatte ich nämlich glatt übersehen. Sonst hätte ich auch was gestellt, ich bin auch als Statistin auf dem Bild einer anderen Doktorandin, da erklärt sie uns gerade ganz toll ihr Poster. Ich muss da ja immer lachen, auch wenn ich solche Bilder* sehe.

Puh, es ist eigentlich ein ganz schreckliches Bild, unscharf und komische Schatten und vielleicht überleg ich mir das doch noch mal. Bitte zoomen Sie nicht, zu ihrem eigenen Schutz.


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* Oh meine Güte, das ist 10 Jahre alt und die Uni hat das immer noch auf der Hompage stehen. Und falls Sie mal ein 2D-Gel machen: SO NICHT! NIEMALS DARÜBER BEUGEN UND AUCH NICHT MIT OHNE HANDSCHUHE DRAN RUMFUMMELN, SIE HABEN HINTERHER ÜBERALL „KERATIN_HUM“.

Update: mir fällt gerade ein: das Bild ist  fast ganz genau (nur) 9 Jahre alt. An dem Tag hatte ich nämlich Geburtstag und es war das Jahr in dem ich nach Schweden gegangen bin, also 2008.

Update 2: … und ich hatte einen Schokokuchen dabei, auf den ich mit Puderzucker ein „Biohazard“-Zeichen schabloniert hatte. (An was für Zeug ich mich erinnern kann, ne?)

Tag 587 – I will survive.

Tatsächlich ging es den ganzen Tag halbwegs gut mit der Müdigkeit, jedenfalls mit zwei großen Kaffee zwischendurch. Aber seit dem Pippi-ins-Bett-bringen geht nix mehr, erst schlief ich mit ein, dann wurde ich wach, jetzt habe ich Kopfschmerzen und mir ist warm und schlafen kann ich auch nicht mehr. 

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Blöde Schwimmkursdinge sind blöd. 

Wir haben eine Lösung gefunden, die hoffentlich allen gerecht wird: Michel wird den Schwimmkurs wiederholen, aber mit seinem besten Kumpel zusammen. Der hatte nämlich das gleiche Problem: die Lehrer*Innen sehen ihn nicht, obwohl er alles anfangs top mitmachte, er bekam nie eine positive Rückmeldung. Jetzt lässt ers halt, das Mitmachen. Und kriegt eine „schlechte Bewertung“ (eigentlich ist es nur eine Empfehlung, aber die koppeln sie an das Vortrittsrecht und die Kurse sind alle voll, wenn man das nicht hat…). Bei Michel lautete die „Ist sehr vorsichtig und weicht daher Übungen aus. Muss sich erst sicherer im Wasser fühlen.“. Wir reden hier von einem Kurs, dessen Ziel es war, den Kindern „Treiben“ beizubringen. Das machten sie in der, wenn ich mich recht erinnere, dritten oder vierten Stunde. Michel, und alle anderen auch, trieben. Sie hüpfen auch durch Ringe. Hüpfen vom Beckenrand ins tiefe Becken. Michel liebt tauchen und holt alles vom Beckenboden hoch. Aber die Lehrerin sieht in Michels Fall nur, dass er herumhampelt, wenn sie sich länger mit einem anderen Kind beschäftigt (was sie wirklich oft tut). Sie bezieht ihn aber auch einfach nicht mit ein, in das was die Gruppe macht, sondern ignoriert ihn lässt ihn halt hampeln. Nach dem Herumhampeln kommt dann das Desinteresse. Kurz gesagt: die Schwimm-Kompetenz der Lehrer*Innen will ich in keinem Fall in Frage stellen, aber die pädagogische ist… ausbaufähig. Und das gedenke ich der Schwimmlehrerin auch so zu sagen. Möglichst sachlich und freundlich auch wenn die mein Baby beleidigt hat das ja wohl das großartigste Kind der Welt und zudem herausragend talentiert im Treiben ist. Auch die Mutter von Michels Kumpel will das ansprechen. Kostet ja auch nur 150€ so ein achtwöchiger Kurs, also Schwamm drüber. Puh. Ich hoffe eonfach, dass er ganz bald schwimmen lernt (noch drei mal 150€…) und wir die Schwimmkurssache dann abhaken können. Ich grummel immernoch sehr darüber, dass man überhaupt 4-Jährige durch 17-Jährige bewerten lässt. Aber ich sehe auch, dass er unaufmerksam wird, wenn er nicht genug Beachtung bekommt und das kann er dann ja mit seinem Kumpel zusammen üben (und sich gegenseitig Beachtung geben und zu zweit um die Gunst Aufmerksamkeit der Lehrer*Innen buhlen), das hoffen wir Erwachsenen jedenfalls. 

