Tag 1899 – Supereltern.

Pippi und ihre Kindergartenfreundin kamen gestern beim Abholen auf die Idee, dass die Kindergartenfreundin doch mit zu uns kommen könnte. Gleich sofort. Gleich sofort ging natürlich nicht, aber ich versprach den beiden, dass ich das mit der Mama von M. absprechen würde, ob M. morgen (also heute) mitkommen könnte. Konnte sie und deshalb holte ich heute zwei sehr sehr aufgeregte und jubelnde kleine Mädchen aus dem Kindergarten ab. Das war schon ziemlich niedlich, wie die zwei wie die Königinnen zum Tor stolzierten, und ich wie der Hofnarr mit 1000 Dingen beladen* hinterdrein.

Zu Hause angekommen war kurz alles sehr aufregend und ich erlaubte zur allgemeinen Beruhigung eine Folge iPad (Mia and Me). Dann musste Pippi ihrer Freundin unbedingt die Badewanne zeigen, und sie standen beide mit Hundeblick in der Küche, ob sie baden könnten? Biiittäääää? Äh, ja, ok, grad mit M.s Mutter abgeklärt und dann hatte Herr Rabe die zwei schon in die Badewanne gesteckt. Ich hörte sie oben plantschen („Uiiiii guck wie dreckig das Wasser ist!“) und machte unten Kaffee, das war schon sehr Bullerbü-mäßig. Also mein Bullerbü. Meine ganz persönliche Familienidylle. Herr Rabe wusch den Mädchen die Haare und sie durften selbst ausspülen durch Untertauchen. M. kann sehr lange die Luft anhalten. Beunruhigend lange. Dann rissen beide Mädchen gackernd die Köpfe hoch, sprotzten mit den nassen Haaren das ganze Bad voll und das war auch alles immer noch sehr idyllig. Ich wollte dann eigentlich M. beim Abtrocknen und Anziehen und Föhnen der polangen Haare helfen, aber dieses Kind kann alles selbst. Und macht das auch! Meine Kinder können das ja durchaus auch, aber Mamas oder Papas Hilfe ist trotzdem mehr als willkommen. M. kämmte ihre Haare, trocknete sich ab, zog sich an, föhnte (eher halbherzig, aber verständlich, bei so langen Haaren) und machte sich zum Schluss sogar noch zwei Zöpfe. Mit noch nicht mal fünf Jahren. Faszinierend.

Danach gab es Essen, in der etwas untypischen Reihenfolge erst Kuchen, dann direkt Pizza, was bei meinen Kindern eher schlecht als recht funktioniert (im Sinne, dass sie sich nicht nur Kuchen reindrücken, bis sie platzen) aber M. schob sich etwa eine halbe Pizza rein, davor und danach Kuchen, dazu 2 Gläser Milch und hätte dann auch noch Eis gegessen, aber da schickte ich die Mädels erst mal raus aufs Trampolin, ein bisschen von dem Zuckerrausch raushüpfen. Da hüpften sie dann mit ihren wippenden Zöpfchen laut johlend und es war immer noch alles sehr Bullerbü.

Mit ein wenig Zwang spielte Michel auch noch seine fünf Minuten Kornett und lachte mich aus, weil ich da nur klägliche Töne rausbekomme. Michel muss jetzt immer C-D-C-D spielen, aber irgendwie ändert sich der Ton nur minimal, wenn er die Ventile drückt und ich fragte ihn irgendwann, ob er da überhaupt einen Unterschied hört. „NEIN!“ motzte er mich an. „NUR DER EINE IST DU KLER UND DER ANDERE HELLER!“ Ach so, ja, also doch ein Unterschied. Da lässt sich ja mit arbeiten.

Als M. abgeholt wurde gab es noch dicke Umarmungen und das versprochene Eis und dann hatten wir alle den Spielbesuch mit Bravour bestanden, finde ich. Fand Pippi auch. M. darf gern öfter kommen.

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*freitags ist der einzige Tag, an dem wir Eltern in den Kindergarten dürfen. Und das auch nur, um Klamotten, Schuhe, Regensachen und solche Dinge zu checken und gegebenenfalls mitzunehmen, zu waschen und montags wieder in das schwarze Loch Kindergarten abzuliefern. Es ist manchmal etwas faszinierend, was man da freitags alles findet. Und dann noch von zwei Kindern! Ein Abenteuer.

