Tag 14 – Das schlechte Gewissen

Ich liege im Bett, neben mir das friedlich schlafende Baby. Es ist gleich halb elf, morgens, ich sehe einem faulen Tag entgegen. Gegen drei werde ich das Kind vom Kindergarten abholen. Bis dahin habe ich nur das Baby und es ist großartig.
Überhaupt ist dieses kleine, grade mal einen Monat alte Wesen so unfassbar toll. Alles am Baby ist toll oder allermindestens tolerierbar. Dabei ist das Baby viel anstrengender als das Kind in dem Alter war. Das Baby schreit viel mehr, viel lauter, viel unvermittelter und viel untröstlicher. Es will total unregelmäßig stillen, mal alle anderthalb Stunden, mal schläft es nachts vier Stunden am Stück und ich liege mit schmerzenden Brüsten wach. Die Haare gehen ihm aus, die Klamotten werden zu klein, die Speckringe viele und meine Rückenmuskulatur hält mit seiner Gewichtsentwicklung nicht Schritt. Und alles was ich denke ist „Aaaaawwww!“ und „So what?“.

Und da ist es, das schlechte Gewissen. Weil das beim Kind nämlich nicht so war.

Man muss dazu sagen, wir hatten einen ungünstigen Start. Das Kind wollte sich am Ende der Schwangerschaft partout nicht ins Becken senken, alle Befunde meiner körperlichen Verfassung beim Frauenarzt lauteten auf „nicht geburtsbereit“. Der errechnete Geburtstermin verstrich, ich fühlte mich riesig und war genervt und der Frauenarzt „drohte“ mit Einleitung und ich hatte Angst. Vor allem. Vor der Geburt, davor dass die Geburt nicht von selber in Gang kommen würde. Vorm Muttersein. Dann platze die Fruchtblase im Bett, das Fruchtwasser war grün und eklig und viel und saute alles ein. Das Kind hatte ins Fruchtwasser gekackt. Ich musste den Krankenwagen rufen, um liegend ins Krankenhaus transportiert zu werden. Als ich echte Wehen bekam, überrollte mich der Schmerz so dermaßen, dass ich nicht mehr aufrecht stehen konnte und nur noch weinte. Ich hatte das Gefühl, dieses Kind arbeite irgendwie gegen mich, erst wollte es einfach nicht raus und dann doch so schnell und so plötzlich. Einige wenige aber interventionsreiche Stunden später wurde das Kind dann mit der Saugglocke aus meinem Körper gezogen, da ich keine Ahnung hatte was ich machen sollte, irgendwie machte ich alles falsch und spüren konnte ich auch nichts mehr. Dann war es endlich da, unser Baby, und ich wartete auf das extreme Glücksgefühl, das da angeblich kommen sollte. Ich starrte das kleine Baby, was da aus meinem Körper gekommen war, ungläubig an, und alles was ich dachte war „Krass!“ und „Ach du Scheiße.“

Die ersten Wochen waren hormonrauschbedingt noch ganz ok, aber dann wurde mir extrem langweilig. Das Kind fanden alle süß, ich fand das auch, aber es war als wäre ich bei mir selbst zu Besuch und würde ein fremdes Kind angucken. Ich ging zu Stilltreffs und zum Babyschwimmen und zur Babymassage, in der Hoffnung andere Mütter zu treffen, denen es vielleicht genauso ging, die musste es doch geben. So unnormal konnte das doch nicht sein, nicht totaaaaaal glücklich herumzuschweben. Leider waren, genau wie auch schon im Geburtsvorbereitungskurs und in der Rückbildungsgymnastik, 90 % der anderen Mütter doof, oder hatten komplett andere Lebensentwürfe, oder gaben mir noch mehr das Gefühl als Mutter spektakulär zu versagen, weil ich so viel negatives an dem Leben mit Kind sah. Ich meine, hey, das Kind hatte mein Leben komplett umgekrempelt. Aber ich weigerte mich standhaft, „so eine Mutter“ zu werden.

