Tag 535 – Kjempebra jobba, altså!

Gestern ging mir beim Starren auf Pyrimidinbasen ein Licht auf. Und dann noch eins. Und dann noch eins. Dann war ich so aufgeregt, dass ich vergaß, dass Michel Schwimmkurs hat und bin nur dank halsbrecherischer Fahrt* mit dem blauen Blitz (meinem Fahrrad) nicht total zu spät gekommen sondern nur fünf Minuten. 

Heute musste ich dann aber wirklich, wirklich, WIRKLICH trotz krankem Kind mit selbigem zur Arbeit fahren, um mit meinem Chef zu besprechen, was ich mir ausgedacht habe. Sonst wäre ich vermutlich bis morgen geplatzt. Das war dann so aufregend, dass ich mich schon im Vorfeld mit Kaffee begoss, und auch Pippi (der es schon viel besser geht) wollte nicht so recht schlafen. Aber egal. Mein Chef kennt mich ja schon ne Weile und der kennt auch meine Kinder, so ne Rotznase auf dem Schoß stört ihn nicht so. Ich breitete also all meine (schlecht) selbst gemalten Strukturformeln auf seinem Besuchertisch aus, und die Reaktionsgleichungen, und die ausgedruckten Artikel mit noch mehr Strukturformeln und Reaktionsgleichungen und Methoden. Dann unterbreitete ich ihm souverän mit Kaffeefleck und Rotzi-Pippi meine Theorie. Wir redeten über Elektronendichten und so Zeug und mir brach nicht der Schweiß aus (gut!), er bestätigte meine selbst gemachten Gedanken, googelte ein bisschen und Google bestätigte einen weiteren meiner selbst gemachten Gedanken, dann malten wir ein bisschen gemeinsam einen möglichen Versuch auf, es gab eine kurze Diskussion, welche modifizierten Purinbasen denn nun wohl die Reverse Transkription blockieren würden und ich konnte aus dem Gedächtnis herleiten, welche das wohl sein müssten und es wurde wieder gegoogelt und das bestätigt und dann war ich schon sehr zufrieden mit mir. 

Als Belohnung darf ich jetzt das Experiment genau so machen und als beste Belohnung überhaupt sagte mein Chef: „Das ist ein richtig gutes Experiment. Eine sehr elegante Methode. Wenn das was wird, können wir das direkt veröffentlichen. Kjempebra jobba, altså!“. Das letzte kann man als „Supergute Arbeit!“ verstehen und dürfte somit das höchste Lob sein, dass man von einem Norweger bekommen kann. 

Vielleicht bin ich doch gar nicht so schlecht in Chemie. Und vielleicht bin ich auch nicht die schlechteste Doktorandin der Welt. 

Danach führte ich ein etwas lustiges Gespräch mit meiner ebenfalls deutschen Kollegin über Mäuseorgane. 

Ich: „Habt ihr auch brain?“

Sie: „Hmm, ich weiß nicht ob wir noch total brain haben. Wir machen das ja immer klein. Auf jeden Fall haben wir hypothalamus, frontal lobe und hippocampus.“

Ich: „Ach das passt schon, im Zweifel kann man das ja auch poolen.“

Sie: „Ja, sonst haben wir auch noch ein paar komplette brains im freezer. Die musste dann halt erst disrupten.“

Mein Antrag auf das Reisestipendium wurde bewilligt! Hurra! Damit reise ich jetzt auf Kosten der Norwegischen Vereinigung der Biochemiker nach Kalifornien, statt auf Kosten meines Projektgelds und kann ein paar mehr Experimente machen. Oder werde einen Tucken länger bezahlt werden können. 

Doch, doch, heute bin ich recht zufrieden mit mir. Und Sie können in den nächsten Wochen und Monaten verfolgen, wie ich mich total davor ekle, ein Mäusegehirn zu pürieren, wie das selbst ausgedachte Experiment vermutlich drölfzig mal schwieriger ist, als ich bisher so denke und wie ich ganz alleine nach Amerika fahre! Huiiiii, so aufregend! 

*Ich weiß übrigens nur wegen Little Q.s Fahrradführerschein, wie man richtig durch Kreisverkehre fährt. Als ich den Fahrradführerschein gemacht habe (mit acht, also vor ca. 500 Jahren), hatten wir ja nix, nichtmal Kreisverkehre. Grüße und Danke in die Schweiz!

