Tag 916 – Wut.

Es gibt so Tage, da fühle ich mich wirklich nicht übertrieben wie die schlimmste Mutter der Welt. Heute war so ein (halber) Tag. Eigentlich lief alles ganz ok. Pippi hat halt weiterhin Fieber und leidet sichtlich, aber da gibt es ja Mittel gegen. Sie machte auch heute einen außerplanmäßigen Mittagsschlaf im Kinderwagen, aber das darf sie dann auch ruhig. Nachmittags ging sie ein bisschen durch, trank sehr viel und wollte viel kuscheln, das taten wir dann auch und ich schrieb dabei eine Bewerbung.

Und dann holten wir Michel ab und alles kippte.

Ich komme in den Kindergarten und Michel springt mich mit ausgefahrenen Klauen an, grölt und kratzt mir mit beiden Händen quer über den Mantel. Der Mantel kann das ab, Pippi erschreckt sich aber total, fällt hintenüber und brüllt wie am Spieß los. Die Erzieherin eröffnet mir, dass wir möglicherweise *gar keinen* KiTa-Platz ab Sommer bekommen, das betrifft 4 Kinder, Pippi ist eins davon. Gut, ich will dann ja eh hier weg sein, aber trotzdem: alter Verwalter. Wie ich am Rad drehen würde, wären wir auf diesen KiTa-Platz angewiesen… (kurzes Was bisher geschah: unsere KiTa schließt nach den Sommerferien, weil die Stadt den Mietvertrag gekündigt hat. Mitten in einem Neubaugebiet ohne dass neue KiTas in der Nähe geplant sind. Ergo sind alle Kitas, die da schon sind, überlaufen. Unsere KiTa hat sich von einem großen Träger kaufen lassen, unter der Bedingung, dass sie die Kinder, das Personal und den Bus mitnehmen. Jaja, klar, sagte der neue Träger. Die neue KiTa ist zwar in einem ganz anderen Stadtteil, aber egal, kriegen wir Eltern schon hin. Und der Rest kann ja wechseln, hahaha, wenn nicht alles voll wäre. Jetzt ist aber das Gebäude, in das unsere KiTa unter dem neuen Träger einziehen sollte, noch nicht fertig. Sie haben nur Platz für 7-8 Kinder, verteilt auf die schon bestehenden Gruppen. Vom Personal ganz zu schweigen. Die alte KiTa, das tolle Team, alles, zerbricht also doch. Ach so, wer ist schuld an dem noch nicht fertigen Bau: die Kommune, die den Antrag ewig nicht durchgelassen hat. Es. Macht. Mich. Unfassbar. Wütend. Was für ein Desaster!) Egal. Also die Betreuerin erzählt mir was, Pippi brüllt, Michel grölt und schreit dann „Kann ich M. besuchen? Der ist heute wieder bei seiner Mama, die kannst du doch anrufen, los, schreib der eine Nachricht, ich will M. besuchen!“

Nun ist es so: ich mag den M. nicht. Jedes Mal, wenn Michel mit dem zusammen war, macht Michel nur noch ganz doll überdrehten Scheiß. Mit dem Zusatz „M. macht im Kindergarten… M. hat gesagt… M.s Papa macht das auch…“. Kurz gesagt: aus M.s Richtung kommt nur Mist, M. war auch schon mal hier und ging für einen Fünfjährigen erschreckend manipulativ mit Michel um, ich mag den einfach nicht. Fertig.

Das kann ich Michel aber nicht erklären, es ist ja auch nicht mein Bier, was er sich für Freunde aussucht, aber jetzt noch der Mama schreiben und ihn dann da hinfahren, hinterher wieder mit Flausen im Kopf abholen, offenbar ist er ja eh schon total überdreht… „Heute nicht.“ sage ich. „Ich möchte schnell wieder nach Hause.“

