Tag 1033 – Viel Gebacken und ein bisschen Kindergedöns.

Wenn der Sommer halt wieder sehr Trøndermäßig ist (also: um die 12 plus minus 5 Grad, plus minus Regen), macht man halt den Backofen an und backt gegen die mäßige Laune an. Heutige Ausbeute: zwei Brote und ein Rhabarberkuchen. Und zwei Flaschen Rhabarbersirup*. Herr Rabe hat jetzt gelernt, dass man Rezepte immer ganz lesen sollte, denn im letzten Satz könnte sowas stehen wie „Kuchen in der Form auskühlen lassen“. Lecker war’s trotzdem, auch wenn es eine leichte zerflossene Matsche war, die sich halt besser mit dem Löffel als einer Gabel essen ließ. (Kein Foto. War echt optisch nicht so ganz schön.)

Michel hat heute gelernt, dass er keinen Rhabarber mag (wie hätte es auch anders sein sollen, dieses Kind ernährt sich ja konsequent vitaminarm). Pippi hat gelernt, dass sie „Rababa“** schon mag, aber nicht, wenn Michel das verweigert. Und nicht roh, aber dann mag ich den ja auch nicht.

Generell ist das mit Michel grad wieder einigermaßen anstrengend. Weil einfach alles zu einem Wutanfall führt. Egal was, es ist ein Drama. Zum Beispiel: da war ja Rhabarber auf dem Kuchen. Ekelhafter, alles verseuchender Rhabarber. Streusel, Vanillecreme und Boden mochte er zwar, aber bekam schon mal vorsorglich einen Heul- und Wütanfall, weil das ja sicher quasi unmöglich sein würde, den Rhabarber zu entfernen. Anderes Beispiel: er möchte dauernd Sachen haben. Teure Sachen, zum Beispiel einen Lego-Zug oder das Lego-Batmobil. Wir erklären dann, dass wir das nicht einfach so kaufen (Schreul!!!), er sich das aber ja zum Geburtstag wünschen kann (Schreuuuuuldasistaberjanochsoooooolange!). Wir erklären „Geld“ und „Wert“ und auch, dass wer alles immer sofort bekommt, Sachen vermutlich nicht wertschätzen lernt (Schreulwüttob!!!). Solche Situationen, und davon gibt’s ja im Leben mit Kindern ständig welche, führen halt momentan direkt zum Tobsuchtsanfall. Ich würde ja gerne behaupten, dass ich gar nicht weiß, woher er das hat, aber sagen wir’s mal so: der ist ich mit der Impuls- und emotionalen Kontrolle eines Fünfjährigen. Juchhe. Hoffentlich finden wir alle noch einen Weg, damit mit weniger Schreien umzugehen. Erstmal haben wir heute abgemacht, dass er ab den Sommerferien ein wöchentliches Taschengeld bekommt, damit er ein besseres Gefühl für den Wert von Geld bekommt. Vielleicht hilft’s ja. Wegen der Höhe haben wir ja null Ahnung, da kann man’s ja auch wieder nur falsch machen, aber wir fanden, dass der Gegenwert von einem im normalen Laden gekauften, normal großen Eises ganz gut ist. Das sind dann ca. 25 Kronen (etwa 2,70€) das kommt mir irre viel vor (ich bekam 1 DM damals!) aber Norwegen heute ist halt nicht Deutschland vor 27 Jahren und für 10 Kronen kriegt man hier nicht mal eine Packung Hubba Bubba (das kaufte ich damals dann für meine Mark, oder eben zwei (!) Kugeln Eis beim Bäcker oben an der Straße), das kann’s ja auch nicht sein irgendwie. Die Zuckerwatte beim Juba Juba Festival neulich kostete 50 (!!!) Kronen. So zum Vergleich.

Pippi versucht hingegen immer, ihren Willen zu kriegen, IMMER, jetzt hat sie zum gewöhnlichen Repertoire einer knapp Dreijährigen*** noch die Drohung „… eller så sier jeg ifra!“ (frei übersetzt: „… sonst petz‘ ich!“) hinzugefügt, sicher ein Kindergarten-Ding. Ist halt nur lustig, wenn sie das bei uns versucht, wem will sie da denn petzen? Ihrem Teddybär?

Insgesamt also alles vermutlich ziemlich normal hier, nur mit Rabarbra.

___

Auto-Lobhudelei: Recht gelassen die meiste Wut hingenommen. „Begleitet“, sagt man in Erzieher*Innen-Sprache.

___

*gestern habe ich Rhabarber gekauft, weil ich eigentlich 1 kg einfrieren wollte, bis die norwegischen Erdbeeren kein Vermögen mehr kosten. Morgen muss ich dann also noch ein Kilo Rhabarber kaufen um es einzufrieren.

**Wir sind Westfalen, Rabaabaa. So.

***Also auch Schreulen und Hauen und sich auf den Boden werfen.

Tag 1032 – Hilfsbereit.

„Michel? Magst du mit zum Einkaufen kommen und mir helfen?“

„Nein, ich bleibe hier. Papa und ich müssen Aufräumen und Putzen!“

Echt so passiert. Es gab auch einen großen Geschwisterstreit um den Swiffer, weil beide unbedingt putzen wollten. Ich löste das dann, indem ich Pippi davon überzeugte, dass sie mir beim Einkaufen helfen muss, weil ich sonst ganz sicher die Erdbeeren vergesse.

Ich könnte jetzt natürlich so tun, als wären wir die ultimativ tollsten Supereltern der ganzen Welt, die das mit der intrinsischen Motivation fördern einfach voll raus haben, oder aber dass unsere Kinder einfach die hilfsbereitesten und empathischsten überhaupt sind, aber die Wahrheit ist ganz einfach:

Wir haben Michel versprochen, dass er, wenn die Bude sauber ist, Ninjago gucken darf. Und wenn Michel putzt, will Pippi das auch.

___

Auto-Lobhudelei: Ich kämpfe weiterhin gegen das Loch, bisher einigermaßen erfolgreich, aber das ist echt ein Langstreckenlauf, sowas liegt mir ja gar nicht. Ich halte den Kopf oben, mit Mühe zwar, aber eben. Vielleicht ruft ja doch noch wer an.

Tag 1031 – Nervositäts-Ablenkungs-Programm.

Heute habe ich Bad und Küche geputzt. Dafür gab es drei Gründe:

  1. Die Putzhilfe hat Urlaub und kommt erst am 19. wieder,
  2. Die Putzhilfe hat auch Höhenangst und steigt nicht auf Leitern oder Hocker oder dergleichen (wofür ich gar nicht mal undankbar bin, die ist hier ja meist allein und auch schon etwas älteren Semesters, ich bin nicht so scharf drauf die mit nem Beinbruch hier zu finden),
  3. Ich brauchte Ablenkung davon, dass weder der Mann neben der Chipsfabrik noch der Fahrradladen sich nochmal gemeldet haben (und aus Gründen sollte das weder Social Media noch Bewerbungen schreiben sein).

