Tag 108 – Krankes Kind (3)

Heute war ich mit dem Kind beim Arzt. Herr Rabe hat einen Kinderkrank-Tag eingereicht, damit ich nicht das Baby in ein Wartezimmer voller verrotzter  Menschen mitschleppen musste. Besser wars auch, denn der Ausflug dauerte wesentlich länger als erwartet.

Um 13:45 hatten wir einen kurzfristigen Termin bekommen. Ich parkte neben der Praxis auf einem Wohngebietparkplatz und hoffte sehr, dass ich nicht wieder einen Strafzettel über 800 NOK (knapp 100!!!€) bekommen würde. Die Praxis war ganz schön voll und wir kamen erst um zehn nach zwei dran. Da gings dem Kind, das morgens noch halbwegs fit gewesen war, schon wieder recht dreckig und ich musste es die ganze Zeit tragen und auf dem Schoß haben.

Die Ärztin hörte ab, guckte in die Ohren, guckte in den Hals und wurde volle Möhre dabei angehustet. Sagte, sie hätte gerne nen CRP-Wert und nen Halsabstrich, Mandeln wären zwar normal aber man weiß ja nie. Der linke Lungenflügel würde etwas Rasseln bis tief in die Bronchien. Also setzten wir uns wieder ins Wartezimmer. Wurden irgendwann wieder aufgerufen für den Pieks in den Finger, der das Kind so schockierte, dass der darauf folgende Halsabstrich mit wenig Protest abging. Dann gab es ein buntes Pflaster und einen Flummi und viel Pusten von Mama. Und wieder ins Wartezimmer. Dann wieder zur Ärztin rein: Hmm, der CRP ist eigentlich ok, das ist alles komisch, gehen Sie bitte zum Lunge Röntgen ins Krankenhaus. Da war ich dann erst mal ziemlich geschockt: Krankenhaus??? So schlimm? Lunge Röntgen klingt auch nicht gut. Egal, erstmal dem Kind Sicherheit vermitteln. Und den Herrn Rabe anrufen, der und das Baby müssen mit, sonst kriegt das Baby Hunger und dann? Ja eben. Mann und Baby eingesackt, auf dem Rückweg noch schnell wegen tausend Einbahnstraßen verfahren, und ab ins Krankenhaus. Auch da: Warten. Lange.

Das Röntgen der Lunge war dann ein besonderer Spaß, weil das Kind partout nicht vor der Platte sitzen oder stehen bleiben wollte. Es erforderte eine blitzschnelle Röntgenassistentin, die just in dem Moment, als das Kind mal kurz richtig davor saß, auf ihr Knöpfchen drückte. Die seitliche Aufnahme war trotzdem etwas schief, aber da das Kind schon wieder völlig aufgelöst war und an mir hing wie eine Klette, meinte sie, vielleicht reicht es ja dem Arzt auch so, erstmal ausruhen und wenn doch noch ein neues Bild gemacht werden muss, dann machen wir das eben später. Ok. Also wieder: Warten. Auf die Bildauswertung.

Das Kind schlief auf Herrn Rabe ein, das Baby hatte Hunger und wurde gestillt, kackte und wurde gewickelt, war müde und wurde herumgeschleppt, die Uhr tickte vor sich hin und dann endlich kam jemand und rief uns auf: Gehen Sie bitte in die Kinder-Notaufnahme. Da wurde mir etwas flau, aber es half ja nichts. Ab in die Kinder-Notaufnahme. Die fanden wir zunächst nicht und irrten, jeder ein Kind und diverse Jacken schleppend, in der Kinderklinik herum. Irgendwann begegnete uns ein Arzt, der uns den Weg sagte. Also hin da und: Warten.

