Tag 298 – Juba Juba Kinderfestival 

Heute waren wir auf einem Kinderfestival. Von Mittag bis Spätnachmittags. Zielgruppe des Festivals sind Kinder von Michels Alter aufwärts, bis ca. 8. Ich sach mal so: ich will nochmal sechs Jahre alt sein und sowas machen. Das war soooo cool. Tausend Aktivitäten, Sachen basteln (richtig coole, ich hab ein Mädchen mit selbstgebastelter Ukulele gesehen!), Pflanzen pflanzen, Dosenwerfen, Tauschmarkt, Kinderdisco, Parcours, Lesebühne, Bücherbus, Theater, Jonglage, StarWars, Indianerecke,… Kurz: für wirklich jedes Kind mit jedem Geschmack was dabei. Dazu wirklich schöne Details, zum Beispiel (von Ikea gesponserte) Sitzverkleinerer bei den Dixiklos zum Ausleihen, „Elternparkplätze“ überall, wo die Eltern auf Sofas sitzen und Kaffee trinken können, Still- und Wickelzelt, extra Armbänder für die Kleineren, auf die man Namen und Telefonnummer der Eltern schreiben konnte. Dazu viel Platz, viel Grün, auch mit Erlaubnis, in den Bäumen rumzuklettern. 

Selbst das Essen war vielseitig und angenehm wenig Süßkram. Es gab eine Bude mit Zuckerwatte und zwei Kioske mit Kaffee, Waffeln (mit Käse), Pizza, Pølse, Lollies, Weingummi und Popcorn (Salzig). Daneben gab es aber auch drei (!) richtige Restaurants, die Essen anboten, davon ein vegetarisch/veganes. Natürlich alles etwas abgestimmt auf Festival und Kinder, also gab es Burger und Würstchen und Smoothies und so. Aber lecker und dafür dann auch nicht überteuert. Und Ikea gabs auch noch, die verkauften Köttbullar und Veggiebollar in kleinen Papphütchen. 

Richtiges Festivalfeeling kam fast auf, wenn man die Hauptbühne sah, auf der wir heute erst zwei Kindergärtner sahen (Gastronautene), der eine mit langem Bart, der andere mit Glatze und Tätowierungen, die Rocklieder mit norwegischen Texten über kleinkindliches Essverhalten coverten. Das war sehr unterhaltsam und Herr Rabe will mal fragen, ob die ihn nicht vielleicht als Bassisten mit ins Boot holen wollen, auch wenn Herr Rabe natürlich weder Bart, noch Tätowierungen hat, noch Kindergärtner ist. Dann sahen wir als Abschluss noch eine Mitsingband, die Songs der norwegischen Kult-Kindermusikgruppe Knutsen & Ludvigsen spielte. Das war wirklich witzig, die Texte der Band sind quatschig-lustig ohne peinlich zu sein, die Melodien eingängig* ohne langweilig zu sein und die Band spielte sehr gut. Alles auch nicht zu laut, Michel wollte trotzdem seine Kopfhörer aufsetzen, seit der Polypen-OP letztes Jahr hört er wohl sehr viel besser und es wird ihm schnell zu laut. Aber ich fand es eben nicht zu laut und hatte auch kein schlechtes Gewissen, dass wir die Kopfhörer für Pippi vergessen hatten. Die übrigens die Musik fast komplett verschlief. 

Und was fand Michel am Besten? „H.! Und E.!“. Die beiden Kumpels, die wir da getroffen haben. Tjanun, das hätten wir günstiger haben können, aber egal, es war ein richtig toller Tag und jetzt sind wir alle kaputt im Bett. Sehr schön ist das. 