Jetzt sind Bad und Küche sehr sauber, auch wieder auf den Schränken und auf dem Waschmaschine-Trockner-Turm. Die Schnecken haben einen Satz frischer Erde und ich habe ein Gelege gefunden und eingefroren*. Wir haben für das Wochenende wieder Brötchen, die habe ich auch noch schnell gebacken. Nur angerufen oder sich sonstwie gemeldet hat noch keiner. Naja. Morgen könnte ich noch Saugen, Wischen und auf den tausend kleinen Regalen im Wohnzimmer staubwischen. Die Wäsche verräumen, den Kinderkram endlich ins Netz stellen und dann wollte ich ja auch seit ewig noch was nähen. Oh und Altpapier muss auch weg – unter anderem die zweieinhalb Ordner durchgeackerter ICH-Guidelines. Vielleicht ist mir das auch zu wenig rituell. Mal sehen.

___

Auto-Lobhudelei: produktiv umgesetzt, meine Hummeln im Hintern.

___

*nein, nicht um die aufzuheben. Um die… zu töten. Ca. 200 Schneckenembryos habe ich also heute auf dem Gewissen.

Tag 1030 – Bett-Tag.

Diese furchtbare Erkältung macht mich fertig und im Gegensatz zu gestern war ich heute einigermaßen vernünftig und bin nach einer größeren Einkaufsrunde (deshalb nur einigermaßen vernünftig) wieder ins Bett gegangen. Mit Tee und Buch, das hab ich jetzt auch durch, aber erlebt hab ich halt nix.

___

Auto-Lobhudelei: Dings, Selfcare.

Tag 1029 – Jobdings.

Heute waren ein par Jobdinge, die muss ich Ihnen erzählen.

Erst habe ich dem Mann neben der Chipsfabrik geschrieben, dass ich die Geschäftsidee interessant finde und mich gerne mit ihm treffen würde, um herauszufinden, wie wir zusammenkommen können.

Dann stolperte ich bei Facebook über eine Anzeige, dass ein lokaler Sportladen nach einem*r Fahrradmechaniker*In sucht. Und weil ichs kann, fuhr ich hin und fragte, wie das so aussieht mit dem Job. Ich hätte Interesse, mag Mechanik, kann gut mit Leuten, mag mit meinen Händen arbeiten und wer nach zwei YouTube-Videos sein Rad selbst voll gut wieder hinkriegt schafft das unter Anleitung jawohl dreimal habe schon immer alle meine Fahrräder selbst gewartet und repariert (it’s true! Dass ich zwischendurch etwa 10 Jahre lang kein Fahrrad besaß, muss der ja erstmal nicht wissen). Der Fahrradladenmann war ganz angetan und meinte, ich soll pro forma noch was schriftliches schicken und so überprüfte ich zu Hause noch schnell ein paar Arbeitslosengeld-Bedingungen* und schrieb dann meine bisher lustigste Bewerbung. Sie glauben gar nicht, wie man meine letzten 8 Arbeitsjahre, die wahrlich nicht viel mit Fahrradreparatur zu tun hatten, hinbiegen kann, um mein Interesse an Fein- und größerer Mechanik darzulegen**. Wir werden sehen, was draus wird. Finanziell wäre das ein Nullsummenspiel verglichen mit den Dagpenger, aber ich hätte was zu tun, was ich cool finde.

Dann war KiTa-Fest und die eine Mutter arbeitet jetzt beim NAV (also dem norwegischen Arbeitsamt) und erzählte, ihre Nachbarin habe auch nen Dr. in Neurobiologie und arbeitet jetzt als Kindergärtnerin, weil sie nichts gefunden hätte, und ob ich mir denn nicht sowas wie Alten- oder Krankenpflege denken könnte, da wäre ein wirklich großer Bedarf. Um es mit meinen gestrigen Worten zu sagen: Hahahahahahahahahahahahahaganzsichernicht. Ich hab doch nicht 10 Jahre lang studiert um dann einen Job zu machen, den ich nie machen wollte und auch weiterhin nicht machen will. Fahrräder reparieren definitiv ungleich alte Leute wickeln.

Und dann kam ich nach Hause und hatte eine Antwort vom Mann neben der Chipsfabrik, ich solle nächste oder übernächste Woche mir mal das ganze ansehen, ich läge ganz oben in seinem Stapel und er redet morgen mit dem Styreleder (Vorstandsvorsitzenden? CEO? Ich finde keine rechte Entsprechung dafür) über mich. Und dann fielen da noch die Worte „Gruppenleitung übernehmen“, „Probezeit“ und „Übergangswohnung“ und „wenn du schon im Sommer anfangen willst“ und „müsstest noch einen Lehrgang machen, vermutlich in Lissabon“ in der mail und vielleicht vermutlich ist das eine krasse Überreaktion, aber Herr Rabe und Ich haben schon das Internet nach dem besten Wohnort zwischen der Chipsfabrik und Herrn Rabes Osloer Office durchforstet.

Und ich bin jetzt so aufgeregt, dass ich bestimmt nicht schlafen kann.

___

Auto-Lobhudelei: Möglicherweise den Fahrradjob klargemacht. Jedenfalls hingegangen und gefragt, nen netten Eindruck hinterlassen auch ganz sicher. Und vielleicht habe ich ja vielleicht echt bald nen Job neben einer Chipsfabrik.

___

*Zum Beispiel, dass ich nicht befürchten muss, das jetzt drei Monate zu machen und dann wird neues ALG auf diesem letzten Verdienst berechnet.

**Damals, als ich angefangen hab zu studieren, war ich schockiert über die Bioverfahrenstechnik-Vorlesungen. Verschiedene Sorten von Sterilflanschen und Strömungsprofile von Rührern und… Zeug wurde da besprochen, dass ich mir vorkam wie ein besserer (weil immerhin steriler) Klempner. Aber so ne Ultrafiltrationsanlage zusammenbauen ist auch nicht so viel anders als nen Fahrradreifen ausbauen. Nur dass man nen kalibrierten und qualifizierten Drehmomentschlüssel dafür hat, zu dem es eine SOP gibt, in der steht, dass man den soundso lagern und reinigen und wasweißich muss und dass man den einmal im Jahr zur re-Qualifizierung der QA vorlegen muss und so. Ich weiß das, ich war Drehmomentschlüssel-Geräteverantwortliche damals.

Tag 1028 – #WmDedgT im Juni ‘18.

Heute ist der 5. und das heißt, dass Frau Brüllen wie immer die gute Frage stellt: Was machst Du eigentlich den ganzen Tag? Da will ich ja mal nicht so sein und ihr antworten, ne?

  • Sämtliche Entscheidungen der letzten fünfeinviertel* Jahre in Frage stellen
  • Mich und mein Leben hassen
  • Mir davon nix anmerken lassen und ganz freundlich und fröhlich und positiv und professionell mit Menschen aus 10 verschiedenen Firmen gesprochen und mich vermarktet

Fertig! Das ging ja schnell.

