Tag 1063 – Ferientag 3. Vom Schenken.

Herr Rabe und ich haben einen Mini-Disput darüber, wie wir mit den Dingen verfahren, die wir nicht mit in das neue Haus nehmen wollen. Herr Rabe sagt: alles zu Geld machen. Ich sage: nervt mich zu sehr mit Leuten wegen 50 Kronen rumzudiskutieren und Hauptsache das Zeig ist weg und wir müssen es nicht noch entsorgen. Wohlgemerkt reden wir hier nicht von tollen Dingen. Es dreht sich um zwei Schränke, die wir 2013 hier für 500 Kronen gebraucht gekauft haben, ein Kinderbett, das wir selbst geschenkt bekommen haben (für die Matratze haben wir damals noch 60 Euro bezahlt, das ist aber auch schon 5 Jahre und zwei Kinder her), Herr Rabes (ur-)alten Teppich, den er seit seinem Auszug von seinen Eltern fleißig von Wohnung zu Wohnung schleift*, einen weiteren Teppich, der 2013 der billigste Ikea-Teppich in dieser Größe war und den wir nur haben, weil Michels Zimmer damals immer so kalt am Fußboden war, sowie etwa drei Kisten Kinderklamotten, eine mit Schwangerschafts- und Stillklamotten und eine mit Draußenanzügen, Schuhen und sonstigem Gedöns, aus dem die Kinder herausgewachsen sind. Die Kinderklamotten habe ich neulich schon ins Netz gestellt, dann Anfang der Woche in GROSSBUCHSTABEN die Preise auf die Hälfte runtergesetzt und so immerhin gestern die kleinsten Größen (50-68) verschickt. Ich würde das ganze Gesumse ja auch in den Altkleidercontainer stopfen, hätte ich nicht Angst, dass die dann Wischmöppe draus machen. Das mache ich mit meinen eigenen Sachen**, aber bei den Kinderklamotten wäre das wirklich die letzte Möglichkeit. Wenn das Zeug hier am 30. noch steht, wird es so sein, dann geht der Kram in den Container und dann hoffe ich mal, das jemand noch die Wollsachen herausfischt, Wollwischmöppe sind nicht so prall, habe ich gehört.

Aber wie gesagt, es sind ja noch andere Sachen da. Heute haben mir die Kinder beim Bücher einpacken geholfen und dabei fielen mir 4 Bücher in die Hände, die ich definitiv*** nicht mehr lesen werde. Nachdem wir uns mit Herrn Rabe auf ein Eis getroffen hatten, bequatschte ich dann die Kinder dazu, noch ein Stückchen weiter zu einem Bücherschrank zu gehen. Da setzte ich die Bücher aus und wir machten uns auf den Rückweg, ich erleichtert, Pippi auf dem Laufrad und Michel auf seinem Roller.

Auf dem Weg kamen wir an einem Spielplatz vorbei und weil Pippi unbedingt wollte, hielten wir da nochmal kurz an. Pippi turnte, schaukelte, kletterte, Michel murrte herum, ich saß im Schatten und tat gar nix. Das war auch sehr schön. Neben uns saß eine Familie auf einer Picknickdecke, mit Kindersitzen am Rad. Ziemlich abgerockten Kindersitzen. Wir haben auch so einen Sitz, von der gleichen Marke, leider ist die Halterung an Herrn Rabes gestohlenem Fahrrad gewesen und so ohne Halterung bringt der Sitz ja auch nix. „Sagt mal,“ sagte ich also, „sind das bei den Sitzen immer die gleichen Halterungen?“ „Ja, glaub schon.“ sagte der Papa. „Möchtet ihr nen neuen Sitz haben? Wir haben einen ohne Halterung und dann muss ich den nicht erst noch ins Netz stellen.“ Ja, und so kam keine Stunde später die Familie vorbei, nahm den Sitz und die dazugehörige Regenpelle mit und jetzt hab ich ein Dings weniger, über das ich mit Herrn Rabe diskutieren muss.

Die Schränke werden vermutlich am Samstag abgeholt, es läuft also alles, ganz entspannt und man macht noch Leute glücklich.

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Auto-Lobhudelei: viel und erfolgreich gerödelt.

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*irgendwie hatte ich mir eingebildet, dieser Teppich sei schon längst irgendwie verschwunden, aber da war wohl der Wunsch die Mutter des Gedankens

**heute noch eine große Tüte aussortiert, aber klar, ich BRAUCHE ca. 25 Strumpfhosen, darunter geht’s einfach nicht

***ehrlich gesagt habe ich zwei davon nicht mal ganz gelesen. Aber irgendwer denkt bestimmt „Boah, Moby Dick. Wollte ich immer schon mal lesen.“. Dieser Person wünsche ich dann schon mal viel Spaß und Kaffee.

Tag 1060 – Packen und Schnacken.

Ach, den Herrn Rabe mag ich ja schon auch sehr. Mit dem ergeben sich beim Kisten packen* solche Gespräche:

„Wir sind aber schon so welche, die rumgehen und sich den Nachbarn vorstellen, oder?“

„Ja, ich würd das ja so machen, dass man rumgeht und sagt „Hallo, wir sind die neuen Nachbarn, wir machen nächsten Samstag ein Barbecue, kommt alle!“.“

„Dann müssen wir noch nen Gasgrill** kaufen.“

„Es ist schlimm. Wir können sie sonst auch zum Fernsehen auf unserem 55“-OLED-Fernseher*** einladen. „Wir haben diesen Fernseher und deshalb konnten wir uns keinen Grill mehr leisten.“.“

„Oder wir gehen hin und sagen „Wir sind die neuen Nachbarn, wir machen ein Barbecue, könnt ihr uns nen Grill leihen?“.“

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Auto-Lobhudelei: nur kurz und nur etwas panisch geworden weil noch so viel zu tun ist.

