Tag 760 – Kuschlige Kinder. So schön. 

Spoiler: nicht. Jedenfalls nicht immer. Nicht jetzt gerade. Nicht, wenn man nach mal wieder mehreren Nächten auf der äußersten Bettkante beim Ins-Bett-Bringen in Michels Bett mit eingeschlafen ist und da auch nach zwei Stunden nur raus ist, weil es zu warm und viel zu eng war. Und dann – die Zeit reichte genau für eineDusche – steht das Kind da schon wieder und muss aufs Klo. Und will danach natürlich wieder kuscheln. Dann denkt man, es ist eingeschlafen und will sich davon stehlen, aber nein, man kommt nicht mal bis ins eigene Bett, bevor man vom Kind verfolgt wird, das ja „nicht allein sein will“ und „jemanden zum kuscheln“ braucht. Und ich kriege echt zu viel, nicht mal im eigenen Bett in Ruhe einschlafen darf ich, ich schätze nämlich „alleine sein“ in meinem Bett ganz außerordentlich und mit einem mehr als aufdringlichen fast Fünfjährigen wrestlen kuscheln ist jetzt eher nicht erholsam. (Passender weise fängt er genau in diesem Moment auch noch an, mit den Zähnen zu knirschen und ich warte nur darauf, dass ich mich in sein Bett legen kann, das ist ja jetzt frei.)

Tag 752 – Übertrieben. 

Sowohl im Labor und danach beim jährlichen Shrimps-Essen, wobei der Essensteil da schon vorbei war und nur noch getrunken wurde, aber das ganze Ding hätte ich mir lieber sparen sollen, weil sich mit wirklich nur wenig Alkohol bin ich jetzt komplett ausgepumpt und zum Umfallen müde. 

Aber: alle Proben soweit fertig gemacht, jetzt können andere übernehmen. Und etwas besonders schönes ist auch passiert: meine eine Kollegin hat mir Ihre Hilfe angeboten. Nicht nur einfach so dahingesagt, sondern ganz konkret, wenn ich noch irgendwas zu tun hätte, das sie auch machen kann, soll ich es bloß sagen. Ich bin immernoch ganz gerührt davon. Und langsam habe ich auch die Scheu vor dem um-Hilfe-Bitten abgebaut: als der Chef heute mit wieder einer weiteren Knock-Out-Zelle ankam, die ich bitte auftauen sollte*, habe ich zwar noch das Medium selbst warm gestellt, aber dann den vorbeilaufenden Mr. I-trust-You darum gebeten, die Zellen aufzutauen. Das hat der auch gemacht und „kein Problem“ gesagt. Puh. 

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*Ich hätte nein gesagt, hätte er nicht damit ein sozusagen „sicheres“ Manuskript in Aussicht gestellt, in dem ich einfach nur die tausend sechs Knock-Outs, die wir inzwischen haben, miteinander vergleiche. Selbst die Daten zu vier davon haben wir schon. Das ist bisher die beste Idee, die ich hatte und die er jetzt als seine versteht. 

Tag 751 – Achterbahn. 

Morgens Absage auf eine Bewerbung. 

Zur Arbeit durch den strömenden Regen. 

Bis zum Mittagessen anstrengender Versuch, stressstressstress. 

Dann auch noch kaum sichtbare Zellpellets, weil die Zentrifuge falsch eingestellt war. Mühsam Ausraster unterdrückt ob der Aussicht, den Versuch noch mal wiederholen zu müssen. 

Mittagessen alleine, weil jede Frage nach meinem Befinden unweigerlich zu einem Heulkrampf geführt hätte. 

Chef bestellt völlig irre Antikörperkombinationen. Er ist entweder ein Genie oder verrückt. Oder beides. Ich bestelle heimlich die sichere, wenn auch nicht ganz so geniale Variante. 

Email vom Konfokalobermotz: Kurs am Donnerstag. Da geht er hin, mein potentiell freier Tag, den ich so nötig hätte. 

Ich isoliere RNA aus den unsichtbaren Zellen. Es reicht, ich muss den Versuch nicht wiederholen. 

Während ich eigenmächtig Zellen färbe, um den Konfokalkurs schamlos ausnutzen zu können, kommt der Chef ins Labor und grinst über beide Backen: „Ich hab Geld ausgegraben, Du und die Bürokollegin könnt bis Ende des Jahres voll bezahlt werden.“ 

Ich sähe Zellen aus, fahre durch den Sonnenschein nach Hause, habe endlich mal wieder eine gute Zeit mit den Kindern, esse, bringe Michel ins Bett, fahre wieder zur Arbeit, ernte ein paar Zellen, kaufe Schokopudding.