Tag 1897 – Matschetag.

Habe den ganzen Tag furchtbare Kopfschmerzen gehabt, das ging gestern schon los, wurde aber nie eine „richtige“ Migräne, sondern blieb einfach bei starken Kopfschmerzen. Migränetabletten hatte ich fahrlässiger Weise eh nicht mehr, Ibuprofen wirkte erst bei der dritten Dosis. Danach war der Kopf ziemlicher Matsch von den überstandenen Kopfschmerzen, davor wegen der Kopfschmerzen selbst. Das war gar nicht mal so toll, ich hoffe, ich habe den Menschen da draußen keinen Mist per Mail geschrieben.

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Pippi hat jetzt richtig Spaß am Tanzen. Das ist sehr schön zu sehen. Da es aber eh keinen Sinn macht, für die Zeit, die sie da ist, nach Hause zu fahren, sitze ich meistens im Café im Einkaufszentrum und arbeite noch ein bisschen und trinke Kaffee. Falls was ist (vorletzte Woche hat sie sich den Kopf an der Ballettstange gestoßen), findet sie mich da, ansonsten hole ich nach einer Stunde ein fröhlich hopsendes Mäuschen ab, das mir die neuesten Moves vorführt und auch für ein paar Tage nicht damit aufhört. Herr Rabe hat sie heute für den HipHop-Kurs gestylt und weil sie aussehen wollte wie Missy Elliot, ging sie mit Caps über Beanie da hin. Hach! Klappt das mit der Tanzliebe also doch noch.

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Herr Rabe ging heute mit Michel noch eine Runde Pokémon fangen. Das beruhigt Michels Gemüt wenigstens einigermaßen. Am Sonntag haben wir das auch schon gemacht, da hat er wegen Community day an Norwegens bestem Pokémon-Go-Spot bei uns um die Ecke auch noch ein paar Schulfreunde getroffen und war zufrieden. Insgesamt sind wir ja grad in so einer etwas anstrengenden Phase, wo sich anscheinend innen und außen alles mögliche mal wieder neu anordnet und… puh. Ich möchte mein kreatives, lustiges, empathisches Kind zurück und würd auch ganz gern weniger angeschrien werden. Dafür kriege ich jetzt einen großen Sohn, der von einer Woche auf die nächste plötzlich aussieht wie ein großes Kind. Also so, dass es selbst uns, die wir ihn ja täglich sehen, auffällt. Vielleicht ist es auch das, diese gemeine Zeit, in der man für vieles (zu) groß und für vieles (zu) klein ist. ich erinnere mich an ätzende Zeiten. Hmm.

Was ich aber unheimlich niedlich finde, sind seine Eigenheiten beim Sprechen. Zum Beispiel sagt er immer, bevor er eine Frage stellt: „Mama, ich habe eine Frage.“ Oder „Mama, ich möchte dir etwas sagen.“ wie so eine kleine Einleitung und Vorbereitung auf das was kommt. Und natürlich ist er weiterhin klug, weiß total viele scheinbar random Fakten zu allen möglichen Themen und erzählt auch gern darüber besonders gerne wenn er damit seine kleine Schwester korrigieren kann. Und eigentlich will ich doch nur, dass es ihm gut geht und er glücklich ist. Seufz.

Die Hinweise verdichten sich, dass ich wirklich ein kleines Mini-Me habe. Der so klein gar nicht mehr ist, sondern zur Zeit für sein Alter eher groß. Wo ist die Zeit hin?

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Vor sieben Jahren und vier Tagen kamen wir in Norwegen an. Mit Speckzwergi Michel (damals 11 Monate alt) und einem Sprinter und dem Prius voll Kram. Und jetzt haben wir zwei Kinder, ein Haus und zwei echt gute Jobs. Und eine Badewanne. WO IST DIE ZEIT HIN???

Tag 1895 – Totales Chaos.