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*Es ergeben sich auch andere Gespräche, wie „Wieso fängst du eigentlich ausgerechnet mit meinen Sachen an, während ich Fußball gucke?“ – „Ich hab nicht mit deinen Sachen angefangen. Ich hab oben angefangen und da standen halt deine Sachen.“ Nicht dass Sie denken, das wär hier alles immer nur harmonisch.

**Wenn schon Reihenhaussiedlungsspießertraum, dann aber auch richtig.

***siehe auch *. Wie viel Konfliktpotenzial so ein *hust* absurd teurer und riesiger *hust* Fernseher bietet, man macht sich ja keine Vorstellung.

Tag, äh, Dings, 1058 – What a day.

Heute morgen hatten wir noch zwei Kinder in einem tollen Kindergarten, kein Haus und nur ein richtiges Einkommen.

Jetzt haben wir null Kinder in diesem Kindergarten und auch überhaupt nur noch ein KiTa-Kind, ein Haus in Eidsvoll und 2 richtige Einkommen ab nächstem Monat.

Ja.

Ich bin jetzt so fertig, ich könnte im Stehen einschlafen, das war aber auch alles sehr aufregend heute. Ich weiß jetzt, was passiert, wenn man mit seinem Gebot nicht die Erwartung der Verkäuferin erfüllt – dann zaubert der Makler erst nen zweiten Bieter aus dem Hut und dann lehnt die Verkäuferin das aber auch ab, was man dann drauflegt und das ist dann alles ein nervtötendes hin und her und am Ende „einigt“ man sich auf den veranschlagtem Preis. Und ich sage das mal so: hätte ich gewusst, dass es keine ernsthaften weiteren Interessenten gibt, hätte ich gar nicht erst so wenig geboten. Aber ich dachte wirklich, ich müsste mir Raum nach oben lassen. Hätte ich gleich den veranschlagten Preis geboten, hätte ich jetzt wohl 10-100 graue Haare weniger. Aber was zählt, ist dass wir’s jetzt haben. Es ist unser Haus und am 1.8. ziehen wir ein.

Dass am Nachmittag dann der Finanzmann anrief, am Telefon nochmal so eine Art Mini-Interview mit mir führte und damit abschloss, dass er Dienstag zu einem Treffen mit dem Chipsmann einen Arbeitsvertragsentwurf mitnehmen wird, um den mit dem Chipsmann durchzugehen und dann mit zu schicken – ja, das war dann auch schon kaum noch aufregend.

Jetzt hoffe ich, dass ich mich noch lange genug wachhalten kann, um mit Herrn Rabe ein sehr großes und sehr sehr verdientes Glas Champagner zu trinken.

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Auto-Lobhudelei: das Telefonat mit dem Finanzmann lief nach den 482 Telefonaten mit dem Makler heute so geschmeidig, ich erkannte mich selbst kaum wieder. Wie positiv und optimistisch ich „ergibt noch viel zu tun“ ausdrücken kann.

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Ach ja, die Auflösung: https://youtu.be/nQdwBRJoMR8

Tag 1057 – #WmDedgT im Juli ‘18.

Heute ist ja der 5. Juli und wie an jedem 5. fragt Frau Brüllen: Was machst Du eigentlich so den ganzen Tag?

Ich bin heute 6 Stunden lang Zug gefahren um 2 Häuser anzusehen. Aber von vorn.

Um sechs klingelte der Wecker, da war ich aber schon wach. Nach nicht mal 5 Stunden Schlaf ratterte das Unterbewusstsein mich aus dem Schlaf. Ganz toll, so kann man bestimmt voll gut wichtige Entscheidungen treffen. Aber tjanun, ich stand also auf, kam aber nicht weit, weil Pippi am Nölen war. Aus dem Bett gefallen, Hunger, Durst. Alles schlimm, keine Frage, aber in meiner Nervosität kann ich nicht gut haben, wenn ein Kleinkind permanent an mir klebt und herumgetragen werden will, das nervt mich dann alles doch sehr. Herr Rabe übernahm sie aber irgendwann ins Bett zurück, sodass ich duschen konnte. Kaffee trinkend machte ich mich fertig und zog sommerliche Sachen an. Immerhin waren selbst für Trondheim 22 Grad angekündigt. Hibbelig nutzte ich die letzten 5 Minuten vor Abmarsch zum Wäsche aufhängen, gab allen schlafenden (Pippi) und wachen (Michel) Kindern und Herrn Rabe noch einen Kuss und ging dann los. Mit leichter Übelkeit (aufregend!!!) und so früh, dass auf dem Weg die Zeit noch reichte, im Supermarkt ein paar Reisesnacks einzukaufen und am Bahnhof einen Kaffee zu holen. Um 08:14 Uhr saß ich im Zug, um 08:18 fuhr der Zug los.

Die nächsten 4,5 Stunden verbrachte ich damit, mich mit dem Schreiben einer Bewerbung* von der Nervosität und dann mit Lesen vom nicht funktionierenden Internet abzulenken. Zwischenzeitlich schrieb ich dem Chipsmann, ob es möglich wäre, im Laufe des Tages das OK des Finanzmenschen einzuholen, weil HERRGOTT ICH KAUFE VIELLEICHT EIN HAUS DA IN EINEM KAFF! Mit ein bisschen Verspätung kamen wir in Lillehammer an, ich stieg aus, holte mir einen Kaffee und stieg in den nächsten Zug. Für weitere 1,75 Stunden. Ich kam nicht zum Arbeiten, denn ich bekam von einer KiTa eine Platzzusage, dann vom Chipsmann die Aussage, der Geschäftsführer habe sein OK gegeben und der rede heute Abend mit dem Finanzmenschen** und dann hatte Herr Rabe auch noch gute Neuigkeiten von seinem Job*** und wir tauschten das alles über Telefon kurz aus. Dann telefonierte ich noch mit meiner Mutter und schwups, war der Zug in Eidsvoll und ich musste aussteigen.

