Tag 102 – Der Schnuller

Ich wage es kaum zu schreiben, aber das Kind braucht keinen Schnuller mehr. Es hatte ja den Schnuller am zweiten Tag seines Lebens bekommen, nachdem es eine komplette Nacht wie bekloppt an mir herumgesaugt hatte und ich einfach nur dankbar für alles war, was mir eine Stunde Schlaf ermöglichte. Tja und seitdem war es halt druff.
Meistens fand ich das mit dem Schnuller auch sehr praktisch. Nächtliches Gemecker? Schnuller rein, Kind schläft weiter. Gezeter im Supermarkt? Schnuller rein, böse Blicke abgewendet. Der fiese Arzt hat in den Finger gepiekt? Schnuller rein, schnell vergessen. Sie erkennen das Muster.
Bloß nachkaufen und abkochen ist halt nervig mit Schnullern. Und die Panik wenn man irgendwo ist und feststellt, man hat den Schnuller vergessen. Das ist aber selten passiert und das Abkochen haben wir mit zunehmendem Alter des Kindes auch mehr und mehr schleifen lassen. Insgesamt würde ich mich definitiv zu den Pro-Schnuller-Menschen zählen und finde es nach wie vor schade, dass das Baby sich mit Schnullern nicht so richtig anfreunden kann. Wobei es mittlerweile auch egal ist, dann entfällt wenigstens das nervige Abgewöhnthema.
Mindestens seit einem Jahr, also seit das Kind zwei war, haben wir nämlich immer mal wieder drüber gesprochen, dass das mit dem Schnuller jetzt mal bald beendet sein sollte. Wegen des Kiefers und wegen Karies und überhaupt brauchen so „große“ Kinder doch keinen Schnuller mehr. Wir hatten aber beide den Eindruck, das Kind brauche das eben doch noch. Und wir hatten – ich frisch wieder schwanger und zum Umfallen müde – beide keinen Bock auf nächtlichen Terror wegen des Schnullerentzugs, wo doch gerade endlich eine für alle zufriedenstellende Schlafsituation eingekehrt war. Also gut, dann etwas später, sagten wir uns. Dann zogen wir um, die neue Wohnung und das alles, das war so fremd und wir wollten das Kind nicht überfordern. Also durfte es weiter Schnullern. Der Bauch wuchs immer weiter, das Kind begann zu begreifen, dass da ein Baby drin war, das bald mit uns leben würde. Es stand ein Kindergartenwechsel an. Das Kind brauchte tagsüber keine Windel mehr. Wieder so viele neue Sachen: Ach komm, lass dem Kind den Schnuller, es ist eh schon so viel Neues. Und schon stand der dritte Geburtstag vor der Tür und es zeigte sich auch ein beginnender Überbiss. Ich hoffte deshalb auf den Zahnarzttermin, den Kinder hier mit drei Jahren erstmalig haben. Vielleicht, wenn die Zahnärztin sagt, dass das mit dem Schnuller aufhören muss? Nein, tat sie nicht. Trotzdem beschlossen wir, dass wir keine neuen Schnuller mehr kaufen würden und teilten dies dem Kind mit. Eigentlich benutzte es den Schnuller zu diesem Zeitpunkt schon nur noch zum Einschlafen und manchmal als Tröster bei Aua und Traurig. In den neuen Kindergarten nahm es keinen Schnuller mehr mit. Das Kind schien unsere Entscheidung zu akzeptieren und schmiss trotzdem immer mal wieder Schnuller weg, weil sie kaputt waren (scheinbar kann man sich an nem zerkauten Silikonschnuller prima die Zunge einklemmen) oder im Falle der Latexschnuller komisch schmeckten. Zuletzt hatte es noch drei.
Dann kam das Leckekzem. Das haben viele Kinder, auch welche ohne Schnuller. Es kommt vom dauernden Lecken oder Besabbern der Mundregion. Da wird die Haut um den Mund erst sehr trocken und rissig und schließlich wund und nässend. So weit kam es bei uns nicht, weil wir immer gut cremten und außerdem das Kind überzeugten, dass der Schnuller jetzt wirklich nicht gut sei. Und siehe da: das Kind verstand das! Wirklich, der Vorteil eines Dreijährigen ist das es sowas eben schon versteht und dann eben von sich aus entscheiden kann, dass die Lippe ja schon so unangenehm brennt und wenn die Eltern sagen, das wird besser, wenn man nicht schnullert, dann kann man das ja mal probieren. Zudem wir eben auch überzeugt waren, dass es wirklich besser werden würde, wenn es auch ohne Schnuller schlafen würde und entsprechend klar auftreten konnten. In der ersten Nacht schloss ich mit dem Kind den Kompromiss, dass es mit Schnuller einschlafen könne und ich ihm nach dem Einschlafen den Schnuller aus dem Mund nehmen und weglegen würde. Das klappte gut. Am zweiten Abend gab es eine kurze Diskussion, aber das Argument mit der Lippe zog. Am dritten Abend versuchte das Kind mich anzuschwindeln, seine Lippe sei ja schon heile („Aua weggeflogt, nicht mehr weh!“). Ich nahm es mit Humor, wies auf die nach wie vor kaputte Lippe hin und schlug vor, es heute nochmal ohne Schnuller zu probieren. Die letzten Nächte habe es ja auch schon ganz toll geklappt. Das fand das Kind ok.
Und seitdem hat das Kind nicht mehr nach dem Schnuller gefragt. Das ist jetzt ne Woche her.
Klar hätte ich mir gewünscht, dass es früher passiert wär. Ich hätte mir auch gewünscht, dass es keine kaputte Lippe als Anstoß gebraucht hätte. Ich will auch absolut gar nicht behaupten, dass es immer total problemlos abgeht mit der Entwöhnung, wenn man sie einfach immer wieder herausschiebt. Ich weiß auch nicht, was wir mit den drei verbliebenen Schnullern machen sollen*. Aber letztlich war es gut, dass das Kind selbst entschieden hat, es ohne Schnuller zu probieren. Und dann erkannt hat, dass es gut ohne geht. Und am Ende ist ein Schnuller eben für Babys. Und nicht für große Kinder.

