Tag 362 – Pickert! (Achtung: Rosinencontent.)

Die neuen Kartoffeln sind da und lecker und günstig (naja, norwegisch günstig halt) und deshalb haben wir heute Pickert gemacht. Wer das nicht kennt: Pickert ist eine sehr Westfälische Sache, im Grunde ist es wie ein Pfannkuchen aus Kartoffel-Hefe-Teig. Komische Leute machen auch Pickert in Kastenform, der dann in Scheiben geschnitten wird (Kastenpickert) oder so dünne Fladen, fast wie große, labbrige Reibekuchen (Lappenpickert). Aber die einzig wahre Pickertform ist der Lippische Pickert, wie ihm mein Opa machte. Weil halt. Das Rezept habe ich von meiner Oma bekommen, mein Opa machte es so jedes Jahr, aus ca. tausend Kilo Kartoffeln. Da kam dann die ganze Familie und außerdem wurde auf Vorrat eingefroren. So machen wir es auch, nur von der Hälfte vom Rezept hier. Also von der Hälfte dieses Rezeptes werden sicher 6 Erwachsene satt!

  • Die größte Schüssel des Haushalts für den Teig suchen. Es gehen auch Waschwannen.
  • 2 kg Kartoffeln, geschält und fein gerieben (Ein Loblied auf den Messerschmidt Alleskönner!)
  • 2 kg Weizenmehl, zu den Kartoffeln geben
  • 5 Eier, dazu geben
  • 1/2 Liter Milch leicht anwärmen und darin
  • 4 Klötze Frischhefe und (!)
  • 4 Päckchen Trockenhefe (eins hat 7 g, ich musste das googeln, hier hat es nämlich viel viel mehr) und
  • 2 gestrichene Esslöffel Zucker auflösen
  • Aus den Kartoffeln, dem Mehl, den Eiern, der Milch-Hefe und 2 gestrichenen Esslöffeln Salz einen Teig machen. Der Teig sollte dickflüssig aber zäh sein, dafür soviel zusätzliche Milch zugeben, bis es eben passt, ca. 1/2 Liter. 
  • Am Ende entweder für die Rosinophobiker einen Teil des Teiges abnehmen und die Rosinenmenge im Restteig entsprechend reduzieren oder in den ganzen Teig 1 1/2 Pfund (Pfund, nicht Kilo, obwohls auch mit der doppelten Menge schmeckt, das weiß ich… zufällig.) Rosinen kloppen. 
  • Den Teig abgedeckt gehen lassen, bis er sichtbar blubbert und ca. 1/3 an Volumen zugenommen hat. Das geht ziemlich schnell (4 Klötze Frischhefe…)
  • Je eine Suppenkelle Teig pro Pickert in reichlich geschmacksneutralem Öl relativ heiß (hier scheiden sich die Geister: ich bin eher für heiß, der Herr Rabe steht gerne lange am Herd) ausbacken. Es sollten so Kleintellergroße, ca. Fingerdicke Fladen werden. Zwischendurch wenden. Es empfiehlt sich, mindestens 2 Pfannen zu haben. 

Das sieht nicht lecker aus.


Das schon.


Tja, und das wars schon. Dann hat man einen Haufen Pickert. Oben drauf kommt (klassisch) Rübenkraut oder (puristisch) Butter oder (hartgesotten) Leberwurst oder (ketzerisch) Mayonnaise oder (noch ketzerischer) Zimtzucker. 

Und wie schmeckt das?

Nach Familie und nach Heimat. Nach eng auf die Eckbank gequetscht sein und im Wohnzimmer essen und sich lustig machen mit denen, die Leberwurst drauf schmieren. Nach Zwiebelmustergeschirr und uralten Pfannen und Häkeldeckchen. Nach sich überfressen aber trotzdem noch Platz für ein paar eingemachte Pflaumen haben. Oder für Eis mit Sirup. 

Tag 361 – Bekloppt. 

Ich dachte so: Hmm, Sonntag arbeiten und den Versuch machen, das ist voll gut, da komme ich keinem in die Queere und hab auch umgekehrt meine Ruhe. Und so an die 120 Platten, das ist doch machbar. 

Dann schwitzte, rannte und pipettierte ich heute von 07:45 bis 16:15 Uhr, mit einer 15 Minütigen Mittagspause als ich wegen Unterzuckerung schon kurz vorm aus den Latschen kippen war. Aaaaaalter, war das anstrengend. Ich kroch quasi auf dem Zahnfleisch nach Hause…

… und um 21:45 Uhr wieder ins Labor, wegen der 12-Stunden-Probe. Ich muss komplett verrückt geworden sein, als ich den Versuch plante. An solchen Tagen muss ich mir dann das nicht mehr ganz so ferne Fernziehl DOKTORTITEL sehr deutlich vor Augen halten, damit ich nicht einfach alles hinschmeiße. Ehrlich. Zumal die Zellpellets leider am Schluss alle unsichtbar waren und ich einfach mal hoffen muss, dass die noch da sind und der ganze Scheiß nicht obendrein für die Tonne war. 