Dieses Mal mussten wir nur sehr kurz warten und wurden von sehr netten Kinderkrankenschwestern in Empfang genommen. Die stellten erstmal drölfzig Fragen und untersuchten das Kind ein bisschen. Wieder über 40 Grad Fieber. Oha.  Das Kind bekam dann ein Eis und ein Trinkpäckchen und 310 mg Paracetamol als Zäpfchen und zwei Emlapflaster falls Blut abgenommen werden müsse (nachdem es auf die Frage: „Tut’s dir irgendwo weh?“ seinen Finger mit dem bunten Pflaster vorgestreckt hatte) und eine Elektrode an den Fuß. Wir bekamen jeder einen Becher Wasser und das Baby einen Kinderwagen zum drin schlafen. Dann mussten wir wieder (Sie ahnen es sicher bereits) warten. Das Pflaster wirkt ja eh erst nach ner Stunde und außerdem war grade Schichtwechsel und sie wollten abwarten, wie das Paracetamol wirkt. 45 Minuten später schliefen alle außer mir. Die Schwestern kamen wieder und weckten alle wieder auf, maßen noch mal die Temperatur (jetzt nur noch 37,8) und gingen wieder raus. Nach noch mal 10 Minuten kam endlich der Arzt, ein netter, ziemlich kleiner, älterer Herr mit starker Brustbehaarung der die in meinen Ohren schönste Sprache der Welt sprach: Schwedisch. Es ist so schön. Hachz. Nun ja, er hörte noch mal ab, besah sich dann nochmal das Röntgenbild, guckte auf den CRP-Wert und machte viele hmms dabei. Und erklärte uns im Endeffekt könnten wir nichts weiter machen, die Lunge hört sich schlimm an, sieht aber so schlecht gar nicht aus, also Entzündung ja, aber keine schlimme, Bakterien sinds nicht, dann wäre der CRP höher, Viren vielleicht, obwohl dann eher auch Ohren und/oder Augen mit betroffen sein müssten, vielleicht auch Mycoplasmen, man weiß es halt nicht. Samstag sollte das Fieber wegsein. Wenns Montag noch nicht weg ist, nochmal zum Arzt. Von dem Husten hätten wir jetzt aber länger was, der alleine sei aber dann nicht mehr ansteckend. Viel trinken. Sei besser als jeder Hustensaft.

Mir fielen erstmal tausend Steine vom Herzen, das das Kind nicht im Krankenhaus bleiben musste. Und tatsächlich hab ich mich noch nie so über nen normalen Wutanfall gefreut, den es zu Hause wegen irgendwas und der runtergefahrenen Temperatur bekam. Darauf eine Pizza für alle!

Tag 107 – Krankes Kind (2)

Das Kind ist immernoch krank. Herr Rabe hat sich heute mal einfach drüber hinweggesetzt, dass das Kind sagte, es wolle nicht Fieber gemessen bekommen: 40,3 Grad. Ja Hmm. Das erklärt einiges. Zum Beispiel dass es den ganzen Tag weint. Ehrlich. Regression zum Baby hier. Und wer meint, mit Baby sei man fremdbestimmt, ist herzlich eingeladen mal vorbeizukommen. Das Kind und das Baby definieren grade gemeinsam Fremdbestimmung völlig neu. Und ich hasse es sehr doll. Das Kind will, dass ich mit ihm auf dem Sofa kuschel und keinen Meter weggehe. Das Baby will herumgetragen werden. Beide weinen sehr laut und ausdauernd, wenn ich ihren Wünschen nicht nachkomme. Zähneputzen? Nicht für Mama. Essen? Nicht für Mama. Aufs Klo? Nicht für Mama. Aaarrrrrrggggg!

Und. Ich. Muss. Für. Diese. Scheiß. Statistikklausur. Lernen. Wiesollichdasdennbittemachenverdammtnochmal??? 

Orrrrr. Echt. 

Morgen gehen wir zum Arzt, soll der mich auslachen aber is mir egal, so geht’s nicht weiter. 

Tag 106 – Krankes Kind

Gnaaaaa die Worpress App hat meinen Eintrag kaputt gemacht und meine Motivation jetzt alles nochmal zu tippen geht gegen null. 

Kurzfassung: Kind ist immer noch krank und ich komme deshalb tagsüber zu null Komma gar nix. 

