Tag 911 – Karriereberatung: Ich war dabei!

Und es war, wie ich es vorhergesehen hatte: sinnlos und furchtbar.

Aber fangen wir vorne an. Das NAV (das Norwegische Amt für Arbeit und Soziales) hat ja, obwohl ich im Fragebogen zu meiner Arbeitslosigkeit extra den Haken bei „Möchten Sie ein persönliches Gespräch haben?“ auf „Ja“ gesetzt habe, einfach bestimmt, dass ich alleine einen Job finden kann. Zackbumm. Nix Gespräch. Aber, so schlug es die Sachbearbeiterin, zu der ich via fancy online-dialog Kontakt hatte, vor: es gibt eine kommunale Karriereberatung, die sei kostenlos und da könne ich ja mal hingehen.

Nun, ehe mir Untätigkeit vorgeworfen wird, machte ich also einen individuellen Termin mit den Karriereberatern und ging zusätzlich heute zu einem Kurs „CV, Bewerbung, Vorstellungsgespräch“, in der Hoffnung irgendwas abzugreifen, das nicht auf den einschlägigen Websites schon zigfach steht, allerdings in der Erwartung, dass es eben genau das sein würde: eine Wiederholung der „schlauen“ Tipps, über die Personaler*Innen ganz sicher schon nur noch müde gähnen.

Zuerst mal über die Gruppe: Neun Personen mit guter Ausbildung. Eine Juristin, eine BWLerin, eine ITlerin, Ich, eine Bauingenieurin, eine, die 10 Jahre lang irgendwo in der Verwaltung (öffentlich) war, eine mit >30 Jahren Berufserfahrung als Buchhalterin, einer, der 20 Jahre lang ein Hotel in Mossul geleitet hat. Nur eine Person hatte keinen Uniabschluss oder ewig lange Erfahrung und die suchte auch hauptsächlich Zimmermädchen-Jobs. Also 9:1. Auch 9:1: 9 Frauen, 1 Mann. 9 Ausländer*Innen, 1 Norwegerin. Und wir alle saßen da nun, weil wir keinen Job kriegen. Man könnte meinen, das spiegele eventuell die „Problemfälle“ auf dem Norwegischen Arbeitsmarkt wieder: gut ausgebildete oder sehr erfahrene Menschen aus dem Ausland, die übereinstimmend von ähnlichen Schwierigkeiten berichten: Berufsabschlüsse nicht anerkannt, Norwegisch reicht nicht um nen Fuß in die Tür zu kriegen, zu alt, Name ist nicht grad Sissel… Und dann noch ne Frau. Aber das bin nur ich, ich höre da gern das Gras wachsen, es stach mir nur ins Auge. Am Engagement haperte es jedenfalls bei uns allen nicht, sonst würde man seinen frustrierten Hintern ja nicht zu so ner Veranstaltung schleppen. Nunja, es schien die Vortragenden jedenfalls nicht zu bekümmern, oder sie haben beide ein gutes Pokerface.

Aber kommen wir zu den Inhalten: pfffffffft. Haben Sie das gehört? Das war der Inhalt. Ich musste spätestens ab der Hälfte echt auf meine Wangen beißen um nicht laut loszulachen. Insgesamt wollte ich einfach wie Loriot ab und zu „Ach.“ in den Raum werfen. Ach was, dauernd. Ich greife mal ein paar Punkte auf:

  • Think outside the box! – Vielleicht wär ja Busfahrerin was, die suchen immer.
  • Initiativbewerbungen rulen total. Also ehrlich: wenn ein Hotel Rezeptionisten einstellt, werden die Stellen quasi nie ausgeschrieben!
  • Immer zu den Firmen hingehen und das Gesicht zeigen, wenn man das macht und seinen CV dalässt: ein Bild von sich auf den CV (sonst egal, Geschmackssache, solange es nicht ein Foto vom letzten Besäufnis mit den Kumpels ist).
  • Ein Bewerbungslog führen (ähhhh, das hat NAV auf der Homepage, das schien denen allen gar nicht klar zu sein).
  • Wenn der CV eh schon voll ist, kann man auf „Persönliche Eigenschaften“ verzichten. Sonst unbedingt ein paar Plattitüden raushauen Schlüsselworte wie Engagiert, Durchsetzungsstark, Kreativ, whatever da hinschreiben. GUT DASS MEIN CV EH SCHON SO VOLL IST! Obwohl ich kurz darüber nachgedacht habe, in Zukunft in die Kopfzeile (da ist Platz für ein Zitat vorgesehen, das dann, glaube ich, in schicker Schrift und grau dargestellt wird) zu schreiben „I get shit done.“
  • LongJohn1992@hotmail.com oder suessesmausi20@gmail.com sind keine guten E-Mail-Adressen für solche Zwecke.
  • Schule vor der 10. Klasse interessiert keine Sau.
  • Ob du verheiratet bist, wieviele Kinder du hast, ob du katholisch bist, was deine Eltern gearbeitet haben: interessiert keine Sau.
  • Aus leidvoller Erfahrung konnte ich dann noch beitragen: Achtung! Manche Firmen wollen auch gar keine Info zu anderen Dingen wie Alter, Foto, Geschlecht, … Muss man halt drauf achten, wird sonst peinlich.
  • Für jede Stelle ein neues Anschreiben schreiben.
  • Drauf achten, dass nicht in Bewerbung B noch die Anschrift oder der Name von Bewerbung A steht.
  • Buzzword-Bingo mit der Stellenausschreibungen machen: Wenn die jemanden suchen, der engagiert, offen für Neues und mit innovativen Problemlösungsstrategien arbeitet, dann ist man wortwörtlich genau das.
  • ABER UM HIMMELS WILLEN NICHT VERSTELLEN!
  • Und nicht aus dem Internet abschreiben.
  • Sich auf das Interview vorbereiten. Mal auf die Homepage gehen.
  • Sich Fragen ausdenken.
  • Pünktlich sein.
  • Wissen wo man hin muss und wie man da hin kommt.
  • Nur Kopien der Zeugnisse mitbringen, keine Originale.
  • Nicht gleich nach Geld fragen.
  • Nochmal Buzzword-Bingo mit der Ausschreibung spielen.
  • Sauber und ordentlich angezogen sein.
  • „Dress for the job you want.“ (Ich stelle mir dann immer vor, wie ich da im Kittel auflaufe. Gut, dass ich eh nicht mehr ins Labor will, wenn es sich vermeiden lässt. Und man weiß ja nie, an wen man gerät. Wäre ich Personalerin, ich würde mich über jemanden kaputtlachen, der im Kittel kommt und sagt, „they always tell you to dress for the job you want, so I did, but as we’re not sitting in the lab right now, I’ll take this off for the moment“, weil, hey, ganz mein Humor! Aber mit Humor ist das ja so ne Sache. Das kann total schnell nach hinten losgehen.)
  • Händedruck soll fest sein.
  • Augenkontakt!
  • Sei ganz du selbst! Es sei denn, du bist zu schüchtern, oder zu bossy, dann sei Batman nicht ganz so sehr du selbst.