Eigentlich war alles entspannt. Ich räumte grad sämtliche Bücher aus den Regalen im „Loftwohnzimmer“ (demnächst Arbeitszimmer) auf den Fußboden, als es an der Tür klingelte. Da stand die Nachbarin, Michel habe sich weh getan. Ich hatte das sogar gehört, aber mal ehrlich, die Kinder schreien und grölen und johlen immer so auf dem Trampolin, ich kann da nicht am Klang zwischen Spaß und Ernst unterscheiden. Jedenfalls war irgendwas nicht mehr 100%ig rekonstruierbares passiert und dann konnte Michel sein Bein nicht mehr strecken.

„Schmerzmittel“ sagte die Legevakt, und „rufen Sie in 2 Stunden noch mal an, geröntgt wird da heute sowieso nicht mehr“.

Nun haben wir ja grade so eine Odyssee hinter uns, ich weiß also, dass ein Tag drauf geht, erst auf einen Arzttermin zu warten, dann nach Oslo zu fahren, dort zu warten, usw.

Deshalb fuhren Michel und Herr Rabe heute Abend noch nach Oslo, in die Privatklinik, die hat nämlich eine Unfall-Legevakt, die bis 22 Uhr geöffnet ist.

Ja, bis 22 Uhr. Sie sind noch unterwegs. Es war ein Unfall auf der E6, da standen sie im Stau und auch wegen „rufen Sie in 2 Stunden noch mal an“ fiel die Entscheidung, noch zu fahren, grenzwertig spät.

Und ich liege jetzt hier neben der schnorchelnden Pippi und hoffe, dass sie Mann und Kind nicht wieder weg schicken. (Und natürlich, dass es nichts schlimmes ist.)

Hier übrigens der Bücherhaufen. Wir müssen auf etwa 1/4 davon runter.

Tag 1893 – Yeahannnnaja.

Die Badewanne wurde geliefert! Leider sagte uns niemand Bescheid oder klingelte gar, sodass wir gegen Mittag beim Verlassen des Hauses quasi über die Badewanne fielen.

Ich hatte mir schon ausgemalt, wie ich das ganze Wochenende bade (solange ich warmes Wasser habe, jedenfalls), aber der Installateur kann nun erst am Montag kommen. Seufz.

Wenigstens konnte ich so noch die grad freie Ecke im Bad nutzen und den Ablauf im Boden reinigen. Da kommt man ja sonst schlecht dran, da steht ja demnächst eine Badewanne und stand bisher eine Dusche drauf. Hurrrrrgs wie eklig das ist. Was sich da ansammelt! Igitt einfach. Gut, dass ich noch Chlorreiniger hatte, das und eine Klobürste machten es immerhin möglich, mit maximal möglichem Abstand zu dem Gubbel im Loch den Ablauf zu reinigen. Ist jetzt sauber. (Urgs trotzdem.)

Weiterhin hustet Michel tagsüber gar nicht. Dafür aber nachts um so mehr, weshalb er auch heute nicht in der Schule war. Seufz.

Wir haben einen Bürostuhl besichtigt. Herr Rabe will ihn haben. Ich fahre nächste Woche mal zu einem großen Büroausstatter und sitze einige Modelle Probe. Ich hab mich so an das Beine hochlegen können am Esstisch im Wohnzimmer gewöhnt, dass ich mir grad gar nichts anderes vorstellen kann.

Insgesamt ratlos wegen allem.

Tag 1857 – Hjemme.

Michel hat ja einen neuen Kumpel, E. E. ist auch im Sport-Hort und E. wohnt literally 3 Häuser weiter. E. ist ein Jahr älter als Michel und hat eine große Schwester „die ist aber eigentlich wie eine kleine Schwester, weil die hat Downs“. E.s Papa wohnt auch in der Nähe, aber nicht mit der Mama zusammen.

E. geht hier inzwischen ein und aus. Für uns kein großes Ding, der ist ein umgänglicher Typ, vielleicht etwas sehr gesprächig, aber das ist Michel ja auch. Gemeinsam reden die dann ohne Unterlass, das ist schon manchmal ein bisschen anstrengend, aber besser vollgelabert als angeschrien werden.

