Tag 1002 – Dies und das.

Die letzten drei Tage war hier Sommer. Nur noch sehr wenig grün. Aber 24 Grad – das ist, wenn wir ehrlich sind, ein ziemlich guter Tag im August. Ich verdenke es den Trondheimern auch in keinster Weise, dass sie diese 24 Grad nutzen um im Park herumzuliegen und zu grillen und Planschbecken zu verkaufen. Was ich ihnen etwas übel nehme ist: sie lassen überall ihren Müll liegen, die Mülltonnen sind heillos überfüllt und es liegen Haufen aus Plastiktüten gefüllt mit allem zwischen Grillfleischverpackungen, Essensresten und gefüllten Windeln einfach um die Mülleimer herum. Zum Kotzen, und erst recht wenn drei Meter weiter einer der Gullideckel mit dem schönen Spruch „Kacke, Pipi, Klopapier – mehr soll nicht ins Klo!“ dafür wirbt, keine Essensreste ins Klo zu werfen, weil das Ratten anlocken könnte. Wäre ich Ratte, ich würde wohl einfach oberirdisch Müllbeutel plündern.

Was ich auch mehr als befremdlich finde: alle Jahre wieder sieht man an den ersten sonnigen Tagen viele, viele Sonnenbrände. Wirklich fiese, zum Teil, wir sind ja hier immerhin im Norden und die „Ureinwohner“ haben tendenziell schon sehr blasse Haut, sind gern mal (hell-)blond und haben blaue Augen. Bei Erwachsenen denke ich dann ja oft noch „selber schuld, sind ja erwachsen, an jeder Apotheke hängen die Plakate und gibt’s Sonnenschutz mit Faktorrabatt“, aber was mich ratlos macht, sind Kinder mit verbrannten Nasen und Nacken. Da möchte ich, von Eltern bis KiTa-Personal, alle schütteln und sagen: „Cremt. Die. Kinder. Ein. Hautkrebs. Ist. Scheiße. Verdammtnochmal!“. Ja, es ist oft auch keine wahre Freude, ein sich windendes Kleinkind einzucremen, das weiß ich aus erster Hand, aber ich weiß auch: der Groschen fällt irgendwann und dann ist „Sonne scheint, also eincremen“ fast so selbstverständlich wie das abendliche Zähneputzen. Bis dahin sehe ich das wie eben Zähneputzen: es ist meine Verantwortung, dass meine Kinder weder Karies noch Sonnenbrand kriegen, Zweidreivierjährige können solche diffusen Konsequenzen wie „akkumulierte DNA-Schäden“ noch nicht abschätzen, also wird da nix mitentschieden, Zähneputzen, eincremen, basta.

Hrmpf!

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Urlaubsvorbereitung war heute etwas frustrierend: die Wettervorhersage sagt, dass es an drei von sechs Tagen bei 17 Grad regnen wird. Juchheh.

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Trotzdem Kinder-Sommer-Klamotten gesichtet und sortiert, um zu schauen, ob morgen noch was besorgt werden muss. Antwort: eher nicht, Pippi hat ca. 8 Kleider, die letztes Jahr noch zu groß waren und geschätzt 16 kurze Leggins, die an ihre Spargelbeine immernoch sehr gut passen, auch in Größe 86.

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Pippis A-Phase ist wirklich nicht schön. Dieses Kind ist wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Im einen Moment niedlich hoch 10, singt Lieder, erzählt einem was, macht Quatsch, aber im nächsten Moment (wenn man ihr dann gesagt hat, sie soll den Quatsch doch sein lassen) ein Wutzwerg sondergleichen, der kreischheulend und um sich tretend und schlagend auf dem Boden liegt. Heute hat sie Herrn Rabe volle Wucht ins Gesicht gehauen. Mit Absicht. Generell wird kein von uns in normaler Lautstärke und Ton geäußertes „Nein“ akzeptiert, wir müssen immer erst laut werden. Und dann brüllt sie und beschimpft sich als „Dumme Pippi!“. Hoffentlich ist das bald vorbei.

Tag 1001 – Nächte.

1001 Tage hier. Genau genommen blogge ich aber meistens spätabends, oder nachts, je nachdem wie man das definieren möchte. In den letzten 1001 Nächten ist echt viel passiert.

