Tag 443 – Michel goes Mikrobiologe. 

Damals(TM), kurz bevor wir nach Norwegen zogen, bekam Michel die MMRV-Impfung (also Masern, Mumps, Röteln, Varizellen), weil das in Deutschland eben dran war. Als wir dann nach Norwegen kamen, machte ich etwas Druck beim Gesundheitszentrum, damit er die zweite Dosis „schon“ mit zwei Jahren bekam und nicht erst, wie im norwegischen Impfplan vorgesehen, mit sechs. Aber die hatten nur MMR, das V ist ja hier nicht vorgesehen

Dann vergaß ich das V. 

Jetzt gehen Windpocken im Nahbereich des Kindergartens rum. Ich fing ein bisschen an zu schwitzen. 

Montag rief ich also bei der Impfstelle an (ja genau, die sonst Malariaprophylaxe machen und ab 1.11. für zwei Jahre gratis HPV für alle! (Nein. Nur für Frauen*. Und ich bin zu alt.)) und bat um schnelle Booster-Impfung von Michel. Sie sagten „Wir melden uns.“ (echt wahr!). 

Gestern meldeten sie sich. Sie hätten eine Dosis da, aber nur einen Termin diese Woche, nämlich morgen (also heute) um elf. Einfach um es erledigt zu wissen, sagte ich ja. 

Dann großes Überlegen: wie machen wir das rein logistisch? Die Impfstelle ist in der Stadt, in relativer Nähe zu meiner Arbeit. Der Kindergarten ist gute 15 Fahrradminuten von meiner Arbeit und auch der Impfstelle entfernt. Wir sollten etwas früher kommen und danach auch noch zwanzig Minuten da bleiben, falls es Nebenwirkungen gibt. Vorher in den Kindergarten bringen, dann wieder abholen und wieder hinbringen? Käse. Vorher zu Hause abhängen und nachher in den Kindergarten bringen? Käse. Ok, vorher nehme ich ihn kurz mit zur Arbeit, stelle ihn mit Mausclips ruhig, nachher bringe ich ihn in den Kindergarten. Gebongt. 

Dann saß ich heute schon an der Cleanbench, Michel guckte in sein Dinosaurierbuch (nachdem er sich rrrooooaaaarr-end vor dem Büro meines Chefs auf den Boden geworfen hatte und erklärt hatte, er sei ein Triceratops), als mein Handy klingelte. Herr Rabe klärte mich auf, der Kindergarten mache heute einen Ausflug zur Estenstadsmarka (hier wirklich wirklich riesigen Wald vorstellen), nur die Kleinen wären um die Mittagszeit im Kindergarten und für Michel hätten sie dann keine Kapazität. Ich könne Michel ja zum Ausflug hinbringen? Was wir denn jetzt machen sollen. Ich würgte ihn ziemlich unwirsch ab, weil ich ja da in Handschuhen und Kittel und mit jeden Moment gelangweilt zu werden drohendem Kleinkind saß, außerdem wollte ich das mit Michel besprechen. Ich schlug Michel alle Optionen vor, er wählte: nach dem Termin mit Mama wieder zur Arbeit gehen. Ich strich kurzerhand 2/3 des Tagespensums, verdünnte was zu verdünnen war in einem Affenzahn und dann war es auch schon Zeit, aufzubrechen. 

Die Impfstelle ist ein denkbar unromantischer Ort. Grauer PVC auf dem Boden, gelbstichiges Beige an Strukturtapete an der Wand, schwarze Kunstledersofas, Spielecke mit zerfledderten Büchern und angenagten Bauklötzen. Ich füllte den Anmeldebogen aus und dann durften wir auch schon rein. Die Helsesøster war sehr sehr nett und Michel berichtete auch entspannt aus seinem Kindergartenalltag, bis ihm durch meine Versuche, ihm den Pulli auszuziehen, bewusst wurde, was ihm drohte. Ich, total empathische Mutti, die ich bin, erklärte ihm, dass ich gut verstehen könne, dass er keine Spritze haben möchte, wer möchte schon gern Spritzen bekommen, dass aber eine Spritze viel besser sei als vielleicht dolle Fieber und Jucken von oben bis unten zu kriegen. Die erste Kosten-Nutzen-Rechnung in Michels Leben. Er leistete dann auch nur noch geringen Widerstand, durfte am Desifektionsläppchen riechen („Æsj!“) und auf meinem Schoß sitzen bleiben und die Spritze wurde relativ fix durchgezogen. Natürlich tat es ganz schlimm weh und verständlicherweise war er da auch erstmal sauer, dass ich das zugelassen habe und wollte nicht, dass ich puste. Dann bekam er ein fettes Pflaster und ein Diplom.

Impf-Diplom mit gaaaar nicht gruseligen Tieren drauf.

Weil wir dann ja eh noch 20 Minuten in der Praxis bleiben mussten und direkt eine Tür weiter ein Kiosk ist, holten wir ein Eis und einen Kaffee. Und dann las ich ein komplettes zerfleddertes Buch vor (Aristocats), ersetzte das hässlichePflaster durch ein Bärchenpflaster aus meinem Portemonnaie, erkundigte mich nach den Preisen für die HPV-Impfung (ca. 1200 NOK pro Dosis, drei Dosen) und bezahlte für Michels Impfung (780 NOK). Danach waren die 20 Minuten endlich um und wir fuhren zu meiner Arbeit. 

Dann: Spaß. Dem Kind machte ich „Es war einmal… das Leben“ an, arbeitete ein bisschen, danach hatte ich eine Stunde Zeit. Erst guckten wir meine Zellkulturen im Mikroskop an. Die Begeisterung bei Michel war mäßig. Er wollte Bakterien sehen. Ich holte eine Platte mit Bakterienkuturen. Das Kind war mäßig begeistert. Ich sagte, komm, wir machen ein Experiment. Im Baktierienraum holte ich drei Agarplatten, dann durfte Michel seinen Finger auf eine drücken. Dann Hände waschen** und nochmal auf eine neue Platte drücken. 


Zu guter Letzt prökelte ich noch mit einem Zahnstocher an seinen Zähnen rum und strich das aus. Er will so gerne mal die Pupsbakterien sehen. Wir räumten die Platten in den Brutschrank und morgen werde ich dann den Gruselbewuchs fotografieren und Michel zeigen. 