 

*(Als ich mit dem Rauchen aufgehört hab, hatte ich noch mindestens ein Jahr lang eine Packung Tabak in meinem Zimmer liegen. Als Rückversicherung, dass ich ja könnte, wenn ich wollte. Allerdings war ich da auch 23 und nicht 3.)

Tag 101 – Wieder da

Das Baby und ich sind wieder zu Hause. Der Rückflug war wesentlich entspannter, kein Wind aus Südwest oder sonst einer Richtung. Das Baby hatte wohl etwas Druck auf den Ohren, war dann aber an der Brust recht zufrieden. Mit dem Zug heim, kurz den Koffer reingeschmissen und die Schuhe gewechselt. Eigentlich muss ich nämlich wegen Spreiz-Senkfuß Einlagen tragen und nach fast vier Tagen mit sehr viel Rumgelaufe taten mir ordentlich die Füße weh.

Dann sind das Baby und ich direkt wieder los und haben das Kind vom Kindergarten abgeholt. Das Kind war schwer begeistert, dass ich wieder da bin und zeigte es indem es sich komplett selber und unaufgefordert seine Schuhe anzog (ohne Ziegenfüße!!!) und dann sehr sehr schnell auf seinem Kickboard nach Hause fuhr. Und jedes Mal sofort anhielt, wenn ich rief, es solle warten. Und überhaupt das allerbeste Vorzeigekind der Welt war. Natürlich musste ich es dann auch ins Bett bringen und so. Leider fand das Baby das überhaupt nicht gut, dass es beim Papa sein sollte und nicht wie die letzten 84 Stunden konstant bei der Mama. Und damit sind wir auch schon bei dem was heute echt scheiße war: Das Baby brüllte total krass herum; obwohl Herr Rabe es in die Trage geschnallt herumtrug beruhigte es sich mal so gar nicht sondern wurde immer hysterischer. Und das kann ich wiederum überhaupt nicht ab, ich ertrage das nicht, wenn das Baby weint, das tut mir körperlich weh, das anhören zu müssen. Gleichzeitig will ich auf gar keinen Fall diese Mamafixiertheit zementieren oder gar Herrn Rabe Vorwürfe machen, er mache das falsch, das müsse soundso und hallo, Maternal Gatekeeping. Herr Rabe machte ja auch nichts falsch, außer, dass er nicht ich ist. Aber was macht man denn da? Ich bin fest überzeugt, dass Papas genauso gut trösten können wie Mamas, und dass auch die Nummer zwei vom Kind liebgehabt wird. Und ich finde es furchtbar für Herrn Rabe, dass das Baby den Papa grade so ablehnt. Ich finde mich furchtbar, wenn ich Herrn Rabe das Baby dann abnehme, damit es ruhig ist und mein Herz nicht mehr so bluten muss und ich damit aber dem großen Kind seine exklusive Mama-bringt-mich-ins-Bett-Zeit nehme. Das ist alles total scheiße und ich weiß nicht, was tun. Irgendwelche Tipps irgendwer?

