Tag 103 – Deutschland!

Das Kind hat eine zutiefst verstörende Angewohnheit. Bzw. hatte, jetzt macht es das nur noch um uns zu ärgern oder zum Lachen zu bringen, ich bin da nicht so sicher, was dahinter steckt.
Es begann so etwa im Mai, da konnte ein ganz normales Gespräch beim Abendbrot ungefähr so aussehen:

Herr Rabe: „…und dann haben wir beim Norwegischkurs über Kinderbücher gesprochen und ich hab erzählt, dass wir zu Hause auch Den Lille Larven Aldrimett…“
Kind: *wirft blitzschnell ein ohne vom Teller aufzusehen* „Deutschland!

oder auch

Ich: „Das Kind hat ein neues Wort gelernt: Hestebæsj.“
Kind: „Deutschland!

oder auch

Herr Rabe: „… und da musste ich erstmal überlegen, was das denn jetzt auf norwegisch…“
Kind: „Deutschland!

(Das erinnerte uns beide an die Folge „Schottys Kampf“ aus der großartigen Serie „Der Tatortreiniger“. Da gibt es nämlich einen strunzdoofen Neonazi namens Bombe, der dauernd wie ein Stoßgebet „Deutschland!“ vor sich hin murmelt. Leider finde ich grad keinen Ausschnitt bei YouTube. Gucken Sie einfach die ganze Folge, lohnt sich!) 

Man sollte dazu vielleicht sagen (Ich hoffe nicht, dass man das muss!) dass wir wirklich nullkommagarnix von Deutschtümelei halten. Ich finde das norwegische mit-Flaggen-Gewedel befremdlich und Ansammlungen von deutschen Flaggen lösen bei mir spontanen Würgereiz aus. Allenfalls haben wir einen sehr begrenzten Lokalpatriotismus vorzuweisen, der sich hauptsächlich in der reflexhaften Verteidigung unserer Heimatstadt und in der festen Überzeugung, dass Dr. Oetker den besten Tütenpudding macht, äußert. Aber Deutschland? Neenee. Nee. Überhaupt kein Land. Norwegen auch nicht. Punkt.

Dementsprechend fanden wir das touretteartige Ausrufen von „Deutschland!“ auch reichlich verwirrend und leicht abstoßend. In der Öffentlichkeit unfassbar peinlich. Man stelle sich vor, wir sind irgendwo, bestellen Kaffee, und das Kind blökt plötzlich los: „DEUTSCHLAND!“. Ein Loch tue sich bitte in der Erde auf und verschlucke mich umgehend!

Nach mehreren Wochen hatten wir endlich den Zusammenhang verstanden: Das Kind konnte noch nicht unterscheiden zwischen dem Land Deutschland (da wo Oma wohnt und alle anderen auch…) und der Sprache Deutsch. Es wollte mit seinem Zwischenruf nur ausdrücken, dass es jetzt verstanden hatte, dass Norwegisch* und Deutsch unterschiedliche Sprachen sind, die je nach Kontext gesprochen werden, aber über die wir auch oft sprechen. Puhhh.

Und so machten wir uns an die mühselige Aufgabe, dem Kind den Unterschied zwischen einem Land und einer Sprache zu verklickern. Und dass wir es gutheißen würden, wenn es das „Deutschland!“-Rufen auf zu Hause beschränken könnte.

 

*“Neu-e-isch“, nur falls Sie sich fragen.