Eidsvoll also. Das ist jetzt nicht direkt Oslo, eher so gar nicht, aber ein klassischer Pendlerort. Riesiger Parkplatz am Bahnhof, von da gehen 3-4 Züge pro Stunde Richtung Oslo (und zurück) und die sind dann in 35 Minuten in Oslo S. Da ist mancher Ort, der wesentlich näher an Oslo liegt, schlechter angebunden. Zur Chipsfabrik bräuchte ich mit dem Auto auch etwa 35 Minuten und die KiTa läge auf dem Weg. Allerdings läge die KiTa in der Nachbarkommune, weil in Eidsvoll alle (!) Kindergärten voll sind. Tjanun, ich war einigermaßen drauf gefasst. Ich hoffe nur, dass Randstundenbetreuung für Michel kein Drama würde, weil dann hätten wir echt ein Problem. Aber das löst sich dann auch, ganz sicher.

Jedenfalls ist Eidsvoll wirklich hübsch. Hübscher als das Dorf von letzter Woche.

Ich ging grob in Richtung der zwei Häuser und suchte mir ein Café. Und weil ich langsam irre werde eh so gute Laune hatte, sprang ich direkt mal über zwei Schatten: Ich machte einer wildfremden Frau ein Kompliment wegen ihres wirklich superschönen Kleides und dann quetschte ich die Cafébesitzerin und ein paar Locals über Eidsvoll als Wohnort aus. Fazit: da ist es natürlich super zu leben (was hatte ich erwartet****?). Dann machte ich mich auf den Weg zum ersten Haus.

Es war ein sehr warmer Weg. Geradezu unangenehm Wirklich warm. Und er führte durch lauter Baustellen, in denen neue Reihenhäuser entstehen, da dachte ich schon, oha, das erklärt, weshalb die Häuser so günstig sind, wenn man die nächsten 10 Jahre inmitten von Baustellen wohnt. Aber dann ging es in ein Wäldchen:

Und auf der anderen Seite vom Wäldchen sind keine Baustellen, sondern ein ziemlich fertiges Wohngebiet:

Ja, aber war halt warm und so kam ich schwitzend wie ein Affe an Haus Nr. 1 an, außerdem 15 Minuten zu früh. Vor dem Haus saß ein Mann im Schatten unterm Carport. Und guckte ganz verwirrt, als ich mich vorstellte und meinte, ich hätte doch für 17 Uhr eine Besichtigung abgemacht. Er wusste da nichts von und ich dachte schon „OHA!“, aber als er ins Haus rief, ob das richtig sei, dass um 17:00 Uhr eine Besichtigung geplant sei und eine Frauenstimme mit „Ja, äh, nur kleinen Moment noch!“ antwortete, entspannte ich mich kurz fast und ließ mich einigermaßen dankbar auf den angebotenen Stuhl plumpsen. Nach 5 Minuten kam die Besitzerin des Hauses heraus und begrüßte mich und dann guckte ich das Haus an. Dieses Mal machte ich ca. 6000 Fotos (ohne Weitwinkel!!!) und auch Videos. Und wie soll ich sagen? Ich bin jetzt ein bisschen verliebt. Ich möchte dieses Haus haben. Mit meinem Klemmbrett iPad, auf dem ich den Prospekt gespeichert und Notizen mit Fragen gemacht hatte, machte ich wohl einen ziemlich gut vorbereiteten Eindruck auf die Besitzerin und als ich auf die Frage „Ist die Finanzierung schon klar?“ mit „Ja.“ antworten konnte, war sie glaube ich froher als ich. Ich bekam auf alle meine Fragen zufriedenstellende Antworten. Ich habe den Wärmetauscher angeschaut, die Dunstabzugshaube angeschaut, den Backofen gestreichelt angeschaut, habe gefragt, was denn „Balkon hat leichten Wartungsbedarf“ heißen soll*****, habe einszweidrei Lagerräume inspiziert und war einfach mit allem höchst zufrieden. Es ist schon ein schickes Haus mit einer vernünftigen Raumaufteilung. Am liebsten wäre ich direkt eingezogen und ich glaube, die Besitzerin und ihr Partner hätten mich am liebsten direkt adoptiert, jedenfalls tranken wir dann noch einen Kaffee und sehr viel Wasser zusammen und als ich sagte, ich ginge jetzt noch zu einer zweiten Besichtigung, boten sie mir an, mich danach zum Bahnhof zurückzubringen, damit ich nicht wieder durch die Hitze wandern müsste. Jaja. So war das.

Aussicht. Bebauungsplan sagt: da wird nix gebaut.