Ok, Langform:

Ich habe etwa viereinhalb Stunden geschlafen, gestern Abend war ich noch lange mit der eher mittelmäßig gelingenden Abwehr des Loches beschäftigt. Heute morgen war Aufstehen gar nicht mal sooo schlimm, nach 4 Stunden gehts immer noch, ganz schlimm ist alles zwischen 5 und 7 Stunden Schlaf, da komme ich gar nicht aus den Federn. Ich stand also auf und schlurfte ins Bad. Und dann doch erstmal zurück in die Küche, mein Hals kratzte wie Hölle und ich versuchte das wegzuspülen. Wasser half nicht, also machte ich Kaffee (jaja, das ist auch kein Salbeitee, ich weiß) und nahm den dann mit ins Bad. Duschte und rasierte meine Beine, alles im Autopilot. Zog mich an, Gesichtspflege, Schminken, wie ein Roboter. Immer darauf bedacht, nicht allzu sehr darüber nachzudenken, was ich heute vorhabe. Die Schminke hatte ich gestern schon rausgelegt, sonst hätte ich wohl ratlos vor meinem Arsenal gestanden und wäre womöglich einfach ungeschminkt gegangen. Irgendwann stand auch Pippi auf und meckerte direkt los, aber Herr Rabe stand nach meinem ersten „Ich kann jetzt nicht, bitte warte doch grad!“ auch auf und kümmerte sich um sie. So war ich dann nicht ganz so doll verspätet und bekam einen Flugbus nach dem Angepeilten. Alles im Rahmen.

Im Flugbus traf ich dann einen emeritierten Professor aus meiner Ex-Gruppe hier und seine Frau, das war einigermaßen skurril, um zwanzig nach sieben im Flugbus, sie mit zwei großen Koffern auf dem Weg in die Ferien und nebenbei der Hochzeit der Tochter beiwohnen, ich mit einem Jutebeutel**, in den alle meine Habseligkeiten für einen Tag locker reinpassten. Ich aß im Bus eine Banane und weil das WLAN nicht ging, guckte ich also aus dem Fenster.

Am Flughafen direkt durch die Sicherheitskontrolle zum Gate. Bei der Sicherheitskontrolle piepten meine Schuhe und ich musste sie ausziehen und durch den Scanner schieben. Apropos Schuhe: Schon da war mir klar, dass mir am Abend die Füße einfach abfallen würden. Wie welkes Laub. Aber ich berichtete glaube ich schon mal davon, dass ich sehr gut darin bin, Fußaua zu veratmen, eher würde ich mir den Fuß abnagen als zuzugeben, dass die High Heels, die ich zu dem blauen Kleid gekauft habe, höllisch unbequem sind. Ich zog die Schuhe also wieder an, kaufte mir aus Frust ein Buch*** und setzte mich genauso lange ans Gate, wie es dauert, den LinkedIn-Premium-Probemonat zu aktivieren. Mal sehen, was das bringt, ich glaube nicht, dass ich mir das zum normalen Tarif von ca. 30 €/Monat leisten werde. Dann stieg ich ins Flugzeug, schrieb Herrn Rabe die obligatorische „Bis gleich!“-SMS und schon ging es auch los.

Im Flugzeug versuchte ich, eine Bewerbung zu schreiben, das klappte nur mäßig. Genau genommen hatte ich endlich einen Aufhänger gefunden, als ich nochmal in die Anzeige schaute und feststellte, dass mein Aufhänger genau ins falsche Horn tutet. F*ck it, dachte ich mir. Wir waren eh schon fast da.

In Oslo erstmal Klo und Wasserflasche auffüllen, dann Kaffee geholt, Zugticket gekauft und nach Check des Fahrplans beschlossen, dass genau jetzt der richtige Zeitpunkt war, den Nagellack zu fixen. Irgendwie war der nämlich noch nicht richtig ausgehärtet gewesen und ich hatte auf allen Nägeln richtig schäbige Bettdecken- und Haarabdrücke. Aber wozu hat eine die Mini-Flaschen aus dem Adventskalender. Falls Sie auch mal so ein Nagellack-Desaster haben: der „Gel Setter“-Topcoat ist so dickflüssig, der kaschiert alle Macken als wär da nie was gewesen. Gut, man hat dann halt ne ewig dicke Nagellackschicht drauf, das wird vermutlich ganz bald splittern, aber es musste ja nur für heute halten.

Mit wunderlich abgespreizten Fingern in den Regionalzug nach Oslo gestiegen, bis Oslo S war der Nagellack ausgehärtet, aber meine Füße… eieiei. Ich hatte noch recht viel Zeit, also holte ich mir gleich noch einen Kaffee und ging dann erhobenen Hauptes in eine Apotheke und kaufte Blasenpflaster. Nahezu erhobenen Hauptes verpflasterte ich dann nach 2446 Schritten in diesen Schuhen an Oslo S meine großen Zehen beidseitig und klebte vorsichtshalber noch die zu Hause eilig eingepackten Fersenschutzdinger in die Schuhe. So ging es einigermaßen an der Fußfront und ich nahm die Bahn zum Forskningsparken. Da verlief ich mich erstmal****. Vergeudete Schritte. Schlimm. Fast eine Stunde zu früh war ich dann aber immernoch, also ging ich erstmal aufs Klo, holte noch einen Kaffee und setzte mich dann ins Café, putzte mein iPad, aktualisierte meine Ausbildung bei LinkedIn***** und schaute nochmal nach, ob irgendwer heute relevante Stellen hat. Nein. Awesome.

Um viertel nach zwölf und damit 15 Minuten zu früh schlenderte ich zu der Location, um 12:17 war ich da und es trugen sich schon Leute in die Meeting-Listen ein. Sowas kann ich ja gut haben, erst groß ankündigen, dass man um Punkt X Uhr anfangen wird und dann geht es doch schon eher los und wer halt zufällig schon da ist, hat nen Vorteil. Grr. Aber wenn andere schon rennen, bin ich ja auch nicht diejenige, die aus lauter Pflichtgefühl stehen bleibt und auf den Startschuss wartet, also sicherte ich mir in Windeseile bei 10 der 11 anwesenden Firmen Timeslots. Natürlich hatte ich die vorher alle im Internet aufgesucht und allerlei grausige „We are are a freshly founded Gründer-company Startup based within life-science based“ Websites gefunden. Aber egal. Ich bin verzweifelt based desperation based in life-science based people with passion. Nur in lockerer und entspannter Verkleidung. Zuerst gab es dann aber eh erstmal Begrüßung und einen Vortrag einer HR-Consultancy „Put your relationship status and hobbies on the CV! Make it personal!“******, bevor sich die Firmen in 2-Minuten-Pitches vorstellten. Da machte ich fleißig Notizen, natürlich, professionell und so.