Tag 583 – Sushi und fertig konferiert.

Konferenz ist jetzt vorbei. Ich fühle mich schon seit gestern eigentlich sehr Informationsgesättigt, ich kann einfach nichts mehr aufnehmen, es ist alles zu viel, zu schnell und zu neu. In meinem Kopf drehen sich ADARs und APOBECs und As und Is und Cs und Us, manche haben methylgruppen und einige sehr wenige haben acetylgruppen und wieder andere sind nur pseudo. Ich habe mein Poster wie ich finde erfolgreich vorgestellt, habe von mehreren Leuten authentisch klingende Komplimente über die interessante Forschung bekommen, habe gesocialized und gelernt, gelernt und noch mehr gelernt. Jetzt kann ich nicht mehr*. 

Apropos kann nicht mehr: heute Abend haben wir, also eine Kanadierin, ein Australier, drei Amerikaner*Innen und ich, das Hotel-Abendessen ausfallen lassen und sind Sushi essen gegangen. Es hatte zwar mit japanischem Sushi nichts zu tun, auch nicht mit europäischem, aber gucken Sie mal hier, das ist der Grund weshalb ich auch jetzt, zwei Stunden später, noch fast platze und aussehe wie im 5. Monat schwanger:

Das ist kein Parmesan da drauf, sondern „Crunch“. Ich weiß auch nicht, was „Crunch“ genau ist, aber es schmeckt.

Ach ja, bevor ich’s vergesse: Lebenstipp von Frau Rabe. Edamame (sprich: Ädamamie) wird ohne die Schote gegessen. Ich wiederhole: essen Sie nicht die Schote mit. Nienicht. Die schmeckt nicht und ist auch viel zu zäh und zu pelzig. Man beißt die auf und zutzelt dann die Bohnen raus. Wenn man das ganze Ding isst und dann lange drauf rum kaut, gucken Amerikaner*Innen erst komisch und lachen dann. Das habe ich heute quasi für Sie mal kurz ausprobiert, so als halb-Wikinger-Kulturbanausin die ich bin.
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* außerdem will ich wirklich wirklich gerne nach Hause und die Kinder endlich wieder drücken. Schnüff.

Tag 582 – Platt.

Mein Tag heute:

  1. Verkatert am Anfang. Böser, böser Wein.
  2. Morgensession ausfallen gelassen, wegen Kater und weil ich doch noch mal das Manuskript durchgehen wollte, auf dem mein Poster basiert.
  3. Mittag, danach gingen alle Whale watching. Ich nicht.
  4. Ich ging spazieren. Zweieinhalb Stunden. In der Sonne. Als ich losging, schien die Sonne nicht. Es war zwar schön, aber etwas zu schön und jetzt hat meine DNA-Reparatur-Maschinerie an Nacken und Dekolleté ein bisschen damit zu tun, ein paar UV-induzierte Interstrand-Crosslinks zu beseitigen. Außerdem verlief ich mich mehrfach.
  5. Postersession. Anstrengende Postersession ist anstrengend. Zweieinhalb Stunden lang Menschen mit völlig unterschiedlichen Graden des Vorwissens die Methoden und Resultate erklären. Immer wieder von vorne. Highlight: der Typ, der direkt sagte „Oh, that has never been shown before, right?“. Lowlight: der unglaublich arrogant und mürrisch rüberkommende deutsche Postdoc mit irre guten Karriereaussichten und all den Artikeln, die ich dauernd überall zitiere (bisher, vielleicht demnächst nicht mehr). Der sich doof stellte. Arsch. Insgesamt gute Diskussionen gehabt, aber halt anstrengend. Dumme Idee auch, nach meinem 9 km-Marsch (laut App) direkt in die High Heels zu steigen.
  6. Direkt von der Postersession zum Abendessen, direkt vom Abendessen zur Abendsession, jetzt noch knapp zwei Stunden Vorträge, dann Bett.

Windig war’s auch, deshalb kein Nebel \o/.

    Tag 581 – „Downtown“. Dienstag in Bildern.