Trotzdem musste ich irgendwann doch aufbrechen und das andere Haus 150 Meter weiter die Straße runter anschauen. Das war dann auch ok, aber gegen das erste anzustinken war halt dann auch schon schwer. Es stimmten dann auch einfach ein paar kleinere Dinge nicht so richtig für mich, wenig Lagerplatz, generell irgendwie komisch aufgeteilt und deshalb gefühlt wenig Platz, Lagerraum verschlossen und der Makler fand den Schlüssel nicht… Sowas halt. Aber auch hier machte ich natürlich 6000 4500 Bilder und Videos. Herr Rabe fand vorher nämlich dieses Haus eigentlich besser. Hier blieb ich nicht so lange, stellte aber alle meine Fragen (und bekam vom Makler Wischi-Waschi-Antworten wie „Ich glaube, in einem der kleineren Schlafzimmer bleibt der Schrank drin, aber ich weiß nicht in welchem.“) und schaute alles gründlich an. Ich muss ja sagen: es muss schrecklich sein, in einem Haus zu wohnen, an dem draußen ein „zu verkaufen“-Schild hängt, das muss ja zu jedem Zeitpunkt aussehen wie aus dem Katalog. Eieiei. Erklärt aber den Vollgeräumtheitszustand der Garage:

Tatsächlich nahm ich danach das Angebot des zum-Bahnhof-Gebrachtwerdens an. Ich sag ja, ich werde bekloppt springe über meine Schatten. In Haus Nr. 1 sahen sich zum Teil dieselben Menschen grad um, die ich in Haus Nr. 2 grade getroffen hatte. Im Auto sprach ich mit dem Partner der Besitzerin von Haus Nr. 1 über das gewünschte Übergabedatum, das von beiden Seiten aus auf dem letzten Juli-Wochenende liegt und, ach, könnte ich doch nur diese blöde Gebotsrunde umgehen. Denn mir wäre das Haus auch mehr als den veranschlagten Preis wert, hoffen wir mal, den anderen nicht. Weil schön wäre es natürlich schon, sich nicht allzu hoch treiben zu lassen.

Vom Bahnhof aus schrieb ich Herrn Rabe mein Resümee der zwei Häuser, vom Zug aus lud ich die Bilder und Videos in die Cloud. Ich schickte die Anzeige zu Haus Nr. 1 meiner Mutter (die gleich Feuer und Flamme war) und telefonierte kurz mit Herrn Rabe und den Kindern. Michel sagt, wir sollen das kaufen. Genau genommen: „Das kannst du ja einkaufen Mama.“ Weil es einen Garten hat. Äh ja, ich… werd’s versuchen, ne?

Ich ging durch die Sicherheitskontrolle am Flughafen und suchte mir ein ruhiges Plätzchen in Terminal C um meine Oma anzurufen. Ich hoffe, ich habe ihr jetzt klargemacht, dass ich eventuell MORGEN dieses Haus kaufe und dann in zwei Wochen das Eigenkapital, bei dem sie uns unterstützen möchte, auf meinem norwegischen Konto haben muss. Nicht in drei, vier Monaten vielleicht. Zwei Wochen. Uff.

Auf dem Weg zum Gate telefonierte ich nochmal mit Herrn Rabe, der inzwischen die Kinder ins Bett verfrachtet hatte und entweder vertraut er meinem Urteil wirklich so sehr oder er merkte einfach meine Begeisterung, aber am Ende sagte er: „Wir bieten da morgen drauf.“

Dann Flugzeug, Bloggen, Flugbus******, weiter bloggen, versuchen, das Gedankenkarussell******* zu bremsen, alles wird gut. Morgen kaufe ich dieses Haus.********

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Auto-Lobhudelei: siehe oben. Ich war heute sehr erwachsen.

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*Damit höre ich erst auf, wenn ich den Vertrag vom Chipsmann hab. Vielleicht höre ich auch einfach erstmal nicht damit auf. Zur Sicherheit.

**Ich weiß doch auch nicht, weshalb das immer mehr Leute werden.

***Sieht so aus, als würde Herr Rabe doch nicht einfach nur von mir mitgeschleift, sondern könnte den Umzug zur beruflichen Entwicklung auch gut nutzen.

****Ich bin ja immer ehrlich. Wenn mich wer im Café in Trondheim fragte, wie Trondheim denn so zum Leben sei, würde ich vermutlich mit „Lauf, Forest, Lauf!“ Antworten.

*****Muss geölt werden, Geländer eventuell lackiert.

******Trondheim empfängt mich mit den üblichen 12 Grad und Nieselregen und einer unüblichen Tunnelsperrung, die den Flugbus zwingt, über die Berge und an den sieben Zwergen vorbei zu fahren. Achtja. I will dance when I walk away.

*******Noch keine News vom Chipsmann.

********Ein abgewandeltes Filmzitat. Wer hat’s erkannt?

Tag 1056 – Extra für Sie!

Morgen mache ich wieder einen besonders spannenden WmDedgT-Ausflug, ich schaue mir nämlich zwei Häuser an. Da fahre ich mit dem Zug hin und fliege dann zurück, juchheh.

Außerdem habe ich heute ca. 20 Kindergärten angerufen und dann direkt den einzigen Platz weit und breit beantragt – ohne dass ich weiß, wo wir hinziehen. Herrn Rabe hab ich tatsächlich auf eine SMS „det ordner seg“ geantwortet und ja, die Zeichen verdichten sich, dass ich langsam den Verstand verliere.

Mehr kann ich aber jetzt auch nicht schreiben ich muss gucken, was Kühlschränke kosten.

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Auto-Lobhudelei: das mit den 20 Kindergärten war weder ein Scherz noch untertrieben. Ich telefoniere übrigens nicht gerne.

Tag 1055 – Adulting hard.

Ich habe viereckige, was sage ich, Exceltabellen-förmige Augen vom Zahlen hin- und herschieben. Nicht nur habe ich für verschiedene, in Frage kommende Wohnobjekte die zu erwartenden Kosten (Abschläge, Versicherungen, Fahrtkosten/ÖPNV, Eigentumsgemeinschaftskosten, Internet, Heizung, Teufel und seine Oma…) durchgerechnet und unserem Budget gegenübergestellt, ich habe auch eine (für uns) neue Art der gemeinschaftlichen Haushaltsführung* durchgeexcelt und solcherlei Spielereien gemacht:

Jetzt muss ich nicht mehr jedes Mal den Online-Rechner bemühen. Und nicht dass Sie einen falschen Eindruck kriegen: das spiegelt nicht unser aktuelles Budget wieder. Ähäm.