Aber wissen Sie, was alles wieder gut macht? Um kurz vor elf nachts nach Hause kommen, wo Pippi, die kleine Eule, immer noch rumturnt und von ihr mit einem freudigen „Mama!“, einem breiten Grinsen und Quietschen und patschendem Angekrabbeltkommen begrüßt werden. 

Tag 360 – Alles Anzünden auf 3…2…1…

Ich sitze in einem Biot nach Munkholmen und will da schon gar nicht mehr hin. Warum? 

Wir waren verabredet um 14:00 Uhr zur Abfahrt am Pier. Das wurde zu Fuß knapp wegen Brot. Also gingen die anderen vor und ich nahm das Rad. So weit so gut. 

Dann fiel uns kurz vor Abmarsch der Vorgänger ein, dass man auf dem Boot nur bar zahlen kann. Herr Rabe hatte nicht mehr genug Bargeld für uns alle und bat mich, noch Geld zu holen. Ok. Wird knapp, müsste aber gehen. So dachte ich. 

Womit ich nicht gerechnet hatte: übervolle Innenstadt voller Fußgänger, quasi kein Vorankommen mit dem Rad. Und: Ampelphasen, während derer kein Auto kommt, aber ich Hornochse stehe mir natürlich an der komplett freien Kreuzung die Beine in den Bauch. 13:58, noch hundert Meter. Lese Bachricht von Herrn Rabe: ‚Hab grad Geld geholt‘. Toll, das hätte ich mir also (inklusive Umweg durch die Stadt) sparen können. 

13:59. Ich bin da, bei rot gegangen, winke Herrn Rabe (auf dem Boot), klappe den Fahrradständer runter. Das Boot fährt los. 

Wtf? Kann der nicht mal ne Minute warten??? Mooooment, die Minute hätte der sicher gewartet, wenn ihm wer Bescheid gesagt und drum gebeten hätte. Das heißt…

Ich koche innerlich. Vielleicht kotze ich auch ein bisschen, innerlich. 

Dann fahre ich nach zwei fiesen Nachrichten an Herrn Rabe zur Arbeit. Das Boot fährt nur zur vollen Stunde, da ne Stunde abhängen? Nein danke. Mal nach den Zellen gucken. 

Ich bin grade bei der Arbeit angekommen, da ruft Herr Rabe an. Das Boot fährt heute jede halbe Stunde. Tja, das ist jetzt wohl auch egal. Mikroskop an. 

Die Zellen wachsen wie verrückt. Die Flaschen sind voll. Verdammt. Vier Wochen wachsen sie gar nicht und dann fangen Sie heute an? WARUM??? Gnarfz. Die kann ich entweder heute noch einfrieren oder morgen wegschmeißen. Einfrieren dauert ne Stunde. Fuck. Fuckfuckfuck. 

Ich schalte Wasserbad und Zentrifuge an und mache Schildchen an alles: bitte anlassen. Hole schon mal Medium aus dem Kühlschrank. Hole Einfrierröhrchen und -Boxen und schreibe meinen Namen auf alles. Fahre wieder zum Pier, zum Boot. Um 14:56 bin ich da und habe mein Fahrrad abgeschlossen. 

Am Bootshäuschen ein Schild: wir nehmen Karten und Bargeld. Also Geld holen hätte ich mir doppelt sparen können. Dafür ist es 30 Kronen teurer geworden. 90 Kronen! Für zwei mal fünf Minuten Fahrt. Ey…

Und auf Herrn Rabe bin ich auch noch sauer. 

Tag 359 – WMDEDGT August ’16

WMDEDGT (was machst du eigentlich den ganzen Tag) ist eine Tagebuchblog-Aktion der äußerst geschätzten Frau Brüllen

Weckerklingeln um 6:30 Uhr. Gesnoozt bis viertel vor sieben. Ist im Rahmen. Aus dem Bett gepirscht, rein mit der Eisen-Sprudeltablette, raus mit dem Brot aus dem Gefrierfach (warum der Herr Rabe das dauernd übersieht, dass das Brot alle ist, ist auch so ein ewiges Rätsel), Brötchenvorteig angesetzt, Sauerteige hochgefüttert, mich fertig gemacht, Kaffee gemacht, Michel wach. Den Kindern Frühstück gemacht (Grøt, also Porridge) und dabei Kaffee getrunken, Zähne geputzt, um kurz vor acht endlich unterwegs. 