Heute denke ich, das war das Hauptproblem. Ich konnte und wollte mich nicht auf das Kind einlassen, weil das geheißen hätte, eine „Mutter“ zu sein. Und das wollte ich nicht. Auf gar keinen Fall. Ich kann und konnte nicht mal benennen, was denn so schrecklich daran wäre, „so eine Mutter“ zu sein. Ich wollte es jedenfalls nicht. Ich wollte so bleiben wie ich war und dass das zum Scheitern verurteilt war habe ich schlicht ignoriert. Nein, Babys kann man nicht zum Feiern mitnehmen. Auch nicht auf private Feiern. Nicht, wenn die Freunde keine Kinder haben. Nein, das Kind kann nicht in dem einen Raum in dem nur die Jacken von allen liegen schlafen, während im Raum nebenan eine gemietete Anlage volle Möhre dröhnt. Es. Geht. Nicht. Ich weiß das, denn ich habe es versucht. Danach klopfte ich mir selber auf die Schulter, was ich für eine coole Mutti bin. Und fand mich insgeheim echt scheiße. Dieses Zerrissensein zwischen meinen eigenen Erwartungen an mich als Mutter und an mich als Frau/Mensch/Freundin prägten die erste Zeit mit dem Kind für mich.

Im Endeffekt brauchte es mehr als ein Jahr Muttersein und einen Umzug 1600 km weg von meinem alten Leben, das ich so ungern loslassen wollte, um als Mutter anzukommen. Und weitere eineinhalb Jahre, um darüber nachzudenken, warum ich mich so dagegen gesträubt habe, wo es doch so toll ist, eine Mama zu sein. Das Leben ist ja nicht vorbei, das weiß ich jetzt, es ist nur anders. Nämlich unendlich bereichert durch diesen kleinen Zwerg, der einem wirres Zeug aus dem Kindergarten erzählt, der „Pitsch-Patsch-Pinguin“ zum Einschlafen hören will, der wild herumtobt, sich dann einen mikroskopisch kleinen Kratzer holt und unter theatralischem Geheul ein Pflaster einfordert. Der nachts zu uns ins Bett getappst kommt und schon wieder schläft, bevor er überhaupt richtig liegt. Der wenn er krank ist immer noch auf mir drauf schlafen will, obendrauf auf dem riesigen 10. Monats-Bauch. Der keine Küsse will. Der stark genug ist zu sagen, dass er keine Küsse will, auch nicht von Mama.

Im Nachhinein tut es mir sehr leid dass ich mich anfangs nicht auf das Kind einlassen konnte. Dass das Baby jetzt die Früchte erntet, die das Kind erst sähen musste. Dass das Baby von Anfang an eine Vollblutmama hat.

Aber ändern kann man das ja jetzt auch nicht mehr. Jetzt kann ich nur noch so oft wie möglich sagen: Ich hab dich lieb. Du bist mein großer Schatz.

Tag 13

„Wir“ haben heute „geputzt“ und „aufgeräumt“. Das lief ca. so ab:

Ich: „Wir müssen staubsaugen!“
Herr Rabe: „Ja.“

Dann hat Herr Rabe zwei Stunden lang Papier sortiert und ich hab das Baby bespaßt. Das Kind wurde etwas bekloppt und wollte die ganze Zeit was, allerdings natürlich nur von Herrn Rabe, der sich von seiner Papiersortiererei bereitwillig ablenken ließ. Als das Baby kurz mal schlief und dies auch nicht auf mir drauf tat räumte ich ein bisschen auf um mein Gewissen zu beruhigen und Herrn Rabe zu demonstrieren, worum es hier eigentlich ging. Irgendwann beschloss Herr Rabe mit dem Papiersortieren fertig zu sein, er muss ein geheimes Signal empfangen haben, dem Küchentisch war das fertig sein jedenfalls noch nicht anzusehen. Dann saugte er die Wohnung so gründlich, dass ich Zeit hatte mich in rotschäumende Wut herein- und wieder herauszusteigern. Immerhin war es danach sauber. So ist das immer mit Herrn Rabe: er macht Sachen so dermaßen gründlich, dass es mich wahnsinnig macht, schon allein aus Effizienzbestreben kann ich mich nicht so lange mit einer Tätigkeit aufhalten. Das Ergebnis spricht für sich, IMMER, aber während des Prozesses muss ich woanders sein, sonst reifen in meinem Kopf die Mordgedanken zu CSI-reifen Plots heran.