Also insgesamt echt nichts, was man nicht auch auf jeder x-beliebigen Bewerbungs-Tipps-Website findet. Damit die Zeit nicht ganz vergeudet war, ging ich rund um den Termin ein bisschen spazieren, das war auch schön. (Und geschminkt hatte ich mich sehr schön. Ha!)

Aber ein Gutes gibt es ja doch noch zu sagen: Da ich meinen Bewerbungsfrust immer recht ungefiltert ins Internet kübele, kam ich heute in Kontakt mit einer Dame, deren Unternehmen immer gute Leute sucht, die (grob) sowas können wie ich. Und überhaupt kriege ich immer so viel Unterstützung hier. Dafür bin ich wahnsinnig dankbar und das wiegt so sinnfreie Veranstaltungen wie heute tatsächlich mehr als auf.

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Auto-Lobhudelei: Veranstaltung ohne Lachkrämpfe und „Ach.“ zu rufen überstanden, Nachmittag und Abend alleine mit den Kindern gut hinbekommen, alle liegen jetzt satt, sauber und in den Schlaf gekuschelt* in ihren Betten und ich habe nicht rumgebrüllt, das war auch schon mal anders. Außerdem indirekt die Bestätigung bekommen, dass meine Bewerbungen schon so passen wie sie sind, aber das ist ja nicht Auto- sondern Außen-Lobhudelei.

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*dabei noch souverän Michel getröstet, den urplötzlich die große Trauer überkam, weil er am Dienstag eigentlich noch Hunger gehabt hatte, als er ins Bett gegangen ist. Kinder sind manchmal recht merkwürdig.

Tag 910 – Ausgelaugt.

Der Tag war so mittelgut, aber dann telefonierte ich fast anderthalb Stunden mit… jemandem und jetzt muss ich ganz dringend ins Bett und hundert Jahre schlafen. Mindestens.

Weil es nötig ist: ich möchte hier keine Gesundheitstipps geben, aus ganz vielen Gründen. Ich bin total für Vertrauen in Ärzt*Innen. Ich bin total gegen Google als Informationsquelle für „mündige“ (muhahaha, was ein Euphemismus in dem Zusammenhang) Patient*Innen. Ich führte das auch schon mal aus. Und weil ich wirklich, wirklich keine Tipps hier haben möchte, werde ich Kommentare, die solche beinhalten, in Zukunft löschen oder nicht mehr freischalten.

Eine Kommentatorin hat dazu schlaue Dinge gesagt, was man machen kann kurz bevor man bei der Google Suche „linkes Nasenloch juckt Krebs“ auf Enter drückt.

Richtiger wäre der Ansatz (für eventuelle Betroffene): Schämt euch nicht mit Symptomen zum Arzt zu gehen, die euch nur „komisch“ vorkommen. Man darf zum Arzt weil man müde ist. Man darf zum Arzt weil man traurig ist. Man darf zum Arzt, weil man nicht versteht warum der Körper das ein oder andere macht. Viele Leute machen den Fehler, nur dann zum Arzt zu gehen, wenn sie bereits eine mehr oder weniger genaue Vorstellung haben, worunter sie leiden. Aber man darf auch eine Praxis betreten, wenn man sich einfach nur unsicher ist.

Und damit wäre auch alles gesagt.

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Auto-Lobhudelei: ich habe heute mit dem Restaurant gesprochen, bei dem ich das Defense-Dinner haben möchte (das hatte ich… hmmm, prokrastiniert ist das falsche Wort, vermieden zu tun), habe bei der Preisangabe pP keinen Herzinfarkt erlitten, werde trotz des wirklich nicht unsaftigen Preises das Rundum-Sorglos-Paket nehmen und damit meinen Geiz überwinden (nur über die Weinmenge muss ich mir noch Gedanken machen) und dann hab ich ja auch noch dieses Telefonat getätigt.