* Herr Rabe hat einen Ohrwurm von „Ka-aaaanskje kommer kongen**“ und ich von „Ja jeg er dum og deilig*** (Juba, Jubaaaa)“ 

** vielleicht kommt der König (Zum Essen, für den man extra gedeckt hat und so)

*** Ja ich bin (fühle mich) dumm und wunderbar (nachdem man schlimmes Lampenfieber hatte, wenn man dann auf der Bühne steht, der Text geht weiter mit „ich tanze wie ne Schnecke“ und ich finde das ein ganz schönes Bild)

Tag 297 – Geschafft

Ich habe es getan.

Ich habe mir ein e-bike gekauft.

Vorher habe ich das halbe Internet zu dem Thema auf drei Sprachen durchgelesen, einen Fernsehbericht gesehen, bin tausend Tode gestorben, weil die Entscheidung so schwer ist, bin zweitausend Tode gestorben, nachdem ich das billige Rad im Fernsehen hab kaputtbrechen sehen, habe vier Fahrräder Probe gefahren, eins sogar zweimal.

Und dann habe ich…

…eins im Internet bestellt.

In your face, Norwegischer Einzelhandel mit krepeliger Auswahl und schlechtem Service und exorbitanten Preisen. Ich kriege jetzt eines, das alles hat, was ich will. ALLES! Ha. Und den Akku werde ich auch in ein paar Jahren noch neu kaufen und dann vermutlich sogar aufrüsten können, wenn ich das will, der Motor ist handelsüblich und nicht irgendeine japanische Kopie von irgendwas, die Bremsen sind (laut der norwegischen Kaufberatung) „die besten auf dem Markt“, die Gangschaltung durfte ich heute an einem (krass teuren) Fahrrad ausprobieren und die ist auch einfach um Längen besser, als die anderen, die ich probiert habe, kurz: ich bin zufrieden.

Ach ja: es ist das hier:

Fahrrad

Weil Auslaufmodell von 2014 total günstig, also, naja, total nicht, eher so im oberen Bereich von dem was ich so bezahlen wollen würde, aber viel viel günstiger als UVP und viel viel viel viel günstiger als alles, was ich in der Ausstattung in Norwegen gesehen habe.

(Und ja: ich habe ein ähnliches Probe gefahren, wegen des Antriebs, der Schaltung und überhaupt allem außer des Rahmens. Das war das Schwierigste an der Aktion.)

(Den Hänger können wir von L. auch haben, sie möchten 800 NOK dafür, das ist fair und für uns auf jeden Fall in Ordnung. L. ist jetzt aber erstmal bei einem Kurs in Oslo bis nächsten Freitag. Ihr Mann macht dann alleine Kinderdienst. Der ist seit Anfang des Jahres Hausmann und Papa, zieht eine Selbstständigkeit hoch und unterstützt seine Frau. Ja, sowas geht und soweit ich weiß sind ihm bisher keine kritischen Männlichkeitsdinge abhanden gekommen.)

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Falls Sie sich fragen, wie es den Kindern geht: sehr gut. Michel rennt anscheinend 6-8 Stunden täglich mit Vollspeed durch den Kindergarten („Wir sind Dinosaurier, Mama! Roooaaaaarrrrrrr!!!“) und ist abends dementsprechend zerkratzt, verbeult, furchtbar dreckig und schrecklich müde. Und glücklich. Und Pippi freut sich auch schon sehr auf den Kindergarten; wenn ich sie mitnehme um Michel abzuholen stehen immer sofort drei bis sieben Kinder um den Wagen und machen Quatsch mit ihr. Und sie findet das auch gar nicht mehr schlimm, sondern jauchzt und quietscht die anderen Kinder an und strahlt ihr strahlendstes Grinsen und heimst Stöcker, Steine und anderes kindliches Kleinod ein. Das ist alles sehr schön.

Außerdem ist ja jetzt Oma da, macht auch Quatsch, baut unermüdlich Lego und ist sogar glücklich, Pippi mal wickeln zu „dürfen“, also auch da ist noch alles im Lot, wenn auch aus Gründen für mich anstrengend. Aber noch möchte ich mich da mal nicht beklagen. Es war erstmal eine sehr gute Idee, ihr eine AirBnB-Unterkunft zu besorgen, so haben wir unser Wohnzimmer trotzdem für uns. Und niemand wird nachts durch die Schlafzimmertür wachgeschnarcht.