Tag 102 – Der Schnuller

Ich wage es kaum zu schreiben, aber das Kind braucht keinen Schnuller mehr. Es hatte ja den Schnuller am zweiten Tag seines Lebens bekommen, nachdem es eine komplette Nacht wie bekloppt an mir herumgesaugt hatte und ich einfach nur dankbar für alles war, was mir eine Stunde Schlaf ermöglichte. Tja und seitdem war es halt druff.
Meistens fand ich das mit dem Schnuller auch sehr praktisch. Nächtliches Gemecker? Schnuller rein, Kind schläft weiter. Gezeter im Supermarkt? Schnuller rein, böse Blicke abgewendet. Der fiese Arzt hat in den Finger gepiekt? Schnuller rein, schnell vergessen. Sie erkennen das Muster.
Bloß nachkaufen und abkochen ist halt nervig mit Schnullern. Und die Panik wenn man irgendwo ist und feststellt, man hat den Schnuller vergessen. Das ist aber selten passiert und das Abkochen haben wir mit zunehmendem Alter des Kindes auch mehr und mehr schleifen lassen. Insgesamt würde ich mich definitiv zu den Pro-Schnuller-Menschen zählen und finde es nach wie vor schade, dass das Baby sich mit Schnullern nicht so richtig anfreunden kann. Wobei es mittlerweile auch egal ist, dann entfällt wenigstens das nervige Abgewöhnthema.
Mindestens seit einem Jahr, also seit das Kind zwei war, haben wir nämlich immer mal wieder drüber gesprochen, dass das mit dem Schnuller jetzt mal bald beendet sein sollte. Wegen des Kiefers und wegen Karies und überhaupt brauchen so „große“ Kinder doch keinen Schnuller mehr. Wir hatten aber beide den Eindruck, das Kind brauche das eben doch noch. Und wir hatten – ich frisch wieder schwanger und zum Umfallen müde – beide keinen Bock auf nächtlichen Terror wegen des Schnullerentzugs, wo doch gerade endlich eine für alle zufriedenstellende Schlafsituation eingekehrt war. Also gut, dann etwas später, sagten wir uns. Dann zogen wir um, die neue Wohnung und das alles, das war so fremd und wir wollten das Kind nicht überfordern. Also durfte es weiter Schnullern. Der Bauch wuchs immer weiter, das Kind begann zu begreifen, dass da ein Baby drin war, das bald mit uns leben würde. Es stand ein Kindergartenwechsel an. Das Kind brauchte tagsüber keine Windel mehr. Wieder so viele neue Sachen: Ach komm, lass dem Kind den Schnuller, es ist eh schon so viel Neues. Und schon stand der dritte Geburtstag vor der Tür und es zeigte sich auch ein beginnender Überbiss. Ich hoffte deshalb auf den Zahnarzttermin, den Kinder hier mit drei Jahren erstmalig haben. Vielleicht, wenn die Zahnärztin sagt, dass das mit dem Schnuller aufhören muss? Nein, tat sie nicht. Trotzdem beschlossen wir, dass wir keine neuen Schnuller mehr kaufen würden und teilten dies dem Kind mit. Eigentlich benutzte es den Schnuller zu diesem Zeitpunkt schon nur noch zum Einschlafen und manchmal als Tröster bei Aua und Traurig. In den neuen Kindergarten nahm es keinen Schnuller mehr mit. Das Kind schien unsere Entscheidung zu akzeptieren und schmiss trotzdem immer mal wieder Schnuller weg, weil sie kaputt waren (scheinbar kann man sich an nem zerkauten Silikonschnuller prima die Zunge einklemmen) oder im Falle der Latexschnuller komisch schmeckten. Zuletzt hatte es noch drei.
Dann kam das Leckekzem. Das haben viele Kinder, auch welche ohne Schnuller. Es kommt vom dauernden Lecken oder Besabbern der Mundregion. Da wird die Haut um den Mund erst sehr trocken und rissig und schließlich wund und nässend. So weit kam es bei uns nicht, weil wir immer gut cremten und außerdem das Kind überzeugten, dass der Schnuller jetzt wirklich nicht gut sei. Und siehe da: das Kind verstand das! Wirklich, der Vorteil eines Dreijährigen ist das es sowas eben schon versteht und dann eben von sich aus entscheiden kann, dass die Lippe ja schon so unangenehm brennt und wenn die Eltern sagen, das wird besser, wenn man nicht schnullert, dann kann man das ja mal probieren. Zudem wir eben auch überzeugt waren, dass es wirklich besser werden würde, wenn es auch ohne Schnuller schlafen würde und entsprechend klar auftreten konnten. In der ersten Nacht schloss ich mit dem Kind den Kompromiss, dass es mit Schnuller einschlafen könne und ich ihm nach dem Einschlafen den Schnuller aus dem Mund nehmen und weglegen würde. Das klappte gut. Am zweiten Abend gab es eine kurze Diskussion, aber das Argument mit der Lippe zog. Am dritten Abend versuchte das Kind mich anzuschwindeln, seine Lippe sei ja schon heile („Aua weggeflogt, nicht mehr weh!“). Ich nahm es mit Humor, wies auf die nach wie vor kaputte Lippe hin und schlug vor, es heute nochmal ohne Schnuller zu probieren. Die letzten Nächte habe es ja auch schon ganz toll geklappt. Das fand das Kind ok.
Und seitdem hat das Kind nicht mehr nach dem Schnuller gefragt. Das ist jetzt ne Woche her.
Klar hätte ich mir gewünscht, dass es früher passiert wär. Ich hätte mir auch gewünscht, dass es keine kaputte Lippe als Anstoß gebraucht hätte. Ich will auch absolut gar nicht behaupten, dass es immer total problemlos abgeht mit der Entwöhnung, wenn man sie einfach immer wieder herausschiebt. Ich weiß auch nicht, was wir mit den drei verbliebenen Schnullern machen sollen*. Aber letztlich war es gut, dass das Kind selbst entschieden hat, es ohne Schnuller zu probieren. Und dann erkannt hat, dass es gut ohne geht. Und am Ende ist ein Schnuller eben für Babys. Und nicht für große Kinder.