War beim Erste-Hilfe-Kurs für Babys und Kleinkinder. Dauerte anderthalb Stunden. In einem muffigen Raum. Zusammenfassung: checken, ob offensichtlich was im Hals steckt, dann entfernen. Rauspulen oder Kind übers Knie legen und kräftig auf den Rücken schlagen. Wenn Kind nicht atmet: 5 mal kurz pusten (das ist der einzige Unterschied zum Erwachsenen), dann Wiederbeleben mit 30 mal Pumpen und 2 mal pusten. Weitermachen bis Ambulanz kommt. Ach ja genau: Ambulanz rufen nicht vergessen. Die Telefonnummer ist 113 hier, das ist für mich verwirrend, aber soweit ich weiß wird man im Zweifelsfall von 112 umgeleitet.

Und jetzt ins Bett. 

Tag 105 – 4 Monate und 1 Tag

Mein liebes kleines Mausemädchen,
heute bist du vier Monate und einen Tag alt.
Vor vier Monaten und einem Tag um diese Zeit saß ich auf dem Sofa, las* und veratmete sehr regelmäßige und einigermaßen schmerzhafte Wehen. Und hoffte sehr darauf, dass dein Bruder schnell in den Schlaf finden würde und meine Taktik „Ich setz mich jetzt hier auf den Poppes, es heißt ja Bewegung treibt die Geburt voran, dann tut Stillsitzen bestimmt das Gegenteil“ aufgehen würde.
Und jetzt sitze ich auf dem gleichen Sofa, du liegst auf meinem Schoß und schläfst, um mich rum das Chaos. Dein Papa ist beim Fußball und dein Bruder schläft schon, bei uns im Bett, denn er ist krank. Genauso wie vor vier Monaten und 2 Tagen, Fieber und Schlappsein und Husten.
Wenn ich an deine Geburt und die Tage drumherum denke, kommt mir das schon alles ganz verrückt vor. Aber so war es halt, dein Bruder war einen Tag vorher noch ziemlich krank, die Großeltern grade einen Tag vorher abgereist, ich war am Tag deiner Geburt noch einkaufen (mit Wehen) und habe Marmelade gekocht (mit Wehen) und hatte Besuch von einer lieben Freundin, die mir eröffnete, sie sei auch schwanger (mit Wehen, also ich). Diese Freundin hat jetzt einen sehr hübschen kleinen Babybauch, aber ich schweife ab.
Das passiert mir immer öfter, das Abschweifen. Es muss die Stilldemenz sein. Ich habe das Gefühl, im gleichen Tempo wie du Sachen lernst, werde ich vergesslicher und mein Gehirn siebiger. Und du lernst schnell. Seit ein paar Tagen befühlst du deine Spielzeuge und dein Spieltrapez. Neulich noch konntest du höchstens mal ungezielt dagegen hauen, jetzt steckst du deine Arme aus und die Hände untersuchen alles, was sie zu fassen bekommen. Am interessantesten findest du mein Gesicht, meine Nase, Augen, Lippen. Alles wird befühlt und manchmal auch übermütig gekniffen oder gerissen (Au.). Überhaupt bist du unheimlich aufmerksam und wissbegierig. Ich kann nichts mehr essen oder trinken, ohne dass du mir alles in den Mund guckst. Dein Bruder ist dein größter Held, wenn er da ist, bist du fast immer fröhlich und verfolgst alles was er tut. Bloß wenn er weint, dann weinst du sofort mit, denn dann muss ja mindestens der Weltuntergang bevorstehen. Dein erster Blick morgens ist zu mir: breites Grinsen. Der zweite ist zum Kind: breites Grinsen und dann: Fokus. Was macht es? Turnt es? Spricht es? Vom Kind lässt du dir auch alles gefallen, alles ist ja irgendwie trotzdem interessant. Oh, so fühlt sich das also an, wenn sich jemand im Bett auf meine Hand kniet. Faszinierend. Hand im Gesicht. Aha. Auto auf dem Kopf. Hihi, das kitzelt.
Seit ein paar Tagen kannst du richtig herzlich lachen, wenn ich dich mit viel Geräusch auf die Wangen küsse. Ein meckerndes Babylachen, bei dem mein Herz platzt.
Nur wenige Sachen findest du richtig scheiße. Baden zum Beispiel. Das macht dir irgendwie Angst und ich finde das sehr schade, weil wir anderen eigentlich alle Baden ganz toll finden. Aber du brüllst wie am Spieß und siehst mich mit diesem „Rette Mich!!!“-Blick an, dass mir fast die Tränen kommen. Manchmal findest du Auto fahren doof. Manchmal deinen Kinderwagen. Manchmal die Trage. Und immer: angezogen werden.
Du bist unheimlich stark, du willst nicht babymäßig auf dem Arm liegen, mindestens sitzen und eigentlich stehen. Du kannst dich schon prima aufsetzen, wenn man dir die Hände hinhält und eine Hand reicht dir zum Festhalten, um ein, zwei Minuten stabil zu sitzen. Du rollst dich dauernd auf den Bauch und kullerst mir so im Bett hinterher, wenn ich mal zwei Zentimeter von dir wegrutsche. Überhaupt weißt du sehr genau, was du willst: Ständig in meiner unmittelbaren Nähe sein, möglichst herumgetragen werden. Schlafen nur auf der Seite oder auf dem Bauch oder auf dem Bauch auf meinem Bauch. Wenn du Hunger hast, ziehst du mich quasi mit Blicken aus. Du magst wenn ich singe, egal was und egal wie falsch. Du liebst Massagen. Und wenn wir mal nicht machen, was du möchtest, wird gnadenlos gebrüllt. Da ist keine Geduld, kein anfängliches Gemecker, du schöpfst sofort dein ganzes stimmliches Repertoire aus.