Pippi ist vom Säugling zum Baby geworden, hat Robben, Krabbeln und Laufen gelernt, ich habe sie abgestillt und wir haben sie gemeinsam in ihr eigenes Bett ausquartiert. Sie schlief irgendwann durch und wir auch wieder. Dann aß sie plötzlich jede Nacht eine Banane. Sie hat mit der Kita angefangen und es war furchtbar und dann wurde es gut. Und dann sehr gut. Und dann war sie dauernd krank. Sie fing an zu sprechen und zu singen und sogar ihre Haare wuchsen. Neuerdings fährt sie Laufrad.

Michel ist vom Kleinkind zum nicht mehr so kleinen Kind zum Vorschulkind geworden. Wir haben es durch die A-Phase geschafft, Michel ist trocken geworden, irgendwann sogar nachts, er hat Freunde gefunden und übernachtet sogar bei denen. Er bekam ein Fahrrad mit „Patilen“ und dann ein großes Fahrrad für richtige Vorschulkinder. Er kann alle Buchstaben erkennen und einfache, kurze Wörter lesen und schreibt wunderbare Nachrichten in lautschriftlichem Norwegisch. Er erzählt non-stop, Wichtiges verpackt in einen Brei von Belanglosigkeiten und jede Nacht kriecht er irgendwann in unser Bett: ans Fußende. So haben wir alle größtmöglichen Platz und Michel kann kuscheln, mit unseren Füßen zwar, aber das stört ihn nicht, Hauptsache Körperkontakt. Und er hat die hinreißendsten Sommersprossen der ganzen Welt.

Herr Rabe hat sich in seinem Job weiterentwickelt und ist bei der selben Firma in einem inzwischen anderen Team und einer sich stetig entwickelnden Position sehr glücklich. Weil Herr Rabe eben, wie nicht ganz so viele Informatiker*Innen, auch sehr gut mit Leuten kann. Was ich natürlich immer schon wusste, schließlich ist er der beste Mann und auch der beste Vater, den ich mir für mich und meine Kinder vorstellen kann. Seine Geduld mit den Kindern hätte ich gerne auch nur ansatzweise. Und seine Geduld mit mir… auch.

Das Blog hier hat sich von ca. 3 Lesern pro Tag zu (für mich) wahnwitzigen 1200 gemausert. Ich habe in fast allen Nächten etwas hereingeschrieben, manchmal erst nach Mitternacht und einmal erst am nächsten Tag, nach einer Nacht voll Schlaf. Das Blog war mit auf Korfu, in Frankfurt, in Bergen, in den USA, in der Schweiz, in Porto, gefühlt ständig in Oslo und mehrmals in Bielefeld. Es war mit bei guten und beschissenen Vorstellungsgesprächen, bei der Legevakt, im Labor, im Familienleben, im Waldorf-Kindergarten und beim Schwimmkurs. Es wurde gefüllt von alltäglichem, mit gelegentlichen Ausflügen in Bereiche wie Erziehung und Ernährung, Beiträge, die immernoch zu den am häufigsten gelesenen gehören. Es ist ein Teil von mir geworden. Einer, dessen Wichtigkeit ich irgendwo bei „Milz“ einordnen würde: ohne geht auch, ist aber echt blöd, und die Entfernung wäre schmerzhaft.

Die Schnecken sind echt groß geworden. Ansonsten sind sie weiterhin Schnecken: nicht besonders schlau, sehr langsam, ziemlich gefräßig.