Tag 909 – Auto-Lobhudelei Deluxe.

Nun, es ist ja so:

Ich bin krank. Es ist nicht meine Schuld, es ist auch nicht der Ärztin schuld, aber im Moment geht es mir körperlich nicht gut. Und das jetzt einfach mal so sein zu lassen, und mich so sein zu lassen, das ist mein fester Entschluss und gleichzeitig meine Challenge. Ich bin da nicht gut drin, meine Schwächen anzunehmen. Ich finde mich in gertenschlank schöner als nicht und kann absolut nicht fassen, wie man innerhalb einer einzigen Woche so zulegen kann. Ich hoffe noch auf Wasser oder Verstopfung oder irgendwas, was auch genauso schnell wieder verschwindet. Aber ich versuche, nicht zu hadern. Ich versuche, nicht damit zu hadern, dass ich extremst müde und antriebslos herumhänge und klopfe mir für die Kleinigkeiten, die ich schaffe, auf die Schultern. (Ein dicker Schulterklopfer fürs Schulterklopfen!) Heute habe ich 50 Minuten Sport gemacht, davon 20 Minuten HIIT und 30 Minuten „alle Muskeln fallen ab“-Pilates. Ich habe ein Brot gebacken und ein Kleid genäht. Ich könnte jetzt auch alles aufzählen, was ich machen wollte, aber dann nicht geschafft hab, weil mir beim Öffnen der CV-Datei schon die Tränen kommen und ich einfach so hundemüde bin, ich niemanden anrufen mag, eigentlich möchte ich mit niemandem reden – aber das bringt ja nix. Die Selbstdisziplin lässt mich eben noch Dinge tun, es ist nicht so viel und manch einer, inklusive mir selbst, mag es lächerlich wenig vorkommen, aber: ich bin krank. Es wird weggehen. Bis dahin ist es eben so und alles was noch geht ist gut. Das muss ich jetzt nur noch selbst glauben, aber vielleicht hilft es ja, das aufzuschreiben.

(Und die optischen 5 Kilo Bauchspeck, die gehen sicher wieder weg. Und auch die Defense-Präsentation werde ich irgendwann machen können, ohne dass die Diss mich so anpiekt, das nichts mehr geht. Es wird irgendwie werden.)

Tag 908 – #WmDedgT im Februar ‘18.

Es ist wieder der 5. des Monats und das heißt, dass Frau Brüllen von uns wissen möchte: Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Nun, ich habe heute extra viel gemacht tatsächlich ein bisschen was getan. Das liegt zum Teil daran, dass Montag ist: Montags haben wir Institutsmeeting und da das mit „die Putzhilfe kommt“ zusammenfällt, nehme ich das als willkommenen Anlass um das Haus zu verlassen. Ich stehe also heute fast zeitnah nach dem Weckerklingeln auf und schlurfe ins Bad. Da ziehe ich meine Sportsachen an und schlurfe ins Wohnzimmer und starte den 6. Tag meines Sportprogramms – heute war „nur“ Yoga dran, eigentlich wäre sogar ganz Pause gewesen, aber ich wollte heute den gestrigen (auch schon optionalen) Tag nachholen. Gesagt, getan, 35 Minuten Yoga vorm ersten Kaffee. Dann Dusche mit Haare nach-blauen. Als ich aus der Dusche komme, kommt Herr Rabe mit Kaffee rein. Eincremen (meine Winterhaut an den Beinen und Armen saugt jegliche Creme auf wie ein Schwamm) und Anziehen. Haare föhnen. Irritiert bin ich kurz beim Hören der Nachrichten – äh, hups, schon acht?!? Ja, schon zehn nach acht sogar. 10 Minuten zum Schminken. Awesome. Sparversion geschminkt. Concealer vergessen, fällt mir aber erst viel zu spät auf und dann denke ich, ach, scheiß drauf, Yoga und der viele Schlaf, den ich, wenn auch nicht ganz freiwillig, grade kriege, werdens schon richten. Mit dem Ergebnis nach exakt 10 Minuten recht zufrieden packe ich meinen Kram in meinen Rucksack, Tuppere mir eine Waffel von gestern als Frühstück ein, mache fix alle Betten, hänge meine Unterwäsche ab und sortiere sie in den Kleiderschrank und laufe dann in den Flur, werfe mich in meine Schuhe und JackeMützeSchalHandschuhe, rufe noch schnell „Tschüss ihr Süßen, viel Spaß im Kindergarten!“ in die Wohnung, nehme den Müll mit und laufe dann die Treppen runter. Werfe den Müll unten in die Tonne und checke die Bus-App: ich habe drei Minuten um zur eine Minute entfernten Bushaltestelle zu kommen. Sollte klappen, denke ich beruhigt, da sehe ich den Bus an der Ampel stehen. Ich renne los und der Busfahrer hält (vermutlich wissend, dass er ZU FRÜH ist) länger an der Haltestelle, sodass ich noch einsteigen kann. Ich japse nicht, weil mein unterfunktionierender Stoffwechsel eh macht, dass ich nur einmal in fünf Minuten atmen muss. Im Bus checke ich das Verzeichnis der in Norwegen zugelassenen Arzneimittel nach einem bestimmten Wirkstoff und finde nichts, was mich sehr ärgert. Vielleicht schreibe ich noch mal drüber. 15 Minuten später steige ich bei der Arbeit wieder aus dem Bus und hole mir einen Kaffee, dabei vergesse ich, dass ich extra meine Thermotasse eingepackt habe.