 

*(Als ich mit dem Rauchen aufgehört hab, hatte ich noch mindestens ein Jahr lang eine Packung Tabak in meinem Zimmer liegen. Als Rückversicherung, dass ich ja könnte, wenn ich wollte. Allerdings war ich da auch 23 und nicht 3.)

Tag 101 – Wieder da

Das Baby und ich sind wieder zu Hause. Der Rückflug war wesentlich entspannter, kein Wind aus Südwest oder sonst einer Richtung. Das Baby hatte wohl etwas Druck auf den Ohren, war dann aber an der Brust recht zufrieden. Mit dem Zug heim, kurz den Koffer reingeschmissen und die Schuhe gewechselt. Eigentlich muss ich nämlich wegen Spreiz-Senkfuß Einlagen tragen und nach fast vier Tagen mit sehr viel Rumgelaufe taten mir ordentlich die Füße weh.

Dann sind das Baby und ich direkt wieder los und haben das Kind vom Kindergarten abgeholt. Das Kind war schwer begeistert, dass ich wieder da bin und zeigte es indem es sich komplett selber und unaufgefordert seine Schuhe anzog (ohne Ziegenfüße!!!) und dann sehr sehr schnell auf seinem Kickboard nach Hause fuhr. Und jedes Mal sofort anhielt, wenn ich rief, es solle warten. Und überhaupt das allerbeste Vorzeigekind der Welt war. Natürlich musste ich es dann auch ins Bett bringen und so. Leider fand das Baby das überhaupt nicht gut, dass es beim Papa sein sollte und nicht wie die letzten 84 Stunden konstant bei der Mama. Und damit sind wir auch schon bei dem was heute echt scheiße war: Das Baby brüllte total krass herum; obwohl Herr Rabe es in die Trage geschnallt herumtrug beruhigte es sich mal so gar nicht sondern wurde immer hysterischer. Und das kann ich wiederum überhaupt nicht ab, ich ertrage das nicht, wenn das Baby weint, das tut mir körperlich weh, das anhören zu müssen. Gleichzeitig will ich auf gar keinen Fall diese Mamafixiertheit zementieren oder gar Herrn Rabe Vorwürfe machen, er mache das falsch, das müsse soundso und hallo, Maternal Gatekeeping. Herr Rabe machte ja auch nichts falsch, außer, dass er nicht ich ist. Aber was macht man denn da? Ich bin fest überzeugt, dass Papas genauso gut trösten können wie Mamas, und dass auch die Nummer zwei vom Kind liebgehabt wird. Und ich finde es furchtbar für Herrn Rabe, dass das Baby den Papa grade so ablehnt. Ich finde mich furchtbar, wenn ich Herrn Rabe das Baby dann abnehme, damit es ruhig ist und mein Herz nicht mehr so bluten muss und ich damit aber dem großen Kind seine exklusive Mama-bringt-mich-ins-Bett-Zeit nehme. Das ist alles total scheiße und ich weiß nicht, was tun. Irgendwelche Tipps irgendwer?

Tag 100 (!) – Oslo Tag 3

Ich sitze hier mit dem Baby auf dem Bauch, das immer noch schluchzt weil es eben einen hysterischen Anfall hatte oder so, es hatte sich ordentlich eingekackt und dann vorm Wickeln schon wie am Spieß gebrüllt, beim Wickeln weiter gebrüllt als würde es grade mit kochendem Wasser den Po gewaschen bekommen und dann noch eine weitere halbe Stunde untröstlich geschrien. Sowas nimmt mich immer sehr mit, ich würde ja gerne helfen, aber weiß nicht was los ist und alles was ich mache ist irgendwie egal und macht es bestenfalls nicht schlimmer aber eben auch nicht besser. Außerdem hat das arme Baby jetzt auch außer der Windel nichts an und ich habe Angst, dass es gleich wach wird, wenn ich versuche es anzuziehen. 