Auch gemacht: gelernt, was ein Vorkaufsrecht ist, nämlich etwas für uns grad blödes. Wir haben einfach keine Kohle übrig, um (als offenbar einzige Interessenten seit langem) den angeschlagenen Preis zu bieten ohne es wenigstens zu versuchen, den Preis zu drücken, wir haben aber auch keine Zeit, um 20 Tage „alle im Borettslag werden gefragt, ob Sie die Bude zu diesem neuen, von Frau Rabe unter vollem Nerveneinsatz gedrückten Preis nicht eventuell doch haben wollen“ abzuwarten. Plöd. Damit sind ein paar Objekte schon so gut wie raus.

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Auto-Lobhudelei: trotz lauter geexcel sehr lange mit Pippi spazieren gewesen, die Sonne genossen, die aber nur sporadisch schien.

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*Bisher fahren wir ein recht kompliziertes Modell, das wird durch nen Hauskauf sicher nicht einfacher, da stellt sich die Frage, ob es nicht einfacher geht. Andererseits fahren wir unser kompliziertes Modell jetzt auch schon seit fast 10 Jahren und, ach, es klappt ja**.

**Hier spricht die Faulheit aus mir. Konten ändern ist so ungefähr die ätzendste Arbeit, die ich mir vorstellen kann.

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Pippi-Pipi-Pieper: Piep, Piep.

Tag 1054 – Die gute Nachricht zuerst…

… Pippi hat heute morgen gesagt, sie will „Auch ein Ssslüppa anziehn. Wie Michel. Und Pappa.“. Vor ein paar Wochen haben wir ihr ja schon Unterhosen gekauft, weil ich die Hoffnung hegte, das vielleicht bald mal verstärkt in Angriff nehmen zu können. Also zauberte ich einfach einen Schlüpfer aus der Schublade und machte ein kleines Mädchen sehr stolz. Weil sie wieder Fieber hat, konnte ich den ganzen Tag Argusaugen auf sie haben, aber sie machte das wirklich toll, sagte Bescheid, ging aufs Klo, Highfive, Fistbump, Splschh!. Als wir rausgingen, wollte ich sie zu einer Windel überreden, aber sie wollte nicht. Ich packte also einen halben Schrank an Wechselklamotten ein und wir gingen raus – aber sie sagte sogar auf dem Spielplatz Bescheid und pullerte mit Hilfe ins Gebüsch. Es klappte wirklich den ganzen Tag – bis sie mit Michel fernsehen durfte, das war dann zu fesselnd. Aber danach ging es auch wieder gut. Ich bin ganz baff, von Michel war ich anderes gewohnt. Mal sehen, wie es mit den Ssslüppan hier so weitergeht, es lässt sich jedenfalls vielversprechend an.

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Auch gute Nachricht: Ich habe mit zwei Banken gesprochen, die uns beide einen Finanzierungsbeweis ausstellen werden. Damit können wir dann auf Haus/Wohnung/Borettslag*/whatever bieten. Yeah!

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Schlechte Nachricht: noch nix vom Chipsmann gehört. +++ UPDATE! Inzwischen schon, ich habe jetzt schriftlich, was ich Freitag schon mündlich bekam. Nämlich die Zusage, dass ich den Job zu meinen Konditionen (gnihihi) hab, wenn sich der Finanzmann nicht querstellt. Immerhin. +++ Außerdem: Haussuche nervt zunehmend. Diese Weitwinkelobjektivaufnahmen! 25 Meter lange Treppen, 3 Meter tiefe Arbeitsplatten, 2 Fenster die aussehen, als wäre eins nur halb so groß wie das andere. Wenn das Objekt nicht so der Knüller ist, gibts gerne noch drülfzig Bilder von Blumenvasen und anderen Dekogegenständen oder auch der Umgebung. Ja boah, toll, ihr habt nen Spielplatz aus dem Baujahr der Siedlung, grandios, hätte nicht schon meine Mutter darauf spielen können. Uhhh, Wahnsinn, Garagen. Oh, ein Kochbuch und ein Eierkarton. Man kann also ein Kochbuch auf den Tisch legen, DAS IST JA DER HAMMER DAS MUSS ICH HABEN! Immer ist der Kamin an, immer sind alle Türen auf, immer sind da diese beknackten Retro-Leitern im Bad, über die lässig ein (!) helltürkises Handtuch hängt und es stehen auch immer brennende Kerzen überall. Der Aussagegehalt dieser Bilder ist null. Dann kommen noch die Planskizzen dazu, ohne Maße und so grob, dass man auch einfach schreiben könnte „Haus hat Räume, davon sind mache viereckig“. Der letzte Schrei sind 3-D-Planskizzen, die hasse ich besonders, weil da gerne in nem 7,5 qm großen Besenschrank Schlafzimmer ein Doppelbett eingezeichnet ist, das in der Realität bei entsprechender Skalierung etwa der Größe eines durchschnittlichen Couchtischs entsprechen dürfte. Und diese blumigen Umschreibungen – „naturnah“ (= am Arsch der Welt) – „charmant“ (= alt) – „Platz für smarte Regallösungen“ (= Zimmer ist so klein, da passt auch ein Kinderbett nur hochkant rein) – „pflegeleicht“ (= weißes Plastik) – „klassisch“ (= bieder) und so weiter und so fort. Ein Trauerspiel. Und der eine Bankmensch meinte heute, im Juli wäre es immer dünn gesägt mit Objekten, Mitte August wird es dann wieder mehr. Tja, äh, hmm, WIR HABEN DOCH KEINE ZEIT! Aber ich glaub es ist nur PMS und schlecht geschlafen geschuldet, das mich das grad alles so annervt, dass ich am liebsten Finn.no einfach kleinhacken möchte, wenn ich noch einmal so ein Bild sehen muss, für das jemand mit reichlich Vordergrundunschärfe durch einen locker gebundenen Blumenstrauß in einer türkisfarbenen 45-Kronen-IKEA-Vase eine „pflegeleichte“ Küche fotografiert hat. Hoffentlich hat das bald ein gutes Ende. Ach ja und lieber Körper: ne Nacht mit mehr als fünf Stunden Schlaf wäre auch mal wieder ganz nett.