Heute hatte E. seine Mutter belabert, dass Michel bei ihm schlafen darf. Michel war, hmm, verhalten begeistert. Also er wollte schon, packte auch seine Sachen, hätte aber zum Beispiel fast Bunti vergessen, sein aktuelles Lieblings-Kuscheltier, einen riesigen Hund mit bunten Applikationen. E. war aber ganz begeistert und ich kenne ja mein Kind: der sagt nicht „du, eigentlich hab ich ein bisschen Schiss“. Denn das letzte Mal, dass er woanders übernachtet hat, war bei H. in Trondheim, als wir noch da wohnten. Das ist eine ziemlich lange Weile her.

Ich brachte Michel und E. zu E. nach Hause, weil ich auch ganz gerne die Nummer von E.s Mutter haben wollte, die hatte ich nämlich bisher noch nicht kennen gelernt. E. fand das zwar übertrieben, aber das ist mir ja wurscht und Michel schien mir etwas seltsam, da dachte ich, es ist eh besser, wenn ich ihn bringe. Auf dem Weg (ca. 150 Meter) wurde Michel immer kleiner und stiller und als E. kurz vorm Haus abbog, um seinen Roller in den Schuppen zu räumen, kniete ich mich vor Michel hin und sagte, er müsse nicht übernachten, wenn er nicht will. Michel drückte sein Gesicht in Bunti und murmelte was von „vielleicht“ und da ging schon die Tür auf und E. bat uns herein. Michel versteckte sich hinter mir und ich begrüßte erst mal die Mutter von E., die sehr nett war. Ich sagte ihr, dass Michel ziemlich lange nicht bei anderen übernachtet hat und vielleicht lieber zu Hause schlafen will. G. (die Mutter) sagte, das sei gar kein Problem, die Jungs könnten auch einfach Pizza essen und einen Film gucken und dann könnte Michel auch nach Hause wenn er möchte, überhaupt kein Problem. Ich machte mit Michel ab, dass ich ihn in einer halben Stunde anrufen würde, um zu hören, wie es läuft. Das fand Michel ok.

Das erste Telefonat war ungefähr so:

Norwegische Schreiblern-Schrift verstehen ist für Fortgeschrittene.

Ich rief an, fragte wie es läuft, „ein bisschen gut“, und ob er bleiben will, „vielleicht“. Wir machten wieder ein Telefonat nach 30 Minuten ab.

Zweites Telefonat. „Es ist ein bisschen gut. Die Pizza machen die leckerer als ihr!“. Wieder auf die Frage, ob er bleiben will „vielleicht“, wieder Telefonat nach 30 Minuten.

Ich rief an „hmm?“ „wie geht es?“ „ein bisschen gut“ „sollen wir es so machen, dass du mich beim nächsten mal anrufst?“ „ok“.

Es dauerte keine 30 Minuten, sondern eher 15, bis mein Telefon klingelte. Er würde gern nach Hause kommen um zu erzählen, wie es ist. Well, ok? Ob ich ihn abholen solle? Nein, E. und seine Mutter kämen mit.

Da standen sie also vor der Tür und G. sagte, Michel hätte wohl eine Umarmung von uns haben wollen. Michel druckste rum und daddelte auf dem Telefon (eine neue Übersprungshandlung, Yeah). Ich fragte, ob er denn noch mal zurück und dort, oder lieber zu Hause schlafen wolle. „Vielleicht“. Naja, es war halb zehn, also sagte ich, es sei jetzt doch mal langsam an der Zeit, sich zu entscheiden. G. sagte, es sei wirklich in Ordnung, Michel und E. würden sich ja auch morgen früh wieder sehen. „Vielleicht.“ sagte Michel und daddelte auf dem Handy. Ich drückte ihn und er murmelte was. „Das hab ich nicht verstanden, was hast du gesagt?“ „hjemme.“ murmelte er. Zu Hause. Dem Telefon erzählte er das.

Long story short: wir gingen noch mal mit zurück und holten Bunti und die Übernachtungssachen. Michel druckste herum und wollte nicht mit mir reden, sondern lieber die Sterne fotografieren. Im Bad beim Schlafanzug anziehen sagte ich ihm aber, dass ich das sehr tøff von ihm fand, zu sagen, dass er lieber nicht übernachten will, weil man da mutig sein muss, wenn man weiß, dass das den Freund vielleicht enttäuscht. Und dass wir das gerne noch mal probieren können, vielleicht, wenn Michel auch E.s Mama besser kennt?