Heute haben ich und das Baby und A. Menschen getroffen, die ich mal auf einer Konferenz an einem sehr sehr kalten Ort kennen gelernt habe: M. und E. . Wir trafen uns im Café Liebling, das ist in einem Osloer Hipsterviertel und da war es sehr schön. Wir waren sehr lange da. Dauernd gingen Menschen mit Babys umgebunden am Fenster lang. Da muss es echt unheimlich viele Babys geben in dem Viertel da. Irgendwann bemerkte ich, dass es in dem Café ein klitzekleines Stück Heimat käuflich zu erwerben gibt:

  
Also jetzt nicht das Wasser. 

Danach sind A. und das Baby und ich auf die Oper geklettert, ich habe spektakulär versagt beim Versuch ein Panoramafoto von Oslo bei Nacht zu machen und dann sind wir ganz schnell wieder runter, es war nämlich windig oben und arschkalt.   

 
Barcode-Project oder so heißen die Hochhäuser links und die waren wirklich hübsch. Ich kann halt nur nicht fotografieren. 

Dann gab es noch Beleuchtungskunst auf dem Gehweg:

  
Und danach leckeres indisches Essen, Kakao und Gedanken darüber, wie (Mittel-)Norwegen aus A. und mir komische, kontaktscheue Wesen gemacht hat. 

Morgen nach Hause und die restliche Familie herzen. Das wird schön. Obwohl Oslo auch echt toll ist. Echt. 

Tag 98 – Oslo Tag 1

Das Baby und ich sind ja heute nach Oslo geflogen, das war sehr aufregend. Ich habe nämlich Flugangst. Irrational, ich weiß, hilft aber leider nicht. Übersprungshandlungsmäßig hab ich deshalb im Vorfeld drölfzig Selfies gemacht und bei Twitter gepostet. Dann aber nach dem Boarding das hier als Durchsage:

Da wollte ich schon gerne wieder raus aus dem Flugzeug. Wirklich wirklich gerne. Das war aber keine Option, leider. Der Start war dann auch einfach furchtbar, ich war nicht die einzige, die trotz Vorwarnung  mehrmals scharf die Luft einsaugen musste. Möglicherweise war ich die einzige, die fast zu heulen angefangen hätte, das weiß ich nicht, ich hab ja nicht alle gesehen. Irgendwann waren die Turbulenzen dann aber vorbei und es ging ok weiter. Die Landung war gut, nur die Wolken hingen extrem tief, das finde ich immer etwas verwirrend. Müssen die Piloten denn gar nix sehen, wenn sie den Flughafen ansteuern? Das Baby hat den halben Flug an mir herumgenuckelt und die andere Hälfte verschlafen, das war also auch gut. 

Dann wurden wir von A. und A. Vom Bahnhof abgeholt, gingen zu Fuß nach Hause, aßen leckere Veggieburger mit selber gemachten Buns und Bratlingen und schnackten noch bis spät. Insgesamt sehr schön hier :) Das Baby fremdelt ein bisschen mit der neuen Umgebung oder es ist einfach zu spannend, jedenfalls möchte es nicht gerne schlafen. Zu blöd, ich nämlich schon.

Tag 95 – Ein Mond!

Bei dem Entwicklungsgespräch im Kindergarten am Mittwoch wurde uns, neben viel Positiven, auch mal wieder bestätigt, dass das Kind ungern lange auf seinem Po sitzt und irgendwas macht, zum Beispiel malt oder bastelt. Nach fünf Minuten wird es ihm langweilig und dann kommt beim Malen oft „Du malen!“ inklusive Bestellung der absonderlichsten Motive. Außerdem wollte der Kindergarten wissen, wie wir zu Hause Grenzen setzen, das Kind wolle nämlich gerne alles bestimmen und bekäme dann Wutanfälle, wenn es seinen Willen nicht erfüllt bekäme. Wir bestätigten, dass das auch bei uns der Fall sei, wenn wir uns mal durchsetzen müssen, beschrieben ein bisschen unsere Situationen (Zähneputzen, Bettzeit, Essen…) in denen es potentiell knallt und wie wir damit umzugehen versuchen. Im Grunde finde ich ja fast schon gut, dass das Kind seine A-Phase auch im Kindergarten auslebt, immerhin scheint es sich da so sicher zu fühlen, dass es nichts „verstecken“ muss und einfach es selbst sein kann. Der Kindergarten fand das auch nicht außergewöhnlich oder so, in dem Alter ist das ja komplett normal. Aber natürlich hat ein Kindergarten nicht immer die Möglichkeit, mit jedem einzelnen Wutzwerg Kompromisse zu schließen, zu reden und die Gefühlsausbrüche zu begleiten. Davon wollte ich aber gar nicht schreiben, ich schweife ja total ab. Heute morgen nämlich habe ich einen möglichen Grund für das momentan wieder ziemlich anstrengende Verhalten des Kindes: es lernt grad ganz viel. Scheinbar. Sehen Sie hier:

In diesem Bild sind zwei Entwicklungssprünge versteckt.