Als wir aus dem Labor kamen und Michel schon sehr aufgeregt war, aber noch eine halbe Stunde zu vertrödeln blieb, kippte eine Kollegin gerade Trockeneis in die Aufbewahrungstruhe. Trockeneis. Kalter Traum aller Kinderbespaßer. Ich holte also einen Messbecher und schaufelte ein bisschen Trockeneis hinein. Michel trug den Becher dann sehr wichtig zu meinem Laborplatz und wir warteten erstmal ein bisschen ab, wie kalt der Plastikbecher so wird und „Ooohhh, guck mal Mama, da ist Schnee draußen dran!“. Dann holte ich Michel einen Hocker, stellte den Messbecher ins Waschbecken und ließ etwas Wasser auf das Eis laufen. 

Michel stand ein bisschen der Mund offen.


Als wir fertig waren, den Nebel zu bestaunen und darin herumzuschaufeln, warf ich noch etwas Spüli in den Messbecher. Selbst mein Kollege fand es toll und zerpiekste einige Blubberblasen. 

Die Blasen sind mit weißem Rauch gefüllt.


Nach dem Spaß war es Zeit, nochmal kurz zu arbeiten (ich werde wieder ein paar Tage „Es ist schön, das Leben, es ist schön, so wunderschön, das Leben!“ als Ohrwurm haben), dann machten wir auf Wunsch des Kindes nochmal Quatsch mit Trockeneis und dann fuhren wir Pippi abholen. Michel schlief dabei im Hänger ein, das sah sehr niedlich aus. Am liebsten hätte ich mich dazu gelegt, das war ein sehr unproduktiver und anstrengender Tag. 


*als würden Frauen das einfach so aus der Luft bekommen. Orrrr. (Und übrigens: Penis- und Analkrebs. Aber was weiß ich schon.)

**ein Schelm, wer dabei denkt, ich würde es auf den Schockeffekt absehen ;)

Tag 442 – The Austernpilzexperiment. 

Vor einigen Wochen las ich im Internet irgendwo, dass man Austernpilze auf Kaffeeprütt züchten kann und war direkt Feuer und Flamme. Man muss nur Sporen oder besser Mycel bestellen, mit dem Kaffee mischen, warten, ernten. Oder so. Ich erzählte Herrn Rabe davon, der war auch sofort begeistert und seitdem haben wir den Kaffeeprütt vom morgendlichen Espressokochen nicht mehr weggeworfen, sondern getrocknet (immer wenn der Ofen eh lief beim Abkühlen ne Portion mit reingetan) und aufgehoben. Im Kühlschrank, weil ich Keim-paranoid bin. 

350 g trockenes, gebrauchtes Kaffeepulver im Joghurteimer.


Nachdem wir aus Deutschland wieder da waren, bestellte ich Pilzmycel aus Oslo. Die Menschen da nennen es Sporen. So sehen keine Pilzsporen aus, aber es sei ihnen verziehen, es sind Kaffeeprüttmenschen, die aus Prütt alles Mögliche machen, von Seife über Tasden bis zu eben Pilzen ist alles dabei. Gestern erreichte mich also ein Paket mit 500 g durchwachsenem Substrat. 

Was leider nicht dabei war, war eine Anleitung. Verständlich, denn die Kaffeeprüttmenschen bieten auch ein Pilzzuchtcoaching über Skype an, zum Spottpreis von 225 NOK (ca. 20 €) Ja, echt. Das war mir zu blöd, also googelte ich herum und beschloss dann, mit dem gesammelten Wissen mein eigenes Ding zu machen. Ha. Man hat ja nicht umsonst Biotechnologie studiert und da gelernt, wie man Bakterien, Pilze und Co. am besten züchtet. 

Also, erstmal wichtig: sauber arbeiten. Finger schrubben, trotzdem nix mit den Fingern anfassen, nicht in die Kultur Niesen, am besten auch nicht in die Richtung der offenen Kultur sprechen oder allzu heftig Atmen. Funktioniert super mit neugierigen Vierjährigen daneben. Nicht. 

Zuerst muss man alles entkeimen, man möchte nämlich keinen fremden Schimmelpilz in der Pilzkultur haben. Also erstmal den Wasserkocher füllen und orgeln lassen. Ich habe beschlossen, zwei Versuche parallel zu machen: einen Eimer-Ansatz und einen Tüten-Ansatz. Der Eimer bekommt Löcher in den Deckel, in die Tüte schneide ich ein Loch. Dann schneide ich Teefilter auf und bedecke damit die Luftlöcher. Das klebe ich mit Tesa fest. Jetzt habe ich einen Luftfilter. 

Wurde später noch durch eine größere Tüte ersetzt.



In den Eimer fülle ich jetzt kochendes Wasser und lege den Deckel lose oben drauf. Ich weiß, dass der Eimer und der Deckel das aushalten, weil ich das natürlich vorher ausprobiert hab. 

Weil Kaffeeprütt alleine möglicherweise zu kompakt wäre, zerfutzele ich einen Eierkarton in kleine Stücke. Das ist sehr befriedigend. Die Futzel schmeiße ich mit in den Heißwassereimer. Dann überbrühe ich pro Ansatz 350 g trockenen Prütt mit kochendem Wasser und seihe das Ganze durch ein Sieb, in das ich noch ein Zewa gelegt hab, ab. 


Das Wasser aus dem Eimer schütte ich weg und vermansche die Hälfte der Pappfutzel mit dem Kaffeeprütt mitsamt Zewa. Dazu löffle ich den Kaffeeprütt in den Eimer. Es ist wichtig, dass der Prütt noch heiß, aber nicht mehr allzu nass ist. 

Knapp über 700 g feuchter Prütt mit Papierfutzeln. Hmmm lecka.


Ich mache den Deckel drauf und warte ein bisschen, bis der Prütt etwas abgekühlt ist, dann kommt ein halber Teelöffel Natron dazu, als pH-Puffer (deshalb erst Abkühlen lassen: sonst schäumts nur und puffert nicht).

Mit der Tüte verfahre ich ähnlich: der heiße Prütt wird direkt in die Tüte gelöffelt. 

Dann mache ich alles zu und warte ca. Tausend Jahre bis das ganze auf Raumtemperatur abgekühlt ist, ich will ja nicht mein Mycel umbringen, weil ich es in zu warmes Substrat setze. 

Als alles abgekühlt ist, versuche ich 150 g Mycel in den Eimer abzuwiegen. Weil das Mycel aber ungefähr nix wiegt, wird das viel zu viel und lässt sich vor allem nicht mehr im Eimer umrühren. 

Riecht ein bisschen markant, aber E. Coli ist viel schlimmer, glauben Sie mir!


Ich spüle also schnell noch eine große Schüssel mit kochendem Wasser durch und vermansche darin meine 1400 g feuchten Prütts mit 300 g Mycel. Dann stopfe ich die Hälfte davon in meinen Einer, die andere in eine flugs gefertigte 3L-Tüte mit Filter. 