Leider kam dann für mich der schlimmste Vorschlag des Tages: wir könnten doch beim Lunch schon mal mit den Firmen minglen. Wäh. Ernsthaft, was ist das einzig schlimmere als professionelles Sich-Anbiedern als Marathon? Genau. Sich anbiedern, während einem selbst und dem Gegenüber Salat zwischen den Zähnen hängt und man dem Gegenüber beim Reden versehentlich Käsebrötchenbröckchen ins Gesicht sprüht. Deshalb hab ich dann auch alleine gegessen. Pfft. Nachher nochmal Klo, Make-up-check, den einen Fersenschoner wieder ankleben und los gings.

Tja, also das war. Die erste Firma hab ich mir nur angeschaut, weil die eine Gründerin die eine Professorin ist, die ich dauernd überall treffe, unter anderem in den USA (was ich, das habe ich grade nachgelesen, nie hier geschrieben hab. Also ich hab die getroffen, H., in den USA, auf zwei Verteidigungen, auf beiden Meetings der Norwegischen Biochemikergesellschaft, auf denen ich war und letztes Jahr auf dem Genome Dynamics Workshop auch.). Aber die kleinen Startups waren halt bis auf eins echt einfach ganz kleine Startups ohne Kohle, die, mehr oder weniger, nur viel heiße Luft und sehr viel Arbeit anzubieten haben. „Wenn du dir vorstellen kannst, ein Praktikum zu machen, wir brauchen echt immer gute Leute fürs Marketing!“ Oder auch schön, eine frisch gegründete Consultancy: „Wir können kein festes Gehalt anbieten, aber du könntest selbstständig sein und wir vermitteln dich dann!“. Eins klang sehr interessant, das einzige, das keine Webseite hat, davon werden Sie eventuell noch hören, denn dem schreibe ich morgen eine Mail und verabrede mich mit ihm in Lillehammer (er wohnt da, die Firma wäre in der Nähe von Oslo, neben einer Chipsfabrik und das ist tatsächlich Absicht so, aber das ist alles kompliziert) für ein ausführlicheres Gespräch. Auch mit einigen größeren Firmen bis Pharmariesen habe ich gesprochen. Tja, naja, zwei von den Gesprächen waren nett bis richtig gut, einer war überaus angetan von meiner Industrieerfahrung in Kombination mit „Ich will das aber nicht mehr machen, ich will Büros und Meetingräume, nicht mehr ins Labor“ und bei dem soll ich mich melden, falls er sich nicht in zwei bis drei Wochen zurückgemeldet hat; der andere war auch total positiv, verwies mich praktisch aber nur auf die Karriere-Homepage („In Schweden ist in den Bereichen grad ganz viel offen!“) und als ich später da guckte, waren das so drei Stellen, davon zwei Senior irgendwas. Die meisten nur so „Da müssen Sie immer mal wieder auf der Homepage gucken, viel Glück!“ und einer meinte, ich soll erstmal Consultant werden******* und dann hätten große Firmen auch bestimmt mehr Interesse an mir********.

Trotzdem habe ich jeder*m, ausnahmslos, meiner Gesprächspartner*Innen meinen verdammten CV in die Hand gedrückt. Mit dem Opener „Und hier ist mein garantiert Hobbyfreier CV.“ Pfft.

Oh, ach so, zwischendurch kam noch eine email, in der mir das NAV meine beantragte Unterstützung für dieses Event (die Reisekosten) und einen Kurs in Projektmanagement, den ich gern machen würde, ablehnte. Stattdessen boten sie wieder einen Kurs in „Wo finde ich Stellenanzeigen“ und „Bewerbungen schreiben“ und „Jobbinterviews – wie verhalte ich mich“ an. Vier Wochen in Vollzeit*********. Vom Flughafen aus habe ich der Sachbearbeiterin geschrieben, dass ich sie gerne mal persönlich mit der Faust ins Gesicht treffen würde, weil ich das Gefühl habe, dass wir aneinander vorbei reden.

Meine Füße waren zwar schon tot, aber es gab noch Pizza und ich hatte noch Zeit, also aß ich Pizza und schaute mir sogar noch nett lächelnd das ShareLab an. Jaja, so bin ich nämlich, unkaputtbar und stets freundlich und offen für spontane Gespräche (nur nicht mit Essen im Mund) und überhaupt ganz toll.

Auf dem Weg zur Bahn merkte ich, dass neben meine Füßen auch mein Hals und mein Sozialakku wund sind. Alles irgendwie kein Wunder nach so nem Tag.

Irgendwie habe ich mich wohl in die Bahn und dann in den Regionalzug und zum Flughafen geschleppt. Bei der Sicherheitskontrolle piepten wieder meine Schuhe und ich musste sie ausziehen und ich zweifelte zwar sehr dran, ob ich die danach wieder anbekommen würde, aber es ging dann doch. Aber, Hölle, was für Schmerzen. Mein Flieger ging natürlich am hintersten Gate, da saß ich dann bloggend, bloggte im Flugzeug weiter und jetzt sitze ich im Flugbus und bin fast fertig. Die Schuhe muss ich möglicherweise rituell verbrennen. Morgen stehen Emails an und die Bewerbung vom Morgenflug muss ich ja auch noch schreiben. Yeah.

___

Auto-Lobhudelei: jeeeez, ich bin so professionell, ich kann’s selbst kaum glauben. „Was hab ich gemacht, was kann ich anbieten, was will ich“ in vier Minuten? Kein Ding.

___

*Da hab ich mich hier beworben.

**Ich besitze nur zwei Handtaschen und fühle mich damit auch seltsam. Aber meine Jutebeutel wähle ich mit Bedacht aus. Heute: Informatik-Konferenz.

***Da hab ich dann den ganzen Tag über gar nicht reingeschaut.

****Ich war ja auch erst zweimal da, da kann man sich da schonmal vertun, dochdoch.

*****Keine Sorge, ich hasse das immernoch wie Fußpilz, aber man braucht es halt.

******Hahahahahahahahahahahhahahahahahahahahahahaganzsichernicht.

*******Ich versuche ja sogar das, aber eben mit wenig Erfolg, sonst wäre ich ja nicht da, ne?

********Übersetzt: „Nee, Ausbilden, Einarbeiten, das machen wir nicht. Wir nehmen Sie dann eventuell als fertiges Produkt.“ Äh ja. Du mich auch.

*********Was für ein Schlag in die Fresse, wenn man es sich genau überlegt. Ich, eh schon top qualifiziert, möchte mich weiterbilden und die so: ich glaube, deine Bewerbungen sind scheiße. Und auch diese Person kann mich damit dann mal.

Tag 1027 – Geh weg!