Jetzt auch schon wieder. Ich muss bloggen, weil er diese dämliche email mit den Fotos an meine Großeltern „schreibt“. Das heißt, er recherchiert seit einer Stunde was das perfekte Fotobearbeitungsprogramm wäre, was man benutzen könnte um nicht vorhandene Unperfektheiten unserer Kinder verschwinden zu lassen.

(Lesen Sie dann hier bald die Gegendarstellung von Herrn Rabe: „Dass Frau Rabe alles immer so schnell hinschmiert und nichts mal ordentlich macht, macht mich wahnsinnig!“)

Tag 11

Eigentlich möchte ich seit Tagen über das schlechte Gewissen schreiben, das ich gegenüber dem großen Kind habe, seit das Baby da ist. Darüber, dass es nichts damit zu tun hat was ich dachte was mir ein schlechtes Gewissen machen würde. Allerdings ist das irgendwie noch so unausgereifter Gedankenquark, da muss erstmal Ordnung rein, dann kann ich drüber schreiben.

Heute war wieder schönes Wetter, langsam gewöhne ich mich dran und langsam wird es auch etwas peinlich, dass ich im Wechsel die selben zwei identischen (!) Hosen trage, weil ich dachte für die ein, zwei Tage lohne es sich nicht, die Sommersachen vom Schrank zu holen. Jetzt lohnt es sich aber wirklich nicht mehr, der Sommer soll wohl spätestens Ende nächster Woche vorbei sein und der Schrank ist sehr hoch und die Leiter wackelig. Obwohl sicher auch Herr Rabe auf die Leiter steigen würde, bäte ich ihn darum. Aber egal. Es lohnt nicht mehr und ich hab ja die zwei Hosen. So.
Wegen des schönen Wetters bin ich nach meinem Mittagessen mit der netten Kollegin (wir wollen das jetzt jede Woche machen, dann gibts für sie mal was warmes und für mich überhaupt was zum Mittag) zu Fuß fast bis nach Hause gegangen, am Fluss entlang. Wenn gutes Wetter ist, ist die Stadt hier fast kitschig schön und spazieren gehen finde ich eh gut, das Baby und ich brauchen ja auch frische Luft und coffee to go macht so auch viel mehr Sinn. Am Fluss liegt der Dom und am anderen Ufer gibt es eine Promenade, die dann direkt in die Altstadt übergeht mit putzigen kleinen bunten Holzhäuschen, in denen sehr reiche Menschen wohnen, den Wohnungspreisen nach zu Urteilen jedenfalls. Überall sonnten sich Menschen, das Semester hat auch gerade angefangen, deshalb hatte ca. die Hälfte der Menschen Alibi-Bücher mit schlau klingenden Titeln neben sich liegen, während sie ihren post-Urlaubs-Blick über den Fluss schweifen ließen. Kurzum: es war super schön und ich im ca. 5. Himmel, bis ich in den Bus stieg (für den letzten Kilometer bergauf war ich dann doch zu faul und die Strecke ist dann auch nicht mehr so schön). Da wurde ich sofort von einer älteren Dame angepampt weil ich den Kinderwagen ja doch bitteschön andersrum hinstellen könnte, so würde sie ja da gar nicht durchpassen. Dass der Kinderwagen egal in welcher relativen Ausrichtung zum ihm umgebenden Raum immer gleich groß ist, schien ihr nicht bewusst zu sein. Auch dass ich mir fast den Fuß abbrach bei dem Versuch in der anderen Position die Bremse erst fest- und zwei Stationen später wieder aufzubekommen interessierte sie offenkundig nicht. Mein bissiges freundliches „Ha det!“ zum Abschied wurde konsequent ignoriert. Nach der Busfahrt hatte ich mich von meiner guten Laune erholt und ging lieber schnell nach Hause und ließ mich vom Baby vollspucken.