Passt gerade so. 850 g Substrat und Mycel zusammen.


Das beides kommt dann in der Küche in einen Schrank, denn es muss jetzt bei Raumtemperatur und möglichst im Dunkeln („Sommer“) das Mycel den Prütt durchwachsen. Das wird so 4 Wochen dauern, sagt das Internet. Diesen Beitrag dürfen Sie also ruhig als Beginn eines sehr langen Spannungsbogens auffassen.


Der Rest des Mycels kommt in ein Glas mit nicht ganz geschlossenem Deckel in den Kühlschrank. 

Tag 441 – Die bekloppten Deutschen wieder. 

Vor sechs Monaten oder so schnitt ich bei der Helsesøster mal das Thema Impfen an. Konkret wollte ich wissen, ob es möglich ist, Pippi auch gegen Windpocken impfen zu lassen, obwohl das nicht Teil des norwegischen Impfplans ist. Unsere Helsesøster – Maria  – sagte, dass sei sehr vernünftig von mir, Windpocken brauche ja auch echt kein Mensch, und mit mehreren Kindern sei man ja auch gerne mal nen kompletten Monat mit kranken Kindern zu Hause, das sei ja auch wirtschaftlich und gesellschaftlich absurd, dass die Impfung noch nicht Teil des Programms ist. Aber es werde wohl überlegt, sie aufzunehmen, so wie es ja in Deutschland auch der Fall ist. Ich fragte nach, wie das denn dann zu bewerkstelligen sei, sie sagte, ich müsse mir (bzw. Pippi) beim Hausarzt den Impfstoff verschreiben lassen, dann müsse ich den in der Apotheke holen (und selbst bezahlen) und dann einfach damit zur Helsestasjon kommen, die machen dann die Impfung selbst. Sie wisse aber auch nicht genau wann die gegeben werden soll, das müsste aber der Hausarzt wissen. 

Vor acht Wochen oder so war ich dann mit Pippi wegen irgendwas mit Fieber bei der Hausärztin – Eli. 

Ich: „… und dann wollte ich noch um ein Rezept für den Impfstoff gegen Windpocken bitten.“

Eli: „Hmmhmm. Darf ich fragen, warum? Ich hab da noch keinen komplizierten Verlauf gesehen.“

Ich: „Ich finde das ist eine unnötige Qual, wenns schlimm kommt juckts von oben bis unten, dazu Fieber und ne höhere Wahrscheinlichkeit, später im Leben mal Gürtelrose* zu bekommen, find ich muss nicht sein.“

Eli: „Naja gut, wenn Sie meinen. Sind Sie denn sicher, dass sie das noch nicht hatte? Das geht ja in Kindergärten oft rum, dann haben wir hier die Praxis voll.“

Ich: „Nee, bisher hatten wir das noch nicht im Kindergarten.“

Eli: „Hmm. Wie heißt denn der Impfstoff?“

Ich: „Ähh, keine Ahnung. In Deutschland ist das ein Kombiimpfstoff mit MMR.“

Eli: „Ah, dann wird das mit MMR zusammen verabreicht?“

Ich: „?!?“

Eli: „Ich suche das mal raus und dann ist das Rezept online abrufbar.“

Dann passierten Dinge (Portugal, Geburtstag, Deutschland…), jedenfalls vergaß ich den Impfstoff rechtzeitig vorzubestellen. Am Freitag fiel mir ein, dass wir ja Montag (also heute) den MMR-Impftermin bei der Helsestasjon haben. Ich rief also bei der Hausarztpraxis an:

Ich: „Ja hallo, ich wollte mal fragen, ob das Rezept für den Windpocken-Impfstoff verfügbar ist?“

Sprechstundenhilfe: „Wieso denn Rezept? Gehen Sie nicht zur Helsestasjon?“

Ich: „Doch, klar, aber das ist ja gegen Windpocken, den Impfstoff muss ich selbst besorgen.“

SH: „Ahhh, Windpocken. Ja, das geht auch grad wieder um. Hmm ich schau mal… Ja, Varivax, das ist hier. Können Sie in der Apotheke holen.“

Bestimmt kann man das nicht mal eben in der Apotheke holen, so Impfstoffe haben ja meist ein recht kurzes shelf life und da ich ja scheinbar recht exotisch mit meinem Wunsch nach Impfung bin, wäre die Apotheke ja schön blöd, wenn die sich das auf gut Glück aufs Lager legen würden. Also rufe ich Apotheken an. Und behalte Recht. Lieferdauer ca. eine Woche. Tja, machste nix, dann muss sie halt zwei Spritzen an zwei Tagen bekommen, denke ich. Ich Google kurz und finde beim Paul-Ehrlich-Institut die Info: entweder zusammen mit MMR oder mindestens vier Wochen Abstand. Ok, dann wird eben MMR ne Woche verschoben, ist ja jetzt auch schon wurscht, denke ich. 

Heute bei der Helsestasjon:

„Hallo, ich bin Dings, die Vertretung von Maria.“

[…]

Dings: „Ist sie denn gesund heute? Kein Fieber? Weil heute eine Impfung dran ist.“

Ich: „Ja, da wollte ich fragen, ob wir das auf Ende dieser oder Anfang nächster Woche verschieben können, ich hab nämlich Windpocken-Impfstoff bestellt und der ist noch nicht da.“

Dings: „Windpocken? Aber das machen wir nicht.“

Ich: „Ich weiß, deshalb habe ich das ja auch extra bestellt.“

Dings: „Haben Sie das vom Hausarzt? Dann muss der das machen. Wir machen nur die Impfungen, die Teil des Programms sind.“

Ich: „Hmm, also die Maria hat mir das bei einem unserer Termine anders erklärt, sie sagte, ich solle den Impfstoff einfach besorgen und herbringen und Sie machen das dann.“

Dings: „Nein, das macht höchstens die Impfstelle**. Wir machen das nicht.“

Ich: *ratloses Gesicht*

Dings: „Ich frage mal die anderen. Wenn die Maria gesagt hat, dass das so geht…“ *verschwindet für fünf Minuten*

Dings: „So, ich habe jetzt mit den anderen gesprochen, wir machen da mal eine Ausnahme. Wenn Maria ihr OK gegeben hat, ist das so. Ist Pippi denn eine Risikogruppe?“

Ich: „Nein, ich möchte einfach, dass sie geimpft wird. In Deutschland ist es Teil des Programms, ich möchte dem folgen.“

Dings: „Und Sie sind sicher, dass sie das noch nicht hatte? Das geht ja hier in der Gegend grade wieder um, haben grade alle hier.“

Ich: „Nee, bisher in unserem Kindergarten nicht.“

Dings: „Hmm. Und der Arzt hat sein Ok gegeben? Und bestätigt, dass das mit MMR gegeben werden soll? Wir machen das ja nicht, wir wissen da nicht Bescheid.“

Ich: „Hmmmjaja…“

Dings: „Gut, dann machen wir hier mal einen Termin, am Montag? 12:15?“

Ich: „Mitten am Tag ist ehrlich gesagt denkbar schlecht.“

Dings: „Hmmmmmm, mal sehen… 08:20?“

Ich: „Ja, das geht viel besser.“

Dings: „Gut, dann bis Montag.“

Im Kindergarten, Pippis Bezugserzieherin:

„Haben die zwei eigentlich Windpocken gehabt? Weil, der Große Bruder von A. hat das gerade.