Woraufhin Michel zu toben und zu brüllen anfängt, Pippi anschreit, Pippi fragt ihn, ob alles ok ist, „Schschschttt!“ brüllt Michel mit überschnappender Stimme Pippi an und Pippi fragt lauter: „Alles ok?“ So fahren wir nach Hause, so trage ich Pippi und Michels Zeug die Treppe hoch, so geht Michel aufs Klo, Pippi fängt auch an zu brüllen, meine Nerven sind jetzt aufgebraucht und ich brülle beide an. Michel will Dinozug, Pippi Peppa Wutz sehen und sie streiten und schreien und ich brülle lauter als die beiden zusammen, wenn sie sich nicht einigen können, bleibt der Fernseher aus, Michel wirft sich theatralisch aufs Sofa und schafft es dabei, sich an der Wand hinter dem Sofa die Fingerknöchel aufzuschürfen. Er kriegt ein Pflaster, während Pippi hinter mir steht und laut brüllend auch ein Pflaster einfordert. Michel beschwert sich, dass das Pflaster seine Bewegungsfreiheit im zweiten Ringfingerglied einschränkt. Pippi kriegt ein Fake-Pflaster auf ihr Fake-Aua und dann kann ich endlich den erlösenden Fernseher einschalten. Trotz Dinozuggedudel und Michels panischem „FALSCHE SPRACHE, MAMA!!!“ kommt mir die „Stille“ himmlisch vor. Ich mache mir einen Kaffee und bitte Herrn Rabe per SMS darum, alsbald nach Hause zu kommen, weil es nicht so gut läuft mit mir und den Kindern.

Er kommt, kurz bevor die Kinder viereckige Augen haben und ich meinen Kaffee dank fünfunddreißig mal „Ich will was trinken.“ „Ich will auch was trinken.“ „Ich muss aufs Klo.“ „Pippi pupst!“ „Der Fernseher ist ausgeschmiert!“ noch nicht ausgetrunken habe. Ich habe keine Nerven mehr und nähe grummelnd mit dicken Gewitterwolken über meinem Kopf an meinem Testrock. Herr Rabe macht den Fernseher aus. Das Abendessen – Reste und Brot – ist noch nicht fertig. Beide Kinder eskalieren jetzt wieder völlig, schreien sinnlos rum, sich gegenseitig an, wollen Bilder ausmalen, ABER DAS WAS DIE/DER DA HAT!!!, es ist eine Kackophonie sondergleichen und die Nachbarn haben sicher schon die Supernanny gerufen. Herr Rabe rotiert, ich… kultiviere meine Wut. Ich herrsche die Kinder an, ES REICHT JETZT HÖRT AUF MIT DEM GEBRÜLL, da mache ich natürlich alles noch schlimmer mit, Michel liegt jetzt auf dem Boden in der Küche und schreult, Pippi steht vor dem Drucker und brüllt. Michel behauptet jetzt, er habe einfach ganz großen Hunger. Wir setzen uns zum Essen und rotieren erstmal beide um die Kinder. Brot, ja, mit Ketchup, von mir aus, Käse, natürlich, jetzt in den Sandwichtoaster… wir sind die Lakaien der Kinder. Ich habe mich kurz zur Seite gedreht, um Pippis Sandwich in den Toaster zu laden, Pippi hat mein Messer erobert und wedelt damit herum, stehend auf ihrem Stuhl, wie immer, obwohl ich im 30-Sekunden-Takt sage: setz dich bitte hin, da fällt sie vom Stuhl. Sie brüllt, natürlich, direkt wieder wie am Spieß. Ich sehe Rot, dann weiß, ich tröste sie nicht, könnte ich auch gar nicht, ich würde sie schütteln und dann Michel knebeln und das geht beides gar nicht, also renne ich ins Bad und donnere die Tür hinter mir zu.

Am Tisch eskaliert Michel jetzt natürlich wieder.

„Mama macht das immer, immer wenn wir weinen, wird sie ganz leise und dann knallt sie mit den Türen. Davon kann die Tür kaputt gehen und das darf man nicht machen!“

Ich erwäge, für immer im (dunklen, Lichtschalter außen) Badezimmer zu bleiben. Oder mich auf dem Fußboden zusammenzurollen und zu schlafen. Leckt mich alle am Arsch, denke ich. Ich mag nicht mehr.