Der Rest des Tages war wie immer. Kind abholen, Eis, Spielplatz, Wäsche, Essen, mehr Wäsche, im Garten rumgehangen. Unsere Nachbarn haben im Garten eine Hängematte aufgehängt, das ist sehr nett von ihnen. Findet auch das Kind. Das Kind begrüßt auch dass es im Brunnen im Park wieder Wasser gibt (wieso wird das überhaupt dauernd abgelassen und dann wieder befüllt?) und feierte das heute indem es sich nackt auszog und reinsprang. Wir sind die Weirdos, deren Kinder nackt im Brunnen sitzen, während sie selbst mit Babykotze auf dem T-Shirt ihre Augenringe zählen. Und haste gesehn? Die Frau hat immer die gleiche Hose an.

Tag 9

Ich hab das Kind ins Bett gebracht und bin dabei eingeschlafen. Jetzt fühle ich mich so, wie man sich halt fühlt nach 45 Minuten auf einem Barhocker, schief zur Seite hängend, den Kopf in die (eingeschlafenen) Hände gestützt. Gnärfz.

Heute hatte ich mir vorgenommen „nichts“ zu machen. Um neun hatte ich zwei Briefe per Hand geschrieben, ein Paket gepackt, ein neues Passfoto vom Baby eingetütet (das eine was wir an die Botschaft geschickt hatten, war verloren gegangen), dem Baby die Fingernägel geschnitten UND mir die Fingernägel geschnitten. Dann etwas Pause da eine Adresse erst angefragt werden musste, um zwölf war ich bei der Post, um eins wieder hier und dazwischen hatte ich noch fürs Grillen eingekauft. Dann muss irgendwas gewesen sein, jedenfalls gings erst so gegen zwei weiter mit gemächlich ca. eine Milliarde Dinge ins Auto packen, SalatGurkeTomate waschen und schneiden, den Grill vom letzten Mal leeren und mit neuer Kohle füllen und um viertel nach drei waren dann ich, das Baby und all unser Kram auf dem Weg, das Kind abholen. Dann Herrn Rabe abgeholt und auf zum See (diesmal ein anderer, ich find den ja noch schöner, aber Herr Rabe schätzt den Komfort vom Mülltonnen und einem public Grill an dem anderen).

Am See wars Bombe, das Kind hat gebadet, ewig lang und wollte gar nicht mehr raus. Meine Beine haben bis zum Knie gebadet, ebenso Herr Rabes. Es gab nur wenige Knotts (Kriebelmücken) dafür viel Sonnenschein und noch nicht mal eine Katastrophe, als sich das Kind am Fuß verletzte und wir keine Pflaster dabei hatten. Wir haben vegetarische Burger und Würstchen gegessen, das war ein Test der einzigen verfügbaren Marke und er wurde mit Sternchen bestanden. Mjammi. Das Kind hat gar nicht gemerkt, dass es keine „echten“ Pølse waren. Jede Menge andere Kinder, wenns keine Norweger gewesen wären also theoretisch Spielkameraden.

Dann mit Sack und Pack wieder nach Hause, das Kind ist leider kaputt, es schläft nicht mehr im Auto ein, jedenfalls dann nicht, wenn wir es extra schon im Schlafi ins Auto setzen. Deshalb bin ich dann ja auch neben seinem Bett eingeschlafen.

Und morgen mache ich wirklich gar nichts.

Tag 7

Eigentlich wollte ich heute Abend eine Fotostrecke zum Thema Windeln falten anfertigen, aber jetzt tut mein Rücken so weh, dass mir die Lust darauf irgendwie vergangen ist.

Deshalb hier stattdessen kurzes Gemecker über Rückenschmerzen:
Meckermecker, aua. Meh.