Begonnen es hat. Jetzt hoffen bis Montag. 

*Das heißt auf Norwegisch „helvetesild“ = Höllenfeuer und ich habe gehört, das trifft es ganz gut. 

**Die machen Impfungen gegen Gelbfieber und so. 

Tag 440 – Die Geschichte mit dem Nagellack. 

Ich und Nagellack. Never ending story. 

Meine Mutter machte sich zu Tanzturnieren immer Nagellack drauf. Ich fand, das sah toll aus, auch, weil sie die schon vorher ordentlich lang wachsen ließ. Es waren eben die 90er, dazu Tanzturniere (eine eh etwas eigene Welt), da wurde wochenlang auf Länge gezüchtet. Ich wollte das auch, aber es klappte nie, weil meine Nägel einfach zu brüchig waren. Ich nehme mal an, wegen Pubertät und Hormontralala, aber damals machte mich das echt fertig und ich tat alles, um meine Nägel in Form zu kriegen. Ich schluckte Biotin und Calcium, kaufte mir eine Glasfeile, schmiss alle Nagelscheren in die Ecke und pinselte ständig Klarlack auf die Nägel, damit da bloß nichts splitterte. Und es splitterte doch immer. Beziehungsweise es blätterte. Meine Fingernägel schilferten vorne quasi einfach ab und das auch schon bevor sie überhaupt eine nennenswerte Länge erreichten. Damals spielte ich ja auch noch Geige, da war eh nix mit wirklich langen Fingernägeln. Nun ja, was ich auch tat, meine Fingernägel blätterten vor sich hin, also gab ich es irgendwann auf und fand mich damit ab, nie schön lackierte Fingernägel zu haben, vor allem nicht länger als ein paar Stunden. 

Fast forward 8 Jahre. Ich stehe im rossmann und suche Make-up für meine eigene standesamtliche Hochzeit aus. *kreiiiisch* Schlagartig ver-x-facht sich mein Schminkearsenal, ich besitze nun richtiges Make-up, meinen ersten Concealer (damals noch gegen Pickel), Lidschatten in anderen Farben als Schwarz und Weiß, Rouge und Puder. Kopfschmerzen bereitet mir Lippenstift und Nagellack. Mein Kleid hat eine große aufgestickte Rose, vielleicht was in richtig knalligem Rot? Sieht das nicht zu puffig aus? Egal. Ich kaufe mir so einen superultragehtniewiederabkussechten Lippen-Lack und einen dazu passenden roten Nagellack 60second Quick-dry von Manhattan. Für 2,95€ oder so. Einen Tag vor der Hochzeit lackiere ich nachmittags meine über Wochen (!) in einen akzeptablen Zustand gebrachten Fingernägel, in zwei Schichten, das Ergebnis ist echt schön und ich bin sehr zufrieden mit mir. Den Rest des Tages fasse ich nichts an. Am Morgen erwache ich mit leichten Spuren auf den Nägeln, das Fell meines Teddybärs hat sich abgedrückt. Ich habe allerdings schlimmere Sorgen, denn es stellt sich heraus, dass es quasi unmöglich ist, sich mit vor Aufregung zitternden Händen selbst zu schminken. Irgendwie schaffe ich es aber doch, wir heiraten tatsächlich, das Lippenzeug hält, ebenso der Nagellack, nix splittert, und die Farbe passt sowohl zu dem Rot der Rose als auch dem Rot meiner Schuhe. Es ist ganz wunderbar. 

Ich mache das mit dem Nagellack noch ein paar Mal. Das Nagelbruchproblem habe ich längst nicht mehr so stark, also geht das. Nicht oft, weil erst arbeite ich immer viel und dann habe ich auch noch einen Bulli, an dem ich herumschraube, -flexe, -schleife und -schweiße, dann habe ich Kinder und irgendwie nie Zeit für einen halben Tag Nix-anfassen können. Trotzdem ist irgendwann dieser mein einziger Nagellack leer. Ich kaufe mir einen neuen, diesmal von Essie, weil ich mir mal was gönnen will, also warum nicht einen Nagellack für verrückte 139 Kronen. Und weil ich zwischendurch diesen Artikel von dasnuf gelesen habe, kaufe ich noch einen Unterlack. Haha! 

Denkste. Immer immer immer wieder habe ich dieses Problem: 

12 Stunden zwischen Nägel lackieren und Bett und trotzdem ist am Morgen alles vermackelt.


Das war vor einer Woche, am Abend vorher (für die Hochzeit nämlich lackiert) war noch alles schick gewesen. Aber im Gegensatz zu vor sieben Jahren habe ich jetzt Twitter, da frage ich herum, was ich wohl falsch mache, dass das immer passiert. Ich bekomme folgende Antworten: 

  • Dünner lackieren (viiieeeel dünner!)
  • Mehrere Schichten**
  • Jede Schicht gut trocknen lassen
  • Schnelltrockentropfen nehmen
  • Guten Überlack nehmen

Es wird noch angemerkt, das man das im Laufe einer Mausfolge schaffen kann. Ich glaube von letzterem kein Wort, aber ich renne in Berlin am Bahnhof noch zum Douglas und kaufe das hier:


Und dann lege ich los. Dienstag Abend: Nagellack runter, alles wirklich gut waschen, mit Spüli, damit das Fett von den Nägeln ist. Dann Unterlack und die erste Farbschicht von meinem mittlerweile vierten (!) und auch in Deutschland frisch gekauften Nagellack. Ich lackiere so dünn wie es geht. Das Ergebnis ist total ömmelig. Echt. Frustriert gehe ich ins Bett und erwarte schon die Macken am Morgen. Aber da sind keine. Eigentlich nur um einen angepissten „Hier, Ihr Schlaumeier, so sieht das aus, wenn ich mehrere Schichten ganz dünn lackiere!“-Tweet schreiben zu können, lackiere ich noch eine zweite Schicht drauf und trockne sie mit den Schnelltrockentropfen, die ich besitze seit ich sie das erste Mal sah, weil ich mir davon versprach, wenigstens ein paar Stunden nach dem Lackieren wieder Sachen anfassen zu können. Das Ergebnis ist ganz ordentlich, wie ich finde. Etwa eine Stunde später traue ich mich, den Überlack draufzumachen. Er trocknet blitzschnell und ist danach glashart. Es ist ein Wunder (naja, fast). 