„Ich schlafe lieber bei Leuten, die ich gut kenne. Eigentlich nur bei H.“

Ach, mein Zwerg. H. ist leider wirklich weit weg. Ich bin sicher, auch E. und G. sind sehr nette, warme Menschen. Für mich musst du gar nichts machen, du bist gut, wie du bist. Und es ist wirklich mutig, zu sagen, dass man was nicht möchte. Auch nach vielen „vielleichts“.

Tag 1853 – Flink gutt.

(Flink pike auch, ich war heute echt Supermom und super-alles, wie so ne Karrierefrau: Auto zum Service, Arbeiten, Meeting, Meeting, Auto abholen, Elterngespräch, Arbeiten, anderes Kind abholen, Kind zum Tanzen fahren, arbeiten, mit Kind nach Hause fahren, Essen machen, mit Kind Hausaufgaben machen, Sport. UFF!)

Michel ist heute alleine aus der Schule nach Hause gekommen, nach Absprache. Er durfte mit dem Fahrrad fahren, musste mich aber bei Abfahrt an der Schule anrufen („Mama? Ich fahre jetzt los.“ [tut, tut]) und bei Ankunft zu Hause auch („Ich bin da.“ [tut, tut]). Da saß ich noch im Auto auf dem Weg nach Hause, wie geplant. Zu Hause sammelte ich das stolze Kind ein und wir fuhren zurück in die Schule, zum „Entwicklungsgespräch“. Herr Rabe hatte da eine laaaaange Liste vorbereitet, über was wir sprechen sollten und das taten wir dann auch. Michel ist in der Schule gut (bis sehr gut), behauptet aber anderes. Woran das liegt, wissen weder wir noch die Lehrerin. Die Kinder kriegen hier ja keine Noten, aber er erfüllt alle Lernziele problemlos, was will man mehr.

Die Sprache kam aber auch schnell auf die momentanen Herausforderungen mit Ungeduld und Wut und Ausrastern wegen gefühlter Ungerechtigkeit und all dem. In der Schule ist es nicht wie zu Hause, was gut ist, aber die Ungeduld ist auch da zu merken, allerdings eher in so Fingerschnips-eh-eh-hier-Antwortreinruf-Verhalten (Hurra, ich habe einen kleinen Klon von mir erschaffen, vielleicht nennen wir ihn einfach ab jetzt Hermine). Die Lehrerin findet aber dass Michel in seinem Verhalten voll im Normbereich liegt und das beruhigt mich ja doch, ich hab ja nur das eine Kind und keinen Referenzrahmen. Trotzdem arbeiten wir nun gemeinsam an dem Geduldsthema und auch an der Wut, und bleiben da mit der Lehrerin in Kontakt, ob und wie sich was tut. Michel hat sich außerdem eine Visualisierung seiner (Schul-)aufgaben und seines Verhaltens gewünscht und dass wir das an ein Belohnungssystem knüpfen und wenn das Kind es so wünscht, dann soll es geschehen.

(Disclaimer: Er hat das natürlich nicht so formuliert. Das ist meine erwachsene Interpretation seiner kindlichen Worte. Ich bin ja im Grunde auch gegen Belohnung für alltägliches oder normales Verhalten, aber wenn es ihm erleichtert, zu sehen, was er noch machen muss oder wie oft es Geschrei wegen gar nichts gibt [er findet das nämlich nicht so oft], können wir das für eine Weile so machen. Bedürfnis und so. Seins, nicht meins. Hust, nonmention, hust.)

Insgesamt ein gutes, ruhiges Gespräch, das mich sehr beruhigt hat und in dem mir der zappelnde, Übersprungshandelnde Michel ziemlich leid tat. Ich glaube, fast acht sein ist gar nicht mal so einfach.

Tag 1840 – Arme Maus.