Tag 295 – Bssbss, klipplipp

Weitere E-Fahrrad-Recherchen. Ich schwanke zwischen „Ey scheiß was drauf, ich kaufe jetzt das billigste, das ich finden  kann!“ und „Ey scheiß was drauf, ich kauf mir jetzt das Kreidler Vitality Sechspunktdingens, dann ist das Sparkonto eben leer danach!“. Es gibt auch noch die Option ein irgendwie unseriös anmutendes Internetangebot zumindest mal näher zu betrachten. Meine Kollegin K., 1,50 m groß, Inderin und beim Verhandeln sicher aggressiv wie ein Terrier, hat das getan und ist super zufrieden. Morgen werde ich ihres mal Probe fahren. 

Kollegin L. hat einen Fahrradanhänger, den sie verkaufen will. Voll praktisch, dass die zwei Kinder hat, die jeweils ein halbes und zwei Jahre älter sind als Michel. Sie spricht mal mit ihrem Mann wegen eines Preises. 

Um mich schon mal aufs Geld ausgeben vorzubereiten, war ich beim Frisör. Den haben so ungefähr alle meiner Kolleginnen (die auch echt schöne Frisuren haben) empfohlen. Und hachja, doch, also der war wirklich toll. Hach. Frisur ist auch supi gut geworden, dabei hab ich nur gesagt „Um die Ohren muss es kurz, der Nacken auch ganz kurz, nicht (!!!) über den Wirbel stylen, ich will nicht Muttimäßig aussehen und nicht älter als ich tatsächlich bin.“. Jetzt bin ich etwas aufgehellt, aber nicht so extrem wie früher, die Seiten und Hinten ist es ordentlich kurz, oben drauf etwas zackig wuschelig. Morgen mal selbst stylen, das ist ja bekanntlich der Härtetest und dann mehr Fotos machen, bisher habe ich nämlich nur dieses (das, zugegebener Maßen, irgendwie unspektakulär aussieht). 


So zufrieden war ich schon sehr lange nicht mehr nach einem Friseurtermin. Kann aber auch am ausgegebenen Geld liegen, das war nämlich echt mal viel und das gibt ja ein Hochgefühl, was Psychologen Ihnen sicher auch erklären können, ich aber nicht. Ich bin sozusagen nur Betroffene. Hochgefühl-betroffen. 

(Unlustiger Fun-Fact: seit der Schilddrüsensache gucke ich immer extra kritisch auf Fotos auf meine Augen. Da bin ich Hypochonder geworden. Aber ja, so sehe ich eben aus, das ist für mich keine ungewöhnlich große Lidspaltenöffnung. Und dann muss ich immer an den Schilddrüsen-Comic von The awkward yeti denken und dann geht’s wieder. Chrchrchr.)

Tag 294 – Bssbss

Heute zwei E-Fahrräder Probe gefahren. Danach (jaja, Schlaupenis, ich weiß) eingehend mit E-Fahrrädern beschäftigt. Ich sach ma so: ACH DU MEINE GÜTE! Ist das alles kompliziert!!! Ich stelle Ihnen jetzt mal nur die drei verbleibenden Kandidaten vor, mit pro und contra. Keins davon habe ich bisher Probe gefahren und die beiden Probe gefahrenen sind beide aus Gründen raus. Absichtlich keine Links, hinterher komme ich noch in Teufels Küche hier. Und ja, da kann man bestimmt reinzoomen und dann die Marke erkennen und so aber lassen Sie das doch einfach. Ok?