Tadaaaa!


Ich kann sogar noch am gleichen Tag die übergemalten Stellen wegknibbeln, ohne dass es Macken gibt. Hurra! Und das Beste, an das ich fast nicht geglaubt habe: keine Spuren am nächsten Morgen! Es funktioniert! Heureka!

Gehalten hat es bis heute, da kann ich plötzlich Teile des Nagellacks einfach von meinen Fingernägeln abziehen, das ist etwas schön gruselig (für Freunde der Fitzelei). Ich fasse also zusammen:

  • Unterlack (all-in-one base, Essie)
  • Zwei dünne Schichten Nagellack (watermelon, Essie)
  • Quick-e-drops (Essie)
  • Überlack (good-to-go, Essie)

Zwischendurch immer alles schön trocknen lassen. Vermutlich geht das alles auch mit Zeug von anderen Marken, die hab ich aber nicht im Schrank. 

Das mache ich jetzt öfter, muss ja noch am Fernziel Mausfolge arbeiten. 

*das sind so 12 €. Und ja, ich weiß, dass der in Deutschland nur 8 kostet. Norwegen halt. Ist bestimmt irgendeine tolle Extra-Steuer drauf. 

**ich hab eh schon seit immer zwei Schichten gemacht. Nur dünn waren sie wohl eher nicht. 

Tag 439 – Vier. 

Hier jetzt der kombinierte Nachtrag aus Geburtstag und Kindergeburtstag. In chronologischer Ordnung. 

An seinem Geburtstag weckte ich Michel gegen sieben. Wie immer murchte er zunächst im Bett rum und wollte nicht recht aufstehen, als ich aber sagte „wer nicht aufsteht, kann auch nicht Geburtstag feiern…“ war er sofort hellwach und hüpfte quasi aus dem Bett. Er spazierte zum Esstisch, machte ein paar Mal „Oh!“ und „Hääää?“ in seiner quatschigen Michel-Art, freute sich über die Kuchen und die Geschenke und die Krone und überhaupt alles. Davon gibt’s leider keine hier zeigbaren Fotos, das müssen Sie sich jetzt eben so vorstellen, wie er da in seinem geringelten Schlafi mit der riesigen Krone auf dem Kopf und leuchtenden Augen vor seinem Kuchen und Geburtstagskranz und Geschenken sitzt. Wir machten kurz ab, dass er sich drei Geschenke aus dem Haufen aussuchen durfte, den Rest sollte er sich für nach den Kindergarten aufheben. Überraschenderweise sagte er „Okeeehh.“ und noch überraschender danach „Mama? Darf ich ein Stück Wurmkuchen?“. Was für ein überaus höfliches Kind ich doch manchmal habe. 

Wurmkuchen, vom Verein „Pro Fettsucht“ empfohlen dank einer Tonne Zuckerguss.


Natürlich durfte er Kuchen zum Frühstück und natürlich durfte das auch Pippi – die konnte ihr Glück kaum fassen. Bunter Kuchen zum Frühstück. Der Hammer. Dann wurden Geschenke ausgepackt, bestaunt (vor allem die Fahrradlampe und der Hund) und dann: „Jetzt müssen viele Kinder kommen!“ Tja, mein Kind, es ist Dienstag morgen halb acht, Du gehst gleich in den Kindergarten, ganz sicher kommen nicht viele Kinder gleich hierher. Kurze Krise.

Dann Kindergarten, da durfte er gleich die große Fahne mit draußen aufhängen, die anzeigt, dass jemand Geburtstag hat, da war alles wieder schön. Während der Arbeit machten Herr Rabe und ich mit H.s Mutter (H. ist Michels bester Freund) ab, dass wir H. nach dem Kindergarten mit nach Hause nehmen würden. Diesmal holten wir die Kinder zusammen ab, die waren grade alle auf dem Bolzplatz, und Michel und H. blubberten direkt und synchron auf uns ein: „H. søp mææ?““bli mee hjem““feire Burtstag!““spis kaaaake???“. Ich beantwortete soweit ich die Fragen verstand und so nahmen wir drei glückliche Kinder mit, eins davon mit der im Kindergarten gebastelten Geburtstagskrone auf. Auf der auch immer der Name steht. Auf dem Weg liegt eine Kneipe, vor der ein Barthipster herumhing, Michels neuester Tick ist, dass er alle immer nach ihrem Namen fragt. 

„Du? Hva heter du eenklich?“

„Jeg? Jeg heter Sigurd.“

„Jeg heter Michel. Og det er H. Og Babyen heter Pippi.“

H. wirft ein: „Jeg skal bli med hjem!“

„Jeg heter Michel Rabe eeenklich.“

„Hmmhmm. Gratulerer med dagen, forresten.“

„Jeg er sånn nå! *zeigt vier Finger* En, to, tre, fiiideeee! Kom, H., spise kake!“

(Das Ganze auf Deutsch:

„Du? Wie heißt du eigentlich?“

„Ich? Ich heiße Sigurd.“

„Ich heiße Michel. Und das ist H. Und das Baby heißt Pippi.“

„Ich soll mit nach Hause kommen!“

„Ich heiße Michel Rabe eigentlich.“

„Hmmhmm. Herzlichen Glückwunsch übrigens.“

„Ich bin jetzt so! Eins, zwei, drei, vier! Komm, H., Kuchen essen!“

)

Nach diesem für alle amüsanten Rückweg gab es zu Hause Kuchen, noch mehr Geschenke, und dann Spielen für die Jungs, wir machten Bratnudeln mit Ei, dann essen, mehr spielen, hin und wieder  noch ein bisschen Kuchen essen und dann war um viertel vor sieben Michels Akku alle. Er brach mit H. einen Streit vom Zaun und heulte sich dann auf meinem Schoß ordentlich aus. Ich war als Kind genau so. Kein Geburtstag ohne Heulerei. Stressbewältigung. Jedenfalls kam H.s Mutter direkt als ich den schluchzenden Michel im Arm hielt und dachte (natürlich) ihr Sohn hätte irgendwas verbrochen, wir klärten aber sofort auf, H. ging nochmal aufs Klo und dann waren wir alleine und komplimentierten den nun Vierjährigen ins Bett. Er schlief sofort ein und kurz drauf taten wir es ihm nach, total im Eimer, aber glücklich. 