Ich schätze mal, ich hab heut das Baby ein bisschen viel rumgeschleppt. Und das Kind. Wir waren nach dem Kindergarten noch am See, das Kind war allerdings sooooo müde und musste getragen werden, also hatte ich die Wahl zwischen a) zwei Kinder tragen und b) den ganzen Kram tragen. Ich entschied mich für b) auf dem Hinweg und b) plus Kind auf dem Rückweg. Dumm. Am See war es im babyfreundlichen Schatten auch ziemlich kühl, das hat es sicher nicht besser gemacht, auch nicht dass ich danach direkt in die Küche gesprintet bin um Kuchen zu backen. Morgen gehts nämlich zur Arbeit, Baby rumzeigen und Kuchen essen. Eine sonst willkommene Ausrede um Blechkuchen zu backen (Pflaumenkuchen mit Hefeteig und Guss, in der Küche bin ich meine Oma) aber heute irgendwie anstrengend da keine Position zu finden war, in der ich bequem stehen konnte. Nun ja. Morgen ist es sicher schon besser, aber jetzt steh ich außer zum Zähne putzen nicht mehr auf. Ich lieg nämlich schon im Bett, neben mir das herumschnorchelnde Baby. Es nuckelt an seiner Zunge, das ist sehr niedlich. Eben hat es die Windel gut gefüllt. Das war weniger niedlich. Gut, dass Herr Rabe gerade vom Fußball nach Hause gekommen ist. Hehe. Ich memme ja rum bin ja grad unpässlich.

Das Kind hat heute nicht nur im See gebadet („Ich darf nach der Geburt noch nicht wieder baden! *hüstel*“) sondern auch im Fjord, der kleine Norweger. Der Kindergarten hat nämlich heute einen Ausflug gemacht zum Fjord und da durften die Kinder baden. Als ich das Kind vom Kindergarten abholen wollte, wurde ich dann auch erst ignoriert und dann wurde mit einem Stock auf mich geschossen. Bald muss ich das Kind wahrscheinlich vom Zaun aus mit einem Lasso einfangen um es abzuholen. Ich sollte schon mal üben. Ach nee, ich kann ja nicht.

Oh, und schon eine Woche gebloggt. Kann man sich dran gewöhnen :)

Tag 5 – Schafe

Wir haben einen Freund, und der hat Schafe. Er wohnt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern auf der anderen Seite vom Fjord und hat grob geschätzt 80 Schafe, plus zur Zeit 100 Lämmer. Norwegisches Wildschaf, eine Rasse, die mit den Witterungsbedingungen und dem Nahrungsangebot hier gut zurecht kommt. In Glennkill-Sprech ist es weder eine Fleisch- noch eine Wollrasse, obwohl sehr schmackhaft und auch sehr schöne Wolle. Unser Freund lässt jedes Jahr einen (Groß-)Teil der Lämmer und einen (kleinen) Teil der Schafe schlachten, vertreibt das Fleisch und die besonders schönen Felle und finanziert sich so sein Hobby, also die Schafe. Die Schafe sind eigentlich immer draußen, außer die drei Böcke, die muss er einsperren wenn die Schafe brünstig sind, sonst bekommt er viel zu viele Lämmer. Trotzdem sind die Schafe ziemlich zahm, manche haben auch Namen, und sie werden neben dem Gras auf den riesigen Weiden oft mit Hafer oder trockenem Brot aus der Hand unseres Freundes und seiner Familie verwöhnt. Die vierjährige Tochter hat dieses Jahr ein verstoßenes Lämmchen mit der Flasche aufgezogen. Alles in allem für uns Stadtpflanzen die reinste Bauernhofidylle.

Anfang der Woche hat das Kind uns davon reden hören, dass sich schon wieder so viel trockenes Brot hier angesammelt hat, wir aber ja noch tonnenweise Semmelbrösel vorrätig haben und gar nicht wissen wohin damit und was also tun mit dem Brot? Ich schlug vor, mal wieder die Schafe zu besuchen IRGENDWANN und das Brot zu verfüttern. Quasi als kleine Investition in ein leckeres niedliches Lamm. Unvorsichtiger Weise sagte ich das im Beisein des Kindes, das fortan täglich schon beim Aufstehen der Meinung war, heute wäre der ideale Tag um die Schafe zu füttern. Unser Einwand, das ginge erst am Wochenende, weil unser Freund ja auch arbeiten müsse und er ginge ja auch in den Kindergarten wurde lediglich mit einem empört-verzweifelten „Schafe guckääääään!!! Wääähähäää! Nicht Kindergarten, Schafe guckäääähähääään!!!“ in Endlosschleife quittiert. Täglich. Hurra.