Und dabei bist du so unfassbar niedlich**, dass man dich einfach lieb haben muss.

Murch und :* –

Deine Mama

 

*Allerdings weiß ich nicht mehr, was. Gab spannenderes.
**Dieses Lachgrübchen! Dieses Haarwirbelchen! Diese Speckfüßchen! Diese perfekten kleinen Hände!

Tag 104 – WiB 21./22. November 2015

Mal wieder ein Wochenende in Bildern. Wundern Sie sich nicht, wir waren ziemlich faul dieses Wochenende. Aber das ist ja auch ab und an mal sehr schön.

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Los geht es mit Samstagmorgenfrühstück, nachdem uns die Kinder bis 09:15 Uhr haben schlafen lassen. Für mich gibt es Apfel- statt Orangensaft. Vielleicht sind es ja die Orangen, die den nach wie vor manchmal roten Po des Babys verursachen? Gut ist allerdings, dass ich Multbeerenmarmelade in günstig gefunden habe. Mjammi.

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Das Baby übt fleißig Greifen am Spieltrapez und erzählt dabei dem Bärchen was. Es bedarf all meiner Selbstbeherrschung, es nicht aufzufressen abzuknutschen.

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Herr Rabe hat die Kinder geschnappt und läuft mit ihnen zum Bastelladen, Kram kaufen um für Opa eine Geburtstagskarte zu basteln. Ich muss für meine Statistikprüfung lernen.

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Wieder da, das Kind hat erstmal Hunger und besteht darauf, dass ich seinen kulinarischen Hochgenuss fotografiere. Nudeln an Nichts mit einem Topping aus geschäumter Luft.

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„Guck, Mama, so dick ist mein Bauch jetzt!“

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Die neue Fingerfarbe muss natürlich ausprobiert werden. Hier wird ein Dranhänger gemalt. Das Kind fand es am besten, sich mit der Farbe die Hände gründlich einzucremen.

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Kaffee für Herrn Rabe, der vom Baby auf dem Sofa immobilisiert wird.

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Die Brötchen für morgen früh sind fertig (Spoiler: Herr Rabe wird vergessen, sie nochmal aufzubacken, deshalb werden sie nicht ganz so knusprig sein. Aber lecker.), diesmal Kartoffel-Dinkel-Brötchen weil ich noch so viel Dinkelmehl hab.

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Zum Abendessen gibt es vegane Spinatquiche, die etwas mehr Stärke hätte vertragen können, aber trotzdem sehr lecker ist. Danach gehen wir quasi direkt ins Bett, es ist aber auch schon recht spät.

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Sonntag ist „Sendung mit der Maus“-Tag*.

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Das Baby macht dabei noch ein Schläfchen und sieht sosososo niedlich aus.

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Sehr viel später (was haben wir eigentlich dazwischen gemacht???) sind Herr Rabe und das Kind draußen im Schnee spielen. Ich lerne, esse den Rest Quiche und bewache das Baby, das abgelegt nur auf dem Bauch schlafen mag.