Bei der Arbeit: Meeting. Ist langweilig. Dann schreibe ich eine Bewerbung an das norwegische Patentamt, mir wachsen spontan Ärmelschoner. Ich trage die neue Bewerbung beim NAV ein (dazu muss ich auch nochmal was schreiben) und probiere dann aus, ob ich wieder drucken kann (ja) und ob das PDF mit dem einen Schnittmuster weiterhin nur weiße Seiten enthält (ja). Zwischendurch trudelt eine Mail ein, von drei italienischen PhD-Studenten aus unserer Gruppe, die ein PhD-Forum organisieren möchten. Das ist ja sehr gut und löblich, ich bekömmlich mich auch nur kurz über die Verwechslung von „purpose“ (Absicht, Zweck) mit „porpoise“ (Tümmler, also diese Delphin-ähnlichen Meeressäuger) und versuche dann pflichtbewusst mich in die Doodle-Liste zur Terminfindung einzutragen. Leider lässt Doodle meinen Browser immer wieder abstürzen und so gebe ich es irgendwann auf und schreibe den Initiatoren, dass sie mich einfach auf der Mailingliste lassen sollen, auch wenn ich nicht im Doodle stehe.

Als meine Kollegin kommt und mich zum Mittagessen abholt, fahre ich direkt meinen Computer runter und nehme meine Sachen mit. Vortrag mache ich heute eh nicht mehr.

Mittagessen mit Kolleg*Innen. Es gibt Bohneneintopf mit Hack und Tomate, manche nennen es Chili, aber Chili ist ja normalerweise scharf. Ich esse eh die Wurzelgemüsesuppe, nachdem ich ein paar mal darauf hingewiesen habe, dass sie mir bitte keinen Bacon auf die (ansonsten vegetarische) Suppe tun, haben sie das inzwischen kapiert und meine Kollegen schauen nur mittelmäßig mitleidig, weil die Kantinenmenschen bei mir ja offenbar den Bacon vergessen haben. Nach dem Essen holen wir noch einen Kaffee, den dann meine zwei deutschen Kolleginnen und ich gemeinsam trinken und derweil über Quotenfrauen (die zwei sind etwas älter als ich und aus der ehemaligen DDR, das ist echt interessant, wie unterschiedlich wir sozialisiert wurden) und den Wissenschaftsbetrieb reden. Als der Kaffee grade leer ist, sehe ich in der App, dass in drei Minuten ein Bus geht und mache mich auf – und erreiche den Bus wieder nur durch rennen. Vielleicht geht die App nach.

Zu Hause ist alles blitzsauber. Ich hole meine Nähmaschine vom Schrank und nähe den Pullover für meinen Bruder fertig. Dabei höre ich die letzte Folge vom Lila Podcast, in der die ehemalige Prostituierte Ilan Stephani über ihr Buch und ihre Erfahrungen in und mit der Prostitution spricht. Ich schwanke zwischen „Jajajaja!“ und „Oh Mann, was für ein Eso-Geseier.“ wie noch nie bei diesem Podcast. Nach dem Hören denke ich: Vermutlich ein richtig gutes Buch mit vielen schlauen Standpunkten und Denkanstößen, wenn man das Eso-Geseier überliest. Perfekt pünktlich bin ich mit dem Pullover fertig, stecke ihn in die Waschmaschine um die Stoffstiftmarkierungen zu entfernen und gehe los zum Kindergarten. Ich nehme den Kinderwagen (und den Plastikmüll) mit, stopfe den Müll auf dem Weg in den entsprechenden Container und bin um kurz nach vier an der KiTa.

Da erwarten mich zwei schlecht gelaunte Kinder. Michel hat keine Lust zu Laufen. Pippi hat Hunger. Ich muss beide in ihre Draußensachen quatschen, während beide weinen und sich wehren. Mein Energielevel fühlt sich an, als hätte jemand einen Strohhalm reingesteckt und würde kräftig dran saugen. Pippi ist immerhin zu besänftigen, indem sie die Reste aus ihrer Brotdose isst, Michel… nicht so. Mit ihm an der Hand und ihn mit Motivationssprüchen antreibend schiebe ich Pippi nach Hause. Müde. Ich bin so müde. Pippi auch, fünf Meter vor der Haustür schläft sie ein. Ich packe alle losen Handschuhe und Brotdosen in die Kinderrucksäcke, hänge mir die über den Arm und schleppe dann Pippi die Treppe hoch. Die schläft wie ein Stein. Ich schaffe es irgendwie, mir die Schuhe aufzufummeln und lege Pippi aufs Sofa. Ziehe ihr die Schuhe aus und mache den Anzug auf: gut, dass die noch in diese Babygröße passt, wo man den Anzug an beiden Seiten bis fast zum Fußgelenk aufmachen kann. Ich ziehe mich aus und verteile den Kinderkram: die nassen Handschuhe und Michels nasse Schuhe und seinen Anzug zum Trocknen ins Bad, die Brotdosen in die Küche, die Wasserflaschen ausleeren, gleich ein paar neue Ersatzsocken für Michel in seinen Rucksack, die nassen Socken in die Wäsche, die Tüte in der die nassen Socken waren in den Müll. Michel macht sich derweil selbst ein Brot. Er möchte noch Pizza, die mache ich ihm warm und dann stelle ich nochmal die Kaffeemaschine an. Bevor ich mir Kaffee machen kann, ist Michel jedoch mit der Pizza fertig und möchte Dinozug sehen. Gut, ich mache Dinozug an und dann mir einen Kaffee. Derweil unterhalte ich Little B. ein wenig mit Disney-gifs. Ich trinke meinen Kaffee und lasse zugunsten dieser Akku-Auffüllung Michel noch eine Folge Dinozug sehen. Nebenher starte ich ein längst überfälliges Backup an meinem Computer. Herr Rabe kommt nach Hause, er weckt Pippi, wir essen auch noch etwas Pizza, ich rufe meinen Schwiegervater an und bitte ihn darum, das bei Burda bestellte Schnittmuster, das die Tage bei ihm eintrudeln sollte, direkt an mich weiterzuschicken. Ich drucke zwei Schnittmuster aus. Dann mache ich Pippi bettfertig, die trotz Schläfchen noch müde und ungehalten ist und dann beginnt eine kleine Odyssee, das müde-doch-nicht-müde Kind ins Bett zu kriegen. Herr Rabe muss irgendwann los zum Sport und jetzt liegt also Michel bei Pippi im Kinderbett und beide schlafen, das ist ja das Wichtigste.