Tag 534 – Mindestens hochbegabt. 

Der Michel, der überrascht mich manchmal. Also natürlich ist er das tollstebesteklügsteliebevollste Kind aller Zeiten, genauso wie alle anderen. Aber trotzdem bin ich manchmal ehrlich überrascht, wenn sich wieder ein paar Synapsen verknüpft haben und Protein Netzwerke die neuen Verbindungen stabilisiert haben und neue Dinge passieren. So wie heute morgen. 

„Mamaaaaa? Haben wir wirklich kleine Menschen im Körper?“

„Häh bitte was?“

„Ich hab das im Bakterienfilm gesehen. Als ich krank war. Da waren kleine Menschen im Körper.“

‚Bakterienfilm‘ ist ‚Es war einmal das Leben‘. Das durfte er gucken als er krank war. Das war im November. 

„Ach so, das meinst du. Nein, wir haben in echt keine kleinen Menschen im Körper. Das haben die sich nur ausgedacht, damit man sich das besser vorstellen kann.“

„Ja. Mamaaa, weißt du was?“

„Nein?“

„Im Weltraum gibt’s auch Monster mit vier Augen!“

Etwas später im Kindergarten. 

„Mamaaa? Wenn wir tot werden, werden dann die Bakterien in uns auch tot?“

Das ist eine ausnehmend gute Frage, die ich auch leider so spontan nicht beantworten kann. 

„Äh, ja, einige bestimmt. Aber bestimmt auch nicht alle…“

„Ich höre gar keine Kinder. Sind noch gar keine Kinder da?“

(Aha, das Kind kann also hören. Wer hätte das gedacht, so wie es immer schreit, statt zu reden.)

„Doch, es sind bestimmt schon Kinder da. Frag doch mal J.“

„Jooooohooooott? Sind noch gar keine Kinder da? Ich hab gar keinen Krach gehört.“ (Er sagte wörtlich: „Æ ha itj hørt noko brååak.“ Im breitesten Trondheimer Dialekt.)

„Doch, es sind schon fünf Kinder da. Drei Kleine und zwei Große.“

„Ja. Und jetzt bin ich auch da, dann sind es sechs Kinder. [Gerumpel und Stimmen von unten] Ah! Ich glaube ich höre M. und E.! Dann sind wir schon acht Kinder gleich!“

Ich hab den so lieb! Und ich bin so stolz! Hachja. 

(Anmerkung: Wie vermutlich alle Eltern wissen auch wir, dass der Preis für neue Entwicklungen mitunter hoch sein kann. So war es auch diesmal. Wenn Sie hier sind weil Sie sich fragen, ob andere 4-Jährige auch manchmal tagelang unausstehlich sind: ja. Sind sie. Manchmal sind sie aber auch sehr niedlich.)

Tag 533 – Luft raus. 

Ich verrate Ihnen jetzt mal etwas über mich. Kompromat, wenn Sie so wollen. 

In der Schule wurde ich gemobbt. Sie nannten mich Hexe (wegen meiner großen, höckerigen Nase) und Streber (wegen meiner guten Noten), das war beides hässlich, aber nichts war schlimmer als: Heulsuse. Weil ich dann immer anfing zu heulen. Und dann rannten sie mir lachend hinterher und riefen „Heul doch, heul doch, Heulsuse!“ und ich lief und heulte. Das wurde mit einsetzender Pubertät immer schlimmer, bis ich quasi in jeder Mittagspause heulend unter der Tischtennisplatte hockte. Da hatten wir dann mal so ein Vermittlungsgespräch in der Klasse, wo mir die Lehrerin allen ernstes vorschlug, doch einfach nicht zu weinen. Man müsse die anderen ja verstehen, wenn ich ja auch immer zu heulen anfinge…? Haha. Victim blaming galore. Funktionierte damals insofern, dass mir schlagartig klar wurde dass nur ich das abstellen kann, indem ich mich ändere, denn Hilfe konnte ich keine erwarten. Ich schwor mir, nie wieder in der Öffentlichkeit zu weinen. 