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Auto-Lobhudelei: Recht entspannt hingenommen, dass ich mit Pippi auf dem Schoß mit zwei Banken sprechen musste. Gespräche auch gut hinbekommen.

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*Borettslag ist… äh… kompliziert. Man kauft sich sozusagen ein Wohnrecht auf Lebenszeit, das man auch vererbt und so, aber man kann eben nicht mit seiner Wohnung machen was man will, sondern muss bei wichtigen Dingen (und auch vielem Kleinscheiß, das ist halt wie so ein Verein, da wird auch geregelt, wie hoch die Hecke am Reihenhaus sein darf und wann man die schneiden darf** und so) erst die Eigentümergemeinschaft befragen. Für äußerliche Veränderungen ist auch die Gemeinschaft zuständig und wenn die Eigentümerversammlung beschließt, dass jetzt alle Balkons kriegen, dann hängt man da mit drin, ob man das will oder sich leisten kann oder nicht. Dafür gibt es die Wohnungen oft sehr viel günstiger, als „Selveier“, also nur einer selbst gehörende Häuser.

**Da fällt mir ein, das in unserem Mietvertrag in unserer Wohnung in Bielefeld damals drinstand, wir dürften Nadeldrucker zwischen 22:00 Uhr und 08:00 Uhr nicht benutzen, und auch sonst sollten wir sie auf einem Filzuntersatz platzieren. Damals = 2009.

Tag 1052 – Erster Schritt.

Wir haben ungelogen den ganzen Tag am Rechner gehangen, Häuser angeguckt, Google Maps angestarrt, überlegt, noch mehr überlegt und noch weiter überlegt und am Ende haben wir uns dazu durchgerungen, die Wohnung hier in Trondheim zu kündigen. Heute. Damit wir nicht eventuell noch einen Monat mehr weiter Miete zahlen* ohne hier zu wohnen, weil plötzlich alles schnell geht und weil wir eh hier weg wollen, notfalls auch ohne dass ich einen Job in Aussicht** habe. Die Kündigung war dann auch schnell geschrieben, unterschrieben, gescannt, in den Briefkasten des Maklerbüros geworfen und der Scan mit den Worten „liegt schon im Briefkasten“ per mail geschickt. Das ist jetzt also fest. Allerspätestens am 30.9. heißt es: Tschüss, Trondheim.

Puh.

Ich freue mich drauf und mir graut es davor. Aber die Freude überwiegt dann doch. Sehr viel.

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Auto-Lobhudelei: eine schwierige Entscheidung*** endlich getroffen. Das muss reichen.

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*Ich sag mal so: so wie die Kommunikation mit dem Maklerbüro für diese Wohnung immer war, habe ich ganz wenig Hoffnung, dass die sich irgendeine Mühe geben würden, schnell Nachmieter zu finden und uns einen Teil der Mieten bis zum eigentlichen Ende der Kündigungsfrist zu erlassen. Vielleicht wenn wir die Vermieterin bitten, sich dafür einzusetzen. Könnte man ja mal machen, so nach dreieinhalb Jahren in dieser (das ist denen ja auch klar) sauteuren Wohnung.

**Habe den Chipsmann dafür noch mal schnell kontaktiert und er hat mir nochmal bestätigt, dass er keinen Grund zur Annahme sieht, dass der Finanzmensch und er sich uneinig sein könnten, was „Frau Rabe fängt im August hier an“ angeht.

***Da hängt ja noch viel mehr dran. Zum Beispiel werde ich dann jetzt aufhören, Bewerbungen in alle Welt zu schicken. Oslo it is. Oder besser: irgendwo zwischen Oslo und Chipsfabrik. Hitliste möglicher Orte und wiederum Häuser in diesen Orten steht.

Tag 1051 – Grüße aus der Chipsfabrik!

Nein, ich bin ja schon wieder zu Hause. Hier ein Bild vom Kartoffellager:

Das Gespräch heute war sehr lang, sehr aufschlussreich* und ich brauche Ihre Daumen jetzt bitte dafür, dass der Finanzchef mir und dem Chipsmann keinen Strich durch die „Frau Rabe fängt zum August hier an“-Rechnung macht, ja?

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Haussuche: macht langsam keinen Spaß mehr. Das gestern angesehene ist aber raus. Da kriegen wir für etwas mehr Geld was deutlich besseres. Aber nach Dauer-Durchforstung des Internets sehen inzwischen alle Objekte gleich aus.

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Auto-Lobhudelei: ehrlich, offen, neugierig und direkt gewesen. Und dabei super ausgesehen.

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* Das wird… spannend! Ähm. Viel zu tun! So viele Möglichkeiten! Eine Herausforderung! (Spaß beiseite: es gibt echt viel zu tun, es ist echt riskant und ich hab richtig Lust drauf es zu probieren.)