Geh weg, Loch, ich kann dich nicht brauchen. Morgen Abend um acht kann ich heulend im Flugzeug sitzen, davor nicht. Heute heulen ist nicht, dann sehe ich morgen schlimm aus und morgen heulen ist erst recht nicht, denn ich muss mich doch Firmen anbiedern, äh, ich meine natürlich, einen unverzweifelten und professionellen Eindruck machen. Was natürlich ganz einfach ist, ich gebe ja nicht auf*, auch nicht, wenn mir noch so viele Traumjobs absagen, nachdem sie einen Monat gebraucht haben, den Höllentest auszuwerten, oder auch 12 Zeit-/ 2 Arbeitsstunden nach Eingang meiner wegen komischem Portal unvollständigen Bewerbungsunterlagen „nach sorgfältiger und eingehender Prüfung“, neinein, das meistere ich alles wie ein Pro. Also ohne heulen und ohne was kleinschlagen. Und ich nehme das ja auch nicht persönlich, Quatsch, wieso denn? Ich bin ja erst bei… 37 Absagen, plus 9 die nie abgesagt haben, aber ewig zurückliegen, wie soll das mit mir zu tun haben? Und wieso sollte mich das also runterziehen, so what, knappe 50 mal „Hahaha, nein!“, das ist ja noch nix und hat auch nix mit mir zu tun, bestimmt nicht. Bestimmt werde ich auch nicht langsam komplett uninteressant für Firmen, jede ist doch mal ein paar Monate arbeitslos, das ist doch heutzutage kein Makel mehr, so eine Lücke im Lebenslauf. Ich bin auch nicht verzweifelt und würde – Zitat Bridget Jones – einen Job als Saddam Husseins** Arschabwischer annehmen, auf gar keinen Fall. Selbstbewusst bin ich, und professionell, ich kann ja was***, ich bin mir meines Wertes bewusst, klaro! Von so einer Absage lasse ich mich doch nicht einschüchtern! Ha! Ich doch nicht! Ein Spaziergang das alles! Krönchen richten war gestern, ich kicke das unpraktische Ding unter den Busch und gehe lächelnd morgen da hin und freue mich drauf, dass ich dann abends im Flugzeug endlich, endlich heulen darf.

___

Auto-Lobhudelei: Arzttermin gemeistert wie so ne Erwachsene.

___

*morgen dann vielleicht

**heute vielleicht eher Donald Trumps oder Kim Jong Uns

***was nochmal?

Tag 1026 – Juba Juba Festival 2018.

Nach einem sehr warmen und einem langsam immer kälteren bis wirklich frischen Tag (und bevor der ganze Kram jetzt gleich wieder abgebaut werden muss), hier das Resümee zum Juba Juba Kinder-Festival 2018: toll war’s. Und das sag ich nicht nur meiner Freundin zuliebe. Es gab wie immer jede Menge ganz unterschiedliche Aktivitäten für Kinder, Kunst, Handwerkliches, Wissens-Dinge… von allem was dabei. Manches war eher so mittelmäßig durchdacht, aber dann am zweiten Tag geändert, zum Beispiel gab es dann heute eine zweite Kinderschminkstation, nachdem man da gestern eine

___

Schwups, da hieß es „könnt Ihr zwei *jetzt* mitkommen?“ (Ja klar, dafür bin ich ja gekommen, ne?) und dann haben wir die Bühne abgebaut. Faszinierend und schweißtreibend und ich habe neue Sachen gelernt und so ein bisschen geil ist Arbeit, deren Ergebnis man buchstäblich sofort sieht, ja schon. Aber egal, wo war ich? Ach ja.

___

Also jedenfalls war da gestern eine gefühlt kilometerlange Schlange beim Kinderschminken und heute dann eine weitere Station. Es gab ein ganz tolles Zelt für die Kleinsten, einen Bücherbus mit Literaturbühne dran, zwei Bühnen und die Turnhalle mit eher Theater-Bühnen und halt ganz viel Zeug zum machen, von dem wir auch in zwei Tagen nur einen kleinen Teil geschafft haben. Die Stimmung war überall entspannt, die meisten freundlich (Herr Rabe hat heute einem Mädchen den Todesblick verpasst, das Pippi unabsichtlich geschubst hat, sodass Pippis Lolli in den Dreck fiel und die aber, nachdem Pippi entrüstet zu brüllen anfing, nur doof glotzte und keine Anstalten machte, sich zu entschuldigen. Den Blick habe ich bei Herrn Rabe selbst noch nie gesehen, der lässt kochendes Wasser gefrieren. Aber alle anderen sonst waren schon wirklich entspannt!) und manche haben sich noch nicht mal vorgedrängelt, wenn man irgendwo in einer unförmigen Schlange anstehen musste. Wie das eben so ist, mit ganz vielen Kindern und Familien auf einem Haufen.

Wie gesagt, wir haben nicht alles geschafft, aber wir haben

  • Boote gebaut
  • Buttons gemacht
  • Jonglierbälle gemacht
  • Einen Skifahrenden Roboter gebastelt
  • Ballontutafone (it’s a thing! Und es klingt wie so ne Enten-Locktröte.) gebaut
  • Noch viel mehr Buttons gemacht
  • Origami gebastelt (da hat Michel vieeeeel mehr Talent für als ich. Und entspannt hat es mich auch nicht, im Gegensatz zu „Schlepp mal diese drülfzigtausend Metallstangen da hin und leg sie alle auf den Ständer da.“)
  • Und Michel hat eine Miesmuschel probiert, dafür einen Muschelorden bekommen und ganz viele (tote) Speisefische haben wir uns auch angeguckt

(Eins vorweg: was ich wirklich großartig finde, ist, dass alles auf allen Bühnen in Gebärdensprache gedolmetscht wird. Viele Daumen hoch dafür!)