Das zog ich, mit einer Ausnahme*, bis heute durch. Bis zum nächsten Klo schafft mans immer noch irgendwie, auch wenn einem die Augen so voller  Tränen sind, dass man halb blind durch die Gegend torkelt. Ich bin, zusätzlich zum normalen Trauer- und Enttäuschungsheulen, ein Angstheuler und ein Wutheuler, also Gelegenheit gabs echt genug. Aber, bitte, keine Genugtuung für andere. Nie mehr. 

Was ich bisher aber noch nicht kannte: Erleichterungsheulen. Heute morgen lief ich, noch in Fahrradmontur, meinem Chef über den Weg. Er kam gerade aus dem MS-Labor. Er strahlte über beide Backen. Meine Resultate, sagte er, seien super. Wunderschön. Nur minimale Abweichungen der Replikate untereinander. Und im zeitlichen Verlauf des Versuchs genau wie wir erwartet hätten. Endlich füge sich das Puzzle zusammen. 

Ich und der Kloß in meinem Hals schafften es nickend und lächelnd bis in mein Büro. Da brach ich in Tränen aus. All die Arbeit (Sie erinnern sich? Vor Weihnachten die zwei Wochen, nach Weihnachten nochmal so viel?) und das ganze Geld (Vier Liter teures Medium, zwei teure Kits, zwei Flaschen teurer beads, ein Mülleimer voller verbrauchter Pipettenspitzen (RNAse frei, versteht sich) etc., die Analyse von 175 Proben durch die Core Facility und natürlich meine Arbeitskraft für vier volle Wochen) und es hat sich gelohnt! Was für ein Stein plumpste mir da vom Herzen. Ich konnte förmlich spüren, wie sich mein Kiefer entspannte. Dabei hatte ich gar nicht den Eindruck gehabt, so unter Druck zu stehen. Aber wenn sich Druck so lange aufbaut und dann schlagartig entweicht, dann, tja, dann reicht das wohl für ein paar Erleichterungstränen. 

*Unvergessen, im gläsernen Büro des Professors nach der Klausur „Next Generation Sequencing Methods“. Der arme Mann war etwas überfordert. Verständlich, wenn die Studentin nach der Erklärung, warum bei der einen Aufgabe  entscheidende Punkte zum ‚A‘ fehlen, in Tränen ausbricht und stammelt „But that is so basic, and logic, and everything that I wrote later shows that I know it, I just didn’t think I had to write it down…“. 

Tag 532 – Still not a mommy blog. 

Es ist schon lustig. Da wagt es jemand von außen eine kritische Kolumne über Mama-Blogs zu schreiben. Und stellt fest:


(Merken Sie was? Ich hab die Fotos selbst gemacht. Ich hab die Zeitschrift hier. Ich, Bzw. Herr Rabe, abonniert die nämlich. Ich bin also voreingenommen, nur um das klarzustellen.)

Zurück zu dem, was lustig ist: sofort empören sich Bloggerinnen. Und zwar genau solche, die (zumindest auf mich) immer genau den Eindruck gemacht haben: (weiß, schlank, able-bodied sind ja Fakten, also kein Eindruck, und als solche höchstens von wirklich wirklich schrägen Menschen verhandelbar) immer perfekt. Sogar im Chaotisch-sein perfekt. Herrje. Ich gebe zu, bei dem Satz mit den „authentischen“ Wäscheecken musste ich herzlich lachen, denn exakt den Gedanken hatte ich auch schon bei so manchen Mama-Blogs. Ich könnte, ohne länger als zwei Minuten nachzudenken, bestimmt 10 solcher Blogs nennen, die genau damit sehr erfolgreich sind. Mit dem Verkaufen eines Bildes, das authentisch wirken soll, aber allein ob der schieren Masse des Heititei und des Misverhältnisses zu den „sympathisch-chaotischen Momenten wie sie in jeder Familie™ vorkommen“ gar nicht stimmen kann. Ich lese solche Blogs nicht und ich schaue mir auch die Instagram-Bilder nicht an. Feddich. Ich schreibe aber auch keine Kolumnen in Zeitschriften, und wenn, würde ich wohl genau das sagen: lest den Quark doch nicht! Wenn ihr euch nicht ausreichend abgrenzen könnt (so wie ich) und ihr euch davon unter Druck gesetzt fühlt (so wie ich), wenn andere Mütter mit ihren strahlenden Kindern mit sauberen Fingern „niedliche Schutzengelchen mit Feenhaar“ basteln während das bei euch eher aussieht wie ein Schwein mit Flügeln und beide Kinder Kleberverschmiert heulen (so wie bei uns), dann lest es nicht. Bastelt nicht. Macht was anderes mit euren Kindern. Die basteln schon genug, sechs Tonnen heimzuschleppende KiTa-Kunst pro Halbjahr sprechen da eine deutliche Sprache. Macht, was euch Freude macht. Macht, wofür eure Nerven reichen. Und schielt nicht zu den anderen, vermeintlich besseren, denn die zeigen ja eben nur das Schöne, pastellige, perfekte.  