Tag 1050 – Wie man in Norwegen ein Haus kaufen könnte.

So. Jetzt nehme ich mir die Zeit.

Aus meiner deutschen Sozialisation heraus habe ich einen heiden Respekt vorm Hauskauf. In Deutschland ist das ja auch ein Riesending. Im Normalfall macht man es ja etwa so: Man arbeitet als junger Mensch, man arbeitet viel, wohnt irgendwie sauteuer zur Miete, legt was auf die hohe Kante (vielleicht hat man noch den guten alten Bausparvertrag von Mama und Papa, vielleicht können die auch für nen Kredit bürgen), dann heiratet man, kriegt vielleicht (!) das erste (!) Kind noch in der Mietswohnung und dann ist es Zeit für den Hauskauf. So Anfang 30. Finanziert auf mindestens 30 Jahre. Ein halbes Jahr Suche kann man schon einkalkulieren, es ist schließlich DIE GRÖßTE ENTSCHEIDUNG UND INVESTITION DEINES LEBENS!!!1elf. Viele, die ich kenne, sind auch immernoch der Meinung, in Wohneigentum bleibt man dann wohnen bis man mit den Füßen voran herausgetragen wird, so wie unsere Großeltern das schließlich auch machten. Dass das irgendwie kurz gedacht ist, weil sich auch die Arbeitskultur stark verändert hat und die wenigsten meiner Generation von der Lehre bis zur Rente im selben Betrieb bleiben lassen wir mal beiseite. Jedenfalls, wenn man ein Haus kaufen will, geht man zur Bank, die rechnet aus, was man sich leihen könnte, dann geht man zum Makler, der zeigt einem, keine Ahnung, 2,3 Objekte? Dann geht man mit dem Exposé zur Bank, die Bank so hmmhmm…, dann geht man noch mit nem Gutachter durch und dann vielleicht nochmal mit nem anderen Gutachter und dann bildet man sich ein DIE GRÖßTE ENTSCHEIDUNG SEINES LEBENS beruhigt treffen zu können und kauft das Haus oder eben nicht. Am Ende sitzen dann alle beim Notar, der nimmt fürs weise aussehen und geschäftig nicken und Ausweise überprüfen 5000€ für 20 Minuten und dann hat man ein Haus. Und Kaufnebenkosten von ca. 10% an der Backe, weshalb es auch einfach gar keinen Sinn macht, innerhalb kurzer Zeit wieder zu verkaufen, denn die Kaufnebenkosten sind dann eben futsch.

Auftritt: die Norweger. Der gemeine Norweger hat einen Bausparvertrag, hier BSU (Bolig Spar Ung) genannt. Der gibt eine ganz gute Rendite und vor allem Steuerfreibeträge (deshalb macht das auch erst Sinn, wenn man schon etwas Geld verdient), allerdings kann man nur einen bestimmten Betrag pro Jahr (25.000 Kronen) und auch insgesamt (300.000 Kronen) ansparen. Und man MUSS das angesparte Geld am Ende für irgendwas mit Wohnen nutzen. Man muss nicht selbst kaufen, man kann auch das Haus der Großeltern erben und umbauen oder das Dach sanieren, aber es muss irgendwie mit Wohnen zu tun haben. Wir haben keinen BSU-Vertrag. Damit sind wir echte Exoten. Aber wir sind ja eh Exoten, denn: der gemeine Norweger kauft seine erste Bude im Studium. Der BSU-Vertrag ist da ja ne gute Grundlage, denn: man braucht 15% des Immobilienwertes als Eigenkapital. Mit 300.000 Kronen Eigenkapital* kann man also etwas für 2 Millionen Kronen kaufen, wenn man nicht grad ganz zentral in Oslo (oder auch Trondheim) wohnen will, reicht das für ne ziemlich anständige 2 Zimmer-Küche-Bad-Wohnung. Der gemeine Norweger wohnt in dieser Wohnung also eine Weile, sagen wir mal, 5 Jahre, dann ist das Studium vorbei und er will mit seiner Freundin zusammenziehen, zwei Leute verscherbeln also ihre 2-Millionen-Wohnungen (an denen sie ja auch 5 Jahre abbezahlt haben UND die, zumindest in den meisten Landstrichen in den letzten 10 Jahren, immens an Wert gewonnen haben) und ziehen zusammen in eine… 3,5 Millionen Wohnung. Man will es ja nicht übertreiben. Jetzt arbeiten sie beide voll und fertig ausgebildet, bekommen Kinder, die Wohnung wird klein, nach wieder fünf Jahren wird die Wohnung wieder verkauft und ein Haus bezogen. Für 5 Millionen. Der gemeine Norweger und seine Freundin sind dann jetzt etwa so alt wie der gemeine Deutsche und seine Frau. Und warum funktioniert das norwegische System? 1. Weil es kulturell hier anders ist. Niemand nimmt automatisch an, wenn du ein Haus kaufst, dass du da für immer wohnen bleiben wirst. 2. weil die Mieten so hoch sind, dass neben einer Miete kaum jemand schafft, nennenswert Vermögen anzusammeln (15% von dem 5 Millionen-Haus mit Anfang, Mitte 30 ist kein Pappenstiel). 3. weil die Wohnungspreise immernoch steigen und gleichzeitig die Kreditzinsen grad echt günstig sind und 4. weil die Kaufnebenkosten viel geringer sind. Nämlich 2,5 %, plus ein paar Kleckerbeträge um die 500 Kronen. Nix Notar. Man „verliert“ also auch einfach nicht so viel, wenn man nach einigen (wenigen) Jahren wieder umzieht.