Ja, das sieht aus wie eine normale Kinderkrakelei. Für uns sind aber zwei Dinge neu. Das krömpelige Ding im linken unteren Bildquadranten nämlich, das grün übermalte schwarze, sehen Sie das? Das hat das Kind nach Ansage „Mond male jetzt.“ unter höchster Konzentration gemalt. Und ist dann total ausgeflippt vor Freude, weil tatsächlich etwas dabei rausgekommen ist, dass wie ein Mond aussieht. Und ich bin gleich mit ausgeflippt, ehrlich gesagt. Ein Mond! MEIN KIND HAT EINEN MOND GEMALT! Der Wahnsinn. Und weil der Mond ja ziemlich klein ist, sollte ich dann noch einen großen Mond malen (und einen Stern). Als ich mit Kaffee machen fertig war, zeigte mir das Kind das Bild und hatte den großen Mond ausgemalt, fast ohne übermalen! Ohne Scheiß, vor vier Wochen noch fragte mich Herr Rabe, ob es eigentlich normal sei, dass das Kind immer noch nur Gekrakel „malt“, alle Farben bunt durcheinander und grooooße Bewegungen über das ganze Blatt (und darüber hinaus). Aber jetzt kann das Kind mit einem mal sowohl einfache Formen malen als auch Dinge ausmalen*. Ist das Auge-Hand-Koordination? Irgendwie so was, es hat nämlich auch heute mit mir Ball gespielt und kann plötzlich den Ball fangen! Vor zwei Wochen noch klappte das in ca. einem von zehn Malen, heute eher so zwei Drittel. Ganz ehrlich: wenn ich plötzlich so viele grundlegende Dinge lernen würde, wäre ich emotional wohl auch etwas aus der Balance.


Was ganz anderes: Work in Progress.


Die Ohren sehen mehr aus wie kleine Hörnchen, aber ich bin trotzdem sehr stolz auf mich. Beim Nähen bin ich nämlich (positiv ausgedrückt) Autodidakt, vielleicht nicht komplett unbegabt aber ein Kurs würde sicher nicht schaden. Hatte ich bisher aber keine Zeit zu.

*Falls Sie sich fragen: das große in der Mitte ist ein Boot mit Auspuff und Fenster. Da sag ich jetzt mal nichts zu.

Gebloggt: Tag 91 – Vom nackten Po

Heute war ich mit dem Baby beim Arzt. Es hat nämlich inzwischen seit geraumer Zeit einen Ausschlag am Po, eigentlich nicht am Po, sondern in der Windel quasi direkt unterhalb vom Bauchnabel abwärts, ein bisschen auch an den Beinen. Erst dachten wir, es sei allergisch gegen das Waschmittel. Also probierten wir weniger Waschmittel. Dann anderes Waschmittel. Extra Spülgang. Alle Cremes die wir haben (und das sind einige, glauben Sie mir). Ich hab sogar für über 10 € eine kleine Tube echtes Bepanthen gekauft. Trotzdem wurde es nicht besser, höchstens mal anders, aber rot und unangenehm aussehend blieb es. (Es stört das Baby übrigens überhaupt gar nicht.) Vor einer Woche beschlossen wir dann mal konsequent auf Wegwerfwindeln umzusteigen, um zu sehen ob das was bringt. Die Antwort ist ein klares Jain, es sieht nicht mehr so schlimm aus, die Haut ist nicht mehr ganz so gereizt, aber der Ausschlag an sich ist immer noch da. Also: Arzt. Irgendwann is auch mal genug.