(Ja, wir haben uns alle wieder vertragen, ja, ich hatte früher viel schlimmere Wutausbrüche, da gingen richtig Sachen kaputt. Jetzt gehen nur Kinderseelen kaputt. Michel ist jetzt fünf, sowas wird vielleicht seine erste richtige Erinnerung. Bei Pippi wandert das noch schön ins Unterbewusstsein. „Mama war wütend wenn ich mir wehgetan hab.“ Top. Echt ganz toll.)

Tag 669 – Alter Hut. 

Herr Rabe und ich gucken jetzt Star Wars (Michel sagt immer mit norwegischem Diphtong Star Worsch und es ist SO NIEDLICH!) und deshalb kann ich jetzt grad nicht mehr schreiben. 

Aus Gründen holte ich jedoch heute an anderer Stelle diesen Artikel wieder hervor, las ihn und war, ähh, beeindruckt ob meiner eigenen, ehemaligen Besonnenheit. Also den kann man ruhig nochmal lesen, der ist auch noch aus der Zeit, in der so 30 Leute meinen Blog lasen, also viele von ihnen kennen den vermutlich noch gar nicht. 

Tag 411 – Jagdflugzeuge. 

Unweit von Trondheim, ich glaube in der Nähe des Flughafens, ist ein Truppenübungsplatz der norwegischen Luftwaffe. Deshalb düsen hin und wieder Kampfflugzeuge über Trondheim. Vor kurzem fing Michel damit an, jedesmal begeistert „Jagerfly! Jagerfly!“ (Jagdflugzeug) zu rufen, wenn er eins hörte. Nun ist es so, dass ich seit dem Balkankrieg (Danke, Papa, für den Satz „Milosevic zettelt noch den dritten Weltkrieg an.“, der ist nie wieder aus meinem Gehirn weggegangen) eine tief verwurzelte Angst vor Krieg habe, ich war ja selbst noch echt klein und da kamen all diese Familien mit Kindern in meinem Alter und wir wussten: die fliehen vor dem Krieg. Dem, der so weit gar nicht weg ist. Dem, den wir im Fernsehen manchmal sehen. Aus dieser Angst heraus bin ich Pazifist, wohl auch weil ich immer gerne alles rational verstehen können will und Krieg nun mal nicht logisch ist. Jedenfalls erklärte ich Michel, dass Jagdflugzeuge Kriegsmaschinen sind und ich die deshalb nicht gut finde und mir wünsche, es gäbe die nicht. Auf Nachfragen erklärte ich ihm dann auch wozu man Kampfflugzeuge benutzt: um andere Flugzeuge abzuschießen und um Bomben abzuwerfen. Um Leute zu töten. Diese Informationen waren offensichtlich zu viel für Michel (es tut mir so leid, ehrlich! Da sind die Pferde mit mir durchgegangen!) und sie brauchten zwei Tage um in seinem kleinen Kopf viel Mist anzurichten. Heute beim Essen war er dann erst scheinbar grundlos wütend und dann traurig. Irgendwann kam er auf meinen Schoß gekrochen und schluchzte heraus:

M: „Ich will nicht, dass Jagerfly kommen und unser Haus kaputt machen!“

Ich: „Aber das tun sie ja auch nicht!“

M: „Aber wenn Krieg kommt dann kommen Jagerfly und [unverständliches Schluchzen]“

Ich: „Aber es kommt ja hier kein Krieg hin…“

M: „Doch! Ich merke das!“

Ich: „Nein mein Schatz, hier kommt kein Krieg hin. Und selbst wenn würden wir dann woanders hingehen. Wo kein Krieg ist.“

M: „Aber dann müssen wir ja Flugzeug fliegen und dann schießen uns die Jagerfly ab!“

Ich: „Neineinein mein Schatz, die schießen nicht auf solche Flugzeuge. Außerdem können wir ja auch Auto fahren. Und wir würden früh genug gehen. Meistens merkt man das vorher, wenn Krieg kommt, da hat man noch etwas Zeit, woanders hinzugehen.“

Herr Rabe: „Du kennst doch Tiba, von der Maus. Die sind doch auch nach Deutschland gekommen, weil in ihrem Land Krieg ist. Die sind ja auch weggegangen. So würden wir das auch machen.“

M (rollt sich immer kleiner auf meinem Schoß ein): „Ich will nicht dass einer kommt und unser Haus kaputt macht. Dann können wir kein Essen mehr kaufen. Und dann müssen wir verhungern [weint furchbar].“