Dann haben wir natürlich Musik gehört, super gut fand ich ja Hopalong Knut, Reggae und Ska für Kinder, und das Trondheimer Symphonieorchester mit Rasmus Rohde (norwegischer Kindermusiker), den Knabenchor des Doms haben wir uns dann lieber geschenkt (Knabenchor finde ich maximal gruselig, egal wie schön die singen, Gru-Se-Lig ist das in meinen Ohren) und die Physik-Show haben wir leider verpasst. Was ich aber (und die Kinder auch) noch viel besser fand, waren einerseits die Lesungen von Jørn Lier Horst, der sehr schön und Kindergerecht echte Fälle aus seiner Zeit als Polizeikommissar erzählt hat und wie er die in seiner Kinderkrimireihe verwurstet hat, mit ganz viel Raten von den Kindern (manch Achtjährige hat echt schon morbide Phantasien, in denen in einer Truhe unbekannten Inhalts auf dem Dachboden eines gefassten Bankräubers zerstückelten Leichen liegen. Würde ich dann aber doch eher in den Erwachsenenbüchern von Horst vermuten.) und ganz schön-gruseligen Geschichten (fand Michel auch. Der steht ja auch total auf die „Detektivbüro Nummer 2“-Bücher) ohne Mord und Totschlag, selbst wenn ein echtes Skelett darin vorkam. Mit Fotos! Von einem echten Skelett! Auf einer Lesung für Kinder! Kriegt manche vielleicht Schnappatmung von, die Kinder fanden das alle toll. Die zweite „Lesung“, die ganz ganz toll war, war von Ståle Gerhardsen. Der ist Künstler, Maler, Illustrator, Dings… und hat ganz mitreißend erzählt und die Kinder entertaint und die Erwachsenen gleich mit. Sein neueres Buch heißt „Hva som helst“ [irgendwas/alles mögliche] und handelt von Thea, die rausfinden möchte, was alles in einen Bleistift passt. Nachdem Aufsägen nicht besonders aufschlussreich war, malt sie also alles mögliche, großen Quatsch meist, und in den Bleistift passt das alles rein, sogar ein Pottwal auf einem Mond. Am Ende zeichnete er dann auch noch auf seinem iPad auf Kinderzuruf die quatschigen Kinderideen und Michel war kaum zu bremsen vor lauter Ideen, hat aber sich immer ganz brav gemeldet, mit „Æ! Æ!“ zwar, aber, eben, bis auf einmal. Da hatte Ståke grad eine Brille gemalt und gefragt, wer denn die Brille aufhat („wer benutzt Brillen?“), da rief Michel einfach ganz selbstverständlich „Meine Mama!“ und so kam es, dass ich mit einem „Mø!“-sagenden Vikinger in einem Drachenboot saß, über dem ein Elefantenbusflugzeug, das von einer Riesenameise mit Zylinder gesteuert wurde… aber das geht alles zu weit. Jedenfalls haben wir das Buch dann gekauft. Mit Widmung. Michel ist hin und weg.

Wovon Michel auch hin und weg war, und ich ehrlich gesagt auch, (und Pippi auch, die hat die eine Show sogar zweimal angeguckt, weil sie die so toll fand) waren die Shows und Aktionen vom Flying Seagull Projekt. Das ist eine Organisation von Artist*Innen und Clowns, die mit solchen Aktionen wie dem Juba Juba Festival finanzieren, was sie sonst tun, nämlich: herumreisen und Quatsch machen für Kinder, die flüchten mussten. Sie gehen in die Auffanglager und machen mit einfachen Mitteln halt Blödsinn für die Kinder und bringen sie zum Lachen, in einer Situation, in der normalerweise nicht viel zu Lachen ist. Sie spielen auch in Slums, Krankenhäusern und überall da, wo Kinder nicht viel zu Lachen haben. Ich finde das großartig und werde deshalb auch (sobald neues Geld vom NAV da ist) etwas für das Projekt spenden. Dass das mit dem Lachen definitiv klappt, davon konnten wir uns dieses Wochenende sehr ausführlich überzeugen, Michel und Pippi und eigentlich alle Kinder haben sich ausgeschüttet vor Lachen über die wirklich quatschigen und redundanten und komplett albernen Witze der Truppe. Wohlgemerkt, eigentlich ohne Sprache. „Uhlala!“ kann Pippi jetzt jedenfalls auch sagen. Und – für mich – unvergessen: der Witz des Truppenchefs, als sich eine andere Clownin anschickte, mit „Säbeln“ zu jonglieren, natürlich nachdem vorher immer alles schief gegangen war und sie auch gar nicht jonglieren kann, jedenfalls sagte der Chef, gewichtig und mit erhobenem Zeigefinger: „HMS“ [Helse, Miljø, Sikkerhet, also Safety, Environment, Health] und setzte sich einen Bauhelm auf. „Farlig!“ [Gefährlich]. Und dann konnte die wilde Messerjongliererei losgehen, Michel hat sich fast ein paar Nägel abgekaut vor Spannung. Hachja.

So, und jetzt noch Bilder.

was ich so bastle…und was Michel in der selben Zeit (mit Hilfe, aber nicht viel!) bastelt. Tjanun.

Abgebaut! Hurra! (Und Schleichwerbung. Wenn Sie mal zufällig in Trondheim und Umgebung ne mobile Bühne brauchen, melden Sie sich doch!)

Tag 1025* – Politikerschwund in Norwegen.

Hach, jetzt sollte hier die geradezu herzerweichende Geschichte stehen, wie Michel heute beim Frühstück in einem Gespräch, dass sich aus seiner Frage „Können zwei Jungen ein Baby zusammen machen?“ entsponnen hatte, vorschlug, wir sollten doch unsere norwegischen Politiker nach Deutschland schicken, damit die da mal sagen, dass das ganz ungerecht ist, wenn gleichgeschlechtliche Paare nicht so einfach Kinder adoptieren dürfen. Aber dann habe ich beim googeln festgestellt, dass das seit der „Ehe für alle“ gar nicht mehr so ist**, und das ist zwar für meine Geschichte jetzt blöd, aber ja aus dem besten denkbaren Grund.

Ansonsten waren wir heute auf dem Festival und es war sehr aufgebaut und wegen absolutem Bombenwetter einfach großartig, da kann man auch mal Sonnencremeflecken auf dem T-Shirt verzeihen. Bilder morgen, gesammelt vom Wochenende.

Auch ansonsten: in der Not frisst der Teufel fliegen und Frau Rabe bekämpft Migräne aus Mangel an Alternativen*** mit Paracetamol und… Magnesium. Das war ein „toller“ Tipp von der Apothekerin in Kroatien gewesen, wo Triptane auch alle rezeptpflichtig sind****. Nun. Es hat funktioniert. Allerdings mussten dafür 2000 mg Paracetamol her (1000 gestern abend und dann noch mal 1000 heute früh um fünf, als ich von Kopfschmerzen geweckt wurde, wenn das passiert, ist es normalerweise Alarmstufe rot) und 800 mg Magnesium. Und von so viel Magnesium auf einen Schlag kriegt man dann auch Durchfall. Aber besser das, als Migräne. Oder Legevakt. Aber ehrlich, wenn Sie Migräne haben: sprechen Sie mit der Ärztin Ihres Vertrauens, finden Sie möglichst ein Triptan, das Ihnen hilft, finden Sie möglichst einen Weg, Anfälle zu verringern, sei es durch Vermeidung bestimmter Trigger oder durch Medikamente, aber glauben Sie nicht der Frau aus dem Internet, die in ihrer Verzweiflung einmal Magnesium probierte und bei der es (vielleicht auch nur wegen der Verzweiflung) half.

___

Auto-Lobhudelei*****: Heute die meiste Zeit recht gut mit den Kindern gewesen, obwohl Michel ziemlich am Flippen war, vermutlich wegen des Festivals. Ungeduldig, nah am Wasser gebaut, sofort auf der Palme und auf 180 und „nienienie werde ich [akuten Aufreger einfügen]“. So wie ich sonst. Gemessen daran eigentlich Supermutti gewesen. Und gesunde Snacks dabei gehabt (und den Kindern trotzdem Zuckerwatte gekauft).

___

*Na super, Tag 1024 einfach übergangen. Sorry, 2^10-Tag.