Tag 100 (!) – Oslo Tag 3

Ich sitze hier mit dem Baby auf dem Bauch, das immer noch schluchzt weil es eben einen hysterischen Anfall hatte oder so, es hatte sich ordentlich eingekackt und dann vorm Wickeln schon wie am Spieß gebrüllt, beim Wickeln weiter gebrüllt als würde es grade mit kochendem Wasser den Po gewaschen bekommen und dann noch eine weitere halbe Stunde untröstlich geschrien. Sowas nimmt mich immer sehr mit, ich würde ja gerne helfen, aber weiß nicht was los ist und alles was ich mache ist irgendwie egal und macht es bestenfalls nicht schlimmer aber eben auch nicht besser. Außerdem hat das arme Baby jetzt auch außer der Windel nichts an und ich habe Angst, dass es gleich wach wird, wenn ich versuche es anzuziehen. 

Heute haben ich und das Baby und A. Menschen getroffen, die ich mal auf einer Konferenz an einem sehr sehr kalten Ort kennen gelernt habe: M. und E. . Wir trafen uns im Café Liebling, das ist in einem Osloer Hipsterviertel und da war es sehr schön. Wir waren sehr lange da. Dauernd gingen Menschen mit Babys umgebunden am Fenster lang. Da muss es echt unheimlich viele Babys geben in dem Viertel da. Irgendwann bemerkte ich, dass es in dem Café ein klitzekleines Stück Heimat käuflich zu erwerben gibt:

  
Also jetzt nicht das Wasser. 

Danach sind A. und das Baby und ich auf die Oper geklettert, ich habe spektakulär versagt beim Versuch ein Panoramafoto von Oslo bei Nacht zu machen und dann sind wir ganz schnell wieder runter, es war nämlich windig oben und arschkalt.   

 
Barcode-Project oder so heißen die Hochhäuser links und die waren wirklich hübsch. Ich kann halt nur nicht fotografieren. 

Dann gab es noch Beleuchtungskunst auf dem Gehweg:

  
Und danach leckeres indisches Essen, Kakao und Gedanken darüber, wie (Mittel-)Norwegen aus A. und mir komische, kontaktscheue Wesen gemacht hat. 

Morgen nach Hause und die restliche Familie herzen. Das wird schön. Obwohl Oslo auch echt toll ist. Echt. 

Tag 99 – Oslo Tag 2

Huiiii schon so spät.

Heute war ich ein Harry Hole Fänchen, dann haben wir lecker Sachen gegessen, dann noch leckerere Sachen gegessen und dann Kakao mit Marshmallows am Kamin getrunken, geschnackt und Fotoalben angeguckt. 

Sehr schön hier. Sehr sehr schön. 

(Ich habe gehört, dass die WordPress App ungern Fotos hochlädt. Falls Sie also gleich kein Foto sehen, stellen Sie sich ein Harry Hole Klingelschild vor. Und Restaurant Schrøder.)

   
 

Tag 98 – Oslo Tag 1

Das Baby und ich sind ja heute nach Oslo geflogen, das war sehr aufregend. Ich habe nämlich Flugangst. Irrational, ich weiß, hilft aber leider nicht. Übersprungshandlungsmäßig hab ich deshalb im Vorfeld drölfzig Selfies gemacht und bei Twitter gepostet. Dann aber nach dem Boarding das hier als Durchsage:

Da wollte ich schon gerne wieder raus aus dem Flugzeug. Wirklich wirklich gerne. Das war aber keine Option, leider. Der Start war dann auch einfach furchtbar, ich war nicht die einzige, die trotz Vorwarnung  mehrmals scharf die Luft einsaugen musste. Möglicherweise war ich die einzige, die fast zu heulen angefangen hätte, das weiß ich nicht, ich hab ja nicht alle gesehen. Irgendwann waren die Turbulenzen dann aber vorbei und es ging ok weiter. Die Landung war gut, nur die Wolken hingen extrem tief, das finde ich immer etwas verwirrend. Müssen die Piloten denn gar nix sehen, wenn sie den Flughafen ansteuern? Das Baby hat den halben Flug an mir herumgenuckelt und die andere Hälfte verschlafen, das war also auch gut. 