Ich: (mit wachsendem Kloß im Hals) „Aber es kommt ja keiner und macht unser Haus kaputt. Ich verspreche dir, dass hier kein Krieg hinkommt. Und wenn gehen wir weg. Ich passe doch auf dich auf!“
M: „Aber vielleicht bist du dann auch tot!“

Ich (wirft alle Pläne, nie die Kinder anzulügen über Bord): „Nein mein Schatz, ich bin bestimmt dann nicht tot.“

M: „Warum?“

Ich (Kloß erreicht Tränendrüsen): „Weil ich ja auf euch aufpassen muss! Deshalb bin ich nicht tot. Ich passe immer auf dich und Pippi auf.“

M: „Hmm… Ich hab noch Hunger, kannst du mich füttern?“

Damit war das Gespräch für ihn beendet, aber mir hing es noch lange nach. Mein Baby (wollte ja auch gerne mein Baby sein, siehe Füttern) macht sich so viele Gedanken und diese ganze schlimme, unlogische, nicht erklärbare Sache belastet ihn viel mehr, als ich geahnt habe. Ich würd ihm die Angst ja gerne nehmen, aber kann nicht (jedenfalls nicht aus voller Überzeugung), weil ich ja selbst Angst habe. Ich kann halt wirklich nur versprechen, dass, solange ich lebe, ich alles tun würde, um ihn und Pippi zu beschützen. Alles. Ich würd ihn am liebsten schon vor solchen Gedanken beschützen. Oder sie löschen können. Draufpusten und weg sind sie und ich hab meine große kleine Quatschnase zurück. 

Und dass meine allerallerallergrößte Angst die durchaus reale ist, dass ich sie eben nicht vor allem beschützen kann (Liebeskummer, Viren, Mobbing, Krebs, Unfälle, …) verrate ich ihm einfach am besten erst, wenn er groß ist. Größer als knapp vier. Eher so vierzig. Vielleicht. 

Grüße von der schlechtesten Mutter der Welt, die ihr Kind so überfordert hat.

Tag 101 – Wieder da

Das Baby und ich sind wieder zu Hause. Der Rückflug war wesentlich entspannter, kein Wind aus Südwest oder sonst einer Richtung. Das Baby hatte wohl etwas Druck auf den Ohren, war dann aber an der Brust recht zufrieden. Mit dem Zug heim, kurz den Koffer reingeschmissen und die Schuhe gewechselt. Eigentlich muss ich nämlich wegen Spreiz-Senkfuß Einlagen tragen und nach fast vier Tagen mit sehr viel Rumgelaufe taten mir ordentlich die Füße weh.

Dann sind das Baby und ich direkt wieder los und haben das Kind vom Kindergarten abgeholt. Das Kind war schwer begeistert, dass ich wieder da bin und zeigte es indem es sich komplett selber und unaufgefordert seine Schuhe anzog (ohne Ziegenfüße!!!) und dann sehr sehr schnell auf seinem Kickboard nach Hause fuhr. Und jedes Mal sofort anhielt, wenn ich rief, es solle warten. Und überhaupt das allerbeste Vorzeigekind der Welt war. Natürlich musste ich es dann auch ins Bett bringen und so. Leider fand das Baby das überhaupt nicht gut, dass es beim Papa sein sollte und nicht wie die letzten 84 Stunden konstant bei der Mama. Und damit sind wir auch schon bei dem was heute echt scheiße war: Das Baby brüllte total krass herum; obwohl Herr Rabe es in die Trage geschnallt herumtrug beruhigte es sich mal so gar nicht sondern wurde immer hysterischer. Und das kann ich wiederum überhaupt nicht ab, ich ertrage das nicht, wenn das Baby weint, das tut mir körperlich weh, das anhören zu müssen. Gleichzeitig will ich auf gar keinen Fall diese Mamafixiertheit zementieren oder gar Herrn Rabe Vorwürfe machen, er mache das falsch, das müsse soundso und hallo, Maternal Gatekeeping. Herr Rabe machte ja auch nichts falsch, außer, dass er nicht ich ist. Aber was macht man denn da? Ich bin fest überzeugt, dass Papas genauso gut trösten können wie Mamas, und dass auch die Nummer zwei vom Kind liebgehabt wird. Und ich finde es furchtbar für Herrn Rabe, dass das Baby den Papa grade so ablehnt. Ich finde mich furchtbar, wenn ich Herrn Rabe das Baby dann abnehme, damit es ruhig ist und mein Herz nicht mehr so bluten muss und ich damit aber dem großen Kind seine exklusive Mama-bringt-mich-ins-Bett-Zeit nehme. Das ist alles total scheiße und ich weiß nicht, was tun. Irgendwelche Tipps irgendwer?