Aber wie läuft das denn nun mit dem Hauskauf? Also, erstmal redet man mit der Bank, wieviel man denn leihen kann. Wenn man nicht grad Ausländer ist und das außerdem zum ersten Mal macht, geht das unter Umständen auch vom Sofa aus mit ein paar Klicks. Die Bank stellt dann einen sogenannten Finanzierungsbeweis aus. Da steht dann im Grunde „Frau Rabe kriegt von uns 3,4 Millionen, weil sie 600.000 Eigenkapital hat und genug verdient um das entsprechend abzuzahlen“. (Spoiler: verdient sie grad eher nicht, aber ihr Mann schon, aber sie ist unter 34 und kriegt noch nen günstigeren Bankkredit als ihr quasi greisenhafter aber reicher Ehemann.)

Mit diesem Wisch in der Hand auf dem Handy geht man dann los und durchforstet Finn.no. Das ist wie Ebay Kleinanzeigen, nur cooler. Da stehen tausende Wohnungen drin. Wenn einem eine gefällt und die innerhalb des Preissegments ist, das man anpeilt, geht man zur Besichtigung. Das sind normalerweise feste Termine von MAXIMAL einer Stunde. Da steht man dann zum Teil auch mit 20 anderen Paaren, in einer extra aufgehübschten** Wohnung und wird vom Makler in blumigen Worten durchgeschleust. Weil 20 andere Paare da sind und die Eigentümer selbst im Normalfall nicht kommt man kaum dazu, vernünftige Fragen zu stellen oder Sachen wirklich mal genauer abzuklopfen. Mit einem eeeeetwas umfangreicheren Eindruck als vorher geht man also wieder nach Hause und dann kommt die Budrunde. Da sitzen jetzt alle die Paare mit ihren Finanzierungsbeweisen und bieten via Finn oder (nicht mehr so üblich wie noch vor wenigen Jahren) per SMS*** auf das Objekt. Über den Betrag, den die Bank abgesegnet hat, kann man nicht gehen, das lässt das System nicht zu, aber im Prinzip ist es echt wie bei eBay. Bequem von zu Hause aus. Oder aus der Straßenbahn. Wer am meisten bietet, kriegt halt das Objekt. Der Bank ist es wurst, was du kaufst, dem Makler und den Verkäufern ist es wurst, wer es kauft und ich habe auch schon von Leuten gehört, die so oft in budrunden überboten wurden, dass es ihnen am Ende fast schon wurst war, was sie kauften. Auf der anderen Seite habe ich auch eine Kollegin, die ihre erste Wohnung echt günstig bekommen hat, weil niemand darauf bot und sie als einzige dann mit einem Gebot deutlich unter der von den Verkäufern angepeilten Summe den Zuschlag bekommen hat. Das muss dann zwar der Verkäufer trotzdem absegnen, aber wenn er das macht, kann man so manchmal echte Schnäppchen machen, zum Beispiel wenn Objekte ganz schnell verkauft werden müssen und keine Zeit fürs Aufhübschen und mehrere Besichtigungstermine bleibt.

Das Haus, das ich heute angesehen habe, ist auch so ein Kandidat. Und nachdem ich es heute gesehen habe, würde ich auch nicht mehr den angepeilten Preis bieten, sondern etwas deutlich darunter. Nicht, weil es irgendwie schlecht gewesen wäre, aber eins gilt auch in Norwegen: Lage, Lage, Lage. Und ein Vorort von einem Vorvorvorort von Oslo, auf einem Berg, hinter einem Wald, das ist… keine tolle Lage. Außerdem ist der Ofen doof und zu nah an der Wand (Brandschutz sagt: 10 cm! Meine ersten 2 Zeigefingerglieder sind nicht 10 cm lang!), die Platte unterm Ofen ist zu klein, am einen Fenster ist ein Kratzer im Rahmen und eine Dachpfanne ist lose. Und im Obergeschoss hat alles Schrägen, was das Aufstellen des Kinder-Hochbetts halt etwas verkompliziert. Aber vielleicht kriegen die dann auch einfach das große Zimmer mit den vier Fenstern, in das man keine Schränke stellen kann, weil halt überall Fenster sind. Ja, nee. Den Preis den die haben wollen, möchte ich nicht bezahlen. Da reißt es die Badewanne auch nicht raus.

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Auto-Lobhudelei: Ich. Habe. Ein. Haus. Besichtigt. Ganz. Alleine. Zum. Ersten. Mal. In. Meinem. Leben****.

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*Man kann auch anderes Eigentum beleihen, zum Beispiel das Haus der Eltern. Das machen aber nicht alle Banken und keine nimmt Eigentum außerhalb Skandinaviens als Pfand.

**woran man merkt, dass Norweger bald ausziehen: Sie lackieren ganz schnell noch mal die Haustür (ohne sie vorher abzuschleifen, muss ja nur für 1 Stunde gut aussehen) oder streichen das Grafitti an der Hauswand mit einer… nahezu zur Restwand passenden Farbe über. Es wird auch gern günstige Deko geliehen oder sogar gekauft, weil es sich halt lohnt. Für 1000 Kronen aufgerüscht, für 50.000 mehr verkauft.

***Deshalb geht das jetzt über Finn und mit automatischer Kontrolle des Finanzierungsbeweises: weil die Leute, die per SMS geboten haben, alle Blut und Wasser geschwitzt haben, dass sie versehentlich ne null zu viel eingetippt haben. So jedenfalls meine Theorie.

****Das hat meine norwegische Freundin gestern ziemlich amüsiert („hehe, wie alt bist du noch mal? 33?“ Sicher?), aber sie hat sich dann die Zeit genommen, mit mir den ganzen 60-Seitigen Hausprospekt durchzugehen. Viel Liebe dafür.