Dann wurden wir von A. und A. Vom Bahnhof abgeholt, gingen zu Fuß nach Hause, aßen leckere Veggieburger mit selber gemachten Buns und Bratlingen und schnackten noch bis spät. Insgesamt sehr schön hier :) Das Baby fremdelt ein bisschen mit der neuen Umgebung oder es ist einfach zu spannend, jedenfalls möchte es nicht gerne schlafen. Zu blöd, ich nämlich schon.

Tag 97 – Fertig!

Diesmal kein Wochenende in Bildern. Weil hier einfach nichts spektakuläres passiert ist. Ich habe Brot gebacken, das Kind durfte „Esla und der Elf“ (Besser bekannt als „Frozen“. Der Elf = Olaf.) gucken, wir haben geputzt und vor allem hab ich die Jacke fertig genäht. Hier die Foto-Love-Story:

Freitag Abend: Außenjacke ist fertig.

Samstag Abend: Innenjacke ist auch fertig. Der blöde Untertritt hat ewig gedauert, wegen der blöden Anleitung.

Heute Abend und fertig. Und ich nach mal so: ich kann zwar nicht gut stricken, aber das mit dem Nähen könnte noch was werden. Vor allem macht mir das tatsächlich Spaß.


Das Baby hatte keinen Bock auf Anprobe. Deshalb nur ein unscharfes Bild. Erwartungsgemäß ist die Jacke noch (viel) zu groß. Soll ja ne Weile passen, ich näh schließlich nicht jede Woche so n Ding. Wunderbar warm ist sie tatsächlich, der Außenstoff ist ein bisschen kratzig weil Wollfilz, aber ist ja nur außen und innen ist die Jacke unheimlich kuschelig weich, ich will auch so eine! Vor unserem Ausflug morgen nach Oslo wird das aber nix mehr.

Und noch was: Ich verstehe jetzt, wieso meine Oma immer ziemlich genervt war, wenn ich wieder alle Stecknadeln bis zum Anschlag in das Nadelkissen gestopft hatte…

Tag 96 – Sprachlos

Was müssen das für Leute sein, die irgendwo hingehen, ganz viele Leute erschießen, sich am Ende selbst in die Luft sprengen und dabei noch ein paar Menschen töten und ersthaft glauben, irgendein Gott fände das gut? Ich kriege die Gedanken heute nicht aus dem Kopf. Ich wickle und bespaße das Baby und denke daran, das auch die Terroristen vermutlich mal fröhliche, rotwangige Wonneproppen waren, die von ihren Eltern auf den Bauch gepupst wurden. Ich spiele mit dem Kind und denke, dass auch die Terroristen mal Kleinkinder waren, die sich draußen beim Spielen eingesaut haben. Die gesungen haben und getanzt. Ob die auch eine Mama hatten, die gesagt hat: „Hier wird nicht Schießen gespielt!“, „Krieg ist kein Spiel!“, „Wir tun uns nicht gegenseitig weh!“? Vielleicht. Und trotzdem tun sie als junge Menschen so was. Töten andere, im Glauben, das würde ihrem Gott nützen oder gefallen. Töten völlig wahllos Leute, die zufällig irgendwo sind. Nehmen Kindern die Eltern, Eltern die Kinder, Menschen die Geschwister und Freunde. Einfach so.

Das macht mich traurig. Wütend. Verständnislos. Sprachlos.

Tag 95 – Ein Mond!