Als ich meine müden Knochen wieder aufraffen kann, falte ich mich aus dem Kinderschlafzimmer, trinke ein riesiges Glas Wasser, nehme meine Schilddrüsenblockerabenddosis, hänge die Wäsche auf, kopiere ein paar größere Daten vom Computer auf die externe Festplatte und starte dann ein Update. Als Tagesabschluss setze ich mich mit drei Lakritzschnecken, zwei Wärmekissen und der im Rucksack vergessenen Frühstückswaffel (immer kalt, niemals hungrig – Drecksschilddrüse) aufs Sofa und verblogge den Tag.

Morgen gehts hoffentlich zur Post.

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Auto-Lobhudelei: recht viel weggeschafft, dabei die Nerven behalten, trotz echt meckeriger Kinder und nicht eingeschlafen.

Tag 907 – Wäähäähää und Squiiieeeeek.

Heute lief der Tag im Prinzip gut, mit ein paar kleinen Holperern, als Pippi mit Filzstift auf den Fußboden malte und Michel das gesamte Bad flutete. Das mit dem Filzstift war extra mies, weil ich vorher noch die Filzstifte weggelegt hatte mit den Worten „Hier auf dem Fußboden wird nicht mit Filzstiften gespielt.“, dann aber aufs Klo ging und Herr Rabe holte irgendwas und in den wirklich höchstens zwei Minuten holte sich Pippi die Box, machte sie auf und bedeckte zwei gut tellergroße Stellen mit Rot. Nun. Es gab einen Anschiss und Herr Rabe schrubbte dann in Windeseile das Rot vom Laminat, erst mit Feuchttüchern und den Rest mit einem Glitzischwamm „für Teflon geeignet“ und Spüli. Ging. Das mit dem gefluteten Bad war einfach nicht aufgepasst von Michel, dadurch aber nicht weniger blöd, kurzzeitig hatten wir dann auch keine trockenen Handtücher (oder Hausschuhe oder Schlafanzüge für Pippi) mehr und Michel grummelte vor sich hin, weil auch er von mir eine Ansage bekam. Aber wer meint, groß genug fürs Wasser selbst steuern zu sein, der muss auch checken, ob die Duschtür richtig zu ist. Hat er jetzt hoffentlich gelernt.

Ich bekam dann auch noch die geballte Wut von gleich zwei Kindern ab, weil ich Ketchup auf der Pizza untersagte. So eine Barbarei fangen wir gar nicht erst an und da beide vorher ne halbe rohe Paprika gegessen hatten, sah ich auch keinen in akuter Skorbut-Gefahr. Dann war ich halt mal kurz die super fiese Mama. Ich konnte es grad noch retten, indem ich auch auf die Kinderpizza Räucherlachs legte. Puh.

Dafür meinte meine Nähmaschine nach dem Abendessen, sie hätte für heute schon genug getan. Ich hatte am frühen Nachmittag einen Pulli für Herrn Rabe fertig genäht und dachte, ich könnte heute Abend noch den für meinen Bruder zusammennähen. Aber beim Ärmel einsetzen fing irgendwas an, zum Gottserbarmen zu Quietschen und zwar in einer Frequenz, die mir Zahnschmerzen bereitet und Fledermäuse gegen die Wand klatschen lässt. Das war schier unerträglich. Da ich dann aber auch beim näheren Drübernachdenken mich nicht mehr dran erinnern konnte, wann ich das letzte Mal die Maschine gründlich* gereinigt hab und vor allem geölt hab, brach ich das Nähen erstmal ab und baute die Maschine nach Anleitung auseinander. Es ist tatsächlich schon ein bisschen länger her, dass ich das gemacht habe. Inzwischen ist es mir wieder eingefallen, es war im Sommer 2015. Hupsi. Kein Wunder, dass da was quietscht. Obwohl es alles noch gut geschmiert aussah, das muss man sagen, es war nur wirklich alles voller feiner Stofffussel. Ich saugte also alles erstmal grob mit dem Staubsauger ab, bürstete den Rest mit dem Tool, das zur Nähmaschine gehört, weg, ölte die zwei Stellen, die nach Anleitung geölt werden sollen, baute alles wieder zusammen, ließ die Maschine ca. 2 Minuten lang ohne Faden laufen (es quietschte jetzt nicht mehr, ich hoffe, es bleibt so) und dann packte ich alles auf den Schrank, weil morgen die Putzhilfe kommt. Mein Bruder wird also noch einen Tag länger auf seinen Pulli warten müssen. Schlimm.