Die Ärztin (leider hatte mein eigentlicher Hausarzt keinen freien Termin heute) hatte dann auch schnell eine Diagnose parat: Windelausschlag. Ich so: Ahhhhhh! Mensch, da wär ich ja nie drauf gekommen! Ausschlag in der Windel ist Windelausschlag! Faszinierend! Aha. Und dann bekamen wir eine Salbe aufgeschrieben, die auch das Kind schon mal hatte und nicht vertragen hat, irgendwas gegen Pilzinfektionen mit Kortison drin, gegen die „Entzündung“. Ich finde nicht, dass es noch entzündet aussieht, aber nun gut, ich bin ja keine Ärztin. Ich finde es jedenfalls auch ziemlich unschön, dass ich mein Baby mit Steroiden einschmieren soll, die nur eventuell was bringen und eventuell wächst dem Baby davon auch ein Schnurrbart. Und gratis obendrauf der Bonustipp an alle Eltern: So oft wie möglich ohne Windel lassen. Ich frage mich dazu ja folgende Dinge:
1. Wie warm ist es bei denen in der Wohnung?
2. Wieviele Handtücher etc. besitzen diese Menschen?
3. Was für Bodenbelag haben die?
4. (Bei Kindern, die schon mobil sind) Haben die meine geheime (jetzt nicht mehr) Geschäftsidee umgesetzt und einen Saug-/Wischroboter entwickelt, der automatisch immer dem Kind hinterherfährt?
Aber ich will ja nichts unversucht lassen, also schmierte ich eine ca. 0,2 Nanometer dicke Schicht der fiesen Creme auf einen Teil der „betroffenen Hautpartien“, legte dem Baby nen Handtuch unter den Po, drehte die Heizung auf Sauna und harrte, bewaffnet mit einem Stapel weiterer Handtücher, der Dinge die da kommen sollten*. Das Baby pullert tatsächlich ziemlich viel herum, soviel kann ich Ihnen schon mal verraten. Und es lacht dabei. Es kann das auch in jeder erdenklichen Position. Das spaßigste ergab sich aber aus der Kombi rutschiges Handtuch – glatter Laminatfußboden – unausgereifte Koordinationsfähigkeiten des Babys. Es schob sich nämlich durch sein Gezappel in Bauchlage ständig nach hinten weg, manchmal auch noch leicht im Kreis, es machte richtig Strecke dadurch und sah sehr witzig aus mit seinem nackten Po und den Michelinmännchenbeinen und dem vor Anstrengung roten Kopf. Leider fand das Baby das nicht ganz so witzig, weil es sich immer weiter von seinem Spielzeug entfernte. Dafür fand es dann aber gut, auf meinem Schoß sitzend seine Speckfüße bewundern zu können. So hatten wir alle was davon.

*Der erfahrene Leser fragt sich jetzt, was denn aus dem Abhalten geworden ist. Das ist irgendwie wegen nicht-Funktionierens eingeschlafen. Wir probieren es jetzt aber mal wieder.

Tag 89 – A-Phase continued

Ein doofer Tag. Früher waren Wochenenden mal super geil, was ist daraus eigentlich geworden? Am Wochenende machen wir immer all den doofen Kram, den wir sonst nicht gebacken kriegen. Einkaufen, Putzen, Sachen reparieren, you name it. Dazu kam heute noch absolute Kotzlaune des Kindes. Vor 50 Jahren hätte man das wohl frech genannt (und ihm wahrscheinlich den Hintern versohlt). Vor 25 Jahren hätte man gesagt, es testet seine Grenzen (und vermutlich dazu gesagt, dass man da auf keinen Fall nachgeben darf, weil das Kind sonst zum Tyrannen wird). Wir heute nennen es Autonomiephase. A-Phase heißt sie heimlich bei Herrn Rabe und mir (ergänzen Sie das A-Wort nach Belieben). Wir sind alle voll verständnisvoll und so, nehmen das Kind mit seinen widersprüchlichen Gefühlen an und ernst und reagieren liebevoll und vorhersehbar. Naja. Also wir versuchen es. Leicht ist das nämlich nicht, wenn man von früh bis spät für alles angeschrien wird, man absichtlich geärgert wird und das Kind ständig Streit mit einem sucht. Um dann, wenn man (vorhersehbar) nein zu Maoam vorm Frühstück sagt, komplett auszuticken und einen Wutanfall allererster Güte hinzulegen. Oder halt einfach mal ne halbe Stunde extrem laut zu weinen, einfach so und ohne zu sagen, was los ist/war oder wie man helfen kann oder was es denn möchte. Da liegen irgendwann die Nerven auf Elternseite auch blank. Heute nachmittag dann folgende Situation:

Herr Rabe und das Kind machen den Ofen sauber.
Herr Rabe: „Nicht mit den Füßen da in das Wischwasser bitte, das ist ganz dreckig.“
Kind: „Da im Eimer Füße waschen!“ *latscht rein*
Herr Rabe: „Arrggh Kind, was soll denn das, ich hab doch extra gesagt, du sollst da nicht reintreten, guck mal jetzt bist du ganz nass und hier ist auch alles nass und überhaupt!“
Kind: „Wääääääähhhhhhhhhh!!!“ *rennt zu mir*
Ich: „Kind, was ist denn heute los mit dir, ich hab das Gefühl du machst heute nur Quatsch um uns zu ärgern.“
Kind: „Ja.“
Ich: „Willst du dich mit uns streiten?“
Kind: „Njaaeeeaaa…“
Ich: „Ich finde das doof, wenn wir streiten. Ich fände das besser, wenn wir nicht streiten und sauer aufeinander sind. Wollen wir nicht lieber alle nicht streiten und nicht sauer sein?“
Kind: „Ja.“

Tatsächlich hielt das dann etwa dreißig Minuten vor mit dem nicht-streiten und nicht-ärgern, aber die dreißig Minuten waren echt erholsam. Trotzdem bin ich nach so einem Tag komplett fertig. Keine Energie mehr und auch keine Emotionen mehr. Ausgelaugt. Herr Rabe macht mir grade einen Kakao und ich hatte mir fest vorgenommen, danach noch ein bisschen Statistikkurskram zu machen, aber ich glaube, daraus wird nichts. Morgen ist ja auch noch ein Tag. (Morgen wollte ich gerne nähen, ich habe heute Stoff für eine Babyjacke gekauft und der ist schon in der Waschmaschine damit´s morgen gleich losgehen kann. Das werd ich dann morgen entscheiden,was wichtiger ist. Oder wie mein Geisteszustand ist.)

Tag 86

Heute morgen mal wieder festgestellt, dass das Kind immer langsamer wird, je mehr man es hetzt. Unfassbar, wie langsam so ein Kleinkind werden kann ohne Moos anzusetzen. Im Endeffekt mit dem Auto zur 700 m entfernten KiTa gefahren, ich Umweltsau. Aber wenn man um 09:28 vor dem Haus steht und um 09:30 da sein sollte, weil Mittwochs Ausflugstag ist und sie um 09:30 aufbrechen, ergibt sich da ein Zeitproblem. Schuld daran dass ich das Kind hetzen musste war übrigens das Baby bzw. dessen undichte Windel im eigentlich geplanten Moment des Aufbruchs. Ein chaotischer Start in den Tag.


Beim Gefängnis angerufen. Das Gefängnis hat nämlich das billigste Feuerholz hier in Trondheim. Freitag werde ich da hinfahren und 10 Säcke á 60 L Holz abholen, für 350 NOK (ca. 40 €). Dann können wir endlich unseren Kamin wieder beheizen, jetzt wo Herr Rabe bei YouTube gelernt hat, wie man das voll supi hinkriegt ohne alle 5 Minuten dran rumzustochern (was mich wahnsinnig macht).


Mittagessen mit Kollegin. Kollegin ist krankgeschrieben wegen Stress. Sie ist alleine für alle Bestellungen des Instituts verantwortlich, also ca. 200 Leute sagen ihr, was sie brauchen, sie bestellt das dann, bucht die Kosten auf die Projekte, nimmt die Bestellungen in Empfang und verteilt sie an die richtigen Empfänger. Das alles auf ner 70 %-Stelle, weil getrennterziehend mit 3 Kindern (4, 7 und 10 Jahre). Im Endeffekt hat sie seit September letzten Jahres 130 % gearbeitet (10-12 Sundentage, wenn der Ex die Kinder hat etc.). Jetzt hatte sie ein Feedbackgespräch mit ihrem Chef, es sollte darum gehen, wie man sie entlasten kann, also konkret ob und ab wann man eine weitere 50 %-Kraft einstellen könnte. Statt dessen ging es dann darum, wie sie im Homeoffice noch mehr arbeiten kann, wenn sie mit kranken Kindern zu Hause ist. Was sie gar nicht will. Jetzt ist sie krankgeschrieben, weil sie aus der Besprechung rausging und nicht mehr atmen konnte. Nein, auch in Norwegen ist nicht alles rosig…


Statistikkurs, letzte Vorlesung. War.


Statistikaufgaben gemacht, geht halbwegs. Hab mir ne app runtergeladen für die komplizierteren Rechnungen, sogar eine die Geld gekostet hat (ich bin da sonst extrem geizig). Macht leider nicht was ich will und ich weiß nicht warum. Seufz.