Ich finde das auch nicht schlimm. Die können ja gerne ihre Blogs so schreiben wie sie wollen. Ist ja jetzt nicht so, dass irgendwer verbieten würde, dass es solche Blogs gibt. Aber wie immer gilt: was immer du (öffentlich) machst: irgendwem gefällts garantiert nicht. (Ich möchte noch ergänzen: irgendwer versteht es nicht, und, wenn es Erfolg hat: irgendwer wird es kopieren.) Das kann man dann vielleicht einfach mal aushalten, diese reflexhafte Verteidigungshaltung erweckt im Gegenteil den Eindruck, man hätte sie bei was ertappt.  

Und um das mal abzurunden: es gibt tatsächlich einige Blogs von Müttern mit körperlichen Einschränkungen. Spontan fallen mir da ein: WheelymumMama Schulze und Mami Anders. Es gibt viele Blogs von nicht-schlanken* Müttern**. Und es gibt viele, viele, viele Blogs***, in denen einfach das Leben beschrieben wird. 

Man kann es vielleicht so zusammenfassen: wer sich um Authentizität bemühen muss, dem ist selbige schon lange flöten gegangen.  

Aber das muss ich ja dann nicht lesen. 

*im Übrigen: viele können für ihr Schlanksein nix und es ist Bodyshaming, auf irgendwem rumzuhacken, nur weil sie schlank ist. Das finde ich an dem Text nicht so gut.

**und Vätern!

***was mir tatsächlich nicht einfällt: deutschsprachige Blogs nicht-weißer Mütter oder beispielsweise muslimischer Mütter. Gibt’s die nicht? Und wenn ja: warum nicht? UPDATE: mir wurde Elfenkindberlin genannt. Ein (pastelliger) Blog einer nicht-weißen Mutter. 

Tag 531 – Wieder zu Hause. 

Und nirgends ist es schöner. Das vertraute Kleinkindschnarchen (Pippi, und laaaaaange nicht so schlimm wie es bei Michel in dem Alter war, ich denke, wir kommen bei ihr um eine Polypenkürzung herum) ersetzt das nicht ganz so niedliche Schnarchen meiner Zimmernachbarin, statt Buffet gibt es Nudeln mit Soße, statt Nachtischbuffet ein Tütchen Weingummi in Eppiform, fair unter vier Personen aufgeteilt. 

Insgesamt war es schon sehr interessant, die Plenarvorträge waren sehr divers (von Hirnforschung über Pflanzen-Genetik zu Hardcore Bioinformatik war da alles bei. Eindeutiger Trend: die Darmflora.) und die Vortragenden sehr engagierte Redner*Innen und (so weit ich das beurteilen kann) in ihrem Feld herausragende Forscher*Innen. Ja, tatsächlich kamen auf 8 Vorträge (von denen einer leider abgesagt wurde) 3 Frauen, alle drei absolute Spitzenforscherinnen (Von Emmanuelle Charpentier habe ich ja schon berichtet, außerdem waren Marianne Fyhn und Ines Thiele da, wenn Ihnen das was sagt.), ich finde das sehr gut, denn oftmals wird ja behauptet, Frauen™ wollen sowas ja gar nicht, so Karriere und so, das liegt denen nicht. Und deshalb hat man leider für Gebiet XY keine Frau als Rednerin gefunden. So schade. Naja, also, die Norweger kriegens hin ;)

Auch die Minisymposia waren teils sehr interessant, ich weiß jetzt zum Beispiel sehr viel mehr über das Immunsystem von Pflanzen, als ich jemals wissen wollte. 