Bei dem Entwicklungsgespräch im Kindergarten am Mittwoch wurde uns, neben viel Positiven, auch mal wieder bestätigt, dass das Kind ungern lange auf seinem Po sitzt und irgendwas macht, zum Beispiel malt oder bastelt. Nach fünf Minuten wird es ihm langweilig und dann kommt beim Malen oft „Du malen!“ inklusive Bestellung der absonderlichsten Motive. Außerdem wollte der Kindergarten wissen, wie wir zu Hause Grenzen setzen, das Kind wolle nämlich gerne alles bestimmen und bekäme dann Wutanfälle, wenn es seinen Willen nicht erfüllt bekäme. Wir bestätigten, dass das auch bei uns der Fall sei, wenn wir uns mal durchsetzen müssen, beschrieben ein bisschen unsere Situationen (Zähneputzen, Bettzeit, Essen…) in denen es potentiell knallt und wie wir damit umzugehen versuchen. Im Grunde finde ich ja fast schon gut, dass das Kind seine A-Phase auch im Kindergarten auslebt, immerhin scheint es sich da so sicher zu fühlen, dass es nichts „verstecken“ muss und einfach es selbst sein kann. Der Kindergarten fand das auch nicht außergewöhnlich oder so, in dem Alter ist das ja komplett normal. Aber natürlich hat ein Kindergarten nicht immer die Möglichkeit, mit jedem einzelnen Wutzwerg Kompromisse zu schließen, zu reden und die Gefühlsausbrüche zu begleiten. Davon wollte ich aber gar nicht schreiben, ich schweife ja total ab. Heute morgen nämlich habe ich einen möglichen Grund für das momentan wieder ziemlich anstrengende Verhalten des Kindes: es lernt grad ganz viel. Scheinbar. Sehen Sie hier:

In diesem Bild sind zwei Entwicklungssprünge versteckt.

Ja, das sieht aus wie eine normale Kinderkrakelei. Für uns sind aber zwei Dinge neu. Das krömpelige Ding im linken unteren Bildquadranten nämlich, das grün übermalte schwarze, sehen Sie das? Das hat das Kind nach Ansage „Mond male jetzt.“ unter höchster Konzentration gemalt. Und ist dann total ausgeflippt vor Freude, weil tatsächlich etwas dabei rausgekommen ist, dass wie ein Mond aussieht. Und ich bin gleich mit ausgeflippt, ehrlich gesagt. Ein Mond! MEIN KIND HAT EINEN MOND GEMALT! Der Wahnsinn. Und weil der Mond ja ziemlich klein ist, sollte ich dann noch einen großen Mond malen (und einen Stern). Als ich mit Kaffee machen fertig war, zeigte mir das Kind das Bild und hatte den großen Mond ausgemalt, fast ohne übermalen! Ohne Scheiß, vor vier Wochen noch fragte mich Herr Rabe, ob es eigentlich normal sei, dass das Kind immer noch nur Gekrakel „malt“, alle Farben bunt durcheinander und grooooße Bewegungen über das ganze Blatt (und darüber hinaus). Aber jetzt kann das Kind mit einem mal sowohl einfache Formen malen als auch Dinge ausmalen*. Ist das Auge-Hand-Koordination? Irgendwie so was, es hat nämlich auch heute mit mir Ball gespielt und kann plötzlich den Ball fangen! Vor zwei Wochen noch klappte das in ca. einem von zehn Malen, heute eher so zwei Drittel. Ganz ehrlich: wenn ich plötzlich so viele grundlegende Dinge lernen würde, wäre ich emotional wohl auch etwas aus der Balance.


Was ganz anderes: Work in Progress.


Die Ohren sehen mehr aus wie kleine Hörnchen, aber ich bin trotzdem sehr stolz auf mich. Beim Nähen bin ich nämlich (positiv ausgedrückt) Autodidakt, vielleicht nicht komplett unbegabt aber ein Kurs würde sicher nicht schaden. Hatte ich bisher aber keine Zeit zu.

*Falls Sie sich fragen: das große in der Mitte ist ein Boot mit Auspuff und Fenster. Da sag ich jetzt mal nichts zu.

Tag 92

Ich bin ziemlich matschig grade, erstens saugt das Baby mich weiterhin aus (bei Herr Pauls Baby ist es ungewöhnlich, wenn es zwei mal pro Nacht Hunger hat und ich bin vom Neid zerfressen, seit ich das gelesen hab!) und zweitens hab ich heute 4 Kapitel im Statistikkursbuch durchgeackert und Übungsaufgaben gemacht. Dann hab ich noch meine kaum vorhandene Restenergie beim Versuch, Anzündholz für den Ofen mit zwei Kindern im Schlepptau zu kaufen verplempert. Jetzt fühlt sich mein Kopf an, als hätte jemand einen Pürierstab reingehalten. Dafür weiß ich jetzt, wie man mit Excel p-values berechnet. Und t-Verteilungen und Chi-Quadrat-Verteilungen und F-Verteilungen und was weiß ich noch alles.