Plastikmüll weggebracht, oben auf den Container gelegt, weil der Container schon hoffnungslos überfüllt war.

Abfahrt Müllcontainer 07:59. Møllenberg, Bakklandet, am Fluss lang, am Samfundet über die Ampel (2 Minuten auf grün warten), Ankunft Fahrradkäfig 08:10. Ankunft Laborplatz 08:15. Der Schrittzähler meldet 1482 Schritte: das ist wohl das Kopfsteinpflaster im Bakklandet. 

Antikörper gekoppelt, Minihappen Frühstück vorm Computer, zwischendurch schon Gedöns für den großen Zellkulturversuch vorbereitet. 20 Minuten Mittagspause mit zwei Scheiben Brot und 6 Kirschtomaten, mehr war nicht mehr da und zum Einkaufen keine Zeit, bei der Mittagspause Gespräche von arroganten Lerchen-Menschen belauscht getwittert. Weiter gekoppelt. Angefangen mit dem Ausplattieren von Kultur 1 von 6: Medium ab, waschen, Ablöse-Enzym drauf, kurz warten, mit Medium stoppen, Zellen aus der Flasche spülen, zählen, ausrechnen, wie die verdünnt werden müssen, verdünnte Zellbrühe ansetzen, wieder zählen, auf Platten verteilen, Backup-Flaschen machen, alles wieder in den Brutschrank räumen. Mal vier Flaschen. Und aseptisch. 

Antikörper fertig gekoppelt. Es ist schon eins, wie ist das denn passiert, um zwei soll ich beim Kindergarten sein. Das Handy plingelte: ‚holst du die Kinder ab?‘ Ähh. 

Zellkulturen 2-6. Um halb zwei zurückgeschrieben: ’nicht vor 3′. Herr Rabe schreibt zurück, dass er sie holt. Um viertel vor vier bin ich fertig, in jedem denkbaren Sinn des Wortes. 117 Platten. 

Vorher.

Nachher.

Sogar meine Autokorrektur kann nicht mehr.


Batterie aus dem Büro geholt und direkt nach Hause. Ankunft zu Hause: 16:11 Uhr. Viele Trondheimer fahren mit sehr platten Fahrradreifen durch die Gegend. 
Pippi wollte kuscheln und stillen, machten wir, dann gab es noch etwas Brot für alle und Abmarsch zum Matfestival (Essens-Festival, wenn Sie mal Bärenfleisch essen wollen: kommen Sie zum Matfestival!) um fünf wegen vermuteter Schließzeit um sechs. Ankunft am Matfestival halb sechs, Pippi eingeschlafen, alles angeguckt und Michel bei 90% der Dinge das Kaufen ausgeredet, einen Öko-Burger gegessen, Michel beim Essen einer Öko-Bratwurst (ja, einer echten, richtigen Bratwurst, nach deutschem Rezept) geholfen (also die Wurst immer wieder aus dem Brot rausgeschoben, damit das Kind bloß nichts vom Brot essen muss…), weiter geschlendert und die Kinder-Ecke entdeckt. 

Michel backt sein eigenes Knäckebrot.


Jaja, ich hab die hübschesten Kinder der Welt. Hier der Beweis.


Man konnte sich seinen eigenen Smoothie erstrampeln.


Überhaupt war die Kinderecke am coolsten. Da gab es Krebse im Aquarium zum Anfassen, Fische, die man essen kann in tot zum Angucken (so ein ganzer Steinbeißer sieht ja auch etwas gruselig aus), Fische und Muscheln und Krebse und Garnelen und was weiß ich noch alles zum Angucken im Aquarium und so weiter. 

Um sieben, als das Festival dann doch mal schloss, die Kinder losgeeist und den Heimweg angetreten. Auf dem Weg noch ein Eis, dann Geschrei, dann gewickelt (im Stehen auf dem Kinderwagen…), dann Geschrei vorbei und Geruchsnerven für immer tot. Schade. 

Zu Hause angekommen um viertel nach acht, komplett in Eimer und eigentlich alle Mann reif fürs Bett. Doch dem aufmerksamen Leser wird es nicht entgangen sein: der Brötchenvorteig!

Brötchenteig angesetzt, Kinder vertröstet, Herr Rabe brachte Michel ins Bett, Sauerteige für Brot angesetzt, Brötchenteig betuddelt und kurz nicht gesehen, dass Pippi den Salzstreuer ausleert, von Pippi Salz ins Gesicht gerieben bekommen, Salz vom Herd und der Umgebung weggesaugt, Pippi gestillt, an Herrn Rabe übergeben, Brötchen geformt, Gesicht gewaschen, wollte Pippi übernehmen, die schlief aber schon halb auf Herrn Rabes Schoß, also doch nicht, statt dessen bloggen. 