Komme nach Hause. Pippi liegt bei Herrn Rabe auf dem Sofa, sie hat eine Erkältung (nicht so schlimm) und Ohrenschmerzen (Alarm!), Herr Rabe hat seine Kindkrank-Tage aufgebraucht, ich muss (mussmussmuss!!!) morgen diesen Versuch fertig machen, aber hilft ja nix, außer Daumen drücken können wir wohl nix machen. 

Mit der Schwägerin telefoniert, sehr aufmunternd war das. 

Jetzt merke ich erst, wie müde ich bin. Ich könnte hundert Jahre schlafen. 

Und morgen freue ich mich dann bestimmt auch mal über die zwei Monate mehr Zeit. 

Bestimmt. 

Tag 748 – Noch mehr Gejammer. 

Ich weiß. Ich kann’s selbst auch schon nicht mehr hören. Aber wenn zum Besten des Tages gehört, dass man es geschafft hat, niemanden zu verprügeln (heiße Bewerber*Innen: – die Kassiererin im Supermarkt mit ihrem „nee, das ist nicht kaputt, wollen Sie das jetzt oder was?“ und dem Laufband hinter der Kasse, mit dem sie meine gerade gekauften Bananen und Zucchinis und Kiwis zermanscht; – Arschlöcher mit dicken Autos und ohne Umweltbewusstsein), dass man ferner nur zwei- bis dreimal und nur ein bisschen vor Überforderung geheult hat, dass das Abendessen überaus lecker war und man danach gemütlich im Kinderbett mit eingeschlafen ist, dann ist das eine etwas dürftige Bilanz für einen Wochenend-Tag. Stresslevel: 10/10, so geht das nicht weiter. Beschluss ist gefasst, ich muss ihn nur noch umsetzen.  

Good news: Michel liest seine ersten Wörter. Ich bin sehr stolz. Mein Baby! Hachz. 

Tag 747 – Boing. 

Wie so ne Comic-Figur, die grad was richtig doofes und frustrierendes gemacht hat und dann ist so ne schwarze Spirale über dem Kopf. Ungefähr so machte mein Kopf heute, als ich mit dem Core Facility-Mann vorm Mikroskop saß und… nichts sah. Frustrierend wenig jedenfalls. Wenigstens ist dieser Mensch mit Humor gesegnet, sonst hätte ich vielleicht geheult. So zeigte er mir ein lustiges Artefakt, das aussah, wie Pacman und wir lachten gemeinsam drüber, dass wir das sicher direkt in Nature kriegen würden: „Protein Dings forms Pacman-like foci upon treatment with alkylating agents“. Ich mag den Typen. Aber trotzdem… alle (!!!) der 59 Slides, die ich gestern bis spät abends noch gemacht hab, sind, bei Licht betrachtet, für die Tonne. In den einen überlappen zwei Farbstoffe, in den anderen hat eine Färbung nicht geklappt, in manchen beides. Wenn ich nicht wüsste, dass ich dann vermutlich nicht mehr aufhören würde, würde ich heulen. Entsprechend bin ich jetzt nach einem einzigen Feierabendbier (kein Schnaps, erwähnte ich schon mal, dass ich aufgrund meiner Familiengeschichte überaus vorsichtig damit bin, in „schlechten Zeiten“ ernsthaft zu trinken? Ich scherze trotzdem oft damit rum, kann man auch mal drüber nachdenken, warum das so ist, aber nicht jetzt, der Kopf ist ja eh übervoll) so müde, dass mir dauernd die Augen zuklappen. 

Morgen dann neue Färbung ansetzen, bei den heute aufgetauten Zellen (das auch noch, mimimi) das Medium tauschen, übermorgen weiter färben und Zellen für den nochmal zu wiederholenden Höllen-Versuch aussähen (MIMIMI!!!) und dann ist auch schon wieder Montag und ich kann neue Antikörper bestellen. 

Zwei Monate und ein bisschen noch. Gerade erscheint es völlig unmöglich. 

Tag 746 – Abgehakt. 

Alter Verwalter, ich bin echt fertig. Dieses „Zellen färben“ macht ja mal gar keinen Spaß. Null. Heute habe ich wieder stundenlang* die kleinen Glasplätchen herumgedreht, gewaschen**, gemacht, getan, und am Ende habe ich sie auf Objektträger geklebt. Morgen werde ich dann mich mit meinen vermutlich stümperhaft gefärbten Proben furchtbar blamieren hoffentlich zusammen mit den Leuten von der Imaging Core Facility ganz tolle Bilder machen und dann… können wir den Artikel immernoch nicht einreichen, weil ich ein Experiment wiederholen muss. Buhuhuhuhu. Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr, ich möchte schreien, aber das hilft ja auch nix, also mache ich weiter. Vielleicht kriege ich ja wenigstens ein Fleißbienchen in meine Diss gestempelt. Summsummsumm. 