Heute war es dann endlich soweit. Mit Sack und Pack und Nudelsalat auf zum Schafe gucken, die Familie des Freundes ist zwar grad in Kroatien, also keine Spielpartner da, aber 100 Lämmer sollten ja wohl reichen als Entertainment. Unser Freund fuhr gerade als wir kamen Mist mit dem Traktor durch die Gegend, beim Anblick des Traktors vergaß das Kind sogar kurzzeitig die Schafe, bis unser Freund abstieg und das Kind fragte, ob er denn die Schafe besuchen wolle, da gabs dann kein Halten mehr. Fix das Baby ins Tagebuch geschnürt, das Brot gepackt und dem Kind hinterhergerannt, das schon auf dem Weg mitten in die Schafherde war. Die Schafe waren aufgrund der sommerlichen Temperaturen ziemlich faul und ließen sich etwas Bitten, aber wir haben ja ein ausgesprochen höfliches Kind, deshalb war das mit dem Bitten nicht das Problem. „Hier, Bitteschön!“ wurden die Schafe brotwedelnd angebrüllt angelockt. Nachdem sich die mutigeren Leitschafe dann auch mal ranbequemt hatten und das Kind völlig aus dem Häuschen herumhüpfte und „Hier, Bitteschön!!!“ das Brot gönnerhaft unter den Schafen verteilte, passierte, was immer passierte: Es kamen ca. 25 Schafe gleichzeitig angerannt und wollten auch was vom Kuchen. Ich muss sagen, ich fühl mich dann auch nicht mehr allzu wohl, wenn ich mich in der wolligen Masse nicht mehr bewegen kann, insbesondere die Böcke machen mir etwas Angst, aber für das noch nicht mal einen Meter große Kind ist das sehr furchteinflößend. Aber man wird ja zur Löwenmama in solchen Situationen, pflügt mühelos die gierigen Schafe beiseite und hievt das Kind auf die hintere Hüfte (vorne hängt ja noch das Baby!). Immer darauf bedacht, die Bremsen zu verscheuchen, die mit den Schafen gratis mitgeliefert werden. Ich war sehr froh, als kurz drauf das Brot alle war. Sonst wäre ich wohl durchgebrochen.

Später haben wir dann noch gegrillt (Gemüse, kein Lamm ;) ) und den Nudelsalat gegessen und Herr Rabe hat selbstgebrautes Bier mit unserem Freund getrunken und unser Freund war ein bisschen neidisch, weil unsere Babys so lieb sind und die ganze Zeit schlafen und unsere Kinder deshalb auch gar nicht eifersüchtig sind, weil die Babys ja keine Bedrohung darstellen.

Nach all dieser Idylle musste das Baby dann natürlich die halbe Rückfahrt schreien und das Kind musste nörgeln, weil es wegen des Babygeschreies nicht gut schlafen konnte.

Aber es war ein sehr schöner Tag.

Tag 4

Nach fünf Stunden Schlaf (nicht am Stück) in der letzten Nacht heute ein eher kurzer Eintrag.

Das Baby und ich waren heute „aus“, das war ein wenig aufregend weil das erste mal. Wir haben uns mit einer lieben Kollegin zum Mittagessen getroffen. Das Baby bekam ein weiteres putziges Geschenk und ich Gelegenheit, ein normales Gespräch zu führen. Da ich und die Kollegin in DEM Bistro im Krankenhaus (wo ich normalerweise arbeite) saßen, kamen zufällig noch ca. 10 andere Kollegen nach und nach vorbei um sich was zu essen zu holen. Entsprechend hab ich heute ca. 11 mal erzählt, dass es uns gut geht, dass das Kind total lieb ist und das Baby wenig weint und viel trinkt und gut zunimmt.

Danach war ich von sozialen Kontakten so geflasht dass ich Pflaumenmarmelade kochen musste um runterzukommen. Ja, Marmelade und nicht Mus, weil es hier keine Zwetschgen gibt und die hiesigen Pflaumen sind zwar lecker aber sehr viel zu saftig als dass man ein Mus machen könnte. Und deshalb muss auch jeder, der zu Besuch kommt, ein Glas Aachener Pflümli mitbringen.