Jetzt ist die erste Brötchenfuhre im Ofen, der Schrittzähler meldet knapp 14.000 Schritte, so fühlt sich auch alles an. Puh. 

Tag 358 – Wir haben es getan!

Herr Rabe hat mir heute die Haare gefärbt. Schon gestern hatte ich die Farbe besorgt (auch schon teuer, aber nix gegen die Friseurkosten), nämlich 9.13 (also helles Blond mit Blau- und Goldtönen). Mir schien das eine gute Wahl, die nicht zu weit von meiner Naturhaarfarbe abweicht, und auch von der zuletzt gefärbten (Sand, ich nehme mal an irgendwas 8.23 oder so) nicht zu weit weg ist. 

Trotzdem brauchte ich erstmal ein Bier (dank Duty-Free-Shop-Bier vom angekommenen Besuch kein Problem) um meine doch flattrigen Nerven zu beruhigen. Und weils schmeckt und man ja auch nutzen muss, dass Pippi kaum noch stillt sondern hauptsächlich nuckelt und kuschelt. 

Pippi sah uns bei dem Spaß vom TrippTrapp aus zu, weil sie partout nicht schlafen wollte. 

Was tuuuut ihr denn da???


Auf der anderen Seite dann ich, mit Handtuch um die Schultern, Herr Rabe machte die Farbe drauf. Der kann das gut, hat er sich von unserer Bielefelder Friseurin erklären und zeigen lassen.

Vorher.


Zuerst der Ansatz, 15 Minuten und dann nochmal alles 15 Minuten. Was weiß denn ich, wie die alte Farbe auf die neue reagiert. 

Zwischendurch hätte ich lieber nicht in den Spiegel gucken sollen, das sah alles so rot aus, dass ich kurz in Versuchung geriet, alles Panikartig auszuspülen. Dann erinnerte ich mich an die „10 schlimmsten Haarfärbefehler“ (oder so), die ich irgendwo gelesen hab und wo Nr. 2 (nach: total falsche Farbe ausgewählt) war: Einwirkzeit nicht eingehalten. 

WTF???


Nach der Einwirkzeit dann also nach Anleitung ausgespült und das Color-Lock-Zeug rein und wieder gewartet und wieder ausgespült und geföhnt und aaaahhhhhh. 

Nachher.

Das Licht in unserem Bad ist total gelb, die Farbe ist es nicht, ich schwör‘!


Viel besser als vorher. Der Ansatz ist noch zu sehen, aber nicht mehr schlimm, die Farbe ist insgesamt schön und recht natürlich, die griechischen Reststrähnchen sorgen noch für ein paar hübsche Reflexe: ich bin total zufrieden. 

Nächste Woche dann Schimpfe vom Friseur anhören. Und schneiden lassen, weil am Helm-Look ändert auch die schickste Farbe nix. 

Tag 357 – Das zweite Leben der Lieblingshose. 

Vor etwa zwei Jahren passierte der Super-Gau. Bei der Arbeit. Ich beugte mich vor um nach der Mittagspause mein Geschirr in die Spülmaschine zu räumen und *rrriiitsch* war meine Hose am Po aufgerissen. So richtig längs neben der Naht lang. Ziemlich lang. Materialermüdung. 

Meine Lieblingshose! Sie war so perfekt gewesen! Schöne Farben, luftig, bequem, überall zum Schnüren und deshalb sogar mit 8-Monats-Murmel mit Michel drin noch tragbar. Kaputt, einfach so. In solchen Momenten bin ich irrational. Ich behielt die Hose*. Kann man ja vielleicht noch was draus machen. 

Heute, mehr als zwei Jahre später, machte ich noch was draus. Eigentlich weil die Nähmaschine im Weg stand und wir für Pippi noch einen Kindergarten-Bus-Beutel für Wechselkleidung brauchen** und dann wollte ich den Rest der Hose nicht wieder in den Schrank räumen, also machte ich aus einem Bein den Beutel (praktisch gleich mit Kordelzug, der war unten am Bein) und dann aus dem anderen Bein zwei Nackenkissen für die Kinder im Auto und Fahrradanhänger, damit denen die Köpfe nicht so abknicken, wenn die einschlafen (und ich Sympathie-Nackenschmerzen kriege, wenn ich das sehe).

Beutel. Rechts der Hosenrest.


Nackenkissen, extra fluffig.


Und tatsächlich warf ich den Rest vom Hosenrest einfach weg. 