Also, Kandidat Nummer eins:


Pro: Kettenantrieb (das hat ganz viele tolle Vorteile. Zum Beispiel lassen sich die Räder recht problemlos abnehmen, die Gänge werden vom Antrieb mitgenutzt und der Schwerpunkt ist unten mittig), Nabenschaltung

Contra: Teuer, hässlich

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Kandidat 2:


Pro: Günstig, Anfahrhilfe, Dänische Marke (also in Skandinavien nutzbar), Rücktrittbremse

Neutral: Automatikgetriebe

Contra: erstmal nen Händler finden, Batterie muss separat gekauft werden, da gibt’s dann wieder die Option für mehr Geld mehr Reichweite… Und schwupps ist es nicht mehr ganz so günstig.

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Kandidat 3:


Pro: Schick (also, naja, is ja Geschmackssache, ne? Wüsste auch gerne mal wer da von wem geklaut hat, ist ja doch sehr ähnlich zu dem drüber), Anfahrhilfe, Nabenschaltung, Rücktrittbremse, günstig

Contra: Herr Rabe findet’s hässlich, bloß drei Gänge

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Tja. Es bleibt also spannend. Als Übersprungshandlung hab ich heute erstmal ne Hausratsversicherung abgeschlossen, die auch Diebstahl von teuren Fahrrädern mit ok-em Selbstbehalt übernimmt. Sofern das Fahrrad angeschlossen war, natürlich. 

Tag 293 – Aus Gründen glücklich

Es ist Sommer! Ok, er wird laut Vorhersage nur bis Mittwoch dauern (Donnerstag kommt meine Mutter, ob das Zufall ist?) und andernorts würde man über unsere 23 Grad wahrscheinlich maximal müde lächeln und vielleicht die Pelzjacke gegen den Baumwollanorak tauschen, aber ich finde es ist Sommer. Und so wie ich sehen das auch 4 Millionen Norweger, ha! Die liegen nämlich alle nackt im Park und sonnen sich und scheiß was drauf dass die Arbeitszeit eigentlich bis 16:00 geht, das kann man alles in den 10 Monaten Winter wieder reinarbeiten. Hier macht mir nicht mal das Einschmieren mit Sonnencreme was aus. Weil, Hey, die fünf Tage im Jahr wo man draußen auf der Dachterasse Mittag essen kann, ist das schon ok (und Holla die Waldfee, was die Sonne hier Mittags brennt. 20 Minuten und LSF 30 machte für ein Stündchen ziemlich rosane Arme. Aber dann wars weg und hinterließ bloß tausend reaktivierte Sommersprossen.)

Eigentlich wars da heute sogar schon grenzwertig heiß, vor allem zum Apfel-Glas-Wasser-Päuschen um zwei. 

Also jedenfalls kann ich an so schönen Tagen nicht anders als alles rosig sehen. Tralala, sozusagen. Da ist dann auch wurscht, dass die Haut mal wieder katastrophal ist (ich vermute einen starken Zykluszusammenhang), die Schilddrüsenantikörper hoch resp. noch vorhanden sind, Michel nach dem Kindergarten komplett im Eimer ist und nur weintnöltmeckert und ich möglicherweise einen Haufen Kohle für ein E-Fahrrad hinblättern werde, die ich gar nicht habe und überhaupt, ein E-Fahrrad? Mutti lässt grüßen und sowas wird doch eh voll schnell geklaut. Hinterher noch mit Anhänger, haha, Michel ist zum Herbst hin ja schon vier, das sieht sicher interessant aus. 

Ist alles wurscht. Die Sonne scheint. 

Tag 291 – Dankbar. 

Es könnte alles so viel schlimmer sein. Manchmal muss man sich das vor Augen halten. 

Wir haben ein Dach über dem Kopf, wir haben es warm, wir haben zu Essen, wir haben Betten, in denen wir schlafen können. Wir haben Kleidung, sauberes Wasser, Seife, Waschmittel, Waschmaschine, Trockner, Spülmaschine. Wir haben Zugang zu Medikamenten und ärztlicher Versorgung, jederzeit. Wir haben ein Auto und altersgerechte Kindersitze. Wir können uns Benzin leisten. Wir können uns leisten, täglich warm zu duschen. Wir können uns eine gute Kinderbetreuung leisten und haben auch Plätze darin. 