Heute war dann endlich der Tag, an dem viele Kinder kamen. Zwar nicht zu uns, aber trotzdem. H.s Mutter hatte vorgeschlagen, zusammen auf einem Schulbauernhof zu feiern. H. wird nämlich nächste Woche fünf. Norweger haben kein Problem damit, vorzufeiern. Ich finde das zwar komisch, aber für uns wars gut und die zwei hätten eh die gleichen Kinder eingeladen. Ich wollte eigentlich um elf los, aber dann schliefen wir alle bis halb neun und manche von uns bis halb zehn und alle waren irgendwie langsam, dann eskalierte Michel wegen H.s Geschenk („Ich will auuuch so Dinosaurier!!!“) also saßen wir erst um zwanzig nach elf mit Minikuchen, Pizzaschnecken und Co. im Auto. Eigentlich sollten wir ja um halb zwölf da sein, es wurde dann eher zwanzig vor und ab da war alles so stressig, dass ich kein einziges Foto gemacht habe. 

Mini-Guglhupfe Haufenweise. Als würden 30 Kinder kommen.


Wir bliesen Luftballons auf, Herr Rabe packte Goddies in bags, M. packte Essen aus. Nach ca. drei Minuten und schon vom Luftballon zuknoten tauben Fingern kamen die ersten Gäste. Ich hielt Pippi davon ab, die Minikuchen alle einzeln anzulecken und Michel davon, sämtliche Geschenke sofort auszupacken, blies dabei weiter tapfer Ballons auf, machte Konversation mit den abliefernden Eltern und wollte schon direkt nach Hause. Dazu ein eiskalter, ziemlich starker Wind. Zum Glück ging das Programm mit Ponyreiten fix los. Das Pony war zwar einigen Kindern zu groß (Michel auch), aber die die nicht reiten wollten spielten friedlich mit den Traktoren und Erdhaufen und sauten sich ordentlich ein. Ich warf derweil (immernoch Pippi von den Kuchen fernhaltend) Pizzaschnecken und Würstchen und Maiskolben auf den Grill, Herr Rabe machte Fotos und M. betreute das Ponyreiten. Nach einer knappen halben Stunde reiten gab es dann Pizza und Pølse am Lagerfeuer auf Rentierfellen, das war schon ziemlich cool. 

M. nahm nach dem Essen dankenswerter Weise die Kinder die mussten mit auf eine Tour zum Klo und dann wurden wir zu den Tieren gebracht. Erst die Schweine: es wurde viel erklärt, dass Schweine sehr reinlich sind und gar nicht dreckig, dabei beobachteten wir sehr chillige Schweine im Stroh. Wie riesengroß Hausschweine werden, wenn man sie nicht schlachtet, wusste ich ehrlich gesagt nicht, dabei hab ich nie an lila Kühe geglaubt oder so. Aber die Muttersau wog sicher an die 250 kg und ging mir im Stehen locker bis zur Taille. Dazu ein riesiger Schädel mit tellergroßen Ohren. Imposante Erscheinung und so einer Sau möchte ich lieber nicht im Dunkeln begegnen. Oder sonst wie ohne Gatter dazwischen. Huffz. Aber die Kinder fanden es toll. Danach waren die Ziegen, Schafe und Kühe dran, die darf man sogar streicheln, ist halt ein Schulbauernhof und die Tiere sind tiefenentspannt. Manche von den Kindern hatten da schon mehr Berührungsangst. Aber auch da: kein Stress, kein Geheul, kein Streit, alles gut. 

Um spontanem Nährstoffmangel entgegenzuwirken, aßen wir danach Kuchen und tranken Kaffee und Brause dazu. Dann durften die zwei Geburtstagskinder eeeeendlich ihre Geschenke auspacken. Michel bekam auch Dinosaurier, was ein Glück! Pippi futterte derweil ziemlich ungestört zwei Minikuchen und mehrere Hände voll „Potetgull“, Kartoffelgold, also Chips. Ich glaube, sie war heute das glücklichste Kind von allen. 

Abgeschlossen wurde die Feier mit ins-Heu-springen. Das war insofern praktisch, als dass da endlich mal alle Kinder mit Begeisterung dabei waren und es gleichzeitig nicht viel Betreuung braucht: so konnten wir schon mal die drölfzig herumfliegenden Pappbecher, Teller und Geschenkpapierfutzel wieder einsammeln. So langsam trudelten auch die Eltern wieder ein, manche aßen noch ein Stück Kuchen, alle bekamen ein kleines Goodiebag mit Überraschungsei (Michel ist total heiß auf Überraschungseier und musste jeden darauf hinweisen: „Du? Vet ka? Det er Überraschungsei!“) und dann waren wir abermals endlich alleine. 

Im Auto sprach ich mit M. über Bier und Schnaps. 

Zu Hause waren wir alle zwar platt und durchgepustet vom Wind und stinkend vom Lagerfeuerrauch, aber sehr zufrieden und glücklich. Doch. Schön wars. (Und nächstes Jahr wieder kleiner!)

Tag 438 – Kinderquatsch. 

Michel auf dem Weg zum Kindergarten:

„Morgen früüüüüühhhh, zum Frühstüüüück, wirst du wieeeder geeeweeeeeckt… Ich kann den Text, Mama! Morgen früüüüüüühhhh…“

Pippi gestern bei der Ankunft unserer Freundin aus Oslo samt Grinsebacken-Baby:

„Babaaaat?“ *zeigt aufs Baby*

„Der Papa von M. ist in Oslo.“

*schüttelt den Kopf* „Babaaaaaat?“ 

„Nein, die M. hat keinen Bart.“

*lacht* „Babaaaaat? Hödeldödeldö, pattibatggrrrl, Babaaaat?“ *zeigt im Raum rum* *steigt vom Sofa* *holt eine Quietscheente* 

„Babaaat.“ *nickt zufrieden*

Michel findet einen Futzel Petersilie auf dem Fußboden:

„Was ist das, Papa?“

„Petersilie.“

*rennt zum Besuch* „Guck mal, Petersine!!!“

Michel auf dem Weg zum Kindergarten*:

„Mama, ich bin ein Löwe. Bist du auch ein Löwe?“

„Na wenn du ein Löwe bist, bin ich wohl auch einer.“

„Neeeiiin. Du bist ein Tiger. Und Papa ist auch ein Tiger.“

„Hmmnaja, aber…“

„Und ich bin ein Löwe. Pippi ist ein Babylöwe.“

Michel:

„Mama, weißt du was? Ich heiße Michel Rabe, Papa heißt Felix Rabe, du heißt R. Rabe und Pippi heißt Baby Rabe.“

Nach dem Essen. Ich schließe nur gaaaanz kurz meine Augen. Pippi:

„Mamaaa? Hödeldö?“

Ich mache die Augen wieder auf. Pippi guckt mich groß an, lacht, kneift die Augen zu, macht sie wieder auf, lacht sich schlapp, kneift die Augen zu, macht sie wieder auf…

Nach dem Essen, Michel isst ein Smoothie-Eis. Pippi: 

„Äh! Äh!“ *reckt sich nach Michels Eis*

„Hmm, Pippi will jetzt auch Eis. Michel, kann Pippi mal von deinem Eis lecken?“

„Ooorrr, ich will nicht, Pippi mein Eis isst heeele tida [die ganze Zeit]! Pippi kann eigenes Eis haben.“

„Nee, Michel, ein ganzes Eis ist zu viel für Pippi.“

„Orrr… Ah! Ich hab eine Idee! Pippi kann ein Milcheis haben!“ *stiefelt los und holt Pippi ein Minimilk*

* ja, der Weg zum Kindergarten dauert meistens etwas. 

Tag 437 – Die Hochzeit. (Die in Bielefeld.)

Heute auf dem Programm: der Grund unserer Reise nach Bielefeld. Die Hochzeit meines Schwagers. Also Herrn Rabes jüngsten älteren Halbgeschwisters, mit seiner Frau, die sind nämlich schon neun Jahre standesamtlich verheiratet, heute folgte der kirchliche Teil und zwar ökumenisch in der Neuapostolischen Kirche. Soviel vorweg (Achtung, Spoiler!): es war das komplette Kontrastprogramm zur Hochzeit letzte Woche.

Erstmal: sich fertig machen und so, das klappt ja ohne Kinder auch irgendwie besser als mit. Letzte Woche war ich 40 Minuten zu früh fertig. Heute verkrümelte Pippi noch 15 Minuten nach der angepeilten Abfahrtszeit Maiswaffeln während ich hektisch Dinge in Rucksäcke stopfte (Lätzchen, Snacks, Windeln, Schlafanzüge, Draußensachen, Mützen, Puschen…), dann vergaß Herr Rabe noch sein Jackett, sodass wir noch mal umdrehen mussten. Am Ende waren wir zwei Minuten vor Beginn der Trauung in der Kirche. Puh. Aber unentspannt.

Minipferd mit Hut und Schleife. Und Nagellack.


Die Kirche. Also ich kann ja eh mit Kirche nichts anfangen, dann wurde auch noch versucht, mich mitsamt der potentiellen Krawallstifterin Pippi in den Mutter-Kind-Raum abzuschieben (eine Art schallisolierte Kammer mit Glasscheibe zum Kirchenraum, mit Lautsprechern, damit man die Predigt hören kann, die Gemeinde aber die furchtbar nervigen Kindergeräusche nicht), kurz: meine linke Augenbraue war schon wieder kurz vorm Haaransatz, als es losging. Wir trällerten dann fröhlich (manche) bis resigniert (ich) ein Lied in dem es viel um Vergebung und den Herrn und Gnade und so ging, währenddessen glotzte mir Pippi dauernd auf den Mund, das muss sehr komisch ausgesehen haben. Oder geklungen, obwohl ich nicht schlecht singe, piepsig vielleicht, aber ich treffe die Töne oder lasse es mit dem Singen ganz sein. Naja, danach hatte Pippi keine Lust mehr auf Stillsitzen, wir probierten es daraufhin doch kurz mit der Isolationshaft Mutter-Kind-Abteilung, aber da wollte Pippi auch nicht bleiben also wanderten wir durch die Kirche. Irgendwann war Ringtausch (die Ringe wurden von einem der Shetlandponys der Braut hereingetragen, das war schon sehr niedlich), Kuss, fertig, Anstehen zum Gratulieren. Gratulation, danach: eeeewiges Herumstehen. Es waren aber noch einige etwas zu spät zur Trauung gekommen, die begrüßten wir noch, zum Beispile Herr Rabes Cousinen plus Babys. Dabei ein Moment der Irritation, daran kann ich mich immer noch nicht gewöhnen:

Cousine S.: „Ich bin ja Fan.“
Ich: „???“
Cousine S.: „Ich les jeden Tag deinen Blog. Das ist wie so ne Sucht.“
Ich: „Oh! …“

Cousine S. hat übrigens das niedlichste Baby der Welt. Man vergisst ja so schnell, wie klein so kleine Babys anfangs sind.

Beim Herumstehen gab es außerdem noch einen kleinen Eklat: Herr Rabes Onkel hatte Michel vollmundig bei der Begrüßung ein Geschenk versprochen und hatte es dann aber zu Hause vergessen, das nahm Michel nicht ganz so positiv auf. Da hockte ich also 10 Minuten mit heulendem Kleinkind auf dem Boden, bis er sich ausgeheult hatte und es weiterging zur Party. Natürlich musste Michel dann doch nochmal aufs Klo („Nein, Michel, wir gehen ganz bestimmt nicht hier aufs Baumklo, das ist eine Kirche, hier gehen wir rein!“ – „Ooorrrr, das ist gar keine Kirche, die hat gar keinen Turm!“) und hatte dann plötzlich so riesigen Hunger, dass der Hungertod nah schien, also verfütterten wir während der zwanzigminütugen Fahrt fast eine ganze Tüte Knabberigel an die meuternde Brut auf dem Rücksitz.