**auf dem Papier jedenfalls, praktisch sieht es wohl anders aus.

***kurz vor Kroatien bestürzt festgestellt, dass nur noch 1 Tablette des OTC in Deutschland gekauften Triptans da ist und die quasi aus Schock direkt zwei Tage später nehmen gemusst. Dann gedacht, ach, ich bin ja in Kroatien, da sind Triptane bestimmt auch OTC. Nein, sind sie nicht****. Und die Ibuprofen-Lysinat-Tabletten sind auch irgendwie schon wieder alle. Die gibt’s hier ja auch nicht. Seufz.

****Ich finde das eigentlich nicht schlimm, in Deutschland war es ja auch bis vor ~10 Jahren so, nur im Akutfall ist es halt blöd, wenn man sich statt zur Apotheke dann zur (Notfall-, wenn Wochenende oder spät) Praxis schleppen muss, da ewig wartet und die Migräne in der Zeit völlig eskaliert. Aber Montag habe ich einen Arzttermin, ich hab schon ne Liste an Dingen, die ich ihm vortragen werde.

*****hab ich ja auch schleifen lassen, ne? Ich werd mich bemühen, das wieder einzuführen.

Tag 1024 – Ich habe einen Bauzaun getragen.

Die Mutter von Michels bestem Freund, die ja auch meine Freundin ist, die ist dieses Jahr die Produzentin des Juba Juba-Kinderfestivals. Als solche ist sie natürlich für alles mögliche verantwortlich und weil das noch nicht reicht, hat sie die letzten Wochen noch ihre komplette Bekanntschaft* zur freiwilligen Mitarbeit zwangsverpflichtet. Aber weil wir ja grad auch einfach nicht sooo viel Geld haben, ich dafür viel Zeit und mir zu Hause auch gelinde gesagt die Decke auf den Kopf fällt, habe ich mich tatsächlich gerne da gemeldet. Man bekommt, egal wie viel man arbeitet, ein schmuckes** T-Shirt und den Festivalpass fürs ganze Wochenende, plus pro Schicht, die man arbeitet, 2 Tageskarten. Da Pippi ja noch nicht drei ist, zahlt die noch keinen Eintritt, weshalb ich mich für 2 Schichten gemeldet habe. Damit können wir alle vier beide Tage aufs Festival gehen und sparen ~1500 Kronen. Yeah!

Man konnte die Arbeit, die man machen will, priorisieren. Drei Bereiche (von ca. 20) müsste man angeben und da war von Aufbau/Abbau bis Kinderschminken wirklich alles dabei. Weil ich ja je nach Tagesform zur Zeit eher so mittelmäßig sozialkompatibel bin, habe ich mich mit 1. Priorität für „Arena“, also Aufbau/Abbau eingetragen. Die zwei anderen waren Bändchen-Bude und „Sonnenschein-Truppe“, das sind die, die die anderen Freiwilligen mit Essen/Trinken/GUDE LAUUUNE! bei Laune halten (immerhin nix mit Kindern). Ich bekam Arena und sogar meine Wunschtage Donnerstag und Freitag, dann fiel mir aber ein, dass Donnerstag ja das Einschulungsdings-Dings sein würde und außerdem war ich auch mit den Tagen für das Karriere-Dings durcheinander gekommen, deshalb habe ich zähneknirschend den Donnerstag gegen Sonntag (17:00 bis 23:30! Buhuhuuu!) getauscht. Immerhin ist der Sonntag dann kürzer, sonst ist nämlich jede Schicht 8 Stunden lang.

Arena also. Ich kann ja nicht raus aus meiner Haut, also kaufte ich gestern die ungelogen einzigen Montage-Handschuhe, die mir passten:

(Größe 8, da gab es schon mehr in der Größe, aber die saßen alle nur so mittel oder waren total steig oder sonst komisch.)

Dann holte ich mein Aufbauband und das T-Shirt und ein Umhängeschild mit meinem Namen und fett „Arena“ drauf ab:

Und machte mich heute dann fett mit Sonnencreme eingeschmiert, in einer ollen Jeans, die mir mal vor Jahren passte und jetzt leider viel zu groß ist, meinem Sport-BH und dem Juba-Juba-Shirt überpünktlich auf den Weg. Um dann festzustellen, dass ich das Umhängeschild vergessen hatte. Ich flitzte also wieder zurück und dann in einem Affenzahn den Berg hoch. Für die Ortskundigen: Buran – Festningen in 9 Minuten. Zu Fuß. So war ich im Endeffekt dann nur drei Minuten zu spät da, was leider aber trotzdem bedeutete, dass ich es nicht mehr geschafft habe, ein „Vorher“-Selfie zu machen und (schlimmer) dass die Einteilerei schon passiert war und niemand mehr am Treffpunkt zu finden war. Wen ich aber fand war meine Freundin, die dann die Freiwilligen-Verantwortliche anfunkte, die mich dann traf und einem Typen namens „Blitz“*** zuteilte. (Außerdem war sie sehr amüsiert über meine Handschuhe, also darüber, dass ich mir selbst welche mitgebracht hatte, wie so ein Vorbereitungskontrolletti halt, aber das ist eine andere Geschichte.) Zum Bühnenaufbau. Okay. Bühnenaufbau it is! Erstmal musste ich aber meine mit Bedacht gewählten Schuhe gegen Sicherheitsschuhe tauschen.

Ich habe dezente Probleme mit geliehenen Schuhen.

Blitz vermittelte mich dann an einen anderen Typen, mit dem ich das Misch-Zelt vor der Hauptbühne aufbaute. Das ging noch alles, auch die Gewichte auf die Füße des Zeltes legen und dann mit Heringen festmachen, ich war ja für körperliche Arbeit gekommen, nicht wahr? Dann wurde ich mit Kabel legen betraut. Von der Bühne zum Misch-Zelt. Vor den Kabeln kamen allerdings die Kabelkanäle. Diese verstärkten Hartgummi-Dinger, die auf Dorffesten und Festivals weltweit dafür sorgen, dass Kabel nicht einfach so herumliegen und eventuell ein LKW drüber fährt. Diese Teile sind überraschend schwer. Nach dreien bekam ich Hilfe, eine Kollegin meiner Freundin, die eigentlich das Toddler-Zelt einrichten sollte, aber noch auf Zeug wartete, das sie dazu brauchte. Nennen wir sie Ida. Ida und ich legten also die Kabelkanäle und dann das Licht- und die Soundkabel da rein, dann halfen wir beim Aufstellen der Subwoofer und schlossen diese an, schleppten noch Zeug auf die Bühne und dann war es plötzlich auch schon Zeit für Lunch.

Mein Dafuq-Gesicht. In durchgeschwitzt.