Gebacken wird auch erst am Dienstag, weil ich heute keine Lust hatte Vorteige zu machen und die Kinder sich eh schon auf kalte Pizza in der Brotdose freuen. Ohne Ketchup.

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*Also grob reinige ich die schon sehr viel häufiger. Aber ich baue eben eher selten die Platte ab, fummle das Unterfadengehäuse raus und mache darunter und da drum rum sauber.

Tag 906 – Nüscht.

Die heutige Zahl kann man um 180 Grad drehen und sie ist die gleiche. Spannender waren heute nur die zwei Folgen Stranger Things*, die wir, weil ich ja ein totaler Trendsetter, immer am Puls der Zeit und generell auch Blitzmerkerin bin, jetzt gucken. Also, die erste Staffel. Und ich hab – risikofreudig bin ich nämlich auch – erst abends den Wocheneinkauf erledigt und damit riskiert, nicht mehr alles zu kriegen. Leben am Limit hier.

Jetzt Bett, morgen nähen, übermorgen backen und dann hol‘ ich mir der Königin ihr Kind.

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Auto-Lobhudelei: erfolgreich entspannt und dran gedacht, meine Oma anzurufen und zum Geburtstag zu gratulieren.

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*Hab ich mal erwähnt, dass ich von den fünf Folgen Akte X, die ich in meiner frühen Jugend gesehen habe, zum Teil bis heute in meinen Albträumen verfolgt werde? Stranger Things ist genau meine Serie. Nicht. Also, gute Serie, aber für mich grenzwertig gruselig. Aber jetzt will ich auch wissen, wie es ausgeht und Herr Rabe hat es schon geguckt und muss halt immer Händchen halten und mich bei ganz argen Szenen vorwarnen.

Tag 906 – Stoffkaufeskalation.

Heute war ich beim Meeting unserer engeren Arbeitsgruppe (Proteomics and genome dynamics, falls Sie das immer schon mal wissen wollten) und es passierten die beiden folgenden sehr unangenehmen Dinge:

  1. Mein Chef sagte, welche Opponenten ich haben werde und meine eine Kollegin platzte heraus, wie schrecklich sie die Opponentin findet. Dann ignorierte sie geschickt, dass ich immer röter wurde und immer mehr Übersprungshandlungen die anfänglichen Witzchen ersetzten und zog geschlagene 10 Minuten darüber her, was für eine schreckliche Person und vor allem was für eine grottenschlechte Wissenschaftlerin diese Frau sei. Herrje. Meine Defense wird ein Heidenspaß, eventuell muss vermieden werden, dass sich diese beiden Damen vor dem „Bestanden“ begegnen.
  2. Mein Chef sagte vor versammelter Mannschaft „… Frau Rabe, have you been working on the presentation?“ und ich so… „Well, I have been preparing…“ Was stimmt, denn ich weiß, was ich anziehen werde und mein Make-Up steht.

Sie dürfen darüber gerne lachen. Ich lache auch. Aber es ist bei mir so: Ich prokrastiniere jetzt gerade das Vortrag erstellen mit diesen anderen Dingen, die ja auch sein müssen. Da ich kein Kostüm oder gar einen Hosenanzug kaufen möchte, den ich nie wieder anziehen werde, möchte ich selbst was nähen. Ich schwanke noch ein bisschen zwischen einer Rock-Bluse-Kombi und einem recht schlichten Kleid, werde aber in jedem Fall beides nähen, denn ich werde ja auch voraussichtlich irgendwann mal Vorstellungsgespräche haben, vielleicht über mehrere Runden, da ist es nicht schlecht, mehr als ein Outfit zu haben. Da ich aber ja eher selten elegante Dinge nähe, erforderte die Wahl der Schnitte einiges an Recherche und Herumfragen. Aber jetzt bin ich soweit, dass ich sowohl für die Verteidigung an sich als auch für die Party danach Schnittmuster ausgesucht/vorgeschlagen bekommen habe und heute habe ich die, die nicht auf anderem Wege zu mir kommen, bestellt. Hurra. Für den Abend werde ich das nähen, was zuerst hier ankommt (die Muster gab es nicht als Download), da habe ich aber, ebenfalls heute, den Stoff gekauft, den ich schon lange dafür im Kopf hatte. Für die Defense habe ich den Schnitt für das Kleid schon als Download da und eben habe ich ziemlich viel Geld für einen Merinowollstoff (200 g/m^2, also nicht so Unterwäsche-Qualität) ausgegeben, der hoffentlich so schön ist, wie er auf den Bildern aussah. Für eine Bluse habe ich einen Stoff im Kopf, den ich gern mit einem blauen Rock kombinieren möchte, aber da ist mir noch kein passender Stoff ins Auge gesprungen. Egal, das kommt noch. Grau ginge auch, oder auch rot. Oh, ein roter Rock! Ohhhh! (Sie sehen, ich habe tausend Ideen. Nicht alle sind 100% seriös, aber mei, meine Opponentin ist die schlechteste Wissenschaftlerin der Welt, who cares.)

Und falls Sie irgendwo petrolfarbene oder flaschengrüne Spitze sehen, dann schreien Sie bitte ganz laut, ja?