Der Po wird besser und ich schäme mich ein bisschen, dass ich gestern so über das nackt lassen gelästert hab. Unser Stromanbieter hingegen macht wahrscheinlich grade nur mit unserer Wohnung seinen Jahresumsatz.


Morgen ist Elterngespräch im Kindergarten und das ist immer sehr aufregend für mich. Irgendwie hab ich nämlich immer ein bisschen Angst, dass unser nahezu perfektes Kind im Kindergarten ganz andere Seiten zeigt, von denen wir nix wissen und für die wir uns dann schämen müssten. Außerdem redet das Kind inzwischen ziemlich viel und vor allem norwegisch und ich bin ja gegenüber dem Kind sehr offen mit allem, habe aber trotzdem Angst vor der Mama Leaks -Zeit, in der sich diese Offenheit sicher rächen wird.

Tag 88 – Pupsgesicht

Wie ich einmal versuchte, Holz zu kaufen.

Heute war ich ja für die Abholung des Feuerholzes am Gefängnis verabredet. Die Abholung war nur zwischen 08:30 Uhr und 14:30 Uhr möglich, da Herr Rabe von 07:30 Uhr bis 15:30 Uhr arbeitet, musste ich das also machen. Ist ja auch gar kein Problem. Eigentlich.
Erstmal musste ich den Kindersitz des Kindes aus dem Auto ausbauen. (Daran ist Herr Rabe beim letzten Mal gescheitert. Zugegebener Maßen musste ich aber auch vor dem ersten Einbau ein YouTube-Video ansehen, weil ich die Bedienungsanleitung für den Kindersitz nicht fand. Als erstes wurde im Video erklärt, wo die Bedienungsanleitung ist.) Der Einbau und auch Ausbau ist total einfach – wenn man weiß wies geht. Und der Kindersitz wiegt ungefähr eine Tonne. Das heißt das schlimmste am Kindersitz ausbauen war dann das Schleppen in den Hausflur. Dann legte ich den breiteren Teil der Rückbank um, fuhr mit dem Baby und dem vorbereiteten Auto zum Muttisport, sportete herum und fuhr direkt danach zum Gefängnis. Schrieb eine SMS, dass ich jetzt da sei und bekam etwas später eine Antwort: Fahr rein.
Huuuuhhhh, aufregend, ins Gefängnis fahren. Ist ja Blödsinn eigentlich, aber genauso wie Polizisten aller Art flößen mir Gefängnisse einen Heidenrespekt ein. Und auch Gefängnisangestellte. So wie der M., mein Holzkaufkontakt. Er erklärte mir kurz, wo ich hinfahren soll, einmal ums Gebäude rum und dann da hinten ist das Holz. Da fuhr ich hin. Er ging das Stückchen zu Fuß. Ich stieg aus, er rief ich solle noch näher an die Stapel ranfahren. Der Abstand Auto – Holz betrug zu diesem Zeitpunkt ca. fünf Meter, ich hätte mir durchaus zugetraut, das Holz diese fünf Meter zu tragen, aber nun gut, der macht das ja häufiger und will wahrscheinlich seinen eigenen Rücken schonen, dachte ich mir. Bestellt hatte ich zehn Säcke á 60 L. Der M. warf einen Blick in das Auto, auf das (schlafende) Baby, in das Auto. Fragte mich, wo ich denn das Baby lassen wolle. „Das Arme!“. Ich sagte, wir könnten ja sehen, wie viel wir reinbekommen ins Auto, im Zweifel müsse das Baby halt mal auf den Beifahrersitz für die zehn Minuten Autofahrt, in Norwegen, durch Wohngebiete. Ob ich denn den Airbag ausstellen könne. Ich (zu ehrlich für mein eigenes Wohl) verneinte. „Oh.“, meinte M., „Das Arme! Wir werden mal sehen, packen sie das Baby mal auf die andere Seite, klappen sie das mal hoch und diese Seite hier runter. Aber viel kriegen wir da nicht rein, das seh ich so schon.“ Ich so: sagte nix. Baute das (schlafende) Baby aus, klappte die breite Seite wieder hoch und die schmale runter, baute das (schlafende) Baby auf der breiten Seite der Rückbank wieder ein. M. warf noch ein paar weitere Blicke auf das (schlafende!!!) Baby und sagte jedes Mal „Das Arme!“. Dabei packte er mir drei Säcke ins Auto. Als ich mit der Babyumpflanzerei fertig war, „Das Arme!“, schnappte ich mir auch eine Sack und stopfte ihn hinter den Beifahrersitz in den Fußraum. „Kommt das Baby jetzt doch nach vorne? Dann kann ich Sie nämlich nicht fahren lassen! Das ist ja sehr gefährlich! Das verantworte ich nicht!“ Ich so: „Nein. Aber hier passt ja locker noch was hin, auch wenn da das Baby ist.“