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Ah, jetzt weiß ich wieder was wir dazwischen gemacht haben. Keksteig. Aber der musste dann eh erstmal in den Kühlschrank. Hier hilft mir das Kind wirklich ganz toll und überraschend ausdauernd beim Kekse backen. Dabei singen wir O Tannenbaum und O Pupsbaum. Richtig schön ist das.

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Das Kind ist schon im Bett, morgen ist ja Kindergarten. Herr Rabe und ich essen Rømmegrøt, das ist so eine Art Mehlbrei mit saurer Sahne. Muss man mögen, Ich finds geil. Es sättigt auch ungemein, sodass ich nach dieser Portion (und höchstens 5 Probierplätzchen!) fast platze.

Soviel von uns, mehr Wochenenden in Bildern finden Sie wie immer bei Susanne von Geborgen wachsen. Und ich gehe jetzt ins Bett. Obwohl nein, in zwei Minuten genau wird das Baby vier Monate alt. Da trink ich noch ein alkoholfreies Bier drauf.

 

*So wie jeden Tag. Danke, ARD-Mediathek.

Tag 103 – Deutschland!

Das Kind hat eine zutiefst verstörende Angewohnheit. Bzw. hatte, jetzt macht es das nur noch um uns zu ärgern oder zum Lachen zu bringen, ich bin da nicht so sicher, was dahinter steckt.
Es begann so etwa im Mai, da konnte ein ganz normales Gespräch beim Abendbrot ungefähr so aussehen:

Herr Rabe: „…und dann haben wir beim Norwegischkurs über Kinderbücher gesprochen und ich hab erzählt, dass wir zu Hause auch Den Lille Larven Aldrimett…“
Kind: *wirft blitzschnell ein ohne vom Teller aufzusehen* „Deutschland!“

oder auch

Ich: „Das Kind hat ein neues Wort gelernt: Hestebæsj.“
Kind: „Deutschland!“

oder auch

Herr Rabe: „… und da musste ich erstmal überlegen, was das denn jetzt auf norwegisch…“
Kind: „Deutschland!“

(Das erinnerte uns beide an die Folge „Schottys Kampf“ aus der großartigen Serie „Der Tatortreiniger“. Da gibt es nämlich einen strunzdoofen Neonazi namens Bombe, der dauernd wie ein Stoßgebet „Deutschland!“ vor sich hin murmelt. Leider finde ich grad keinen Ausschnitt bei YouTube. Gucken Sie einfach die ganze Folge, lohnt sich!) 

Man sollte dazu vielleicht sagen (Ich hoffe nicht, dass man das muss!) dass wir wirklich nullkommagarnix von Deutschtümelei halten. Ich finde das norwegische mit-Flaggen-Gewedel befremdlich und Ansammlungen von deutschen Flaggen lösen bei mir spontanen Würgereiz aus. Allenfalls haben wir einen sehr begrenzten Lokalpatriotismus vorzuweisen, der sich hauptsächlich in der reflexhaften Verteidigung unserer Heimatstadt und in der festen Überzeugung, dass Dr. Oetker den besten Tütenpudding macht, äußert. Aber Deutschland? Neenee. Nee. Überhaupt kein Land. Norwegen auch nicht. Punkt.

Dementsprechend fanden wir das touretteartige Ausrufen von „Deutschland!“ auch reichlich verwirrend und leicht abstoßend. In der Öffentlichkeit unfassbar peinlich. Man stelle sich vor, wir sind irgendwo, bestellen Kaffee, und das Kind blökt plötzlich los: „DEUTSCHLAND!“. Ein Loch tue sich bitte in der Erde auf und verschlucke mich umgehend!

Nach mehreren Wochen hatten wir endlich den Zusammenhang verstanden: Das Kind konnte noch nicht unterscheiden zwischen dem Land Deutschland (da wo Oma wohnt und alle anderen auch…) und der Sprache Deutsch. Es wollte mit seinem Zwischenruf nur ausdrücken, dass es jetzt verstanden hatte, dass Norwegisch* und Deutsch unterschiedliche Sprachen sind, die je nach Kontext gesprochen werden, aber über die wir auch oft sprechen. Puhhh.