Zum Abschluss des Tages war dann das Kind sehr müde und das Baby hat mich zu oft sagen hören, dass es wenig schreie, jedenfalls brüllte es erst mit dem Kind um die Wette und dann als das Kind im Bett war noch eine ganze Weile weiter. Da wir nicht rausfinden konnten, was es hat, beschlossen wir dass es einfach nen langen Tag hatte (aber es hat doch geschlafen die ganze Zeit? Check ich nicht. Egal.) und den erstmal verdauen muss. Da ich wenig Motivation hatte, den halben Abend mit dem Kind auf dem Arm schuckelnd herumzulaufen und mir ins Ohr schreien zu lassen, schnürte ich das Kind in seinen Pucksack und 5 Minuten später schlief es selig. Das tut es noch. Wie schön.

Morgen wird wieder ein langer Tag, zum Frühstück kommt eine Freundin, danach skypen wir mit M. und A., und dann geht es endlich Schafe guckääääään!

Ach ja: und es ist Sommer! Endlich! Morgen werden 28 Grad, ich kann es kaum fassen. Leider lohnt es sich nicht so wirklich, für den einen Tag die Sommerklamotten vom Schrank zu holen. Außerdem könnte ich mich nicht entscheiden was ich anziehen soll. Zuviele Outfits für zu wenig Sommer :/

Tag 3 – Eine Entschuldigung

Wenn man ein kleines Baby hat, wird man ja irgendwie scheiße. Also wir jedenfalls. Das war schon bei dem Kind so, und jetzt beim Baby ist es nicht anders. Einige Beispiele:

  • Wir haben ganz tolle Sachen zur Geburt geschenkt bekommen. Und uns nicht bedankt. Also jedenfalls nicht in der Form, die die Sachen verdient hätten.
  • Wir haben keine einzige „Herzlichen Glückwunsch“-Nachricht beantwortet.
  • Die Urgroßeltern haben schon vor einer Woche neue Fotos angefragt. Ja, äh, wir arbeiten dran…

Aber den Knüller haben wir uns jetzt geleistet. Hier zur Veranschaulichung ein kleiner Whatsapp-Austausch zwischen Herrn Rabe und mir von heute:

10:33 Ich: Hat I. nicht heute Geburtstag???
10:33 Ich: Oder war das schon?
10:38 Herr Rabe: Fuck
10:38 Herr Rabe: Ja war schon
10:39 Herr Rabe: „[…]freuen wir uns riesig, seit 17:14 am 11.08.2014 […]“
10:48 Ich: Fuck.
10:48 Ich: Ich besorg dann mal ein Geschenk.

Grandios. Wir haben den 1. Geburtstag der Tochter unserer besten Freunde vergessen. Den ERSTEN! Geburtstag.

Eigentlich sind rational betrachtet ja alle Geburtstage einmalig, aber es gibt ja so Geburtstage, die sind einmaliger. Dass ich von meiner eigenen Mutter dieses Jahr nichts zu meinem 30. Geburtstag bekommen habe, finde ich immer noch mindestens traurig (angeblich hat sie meinen Amazon-Wunschzettel nicht gefunden). Und der wichtigste Geburtstag von allen ist wohl der erste. Nicht für die Kinder, die spielen in dem Alter eh noch mehr mit dem Papier als mit den Geschenken, die darin eingepackt sind, aber für die Eltern.

Der erste Geburtstag des ersten Kindes. Ein unfassbarer Tag. Vor einem Jahr wurde das eigene Leben so komplett umgekrempelt, wie man es sich trotz aller Bemühungen nicht hatte vorstellen können. In diesem einen Jahr vollzieht sich eine verrückte Metamorphose von „Hilfe, das Baby kackt grün!“ zu „Was’n das hier fürn Ausschlag? Ach, solangs kein Fieber hat…“. Man wächst zusammen mit dem Baby hinein in diese sogenannte Elternrolle, man wird eine Familie mit ihm, ein Rüdelchen. Das Baby lernt und lernt und lernt und mit ihm die Eltern. Man lernt sich selbst neu kennen, den Partner, die Welt. Ein Baby bringt das beste und das schlimmste an einem hervor, und damit muss man erstmal umgehen können. Aber nach diesem einen, ersten Jahr ist diese Verwandlung in der Regel abgeschlossen. Und da steht man dann, als neuer Mensch. Als Eltern-Mensch.