Und ich? Ja. Ich habe den Statistikkurs überlebt, die Babyzeit mit Pippi und den Schlafmangel überstanden, war beim Muttisport und wurde erstaunlich fit, habe wieder angefangen zu arbeiten, wurde erstaunlich unfit, fing wieder mit Ballett an und hörte erst wieder auf, als ich anfing, die Diss zu schreiben. Wechselte das Diss-Projekt. Machte tausend mal „das letzte Experiment“. Organisierte mir die Konferenz in Kalifornien, samt Reisestipendium. Ging kaputt. Wechselte viele Bettbezüge. War mit krankem Kind zu Hause. Fing an, immer mehr Sachen für mich und immer weniger für die Kinder zu nähen. Buk Brot. Ging spazieren und wurde wieder halbwegs heile. Lernte viele tolle Leute kennen. Schrieb meine Diss auf. Wurde gescoopt und merkte, wie kaputt ich eigentlich noch war. Machte weitere tausend male „das letzte Experiment“, schlug mir Nächte am Mikroskop um die Ohren, schlug mir weitere Nächte am Rechner um die Ohren um die Bilder auszuwerten und Daten zu analysieren. Schrieb einen Artikel in vier Tagen und Nächten. Bekam die Schilddrüsenscheiße zurück, ging wieder kaputt und ignorierte es, ging durch Mordor und zurück, schrieb tausendundeine Bewerbung, bekam 788 Absagen und 211 mal gar keine Antwort, sagte einen Job ab, gab die Diss ab und dann war endlich Weihnachten. Leckte zwei Monate lang meine Wunden, nähte viel, versuchte, in dem ganzen Murks mein Ich als Mutter und auch Partnerin wiederzufinden und mich wieder zusammenzuflicken. Machte viel Sport. Hasste meistens das Wetter hier. Disputierte. Versuchte, stolz auf „disputierte“ zu sein, statt sich wegen „arbeitslos“ zu grämen. Und schrieb täglich in dieses Internet. Mal überlegt, mal lustig, mal frustig, mal kurz, mal sehr lang, mal verzweifelt, mal mit vielen Bildern und dann wieder ganz ohne, mal in Schnipseln und mal in Dialogen. Aber fast immer nachts.

So kann es doch weitergehen.

Tag 996 – Nach Hause telefonieren?

Also das heute lief sehr merkwürdig, bzw lief es mit dem 1., meinem potenziellen direkten Kollegen, sehr gut, dann wurden wir aber unterbrochen von der CTO/Gründerin, die, hmm, [ich sag nix über Klamotten, kann jede halten, wie sie will], hmm, sie sah zwischendurch aus dem Fenster. Nach exakt 30 Minuten war auch das merkwürdige Gespräch mit ihr vorbei, ich fühlte mich… wie nach den Fischleuten, inkompetent und eingeschüchtert und insgesamt als hätte ich grad einen Kampf verloren (was ich vielleicht, vermutlich, achwasweißich auch habe). Dann sprach ich nochmal 10 Minuten mit meiner eventuell zukünftigen Chefin, Gehaltsvorstellungen und so, „Pensionsordning“, so Zeug halt. Das war wieder sehr nett. Sie meinte zu mir, ich hätte einen sehr guten Eindruck gemacht, in spätestens zwei Wochen bekäme ich Bescheid, ob ich nochmal zu einem Interview kommen soll (das wäre dann das dritte), es wären noch zwei weitere (neulich war es noch eine) im Rennen und überhaupt, wie denn „der andere Bewerbungsprozess“ laufen würde? Tja, hab ich erklärt, fühlt sich trotzdem scheiße an und ich habe ein schlechtes, sehr schlechtes Bauchgefühl jetzt. Ich möchte das immernoch, glaube aber, es wird wieder an Kompetenz scheitern und „viel Glück mit dem anderen Prozess“ heißen. Ich will einfach nur nach Hause und vielleicht auch ne Flasche Wein umarmen.

Und als würd das alles nicht reichen bin ich total erkältet, meine Nase und meine Augen laufen und ich hasse verdammt noch mal die Welt heute.

Tag 993 – Hallo, London!

Abgefahrener Tag, erst Waffelfest auf dem Bauernhof der Kollegin, nur dieses Jahr mit eiskaltem Wind statt strahlendem Sonnenschein. Dann: Flugzeug, Oslo [Fix Sandwich gegessen], Flugzeug: London!

Überraschenderweise lief alles unglaublich glatt, beide Flieger waren früher als geplant wieder unten, ich bekam sofort einen Zug und dann die U-Bahn und die nächste U-Bahn auch, ich sah in ganz viele Wohnungen, von denen ich mir kaum vorstellen kann, dass die sicher 2000€ aufwärts im Monat kosten und jetzt liege ich hier in meinem gemütlichen Hotelbett:

Nachdem ich eben gebadet habe*:

(Von den Besten lernen und Badesalz dabei haben. Dafür nicht an Steckdosenadapter denken. Irgendwas ist ja immer.)

Und gleich werde ich schlafen, juchheh, und morgen möglichst ohne Einpullern diesen Test überstehen.

Ach ja, zwei Impressionen vom Waffelfest:

Wir hatten übrigens nicht den wärmsten April seit immer.