    Nicht, dass Sie denken, ich sei hier nur am konferieren. Neihein! Ich socialize ja auch mit meinen Peers und versuche darüber hinaus, mich an wichtige Menschen heranzuschmeißen mit potentiellen Kooperationspartnern in Kontakt zu kommen. Darin bin ich ungeübt, aber es wird. Socializing mit Peers geht viel besser, deshalb war ich auch heute mit drei weiteren PhD-Studenten dieses „Downtown“ suchen. „Downtown“ sollte es nämlich ein halbwegs berühmtes Burger-Restaurant geben. Als wir nach der Adresse fragten, bot uns die Rezeptionistin an, uns hinzufahren. Amerikaner gehen offenbar nicht zu Fuß, das ist mir schon am Sonntag aufgefallen, als ich wegen des gestohlenen Fahrrads viel Mitleid erntete – weil ich ja ganze 30 Minuten zurück laufen musste („Why didn’t you call an Uber?“). Also wurden wir gefahren. 

    Dieses Foto kommt aus Gründen schon jetzt, ist aber eigentlich nach dem Burger entstanden. Da hinten ist Meer, man sieht es nur nicht.

    Najaaaa. War ok. (War vor allem für norwegische Preise-Gewöhnte unfassbar billig. 6,37$.)

    Nach dem Burger wollten wir (trotz des ewigen Nebels) den Strand besichtigen. Da muss man eh lang, um vom Burger-Restaurant nach „Downtown“ zu kommen.

    Gnihihi, da ist Sand an meinen Füßen!


    Und so wanderten wir am Strand lang. Es war echt und ganz unironisch sehr schön.

    Oh, was mag diese Fußspuren machen?

    Pelitrosse*! (Die sind sehr groß. Sehr sehr groß. Näher hab ich mich beim besten Willen nicht rangetraut.)

    „In Kalifornien scheint die Sonne!“ haben sie gesagt…


    Irgendwann kamen wir sogar in „Downtown“ an. „Downtown“ ist eine Straße. EINE! Da hat Trondheim mehr Innenstadt. Wir tranken einen grenzwertig schlechten Kaffee, aßen ein gutes Eis und sahen einen hübschen Schnäuzer. Dann nahmen wir den Shuttlebus zurück.

    Ich will gar nicht wissen, was es da gibt.


    Als wir wieder im Hotel waren, ging direkt die Postersession los, allerdings nicht mit meinem Poster und da es gestern bei der Postersession unheimlich laut gewesen ist und ich nicht schon wieder angeschrien werden wollte, traute ich mich mal wieder was neues, installierte mir schnell die Uber-App und nahm ein Uber in das 15 Meilen entfernte Outlet-center. Ich und Outlet-Center… also ich weiß ja nicht. Wenn man jetzt voll auf Michael Kors-Handtaschen steht, die sonst 500 € kosten und dann auf 300 € runtergesetzt sind, macht das ja vielleicht Sinn. Oder wenn man immer schon ein Gucci-Kleid wollte. Ich bin da ja nicht so drin, also kaufte ich zwei Paar sehr stark runtergesetzte Chucks aus der „allerallerletzter superfinaler ultra-Sale“-Ecke (die außerdem durchaus nicht die übliche Sorte sind, hihi), Parfüm (ich wollte eh mal neues** haben und Douglas mag ich nicht und da wurde ich echt nett und kompetent beraten – das ist ja für jemanden ohne Ahnung durchaus hilfreich, wenn man einfach sagen kann „Ich habe diesunddas, ich hätte gerne was, was so ähnlich ist, aber nicht das gleiche“ – und (wenig überraschend) Nagellack. Fertig. Dann suchte ich mir ein freies W-LAN, orderte ein Uber für den Weg zurück und kam gerade passend zum Dinner zurück. 

    Ausbeute.


    Das war mein Tag.

    (Auf meinem iPad geschrieben :) )

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    * Ich hab irgendwas mit Bio studiert, merkt man, ne?

    ** Ja, richtig gelesen: EIN neues. Ich hab noch nie mehr als ein Parfüm gleichzeitig besessen. (Seit heute hab ich dann sogar drei! Aber eins ist fast leer.)

    Tag 580 – So war übrigens die Anreise.

    Ich kämpfe noch ein wenig gegen den Jetlag an und übe kräftig das Tippen auf dem neuen iPad, bzw. auf dessen Tastatur. Da bietet sich doch an, mal über die Anreise hier zu schreiben.