Tag 59

Kindergartenferien heute und morgen. Kind schläft bis 07:45 Uhr und will dann Action. Baby schläft bis 10 und ich jubele ein bisschen weil sonst wär ich wohl schon vor neun abgedreht. So gibts immerhin Kaffee, Klo und Frühstück für mich.

Szenenwechsel. Das Kind will unbedingt ein Kickboard zum Geburtstag. Sowas kann man schlecht ohne Ausprobieren kaufen. Entschließe mich, mit Kind und Baby zum Sportladen zu fahren, Kickboards ausprobieren. Bereite das Kind darauf vor, dass es ein eventuell erworbenes Kickboard erst am Sonntag zum Geburtstag bekommt. Das Kind täuscht Verständnis vor.

Szenenwechsel. Nach gefühlten tausend Stunden sind alle Beteiligten satt und haben saubere Pos. Wir machen uns auf den Weg zum Auto. Das Kind hopst vor Freude auf dem Gehweg. Ich will das Auto öffnen, es reicht dabei, den Griff an der Fahrer- oder Beifahrertür anzufassen („Keyless Go“). Ich fasse den Griff an. Nichts passiert. Ich fasse nochmal an. Nichts passiert. Ich reiße hektisch am Türgriff herum, das Baby japst in seinem Maxicosi wegen dem Wind, das Kind krakeelt „Mein Kindersiiiitz! Einsteigäääään!!!“. Die Tür öffnet sich nicht. Ich fluche ziemlich laut und ziemlich deutsch-fäkal-sexuell und fummel den „echten“ Schlüssel aus dem Funkschlüsselgehäuse. Damit lässt sich immerhin die Fahrertür öffnen. Ich stecke den Schlüssel ins „Schloss“ und drücke auf den Power-Knopf. Nichts passiert. (Man könnte an dieser Stelle meinen, ich fahre das Batmobil, doch weit gefehlt, es ist ein Toyota Prius II.) Ich beschließe, mich nicht aufzuregen und definitiv nicht zu heulen. Erkläre dem Kind, dass wir dann jetzt halt Bus fahren. Bringe den MaxiCosi hoch, Baby in den Kinderwagen, Herr Rabe informieren, dass irgendwas mit dem Auto oder meinem Schlüssel nicht stimmt und dann auf zum Bus.

Szenenwechsel. Dem Kind eine neue schicke Hose kaufen. Es will unbedingt eine orangene Kordhose. Von mir aus.

Szenenwechsel. Wir kaufen Batterien für den Autoschlüssel. Ich hoffe inständig, dass es nur die Batterie ist.

Szenenwechsel. Wir haben ein Kickboard gefunden, das Kind hat sofort gesagt, dass es das haben will, es ist auch recht günstig. Ich bestehe drauf, dass wir es erst probefahren. Organisiere einen ca. 20-Jährigen Verkäufer mit Freddy Mercury-Schnäuzer, der mir eins von den Dingern auspackt und zusammenbaut. Das Kind steigt auf und fährt los. Sieht super aus. Muss danach das Kind mit Gewalt wieder von dem Probekickboard losschweißen. Besteche das Kind mit Eis. Dann können wir eins von den noch eingepackten Kickboards kaufen.

Szenenwechsel. Einen Meter hinter der Kasse will das Kind das Kickboard auspacken. Diskussion. (Heißt es Diskussion, wenn die eine Seite nicht argumentiert und auch keine Argumente annimmt?) Wiederhole das Eis-Versprechen. Betone erfolglos, wie schön Vorfreude ist. Das Kind hört irgendwann auf zu schreulen und geht unter Schluchzen zum Kiosk. Wir kaufen Eis und Kaffee. Frieden.