*Ich bin bei den meisten Sachen echt gut im Wegwerfen, aber Ausnahmen bestätigen die Regel, nicht wahr?

** Also, irgendwann. Die Kleinen fahren erstmal noch nicht mit auf Ausflüge. Aber was man hat, das hat man, nicht wahr***?

*** Jaja, das Phrasenschwein wird heute gut gemästet. Und das Wiederholungs-Schwein auch.  

Tag 356 – Von Haarfarben und Regenhosen. 

Ich radelte heute zur Arbeit. Aus Geiz, denn ein Busticket kostet fast 4€ plus das Gleiche für den Rückweg… Ach nee. 

Es goss in Strömen und als ich ankam sah ich aus wie ne gebadete Katze. 


Wenigstens war die Regenjacke dicht. Meine Jeans war aber auch klatschnass, das war recht unspaßig, und so zogen wir alle am späten Nachmittag los, eine Regenhose zu kaufen…

… Plus tausend andere Dinge. Einen Kitarucksack für Pippi zum Beispiel. Wir kauften im Endeffekt einen für Michel und Pippi erbt Michels alten, weil auf den nicht-blauen Rucksäcken überall Kätzchen und Häschen und rosa Scheiß drauf war. Außerdem wollte ich nach Haarfarben gucken. Ich habe mich nämlich dazu durchgerungen, meine Haare selbst zu färben. Nicht komplett blondieren, sondern mit so einer 3-4 Stufen Aufhellung slash Farbe etwas aufzupeppen, im Grunde so wie es jetzt ist, gerne etwas kühler im Ton, aber vor allem minus 80% der Kosten. Ich fragte auf Twitter (ich habe ja nach wie vor von diesen Beauty-Dingen keinen Schimmer) und bekam eine Marke empfohlen. 

Jetzt gibt es ja aber hier keine Drogerien wie dm oder so. Haarfarbe kauft man bei so, hmmm, „Schminkeläden“, im Supermarkt oder bei Lindex oder H&M. Es gibt so Läden für Friseurbedarf, allerdings gehören die immer zu einem Friseursalon und haben zwar drölfzig Versionen von Matt-Wachs und Brillianz-Shampoo, aber Haarbarbe? Höchstens Directions. Im Supermarkt stand Michel auch schon vor den lustigen Modefarben und hielt mir dann eine Packung Pokémon-Lila hin, das fände er schick. Nunja. Nicht ganz mein Fall, danke Michel. Im Schminkeladen hatten sie eine Große Auswahl. Im Angebot war eine Farbe, die sich Pure Blond (9.0) nannte – und schon auf der Packung gelb aussah. Nein danke. Bei Lindex gab es nur Aufheller stark und extra stark. Bei H&M gab es immerhin die gewünschte Marke – braun, dunkelbraun und fast schwarz. Entnervt gab ich auf und kaufte eine Pokémon-Lilane Regenhose. 

Zu Hause wollte ich dann die gewünschte Farbe bestellen (btw: wer nennt denn ne Haarfarbe 8-15? „Welche Farbe ist denn das?“ – „Ach, das ist bloß 08-15…“) und kam bis zur Eingabe meiner Kreditkartendaten, dann war plötzlich der Shop down (also vor der Eingabe, glücklicher Weise, sonst würde ich mir jetzt wohl Sorgen um mein Geld machen). Amazon will 31€ (!!!) Versandkosten. Unser Kumpel, der Donnerstag kommt, fliegt nur mit Handgepäck und darf sicher keine super fiesen Chemikalien mitnehmen. Sind das Zeichen? Soll ich es lassen? Lieber nochmal 100€ (!!!) beim Friseur fürs Färben lassen und ihm direkt sagen, dass ich das lieber zu Hause machen würde, weil TEUER!!!, aber am Erwerb anständiger Farbe scheiterte? Vielleicht ist er so toll, wie ich beim ersten Mal den Eindruck hatte und verkauft mir Farbe. Allerdings ist der Friseur auch noch bis nächste Woche im Urlaub und ich fühle mich Wischmoppig. Kann aber ja auch an der unfreiwilligen Dusche heute morgen gelegen haben. Was wird siegen? Geiz oder Vernunft?

Es bleibt spannend. 

Tag 355 – Der erste Tag. 

Tja, da war er also, der erste Kindergartentag. Wenn ich zurückdenke, kann ich mir immer noch nicht vorstellen, dass Michel auch nur zwei Wochen älter war, als er im Kindergarten anfing. Pippi wirkt irgendwie auf mich kleiner. Jünger. Babyhafter. 