Das Baby schläft super viel. Ich glaube es ist, weil es sich jetzt ziemlich zuverlässig auf den Bauch drehen kann, das muss erstmal verdaut werden. Leider krieg ich es nicht so ganz hin, die Schlafpausen für mich zu nutzen (also vielleicht auch mal zu schlafen oder so) sondern mache da Quatsch wie Statistikaufgaben, Wäsche zusammenlegen und Gefängnisse anrufen.


Schon wieder vergessen, einen Termin für Dezember bei der allerbesten Friseurin der Welt zu machen. Ngaaaaa. Stilldemenz ist kein Mythos, ich sag es Ihnen. Dabei hab ich diesen Termin sehr sehr nötig. Haarausfall nach ner Geburt ist nämlich leider auch ganz und gar kein Mythos und ich beginne, etwas lustig auszusehen mit meinen dezent kahlen Schläfen.


Sauerteige angesetzt, damit ich morgen beim WMDEDGT wenigstens ein bisschen was zu tun habe. Sonst wär das eher so: Kind wegbringen, Stillen, Wickeln, Stillen, Wickeln, Stillen, Wickeln, Ballet, Bloggen, Bett.


Nacht vier, die das Kind ohne Windel verbringt. Hat bisher zwei von drei Nächten geklappt (das eine mal war eigentlich nur ein winziges bisschen, ehrlich!) und ich kann es kaum fassen!!!Einself! Vielleicht ist der kleine Zwerg tatsächlich komplett trocken?!? (Das jetzt hier zu schreiben ist der Härtetest. Murphy und so, Sie verstehen.)

Tag 84 – Weiter wachsen

Mein liebes großes Kind,

drei Jahre. Sogar schon drei Jahre und drei Wochen bist du jetzt alt. Das letzte Jahr ist wie im Flug vergangen. An deinem zweiten Geburtstag waren wir am Meer, das Wetter war grau aber wir hatten uns und mitgebrachte Muffins und Spaß. Du hast deine ersten ernsthaften Versuche mit richtigen Klos gemacht zu dieser Zeit. Gestern bist du das erste mal ohne eine Schlüpferwindel ins Bett gegangen – weil du das so wolltest. Ich habe dich gefragt, zum ersten mal, ob du überhaupt eine Windel anziehen willst, und du sagtest nein. Ohne zu überlegen. Und ich sagte ok, dachte aber ehrlich gesagt „Ach du scheiße!“. Aber ich hab dir vertraut, noch nicht aus tiefer Überzeugung heraus aber ich habe mir gedacht, wenn du das entscheidest, wird es wohl klappen. Und das tat es auch. Heute bist du wieder ohne Windel ins Bett gegangen. Du hast gesagt, du bist schon ein großer Junge. Und das stimmt. Du machst so vieles schon alleine. Heute bist du auf den Klositz geklettert, weil du an die Klobürste wolltest. Mein erster Impuls war „Waaahhhhh“, aber du wolltest unbedingt und ich hab dich gelassen. Du hast super gut das Klo saubergemacht, genau wie ich das machen würde. Als du danach den Bürstenteil angefasst hast und ich gesagt habe, du musst dann jetzt Hände waschen, hast du das sofort gemacht. Wir sind ein gutes Team.
Meistens. Manchmal weigerst du dich auch standhaft, Dinge zu tun, die du eigentlich schon kannst. Du sagst dann, du musst noch weiter wachsen, du bist noch nicht groß. Und auch das stimmt. Bei vielen Sachen brauchst du einfach noch Hilfe oder möchtest Hilfe haben. Reißverschlüsse sind zum Beispiel oft noch schwierig zusammenzufummeln, hoch und runter ziehen geht aber schon alleine. Du kannst auch deine Schuhe selbst anziehen, aber wenn der Klettverschluss wirklich fest geschlossen sein soll, damit der Schuh nicht vom Fuß rutscht, brauchst du Hilfe. Morgens willst du am liebsten behandelt werden wie ein kleines Baby, und das ist auch meistens ok. Dann sitzt du auf meinem Schoß und ich puste jeden Löffel von deinem Frühstück kalt. Ich muss dich aus- und anziehen, obwohl das zu jeder anderen Tageszeit prima alleine klappt. Und irgendwie genieße ich das sogar ein bisschen. Denn dass du schon so groß bist ist auch für mich oft toll und manchmal ein bisschen doof.

<3 –
Deine Mama