Wir haben uns und uns lieb, nach wie vor. (Murch!)

Wir haben jeder einen Vollzeitjob. Und wir mögen unsere Jobs. Wir können in Elternzeit gehen, ohne um unsere Jobs zu fürchten oder extreme finanzielle Einbußen hinzunehmen. 

Vor allem haben wir zwei Kinder. Zwei Kinder, die (soweit die Eltern das beurteilen können) völlig normal sind. Mit normalem Kinder- bzw. Babyschlafverhalten, normaler Gesundheit, normal hohen Bedürfnissen. Natürlich außerordentlich hübsch und niedlich, das schon, aber in allem anderen herzerfrischender Durchschnitt. Michel zeichnet vielleicht noch nicht wie Michelangelo und kann auch weder Geige spielen noch chinesisch. Aber seine Trotzanfälle und Wutausbrüche halten sich im Rahmen, er hat bisher kaum Wände angemalt und noch nie absichtlich etwas kaputt gemacht. In seinem Kopf geht viel vor, aber er scheint gut zurechtzukommen in dieser verrückten Welt von heute. Von gelegentlichen Aussetzern mal abgesehen, die aber eben so rar sind, dass wir als Eltern noch gut damit umgehen können. Pippi möchte zwar nach wie vor nur in unserem Bett schlafen und stellt gerne Unsinn an, um die Welt zu erkunden (alles Ausräumen ist gerade ein großer Hit. Vor allem Mülleimer.) aber sie hat ein grundfreundliches Wesen, ist neugierig, spielt auch mal länger allein (mit dem Mülleimer) und hängt nicht mehr dauernd an einem von uns, solange sie weiß, das wir noch in der Nähe sind. Und sie nicht müde ist, denn zum Einschlafen fordert sie eben Körperkontakt ein. Aber auch das ist für uns ok, sie schreit nicht erst stundenlang, sie wacht auch nicht ständig auf und schreit dann wieder, meist nuckelt sie bloß ein paar Sekunden und schläft dann wieder fester ein. So kriegen wir alle nahezu genug Schlaf. 

Das könnte alles ganz anders sein. Ist es aber nicht und da haben wir doch sehr sehr großes Glück gehabt, wie ich finde. 

Tag 290 – … und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.

Meine Großeltern gingen immer zum gleichen Arzt. Immerimmer. Wegen allem. Doktor R. war schon ziemlich alt (halt so wie meine Großeltern) und nicht besonders innovativ in seinen Behandlungsmethoden und ich fand den doof, der war grob und unfreundlich. Aber meine Großeltern hatten grenzenloses Vertrauen in den Mann. In der Generation galten (und gelten) Ärztinnen tatsächlich noch als Halbgötter in weiß. Sätze wie „Wenn du dich in der Schule ganz doll anstrengst, kannst du auch mal Doktor werden!“ habe ich schon vor 20 Jahren gehört und auch mein Kind wird damit nicht verschont, leider.

Heute ist das anders. Ärztinnen werden nicht nur nicht mehr total überhöht dargestellt, was ihre berufliche Kompetenz angeht, nein, an allen Enden und Ecken wird an ihnen herumgemäkelt. In meinem Internet scheint es fast so, als hätten Ärztinnen grundsätzlich keine Ahnung von irgendwas und wenn doch, dann müssen sie ja vorsätzlich Menschen schaden wollen, wie sonst könnte man sich erklären, das Ärztinnen mitunter Dinge von sich geben, die von der allgemeinen Einschätzung des Internets abweichen?