Und so machten wir uns an die mühselige Aufgabe, dem Kind den Unterschied zwischen einem Land und einer Sprache zu verklickern. Und dass wir es gutheißen würden, wenn es das „Deutschland!“-Rufen auf zu Hause beschränken könnte.

 

*“Neu-e-isch“, nur falls Sie sich fragen.

Tag 102 – Der Schnuller

Ich wage es kaum zu schreiben, aber das Kind braucht keinen Schnuller mehr. Es hatte ja den Schnuller am zweiten Tag seines Lebens bekommen, nachdem es eine komplette Nacht wie bekloppt an mir herumgesaugt hatte und ich einfach nur dankbar für alles war, was mir eine Stunde Schlaf ermöglichte. Tja und seitdem war es halt druff.
Meistens fand ich das mit dem Schnuller auch sehr praktisch. Nächtliches Gemecker? Schnuller rein, Kind schläft weiter. Gezeter im Supermarkt? Schnuller rein, böse Blicke abgewendet. Der fiese Arzt hat in den Finger gepiekt? Schnuller rein, schnell vergessen. Sie erkennen das Muster.
Bloß nachkaufen und abkochen ist halt nervig mit Schnullern. Und die Panik wenn man irgendwo ist und feststellt, man hat den Schnuller vergessen. Das ist aber selten passiert und das Abkochen haben wir mit zunehmendem Alter des Kindes auch mehr und mehr schleifen lassen. Insgesamt würde ich mich definitiv zu den Pro-Schnuller-Menschen zählen und finde es nach wie vor schade, dass das Baby sich mit Schnullern nicht so richtig anfreunden kann. Wobei es mittlerweile auch egal ist, dann entfällt wenigstens das nervige Abgewöhnthema.
Mindestens seit einem Jahr, also seit das Kind zwei war, haben wir nämlich immer mal wieder drüber gesprochen, dass das mit dem Schnuller jetzt mal bald beendet sein sollte. Wegen des Kiefers und wegen Karies und überhaupt brauchen so „große“ Kinder doch keinen Schnuller mehr. Wir hatten aber beide den Eindruck, das Kind brauche das eben doch noch. Und wir hatten – ich frisch wieder schwanger und zum Umfallen müde – beide keinen Bock auf nächtlichen Terror wegen des Schnullerentzugs, wo doch gerade endlich eine für alle zufriedenstellende Schlafsituation eingekehrt war. Also gut, dann etwas später, sagten wir uns. Dann zogen wir um, die neue Wohnung und das alles, das war so fremd und wir wollten das Kind nicht überfordern. Also durfte es weiter Schnullern. Der Bauch wuchs immer weiter, das Kind begann zu begreifen, dass da ein Baby drin war, das bald mit uns leben würde. Es stand ein Kindergartenwechsel an. Das Kind brauchte tagsüber keine Windel mehr. Wieder so viele neue Sachen: Ach komm, lass dem Kind den Schnuller, es ist eh schon so viel Neues. Und schon stand der dritte Geburtstag vor der Tür und es zeigte sich auch ein beginnender Überbiss. Ich hoffte deshalb auf den Zahnarzttermin, den Kinder hier mit drei Jahren erstmalig haben. Vielleicht, wenn die Zahnärztin sagt, dass das mit dem Schnuller aufhören