Pippi hat heute ihre Brille bekommen. Die Brille schläft jetzt mit im Bett (in der Box). Pippi ist total stolz und Michel ist total neidisch. Den Vorteil, keine Brille zu brauchen sieht er nicht so wirklich. (Ich finde ja auch echt zwei Fehlsichtige in der Familie reichen, so finanziell. Für Pippis Brille bekommen wir zwar etwas erstattet, aber das deckt ungefähr 1/4 der Gesamtkosten. Hurra.)

Nach dem Brille abholen war außerdem Pippis erste Tanzstunde (Mini-Jazz 5-7 Jahre). Wegen Corona durfte ich nicht mit rein, maximal bis zur Rezeption hätte ich mit gedurft, aber die Horde rosa Tütü-bekleideter Mädchen (null Jungs und ich lasse mich jetzt nicht über den Sinn und Unsinn von Tütüs zum Tanzen aus, nein, nein, niemals) wurde an der Tür von der Lehrerin abgeholt. Also ich nehme mal an, dass das die Lehrerin war, sich vorgestellt hat sie sich nämlich nicht (möööp, sorry). Pippi und ich hatten vorher schon über das „Erwachsene dürfen nicht rein“-Thema gesprochen und ich hatte ihr gesagt, dass ich in der Nähe bleibe und die von der Tanzschule mich anrufen können. Sie war dann kurz besorgt, weil sie ja kein Telefon hat, aber glaubte mir, dass da drin alle diverse Telefone haben. Pippi ging dann auch freudig-aufgeregt mit rein und ich ging, weil ich echt keine Lust hatte, auf der nackten Steintreppe eines Einkaufszentrums rumzusitzen, einkaufen.

Eine Dreiviertelstunde später stand ich wieder wartend vor der Tanzschule, viel zu früh, aber egal, ich dachte derweil darüber nach, ob ich Pippi nicht doch Ballettschuhe kaufen sollte, weil sie ja bestimmt jetzt da überglücklich rauskäme und mir augenblicklich in den Ohren läge, dass sie auch ein rosa Tütü und Schuhe haben will.

Pippi kam pünktlich raus und ich sah schon, dass irgendwas nicht gut war. Bei mir angekommen fing sie an zu weinen und als ich fragte, warum, sagte sie „die haben dich nicht angerufen! Ich gehe da nie wieder hin!“. Bumm.

Ich gebe zu, da gehen selbst bei mir so Scheuklappen runter und die Löwenmutter kommt raus. Pippi sagte, sie habe die ganze Zeit geweint und gar nicht mitgemacht und auch überhaupt keinen Spaß gehabt, also glaubte ich ihr das und schrieb eine ziemlich entsetzte und angepisste Mail, als wir wieder zu Hause waren. Warum man mich nicht angerufen hätte.

Die Reaktion der Tanzschule kam fix und war freundlich und ebenso entsetzt, sowas soll natürlich nicht passieren. Sie würden mit der Lehrerin reden, die sei nur grad in einem anderen Kurs. Eine andere Angestellte sei in dem Kurs gewesen und hätte da mit einem anderen Kind gesprochen, der sei aber nichts weiter aufgefallen (also kein heulendes Kind in der Ecke oder so).

Ich sprach noch mal in Ruhe mit Pippi, da hörte sich schon alles viel weniger schlimm an. Sie habe in der Stunde nicht geweint, nur sehr sehr traurig ausgesehen. Sie musste ihre Brille absetzten. Und sie hat der Lehrerin gesagt, dass sie mich vermisst, aber nur leise und die Lehrerin hat das nicht gehört.

Dann hat Pippi etwa fünfhundert mal „Kopf und Schultern, Knie und Fuß“ vorgetanzt und gesungen, das haben sie nämlich heute gemacht und das war auch eigentlich lustig. Und ich fühlte mich ein bisschen dumm. Auf meine Rückmeldung „war wohl doch alles nicht so dramatisch und das Kind hat sich wohl nichts anmerken lassen“ bekam ich wenigstens die sehr nette Antwort, dass das kein Problem sei, ich* das nächste mal gerne mit rein dürfe, das hätten sie jetzt so besprochen, dass ganz neue bei den Kleinen das bei den ersten Malen eventuell einfach noch brauchen und dass auch die Lehrerin noch mal mit Pippi spricht, damit die weiß, dass sie auch laut mit ihr reden kann. Außerdem hat nun die Tanzschule meine und Herrn Rabes Nummer und Pippi sagt, sie will es nächste Woche noch mal probieren.