Dabei auch erfahren, dass der Sohn des Hauses mit seinem Beitrag bei der Lego-Ausstellung** den 3. Platz belegt hat. Hut ab.

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*Fledderfüße*** sind jetzt, ziemlich genau zwei Wochen nach Anwendung, fertig mit fleddern. Ist auch ganz schön, wenn man nicht mehr dauernd Haut verliert.

**Mehrere Szenen aus dem Herrn der Ringe. Ich hab leider keine Fotos, aber Herr Rabe vielleicht?

***Babyfoot

Tag 992 – På kloss hold.

Wahnsinnig witzig, die Lego-Fans, ne? Quasi „On Klotz hold“. Das „Haarmonie“ der norwegischen Legobauer. Haha.

So, genug gelästert, es war wirklich toll. Ich lasse Bilder sprechen.

Hier hat jemand sein norwegisches Heimatdorf nachgebaut. Mit unglaublicher Liebe zum Detail. Und so bunt! Oh, und auf dem Schild steht, alles bis auf die Kirche wird nach der Ausstellung abgerissen.

Der Frozen-Palast. Dieses Ding ist RIESIG.

Das größte Lego-Riesenrad der Welt. Maßstabsgetreu zum größten echten Riesenrad der Welt.

Ich stehe ja auf Drachen.

Die Frauenkirche. Auf der anderen Seite (ohne Bild) auch die Orgel.

Straßenzüge sind da fast schon langweilig.

Kirschblüten! (Hier ist ja immernoch alles kahl. Und Kirschbäume gibt’s eh nicht.)

Auch wirklich beeindruckend: eine Ritterburg. Hier von der einen Seite…

… und von der anderen.

https://rabensalat.blog/wp-content/uploads/2018/04/img_9249.mov

Und dann gabs noch ein monströses „Great Ball Contraption“-Gebilde, da hätte ich alleine drei Stunden zugucken können und jetzt will ich ganz viel Lego Technik haben, sofort.

Anmerkung: alle diese Gebilde sind eigene Bauwerke, kein Set, keine Anleitung. Manche sind geklebt, manche nicht.

Dochdoch, es war sehr schön, wirklich, und eine sehr willkommene Abwechslung zu all den Guidelines, die sich ja nach ein paar Stunden auch alle irgendwie gleich anhören.

Tag 989 – Scheiß-drauf-Tag.

Was mir heute alles mit zunehmender Uhrzeit egal war:

  • Sportprogramm
  • Lernprogramm
  • Wochen-Latsch-Challenge
  • Rohe-Eier-Sprache
  • Wer wen mag (inklusive mir)*
  • Wer was von mir erwartet

Was daran beteiligt war, dass mir das egal war (chronologisch geordnet):

  • Freundinnen, bei denen ich mich unreflektiert ausgekotzt habe (sorry dafür und auch Danke für das Ventil)
  • Der komplette Frühlingsputz bei Twitter
  • Achtung, viel Information, bitte nächsten Punkt überspringen wenn zu viel:
  • Sex
  • Jetzt weiterlesen
  • Eine nicht mehr genau zu definierende Anzahl Gläser Wein und hitzige, aber freundschaftliche Diskussionen über Feminismus und das Patriarchat (ja, das geht, mit einem Mann, der sich nicht als Feminist bezeichnet, es ist ja quasi nicht zu fassen) unter Freunden

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Auto-Lobhudelei: Siehe *

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Tag 988 – Heul doch!

Ich sitze im Auto und will gerade losfahren, da höre ich ohrenbetäubendes Gebrüll. Sechs oder sieben Jungs brüllen da durcheinander, schubsen sich herum, ich denke unwillkürlich „Oha, Schlägerei?“ und halte nach der Pausenaufsicht Ausschau. Aber da ist keine.

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„Sie standen Schlange, vier Jungs, und schlugen und bespuckten ihn der Reihe nach.“ Das erzählt mir meine Freundin M., da ist ihr Sohn H., der beste Freund von Michel, grad ein paar Wochen an der Schule. Er ist grade mal fünf, die vier Jungs fünf oder sechs. Auch das passiert in der Pause, auch hier sieht es eine andere Mutter und keine Lehrkraft.