    In der Nacht von Freitag auf Samstag schlief ich praktisch gar nicht. Warum auch, auf so nem 11-stündigen Flug kann man doch prima schlafen. Immerhin war es so kein großes Problem um 4:30 Uhr aufzustehen. Um viertel vor sechs gab ich Herrn Rabe einen dicken und den Kindern je einen vorsichtigen Kuss und machte mich pünktlich auf den Weg: mit meinem völlig überdimensionierten Koffer, meinem Handgepäcksrucksack und meiner Posterrolle. Ohne Mütze und Handschuhe und in meinen sommerlichen Turnschuhen wahr ich zwar deutlich zu kalt angezogen, aber der Bus kam tatsächlich recht schnell und außerdem stand ich so unter Strom, dass ich kaum fror. 

    Die erste große Herausforderung war das Aufgeben des Gepäcks am Flughafen. Der Automat weigerte sich, einen Gepäckaufkleber auszudrucken, also musste ich an den Schalter. Da war aber irgendein technischer Defekt, es stapelten sich schon die Koffer vor dem Schalter, weil die Bänder irgendwie nicht gingen und natürlich standen neben den Koffern diverse Rentner*Innen, die vor lauter Mistrauen in Technik und Personal wohl am liebsten ihr Gepäck persönlich ins Flugzeug getragen hätten. Hinter mir schnaufte eine Frau ungeduldig in meinen Nacken und schickte ihren Mann (der gar nicht mitreisen sollte) herum. „Frag mal da nach! Los, jetzt frag mal, was da los ist!“ Nach ca. 15 Minuten allgemeiner Ratlosigkeit sprangen aber alle Bänder wieder an und alles wurde gut. Sicherheitskontrolle und so war alles unspektakulär, ich kaufte mir eine Handcreme im Duty Free Shop und einen Kaffee, einen Smoothie und eine Banane am Kiosk und wartete aufs Boarding.

    Auch der erste Flug nach Stockholm verlief im Grunde ereignislos, sieht man mal von der lächerlich kleinen Maschine und meine proportional zur Flugzeit ansteigende Nervosität ab. Schließlich hatte ich zwischen Landung und erneutem Start genau 40 Minuten zum Umsteigen. Von den 40 Minuten gingen 20 dafür drauf, in einen Flughafenbus zu steigen, auf die anderen Passagiere zu warten, langsam verrückt zu werden, „Aaaaaaaaahhhhhhhhhh!“ zu twittern und über den Flughafen kutschiert zu werden. Kaum angehalten, sprang ich aus dem Bus, rannte ins Terminal, die Treppen hoch, guckte auf den Bildschirm und las: LAX, Last Call. Sprintete durch die Passkontrolle, sprintete zum letzten Gate im Terminal, kam als letzte Passagierin und komplett durchgeschwitzt und mit den Nerven runter am Gate an, bekam aus einem unerfindlichen Grund einen Smoothie in die Hand gedrückt und boardete als Letzte. Wenn ich schlechter zu Fuß wäre, wäre ich vielleicht zu spät gekommen. Fazit: 40 Minuten zum Umsteigen in Arlanda reicht eigentlich nicht. Vor allem nicht wenn man eigentlich total dringend aufs Klo muss. 

    Das Flugzeug nach LAX war sehr groß, ich saß ganz hinten am letzten Fensterplatz, neben mir ein junger, gutaussehender Norweger, der hirnentleerten, sexistischen Kram aus dem Bordunterhaltungsprogramm ansah. Das Essen war qualitativ mäßig und quantitativ gerade ausreichend. Es war sehr sehr laut und ich war Herrn Rabe unheimlich dankbar, weil er mir seine Active Noise Cancelling Kopfhörer geliehen hatte. (Habe ich je darüber gelästert, dass die Dinger absurd teuer sind? Wenn ja: Ich nehme alles zurück, die sind Gold wert!) Ein bisschen schlief ich, ich las die Hunger Games fertig, spielte Super Mario Land 2 auf meinem GameBoy (ja, einem alten Teil, ohne Displaybeleuchtung und Farben. Ich kann noch alles außer den Spielstand abspeichern), guckte die letzten drei Folgen von Black Mirror, die ich mir bei Netflix herunter geladen hatte (die Bienen! Huiuiui). Langweilte mich, konnte nicht mehr schlafen, guckte aus dem Fenster, langweilte mich noch mehr, las ein bisschen und dann waren wir auch schon da.