muss? Nein, tat sie nicht. Trotzdem beschlossen wir, dass wir keine neuen Schnuller mehr kaufen würden und teilten dies dem Kind mit. Eigentlich benutzte es den Schnuller zu diesem Zeitpunkt schon nur noch zum Einschlafen und manchmal als Tröster bei Aua und Traurig. In den neuen Kindergarten nahm es keinen Schnuller mehr mit. Das Kind schien unsere Entscheidung zu akzeptieren und schmiss trotzdem immer mal wieder Schnuller weg, weil sie kaputt waren (scheinbar kann man sich an nem zerkauten Silikonschnuller prima die Zunge einklemmen) oder im Falle der Latexschnuller komisch schmeckten. Zuletzt hatte es noch drei.
Dann kam das Leckekzem. Das haben viele Kinder, auch welche ohne Schnuller. Es kommt vom dauernden Lecken oder Besabbern der Mundregion. Da wird die Haut um den Mund erst sehr trocken und rissig und schließlich wund und nässend. So weit kam es bei uns nicht, weil wir immer gut cremten und außerdem das Kind überzeugten, dass der Schnuller jetzt wirklich nicht gut sei. Und siehe da: das Kind verstand das! Wirklich, der Vorteil eines Dreijährigen ist das es sowas eben schon versteht und dann eben von sich aus entscheiden kann, dass die Lippe ja schon so unangenehm brennt und wenn die Eltern sagen, das wird besser, wenn man nicht schnullert, dann kann man das ja mal probieren. Zudem wir eben auch überzeugt waren, dass es wirklich besser werden würde, wenn es auch ohne Schnuller schlafen würde und entsprechend klar auftreten konnten. In der ersten Nacht schloss ich mit dem Kind den Kompromiss, dass es mit Schnuller einschlafen könne und ich ihm nach dem Einschlafen den Schnuller aus dem Mund nehmen und weglegen würde. Das klappte gut. Am zweiten Abend gab es eine kurze Diskussion, aber das Argument mit der Lippe zog. Am dritten Abend versuchte das Kind mich anzuschwindeln, seine Lippe sei ja schon heile („Aua weggeflogt, nicht mehr weh!“). Ich nahm es mit Humor, wies auf die nach wie vor kaputte Lippe hin und schlug vor, es heute nochmal ohne Schnuller zu probieren. Die letzten Nächte habe es ja auch schon ganz toll geklappt. Das fand das Kind ok.
Und seitdem hat das Kind nicht mehr nach dem Schnuller gefragt. Das ist jetzt ne Woche her.
Klar hätte ich mir gewünscht, dass es früher passiert wär. Ich hätte mir auch gewünscht, dass es keine kaputte Lippe als Anstoß gebraucht hätte. Ich will auch absolut gar nicht behaupten, dass es immer total problemlos abgeht mit der Entwöhnung, wenn man sie einfach immer wieder herausschiebt. Ich weiß auch nicht, was wir mit den drei verbliebenen Schnullern machen sollen*. Aber letztlich war es gut, dass das Kind selbst entschieden hat, es ohne Schnuller zu probieren. Und dann erkannt hat, dass es gut ohne geht. Und am Ende ist ein Schnuller eben für Babys. Und nicht für große Kinder.