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Die Traube aus Jungs ist ein Stück zur Seite gewandert und steht jetzt an der Wand. Drei der Jungs sind besonders aggressiv. Ein Junge steht mit dem Rücken zur Wand, die drei aggressiven Jungs und zwei, die die Lücken schließen, stehen um ihn rum. Alle schreien, bis auf den Jungen an der Wand. Er ist nicht wirklich kleiner oder schmächtiger als die anderen, aber er scheint immer mehr zu schrumpfen. Die Jungs drängen ihn jetzt richtig an die Wand, schubsen seine Schultern, einer schreit aus 20 cm Entfernung in sein Ohr, ein zweiter brüllt ihm direkt ins Gesicht. Sie sind furchtbar aggressiv, ich denke die ganze Zeit „Gleich haut einer von denen zu!“. Sie rupfen an ihm herum und es ist wahnsinnig laut, hier, im Auto, zehn Meter entfernt. Ich sitze da wie erstarrt.

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Ich bin 14 oder 15. Kunstunterricht. Seit Wochen geht mir Christoph (nennen wir ihn mal so, könnte auch Phillip oder Stefan heißen, völlig Wurscht) auf die Nerven. „Hässliche Fotze!“, oder „Schlampe!“ höre ich täglich, immer so, dass es kein Lehrer, aber zwei, drei von Christophs Kumpeln hören. „R. HAT SCHEIDENPILZ! HAHAHAHA!“ schallte es auch schon mal quer über den Schulhof. Was sicher weniger weh getan hätte, wenn es frei erfunden gewesen wäre, aber mein sauberer Freund bis dahin Sexualpartner hatte seine Fresse nicht halten können. Jedenfalls ist jetzt Kunstunterricht. Wir machen Linoldruck. Ich hasse Kunstunterricht eh, bin zu perfektionistisch und zu unkreativ. Christoph und ich werden in den Nebenraum geschickt, die Walzen fürs Drucken holen. Ich recke mich nach oben um eine Walze aus dem Regal zu ziehen, da reißt Christoph die Walze aus dem Regal, sie fällt mir auf den Fuß, es tut höllisch weh. „Heb das auf!“ sagt Christoph, eiskalt „Ich hau dir sonst auf die Fresse, nachher in der Pause.“ Ich schlucke einen Klops Tränen herunter und hebe die Rolle auf. „Hahaha, R. hat sich die Walze auf den Fuß geschmissen!“ grölt Christoph, während er wieder in die Klasse geht.

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Ich bin 7. Vor einigen Wochen ist mein Vater gestorben. Es ist Schulsport. Völkerball. Ich werde getroffen, an den Kopf. Der Schmerz ist schlimm, aber schlimmer ist die Erniedrigung, denn Phillip, der mich abgeworfen hat, ruft „Haha, heul doch! Heul doch!“. Und ich heule. Wie ein Baby. Ich renne in die Umkleide, der Lehrer kommt nicht, irgendwann kommen meine Klassenkameradinnen, ich heule immer weiter, alle gehen raus, ich irgendwann auch, nächste Stunde, Schule ist wichtig. Draußen steht die halbe Klasse, ich heule immer noch. „Heul doch, Heul doch!“ skandieren die anderen Kinder, während ich völlig aufgelöst in unser Klassenzimmer laufe. Nach drei, vier solchen Situationen nehme ich mir vor, nie mehr in der Öffentlichkeit zu heulen.

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Der Junge an der Wand versucht es mit Lachen. Hahaha, alles nur ein Spiel. Schubst wie spielerisch zurück, die Jungen brüllen immernoch, er lacht, nicht herzlich, nicht höhnisch. Er unterwirft sich. Und langsam lassen die Jungs einer nach dem anderen von ihm ab. Der Ohrbrüller braucht dafür am längsten.

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Ich bin 10. recht frisch auf dem Gymnasium. Meine Noten sind nicht, wie meine Grundschullehrerin es prophezeit hatte, schlechter geworden. Sie sind noch besser geworden. „Streber!“ ist das Wort, was für Kinder wie mich reserviert ist, jedenfalls finden das ein paar der Kinder in meiner Klasse, vor allem Stefan. Stefan ist nicht so gut in der Schule. Stefan kompensiert das aber auch nicht mit Fleiß. Ich brauche nichts kompensieren, es fliegt mir einfach zu und macht mir auch noch Spaß, den ich nicht verstecke. Viel lernen tue ich nicht mal. Trotzdem „Streber!“. Meist stehe ich drüber. Heute nicht. Heute haben wir eine Mathearbeit zurückbekommen und ich habe volle Punktzahl. „Whuhuuu!“ sage ich, als ich das Heft öffne. „STREBER!“ brüllt Stefan. Ich nehme mein Mathebuch und gehe durch das Klassenzimmer zu Stefan. Und dann haue ich ihm mit dem Hardcover-Mathebuch ganz besonnen auf den Kopf. Berechtigterweise kriege ich dafür Ärger. Stefan kriegt nix, nur Mitleid für die Beule. Ab da schaue ich in zurückgegebene Arbeiten erst in der Straßenbahn nach Hause.