Szenenwechsel. Wieder zu Hause. Baby hat Hunger, Kind muss aufs Klo, Kind will Kickboard auspacken, spielen, kacken, lesen, „das Baby soll jetzt nicht Milch trinken!“ und das alles gleichzeitig. Ziehe die Notbremse: Sendung mit dem Elefanten.

Szenenwechsel. Herr Rabe kommt nach Hause. Seine Diagnose des Autoproblems: Batterie leer. Jemand (Er!) hatte Montag nach dem Fußball wohl das Standlicht angelassen. Wir haben kein Batterieladegerät, noch nicht mal ein Überbrückungskabel, das haben wir alles zusammen mit dem Bulli (schnüff) verkauft. Freunde mit notorisch kaputter Karre anrufen. Ja, können das Ladegerät heute Abend abholen. Herr Rabes Eltern informieren, dass sie doch den Bus vom Flughafen nehmen müssen.

Szenenwechsel. Das Kind schläft an Herrn Rabe gelehnt einfach ein. Eigentlich wollten sie grade rausgehen und dann die Großeltern vom Bus abholen. Das Kind ist über das Aufwecken nicht erfreut.

Szenenwechsel. Schwiegerelternbesuch. Muss man sonst wohl nicht viel mehr zu sagen.

Szenenwechsel. Kind im Bett, Baby brüllt, Kind weint, Herr Rabe ist das Ladegerät abholen, mir platzt der Arsch ein bisschen und ich fange an zu flennen, weil ich sososo kaputt bin. Kind weint noch mehr. Erkläre, dass auch ich irgendwann nicht mehr kann und dass mich das doll nervt, wenn das Baby brüllt und dann noch das Kind rumheult und versucht das Baby zu übertönen. Das Kind versteht das (Halleluja!) und weint nur noch ein ganz bisschen. Ich schaukele das Baby, halte die Hand des Kindes und summe vor mich hin. Das Kind schläft ein.

Szenenwechsel. Das Baby brüllt herum. Herr Rabe versucht, die Batterie aus dem Auto auszubauen. Ich atme.

Szenenwechsel. Jetzt. Baby nörgelt, Beistellbett ist offensichtlich immer noch scheiße. Herr Rabe schläft.

Gute Nacht.

Tag 53 – A-Phase

Das Kind aus dem Kindergarten abholen ist im Moment immer mein Projekt des Tages. Es ist ja schön, dass es gerne in den Kindergarten geht, so gerne, dass es gar nicht mehr nach Hause will. Es ist auch schön, dass es immer selbständiger wird, einerseits was praktische Fähigkeiten (also Schuhe anziehen, Jacke anziehen, Helm aufsetzen usw.) aber andererseits auch was Entscheidungen treffen (also diese Jacke, diese Schuhe, ich hab aber jetzt Hunger) angeht. All das macht am Ende das Leben mit dem Kind einfacher, aber der Weg dahin scheint mir grad unendlich lang. Denn dieser Weg ist mit unfassbarer Langsamkeit, Unentschlossenheit, Misserfolgen und Wutausbrüchen gepflastert. In der Zeit, die das Kind braucht um sich Schuhe auszusuchen, kann ich das ganze Haus putzen. Und am Ende muss ich ihm die Sommercrocs wieder ausreden, es folgt ein Wutausbruch sondergleichen. Vorauswahl treffen hilft dabei mäßig. Und hat es dann endlich Schuhe/Jacke/wasauchimmer gefunden, braucht es ca. tausend Stunden um sich anzuziehen. Besonders im Kindergarten treibt mich das schier in den Wahnsinn, denn das Treppenhaus da ist winzig klein, ständig wollen andere Eltern hoch oder mitsamt ihrer nicht in einer Zeitlupe gefangenen Kinder wieder runter, meistens brüllt das Baby herum, ich hab Hunger oder muss aufs Klo oder bin einfach nur geschafft vom Tag. Antreiben scheint statt Beschleunigung des Aufbruchs den gegenteiligen Effekt zu haben, das Kind wird nur noch langsamer in seinem Tun oder es fällt ihm ein, dass es unbedingt JETZT seine Weintrauben aus der Brotdose essen muss oder es muss nochmal ganz dringend aufs Klo. Oder es teilt mir mit, dass es halt nichts anziehen will. So. Will es nicht. Gut, da in unserer Beziehung ein „Ich will das aber!“ das „Ich will aber nicht!“ einer anderen Partei nicht automatisch wegen irgendwelcher Hierarchien schlägt, hilft ja nur Argumentieren und aufs Beste – also Verständnis – hoffen. Heute zeigte ich also die Vorteile von Bekleidung bei den hiesigen Witterungsbedingungen auf. Das Kind war sich aber seiner Sache sehr sicher. Und so fuhr es dann ohne Schuhe nach Hause.