Im Endeffekt habe ich sogar gesocialized, wer hätte das gedacht, ich habe Leute aus Bergen und Oslo kennengelernt, traf jemanden, der Kleider selbst näht, sich selbst bunte Blümchen auf die Fingernägel malt und HIGH HEELS MEINER LIEBLINGSMARKE ANHATTE (‚Irregular Choice‘, kennt kaum wer, das macht es ja so außergewöhnlich). Gut, das war jetzt vielleicht nicht, was mein Chef unter professionalem Netzwerken versteht, aber was solls. Ich muss ja nicht morgen soundsoviele Visitenkärtchen vorzeigen. 

Das schönste: alle, wirklich restlos alle, Letztjahrs-PhD-Studenten die ich traf, sind genauso angepisst und überfordert und hadernd wie ich. Es liegt also doch nicht an mir. Auch wenn ich mich bei dem Spruch „I know who you are, you are the one who said you’re in a complicated relationship with your PhD!“ etwas ertappt fühlte. 

Post-Party Fundstück. Morgen mal googeln.

Tag 530 – Bankett und Dings. 

Heute nur kurz. Weil Wein und jetzt soll gleich Party sein, aber die Blues-Lange-Frickel-Solos-Band* versucht uns gerade eher einzuschläfern. 

Heute war letzter Tag, morgen gehts nach Hause, es wird Zeit, ich saß heute mit 12 mir nahezu unbekannten Menschen in einem Jacuzi (schreibt man das so?) für 8 Personen und da jetzt alle wissen, dass ich mir nur sporadisch die Beine rasiere muss ich wohl abtauchen außerdem vermisse ich meine Familie gar sehr. 

Anbei noch ein bisschen Norwegerkitsch mit Troll-Fräulein. 


*es mag Ihnen jetzt übertrieben vorkommen, aber das Verfassen dieses Posts hat ein Gitarrensolo gedauert 

Tag 529 – Zukunftspläne. 

Schon damals als ich meinen Master machte schwebte es wie ein Damoklesschwert über mir. Seit ich sie das erste mal gesehen hatte, hatte ich Angst davor, dass mir das auch einmal blühen würde. Und jedes Mal, wenn sie kommen, sie emails schreiben, sie mit mir einen Kaffee trinken wollen, ganz unverbindlich versteht sich, und am allerschlimmsten auf Messen und Veranstaltungen, wenn sie verloren neben ihren Ständen stehen, wird diese Angst neu entfacht. 

Die Rede ist von Vertreter*Innen. 

Genauer: Vertreter*Innen für Labortralala und Biotechnologische Ausrüstung. 

Das heißt, heute heißt das ja gar nicht mehr so, sondern Sales Blabla oder Customer irgendwas. Aber sie sind eben Vertreter*Innen. Versuchen (hier jetzt gerade) nicht entscheidungsbefähigte Doktorand*Innen davon zu überzeugen, ihre Clean Benches, Photometer und Fluoreszenzscanner zu kaufen*. Und die Meute davon abzuhalten, einfach nur Kugelschreiber und Gummibärchen in Eppiform abzugreifen. Wenigstens nen blöden Flyer sollen die Masterand*Innen da doch bitte noch zu mitnehmen!

Und erschreckend viele von denen haben einen PhD. Mindestens Master of Science. Und noch viel erschreckender viele von denen** scheinen nicht besonders happy mit ihrem Job zu sein. Also sind das vermutlich Notlösungs-Jobs. Und da ist es wieder, das Damoklesschwert. Vielleicht kriege ich ja (auch?) keinen richtigen, echten Job? Vielleicht muss ich auch am Ende sowas machen? 

Ey, nee. Dann lieber Kellnern. 

(Schon alleine, weil ich ja meine Familie auch mag, also ist „Außendienst“ ganz hinten auf der Jobwunschliste. Auch wenn Videotelefonie mit den Kindern manchmal ganz lustig ist. 

)

*wohl wissend, dass das Gegenüber 1. keine Entscheidungsgewalt hat und 2. nur die Gummibärchen in Eppiform will. 

**bestimmt nicht alle, und ich will auch ganz sicher keinem auf den Schlips treten. Aber für mich wärs eben nix.

Tag 528 – Storefjell. 

Hallo, Treffen der norwegischen Vereinigung der Biochemiker. Im Nichts. Auf einem Berg. Hurra. 

Die Location ist auch so eher, Ähm, rustikal. 

Kein Witz.


Aber was solls. Grad bin ich eh bei was solls angekommen. Ich kenn eh keinen, also: was solls. 