    Dann standen wir erstmal 45 Minuten auf dem Rollfeld herum, weil unser Gate belegt war.

    Dann stand ich 15 Minuten an der automatischen Passkontrolle an. Die dann wegen irgendwas mit meinen Fingerabdrücken nicht funktionierte.

    Dann stand ich 30 Minuten an der Border Control an. („Are you here to do business?“ – „I’m going to a conference.“ – „Conference about what?“ – „RNA Editing.“ – „RNA What? What is RNA?“ – „Erm, a part of our genome?“ – „???“ – „Genes?“ – „What is your profession?“ – „I’m a… biologist.“ – „OK then, have a nice trip, welcome to the USA.“)

    Und schlussendlich stand ich geschlagene 30 Minuten in der Schlange an, die einfach nur aus dem Flughafen heraus führt.

    Inzwischen war es 14:20 und rechtzeitig zum Beginn der Konferenz um 15:30 in Ventura sein, konnte ich mir abschminken. Insofern war es auch nicht mehr weiter schlimm, dass wir natürlich auf dem Weg aus L.A. heraus im Stau standen. Apropos Abschminken: Ich erwog, einfach drauf zu scheißen und nach meiner (wann auch immer stattfindenden) Ankunft erst zu duschen und dann zu den Konferierenden zu stoßen. Je später es aber wurde, so wahrscheinlicher wurde es auch, dass ich wohl erst kurz vor der Poster-Session ankommen würde. Irgendwann zog ich seufzend mein Notfall-Päckchen aus dem Rucksack und schminkte mich notdürftig, davon ausgehend, dass ich mich wenigstens noch schnell würde umziehen können würde.

    Als ich ankam, war mein Zimmer noch nicht fertig. Blöd, so musste ich in meinen Reiseklamotten mein Poster repräsentieren. Als ich mich für die Konferenz registrierte, erklärte mir der Mann da (Brian? Ryan?) den ca. 15 Meter langen Weg in den Konferenzraum. Ich musste zwei mal nachfragen, mein Gehirn war ganz einfach da schon nicht mehr erreichbar. Aus und schlafen gegangen. Oder ausgewandert. Trotzdem fand ich irgendwie den Weg in den Konferenzraum, hörte mir noch die Diskussion zum Eröffnungsvortrag an, hängte mein Poster auf und stellte mich daneben. Erklärte mein Poster zwei mal, aß (irgendwas) zu Abend, bekam endlich ein Zimmer, zog mich fix um und setzte mich in die Abendsession. 

    Nach fünf Vorträgen war ich absolut gar gekocht, konnte mich kaum noch auf den Beinen geschweige denn wach halten und war unendlich froh, als ich endlich, endlich duschen konnte. Sauber und ungeföhnt fiel ich in das überdimensionierte, aber unheimlich bequeme Bett wie ein Stein und schlief tatsächlich bis 04:20, und dann nochmal bis 06:30. (Dass der Jet-Lag damit noch nicht ausgestanden war, sieht man an den gestrigen Ausfällen. Und auch heute bin ich noch nicht wieder komplett fit.)

    Tag 574 – Bekymring: Fredag 08-16

    Liebes Tagebuch,

    Ich war gerade bei der DoktorandInnen-Beratung der Uni. Wegen meinem Fertig-sein und Fertig-werden, die sich leider gegenseitig blockieren. Ich schreibe die Ergebnisse des Gespräches jetzt sofort auf, bevor ich alles wieder vergesse. Du weißt ja, ich kann mich grade manchmal nicht so gut konzentrieren.

    Also erstmal: in Trondheim gibt es wirklich wenige Jobs. Die Cecilie weiß das, die hat nämlich selbst einen Dr. in Molekularer Medizin und arbeitet jetzt als Studienberaterin. So kanns gehen… Aber insofern gut, dass wir noch örtlich flexibel sind. Die meisten Firmen sind um Oslo rum, wie vermutet. Soviel zum rein praktischen.