2015-10-02 16.02.33
(
Die Jacke hat es nur an, weil ihm auf halbem Weg dann doch klar wurde, wie kalt sich 8 Grad bei Sturm und Regen anfühlen.)

Der Vorteil der Aktion war, dass wir schon nach 2 Minuten Diskussion aufbrechen konnten. Der Nachteil ergab sich zu Hause, als ich die dreckigen und nassen Socken in die Wäsche wandern ließ und das Kind einen Wutausbruch bekam, weil die Socken ja gar nicht dreckig seien. Bzw, wenn die Socken in die Wäsche müssen, dann der Schlüpfer aber auch. Und so erklären sich dann auch die sich meterhoch auftürmenden Wäscheberge im Hause Rabe.

P.S. Jemand liest sich scheinbar grad den ganzen Blog durch. Herzlich Willkommen, fühl die wie zu Hause, ich hoffe, dich stört das Chaos nicht! <3

Tag 34

Am Donnerstag ist Statistikkurs-Übungsaufgaben-Besprechungs-Pflichttermin.
Bis dahin muss ich also die Übungsaufgaben gemacht haben.
Meh.
Hab dann jetzt endlich mal so richtig damit angefangen. Die sind ok aber aufwändig und für eine muss ich tatsächlich ins Büro an meinen Mauslosen PC (jemand hat meine Maus geklaut! Noch nicht mal zwei Monate weg, und jemand klaut einfach meine Maus!), jemandem seine Maus klauen und da dann die blöde Aufgabe mit ihren drölfzig Teilaufgaben machen, weil ich dafür SPSS brauche und das hab ich zu Hause nicht. Excel hängt sich wegen schierer Überforderung auf und für die free online Version müsste ich erst mal eine GNU-distrbution haben und für die reicht mein Speicherplatz nicht. Doof alles. Alternativ könnte ich auch an den IT-desk der Fakultät schreiben, dass ich einen remote desktop eingerichtet haben will, damit ich per teamviewer oder so von zu Hause aus auf den Unirechner zugreifen kann. Das geht aber bestimmt rechtlich nicht (ich persönlich würde mir mit so ner Idee ja was husten), aber ich schreib trotzdem mal, wer nicht wagt der nicht ausgelacht wird. Ich werde berichten.

Ansonsten war das Kind heute morgen unausstehlich, eine nervenstrapazierende Kombination aus weinerlich und hyperaktiv. Das sind so Tage, da möchte man sein Kind gerne verkaufen, gleichzeitig sind das aber auch die Tage wo man noch Geld draufzahlen müsste damits jemand nimmt. Als wir dann aber auf einen Geburtstag fuhren (der Sohn W. meines Kollegen und unseres Freundes T. ist vier geworden) und somit dem Kind Kuchen in Aussicht gestellt war, gings halbwegs. Wurde dann wieder nervtötend Richtung Bettgehzeit, aber nach dem Vorlesen von vier Büchern und dem Absingen diverser Tierlieder im großen Bett ging er dann in seins und schlief da recht schnell ein. (Apropos: Warum werden in Kinderliedern dauernd Tiere getötet? Mein Highlight heute:

„Eia popeia, schlagt`s Gockerle tot!
Er legt mir keine Eier und frisst mir mein Brot.
So rupfen wir ihm dann die Federchen aus
und machen dem Kindlein ein Bettlein daraus.“

Äh, da mag ich schon gar nicht mehr Vorsingen. Aber ich hab auch Schwierigkeiten, beim Singen der ersten Strophe parallel die zweite schon mal zu überfliegen und auf Psychopathen-content zu checken. Da kommt dann sehr wirres Zeug aus meinem Mund und das Kind guckt mich komisch an.