Was ich hätte sagen sollen wäre sicher eher was in die Richtung gewesen, dass das ja wohl nicht sein Problem ist, dass ich zu schätzen weiß, dass ihm seine Mitmenschen nicht egal sind, mir das aber im Vorfeld bereits reiflich überlegt hätte und das Risiko als extrem gering einschätze, dass uns ein Unfall, der für das Baby auf dem Beifahrersitz fatal wäre, passieren könnte. Aber ich sagte nichts. Ich sagte auch nicht, dass ich nicht verstände, weshalb das Baby auf dem breiten Bankteil fahren soll, wenns doch auch locker auf den schmalen passt und dann mehr Platz ist. Ich sagte auch nicht, dass sowohl hinter dem Fahrersitz, als auch auf dem Beifahrersitz (da muss man so nen Sack natürlich anschnallen und der Sitz wäre hinterher dreckig, aber möglich ist es!) noch Platz für jeweils einen Sack war. Der M. packte mir also noch zwei Säcke drauf und meinte dann: „So, mehr geht jetzt aber wirklich nicht mehr rein. Ich will Ihnen das Auto auch nicht so voll machen, mit dem Baby, dem Armen! Wissen Sie was, ich fahre den Rest auf den Parkplatz draußen. Sie haben ja sicher einen Mann, dann schicken Sie den nochmal her für den Rest. Ohne Baby.“
Spätestens an dieser Stelle hätte ich dem M. mal ein paar Takte zu seiner sexistischen Kackscheiße, die er da grade von sich gab, sagen sollen. Und ihm mal sagen sollen, dass mich das sehr stört, dass er die ganze Zeit „Das Arme!“ zu meinem friedlich schlafenden Baby sagt. Dass ich mich bevormundet und herabgesetzt fühlte durch sein Verhalten.
Leider war ich inzwischen so aufgebracht, dass ich höchstens ein wütendes „Du bist ein blödes Pupsgesicht!!!“ mitsamt Wuttränen herausgebracht hätte. (Da muss ich noch an mir arbeiten.) Also sagte ich: ok. Und fuhr mit meinem halbleeren Auto nach Hause. Ich war so wütend, dass ich einen riiieeesigen Umweg fuhr, aber als ich zu Hause war, hatte ich mich halbwegs abgeregt. Immerhin. Und das Baby schlief noch immer.

2015-11-06 12.17.08

Mehr darf ich als Frau nicht in meinem Auto transportieren. Wegen dem Baby. Dem Armen.

Ich schaffte es sogar noch, die sechs Säcke Holz aus dem Auto in den Hausflur zu bringen, bevor das Baby aufwachte. Eineinhalb Stunden, einmal Stillen, zweimal wickeln und einmal Tran ins Baby füllen später brachen wir dann wieder auf, den Rest vom Holz holen. Über seine Anordnung, meinen sicher vorhandenen Mann zu schicken, habe ich mich elegant hinweggesetzt. Die restlichen Säcke waren dann auch fix im (wieder halb leeren) Auto verstaut und zu Hause wieder ausgeladen.
Immerhin hat sich der M. bei den Säcken verzählt und jetzt haben wir elf Säcke zum Preis von zehn plus ein paar meiner Nerven.

Und was war das Schlimmste an der Geschichte? In einem der Säcke saß ne fette Spinne. Und jetzt werde ich die nächsten Wochen immer wenn ich mit meinem Auto fahre (in dem ja Spinnenverseuchtes Feuerholz war) Phantomkrabbeln im Nacken spüren.

Danke, M. Du Pupsgesicht.