 

*(Als ich mit dem Rauchen aufgehört hab, hatte ich noch mindestens ein Jahr lang eine Packung Tabak in meinem Zimmer liegen. Als Rückversicherung, dass ich ja könnte, wenn ich wollte. Allerdings war ich da auch 23 und nicht 3.)

Tag 101 – Wieder da

Das Baby und ich sind wieder zu Hause. Der Rückflug war wesentlich entspannter, kein Wind aus Südwest oder sonst einer Richtung. Das Baby hatte wohl etwas Druck auf den Ohren, war dann aber an der Brust recht zufrieden. Mit dem Zug heim, kurz den Koffer reingeschmissen und die Schuhe gewechselt. Eigentlich muss ich nämlich wegen Spreiz-Senkfuß Einlagen tragen und nach fast vier Tagen mit sehr viel Rumgelaufe taten mir ordentlich die Füße weh.

Dann sind das Baby und ich direkt wieder los und haben das Kind vom Kindergarten abgeholt. Das Kind war schwer begeistert, dass ich wieder da bin und zeigte es indem es sich komplett selber und unaufgefordert seine Schuhe anzog (ohne Ziegenfüße!!!) und dann sehr sehr schnell auf seinem Kickboard nach Hause fuhr. Und jedes Mal sofort anhielt, wenn ich rief, es solle warten. Und überhaupt das allerbeste Vorzeigekind der Welt war. Natürlich musste ich es dann auch ins Bett bringen und so. Leider fand das Baby das überhaupt nicht gut, dass es beim Papa sein sollte und nicht wie die letzten 84 Stunden konstant bei der Mama. Und damit sind wir auch schon bei dem was heute echt scheiße war: Das Baby brüllte total krass herum; obwohl Herr Rabe es in die Trage geschnallt herumtrug beruhigte es sich mal so gar nicht sondern wurde immer hysterischer. Und das kann ich wiederum überhaupt nicht ab, ich ertrage das nicht, wenn das Baby weint, das tut mir körperlich weh, das anhören zu müssen. Gleichzeitig will ich auf gar keinen Fall diese Mamafixiertheit zementieren oder gar Herrn Rabe Vorwürfe machen, er mache das falsch, das müsse soundso und hallo, Maternal Gatekeeping. Herr Rabe machte ja auch nichts falsch, außer, dass er nicht ich ist. Aber was macht man denn da? Ich bin fest überzeugt, dass Papas genauso gut trösten können wie Mamas, und dass auch die Nummer zwei vom Kind liebgehabt wird. Und ich finde es furchtbar für Herrn Rabe, dass das Baby den Papa grade so ablehnt. Ich finde mich furchtbar, wenn ich Herrn Rabe das Baby dann abnehme, damit es ruhig ist und mein Herz nicht mehr so bluten muss und ich damit aber dem großen Kind seine exklusive Mama-bringt-mich-ins-Bett-Zeit nehme. Das ist alles total scheiße und ich weiß nicht, was tun. Irgendwelche Tipps irgendwer?

Tag 100 (!) – Oslo Tag 3

Ich sitze hier mit dem Baby auf dem Bauch, das immer noch schluchzt weil es eben einen hysterischen Anfall hatte oder so, es hatte sich ordentlich eingekackt und dann vorm Wickeln schon wie am Spieß gebrüllt, beim Wickeln weiter gebrüllt als würde es grade mit kochendem Wasser den Po gewaschen bekommen und dann noch eine weitere halbe Stunde untröstlich geschrien. Sowas nimmt mich immer sehr mit, ich würde ja gerne helfen, aber weiß nicht was los ist und alles was ich mache ist irgendwie egal und macht es bestenfalls nicht schlimmer aber eben auch nicht besser. Außerdem hat das arme Baby jetzt auch außer der Windel nichts an und ich habe Angst, dass es gleich wach wird, wenn ich versuche es anzuziehen. 

Heute haben ich und das Baby und A. Menschen getroffen, die ich mal auf einer Konferenz an einem sehr sehr kalten Ort kennen gelernt habe: M. und E. . Wir trafen uns im Café Liebling, das ist in einem Osloer Hipsterviertel und da war es sehr schön. Wir waren sehr lange da. Dauernd gingen Menschen mit Babys umgebunden am Fenster lang. Da muss es echt unheimlich viele Babys geben in dem Viertel da. Irgendwann bemerkte ich, dass es in dem Café ein klitzekleines Stück Heimat käuflich zu erwerben gibt:

  
Also jetzt nicht das Wasser. 

Danach sind A. und das Baby und ich auf die Oper geklettert, ich habe spektakulär versagt beim Versuch ein Panoramafoto von Oslo bei Nacht zu machen und dann sind wir ganz schnell wieder runter, es war nämlich windig oben und arschkalt.   

 
Barcode-Project oder so heißen die Hochhäuser links und die waren wirklich hübsch. Ich kann halt nur nicht fotografieren. 

Dann gab es noch Beleuchtungskunst auf dem Gehweg:

  
Und danach leckeres indisches Essen, Kakao und Gedanken darüber, wie (Mittel-)Norwegen aus A. und mir komische, kontaktscheue Wesen gemacht hat. 

Morgen nach Hause und die restliche Familie herzen. Das wird schön. Obwohl Oslo auch echt toll ist. Echt. 

Tag 99 – Oslo Tag 2

Huiiii schon so spät.

Heute war ich ein Harry Hole Fänchen, dann haben wir lecker Sachen gegessen, dann noch leckerere Sachen gegessen und dann Kakao mit Marshmallows am Kamin getrunken, geschnackt und Fotoalben angeguckt. 

Sehr schön hier. Sehr sehr schön. 

(Ich habe gehört, dass die WordPress App ungern Fotos hochlädt. Falls Sie also gleich kein Foto sehen, stellen Sie sich ein Harry Hole Klingelschild vor. Und Restaurant Schrøder.)