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Die Kunststunde ist vorbei und wir stehen auf dem Schulhof. Christoph mit seinen Kumpels, ich in einer Mädchengruppe. Christoph kommt rübergeschlendert wie in einem schlechten Teeniefilm, breitbeinig und mit einem gekünstelten Gangleaderhabitus. „Ey, was war das mit der Rolle, häh?“ fragt er. Ich sage trotzig gar nichts. „Wollteste mir die auf den Fuß schmeißen oder was? Soll ich das der Frau N. erzählen, wie du mich angegriffen hast, Fotze?“ Ich sage weiter nichts, jetzt aber weil ich dann vor Wut heulen würde. Und ich heule ja nicht in der Öffentlichkeit. „HHÄÄÄÄHHH???“ schreit mir Christoph mitten ins Gesicht. Wimmernd und mit zitternder Unterlippe renne ich in den Tischtennisraum und verstecke mich heulend unter der Tischtennisplatte, wo mich jede Menge Leute sehen können, aber vielleicht ja auch beschützen. Frau N. wird später dazu sagen, ich solle doch lieber allein irgendwo hingehen, wenn ich mich nicht gut fühle. Ich fühle mich wie der schlimmste Versager auf Erden. In der Öffentlichkeit geheult, Christoph das Feld überlassen, für mich nicht eingestanden. Christoph wird, nachdem ich endlich einer Lehrerin meine Schmach und seine Beleidigungen gestehe, für eine Woche von der Schule freigestellt, danach darf er nicht mehr mit mir reden. Und irgendwann wirds ihm tatsächlich langweilig. Ich bin immer auf der Hut. Keine Angriffsfläche bieten wird mein wichtigstes Ziel.

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Die Jungs spielen jetzt. Sie stehen eineinhalb Meter von dem Jungen entfernt, der immernoch an der Wand steht. Er guckt zu den Jungs, zu Boden, zu den Jungs, sie stehen mit dem Rücken zu ihm. Er fängt an zu weinen. Jetzt reichts. Ich steige aus dem Auto, endlich, gehe auf den Jungen zu. Er sieht mich, er weiß, was jetzt kommt, er reißt die Augen auf und dreht sich um und geht weg, betont unauffällig, fast normal. Ich verstehe ihn. Ich verstehe ihn wirklich gut, denn er wird die Konsequenzen tragen, von dem, was ich jetzt tue. Sein Leben wird noch schlimmer werden. Es wird Gespräche geben, mit den Kindern, eventuell Eltern, es wird Beschuldigungen geben und vielleicht wird, wie bei H., auch einfach gar nichts passieren. Aber wenigstens muss doch mal jemand diesen Pausenaufsichten den Marsch blasen, wieso da auf diesem Teil des Schulhofs niemand ist. Wieder anmeckern, dass da was schief läuft. Wieder anmeckern, dass an dieser Schule in allen Altersklassen übel gemobbt wird und alle so tun, als wäre nix und doch alles fein, wenn immer alle Kinder alle anderen Kinder zum Geburtstag einladen müssen. Es kotzt mich so an. Ich gehe zur Pausenaufsicht, erkläre, was ich gesehen habe, zeige mit dem Finger auf Kinder, Acht-, Neunjährige, Kinder. Der Junge sieht das und beeilt sich, zu den Jungs zurückzukommen, Normalität, haha, alles nur ein Spiel. Kein Verräter sein. Der Lehrer bedankt sich bei mir fürs Bescheid sagen. Ich kann leider nichts mehr sagen. Ich heule ja nicht in der Öffentlichkeit.

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H. macht jetzt Taekwondo. Er muss lernen, sich zu behaupten. Die Schläger und Spucker machen weiter.