Hoppla, da fällt mir ein: wo sind denn meine Brautschuhe wohl? Die würden sehr gut zu dem Partykleid passen. Hmm. (Ich hab doch nicht meine Brautschuhe weggeworfen, oder? Nein. Sicher nicht.)

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Auto-Lobhudelei: Aus dem Warenkorb mit dem Merinowollstoff doch ganz viel wieder rausgeräumt. Entscheidungen getroffen. Dem Chef vom gestrigen Meeting berichtet und mich nicht wieder total in Rage geredet. Nahezu souverän den Ausbruch meiner Kollegin überstanden und sie hinterher gefragt „but why didn’t you say anything???“ und das mit ihr geklärt.

Tag 905 – Engagiert euch!

Gestern noch war ich total sicher, dass heute so ein Doktorand*Innen-Seminar unseres Institutes sein würde. Ich suchte etwa 10 Minuten lang nach der entsprechenden mail, fand aber keine und beschloss dann, das wohl mit einem anderen Seminar verwechselt zu haben, das in zwei Wochen ist. Was merkwürdig ist, hatte ich doch schon einen detaillierten Plan geschmiedet, der Institutsleitung all meinen geballten Frust um die Ohren zu hauen.

Nunja, das Ganze klärte sich dann heute Mittag auf, als mein Kalender mir eine Erinnerung schickte, in drei Stunden finge das Seminar an. Es gab keine mail, weil iPhones und iPads diese Nachrichten mit Eintragung in den Kalender irgendwie umdutzeln – dann sind sie aber Kalendereinträge. Wie auch immer, ich machte also schnell mein heutiges Sportprogramm, aß was, duschte und fuhr zur Arbeit. Bei dem Meeting sollte es um das Life-circle Management eines PhD-Studenten gehen, also vorher – mittendrin – nachher. Und ein bisschen metooacademia. Ich hatte mit meiner Panikattacken-geplagten Kollegin schon mal grob besprochen, was wir mitteilen wollen und das uns das Problem mit der Mentalen Gesundheit unter PhD-Studierenden am Herzen liegt, aber auch die Finanzierungsproblematik und Alternativen zur Akademischen Karriere (die quasi nie erwähnt werden. Nie. Und das ist doch in Anbetracht der Tatsache, dass ungefähr alle PhDs und Post-docs, die ich kenne, aus der Uni raus wollen und ein Leben haben, recht vermessen.).

Was dann geschah, sollte uns vom Hocker hauen!

PhDs machen an unserem Institut die größte Gruppe der Angestellten aus. Insgesamt sind wir etwa 120, davon werden 85 auch bezahlt (finde den Fehler). Wir haben einen (!!!) Repräsentanten in der Leitungsgruppe, also quasi der Institutsleitung, der darf bei manchen Entscheidungen in der Nähe vom am Tisch sitzen. Erstmal ging es um Neuaufnahmen. Menschen brachten an, dass es schwierig sei, sich zu Anfang zurechtzufinden, in Norwegen generell, an der Uni ebenfalls, der Medizinischen Fakultät noch mal mehr und an unserem Institut ganz besonders. Ein wiki für frische PhDs wäre doch schon. Worauf der Institutsleiter meinte, das gäbe es doch schon und dann drei aus der Leitungsgruppe geschlagene fünf Minuten brauchten, um die richtigen Schlagwörter für die Suche in unserem Intranet zu erraten. Da konnte ich mir ein „See? That is what we are trying to say.“ nicht verkneifen. Dann ging es noch kurz um die regelmäßigen Evaluierungen und ich erfuhr endlich, weshalb ich eigentlich keine Halbzeit-Evaluierung gehabt habe: Weil das Institut unterbesetzt ist. Tadaa. Ich sagte, das sei zwar nachzuvollziehen, aber für mich eben blöd, eventuell hätte man da ja mal draufgucken und früher erkennen können, dass das ursprüngliche Projekt nicht gut genug voran kommt. Ja, man wird daran arbeiten, dass wieder jede Studierende nach etwa einem Jahr so eine Bestandsaufnahme des Projekts bekommt. Und dann sprachen wir das Thema Druck an. Meine Kollegin fing an. Dann ich. Dann noch drei weitere Studierende. In diesem Raum mit vielleicht 40 Personen fanden 5 sehr deutliche und sehr offene Worte für ihre psychischen Probleme.

„I have Zoloft at home.“ „My anxiety has come back.“ „I have been on sick leave for almost eight weeks until I could get back to work.“ „I am in therapy.“

Und das waren nur die von uns, die das eben offen ansprechen und sich nicht dafür schämen.

Wir sprachen auch die (unserer Meinung nach) Gründe dafür an, dass so viele von uns die selbe Geschichte in unterschiedlichen Farben erzählen. Zu. Viel. Druck. Zu viele Artikel*, in zu kurzer Zeit, keine Unterstützung, niemand nimmt dich ernst (es wurde vom Institutsleiter wieder diese schreckliche Artikel** zitiert, der auch auf dieser „hahahaha, jaja, crazy times und am Ende arbeitet man eben ohne Geld, heult die ganze Zeit und schläft nicht mehr, voll lustig“-Welle reitet), das Geld und die Zeit rinnt dir aus den Fingern, Supervisor finden kein Ende und wollen, dass du noch mehr Experimente machst, noch mehr Artikel schreibst und das bitte alles im letzten halben Jahr, die zweieinhalb davor haste ja auf Kurse verwendet und darauf, die dämlichen Fehler anderer PhDs zu reproduzieren, weil es keine vernünftige Methodendokumentation auch über missglückte Experimente gibt***. Mehr Geld kannste dir abschminken. Es ist ja jetzt sogar das Abschlussstipendium abgeschafft worden, warum eigentlich, lieber Institutsleiter?