Wir waren heute beide mit*, weil ich mir wegen eines Misverständnisses heute frei genommen hab und dann dachte, ach, ist vielleicht auch besser, dann ist einer bei Pippi und einer macht den Papierkram. Und so war es auch gut. Die großen Kinder waren alle draußen (inklusive Michel, den hatte ich schon morgens gebracht), wir waren drinnen alleine mit dem einzigen anwesenden anderen Mädchen und dem einzigen anderen wachen U3-Kind in Personalunion und Pippis Bezugserzieherin E.. Die Erzieher*Innen in dem Kindergarten sind eh alle toll, aber E. ist so warm und herzlich und lustig, Michel liebt sie auch heiß und innig, kurz: besser könnte es nicht sein. Pippi und das andere Mädchen spielten mit einer Kiste Schleichtiere, Herr Rabe saß recht unbeteiligt daneben, ich und die Erzieherin füllten im Gespräch den Fragebogen aus („Welche Grenzen setzen Sie zu Hause?“ Meine Güte, sie ist fast noch ein Baby, ähhh, ich glaub wir haben für sie quasi keine Grenzen bisher…). Danach durfte Pippi den Toberaum erkunden, ein bisschen herumklettern und fand alles ganz toll, bis sie von der Turnmatte fiel und sich den Kopf stieß. Dies hielt ich dann auch für den geeigneten Moment, E. mitzuteilen, dass Pippi keinen Schnuller nimmt und auch bisher keine Kuscheltiere gewöhnt ist. Also keine einfache Tröstung. Tjanun. Wir gingen dann raus und dann war es auch schnell vergessen. 

Draußen setzte sich Pippi direkt in den Sandkasten, die großen Kinder spielten mit ihr und zeigten ihr die grade gefundene Spinne. Pippi buddelte fröhlich, Michel kam zu mir und zeigte mir sein frisch erworbenes Pflaster, dann wollte er noch kurz Pause auf meinem Schoß machen und dann… Tja, dann war es für mich Zeit zu gehen. Also verabschiedete ich mich und ging nach Hause. Für Pippi überhaupt kein Problem, auch für Michel nicht. Irgendwie für keinen, außer mir. 

Zu Hause tat ich dann viele Dinge, zum Beispiel wusch ich den TrippTrapp-Bezug, räumte Kisten auf Schränke und nähte in Windeseile ein Dings**, aber eigentlich versuchte ich nur nicht daran zu denken, dass meine beiden Babies, das große und das kleine, bald viele Stunden am Tag außerhalb der Familie betreut werden. Dass sie da Bezugspersonen haben. Dass sie da norwegisch reden. Auch Pippi wird auf norwegisch sprechen lernen. Sie wird da erst richtig laufen lernen. Himmel. Ich bin noch nicht soweit…

* Die Eingewöhnung läuft hier nach Bedarf, aber zügig ab. Also so im Rahmen von 3-7 Tagen. Finde ich nicht schlimm. Ich bin aber gleichzeitig auch dankbar, dass Herr Rabe die Eingewöhnung macht: wie man sieht, habe ich gewisse Probleme, loszulassen.

** Empfängerin liest mit, deshalb keine Spezifizierung. Leider auch wegen „Aaahhh, die Post schließt in drei Minuten“ weder verpackt noch ein Foto gemacht. Sorry. 

Tag 354 – Wuaaahhhhh!

Pippi kommt morgen in den Kindergarten. Morgen. Mor-gen. 

(Um da nicht zu viel drüber nachzudenken, war ich heute mal locker flockig drei Stunden arbeiten. 12, jetzt 24 Flaschen Zellkultur machen ganz schön Arbeit. Vor allem wenn nichts, aber auch wirklich gar nichts, was man zum Arbeiten braucht, im Zelllabor vorhanden ist. Keine Pipetten, Pipettierhilfen mit leeren Akkus, Serum alle, Trypsin alle, keine Kulturflaschen… Obendrein noch zwei Inkubatoren wegen Wartung morgen gesperrt, sodass ich sämtliche 24 Flaschen in Sechserstapeln durch das gesamte normale Labor ins andere Zelllabor zu den anderen Inkubatoren schleppen musste. Und weil ich heute so fleißig war, hab ich morgen – aus gegebenem Anlass – frei. Trotzdem: würde Herr Rabe sowas machen, ich würde ausrasten. Manchmal frage ich mich, wie es diese Familie mit mir aushält.)

Tag 353 – Rittersport und die Mutter aller Wutanfälle. 

Michel und ich waren heute bei einem Ritterturnier. Es sind nämlich Olavsdagene hier in Trondheim, da gibt’s viel religiösen Kram rund um den Dom und Ritterfestspiele für die Kinder. Da aber der Eintritt 150 NOK pro Person betrug, sollte nur ein Erwachsener mit Michel da hin gehen und da darüber hinaus Herr Rabe und Pippi zusammen einen sehr ausgedehnten Mittagsschlaf machte, packte ich Michel in den Fahrradanhänger und fuhr mit ihm zum Dom. 