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*sechs. Sechs f***ing Stunden lang habe ich mit der Drecks Minipinzette in der Hand da gesessen. Mir tut alles weh jetzt, aber hey, neue geheime Superkraft entdeckt: ich kann sehen, welche Seite vom Glasplättchen die bewachsene ist. 

**Ein Hoch auf die Erfinderin*** der Vakuumpumpe. Auch wenn auch das auf die Dauer (120 Proben, je sieben mal gewaschen, also Puffer drauf, absaugen, neuen Puffer drauf…) auch stinklangweilig wird. Aber besser als alles wieder rauspipettieren allemal. 

***Frau Professor Vaku Umpumpe. Aus Rumänien. Wissen ja viele nicht. 

Tag 744.2 – Doch noch mehr hingerotzt.

Wissen Sie, dieses PhD-Dings, mit kleinen Kindern, das ist nicht nur ein bisschen anstrengend. Jedes für sich ist anstrengend und die Kombination ist… ach. Ach, ach, ach. Mir gehen die Vergleiche aus. Ich würde schreiend im Kreis laufen, aber nicht mal dafür hab ich Zeit. Ich würde so gerne zu Fuß zur Arbeit gehen, und wenigstens ein bisschen Energie körperlich loszuwerden und den Kopf freizukriegen, aber… das kostet mich ne Stunde jeden Tag, in der Stunde kann ich arbeiten, oder Zeit mit den Kindern verbringen, oder einen Wocheneinkauf erledigen. Ich beneide meine Kolleginnen, die noch keine Kinder haben und auch die, die mit ihrem PhD fertig sind (ok, nicht alle, das Kein-Geld-Problem betrifft nicht nur mich, sondern fast die ganze Arbeitsgruppe). Aber eigentlich hab ich auch für Neid und andere Befindlichkeiten keine Zeit. Oder dafür, die Arbeit von anderen zu korrigieren und auszubügeln und für sie mitzudenken. Ich bin jetzt der Arschloch-PhD-Student, der sein Projekt als das WICHTIGSTE DER GANZEN WELT ansieht, weil, naja, meine kleine Welt hängt grad sehr von diesem Scheiß ab. Den Kollegen, die darüber stöhnen, möchte ich vor den Kopf knallen: wisster, in zweieinhalb Monaten seid ihr mich eh los! Und dann komme ich nach Hause, wieder zu spät, der Mann ist genervt, die Kinder entweder hypnotisiert vor dem Fernseher, oder beim Freund (Michel) oder im Ausrastmodus, ich bin so müde, Herr Rabe kocht, ich bin so müde, alles ist wie Blei, wir essen, die Kinder nörgeln, Michel will Dinge, wir stehen tausendmal beim Essen auf um Dinge zu holen, ich bin so müde, dann ist mindestens ein Kind plötzlich fertig mit Essen, oder ruft vom Klo, oder eskaliert wegen irgendwas. Ich bin erst halbfertig mit Essen. Und ich bin so müde. Das Essen dauert 1/3 länger als notwendig, weil ich pausenlos erkläre, dass ich noch nicht fertig bin mit essen. Kinder ins Bett bringen, es wird acht, scheiße so spät schon, dann kommen die morgen wieder nicht aus den Federn, Pippi turnt, Michel labert, ich bin so müde. Aber ich schlafe nicht mehr bei denen ein, ich hab ja keine Zeit. Wieder hoch, das Essen wegräumen, spülen, eventuell Brotdosen machen. Ich müsste noch *hier random Arbeitsdings einfügen*. Schnecken. Wäsche. Ich müsste noch *hier random Arbeitsdings einfügen*. Bett. Arbeitsdings dann morgen. Hab ja Zeit, so ca. 9 Stunden, wenn’s länger dauert ist der Mann eben noch ein bisschen genervter und die Kinder noch ein bisschen unausgeglichener. 
Noch zweieinhalb Monate, dann bin ich das los. 

Tag 743 – Mal nachdenken. 