Puh. Das war wohl alles zu viel für einen Tag für die kleine Maus. Das tut mir echt leid, sie wirkt immer so groß, aber sie ist eben grad mal fünf.

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*das wird dann wohl Herr Rabe sein, ich bin nämlich, falls nicht noch irgendwer Covid19 bekommt, nächste Woche auf einer Inspektion. Einer richtigen echten, on-Site. Whoopwhoop!

Tag 1839 – Tagwerk.

Ich habe gedugnad-et. Es ist ja das immer wiederkehrende norwegische Lied, dass wir zu irgendwelchen Gemeinschaftsaktionen antanzen dürfen und heute war es im Kindergarten wieder so weit. Da finde ich das ok, weil wir was direkt für den Kindergarten tun, das dringend nötig ist, man wirklich gut selbst kann und sonst eben irgendwer bezahlen müsste. Weil ich keinen Spaten dabei hatte (aber dafür zwei Kinder) kam der ursprüngliche Plan „Sand im Sandkasten wenden und gegebenenfalls auffüllen“ nicht zur Anwendung. Stattdessen habe ich zwei Stunden lang auf den Knien in dieser Spielhütte herumrobbend den Boden mit einem Buttermesser und einer Wurzelbürste von Dreck und zwischen den Bohlen festgetrampelten Kieststeinchen befreit, damit er morgen gestrichen werden kann:

Danach noch zwei mal mit Grønnsåpe drüber und gründlich ausgespült.

Das war ziemlich anstrengend. Aufgelockert immer wieder durch meine liebreizenden Kinder.

KiTa-Leiterin: wer ist das denn [Kind mit Kopfhörern auf Wiese vor Kindergarten] da?

Ich: Ach, das ist Michel, der große Bruder von Pippi, der spielt Pokémon Go.

KiTa-Leiterin: ist er ganz alleine unterwegs?

Ich: Ja.

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Pippi: Mama? Kann ich Farbe auf meine Jacke kriegen?

Ich: Pass bitte ein bisschen auf, dass nicht soooo viel Farbe auf die Jacke kommt.

Pippi: Ok! (Kam mit fleckenfreier Jacke zurück.)

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Michel, mit leerem Handyakku: packt sein Kornett aus und marschiert glücklich tutend über den Kindergartenhof

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Überhaupt hatten wir schon einen Loriotesken Kornett-Zwischenfall, als die Innenarchitektin und der Handwerker da waren um den Einbau des Dachfensters (aus Gründen wird es doch nur eines, schade) zu besprechen. Michel meinte nämlich mittendrin, er müsse jetzt üben, packte sein Kornett aus und marschierte damit über den Flur. Prööt Prööt Prööt während vier Erwachsene versuchten, sich einig zu werden über Fenster und Tür und sichtlich bemüht, sich nicht allzu offensichtlich totzulachen über diesen kleinen niedlichen Knirps der wichtig mit seiner Tute herummarschiert und klugscheißert „Das ist keine Klarinette!“

Tag 1838 – Prööt Pröt Pröööööt.

Michel hatte heute seine erste Stunde Kornettunterricht. Naja, „Stunde“, es geht für die Anfänger*Innen nur 20 Minuten. Ein Kornett sieht aus wie eine kleine Trompete, ist aber eine Art Horn. Michel war ja im letzten Schuljahr bei der Kulturschule und durfte verschiedenes ausprobieren (Pippi wird das Angebot dieses Jahr schon machen) und nachdem er bei der Abschlussveranstaltung so ziemlich das einzige Kind war, das überhaupt einen kräftigen Ton auf der Trompete heraus bekam, und er außerdem sagte, Trompete fand er gut, fiel die Wahl auf eben Kornett oder Trompete. Für Kornett waren noch Plätze frei. So läuft das bei uns, total pragmatisch sich grob an Bedürfnissen orientierend*.