Als wir ankamen wurden gerade die Ritter  gesegnet und ritten dann zum Festplatz, da wurde Michel schon leicht panisch, dass wir was verpassen würden. Wir waren dann trotz noch-Karten-kaufen-Müssens aber doch mehr als pünktlich an der Arena und bekamen auch gute Plätze mittig in der ersten Reihe. Kopfhörer auf und los ging es. 

Nach einigem Erkläre, was historisch die Ritterspiele bedeuteten (in erster Linie Training und Quatsch, dann verbot  irgendwann ein König, dass mit scharfen Waffen gekämpft wird, weil ihm zu viele Ritter dabei drauf gingen, seitdem gab es Helm-Gebot und stumpfe Lanzen aus Holz statt Metall), ging es los. Eine Art Hofnarr (nicht der peinlichen Sorte, und ich bin da sehr empfindlich) leitete durch die Wettbewerbe, die Ritter und Ritterinnen wurden mit ihren Pferden vorgestellt und dann prügelten sich erst mal die Knappen und demonstrierten Waffenlosen Kampf. Die Spiele waren in drei Runden unterteilt: Eine Runde Übung mit Lanze, Schwert und Speer, dann das was man so als Ritterturnier kennt, also aufeinander zureiten und den anderen mit der Lanze treffen, dann eine Runde Ringe einsammeln auf der Lanze. 

Alles sehr spannend.

Runde Eins: Wehrloses Obst mit Schwertern zerhacken und dabei aggressiv brüllen.


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Runde Drei: Ringe einsammeln gegeneinander.

Zwischen den Runden demonstrierten die Knappen noch Kampf mit verschiedenen Waffen und einen Kampf mit sehr unausgeglichenen Waffen, da hatte der eine nur ein Messer und der andere hatte ein Schwert, eine Axt, ein Schild und einen Speer. Natürlich gewann der mit dem Messer. 

Insgesamt muss ich sagen, es war ein tolles Spektakel und die 300 NOK taten mir lange nicht so leid wie nach einigen Kinofilmen. Der Unterhaltungswert war für Groß und Klein etwa gleich: ich fand die Kostüme toll gemacht, die Erzählungen informativ und unterhaltsam, die Pferde toll, die Leistungen beeindruckend und vor allem nichts Fremdschamerregend, Michel hatte einen Mordsspaß, fand alles total interessant und spannend und stellte eine Million Fragen. Am Ende sprang er wild herum und klatschte dabei unaufhörlich. Und er wollte ein Schwert. 

Am Schwertstand war die Hölle los. Michel hatte sich schon eins geschnappt, ich konnte den überforderten Verkäufer aber noch nicht mal sehen, so viele Leute waren da. Dann sah ich alle Leute um mich rum Bargeld rauskramen. Ich hatte keins. Ich sah auf Michel, das Schwert, die Leute, Michel, das Schwert… Und schappte mir Michel, samt Schwert. Ich erklärte ihm, dass wir das Schwert kurz ausleihen und Geld holen, dann zurückkommen und das Schwert bezahlen. Mit einem halb geklauten Schwert wanderten wir also durch die halbe Trondheimer Innenstadt auf der Suche nach einem Geldautomaten. Michel und ich wissen jetzt: wenn man mit dem Schwert dagegen haut, machen Straßenschilder und dergleichen *Pling* oder *Döng*, Laternen machen nur *Tokk*. Jedenfalls holten wir Geld, gingen zum Stand zurück, bezahlten das Schwert und schlenderten dann noch über den Mittelaltermarkt. Da prägten wir uns unsere eigene Silbermünze, das war auch echt cool, und dann ließ ich Michel nicht das Gesicht schminken, weil das 70 (!!!) NOK gekostet hätte, das war nicht ganz so cool. Tjanun. Unter Zuhilfenahme von gebrannten Mandeln lockte ich Michel zum Fahrrad zurück. 

Münze und Schwert.

Nach dem Markt wollten wir noch kurz in der Buchhandlung vorbei, da hatten wir nämlich gestern Pippis Trinkflasche vergessen. Vor der Buchhandlung trafen wir allerdings den Pokémon-fangenden Herrn Rabe samt schlafender Pippi. Die hatten die Flasche schon eingesammelt und wir beschlossen, noch ein Eis für Michel und einen Kaffee für mich zu holen. 