Ich schrieb es ja schon mal: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ sitzt tief in mir. Und Vergnügen ist in dem Zusammenhang auch oft genug einfach als Ruhepause zu verstehen, Arbeit aber gleichzeitig mit Perfektionismus garniert, gewürzt und angerichtet. Da kann man jetzt irgendwen zwischen Luther und meiner Mutter für blamen*, aber das bringt ja auch nur minimal weiter. Woran ich halt arbeiten muss, um nicht mit schöner Regelmäßigkeit wieder kaputt (oder fast kaputt) zu gehen, ist, die Überforderung früh genug zu erkennen. Das klappt manchmal recht gut und ich mache mir dann Strategien, wie ich mit der Situation zurechtkomme. Manchmal klappt es gar nicht. Manchmal ignoriere ich die Anzeichen. Aber was sind denn die Anzeichen überhaupt genau? Spontanes Brainstorming mit mir selbst ergab: 

  • Essen. Ich vergesse das, habe auch keinen Appetit auf nix, manchmal dann Heißhunger. Langfristig nehme ich in Stressphasen immer ab. 
  • Schlafen. Ich stehe voll unter Strom bis zehn, elf Uhr, gehe ins Bett, lese bis zwölf, kann trotzdem nicht einschlafen bis… eins? Halb zwei? Zwei? Morgens komme ich dann nicht aus dem Bett und fühle mich direkt wegen der ersten Tätigkeit des Tages (Aufstehen) schon als Versagerin.
  • Wut. Mein Geduldsfaden ist am Ende nicht mehr vorhanden und ich kann auch meine Wut, wenn sie kommt, nur noch sehr schwer kontrollieren. Spätestens wenn ich anfange, wegen Nichtigkeiten gegen Wände zu schlagen, sollten alle, aber auch wirklich alle, Alarmglocken heulen. Aber gereizt und ungeduldig bin ich auch schon weit vorher. 
  • Konzentration. Wenn die flöten geht, ist’s aus. Leider gibt’s da keine Vorzeichen, mein Verstand läuft auf Hochtouren mit Karacho an die Wand.  Jedes Mal. 
  • Aufschieberitis. Dinge, die nicht supersupersuperwichtig sind, bleiben liegen. Seit Wochen ist das Laborbuch eine lose Blattsammlung? Hmm…
  • Self Care (ich hasse das Wort). Sport? Keine Zeit. Frisör? Keine Zeit. Neue Unterhosen besorgen, weil die alten alle ausgeleierte Gummis haben? Ach, nächstes Jahr vielleicht. Der Gedanke „Oh bitte jetzt nicht krank werden, Ich hab dafür keine Zeit!“ klingt selbst in meinen Ohren nach „Wheeeoooooeeeeeooooo!!!“, aber ich denke den oft. Wirklich erschreckend oft. 
  • „Nur noch diese Woche.“ Stimmt leider fast nie, denn dann kommt das nächste. Aber allein der Gedanke lässt ja darauf schließen, dass mir die Überforderung durchaus bewusst ist. 

Tja, ich würde sagen, ich habe gerade so ca. eine 8-9 auf der 10-Punkte-Stressskala. 

Nur noch… zwei Monate**. 

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*es tut mir echt leid, das Denglisch bricht sich seinen Bahn, das bringt das dreisprachige Leben hier so mit sich. Ich denke auch so und mir fallen manche Formulierungen echt erst nach langem Nachdenken auf Deutsch ein. 

**maximal ein Monat Labor, ein Monat am Schreibtisch. Ich bin jetzt in der Phase des PhD angelangt, wo ich noch bevor ich meinen Kram in mein Büro bringe in des Chefs Büro gehe, um irgendwelche bahnbrechenden Neuigkeiten, Versuchsergebnisse oder die vielfältigen Verfehlungen des Konfokalheinis zu besprechen. 

Tag 726 – Verschenkt. 

Tjaja. Natürlich werde ich das irgendwie alles schaffen. Weil ich ja immer alles schaffe. 

No pressure und so. Aber ich schaffe doch immer alles. Hab ich schon immer und deshalb wird es auch immer so sein*. 

Trotzdem fühlt es sich grad scheiße an und raubt so viel Kraft, dass ich mich heute Mittag einfach nicht mehr auf den Beinen halten konnte und erst drei Stunden später vor Hunger wieder wach wurde. „Homeoffice“.

Es war auch früher schon nicht so, als hätte ich immer alles locker geschafft. Geschafft, ja, aber locker war daran wenig. Aber gemeckert habe ich ja auch selten, also muss es wohl locker gewesen sein. Zumindest sah es so aus. 

Vielleicht sollte ich mehr meckern. 

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*meint meine Mutter jedenfalls. Alles Gute zum Geburtstag!