Stimmt außerdem ja gar nicht, dass ich keinen kenne. Menschen die ich bisher getroffen habe:

  • Unsere Osloer Freundin, deren Miniminiminibaby wir im Frühjahr noch bewundert haben
  • Zwei Frauen, mit denen ich im rosa Fitnessstudio Muttisport gemacht habe
  • Zwei Typen, die ich mal auf dem Treffen der Trondheimer Fraktion der norwegischen Vereinigung der Biochemiker in Åre vor zwei Jahren kennen gelernt habe
  • Zwei Mädels, die bei uns ihren Master gemacht haben
  • Eine Frau, mit der ich vor drei Jahren auf einem zweiwöchigen Kurs in Tromsø ein Zimmer geteilt habe
  • Eine Dozentin und einen Professor, die bei ebendem Kurs unterrichtet haben

Meine Zimmernachbarin ist auch sehr nett, und das sage ich nicht nur, weil sie mich auf 27 geschätzt hat. (Als ich dann, verwirrt wie ich ja auch manchmal bin, sagte ich sei 32 (bin ich ja noch gar nicht, aber naja, die sechs Wochen…), fragte sie mich nach meinem Geheimnis. Ich empfahl ihr nen guten Concealer und Paulas Choice. Soweit hat mich das Internet schon gebracht.)

Super bisher: das Nachtischbuffet. So lecker. Die Hauptspeisen gingen alle eher so (wobei ich die Fleischgerichte nicht gegessen hab, also kann ich dazu nix sagen), aber das Salatbuffet und die Nachtische sind richtig gut. Reicht ja dann auch. 

Gut ist auch, dass ich nur zum Spaß hier bin, weil zum Zeitpunkt meiner Anmeldung schon alle Deadlines für PosterTalkTralala vorbei waren. Machste nix. *hier Schulterzucken vorstellen*

Und das Beste: ein Talk von Emmanuelle Charpentier. Hachjaja. (Inspirierende Frau, wirklich. Ich hoffe, die kriegt mal nen Nobelpreis dafür.)

Und jetzt: acht Stunden Schlaf am Stück, Ich jauchze und frohlocke! 

Tag 527 – When the shit hits the fan…

Ok. Gaaaaanz so schlimm war mein Tag nicht. Aber ich finde diese Redewendung so gut. Ich wollte die immer schon mal benutzen. 

Tatsächlich war mein Tag aber auch nicht sooooooo toll. Weil irgendwie ab dem Zeitpunkt, als wir das Haus verließen, alles in die Hose ging. Aber sehen Sie selbst. 

PROLOG: Michel hatte gestern seinen Schlitten mit im Kindergarten und der wurde mit dem eines anderen Kindes verwechselt. Heute war dementsprechend Schlitten-Austausch verabredet. Der Schnee ist aber zu 90% weg, es bleibt Eis und Schneematsch, je nachdem, wie festgetreten der Schnee vorher war. In den Fahrradanhänger passt der Schlitten auch nicht. Also war geplant, die Kinder und den Schlitten mit dem Auto zu fahren und dann zur Arbeit den Bus zu nehmen. 