Und so gingen wir in einen SevenEleven, da hab ich nämlich ne Stempelkarte und der Kaffee schmeckt auch. Michel ging direkt zum Frozen Joghurt Spender. Er wollte Schokolade. Ich drückte, es kam nichts. Leer. Michel war enttäuscht. Dann eben Erdbeer. Ich drückte. Es kam nichts. Auch leer. Michel fing an zu weinen. Er wollte Erdbeereis. Ich erklärte ihm, es sei leider alle. Er schmiss sich auf den Boden. Traurig, weinend, schreulend. Der Ladenheini kam an und bot Vanille an, das sei noch da. Michel schreulte (auf Deutsch), dass er „Blumen-Eis“ nicht wolle, nur Erdbeer. (Das mit den Blumen kommt vom Joghurt: da sind bei Vanillegeschmack immer die Blüten abgebildet.) Ich schaffte es, ihn etwas zu beruhigen und schleppte ihn zur Eistruhe. Bot ihm an, er könne sich was aussuchen. Auch so Erdbeereis in der Waffel, das mag er sonst super gerne. Nein. So Erdbeer-Joghurt-Eis, sonst nichts. Er schmiss sich wieder auf den Boden. Ich erklärte ihm, ich ginge jetzt erst den Kaffee bezahlen, dann könnten wir weiter sehen. Michel tobte und schrie. Menschen sahen uns an. Ich bezahlte meinen Kaffee und noch eine Bolle für Pippi. Michel kreischte inzwischen ziemlich herum und steigerte sich voll in den Wutanfall rein. Schlug um sich. Trat gegen Sachen. Ich stellte die Kaffeemaschine an und brachte Michel raus zu Herrn Rabe. Michel brüllte und schrie und tobte und kreischte und warf sich auf den Boden. Mitten in der Fußgängerzone. Herr Rabe erklärte. Er könne ein anderes Eis haben, das Joghurteis sei eben alle. Michel wälzte sich im Dreck, Menschen sahen uns an, Menschen dachten Dinge über uns, es war mir egal. Überhaupt waren Herr Rabe und ich total ruhig die meiste Zeit (bis Michel aus Wut und Überforderung anfing, uns zu schlagen und zu treten, da wurde der Ton kurzzeitig etwas schärfer), wir konnten es ja tatsächlich einfach nicht ändern. Immer wieder boten wir ihm das sonst so geliebte Erdbeereis in der Waffel an, aber es war zwecklos. Inzwischen hatte sich so ziemlich die gesamte Trondheimer Innenstadt ihr Urteil über unsere Elterlichen Fähigkeiten gebildet, mein Kaffee war ausgetrunken, ein Aufhören des Tobsuchtsanfalls nicht in Sicht. Michel trat weiterhin auf Bäume ein, hysterisch „Erdbeereis!!!“ kreischend. Wir stellten ihm ein Ultimatum: Waffeleis oder nach Hause auf drei. Er kreischte weiter „ERDBEEREIS!!!“. Herr Rabe steckte ihn in den Wagen. Mit einem Anhänger, aus dem es schrill „LASS MICH RAUS! LASS MICH RAUS!!! ERDBEEREIS! LASS MICH RAUS!“ tönte, fuhr ich los. (Anmerkung: er kann die Gurte des Anhängers sehr wohl selbst lösen. Aber es klingt ohne dem nicht so schön dramatisch.) Nach zweihundert Metern ebbte das Geschrei etwas ab. Nach zweihundertfünfzig Metern rief er schluchzend: „Ich mir überlegt! Ich will doch Waffeleis!“. Versprochen ist Versprochen. Also hielt ich beim Supermarkt, holte das rotgeheulte Kind aus dem Wagen und kaufte ihm unter den verständnislosen Blicken der gleichen Passanten, die den Anfall in der Fußgängerzone bezeugt hatten, ein Eis. 

Das Ende des bisher schlimmsten Wutanfalls ever.


Ich hatte es ja versprochen. Und er tat mir auch wirklich leid. Also sowohl, dass das Joghurteis alle war, als auch dass er sich in seiner Wut sicher unverstanden gefühlt hat. Nun ist es aber ja gleichzeitig so, dass so extreme Wutanfälle auch einfach nicht nachvollziehbar sind, da kann ich also auch kein Verständnis für die Wut zeigen, ab einem gewissen Grad. Da kann ich nur anbieten, was ich anbieten kann: das andere Eis, Trost, Nähe. Wenn das alles nicht gewollt wird, kann ich noch da sein und aushalten. Und mich in Teflon-Manier üben, was die Blicke und Sprüche der Anderen angeht. 

Puh. Was ein Tag. (Der Rest davon lief dann wieder recht harmonisch ab. Und das obwohl ich noch einen Ritterhelm gebastelt habe!)