„Die Fakultät möchte keine Anreize schaffen, dass Projekte verzögert werden.“ (Dschiezes, und das ist den PhD-Studierenden ihre Schuld oder wie? Aaaarrrrrgh!) Und wieviele Studenten haben das mitentschieden? „Das kam von der Fakultätsleitung direkt, äh, da sind, äh, keine Studenten vertreten.“

Gut. Also nicht gut, es wird sich finanzierungsmäßig für die nachfolgenden Studierenden überhaupt nichts ändern, aber wenigstens sind mal ein paar deutliche Worte gefallen, nämlich „Ihr seid so wichtig, ihr macht die ganze Forschung und publiziert die Artikel!“ – „Ja, und es scheint euch ganz egal zu sein, wie wir das schaffen.“ Da herrschte dann betretenes Schweigen.

Und was ist die Lösung für die Misere mit dem Geld und den drei Artikeln in drei Jahren (Post-docs haben übrigens für einen Artikel zwei Jahre und haben normalerweise auch noch eigene Studenten, die, wenns gut läuft, den Großteil der Laborarbeit erledigen) und des Supervisors, die erwarten, dass man 30 Stunden am Tag an 8 Tagen die Woche bis zum Tag der Abgabe im Labor steht? „Engagiert euch in der Hochschulpolitik.“

Ähhja. Wann genau? Definitiv nicht im letzten Jahr, im ersten auch nicht (die Kurse!). Und dann? Ich erinnerte an die abgeschafften Stipendien, zu denen man auch keine Studierenden befragt hatte, auch keine in Organisationen. Ja, äh, hmm, ja, das stimme natürlich, aber wenn man Einfluss nehmen könnte, dann durch so Gremien.

Meine Kollegin brachte auch nochmal das Thema „Unterstützung bei psychischen Problemen“ auf, ich erzählte die total unlustige Geschichte, wie ich versuchte, über die Uni Hilfe zu bekommen und die einzige Anlaufstelle die ich fand, die „Karriereberatung“ (bei Cecilie <3) war, die dann keine war sondern eine Therapiesession im Schnelldurchlauf, mit Taschentuchverbrauch wie bei ner Fernsehhochzeit. Meine Kollegin beharrte darauf, dass es niederschwellige Angebote geben müsse, vor allem auch vorbeugend, dass man den neuen Studierenden gleich sagt: pass auf, im Winter musst du Vitamin D nehmen, du kannst über den Studenten- oder den Angestelltensport zum Beispiel Yoga machen (oder Kickboxen oder was auch immer dich entspannt) und wenn es dir dreckig geht und du das Gefühl hast, du stehst vor der Wand, diese Person hört dir zu und der kann man auch einfach mal ne mail schreiben. Und mach am Anfang deines PhDs ein Projektmanagement-Seminar und schreib ein Review-Paper. Bei den praktischen, konstruktiven Vorschlägen schrieben die Fakultätsmenschen alle ganz eifrig mit, ich gebe also die Hoffnung noch nicht auf, dass da vielleicht was zum Guten hin geändert wird. Wenn schon weder die drei Artikel-Regel fallen wird (aber der Institutsleiter hat gesagt, er schaut nochmal, ob der Punkt „Teile der Arbeit dürfen nicht schon in anderen Arbeiten verwendet worden sein.“, bei kumulativen Dissertationen so viel Sinn macht) noch die Geldproblematik sich ändern wird.

Dann war es fünf vor drei, der Institutsleiter sagte noch schnell, zu wem wir gehen müssen, falls wir mal das Gefühl haben, irgendwer verhalte sich in irgendeiner Form übergriffig und dass das selbstverständlich dann ernst genommen würde und dann war die Zeit leider um, bevor wir den Punkt „nach dem PhD“ überhaupt angerissen hatten. Beim nächsten Mal dann.

Und dann bekam ich Migräne, aber das ist ein anderes Thema. Oder auch nicht.

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*Für viele von uns das zentrale Problem. Niemand von uns erwartet, die drei Jahre auf einer Arschbacke abzusitzen und mit Management-Posten belohnt zu werden. Aber ein publizierter und zwei Erstautor-Artikel in drei Jahren, auf echten Experimenten**** fußend, das ist der helle Wahnsinn und nur mit tierisch viel Glück und support zusätzlich zur vielen Arbeit zu schaffen.

**den ich hier nicht verlinken kann, warum auch immer, aber wenn Sie norwegisch können und das hier in ihren Browser kopieren, müsste es trotzdem gehen: http://www.universitetsavisa.no/ytring/2017/09/27/Å-fullføre-en-doktorgrad-69177.ece

***Bei mir schon und das ist auch ein Grund, weshalb ich, wenn ich Studenten was erkläre, immer lang und breit ausführe, welche dummen und nicht so dummen Fehler ich schon gemacht hab.

****Kein Affront, aber ich habe gesehen, mit was für Artikeln MDs promovieren und unsere Artikel sind eben ein bisschen anders als „Ich teste Medikament X (Standardtherapie) gegen Medikament A plus Massage an 50 Leuten, mach ne Statistik dazu und fertig“.