Dann: die Feier. Im Kreuzkruuuch in Großdoaanbeaach, wie man in Bielefeld sagt. Das ist alles ziemlich, ähh, urig da. Urig as in Holzvertäfelung. Und urig as in „Wie, es gibt Leute, die kein Fleisch essen???“. Aber was will man machen, Herr Rabes Familie feiert da seit Anbeginn der Zeiten alle Familienfeste. Familien-Reunions, runde Geburtstage und jetzt eben auch Hochzeiten. Holzvertäfelung hin oder her. Aber irgendwie passt es zu Herrn Rabes Familie, da tragen ja auch Menschen gerne mal Bärchen- oder Snoopy-Krawatten zu solchen Anlässen, und irgendwie schaffen Herr Rabe und ich es grundsätzlich overdressed (und over-make-upped, ich zumindest) zu sein, wenn seine Familie feiert. Bei meiner Familie passiert mir das fast nie, da brezeln sich die meisten sehr gerne auf. So sagte ich auch zu Herrn Rabe, der im Vorfeld wegen des an der Schulter nicht ganz perfekten Sitzes seines schmal geschnittenen Dreiteilers besorgt war: Das ist deine Familie, das sieht keiner. Meiner Oma oder meinem Cousin würde das auffallen, bei deinen Leuten… Naja. Wir haben trotzdem noch eine neue Krawatte für ihn gekauft, weil halt (und wenn ich weiß, das sich da was farblich beißt, kanns so dunkel gar nicht sein, und der Alkohol gar nicht so viel dass ich das vergesse). Apropos Alkohol: Herr Rabe und ich beschlossen, dass wir nach dem Glas zum Anstoßen aushandeln würden, wer uns alle nach Hause fährt. Nach dem Glas lieblichen (!!!) Sektes, eigentlich schon nach dem ersten Schluck, verzichtete ich dann dankend auf weitere solche Experimente und hielt mich für den Rest des Abends an Kaffee, Wasser und Cola fest. Und an meinen Kindern. 

Überhaupt die Kinder. Erstaunliches Durchhaltevermögen. Zwischen Ankunft im Kreuzkruuuch und Essen spielten sie schon recht fröhlich, es waren ja auch noch andere Kinder da, es gab also genug Partner für „Tanzen“ (=Rennen) und sonstigen Quatsch. Dabei blieben sie aber immer niedlich und unauffällig, quasi Vorzeigekinder, allesamt. Zum Essen (urig…) schaufelten dann zumindest meine Kinder einen Haufen aus der Rinderbrühe gefischte Nudeln und ein paar Pommes in sich rein, turnten dann wieder kurz und aßen dann jeder einen kompletten Nachtisch. 

Wir Erwachsenen schnackten über dies und das, das war alles sehr nett, doch, auch wenn man natürlich keine Zeit dafür hatte, mit allen zu sprechen. Dann aber wurde nach dem Essen das Tanzen eingeleitet, da war es dann schon aufgrund der Lautstärke vorbei mit dem Unterhalten. Und leider driftete der DJ nach den ersten drei Liedern „Pop Aktuell“, die ich mit Pippi auf dem Arm tanzte (mit Pippi, die sich jauchzend, giggelnd und hüpfend an meinem Kleid festhält, macht Tanzen fast so viel Spaß, wie ohne) ziemlich schnell erst Richtung 80er-Jahre-Pop und dann zu Schlager ab. Ich hasse Schlager. Echt. Herr Rabes Cousinen machten sich auch vom Acker, verständlicherweise, wegen langer Heimfahrten, ebenso der lustige Onkel, es blieben nur der nicht ganz so lustige aber dafür sehr verrückte Onkel und der Patenonkel mit der Bärchenkrawatte. Aus Verlegenheit schaukelte ich erstmal die inzwischen (es war neun) total fertige Pippi in den Schlaf. Dann legte ich sie in den Kinderwagen, wo sie, zerschossen wie sie nach einem 13-Stunden-Tag mit nur 10 Minuten Mittagsschlaf war, trotz der Lautstärke erstmal weiterschlief. Ich trank mit Herrn Rabe einen Kaffee und wir stellten fest, dass es unser 9. Jahrestag war, zumindest der offizielle, nachträglich festgelegte (ja, das war alles etwas chaotisch damals, als wir „einfach nur total gute Freunde“ waren), dann war Herr Rabe plötzlich weg und ich würde von einer meiner Schwägerinnen über die Demenz meiner Schwiegermutter (es geht rasant bergab, ziemlich schlimm mit anzusehen) vollgeschwafelt, und wie sie mit Demenzkranken mal gearbeitet hat und die eine, die war erst vierzig, die vergaß wie man isst und ist dann verhungert… Da war ich dann kurz fast froh, dass sich Michel mit den anderen Kindern und wegen totaler Erschöpfung über irgendwas in die Haare gekriegt hatte und ich ihn trösten musste. Ich schleppte also den 17 kg schweren Michel auf dem Arm herum, der wurde dann auch immer schwerer und schlief nach ca. 2 Minuten sang- und klanglos ein. Mein Glück, denn so bekam ich den von Herrn Rabe und seinen Schwestern aufgeführten Sketch (!!!) nur am Rande mit und entging überdies der direkt danach durchgeführten Polonaise (!!!). Passend zum Syrtaki (!!!) wurde Pippi wach, also holte ich sie mit auf meinen Arm. Da saß ich also, begraben unter Kindern und war damit nicht allzu unzufrieden. 

Pippi schaut entgeistert dem Syrtaki zu.


Danach mussten wir leider, leider gehen. So schade. (Tatsächlich wurden wir noch belabert, zu so ner kitschigen Knicklicht-Ballon-steigen-lassen-Aktion zu bleiben. Nur ganz kurz. Es war sehr kalt, die Kinder meckerten im Halbschlaf, alles dauerte ewig und was Anzünden wäre vielleicht wenigstens insofern sinnvoll gewesen, als dass es warm gewesen wäre…)

Alles in allem: skurril wie es nur meine Schwiegerfamile schafft, aber irgendwie schön auch. 

Tag 434 – Huch. Bielefeld Tag 5

Oh so spät schon. In fünfeinhalb Stunden klingelt der Wecker. 

Nix neues in Pippis Mund. Sie ist und isst fröhlich, möglicherweise ist Backenzahn 2 oben auch bald durch, gesabbert und im Mund gefummelt wird weiterhin, sowas wie Bläschen sieht man manchmal an der Zunge. Wir haben jetzt alles gegen Mundsoor UND Hand-Fuß-Mund und warten erstmal ab, ob wir’s brauchen.

Michel ist im Stress. Zwei eingepullerte Hosen in zwei Tagen, nach Eeeeewigkeiten ohne Unfälle. Zu Hause erstmal Extremkuscheln und Nixtun für ihn. 

Heute (und gestern, und vorgestern, und Freitag…) so viele schöne Gespräche mit so vielen Leuten, die wir viel zu selten sehen, dass man mich vielleicht morgen früh strampelnd zum Taxi tragen müssen wird. 

Bielefelder-Westen. Siggi. Hachz. In Bielefeld könnte ich wohl nie mehr woanders wohnen. Überhaupt, Bielefeld, ich mag dich. Du passt schon.