Und deshalb ist es so schlimm, dass wir ausgerechnet diesen Tag vergessen haben. Weil wir wissen, wie das ist, wenn das Baby plötzlich kein Baby mehr ist, und man selber ist auch irgendwie anders, stolz, klar, und erwachsen, vielleicht, gerührt, nachdenklich, aber doch noch so wie vorher, doch, schon.

Also, liebster M. und liebste A.: Wir wünschen euch alles alles gute zum 1. Geburtstag eurer wunderbaren Tochter. Nachträglich. Und es tut uns sehr doll leid, dass es nachträglich ist.

Liebe I.: Hier ist ein Bild von einer Kerze. Geschenkpapier ist unterwegs ;)

2015-08-13 20.58.19

Und wir stoßen auf Dich an, mit Stilltee und Single Malt, und ein Fuß der kleinen Geburtstags-saboteuse hat sich auch noch mit aufs Bild gemogelt:

2015-08-13 21.46.20

Als Abschluss noch ein Link zum besten Geburtstagslied der Welt.

Randale – Geburtstagslied

Wir haben Dich lieb!

Die Raben

Tag 2

Wir haben heute einen Reisepass für das Baby beantragt. Also fast.

Wenn ein Baby von deutschen Eltern in Norwegen geboren wird, muss man nämlich eigentlich zur Botschaft, um einen Kinderreisepass zu beantragen. Da müssen dann beide Eltern hin plus Kind. Die Botschaft ist in Oslo, klar. Wir wohnen in Trondheim. Das sind 600 km, oder 8 Stunden Fahrt. Mit Baby wohl eher 10. Mit Baby und Kleinkind wohl eher ein Jahresurlaub.

Gut, dass es die Honorarkonsuln gibt. Sogar eine in Trondheim. Was ist die weibliche Form von Konsul? Ich fände Konsula gut. Nennen wir sie Konsula. Die Konsuln können die notwendigen Dokumente beglaubigen. Und NUR die! Norwegische Behörden können keine von einer deutschen Behörde ausgestellten Ausweise beglaubigen. Nicht dass man auf so ne absurde Idee kommt.

Wir waren dann also heute bei der Honorarkonsula der Bundesrepublik Deutschland in Trondheim. Mit einem wilden Mix deutscher und norwegischer Dokumente im Original und Kopie, ausgefüllten Anträgen (Augenfarbe bei einem drei Wochen alten Baby…?) und einem zwei Passbildern. Die Passbilder hat Herr Rabe mit viel Geduld und einem seiner neuen, schweineteuren Objektive sehr professionell gemacht, am Computer noch professioneller skaliert und so und dann etwas weniger professionell auf unserem Drucker ausgedruckt. Dann hat heute morgen das Kind seine Milchfinger draufgedrückt und offensichtlich bei dem einen Bild das eine Auge des Babys verwischt, das sah jedenfalls komisch aus aber der Konsula war das egal. Und in den Pass kommt eh das andere. (Dass so ein Baby sein Aussehen quasi ständig ändert ist für so nen Pass auch egal, der ist dann sechs Jahre gültig. Aber ohne kann man nicht ausreisen aka Weihnachten nach Deutschland fahren.)

Vor dem Besuch im Konsulat war ich ein bisschen aufgeregt, Botschaft, Konsul, das klingt immer alles so hochoffiziell und nach Diplomatenstatus und Koks und Nutten Männern in Anzügen.

Die Konsula ist hauptberuflich Gynäkologin und hat ihre Praxis („das Konsulat“) im vierten Stock eines Shoppingcenters.

Eigentlich hatte ich sie fragen wollen, wie man Konsul wird, war dann aber zu enttäuscht von der Abwesenheit jeglicher Gatsby-Atmosphäre.

Morgen schicken wir den Packen beglaubigten Papiers dann nach Oslo, frankierten und an uns adressierten Rückumschlag nicht vergessen, und dann kann Weihnachten kommen.