  • Meine Mütze hab ich oben vergessen. Und die Regenhose auch, zum ersten Mal seit Monaten. Egal, wir fahren ja Auto. 
  • Draußen plumpst Pippi erstmal in eine Schneematschpfütze. Egal, das trocknet ja wieder. 
  • Das Auto geht nicht auf. Oh. Oh, oh. Das hatten wir doch schon mal. Hat wieder wer das Licht oder die Innenbeleuchtung angelassen? Herr Rabe sagt nein. Aber die Batterie ist definitiv tot. Was jetzt? Ok, Rad. Und den Schlitten an den Anhänger binden. 
  • Keine Mütze, keine Regenhose, Schlüpfriger Schneematsch, der Schlitten kratzt ohrenbetäubend laut über den Asphalt und die Kiesbedeckten Gehwege. Mein Lenker ist etwas schief seit dem Sturz am 12. Also in die andere Richtung schief als nach dem Sturz am 21.12. Stellenweise muss ich schieben weil es zu matschig ist und komme mir vor wie ein Schneepflug.
  • Am Kindergarten steht das ganze Draußengelände unter Wasser. Unter dem Wasser ist Eis. Pippi hat einen Stock dabei, den tunkt sie in das Dreckwasser und lutscht dann dran. Ich denke an Bandwürmer. Dann legt sie sich gleich nochmal auf den Bart und ist jetzt endgültig nass. 
  • Zum ersten Mal seit Monaten wieder Weinen beim Abgeben in der KiTa. 
  • Beim Losschnallen meines Fahrrads vom Anhänger fällt mein Fahrrad um und in den Schneematschwasserdreck. 
  • Zu Hause stelle ich das Fahrrad ab und nehme den Helm ab. Dank der Luftfeuchtigkeit von ca. 1000 % sehe ich jetzt aus wie ein Schaf. Außerdem ist meine Hose unten nass und Dreckbesprenkelt. 
  • Es kommt 8 Minuten lang kein Bus. (Das passiert sonst nur Sonntags morgens.)
  • Der Bus hat unfassbar dreckige Scheiben. Ich kann den rosaorangenen Wolkenporno beim Sonnenaufgang gar nicht richtig sehen. 
  • Ich hole mir Kaffee beim 7Eleven. Meine Lieblings-Kaffeemaschine ist kaputt. Ich nehme eine der zwei anderen. Erst kommt Espresso und dann sehr viel heißer Dampf: Milch ist alle. 
  • An der dritten Maschine zapft grad wer den ersten von vier Kaffee. 
  • Mein Computer geht wieder mal erst beim dritten Hochfahren richtig. 
  • Ich versuche mir Visitenkarten zu bestellen. Als ich mich endlich, endlich zu einem Entschluss durchgerungen habe, scheitere ich am Eingabefeld „Rekvisisjonsnummer“. Habe ich nicht. Muss ich mir holen. 
  • Die Dame, die so Nummern vergibt, ist Mittwochs nicht da. 
  • In der Mittagspause führe ich wahnsinnig aufmunternde (hier sehr viel Ironie denken) Gespräche mit dem serbischen Postdoc über die Zeit nach unserer Zeit in dieser AG. 
  • Ich hefte Gedöns ab, dabei bricht mir ein Fingernagel ab. 
  • Ich versuche ein paar Artikel auszudrucken. Nach der Hälfte vom Ersten ist der Toner alle und der Drucker tut gar nix mehr. 
  • Ich gehe einfach nach Hause. 
  • Zu Hause geht das Internet nicht wirklich. Es ist super langsam. 
  • Im Kindergarten sind meine Kinder um kurz nach vier die letzten. Ich fürchte, da ist auch der Wettbewerb, wer sein Kind zuerst abholt losgegangen. 
  • Michel weigert sich seinen Draußenanzug anzuziehen. 
  • Michel legt sich draußen erstmal komplett lang. 
  • Macht nix, der Anhänger ist eh von innen komplett nass, weil er mit dem Boden in einer Pfütze hing und sich vollgesogen hat. 
  • Michels Schlitten lasse ich einfach da. 
  • An der Bahnunterführung komme ich wegen Matsch nicht mehr auf der anderen Seite hoch. Ein Passant muss mir helfen und von hinten schieben. 
  • Herr Rabe fährt mit Michel zum Schwimmkurs. Ich bleibe mit Pippi zu Hause, will aber noch einkaufen. 
  • Ich versuche mir eine Einkaufs-App, mit der man Rabatte bekommt, herunterzuladen. Die gibt es nur im norwegischen App-Store. Für den mein Account offenbar nicht zugelassen ist. 
  • Das Autobatterie-Ladegerät lädt noch. 
  • Als ich mit Pippi endlich loskomme, gießt es wie aus Eimern. 
  • Was Pippi nicht davon abhält, sich aus der Regenpelle zu wurschteln. Und mich anzuschreien, weil das ja nass und kalt ist. 
  • Zu Hause. Ich koche. Es brennen nur die Zwiebeln ein bisschen an. 
  • Ich backe ein Brot. Es wird obendrauf viel zu schwarz. 

Womit alles begann.


Ich betrachte es als Zeichen, dass ich mir weder beim Duschen den Hals gebrochen hab, noch beim Packen der Koffer in tausend Teile zerfallen ist. Genug Pech gehabt. So für die nächsten drei, vier Jahre. Bestimmt wird jetzt auch die Konferenz, auf der ich ab morgen bin, total super.