Ich verstehe das nicht. Ehrlich. Wann ist das passiert, dieser Wechsel vom blinden Vertrauen hin zum allgemeinen Misstrauen? Und wie? Ich vermute, es hat mit dem Internet zu tun. Medizinische Informationen sind quasi jeder zugänglich, wenn man früher noch in eine Bücherei wandern musste, um da medizinische Wälzer zu lesen, so reicht heute die Eingabe von „Krankheit XYZ“ in die Suchmaschine der Wahl und man bekommt unzählige Ergebnisse. Und genau das ist das Gute und aber auch das Schlechte daran. Denn in dieses Internet kann auch jede etwas schreiben. Auch Scheiß. Wissentlich oder „in guter Absicht“ (aber trotzdem falsch) oder einfach aus Unwissenheit. Das unterscheidet Google vom Brockhaus. Selbst bei Wikipedia dauert es mitunter, bis Bullshit entdeckt und entfernt wird. In dem medizinischen Wälzer stehen Sachen, die man als gesichert annehmen kann. Überholt vielleicht, aber doch nicht grundsätzlich total daneben. Auch das Internet bietet eine Fülle von (ziemlich) gesicherten Informationen. Aber man muss diese auch als solche erkennen können. Die Spreu vom Weizen zu trennen fällt selbst studierten Köpfen da manchmal schwer. Selbst wenn ich nur die medizinischen oder pharmazeutischen Studien selbst lese, ist es manchmal schwierig, eine gute von einer schlechten Studie zu unterscheiden. Deshalb machen Menschen Kurse in Medizinischer Statistik (Ich winke mal kurz!), idealerweise, bevor sie anfangen Studien zu lesen oder gar selbst zu machen.

Dass die durchschnittliche Patientin (also die ohne medizinisches Fachwissen und/oder  gute Kenntnisse im Bereich Statistik) also von der schieren Flut der Informationen überfordert ist, kann ich gut verstehen. Und dann (jetzt fange ich mal an wild zu spekulieren) wird eben gefiltert: Ui, medizinische Fachstudie, möglichst noch auf fachchinesischenglisch? Versteht doch kein Mensch. Nächster Treffer. Hmm, trockene Ärzteseite mit blöder Prognose und doofen Therapieoptionen? Nächster Treffer. Erfahrungsberichte von Patienten? Schon besser. Ahhhh, hier, hier steht, es geht auch gut mit Nahrungsergänzungsmittel X / Homöopathischem Kügelchen Y / Diät Z. Perfekt. Ich bin ja nämlich gar nicht krank, steht ja hier. Oder die Therapie wäre viel besser und praktisch ohne Nebenwirkungen zu machen. Meine Ärztin hat halt keine Ahnung.

Idealerweise geht die durchschnittliche Patientin mit ihren ergoogelten Informationen dann nochmal zur Ärztin. In einer perfekten Welt setzt sich die Ärztin mit ihrer verunsicherten Patientin hin, nimmt sich Zeit, erklärt, wiesoweshalbwarum das Internet manchmal mit Vorsicht zu genießen ist, weshalb Nahrungsergänzungsmittel X vielleicht hilft, vielleicht aber auch nicht und vielleicht auch mit anderen Medikamenten ganz unerwartete Wechselwirkungen eingeht, warum der Therapieplan so ist, wie er ist und was man eventuell noch machen könnte, wenn der Therapieerfolg ausbleibt oder es Nebenwirkungen gibt. Die Patientin ist beruhigt und lässt das googeln in Zukunft bleiben.

Leider ist die Welt nicht perfekt, die Ärztin hat keine Zeit, nimmt die Sorgen der Patientin nicht ernst, lacht vielleicht, wenn die Patientin die Nebenwirkungsliste des von ihr verschriebenen Medikaments erwähnt, lacht noch mehr, wenn die Patientin die Homöopathischen Kügelchen Y nennt und  tut das alles mit einem lapidaren „das Internet können Sie vergessen“ ab. (Ich kann die Ärztin an dieser Stelle sogar verstehen. Zum einen werden Beratungsgespräche unterirdisch schlecht von den Krankenkassen vergütet, zum anderen hat die vermutlich am Tag 10 bis 20 Schlauberger, die meinen, durch eine Stunde googeln mehr zu wissen, als jemand, der 12 Semester studiert und dann noch praktische Aus- und Fortbildungen absolviert hat. Trotzdem sollte sowas natürlich nicht passieren.)