Jedenfalls hat es Michel Spaß gemacht, er hat gleich ein Leihinstrument mitbekommen, und jetzt soll er jeden Tag fünf Minuten üben. Und so pröötet er fröhlich vor sich hin und freut sich, ein maximal lautes Instrument zu haben. Schon sehr süß. (Die Nachbarn haben am Wochenende ihr Haus verkauft, mal sehen ob die neuen Nachbarn das auch so schön finden…)

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*Ich wollte gern, dass er was lernt, was ihm relativ schnell Erfolgserlebnisse beschert, weil ich mein Kind ja kenne und weiß, dass seine Freude daran sehr davon abhängt. Ich finde das überaus bedürfnisorientiert.

Tag 1837 – Null Pilze.

Ich war mit den Kindern im Wald, aber ich fürchte, wir waren viel zu spät dran um noch Pilze zu finden. Ein Mann kam uns zwar mit einem Korb voller Pfifferlinge entgegen, aber der kam auch aus dem Wald-Wald, während wir uns wegen Michels Fuß Ja eher auf den Wegen halten mussten. Michel fand den ganzen Ausflug eh scheiße und motzte in einer Tour, es war wirklich kaum auszuhalten, aber ich hatte Herrn Rabe gesagt, wir würden ihn ein bisschen arbeiten lassen. Tja. Da muss man dann durch.

Immerhin den Hurdal-See haben wir gefunden. Da kann man bestimmt auch baden, aber wir hatten keine Badesachen dabei. Warm genug wäre es wohl gewesen, mir war in langer Hose und langem, dünnen T-Shirt ziemlich warm.

Bild ohne Ton, das Gemotze hören Sie also nicht.

Auf dem Rückweg kam wirklich recht plötzlich eine fette schwarze Wolkenwand von hinten, weshalb ich kurzerhand beschloss, den kürzeren Weg an der Straße lang zurück zum Auto zu gehen, statt durch den Wald. Das war auch gut so, denn kaum waren wir am Auto, fing es an zu tröpfeln und fünf Minuten später goss es, wie gestern, wie aus Kübeln.

Pippi hat versucht, auf einen Baum zu klettern, wollte nicht hören, als ich gesagt habe, sie soll das lieber lassen, die Zweige seien zu kraaaach, direkt die dünnen Ästchen abgebrochen und fies am Bein aufgeschrabbt. Da hat sie ja morgen im Kindergarten was zu erzählen. Bis dahin war Pippi aber gut drauf und hat begeistert Blaubeeren gesammelt, auch die waren zwar schon sehr abgegrast, aber ich mag die eh nicht und Pippi steckte sie eben sofort in den Mund, da wäre eh keine Marmelade draus geworden. Am Ende hatte ich dann halt ein Kind mit roten Fingern, einer dunkelroten Zunge und einer Kriegsverletzung Schramme, und eines das auch in Stunde zwei noch unverändert motzte.

Abends habe ich unseren Kartoffeleimer abgeerntet. Ich weiß ja nicht. Soll das so? Gefühlt haben wir aus drei großen die selbe Nettomenge Zwergenkartoffeln gemacht. Lecker waren sie aber.

„Ich kaufe 200 Gramm Kartoffeln…“

Die hier war die allerkleinste:

Eher Erbse als Kartoffel.

Wie gesagt, war aber lecker. Der gefüllte Patisson-Kürbis dazu war auch ok, die Füllung aus veganem Hack, Schafskäse, Zwiebeln, Tomaten und frischen Kräutern ist sehr lecker, der Kürbis selbst schmeckt allerdings wirklich nach gar nichts. Da ist jede Zucchini geschmacksintensiver. Also, kann man machen, sieht hübsch aus, aber vom Geschmack her fülle ich dann doch lieber eben eine Zucchini oder so ca. jede andere Kürbissorte. Die Konsistenz war aber schön knackig, das ist vielleicht was für Leute, denen andere Kürbissorten schnell zu schlonzig werden.

Vielleicht probiere ich es nächstes Wochenende noch mal mit den Pilzen. Falls ich dafür die Motzekinder zu Hause lassen darf. Man kann Kürbis mit mehr Eigengeschmack bestimmt auch super mit Pilzen füllen.

Jetzt zackig schlafen. Morgen ist wieder Präsenztag im Büro!