    Cecilie schlug vor – und ich halte das für eine gute Idee – einen Plan B zu haben. Einen realistischen, nicht „Ich mache eine Kneipe auf.“. Ein realistischer Plan B wäre dann doch ein Postdoc, den man dann gut dazu nutzen könnte, sich weiter zu orientieren, während man Erfahrung mit der eher wirtschaftlichen Seite der akademischen Welt sammelt. Macht sich im Zweifel auch gut im CV. IST ABER NUR PLAN B! Auf der Konferenz kann man da aber bestimmt schon mal herumschnuppern, wer eventuell als Kooperationspartner in Frage käme und – vor allem – soll ich da mein Gesicht zeigen. Fragen stellen. Vorbereitet sein. Gut, das hatte ich ja eh vor.

    Plan A bleibt weiterhin das Suchen eines „normalen“ Jobs. Dafür hatte sie die üblichen Tipps: einfach mal anrufen und fragen, was geht. Vielleicht eine Karte anlegen, wo welche Firmen sind und welche davon interessant sein könnten. Und, wichtig: Nicht davon ausgehen, dass man sofort den perfekten Job findet. Eher davon ausgehen, dass man anfangs ein paar mal wechseln muss und auf den perfekten Job hinarbeitet. Aber Fuß in der Tür ist wichtig. (Ok, das letzte wusste ich, den Rest eigentlich auch, aber irgendwie war mir der Rest in letzter Zeit etwas abhanden gekommen.) Wegen der Wechsel-Option macht es eben Sinn, nach Clustern von Firmen zu suchen, damit nicht die Kinder jedesmal wieder die KiTa oder später Schule wechseln müssen.

    Die zwei wichtigsten Tipps die Cecilie hatte, waren aber die folgenden: erstens muss ich mir wieder mehr klar machen, was ich kann. Worin ich gut bin. Was ich geschafft hab. Nicht die wissenschaftlichen Ergebnisse, die sind auch gut, aber letztlich für die Industrie eher so semi interessant. Was ich geschafft habe, wäre eher so die Kategorie: Erkennen, dass das Ursprungsprojekt ein halbtotes Pferd ist, um ein Ersatzprojekt bitten, mich da reinhängen, eine relevante Konferenz suchen und komplett alles dafür zu organisieren, statt einfach mit ihm auf die vom Chef vorgeschlagene Konferenz zu fahren und ihn machen zu lassen. Sowas. Eigenverantwortung und Eigeninitiative. Organisation. Was sie auch gelobt hat, war das Erkennen, dass es mir gerade schlecht geht und das Einleiten diverser Schritte (Krankmeldung, Klarkommen, Homeoffice) um es aus dem Loch raus zu schaffen. Naja. Ich versuche mich dann mal auch dafür zu loben. Der zweite Tipp war: aufhören zu denken. Es bringt nix, sich immerimmerimmer die gleichen Gedanken und Sorgen zu machen. Hab ich ja auch verstanden. Stattdessen soll ich mir lieber einen festen Termin setzen (wo ich doch so ein durchstrukturierter Mensch bin), sie schlug eine Woche nach den Experimenten vor, in der ich mir gehörig Sorgen machen kann. Aber nicht vorher. (Meine anvisierte Woche ist vom 08.-12. Mai, KW 19) Immer wenn ich mir Sorgen machen will, werde ich versuchen, mich selbst auf KW 19 zu verweisen. Wenn ich anfange, mich statt vor dem Ende des PhDs vor KW 19 zu gruseln, soll ich mir einen kurzfristigeren Termin zum Sorgen machen suchen: „Bekymring: Fredag 08-16.“ nannte sie das. Und eben wieder krankschreiben lassen, wenn es nicht anders geht.

    (Ein interessanter Tipp, für dessen Befolgen ich aber erst über meinen deutschen Schatten springen muss, ist auch: warum nicht einfach einen Tag pro Woche zu Hause bleiben, soviel „Homeoffice“ (sie machte echt Luftkommata!) machen, wie ohne Druck geht, wenn ich dafür die anderen vier Tage effektiv arbeiten kann sei das doch besser, als fünf Tage pro Woche planlos und unkonzentriert zu sein. HmmHmm. Mal sehen.)

    Also, so war es bei Cecilie. Ich mache mir dann in KW 19 weiter Sorgen. Vorher nicht.

    Tag 568 – Klarkomm-Update. 