Und unsere Patientin? Misstraut der Ärztin noch mehr. Googelt weiter, findet Foren, findet Erfahrungsberichte, bestellt Nahrungsergänzungsmittel X und Homöopathische Kügelchen Y aus den USA und macht Diät Z. Passt die Dosis ihrer von der Ärztin verschriebenen Medikamente selbst an. Setzt eigenmächtig Medikamente ab oder nimmt sogar andere. Wenn sie Glück hat, passiert nichts schlimmes. Dann schreibt sie ihre eigenen Erfahrungen ins Forum, macht vielleicht eine eigene Internetseite zu ihrer Krankheit. Empfiehlt Nahrungsergänzungsmittel X / Homöopathische Kügelchen Y / Diät Z, mischt noch Handauflegen dazu, weil sie das zwischendurch auch noch gemacht hat und es ist ja nichts schlimmes passiert. Vielleicht ist ihre Krankheit sogar wirklich besser geworden. Vielleicht durch irgendeine der Therapien, vielleicht ein Placebo-Effekt (der ist sehr mächtig!), vielleicht spontane Remission, das kann die durchschnittliche Patientin für den Einzelfall genauso wenig sagen, wie die Ärztin. Doch die Informationsflut wird ein Stückchen größer und zwar auf der „Ärzte haben keine Ahnung“-Seite.

Sehen Sie? Es ist ein Teufelskreis. Zumindest für den hier zusammengesponnenen Fall.

Ich glaube nicht, dass alle Ärztinnen von allen Krankheiten der Welt Ahnung haben. Oder dass Ärztinnen keine Fehler machen. Halbgötter in weiß, das ist wirklich überholt. Ebenso kann ich verstehen, dass man sich im (deutschen) Gesundheitssystem nicht gut aufgehoben fühlt, eben wegen der Fließbandabfertigung, dem viel zu kurzen Ärztin-Patientin-Kontakt, dem gefühlten Ausgeliefert-sein. Been there, done that. Aber was meiner Meinung nach mehr Sinn macht als googeln ist: beharrlich sein. Fragen stellen. Nerven. Kennen Sie sich damit wirklich aus? Sollte ich nicht zur Fachärztin gehen? Gibt es noch andere Therapiemöglichkeiten? Kann ich unterstützend irgendwas tun (Diät, Sport, …?)? Und wenn das nicht hilft und man sich immer noch blöd behandelt vorkommt: Ärztin wechseln und zwar nicht kommentarlos „Ich geh da nich mehr hin!“, sondern mit Feedback. Zweite Meinung einholen. Von mir aus in eine Spezialklinik gehen, dritte Meinung einholen. Aber am Ende auch einfach: Vertrauen haben. In Menschen, die viel Zeit und Energie darauf verwendet haben, ihren Beruf zu lernen. In Menschen, die zum Großteil diesen Beruf gewählt haben, weil sie Menschen helfen wollen. In Menschen, statt in Suchmaschinen.

 

 

 

Tag 289 – Hrmpf

PMS from hell, Kopfschmerzen, Übelkeit, nicht reden wollen, das ganze Programm. Die Ibuprofen die ich den ganzen Tag schon nehme und die nicht wirken sind in Wirklichkeit Paracetamol (steht in Griechischen Lettern auf der Packung) und das erklärt wenigstens, weshalb sie nicht wirken gegen die Kopfschmerzen, trotzdem trägt es nicht grad zu meiner Laune bei. Zumal ich bei Kopfschmerzen keine Schokolade essen kann, weil ich davon dann Migräne bekomme. 

Und jetzt ist es besser für uns alle, wenn ich für heute aufhöre zu schreiben. Bis morgen wieder!