Das Baby ist übrigens riesig. Es passt in die Manduca, mit nicht mal acht Wochen. OHNE den Baby-Sitzverkleinerer. Ich muss morgen mal ein Foto machen, damit ich mir das selber glaube und das für die Nachwelt festhalten kann. Eigentlich wollte ich das mit der Manduca nur mal probieren, weil man die viel schneller um- und abhat und für so Strecken wie „nach unten wo der Kinderwagen steht“ oder „ins Auto“ sich einfach besser anbietet als das Tragetuch. Und siehe da: passt schon. Im Moment finde ich das Tragetuch trotzdem noch bequemer, weil man da das Gewicht besser verteilen kann (wenn mans kann). Also für die Langstrecke Tuch, für kurz mal Manduca. Und ja, wir fahren auch Kinderwagen, aber das findet das Baby halt so mäßig sobald sich der Wagen nicht mehr genug bewegt (leider auch schon auf asphaltiertem Grund).

So, es ist spät, ich muss schlafen. Hoffen wir mal, dass sich morgen das Fitnessstudio noch meldet, dass ich nachrücken konnte.

UPDATE 0:00 Uhr: Hab einen Platz im Fitnesskurs bekommen. Vielleicht sollte ich sowas öfter mal im Blog schreiben? Mal versuchen –

Hoffen wir mal, dass ich morgen die Pfandlotterie gewinne, die 10.000 NOK könnten wir gut gebrauchen!

Tag 28 – Reitelche

Huch, so spät schon wieder.

Heute spielte sich im Tierpark folgende Szene ab:

Ich: Guck mal, Kind, da sind die Elche!
Kind: Elche. Groß sind!
Ich: Ja, die sind ganz groß.
Kind: Kann man nicht drauf sitzen.
Ich: Nee…? Kann man nicht drauf reiten. *denkt: wie kommt es denn darauf???*
Kind: Kein Sattel drauf. Schwierig sitzen drauf. *legt Stirn in Falten*
Ich: Jaaa, stimmt, da ist kein Sattel drauf.
Kind: Sattel kaufen! Elch sitzen drauf! *strahlt vor Freude*

Morgen muss ich mal nach Elchsätteln googeln. Und aufschreiben, wie das Alpaca gekackt hat.

Tag 25

Ein neuer Tag beginnt bekanntlich erst nach einer längeren Schlafepisode. Dementsprechend gilt das hier noch für gestern.

Der Bericht fällt auch kurz aus, da komplett fertig.

Muttisport Part II, Kondition. Trainerin schwanger. Keine Pippi diesmal. Mona. Wir hüpften auf Bällen. Interessant war das und anstrengend auch, aber nicht so doll anstrengend dass ich denke, joaaa, das hat nen Trainingseffekt. Naja, sehen wir mal wies weitergeht. Singen mussten wir auch, das Lied ist sehr norwegisch. Übersetzt geht es so:

Lauf im Wald, Lauf im Wald, Hacke Holz, Hacke Holz, Frier an den Füßen, Frier an den Füßen, Lauf lauf zur Mama heim.

Hmm ja.

Dann haben wir Freunde mit kleinem Baby besucht. Also, noch kleiner als unseres. Das war sehr nett, obwohl ich das Baby zweimal und mich einmal vorher umziehen musste wegen Babyverschmutzter Klamotten. Und sich das Baby dann auch noch bei den Freunden durchpillerte. Also mit geliehenen Klamotten nochmal umgezogen. Aber der Besuch war schön.

Dann zu Hause alles vorbereiten für den Besuch, der in diesen Minuten eintrudelt. Das ging so mäßig, weil das Baby am laufenden Band gebrüllt hat. Sogar im Tragetuch. Aber es hat irgendwie doch geklappt. Jetzt möchte ich aber gerne 8 Stunden am Stück durchschlafen, was nicht passieren wird.

Ach so: Marmelade kann anbrennen. Heute getestet. Ist nicht zu empfehlen.