    Ich komme weiterhin klar, aber es ist anstrendend. Alles kommt mir anstrengend vor. Am Besten geht noch Laborarbeit, da brauche ich nämlich mein Gehirn nicht (klingt jetzt für Sie womöglich komisch, aber für mich ist das allermeiste davon wie Autofahren: man blinkt und bremst und kuppelt und macht Scheibenwischer an und aus, da denkt man ja auch nicht mehr drüber nach). Hirnarbeit aber zieht sich wie Kaugummi weil meine Konzentration einfach noch echt schlecht ist. Heute zum Beispiel hatte mich mein Chef gebeten, meine Versuchsplanung mal zu verschriftlichen, und damit meinte er (leider) kein Gekrakel auf Papier. Ich brauchte zweieinhalb Stunden für ein Flowchart und eine grobe Seite Erklärungen dazu. Musste immerimmerimmer wieder die gleichen Sachen nachgucken. Musste mich sehr zusammenreißen, nicht doch nochmal die Grundlagen zu checken, vielleicht habe ich ja was übersehen, nicht bedacht, falsch erinnert. 

    Insgesamt bin ich grade sehr froh, dass ich vermutlich bis Ende nächster Woche meine Zeit im Labor verbringen darf. Und dann geht’s los in die USA. (Das zu organisieren fällt mir lustiger Weise gar nicht schwer, ich habe mein Poster jetzt hier, ich habe Visitenkarten, ich überlege noch, Handouts vom Poster zu machen (vermutlich nicht, Geheimhaltung wird ja nicht grad einfacher, wenn man den Leuten das Geheimzuhaltende auf Papier gedruckt mitgibt), ich habe mir ein iPad Pro zum Abholen im Laden bestellt, habe dabei wunderschöne Schuhe gesehen, ich weiß jetzt grob, wo es Make-Up von welchen Marken zu kaufen gibt, ich habe beim Hotel angefragt, ob die für mich Päckchen annehmen würden, falls ich was bestellen würde… kurz gesagt: läuft!) Und danach mal sehen, da mache ich mir jetzt jedenfalls noch keinen Kopp drum. 

    Tag 562 – Yeah!

    Ich kam klar und machte das Poster fertig! Fertig! Hurra! 

    Als ich grade dachte, ich wäre fertig (so um eins) kam meine Kollegin (die, der ich jetzt immer meinen Tagesplan mitteile) herein und schaute mir über die Schulter. „Hmm, schick!“ meinte sie und dann „Aber der Text muss weg. Das liest kein Mensch. Also ich jedenfalls nicht.“. Tja. Da hat sie ja recht. Ich lese Poster mit so viel Text wie eben draufgeht auch nicht. Also speicherte ich eine Version, duplizierte sie und benannte eine Version um in „PosterGRCstichpunkte“. Aus der schmiss ich, bis auf die Einleitung, alle Texte raus und machte Stichpunkte daraus. Radikal. Zeitaufwand: ca. 30 Minuten und ich muss sagen, 30 sehr sinnvolle Minuten. Es ist echt viel besser mit weniger Text und mehr Luft und kondensierterer Information. Jetzt bin ich wirklich zufrieden*. Die neue Version schickte ich an meine Kollegin, bekam ein Daumen-hoch-Emoticon zurück und dann schickte ich beide Versionen an meinen Chef. Als der fragte, welche Version er denn öffnen solle, entschied ich mich direkt für die Stichpunkte-Version. Er fand einen typo (direkt alkylation by…), wir schnackten noch kurz über die allerallerallerneuesten Ergebnisse, die es jetzt nicht mehr aufs Poster schaffen, aber vermutlich in den Artikel, dann war es Zeit für ein Meeting (hätte ich mir sparen können/sollen, ich war so ausgelutscht, dass meine Gedanken überall waren, nur nicht bei der Sache) und zu Hause angekommen half mir Herr Rabe dabei, das Poster bei der Druckerei hochzuladen**.

    Also: es ist vollbracht und ich habe mir jetzt die zwei Tage Urlaub auch redlich verdient, finde ich. 

    *Ich würde es Ihnen echt gerne zeigen, aber das könnte möglicherweise gegen irgendwelche Geheimhaltungsdinge verstoßen und naja, bis zur Konferenz können Sie sicher warten, oder?

    **kurze Verwirrung wegen der Größe: die Konferenzveranstalter schrieben was von 4 x 5,5 feet. Das wäre 2A0. Die Unidruckerei druckt aber nur bis A0. Und 2A0 ist auch einfach mal absurd groß. Das Poster wäre dann fast so lang wie ich. Und um das zu lesen, was unten steht, müsste man sich bücken. Neenee. A0 it is. Man muss ja den Aufsteller nicht komplett ausfüllen.