Nach der Pause, in der ich einen Liter Wasser exte und drei Scheiben Brot aß, ging es auf der Bühne weiter. Ich schraubte irgendwelche Platten fest, schleppte die unfassbar schwere Bühnenleiter herum, half beim Boxen aufhängen und zog gefühlte drei Kilometer Ketten durch einen Flaschenzug, um die Boxen hochzuziehen. Schleppte nochmal ein paar Bühnenteile von A nach B und dann wurde ich entlassen. Stand kurz herum und wurde einem Typ namens „OK“*** zugeteilt. Der mich nach draußen schickte, einem Mädel beim Befestigen der Molton-Planen am Bauzaun helfen. Das war dann die Scheißarbeit des Tages, es hätte voll gut gehen können, wäre dieses Mädel besser organisiert gewesen und hätten wir vor allem ein scharfes Cuttermesser gehabt. Denn dann wäre das voll gut gegangen: eine schneidet mit dem scharfen Messer Löcher in die Planen (möglichst direkt so an fünf, sechs Stellen), eine friemelt die Kabelbinder durch und zieht sie fest, die erste klipst die Kabelbinderenden ab, nächster Abschnitt. So war es dann nicht, sondern eher so: sie prökelt mit dem Messer Löcher in die Plane, hält das Messer in der Hand und friemelt den Kabelbinder durch und schneidet dann mit dem eh schon stumpfen Messer den Kabelbinder ab. Während ich dumm rumstehe, mit der Kneifzange in der Hand. Oder abgeschnittene Kabelbinderenden aufsammele, die da von gestern noch liegen und die mich wegen „Vermüllung der Meere“ wirklich wütend machen. Nun ja. Wegen ihrer Verweigerung gegen meinen Vorschlag, doch einfach ein besseres Messer zu holen, dauerte das alles ziemlich lange. Tjanun. Ich hatte danach grad noch Zeit, meine Freikarten abzuholen, bevor die Bude für heute schloss. Fand OK, berichtete ihm von unserer Accomplisheden Mission und fragte, was es noch so zu tun gäbe. Ach, in 25 Minuten gibt es ja eh Abendessen, meinte er, ich solle einfach relaxen. Ja, nee. Also echt mal: 25 Minuten Däumchen drehen und auf Pause warten? Crazy German cannot do that. Ich wanderte also ein bisschen herum und fand ein paar ordentlich schwitzende Damen, die Bierzeltgarnituren aufstellten. Auf Nachfragen stellte sich heraus: das war die „Dekor“-Truppe, die ein bisschen überrascht und überfordert davon war, dass man Tische, auf die man hübsche Blümchen stellen will, erst aufstellen muss. Und dass so Biertische halt auch schwer sind. Ich packte also da mit an und erntete sehr viel Dankbarkeit. Um Punkt vier mussten die aber zu Abend essen, also tat ich das einfach auch.

Schwitzig, aber mit Nudeln im Bauch.

Nach dem Essen war ich wieder ohne feste Truppe. Und wurde von einem Mädel abgeschleppt, das für die Turnhalle zuständig war. Sie hatte auch Ida und zwei junge Mädels aus der Dekor-Truppe zugeteilt bekommen. Als erstes fragte ich, ob ich dafür Sicherheitsschuhe bräuchte, weil meine Zehen langsam von schmerzend zu taub übergingen. Brauchte ich nicht, Hurra. In der Turnhalle sollten zwei Bühnen sein. Und beim Reinkommen ging mir auf, weshalb die Turnhallen-Verantwortliche so ein ganz kleines bisschen gestresst gewirkt hatte: da war noch gar nichts passiert. Sah halt aus wie ne Turnhalle mit reichlich Zeug in diesen großen Rollboxen drin. Schon bei „wir müssen diesen Mattenhaufen da drüben hinbringen“ wurde klar, dass die zwei jungen Dekomädels nicht so ganz in Idas und meiner Muskelliga spielten, denn die Matten (diese normalen blauen Turnmatten) konnten sie nur zu zweit tragen. Und als der Haufen überkniehoch wurde, kriegten sie die Matten selbst zu zweit kaum noch obendrauf gewuchtet. Ok, das konnte ja was werden. Die nächste Aufgabe war: die Wände verhängen. Auf einer Seite des Raums sollten Stoffbahnen mit einem Tacker an die Wand gebracht werden (in ca. 2,50 m Höhe), auf der anderen in der selben Höhe mit so riesigen Wäscheklammern an der Sprissenwand befestigt werden. Ich und Ida waren ein Team und hatten ratzfatz 5 Stoffbahnen an die Wand getackert. Ausrollen, Hoch auf die Leiter, Tack, tack, tack, Leiter verschieben, tack, tack, tack. Die ohne Tacker hielt die Plane hoch, damit die oben nicht zu viel Gewicht hochziehen muss. In der Zeit, in der wir die 5 Bahnen angebracht haben, schafften die Deko-Mädels Eine. Eine mickrige Plane. Kannste dir nicht ausdenken. Die waren nicht stark genug, diese überdimensionierten Wäscheklammern aufzudrücken. Und stellten sich auch ansonsten einfach unglaublich dämlich an. Naja. Wir waren ja auch mal 16, deshalb Übernahmen wir das weitere Aufhängen recht unemotional. Und auch den Fußboden für die eine Bühne verlegten wir schnell und ordentlich. Das Aufhängen dieser Stoffbahnen war übrigens ziemlich ätzend und ich hinterher komplett voll mit schwarzen Fusseln, also ein bisschen was hätten die Mädels ruhig auch machen können. Stattdessen schlugen sie Rad (war ja ne Turnhalle) und quietschten der Hyperventilation nahe auf, als ich mit einem geliehenen Klappmesser im Molton herumsäbelte, um die Lüftung freizulegen. „Oh Gott, leg das Messer weg!“ Hmmja.

Um halb sieben gab es nichts mehr zu Verhängen und auch sonst in der Turnhalle nichts zu tun****, also spazierte ich zum Freiwilligenzelt, trank einen halben Liter Fanta und ging dann wieder auf Wanderschaft, Arbeit suchen. OK hatte welche für mich: sechs Stücke Bauzaun waren irgendwie falsch gelandet und sollten jetzt zurück auf den Ständer.

Meine Fresse, sind Bauzäune schwer! Und unhandlich erst (ok, das war irgendwie offensichtlich). Und sind diese Ständer schwer zu verstehen. Für die 6 Teile und einen Weg von ca. 20 Metern brauchte ich gute 20 Minuten. Holte mir von OK ein „gut gemacht!“***** ab und schleppte mich danach mehr nach Hause, als dass ich ging.

Zu Hause. Komplett in Eimer. Aber irgendwie glücklich.

Jetzt sind meine Beine und Füße dick wie Baumstämme und ich freue mich schon voll auf Abbau. Öhömm. Nicht. Trotzdem war es schön, da mitzumachen, gebraucht zu werden und Ergebnisse zu sehen. Hachja.

___

*und die ist groß

**naja

***warum haben so Bühnenleute gerne mal beknackte Spitznamen?

****gefragt habe ich schon, und bekam ein „Eigentlich nicht, vielen Dank, toller Einsatz!“***** zurück

*****quasi der norwegische Ritterschlag